Auf dem Lande dagegen und in den kleineren Ortschaften tragen die

Wohnstätten auch heute noch ihr eigentümliches Gepräge. Da treffen

wir in den von den Sachsen eingenommenen Gebieten auf die sächsische

Bauart der Häuser. Lange, schornsteinlose Gebäude, deren Ende der

Straße zugekehrt liegt, und die am Giebelende eine Einfahrt haben,

charakterisieren dieselbe. Wenn wir das Haus durch die letztere

betreten, kommen wir auf die Diele, die auch als Tenne dienen muß;

rechts und links davon befinden sich die Ställe, in denen das Vieh

mit seinen Köpfen nach innen zugekehrt steht. Der Einfahrt gegenüber

erblicken wir den oben gewölbten, schornsteinlosen Herd, dessen Rauch

unter der Decke hinzieht und zum Einräuchern von Speckseiten, Würsten

etc. benützt wird. Dahinter, am anderen Ende des Hauses, sind die Wohn-

und Schlafräume der Familie. Zuweilen, so in Dithmarschen, tritt am

oberen Ende der Diele noch ein großer Raum, der Pesel, hinzu. Hölzerne

Pferdeköpfe am Ende der First schmücken meist noch das Haus.

[Illustration: Abb. 51. ¯Hamburger Segelschiffhafen.¯]

Der Hauberg, Heuberg oder kurzweg „Berg“ ist friesischen Ursprungs.

Sein Name will so viel besagen als Bergeplatz des Heus. Hauberge kannte

man schon im Mittelalter in den Niederlanden, und gegen Ende des

sechzehnten Jahrhunderts tauchten sie bereits in der Gegend zwischen

Ems und Weser und in Dithmarschen auf. Von hier aus breitete sich

diese Bauart über Eiderstedt aus, wo dieselbe vor einem Menschenalter

noch die herrschende war, und ging sogar auch noch weiter nach Norden

bis in die Umgegend von Tondern. Das charakteristischste Merkmal am

Hauberg ist der von vier bis sechs hohen Pfosten getragene Vierkant,

westlich von der Elbe Gulf genannt, ein Raum von sechs bis acht

Metern im Quadrat, bei den älteren Gebäuden hoch wie eine Kirche.

Selbst an sonnenhellen Sommertagen ist er düster, da Licht nur durch

ein einziges Loch im First einfällt, das zuweilen 50 Fuß über dem

Fußboden angebracht ist. Der gewaltige Dachraum wird zum Unterbringen

des Heues oder auch als Kornmagazin benutzt. Um den Vierkant liegen,

wie die Seitenschiffe einer Kirche um das Hauptschiff, vier weitere

langgestreckte Räume, deren vorderster, meist nach Süden gekehrt, die

Wohnung des Besitzers und seiner Familie birgt. Auch hier trägt die

größte Stube den Namen Pesel. Gegen Osten und Norden befinden sich

die Ställe, gegen Westen die Tenne. Zumeist ist der Hauberg auf einer

Werft erbaut, die wiederum von einem fünf bis acht Meter breiten Graben

umgeben ist und in vergangenen Zeiten durch eine Zugbrücke mit der

Umgebung verbunden war, die in der Gegenwart durch feste Stege ersetzt

wird.

Die anglisch-dänische Bauart, die wir im Norden finden, ist wiederum

anderer Gestalt. Hier stellen die Gebäude eines Hofes ein Viereck

dar, das den Hofplatz einschließt. Eine Seite des Vierecks bildet das

mit einem ebenfalls als Pesel bezeichneten Raume versehene Wohnhaus,

welches Schornsteine besitzt, und von dem Stall, Scheune und andere

Nebengebäude streng gesondert sind. Das Vieh steht in den Ställen mit

den Köpfen der Außenwand zugekehrt.

