Anfang nimmt, bis hinauf nach Hoyer tritt die Geest nicht wieder an die
Meeresküste heran. „In alter Zeit war hier ein sich stets veränderndes
und für uns unentwirrbares Labyrinth von Halligen, Meeresarmen und
Geestinseln. Hier finden sich auch die tief ins Land hineingehenden
Auen, welche das Wasser der Geest in die unbedeichten und später auch
in die bedeichten Niederungen gesandt haben, denn erst hart am Rande
der Ostseebuchten liegt die Wasserscheide.“ Eindeichungen, die sich
an die Geest anschlossen, oder auch solche, welche von den Inseln
selbst ausgegangen sind, schufen die jetzige Küstenlinie. Eine,
wenn auch nicht sehr starke Bevölkerung bewohnte schon vor dieser
Landfestigung die Niederungen auf künstlich aufgeworfenen Wurthen. Die
Nutzung der sich neu bildenden Landflächen fand aber von der Geest aus
statt, deren Rand hier stark besiedelt ist. Hier befinden sich das
stattliche Bredstedt mit dem nahebei belegenen Missionsort Breklum,
Bordelum, Bargum, Stedesand, Leck und noch andere Flecken und Dörfer
mehr. In der Marsch selbst treffen wir zuweilen auf einsam liegende
Geestinseln, auf denen sich dann ebenfalls stattliche Ansiedelungen
erheben. Lindholm, Riesum, Niebüll-Deezbüll mögen hier als Beispiele
dafür angeführt werden. Die Marschen und deren erste Eindeichungen sind
zweifelsohne schon sehr alt. Bereits im zwölften Jahrhundert beschreibt
Saxo Grammaticus die Friesische Marsch als einen von niedrigen Wällen
umgebenen gesegneten Boden, eine Bezeichnung, die sie heute noch in
vollem Maße verdient. Steht doch der alte Christian-Albrechts-Koog
bei Tondern im Rufe, das fruchtbarste Land im gesamten Marschgebiete
zu sein! Bei der Eindeichung der rückliegenden Ländereien ist aber
in früheren Zeiten bisweilen etwas zu rasch verfahren und unreifes
Marschland mitgenommen worden. Der Gotteskoogsee ist ein warnendes
Beispiel hierfür.
[Illustration: Abb. 62. ¯Großer Burstah in Hamburg.¯
(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
[Sidenote: Die Horsbüllharde.]
Der vorspringende Teil unserer Küstenlinie, welcher etwas südlich
von Emmelsbüll beginnt und sich über Horsbüll und Klauxbüll bis etwas
nördlich von Rodenäs hinzieht und heute noch den Namen der Horsbüll-
oder Wiedingharde führt, war jahrhundertelang eine erst uneingedeichte,
später aber nur ungenügend eingedeichte feste Marschinsel, die von
der Geest zwischen Hoyer, Tondern u. s. f. durch niedrige Ländereien,
große Wasserflächen und Meeresarme getrennt gewesen ist. Ihre Bewohner
konnten die westlichen Grenzen des Eilands aber nicht gegen den Ansturm
des Meeres behaupten, und die Deiche mußten mehrfach zurückverlegt
werden, während viel Land verloren ging. So versanken die Kirchen
von Wippenbüll und Alt-Feddersbüll; ebenso wurde am 1. Dezember 1615
die Rickelsbüller Kirche im Norden der Harde, welche damals schon
mit ihrem Kirchdorf im Haffdeich lag, in den Meeresfluten begraben.
Die Särge sind dabei aus den Gräbern getrieben worden. Es hat in das
siebzehnte Jahrhundert hinein gedauert, bis die Horsbüllharde mit dem
schleswigschen Festlande verbunden war, nachdem mehrere Versuche immer
und immer wieder gescheitert waren.
[Illustration: Abb. 63. ¯Hopfenmarkt und Nikolaikirche in Hamburg.¯
(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
[Sidenote: Die Marsch bei Tondern.]
