Von Wobbenbüll bis Hattstedt, wo der Deich nordwärts zu wieder seinen

Anfang nimmt, bis hinauf nach Hoyer tritt die Geest nicht wieder an die

Meeresküste heran. „In alter Zeit war hier ein sich stets veränderndes

und für uns unentwirrbares Labyrinth von Halligen, Meeresarmen und

Geestinseln. Hier finden sich auch die tief ins Land hineingehenden

Auen, welche das Wasser der Geest in die unbedeichten und später auch

in die bedeichten Niederungen gesandt haben, denn erst hart am Rande

der Ostseebuchten liegt die Wasserscheide.“ Eindeichungen, die sich

an die Geest anschlossen, oder auch solche, welche von den Inseln

selbst ausgegangen sind, schufen die jetzige Küstenlinie. Eine,

wenn auch nicht sehr starke Bevölkerung bewohnte schon vor dieser

Landfestigung die Niederungen auf künstlich aufgeworfenen Wurthen. Die

Nutzung der sich neu bildenden Landflächen fand aber von der Geest aus

statt, deren Rand hier stark besiedelt ist. Hier befinden sich das

stattliche Bredstedt mit dem nahebei belegenen Missionsort Breklum,

Bordelum, Bargum, Stedesand, Leck und noch andere Flecken und Dörfer

mehr. In der Marsch selbst treffen wir zuweilen auf einsam liegende

Geestinseln, auf denen sich dann ebenfalls stattliche Ansiedelungen

erheben. Lindholm, Riesum, Niebüll-Deezbüll mögen hier als Beispiele

dafür angeführt werden. Die Marschen und deren erste Eindeichungen sind

zweifelsohne schon sehr alt. Bereits im zwölften Jahrhundert beschreibt

Saxo Grammaticus die Friesische Marsch als einen von niedrigen Wällen

umgebenen gesegneten Boden, eine Bezeichnung, die sie heute noch in

vollem Maße verdient. Steht doch der alte Christian-Albrechts-Koog

bei Tondern im Rufe, das fruchtbarste Land im gesamten Marschgebiete

zu sein! Bei der Eindeichung der rückliegenden Ländereien ist aber

in früheren Zeiten bisweilen etwas zu rasch verfahren und unreifes

Marschland mitgenommen worden. Der Gotteskoogsee ist ein warnendes

Beispiel hierfür.

[Illustration: Abb. 62. ¯Großer Burstah in Hamburg.¯

(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]

[Sidenote: Die Horsbüllharde.]

Der vorspringende Teil unserer Küstenlinie, welcher etwas südlich

von Emmelsbüll beginnt und sich über Horsbüll und Klauxbüll bis etwas

nördlich von Rodenäs hinzieht und heute noch den Namen der Horsbüll-

oder Wiedingharde führt, war jahrhundertelang eine erst uneingedeichte,

später aber nur ungenügend eingedeichte feste Marschinsel, die von

der Geest zwischen Hoyer, Tondern u. s. f. durch niedrige Ländereien,

große Wasserflächen und Meeresarme getrennt gewesen ist. Ihre Bewohner

konnten die westlichen Grenzen des Eilands aber nicht gegen den Ansturm

des Meeres behaupten, und die Deiche mußten mehrfach zurückverlegt

werden, während viel Land verloren ging. So versanken die Kirchen

von Wippenbüll und Alt-Feddersbüll; ebenso wurde am 1. Dezember 1615

die Rickelsbüller Kirche im Norden der Harde, welche damals schon

mit ihrem Kirchdorf im Haffdeich lag, in den Meeresfluten begraben.

Die Särge sind dabei aus den Gräbern getrieben worden. Es hat in das

siebzehnte Jahrhundert hinein gedauert, bis die Horsbüllharde mit dem

schleswigschen Festlande verbunden war, nachdem mehrere Versuche immer

und immer wieder gescheitert waren.

[Illustration: Abb. 63. ¯Hopfenmarkt und Nikolaikirche in Hamburg.¯

(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]

[Sidenote: Die Marsch bei Tondern.]