Selbstverständlich kommen in den verschiedenen Landstrichen wiederum

mancherlei Abweichungen in der Bauart der Häuser vor, und in der

neueren Zeit gar verwischt sich da und dort der landesübliche Stil,

und Wohnungen moderner Art treten an seine Stelle. Das alte Strohdach

verschwindet mehr und mehr, mit Schiefer oder Dachpfannen gedeckte

Dächer kommen dafür auf, und die von den Ureltern herstammenden

Schränke, Truhen und andere Haushaltungsgeräte kunstvoller Art werden

verschachert und müssen modernen Möbeln und neumodischem Tand weichen.

Ebenso ist es mit den Trachten, die nur noch bei besonderen

Gelegenheiten getragen werden oder auch überhaupt gar nicht mehr. Hier

ebenfalls hat die städtische Kleidung das Alte und Schöne fast schon

ganz ersetzt, und die Zeit ist vielleicht nicht mehr allzu ferne, in

der auch der letzte Rest davon von dem Moloch Mode verschlungen sein

wird. Und so geschieht es noch mit vielen anderen Dingen, auf die wir

wegen Mangels an Raum nicht mehr näher eingehen können.

[Illustration: Abb. 52. ¯Hamburger Hafen und Werft von Blohm & Voß.¯]

[Sidenote: Sprache und Charakter der Bevölkerung.]

Was die Sprache anbetrifft, so hat das Plattdeutsche die friesische

Mundart heutzutage fast vollständig verdrängt. Friesisch wird

heute nur noch im oldenburgischen Saterlande, auf den ost- und den

nordfriesischen Inseln gesprochen und ist aber auch hier im Aussterben

begriffen. In konfessioneller Beziehung gehören die Bewohner unserer

deutschen Nordseeküste fast durchgängig dem protestantischen Glauben an.

„Marsch, Geest und Moor,“ so sagt Hermann Allmers einmal in seinem

Marschenbuch, „vergegenwärtigen uns gewissermaßen die menschlichen

Temperamente. Die Marsch repräsentiert, auf den ersten Blick erkennbar,

das Phlegmatische. Die leichte Geest dagegen ist durch und durch

sanguinisch. Hier ist alles Wechsel, bald ernst, bald heiter, bald

dürr, bald fruchtbar, bald Thal, bald Hügel, hier dämmeriger Wald,

dort schattenlose Sandwüste; hier grünender Wiesengrund und wallende

Kornfelder, dort steiniges unfruchtbares Heideland; hier rauschende

Mühlenbäche, dort stille, rohrumflüsterte Teiche -- alles in schroffen

Gegensätzen, wie der Ausdruck eines sanguinischen Gemüts. Wie das

Geestvieh leichter und lebhafter ist, als das Vieh der Marsch, so oft

auch der Menschenschlag. Im Moor endlich findet die tiefste Melancholie

ihren Ausdruck, welche der köstlichste Frühlingsmorgen und der

sonnigblaueste Sommertag nicht ganz verscheuchen können, der aber bei

trübem, wolkigem Himmel, im Spätherbst und zur Winterszeit wahrhaft

grauenerregend auf die Seele zu wirken vermag.“

[Illustration: Abb. 53. ¯Sandthorkai und Freihafenlagerhäuser.¯ (Nach

einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]

~VI.~

Geschichtliches.

Es leuchtet ein, daß ein von so verschiedenartigen Volksstämmen

bewohntes und im Laufe der Jahrhunderte so vielen verschiedenen

Herren unterthan gewesenes Areal wie das Land, welches die deutsche

Nordseeküste umsäumt, auch eine höchst wechselvolle Geschichte hat.

Nun ist es nicht unseres Amtes, eingehendere Ausführungen darüber zu

machen, ganz abgesehen vom Mangel an Platz dafür, so daß wir uns hier

auf einige allgemeine Bemerkungen über dieses Thema zu beschränken

haben werden.