Als weiteres Beispiel für die Verhältnisse dieser verwickelten
Marschlandschaft mag hier noch die merkwürdige, inselartig aus den
Marschalluvionen herausragende sandige, im Kerne moorige Fläche des
Risummoor, auch Kornkoog genannt, erwähnt werden, an deren Rändern
Deetzbüll und Lindholm belegen sind. Noch im Jahre 1624 war dies
abgesonderte Ländchen so sehr Insel, daß eine schwedische Flottille an
ihr landen konnte. ~Tempora mutantur!~ Heute ist Lindholm Station der
Marschbahnstrecke Husum-Tondern.
[Illustration: Abb. 64. ¯Lombardsbrücke in Hamburg.¯]
[Sidenote: Die Marschbahn.]
Es ist wirklich eine angenehme Sache, an einem schönen Sommertage auf
dieser Eisenbahnlinie, welche das nordwestliche Schleswig so recht dem
Verkehr erschlossen hat, dem Rücken der Geest entlang zu fahren. Da
liegen gegen Westen die grünen Marschen vor uns ausgebreitet, flach und
eben wie ein Teller und durchzogen von unzähligen Gräben und Sielen. Da
und dort ein einsames Gehöft oder ein kleines Stück Deich, der wie ein
Festungswall erscheint, am Horizont, sonst nichts als weites Grasland,
darauf unzählige Rinderherden weiden. Bisweilen scheucht die keuchende
Lokomotive auch ein paar Pferde auf, die sich hier gütlich thun
dürfen; beängstigt von dem so ungewohnten Lärm in der sonst so stillen
Landschaft galoppieren sie in wilder Hast davon. Phlegmatisch aber
steht Freund Adebar dabei und beschaut sich in philosophischer Ruhe den
dahinbrausenden Eisenbahnzug. Ihn stört das alles nicht; verächtlich
blickt er auf die erschrocken dahinspringenden Vierfüßer herab, die
noch nicht über die Grenzen ihrer Gemarkung gekommen sind, während er,
der Weltreisende, der Globetrotter unter der Tierwelt unserer Zonen,
doch schon so viel gesehen hat, und ebenso zu Hause ist in südlichen
Geländen, wo der Nil träge dahinflutet und die Pyramiden gen Himmel
ragen, als hier, in seiner Sommerheimat an den Gestaden des deutschen
Meeres. Und ihre Sommerheimat ist es wirklich, dieses Marschland, das
mit seinem Reichtum an Fröschen und anderem kleinen Getier den Störchen
geradezu die allergünstigsten Lebensbedingungen bietet. Im weiten
Umkreis ist fast kein Giebel zu schauen, der nicht wenigstens ein
Storchennest trüge, und Meister Langbein gehört mindestens so gut zum
vollen Landschaftsbild, wie sonst etwas darin: ja, er ist geradezu ein
eigentümliches Merkmal desselben.
[Illustration: Abb. 65. ¯Rathaus in Hamburg.¯
(Nach einer Photographie von Conrad Döring in Hamburg.)]
Dem Charakter des Landes und seiner Bevölkerung entsprechend, dem
sie als Verkehrsmittel dient, geht es in gewöhnlichen Zeiten auf der
Marschbahn nicht allzu lebhaft zu. Es wird eben alles, wenn auch
pünktlich und genau, so doch mit einer gewissen Ruhe und Behäbigkeit
besorgt. Eigentliche Schnellzüge befahren die Strecke im Winter nicht,
denn die Bahn soll ja in erster Linie den lokalen Verhältnissen
Rechnung tragen. Anders aber ist’s in den schönen Sommertagen, wenn in
den Monaten Juli, August und September die Badezüge durch das weite
grüne Feld dahinsausen und die erholungsbedürftige Menschheit aus der
heißen Stickluft der großen Städte des Binnenlandes hinausführen zu
dem stärkenden Odem der Nordsee. Dann ist die Physiognomie der Bahn
eine gänzlich veränderte. Dann zieht das schnaubende Dampfroß nur
vollbesetzte Wagen hinter sich her durch die saftigen Auen der Marsch,
und erstaunt ob des ungewohnten Anblicks schaut der kleine Hirtenjunge
da unten am Bahndamm dem mit Windesbraus an ihm vorbeirollenden und
seinem Gesichtskreise alsbald wieder entschwindenden funkensprühenden
Ungetüm nach, vielleicht zuweilen nicht ohne die leise Sehnsucht, es
doch auch einmal so zu können und zurückgelehnt in die schwellenden
Polster durch die Lande fliegen zu dürfen.