Als weiteres Beispiel für die Verhältnisse dieser verwickelten

Marschlandschaft mag hier noch die merkwürdige, inselartig aus den

Marschalluvionen herausragende sandige, im Kerne moorige Fläche des

Risummoor, auch Kornkoog genannt, erwähnt werden, an deren Rändern

Deetzbüll und Lindholm belegen sind. Noch im Jahre 1624 war dies

abgesonderte Ländchen so sehr Insel, daß eine schwedische Flottille an

ihr landen konnte. ~Tempora mutantur!~ Heute ist Lindholm Station der

Marschbahnstrecke Husum-Tondern.

[Illustration: Abb. 64. ¯Lombardsbrücke in Hamburg.¯]

[Sidenote: Die Marschbahn.]

Es ist wirklich eine angenehme Sache, an einem schönen Sommertage auf

dieser Eisenbahnlinie, welche das nordwestliche Schleswig so recht dem

Verkehr erschlossen hat, dem Rücken der Geest entlang zu fahren. Da

liegen gegen Westen die grünen Marschen vor uns ausgebreitet, flach und

eben wie ein Teller und durchzogen von unzähligen Gräben und Sielen. Da

und dort ein einsames Gehöft oder ein kleines Stück Deich, der wie ein

Festungswall erscheint, am Horizont, sonst nichts als weites Grasland,

darauf unzählige Rinderherden weiden. Bisweilen scheucht die keuchende

Lokomotive auch ein paar Pferde auf, die sich hier gütlich thun

dürfen; beängstigt von dem so ungewohnten Lärm in der sonst so stillen

Landschaft galoppieren sie in wilder Hast davon. Phlegmatisch aber

steht Freund Adebar dabei und beschaut sich in philosophischer Ruhe den

dahinbrausenden Eisenbahnzug. Ihn stört das alles nicht; verächtlich

blickt er auf die erschrocken dahinspringenden Vierfüßer herab, die

noch nicht über die Grenzen ihrer Gemarkung gekommen sind, während er,

der Weltreisende, der Globetrotter unter der Tierwelt unserer Zonen,

doch schon so viel gesehen hat, und ebenso zu Hause ist in südlichen

Geländen, wo der Nil träge dahinflutet und die Pyramiden gen Himmel

ragen, als hier, in seiner Sommerheimat an den Gestaden des deutschen

Meeres. Und ihre Sommerheimat ist es wirklich, dieses Marschland, das

mit seinem Reichtum an Fröschen und anderem kleinen Getier den Störchen

geradezu die allergünstigsten Lebensbedingungen bietet. Im weiten

Umkreis ist fast kein Giebel zu schauen, der nicht wenigstens ein

Storchennest trüge, und Meister Langbein gehört mindestens so gut zum

vollen Landschaftsbild, wie sonst etwas darin: ja, er ist geradezu ein

eigentümliches Merkmal desselben.

[Illustration: Abb. 65. ¯Rathaus in Hamburg.¯

(Nach einer Photographie von Conrad Döring in Hamburg.)]

Dem Charakter des Landes und seiner Bevölkerung entsprechend, dem

sie als Verkehrsmittel dient, geht es in gewöhnlichen Zeiten auf der

Marschbahn nicht allzu lebhaft zu. Es wird eben alles, wenn auch

pünktlich und genau, so doch mit einer gewissen Ruhe und Behäbigkeit

besorgt. Eigentliche Schnellzüge befahren die Strecke im Winter nicht,

denn die Bahn soll ja in erster Linie den lokalen Verhältnissen

Rechnung tragen. Anders aber ist’s in den schönen Sommertagen, wenn in

den Monaten Juli, August und September die Badezüge durch das weite

grüne Feld dahinsausen und die erholungsbedürftige Menschheit aus der

heißen Stickluft der großen Städte des Binnenlandes hinausführen zu

dem stärkenden Odem der Nordsee. Dann ist die Physiognomie der Bahn

eine gänzlich veränderte. Dann zieht das schnaubende Dampfroß nur

vollbesetzte Wagen hinter sich her durch die saftigen Auen der Marsch,

und erstaunt ob des ungewohnten Anblicks schaut der kleine Hirtenjunge

da unten am Bahndamm dem mit Windesbraus an ihm vorbeirollenden und

seinem Gesichtskreise alsbald wieder entschwindenden funkensprühenden

Ungetüm nach, vielleicht zuweilen nicht ohne die leise Sehnsucht, es

doch auch einmal so zu können und zurückgelehnt in die schwellenden

Polster durch die Lande fliegen zu dürfen.