[Illustration: Abb. 54. ¯Fleet zwischen Deichstraße und Cremon.¯

(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]

[Sidenote: Älteste Völkerverschiebungen. Kämpfe mit den Dänen.]

Die cimbrische Halbinsel hat schon im grauen Altertum mannigfache

Schicksale über sich ergehen lassen müssen. Der eherne Tritt der

römischen Legionen wird wohl ihren Boden kaum berührt haben, wenn

ihre Adler auch an den Mündungen des Elbstroms aufgepflanzt gewesen

sein dürften. Um so mehr Unruhe hat aber die Zeit der Völkerwanderung

in das schleswig-holsteinische Land getragen. Von hier aus wanderten

die Cimbern und Teutonen in den sonnigeren Süden, von hier aus zogen

Hengist und Horsa mit ihren Mannen nach Britannien hinüber. Als es

in der germanischen Welt wieder etwas ruhiger geworden war und die

einzelnen Volksstämme dauernd seßhaft wurden, da kamen von Norden und

von Osten her andere Eindringlinge ins Land. Hier Slaven, dort Dänen.

Erstere berührten freilich die Gegenden an der Nordsee kaum, dagegen

hat es bis in die Gegenwart hinein von seiten der dänischen Nachbarn

nicht an stetig erneuten und nie erlahmenden Versuchen gefehlt, sich

des meerumschlungenen Landes zu bemächtigen. Und diese Umstände sind

nicht zum geringsten Teil maßgebend geworden für die ferneren Geschicke

der Herzogtümer. Am Maria-Magdalenentage 1227 schlug der Holsteiner

Graf Adolph ~IV.~ den Dänenkönig Waldemar ~II.~ aus dem Felde, und bei

Oldenswort und Mildenburg mußte König Abel der friesischen Streitmacht,

die er zu unterjochen gedachte, durch eilige Flucht weichen.

Jahrhunderte hindurch folgte dann noch Fehde auf Fehde bis in die

neuere Zeit hinein. Die Bauernrepublik der Dithmarschen war den Holsten

und den Dänen schon lange ein Dorn im Auge, und mit vereinten Kräften

zogen sie los, um den kleinen Staat zu vernichten. Der aber war auf der

Hut, und beim Dusenddüvels-Warf bei Hemmingstedt in Dithmarschen kam

es am 17. Februar 1500 zur blutigen Schlacht. Zwar blieben die Bauern

dieses Mal noch Sieger, aber die Stunde, welche ihrer Unabhängigkeit

ein Ende machen sollte, war nicht mehr fern, und im Entscheidungskampf

bei Heide wurde ihnen durch Heinrich Rantzau ihre Selbständigkeit für

immer genommen.

[Illustration: Abb. 55. ¯Fleet bei der Reimersbrücke, mit

Katharinenkirche.¯ (Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring

in Hamburg.)]

[Sidenote: Schleswig-Holstein bis zur Neuzeit.]

Von den Schreckensjahren des großen Religionskrieges ist

Schleswig-Holstein schwer heimgesucht worden. Als Kreisoberster von

Niedersachsen rückte bekanntlich Christian ~IV.~ von Dänemark, Herzog

von Schleswig-Holstein, ins Feld und zog sich nach dem verhängnisvollen

Tage bei Lutter am Barenberge in seine Stammlande zurück. Tilly und der

Friedländer folgten ihm eilends nach, und so wurde Schleswig-Holstein

ein großes Schlachtfeld. Dann kamen nach dem Frieden zu Lübeck die

Zeiten des dänisch-schwedischen und hierauf die Tage des großen

nordischen Krieges; Steenbock verheerte das Land. Mit Anbeginn des

Jahrhunderts sahen die Herzogtümer wiederum fremde Söldnerscharen

innerhalb ihrer Grenzen. Das Jahr 1848 brachte die erste Erhebung,

und die Totenglocken Friedrichs ~VII.~ am 15. November 1863 waren

zugleich das Grabgeläut für die dänische Herrschaft im Lande. Am

Morgen des 18. April 1864 hat der Danebrog zum letztenmal auf dem

schleswig-holsteinischen Festlande geweht, am 29. Juni des gleichen

Jahres wurde auch Alsen, die letzte Insel des Landes, über der er noch

flatterte, frei vom dänischen Joch.