[Sidenote: Dagebüll.]
Und vollends gar, wenn die Zeit der Schulferien beginnt! In Niebüll
reißt der Schaffner die Wagenthüren auf. „Niebüll,“ schreit er,
„Wagenwechsel für die Reisenden nach Dagebüll und Wyk auf Föhr!“ Da
stürzt es heraus aus den vollgepfropften Abteilen, ein erster Schwarm
von Großen und Kleinen verläßt den Zug und stürmt die auf einem
Nebengeleise schon bereitstehenden Vehikel der kleinen Bahnlinie nach
Dagebüll. Von da geht’s auf das Schiff, das in einer kurzen Stunde das
Wattenmeer durchquert und seine Passagiere wohlbehalten und von der
bösen Seekrankheit unbehelligt im sicheren Hafen von Wyk landet.
[Sidenote: Hoyerschleuse.]
Von Niebüll nach Tondern ist es nur eine kurze Strecke. Hier verlassen
auch wir den Zug, der nach kurzem Aufenthalt weiterrast nach Hoyer und
zur Hoyerschleuse. Dort entleert er seine Wagen, deren Insassen die
Insel Sylt zum Reiseziel genommen haben und von hier aus zuweilen noch
tüchtig von den Wellen geschaukelt werden, bevor der Dampfer sie bei
Munkmarsch wieder auf festen Boden gesetzt hat. Der Geburtsort Johann
Georg Forchhammers und die Heimat des Propsten Balthasar Petersen ist
es aber wohl wert, daß wir ihr einige wenige Stunden der Betrachtung
schenken.
[Illustration: Abb. 66. ¯Partie aus dem Hamburger Ratskeller.¯
(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
[Sidenote: Tondern.]
Tondern ist eine kleine freundliche und saubere Stadt von etwa 3800
Seelen, an der wasserreichen Widau auf einer äußerst geringfügigen
Bodenerhebung gelegen. Dieser ungünstige Bauplatz ist vermutlich
darum gewählt worden, um von der Schiffahrt Nutzen ziehen zu können,
denn die Nähe der Stadt zur See war ehedem eine viel größere, als in
der Gegenwart, und Tondern besaß zahlreiche Meeresfahrzeuge. Bis zum
Jahre 1554 konnten selbst größere Schiffe noch ungehindert an Tondern
herankommen, als aber von 1553 bis 1555 die sich von Hoyer bis Humptrup
erstreckenden und vor der Tonderner Geest gelegenen Niederungen
eingedeicht wurden, versperrte die von holländischen Baumeistern
erbaute neue Schleuse bedeutenderen Schiffen den Weg. Später konnten
selbst kleinere Fahrzeuge nicht mehr bis zur Stadt gelangen, als
nach und nach neue Anschlickungen stattfanden und immer mehr Deiche
entstanden. Seiner tiefen Lage wegen hat Tondern mehrfach unter den
Sturmfluten zu leiden gehabt. Im Jahre 1532 stand das Wasser drei Ellen
hoch in der Stadt, 1593 brach es abermals in die Häuser herein und that
großen Schaden, nicht minder ~anno~ 1615. Am stärksten aber ist Tondern
von der großen und denkwürdigen Oktoberflut 1634 heimgesucht worden.
Auch die Pest war in verflossenen Tagen ein mehrfacher unheimlicher
Gast in der Stadt. So besonders im sechzehnten und zu Beginn des
siebzehnten Jahrhunderts. Vielleicht, so meint Hahn, hängen diese
zahlreichen Pestepidemien mit der niedrigen Lage der Stadt zusammen.
[Illustration: Abb. 67. ¯Rathausbrunnen in Hamburg.¯
(Nach einer Photographie von Joh. Thiele in Hamburg.)]
In Tondern befindet sich eins der Lehrerseminare der Provinz
Schleswig-Holstein. Der schon erwähnte Propst Balthasar Petersen hat es
gegen Ende des verflossenen Säculums gegründet. Dann hat, wie ebenfalls
schon kurz angedeutet wurde, die Wiege eines großen Naturforschers
des Landes, des im Jahre 1863 zu Kopenhagen verstorbenen Geologen
Forchhammers hier gestanden. Er hat zu den bedeutendsten Männern seiner
Zeit gehört und hat bis zum heutigen Tage in seinem engeren Heimatlande
leider immer noch nicht die Anerkennung gefunden, die er eigentlich
verdiente.