[Sidenote: Dagebüll.]

Und vollends gar, wenn die Zeit der Schulferien beginnt! In Niebüll

reißt der Schaffner die Wagenthüren auf. „Niebüll,“ schreit er,

„Wagenwechsel für die Reisenden nach Dagebüll und Wyk auf Föhr!“ Da

stürzt es heraus aus den vollgepfropften Abteilen, ein erster Schwarm

von Großen und Kleinen verläßt den Zug und stürmt die auf einem

Nebengeleise schon bereitstehenden Vehikel der kleinen Bahnlinie nach

Dagebüll. Von da geht’s auf das Schiff, das in einer kurzen Stunde das

Wattenmeer durchquert und seine Passagiere wohlbehalten und von der

bösen Seekrankheit unbehelligt im sicheren Hafen von Wyk landet.

[Sidenote: Hoyerschleuse.]

Von Niebüll nach Tondern ist es nur eine kurze Strecke. Hier verlassen

auch wir den Zug, der nach kurzem Aufenthalt weiterrast nach Hoyer und

zur Hoyerschleuse. Dort entleert er seine Wagen, deren Insassen die

Insel Sylt zum Reiseziel genommen haben und von hier aus zuweilen noch

tüchtig von den Wellen geschaukelt werden, bevor der Dampfer sie bei

Munkmarsch wieder auf festen Boden gesetzt hat. Der Geburtsort Johann

Georg Forchhammers und die Heimat des Propsten Balthasar Petersen ist

es aber wohl wert, daß wir ihr einige wenige Stunden der Betrachtung

schenken.

[Illustration: Abb. 66. ¯Partie aus dem Hamburger Ratskeller.¯

(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]

[Sidenote: Tondern.]

Tondern ist eine kleine freundliche und saubere Stadt von etwa 3800

Seelen, an der wasserreichen Widau auf einer äußerst geringfügigen

Bodenerhebung gelegen. Dieser ungünstige Bauplatz ist vermutlich

darum gewählt worden, um von der Schiffahrt Nutzen ziehen zu können,

denn die Nähe der Stadt zur See war ehedem eine viel größere, als in

der Gegenwart, und Tondern besaß zahlreiche Meeresfahrzeuge. Bis zum

Jahre 1554 konnten selbst größere Schiffe noch ungehindert an Tondern

herankommen, als aber von 1553 bis 1555 die sich von Hoyer bis Humptrup

erstreckenden und vor der Tonderner Geest gelegenen Niederungen

eingedeicht wurden, versperrte die von holländischen Baumeistern

erbaute neue Schleuse bedeutenderen Schiffen den Weg. Später konnten

selbst kleinere Fahrzeuge nicht mehr bis zur Stadt gelangen, als

nach und nach neue Anschlickungen stattfanden und immer mehr Deiche

entstanden. Seiner tiefen Lage wegen hat Tondern mehrfach unter den

Sturmfluten zu leiden gehabt. Im Jahre 1532 stand das Wasser drei Ellen

hoch in der Stadt, 1593 brach es abermals in die Häuser herein und that

großen Schaden, nicht minder ~anno~ 1615. Am stärksten aber ist Tondern

von der großen und denkwürdigen Oktoberflut 1634 heimgesucht worden.

Auch die Pest war in verflossenen Tagen ein mehrfacher unheimlicher

Gast in der Stadt. So besonders im sechzehnten und zu Beginn des

siebzehnten Jahrhunderts. Vielleicht, so meint Hahn, hängen diese

zahlreichen Pestepidemien mit der niedrigen Lage der Stadt zusammen.

[Illustration: Abb. 67. ¯Rathausbrunnen in Hamburg.¯

(Nach einer Photographie von Joh. Thiele in Hamburg.)]

In Tondern befindet sich eins der Lehrerseminare der Provinz

Schleswig-Holstein. Der schon erwähnte Propst Balthasar Petersen hat es

gegen Ende des verflossenen Säculums gegründet. Dann hat, wie ebenfalls

schon kurz angedeutet wurde, die Wiege eines großen Naturforschers

des Landes, des im Jahre 1863 zu Kopenhagen verstorbenen Geologen

Forchhammers hier gestanden. Er hat zu den bedeutendsten Männern seiner

Zeit gehört und hat bis zum heutigen Tage in seinem engeren Heimatlande

leider immer noch nicht die Anerkennung gefunden, die er eigentlich

verdiente.