Einige der wichtigsten Begebenheiten in der Geschichte der beiden

Hansastädte Hamburg und Bremen werden wir bei der Besprechung und

Schilderung dieser letzteren selbst bringen.

[Illustration: Abb. 56. ¯Winserbaum in Hamburg.¯]

[Sidenote: Geschichte des Gebietes westlich der Elbe.]

Mancherlei Ähnlichkeiten mit der Geschichte der Herzogtümer

Schleswig-Holsteins hat diejenige der Herzogtümer Bremen und

Verden. Hier waren es die Bischöfe, die fast in ständiger Fehde

mit den Bewohnern der Marschlande links der Elbe lagen. Die Macht

der Kirchenfürsten verfiel aber immer mehr und mehr im fünfzehnten

Jahrhundert, und das sechzehnte Säculum brachte die Reformation, die

1521 bereits in Hadeln, 1522 durch Heinrich von Zütphen in Bremen

eingeführt wurde. Erzbischof Christoph von Verden wollte zwar ihrer

Verbreitung mit allen Mitteln Einhalt thun, doch hinderten ihn seine

langen Kämpfe mit den Wurstern daran, dies mit Erfolg zur Ausführung

zu bringen. 1567 trat Eberhard von Holle, Bischof von Verden, zum

evangelischen Glauben über, kurz darauf that Erzbischof Heinrich ~III.~

von Bremen ebenso. Von nun ab folgte die fast hundertjährige Periode

der protestantischen Bischöfe, und nur kurze Zeit über wurde gemäß dem

Restitutionsedikt der katholische Gottesdienst in Verden und Stade

wiederhergestellt. Der Westfälische Friede verwies die Herzogtümer

an Schweden, unter dessen Scepter sie bis 1719 blieben. Hierauf nahm

Hannover Besitz davon, wie denn auch das Land Hadeln um 1773 nach

Aussterben der Herzöge von Lauenburg an diese Regierung kam. Während

der Napoleonischen Herrschaft zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts

wurden bekanntlich alle deutschen Küstenländer an der Nordsee dem

französischen Kaiserstaate einverleibt. 1811 wurden dieselben mit dem

Königreich Westfalen, später abermals mit Frankreich vereinigt. Nach

dem Sturze des korsischen Eroberers fielen diese Lande wieder ihren

rechtmäßigen Fürsten zu und blieben unter deren Scepter, bis 1866

Hannover eine preußische Provinz geworden ist.

Der in der Geschichte berühmt gewordenen Kämpfe der Stedinger gegen die

Erzbischöfe von Bremen im dreizehnten Jahrhundert mag hier ebenfalls

mit einigen Worten Erwähnung gethan werden. Letztere veranstalteten

förmliche Kreuzzüge gegen die Stedinger, die zuvor als Ketzer erklärt

und vom Papst in den Bann, vom Kaiser in die Reichsacht gethan worden

waren. Erst war der Erfolg auf seiten der braven Bauern; mehrfach

schlugen sie den gegen sie aufgebotenen Heerbann zurück, mußten aber

am 27. Mai 1234 bei Altenesch unterliegen, und damit war auch ihr

Schicksal besiegelt. Ein im Jahre 1834 errichteter Obelisk erinnert

heute noch an diesen Kampf, in dem die tapferen Stedinger für Freiheit

und Glauben gefallen sind.