Weder in landschaftlicher noch in künstlerischer Hinsicht besitzt
Tondern viel Bemerkenswertes, es sei denn eine sehr schöne, alte
Kirche, deren innere im Stil der Renaissance gehaltene Ausstattung alle
anderen des Landes in ihrem jetzigen Zustand an Pracht übertrifft,
sodann einige gotische Giebelhäuser, die zierlichen, in Hausteinarbeit
ausgeführten Barock- und Rokokoportale, welche sich an verschiedenen
Wohnhäusern finden, nicht zu vergessen. Es sind dies wahre Juwele in
ihrer Art.
In früheren Zeiten blühten in Tondern neben dem Handel besonders die
Weberei und das Spitzenklöppeln. Das letztere Gewerbe soll schon gegen
1639 von Dortmund aus eingeführt worden sein und gelangte sowohl für
die Stadt selbst, als auch für ihre Umgebung zu hoher Bedeutung. Im
Jahre 1780 waren an 1200 Frauen damit beschäftigt, und zu Anbeginn
dieses Jahrhunderts sind noch 13 Spitzenfabriken vorhanden gewesen.
Seit 1825 ist die Spitzenklöppelei sehr zurückgegangen, wird aber bis
in die Gegenwart noch, wenn auch in kleinerem Umfange betrieben. Die
Tonderner Spitzen sind bei der Frauenwelt des deutschen Nordens auch
jetzt noch ein sehr geschätzter Gegenstand.
[Illustration: Abb. 68. ¯Kriegerdenkmal in Hamburg.¯]
[Sidenote: Der Strand von Jerpstedt bis zur dänischen Grenze.]
Westlich von Tondern, an Mögeltondern und dem schon sehr alten,
früheren bischöflichen Schlosse Schackenburg vorbei, führt uns die
Bahn nach dem auf einem rings von Marschlanden umgebenen Geesthügel in
der Nähe des Meeres erbauten Hoyer und von da in wenigen Minuten zur
Hoyerschleuse, dem bereits genannten Hafenort für die Schiffahrt nach
der Insel Sylt. Zieht man von hier aus am Strande nordwärts, so gelangt
man über Emmerlef mit seinem hell ins Wattenmeer hinausschimmernden
Kliff, einem kleinen Steilufer, über Jerpstedt nach Ballum, dem
Ausgangspunkt für die Insel Röm. Über die Brede-Au hinüber führt der
Weg nach Bröns, woselbst man die von Tondern über Bredebro, Döstrup
und Scherrebek nach dem Norden führende Westbahn wieder erreicht. Dann
folgen noch Reisby, das keine selbständige Bahnstation hat, und hierauf
Hvidding. Hier ist dann die Nordgrenze des Reiches erreicht und wir
betreten dänisches Gebiet. Der ganze Meeresstrand von Jerpstedt ab bis
hinauf nach Jütland ist so flach, daß bei Hochfluten die Bahnlinie
sogar schon überschwemmt und das Wasser bis nach Döstrup und Scherrebek
hineingetrieben worden ist. Von diesen ebengenannten Ortschaften nimmt
eigentlich nur das letztgenannte Kirchdorf unser besonderes Interesse
in Anspruch, und zwar wegen der mannigfachen und segensreichen
Bestrebungen seines geistlichen Hirten, des Herrn Pastor Jacobsen.
Dieselben beruhen auf echt nationaler Basis und sind industrieller
und socialer Natur, darunter ein Bankinstitut, eine Webeschule, mit
ganz hervorragenden Leistungen, einen Arbeiterbauverein und andere die
Volkswohlfahrt in hohem Maße befördernde Einrichtungen mehr.
[Sidenote: Entwaldung.]