Weder in landschaftlicher noch in künstlerischer Hinsicht besitzt

Tondern viel Bemerkenswertes, es sei denn eine sehr schöne, alte

Kirche, deren innere im Stil der Renaissance gehaltene Ausstattung alle

anderen des Landes in ihrem jetzigen Zustand an Pracht übertrifft,

sodann einige gotische Giebelhäuser, die zierlichen, in Hausteinarbeit

ausgeführten Barock- und Rokokoportale, welche sich an verschiedenen

Wohnhäusern finden, nicht zu vergessen. Es sind dies wahre Juwele in

ihrer Art.

In früheren Zeiten blühten in Tondern neben dem Handel besonders die

Weberei und das Spitzenklöppeln. Das letztere Gewerbe soll schon gegen

1639 von Dortmund aus eingeführt worden sein und gelangte sowohl für

die Stadt selbst, als auch für ihre Umgebung zu hoher Bedeutung. Im

Jahre 1780 waren an 1200 Frauen damit beschäftigt, und zu Anbeginn

dieses Jahrhunderts sind noch 13 Spitzenfabriken vorhanden gewesen.

Seit 1825 ist die Spitzenklöppelei sehr zurückgegangen, wird aber bis

in die Gegenwart noch, wenn auch in kleinerem Umfange betrieben. Die

Tonderner Spitzen sind bei der Frauenwelt des deutschen Nordens auch

jetzt noch ein sehr geschätzter Gegenstand.

[Illustration: Abb. 68. ¯Kriegerdenkmal in Hamburg.¯]

[Sidenote: Der Strand von Jerpstedt bis zur dänischen Grenze.]

Westlich von Tondern, an Mögeltondern und dem schon sehr alten,

früheren bischöflichen Schlosse Schackenburg vorbei, führt uns die

Bahn nach dem auf einem rings von Marschlanden umgebenen Geesthügel in

der Nähe des Meeres erbauten Hoyer und von da in wenigen Minuten zur

Hoyerschleuse, dem bereits genannten Hafenort für die Schiffahrt nach

der Insel Sylt. Zieht man von hier aus am Strande nordwärts, so gelangt

man über Emmerlef mit seinem hell ins Wattenmeer hinausschimmernden

Kliff, einem kleinen Steilufer, über Jerpstedt nach Ballum, dem

Ausgangspunkt für die Insel Röm. Über die Brede-Au hinüber führt der

Weg nach Bröns, woselbst man die von Tondern über Bredebro, Döstrup

und Scherrebek nach dem Norden führende Westbahn wieder erreicht. Dann

folgen noch Reisby, das keine selbständige Bahnstation hat, und hierauf

Hvidding. Hier ist dann die Nordgrenze des Reiches erreicht und wir

betreten dänisches Gebiet. Der ganze Meeresstrand von Jerpstedt ab bis

hinauf nach Jütland ist so flach, daß bei Hochfluten die Bahnlinie

sogar schon überschwemmt und das Wasser bis nach Döstrup und Scherrebek

hineingetrieben worden ist. Von diesen ebengenannten Ortschaften nimmt

eigentlich nur das letztgenannte Kirchdorf unser besonderes Interesse

in Anspruch, und zwar wegen der mannigfachen und segensreichen

Bestrebungen seines geistlichen Hirten, des Herrn Pastor Jacobsen.

Dieselben beruhen auf echt nationaler Basis und sind industrieller

und socialer Natur, darunter ein Bankinstitut, eine Webeschule, mit

ganz hervorragenden Leistungen, einen Arbeiterbauverein und andere die

Volkswohlfahrt in hohem Maße befördernde Einrichtungen mehr.

[Sidenote: Entwaldung.]