[Illustration: Abb. 57. ¯Steckelhörn in Hamburg.¯

(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]

Unter den Vasallen Heinrichs des Löwen werden bereits Oldenburger

Grafen genannt. Nach deren Aussterben gegen die Mitte des siebzehnten

Jahrhunderts fiel ihr Land in den Besitz der dänischen Könige

und der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorp. Als Herzogtum

Holstein-Oldenburg erscheint es im Jahre 1777 zuerst, Friedrich August

von Holstein-Gottorp, Bischof von Lübeck, eröffnet die Reihe seiner

selbständigen Fürsten. Zu Beginn des Jahrhunderts war Oldenburg

französisches Land, 1813 wurde das Herzogtum aber wiederhergestellt,

und 1829 nahm Paul Friedrich August den Titel eines Großherzogs an.

Ostfriesland, das sogenannte Emder Land, war ehemals eine unabhängige

Grafschaft, die seit dem Jahre 1454 unter der Regierung des Cirksena

stand. Seine Herrscher erhielten 1654 den Rang von Reichsfürsten. 1744

starb der letzte Cirksena, der Fürst Carl Edzard, und nach dessen Tode

nahm Friedrich der Große das Land für Preußen in Besitz. 1807 kam aber

Ostfriesland an Holland, wurde dann auf kurze Zeit wieder preußisch,

hierauf nochmals an Hannover abgetreten, bis es 1866 wieder unter

Preußens Oberhoheit kam. Heute bildet Ostfriesland den Regierungsbezirk

Aurich.

[Illustration: Abb. 58. ¯Hamburg, von Steinwärder gesehen.¯

(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]

~VII.~

Von Husum nach Tondern und an die Grenze Jütlands.

Am grauen Strand, am grauen Meer

und seitab liegt die Stadt;

Der Nebel drückt die Dächer schwer,

und durch die Stille braust das Meer

Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai

Kein Vogel ohn’ Unterlaß;

Die Wandergans mit hartem Schrei

Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,

Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,

Du graue Stadt am Meer;

Der Jugendzauber für und für

Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,

Du graue Stadt am Meer.

[Sidenote: Husum.]

So hat ein großer Sohn Husums, so hat der am 14. September 1817 hier

geborene Dichter von Immensee und vom Schimmelreiter seine Vaterstadt

mit wenigen Strichen gekennzeichnet. In einer seiner Novellen entwirft

Theodor Storm allerdings ein etwas heitereres und sonnigeres Bild von

der grauen Stadt am Meer. „Es ist nur ein schmuckloses Städtchen, meine

Vaterstadt; sie liegt in einer baumlosen Küstenebene und ihre Häuser

sind alt und finster. Dennoch habe ich sie immer für einen angenehmen

Ort gehalten, und zwei den Menschen heilige Vögel scheinen diese

Meinung zu teilen. Bei hoher Sommerluft schweben fortwährend Störche

über der Stadt, die ihre Nester unten auf den Dächern haben; und wenn

im April die ersten Lüfte aus dem Süden wehen, so bringen sie gewiß die

Schwalben mit, und ein Nachbar sagt’s dem anderen, daß sie da sind.“

Ein schmuckloses Städtchen am Rande von Geest und Marsch! Je nun, aber

mit Einschränkungen! Denn es hat etwas an sich, was manchen anderen

Städten und Städtlein Schleswig-Holsteins fehlt: es heimelt einen

an, um einen süddeutschen Ausdruck für dieses Gefühl zu gebrauchen.

Und dann birgt das kleine Husum doch noch einige Erinnerungen an die

alte Zeit seines nunmehr verblichenen Glanzes in seinen Mauern, an

die dahingeschwundenen Tage, da „die vor Kurtzem so florisante Stadt“

noch nicht in „Decadence“ geraten war, wie in seinem ~Theatrum Daniae~

Erich Pontoppidan berichtet. Da stehen noch etliche schöne alte Häuser,

deren Zahl freilich mit jedem Jahr geringer wird, und dann das Schloß,

welches Herzog Adolph ~I.~ von 1577–1582 an der Stelle eines alten

Franziskanerklosters errichten ließ, „mit großen Kosten und dessen

verwittibten Hertzoginnen des Gottorfischen Hauses zur Residentz

gewidmet“.