Im Mittelalter soll fast ganz Nordschleswig vom Walde bedeckt gewesen
sein, und von den Marschwiesen bei Farup nördlich von der jetzt
dänischen Stadt Ripen erstreckte sich der Sage nach der Farriswald,
über die ganze Halbinsel bis zum Kleinen Belt, acht Meilen lang und
anderthalb Meilen breit. Im Osten sind diese Wälder noch vorhanden und
ziehen sich bis Gramm, Rödding und Lintrup gegen Westen. Von hier ab
fehlen aber mit nur wenigen und kümmerlichen Ausnahmen die Holzungen,
weil man fortwährend Holz geschlagen, aber keine jungen Bäume zum
Nachwuchs gepflanzt hat. Auch durch Heidebrand entstandene Waldbrände
mögen Schuld daran tragen. Stellenweise legten die Bauern sogar selbst
Feuer an, wie beispielsweise bei Scherrebek, um eine Räuberbande
auszurotten, die sich im Holz verborgen hielt. Die Eiche war der
wichtigste Baum; auf sumpfigem Boden jedoch hatten sich besonders
die Erle und die Birke angesiedelt. In den Waldungen wimmelte es von
allerhand Wild; Hirsche, Rehe und Wildschweine lebten dort in großer
Zahl. Auch an Wölfen soll kein Mangel gewesen sein.
Das Land im Westen ist heutzutage nackt und kahl, bei so magerem
Boden, daß selbst das Heidekraut nur niedrig bleibt und das Getreide
erbärmlich steht. Aber an Wasserläufen und Bächen, wo Binsen und
Seerosen wachsen, wo dichtes mit Wachtelweizen untermengtes Gras grünt
und das Vergißmeinnicht und die goldgelbe Butterblume wachsen, da hat
es dennoch auch seine Reize.
[Sidenote: Lügumkloster.]
Schon im bewaldeten Teil des Mittelrückens Nordschleswigs, in
lieblicher, holzreicher Umgebung befindet sich der Flecken
Lügumkloster, von dem hier noch einige wenige Worte gesagt seien, bevor
wir von dieser Gegend Abschied nehmen wollen. Seinen Namen hat der Ort
von einem ehemaligen der heiligen Jungfrau gewidmeten Kloster, das um
1173 Cisterciensermönche gegründet haben. In verflossenen Jahrhunderten
erfreute es sich keines geringen Ruhmes in den cimbrischen Landen,
und bei mancherlei Anlässen ist das Wort seiner 23 Äbte gar gewichtig
in die Wagschale gefallen. Vier Bischöfe von Ripen, deren Hirtenstab
Lügumkloster vor Zeiten untergestellt gewesen ist, liegen in der
spätromanischen und im Übergangsstil aufgeführten schönen Klosterkirche
begraben. Nach der Marienkirche in Hadersleben wird sie für das
schönste Bauwerk Nordschleswigs gehalten. Der anmutige und freundliche
Flecken ist durch eine von Bredebro abgehende Zweiglinie mit der
Westbahn verbunden. Die vormals auch hier, wie in und bei Tondern
eifrig betriebene Spitzenklöppelei, die früher vielen Wohlstand in die
Gegend brachte, hat nunmehr fast ganz aufgehört.
[Illustration: Abb. 69. ¯Der Jungfernstieg in Hamburg.¯]
~VIII.~
Die nordfriesischen Inseln.
[Sidenote: Röm.]
Röm, die nördlichste der nordfriesischen Inseln, ist ungefähr zwei
deutsche Meilen lang und fünf Kilometer breit, von halbmondförmiger
Gestalt, und durch das Lister Tief von Sylt getrennt. Letzteres ist
eine der wenigen tiefen Wasserstraßen an der sonst so flachen deutschen
Nordseeküste, und die einzige für große Schiffe zugängliche Einfahrt an
diesem ganzen Areal. Die ungemein reißende Strömung verhindert auch im
strengsten Winter das Zufrieren des Lister Tiefs, das sich als Römer
Tief um die Südseite der Insel herum bis an deren Ostküste fortsetzt.
[Illustration: Abb. 70. ¯Hamburger Volkstrachten.¯]
Der größte Teil Röms ist von Dünen bedeckt, die am Westrande auch
Ketten bilden, im Inneren der Insel aber meist als Einzeldünen
auftreten und an vielen Stellen dicht bewachsen sind. „Am Ostrande
der Dünen, aber teilweise tief in dieselben hineingedrängt liegen die
dadurch vollkommen unregelmäßig verstreuten Häuser der Insulaner,
welche durch aufgeschüttete, mit Tang und Marschschlick gedeckte,
durch Dünenpflanzen gefestete, hohe Wälle sich und ihre kleinen
Gärten schirmend, vor dem Flugsande sich gewehrt und teilweise seiner
Verbreitung andere, als die natürlichen Formen gegeben haben“ (Meyn).