Im Mittelalter soll fast ganz Nordschleswig vom Walde bedeckt gewesen

sein, und von den Marschwiesen bei Farup nördlich von der jetzt

dänischen Stadt Ripen erstreckte sich der Sage nach der Farriswald,

über die ganze Halbinsel bis zum Kleinen Belt, acht Meilen lang und

anderthalb Meilen breit. Im Osten sind diese Wälder noch vorhanden und

ziehen sich bis Gramm, Rödding und Lintrup gegen Westen. Von hier ab

fehlen aber mit nur wenigen und kümmerlichen Ausnahmen die Holzungen,

weil man fortwährend Holz geschlagen, aber keine jungen Bäume zum

Nachwuchs gepflanzt hat. Auch durch Heidebrand entstandene Waldbrände

mögen Schuld daran tragen. Stellenweise legten die Bauern sogar selbst

Feuer an, wie beispielsweise bei Scherrebek, um eine Räuberbande

auszurotten, die sich im Holz verborgen hielt. Die Eiche war der

wichtigste Baum; auf sumpfigem Boden jedoch hatten sich besonders

die Erle und die Birke angesiedelt. In den Waldungen wimmelte es von

allerhand Wild; Hirsche, Rehe und Wildschweine lebten dort in großer

Zahl. Auch an Wölfen soll kein Mangel gewesen sein.

Das Land im Westen ist heutzutage nackt und kahl, bei so magerem

Boden, daß selbst das Heidekraut nur niedrig bleibt und das Getreide

erbärmlich steht. Aber an Wasserläufen und Bächen, wo Binsen und

Seerosen wachsen, wo dichtes mit Wachtelweizen untermengtes Gras grünt

und das Vergißmeinnicht und die goldgelbe Butterblume wachsen, da hat

es dennoch auch seine Reize.

[Sidenote: Lügumkloster.]

Schon im bewaldeten Teil des Mittelrückens Nordschleswigs, in

lieblicher, holzreicher Umgebung befindet sich der Flecken

Lügumkloster, von dem hier noch einige wenige Worte gesagt seien, bevor

wir von dieser Gegend Abschied nehmen wollen. Seinen Namen hat der Ort

von einem ehemaligen der heiligen Jungfrau gewidmeten Kloster, das um

1173 Cisterciensermönche gegründet haben. In verflossenen Jahrhunderten

erfreute es sich keines geringen Ruhmes in den cimbrischen Landen,

und bei mancherlei Anlässen ist das Wort seiner 23 Äbte gar gewichtig

in die Wagschale gefallen. Vier Bischöfe von Ripen, deren Hirtenstab

Lügumkloster vor Zeiten untergestellt gewesen ist, liegen in der

spätromanischen und im Übergangsstil aufgeführten schönen Klosterkirche

begraben. Nach der Marienkirche in Hadersleben wird sie für das

schönste Bauwerk Nordschleswigs gehalten. Der anmutige und freundliche

Flecken ist durch eine von Bredebro abgehende Zweiglinie mit der

Westbahn verbunden. Die vormals auch hier, wie in und bei Tondern

eifrig betriebene Spitzenklöppelei, die früher vielen Wohlstand in die

Gegend brachte, hat nunmehr fast ganz aufgehört.

[Illustration: Abb. 69. ¯Der Jungfernstieg in Hamburg.¯]

~VIII.~

Die nordfriesischen Inseln.

[Sidenote: Röm.]

Röm, die nördlichste der nordfriesischen Inseln, ist ungefähr zwei

deutsche Meilen lang und fünf Kilometer breit, von halbmondförmiger

Gestalt, und durch das Lister Tief von Sylt getrennt. Letzteres ist

eine der wenigen tiefen Wasserstraßen an der sonst so flachen deutschen

Nordseeküste, und die einzige für große Schiffe zugängliche Einfahrt an

diesem ganzen Areal. Die ungemein reißende Strömung verhindert auch im

strengsten Winter das Zufrieren des Lister Tiefs, das sich als Römer

Tief um die Südseite der Insel herum bis an deren Ostküste fortsetzt.

[Illustration: Abb. 70. ¯Hamburger Volkstrachten.¯]

Der größte Teil Röms ist von Dünen bedeckt, die am Westrande auch

Ketten bilden, im Inneren der Insel aber meist als Einzeldünen

auftreten und an vielen Stellen dicht bewachsen sind. „Am Ostrande

der Dünen, aber teilweise tief in dieselben hineingedrängt liegen die

dadurch vollkommen unregelmäßig verstreuten Häuser der Insulaner,

welche durch aufgeschüttete, mit Tang und Marschschlick gedeckte,

durch Dünenpflanzen gefestete, hohe Wälle sich und ihre kleinen

Gärten schirmend, vor dem Flugsande sich gewehrt und teilweise seiner

Verbreitung andere, als die natürlichen Formen gegeben haben“ (Meyn).