Durch die Größe und Schönheit ihrer Hallen und den reichen Schmuck

ihres Inneren erfreute sich die gotische Marienkirche in verflossenen

Jahrhunderten eines großen Ruhmes. Im Jahre 1474 erbaut, um 1500

vergrößert, wurde sie, angeblich wegen Baufälligkeit, zu Beginn des

neunzehnten Säculums abgebrochen. Damals machte im Volksmund der

Spottvers die Runde:

De Tönninger Tom is hoch und spitz;

De Husumer Herrn hemm Verstand in de Mütz!

1829 wurde die Kirche durch ein Gotteshaus ersetzt, dem man besonders

Schmeichelhaftes leider nicht nachsagen kann. Die schönste Zierde der

Marienkirche war das vom großen Bildschnitzer Hans Brüggemann, der ein

Sohn Husums gewesen sein soll, gefertigte Sakramentshäuschen, welches

leider verschwunden ist. Vor hundert Jahren soll es noch in irgend

einem Winkel des Städtchens in sehr verdorbenem Zustand herumgestanden

sein.

[Illustration: Abb. 59. ¯Schnelldampfer „Auguste Victoria“.¯

(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]

Ja, Husum hat bessere Tage gesehen, und wenn es auch heute noch

der bedeutendste Ort an Schleswigs Westküste ist, weithin bekannt

durch seine großen Viehmärkte und die bedeutende Ausfuhr von Rindern

und Schafen -- der jährliche Geldumsatz auf dem Viehmarkt dürfte

gegenwärtig 28–30 Millionen Mark betragen --, so will das doch nichts

sagen gegen die hohe Blüte, in welcher die Stadt im sechzehnten und

bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein gestanden hat. Heinrich Rantzau

schreibt im Jahre 1597 von Husum: „Eine reiche und ansehnliche und

mit Flensburg wetteifernde Stadt, mit berühmtem Seehafen und Handel

aus Schottland, England, Holland, Seeland durch viele eigene Schiffe,

in kurzer Zeit zu hohem Wohlstand erwachsen. Ihr Aussehen zeugt

von erstaunlichem Reichtum; darin und auch an Größe übertrifft sie

eigentlich alle Städte des Herzogtums.“

[Illustration: Abb. 60. ¯Deutsche Seewarte.¯

(Nach einer Photographie von Strumper & Co. in Hamburg.)]

Im siebzehnten Jahrhundert haben auch „die zwei vortrefflich gelahrte

Männer“ Caspar Dankwerth und Johannes Meyer hier gelebt, der erstere

als Bürgermeister und als „Geographus, der das große und rühmenswürdige

Werk: Landes-Beschreibung der beyden Herzogthümer Schleswig und

Holstein genannt, abgefaßt, der zweyte aber als Mathematicus, der die

dabey befindliche viele Speciale Land Karten und Grund Risse der Städte

verfertiget“.

Eine Aue fließt an der Stadt vorbei und mündet in den Hever. Trotz des

zur Ebbezeit fast wasserleer daliegenden Hafens, der nur von Fahrzeugen

mit geringem Tiefgang benützt werden kann, ist die Schiffahrt, welche

Husum auf dem Wattenmeere mit Nordstrand, Pellworm und den Halligen

unterhält, durchaus nicht unbedeutend.

[Sidenote: Der Geestrücken nördlich von Husum.]