Dazwischen finden sich mit üppigen Früchten, so besonders mit Gerste
bestandene Ackerfelder.
Kirkeby im Süden belegen, ist das Kirchdorf der Insel, welche sonst
noch eine Anzahl von kleineren und größeren Gehöften als Juvre, Toftum,
Bolilmark u. s. f. im Nordosten, Kongsmark im Osten u. s. f. trägt.
Die Bewohner sind friesischer Abstammung, und deren männlichem Teil
wird große Erfahrung und Tüchtigkeit im Seemannsberufe nachgerühmt.
Ihre ursprüngliche friesische Sprache, die sich heutzutage nur noch in
einzelnen Ausdrücken und Worten verrät, hat dem landesüblichen Idiom
des Plattdänischen weichen müssen.
Mit dem Festlande steht Röm durch Schiffahrt über Ballum oder über
Scherrebek in Verbindung. Die letztere ist neueren Datums. Nach einer
Fahrt von etwa fünfzig Minuten landet man bei Kongsmark, und von
hier führt eine Dampfspurbahn die Passagiere in wenig Minuten nach
dem Westrande der Insel, in das Nordseebad Lakolk. Den Namen hat
dieses jüngste der deutschen Nordseebäder von dem jetzt in den Fluten
versunkenen Dorfe gleicher Benennung erhalten, das vor Zeiten westwärts
vom jetzigen Westrande des Eilands lag, und dessen Überreste bei
besonders tiefer Ebbe zuweilen noch sichtbar sein sollen (Abb. 13–15).
[Illustration: Abb. 71. ¯Denkmal für Matthias Claudius bei Wandsbek.¯]
[Sidenote: Sylt.]
Sylt, die nächstfolgende Insel, zwischen 55° 3´ und 54° 44´ nördlicher
Breite belegen, erstreckt sich in nordsüdlicher Richtung 35 Kilometer
weit, bei einer wechselnden Breitenausdehnung von 1–4 Kilometer.
Sylts Flächeninhalt beträgt 102 Quadratkilometer, 50 davon sind von
Dünen bedeckt, die im Norden, bei List, über 80 Meter Höhe erreichen
und sowohl am nördlichen, als auch am südlichen Teile der Insel ein
Hochgebirge im kleinen darstellen, das die verschiedenartigsten
Bildungen von Längs- und Querthälern aufweist und auch kleine
Binnengewässer enthält. Hinter den Dünen kommt das Heideland und auf
dem weit nach Osten zurückgestreckten mittleren Teile der Insel das
fruchtbare Marschland mit den Dörfern Keitum, Archsum und Morsum.
Nahe bei der äußersten Spitze dieses Vorsprungs gegen Norden liegt
das Morsumkliff, an dessen Steilabhang die Schichten des oberen
Miocängebirges in der Gestalt von Limonitsandsteinen, Glimmerthon
und Kaolinsand zu Tage treten. Das Kliff selbst steigt im Munkehoi
(Mönchshügel) bis zur Höhe von 23 Meter über den Spiegel der Nordsee
auf. Auch noch an anderen Stellen der Insel, so in der Nähe des Roten
Kliffs bei Wenningstedt, können diese tertiären Bildungen anstehend
beobachtet werden.
[Illustration: Abb. 72. ¯Vierländerin.¯
Studie von Friedrich Kallmorgen.]