Dazwischen finden sich mit üppigen Früchten, so besonders mit Gerste

bestandene Ackerfelder.

Kirkeby im Süden belegen, ist das Kirchdorf der Insel, welche sonst

noch eine Anzahl von kleineren und größeren Gehöften als Juvre, Toftum,

Bolilmark u. s. f. im Nordosten, Kongsmark im Osten u. s. f. trägt.

Die Bewohner sind friesischer Abstammung, und deren männlichem Teil

wird große Erfahrung und Tüchtigkeit im Seemannsberufe nachgerühmt.

Ihre ursprüngliche friesische Sprache, die sich heutzutage nur noch in

einzelnen Ausdrücken und Worten verrät, hat dem landesüblichen Idiom

des Plattdänischen weichen müssen.

Mit dem Festlande steht Röm durch Schiffahrt über Ballum oder über

Scherrebek in Verbindung. Die letztere ist neueren Datums. Nach einer

Fahrt von etwa fünfzig Minuten landet man bei Kongsmark, und von

hier führt eine Dampfspurbahn die Passagiere in wenig Minuten nach

dem Westrande der Insel, in das Nordseebad Lakolk. Den Namen hat

dieses jüngste der deutschen Nordseebäder von dem jetzt in den Fluten

versunkenen Dorfe gleicher Benennung erhalten, das vor Zeiten westwärts

vom jetzigen Westrande des Eilands lag, und dessen Überreste bei

besonders tiefer Ebbe zuweilen noch sichtbar sein sollen (Abb. 13–15).

[Illustration: Abb. 71. ¯Denkmal für Matthias Claudius bei Wandsbek.¯]

[Sidenote: Sylt.]

Sylt, die nächstfolgende Insel, zwischen 55° 3´ und 54° 44´ nördlicher

Breite belegen, erstreckt sich in nordsüdlicher Richtung 35 Kilometer

weit, bei einer wechselnden Breitenausdehnung von 1–4 Kilometer.

Sylts Flächeninhalt beträgt 102 Quadratkilometer, 50 davon sind von

Dünen bedeckt, die im Norden, bei List, über 80 Meter Höhe erreichen

und sowohl am nördlichen, als auch am südlichen Teile der Insel ein

Hochgebirge im kleinen darstellen, das die verschiedenartigsten

Bildungen von Längs- und Querthälern aufweist und auch kleine

Binnengewässer enthält. Hinter den Dünen kommt das Heideland und auf

dem weit nach Osten zurückgestreckten mittleren Teile der Insel das

fruchtbare Marschland mit den Dörfern Keitum, Archsum und Morsum.

Nahe bei der äußersten Spitze dieses Vorsprungs gegen Norden liegt

das Morsumkliff, an dessen Steilabhang die Schichten des oberen

Miocängebirges in der Gestalt von Limonitsandsteinen, Glimmerthon

und Kaolinsand zu Tage treten. Das Kliff selbst steigt im Munkehoi

(Mönchshügel) bis zur Höhe von 23 Meter über den Spiegel der Nordsee

auf. Auch noch an anderen Stellen der Insel, so in der Nähe des Roten

Kliffs bei Wenningstedt, können diese tertiären Bildungen anstehend

beobachtet werden.

[Illustration: Abb. 72. ¯Vierländerin.¯

Studie von Friedrich Kallmorgen.]