Wenn wir uns von Husum nordwärts begeben, sehen wir vor uns einen

breiten Geestrücken, den Schobüller Berg. Ein Spaziergang auf denselben

lohnt sowohl in landschaftlicher, als auch in naturwissenschaftlicher

Hinsicht aufs beste. Es ist ein ganz eigenartiges Bild, das sich auf

diesem Wege vor uns aufrollt. Langsam steigt die sandige Straße an, und

bald tritt zur Rechten der hohe Kirchturm von Hattstedt hervor, dessen

Einwohner viele Jahre hindurch so sehr von den großen Deichlasten

bedrückt wurden, daß das Sprichwort entstand:

Hatten de Hattstedter nich de böse Diek,

Se kehmen nümmer int Himmelriek.

[Sidenote: Geestufer von Schobüll.]

Zur Linken aber blicken wir erst auf den grünbewachsenen Außendeich,

dessen gerade Linie bis zu dem an die See vorgeschobenen Schobüller

Geestrücken reicht. Hier verläuft er dann in diesem Vorsprung. Ueber

dem hohen Schutzwall aber erscheint eine graue einförmige, kaum bewegte

Fläche, auf der die verschiedensten Lichter spielen, das Wattenmeer.

Fern am Horizont hebt sich, wie über dem Wasser schwebend, ein Streifen

Landes heraus: klar sind darauf eine Windmühle und die Dächer einiger

Häuser zu erkennen. Es ist die Insel Nordstrand. Je mehr wir ansteigen,

um so größer wird auch der Raum, den unser Gesichtskreis umspannt,

und wenn wir etwa an der kleinen Schobüller Ziegelei angelangt sind,

so dünkt uns derselbe grenzenlos. Dunklere Punkte, kleine Eilande im

Westen und Nordwesten gewähren dem Auge einige Ruhepunkte. Je nach der

Beleuchtung tritt ihr Umriß bald nur ganz licht, wie Luftspiegelung

hervor, bald aber so scharf und klar gezeichnet, daß wir die Häuser

auf ihren Werften ganz deutlich zu erkennen vermögen. Das sind die

Halligen. An regentrüben Sommertagen jedoch, wenn Flut und Land am

Horizont miteinander verschwimmen und die See regungslos daliegt,

Dann steht an unserm grauen Strande

Das Wunder aus dem Morgenlande,

Morgane, die berufne Fee ...

Doch hebt sich nicht, wie dort im Süden

Auf rosigen Karyatiden

Ein Wundermärchenschloß ins Blau;

Nur eines Hauberg graues Bildnis

Schwimmt einsam in der Nebelwildnis,

Und keinen lockt der Hexenbau.

[Illustration: Abb. 61. ¯Michaeliskirche in Hamburg.¯

(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]

Der Eindruck, den solche Anblicke bei ihren Beschauern hinterlassen,

ist ein unbeschreiblich großartiger, zumal wenn man das Glück hat,

dieses einzig in seiner Art dastehende Landschaftsbild bei wechselnden

Farben genießen zu können. Für denjenigen aber, der sich auch für

geologische Dinge interessiert, bietet dieser Geestvorsprung noch eine

ganz besondere Überraschung. Die schon weiter oben erwähnte kleine

Ziegelei ist nämlich auf anstehendem Gestein erbaut, das sich an der

Oberfläche als eine rötliche, zuweilen von helleren Adern durchzogene

thonige Masse darstellt, nach der Tiefe zu jedoch steinhart wird und

zweifelsohne ein Analogon des thonigen Gesteines ist, von welchem die

Basis der roten Felsen Helgolands zusammengesetzt wird. Aber nicht nur

dieser am Strande des Wattenmeeres anstehende Zechsteinletten ist von

großer Merkwürdigkeit, sondern auch das Vorkommen der gequetschten und

wiederverkitteten Kalksteingeschiebe, die sich an der oberen Grenze des

roten Thones mit dem darüber liegenden diluvialen Moränenmergel finden

und besondere Curiosa im Gebiete der norddeutschen Diluvialablagerungen

sind.

[Sidenote: Die Küstenlandschaft von Bredstedt bis Niebüll.]

Deutsche Nordseeküste: Friesische Inseln und Helgoland. · 第 5 / 17 段