Der mittlere Teil des Eilands trägt an der Westseite die beiden
Ortschaften Westerland und Wennigstedt. In diesen beiden konzentriert
sich auch das eigentliche Badeleben. Westerland, das 1900 das 43. Jahr
seines Bestehens als Nordseebad feiert und bisher von weit über 100000
Badegästen besucht worden ist, trägt im Höhepunkt der Saison durchaus
den Charakter eines Badeortes ersten Ranges. Große Gasthöfe, breite und
saubere Straßen, flankiert von schön gebauten Ziegelhäusern, in jeder
Beziehung gut ausgestattete Kaufläden und ein imposantes, in den Jahren
1896–1897 erbautes Kurhaus lassen uns ganz und gar vergessen, daß wir
uns auf einer einsamen Insel im Wattenmeer befinden. Am merkwürdigsten
ist das Leben am Strand, das auf den ersten Anblick völlig einem
bunten Jahrmarkttreiben gleicht. Am Abhang der Düne und teilweise
über diese selbst hin zieht sich die lange hölzerne Wandelbahn und
längs derselben haben die hauptsächlichsten Gasthöfe Westerlands zur
Bequemlichkeit ihrer Kurgäste besondere Strandhallen erbaut. Dort
erhebt sich auch der kleine Musiktempel für die Kurkapelle, deren Töne
sich freilich gegenüber der brausenden, wenn auch etwas monotonen
Symphonie, welche die Wellen der Nordsee hier aufspielen, zuweilen
recht ärmlich ausnehmen. Am Strand aber reiht sich Zelt an Zelt und
Burg an Burg. So nennt man die aus dem feinen weißen Ufersande von
den Badegästen aufgeführten Bauten, in ihrer primitivsten Einrichtung
einfach Umwallungen, die eine Vertiefung im Sande umschließen, in
welche Stühle, Bänke, Tische oder auch Zelte gestellt werden, und deren
jede einen kleineren oder größeren Flaggenmast oder auch nur eine
einfache Stange besitzt, von welchen herab die Fahne des Landes weht,
dessen Angehöriger der Burgbesitzer ist. Ein ungemein farbenreiches,
vom Lärmen und geschäftigen Treiben von Tausenden von Menschen, Großen
wie Kleinen belebtes Bild ist’s, das so entsteht, und zu dem die Wogen
ihr sich ewig gleichbleibendes Lied bald im gemächlichen Andante, bald
im Allegro furioso singen.
[Illustration: Abb. 73. ¯Bauernhäuser von Neuengamme.¯]
Wie an vielen anderen Stellen auf unserer Erde, so berühren sich auch
hier die Gegensätze. Gleich hinter dem Badestrande mit seinem frisch
pulsierenden Leben steht ein dunkles Mauerviereck. „Heimatstätte für
Heimatlose“ besagen die Worte an der Eingangspforte. Der stille und
friedliche Raum birgt eine große Anzahl von Gräbern; jedes derselben
trägt ein einfaches Kreuz, dessen Inschrift Auskunft gibt über den Tag,
da der hier Bestattete in die kühle Erde gebettet worden ist, und über
die Stelle, wo er gefunden wurde. Nur eine einzige Grabstätte nennt
auch noch den Namen des Toten, der unter dem Hügel schläft, von allen
den übrigen armen Schiffbrüchigen aber, welche das Meer an den Sylter
Strand geworfen hat, kennt man weder „Nam’ noch Art“. Vor 45 Jahren,
am 3. Oktober 1855 hat man hier den ersten Heimatlosen in die kühle
Erde gesenkt, und seither sind über 40 Strandleichen an dieser Stelle
geborgen worden. Wenn das so recht wehmutsvoll stimmende Fleckchen Land
heute in so gutem Stande gehalten und im vollen Sinne des Wortes eine
Heimatstätte für Heimatlose geworden ist, so gebührt das Verdienst
hierfür in allererster Linie einer deutschen Fürstin auf einem fremden
Throne, der rumänischen Königin Elisabeth. Im Sommer 1888 weilte sie
auf Sylt, hat den kleinen Friedhof oft besucht, seine Gräber mit Blumen
geschmückt und für denselben einen großen Granitblock gestiftet, in
welchen die folgenden, vom verstorbenen Hofprediger Kögel gedichteten
schönen Verse eingemeißelt stehen:
Wir sind ein Volk, vom Strom der Zeit
Gespült zum Erdeneiland,
Voll Unfall und voll Herzeleid,
Bis heim uns holt der Heiland.
Das Vaterhaus ist immer nah,
Wie wechselnd auch die Lose --
Es ist das Kreuz von Golgatha
„Heimat für Heimatlose“.
[Illustration: Abb. 74. ¯Vierländer.¯]
[Illustration: Abb. 75. ¯Einfahrt der Heuernte auf den Hof eines
Bauerngutes in Kurslak.¯]