Der mittlere Teil des Eilands trägt an der Westseite die beiden

Ortschaften Westerland und Wennigstedt. In diesen beiden konzentriert

sich auch das eigentliche Badeleben. Westerland, das 1900 das 43. Jahr

seines Bestehens als Nordseebad feiert und bisher von weit über 100000

Badegästen besucht worden ist, trägt im Höhepunkt der Saison durchaus

den Charakter eines Badeortes ersten Ranges. Große Gasthöfe, breite und

saubere Straßen, flankiert von schön gebauten Ziegelhäusern, in jeder

Beziehung gut ausgestattete Kaufläden und ein imposantes, in den Jahren

1896–1897 erbautes Kurhaus lassen uns ganz und gar vergessen, daß wir

uns auf einer einsamen Insel im Wattenmeer befinden. Am merkwürdigsten

ist das Leben am Strand, das auf den ersten Anblick völlig einem

bunten Jahrmarkttreiben gleicht. Am Abhang der Düne und teilweise

über diese selbst hin zieht sich die lange hölzerne Wandelbahn und

längs derselben haben die hauptsächlichsten Gasthöfe Westerlands zur

Bequemlichkeit ihrer Kurgäste besondere Strandhallen erbaut. Dort

erhebt sich auch der kleine Musiktempel für die Kurkapelle, deren Töne

sich freilich gegenüber der brausenden, wenn auch etwas monotonen

Symphonie, welche die Wellen der Nordsee hier aufspielen, zuweilen

recht ärmlich ausnehmen. Am Strand aber reiht sich Zelt an Zelt und

Burg an Burg. So nennt man die aus dem feinen weißen Ufersande von

den Badegästen aufgeführten Bauten, in ihrer primitivsten Einrichtung

einfach Umwallungen, die eine Vertiefung im Sande umschließen, in

welche Stühle, Bänke, Tische oder auch Zelte gestellt werden, und deren

jede einen kleineren oder größeren Flaggenmast oder auch nur eine

einfache Stange besitzt, von welchen herab die Fahne des Landes weht,

dessen Angehöriger der Burgbesitzer ist. Ein ungemein farbenreiches,

vom Lärmen und geschäftigen Treiben von Tausenden von Menschen, Großen

wie Kleinen belebtes Bild ist’s, das so entsteht, und zu dem die Wogen

ihr sich ewig gleichbleibendes Lied bald im gemächlichen Andante, bald

im Allegro furioso singen.

[Illustration: Abb. 73. ¯Bauernhäuser von Neuengamme.¯]

Wie an vielen anderen Stellen auf unserer Erde, so berühren sich auch

hier die Gegensätze. Gleich hinter dem Badestrande mit seinem frisch

pulsierenden Leben steht ein dunkles Mauerviereck. „Heimatstätte für

Heimatlose“ besagen die Worte an der Eingangspforte. Der stille und

friedliche Raum birgt eine große Anzahl von Gräbern; jedes derselben

trägt ein einfaches Kreuz, dessen Inschrift Auskunft gibt über den Tag,

da der hier Bestattete in die kühle Erde gebettet worden ist, und über

die Stelle, wo er gefunden wurde. Nur eine einzige Grabstätte nennt

auch noch den Namen des Toten, der unter dem Hügel schläft, von allen

den übrigen armen Schiffbrüchigen aber, welche das Meer an den Sylter

Strand geworfen hat, kennt man weder „Nam’ noch Art“. Vor 45 Jahren,

am 3. Oktober 1855 hat man hier den ersten Heimatlosen in die kühle

Erde gesenkt, und seither sind über 40 Strandleichen an dieser Stelle

geborgen worden. Wenn das so recht wehmutsvoll stimmende Fleckchen Land

heute in so gutem Stande gehalten und im vollen Sinne des Wortes eine

Heimatstätte für Heimatlose geworden ist, so gebührt das Verdienst

hierfür in allererster Linie einer deutschen Fürstin auf einem fremden

Throne, der rumänischen Königin Elisabeth. Im Sommer 1888 weilte sie

auf Sylt, hat den kleinen Friedhof oft besucht, seine Gräber mit Blumen

geschmückt und für denselben einen großen Granitblock gestiftet, in

welchen die folgenden, vom verstorbenen Hofprediger Kögel gedichteten

schönen Verse eingemeißelt stehen:

Wir sind ein Volk, vom Strom der Zeit

Gespült zum Erdeneiland,

Voll Unfall und voll Herzeleid,

Bis heim uns holt der Heiland.

Das Vaterhaus ist immer nah,

Wie wechselnd auch die Lose --

Es ist das Kreuz von Golgatha

„Heimat für Heimatlose“.

[Illustration: Abb. 74. ¯Vierländer.¯]

[Illustration: Abb. 75. ¯Einfahrt der Heuernte auf den Hof eines

Bauerngutes in Kurslak.¯]

Deutsche Nordseeküste: Friesische Inseln und Helgoland. · 第 6 / 17 段