die Hochmoore dar, die dort ungeheure Flächen bedecken. Sphagneen
(Torfmoose), einzelne grasartige Pflanzen, als Simsen und Wollgräser
und heidekrautartige Gewächse nehmen an ihrer Zusammensetzung teil.
Die Hochmoore zeigen eine Art von Schichtung, indem deren untere Lagen
gewöhnlich sehr dicht, ziemlich stark zersetzt, dunkel gefärbt und
nicht selten reich an Holzresten sind, während die oberen häufig hell,
locker, faserig und mit bloßem Auge schon als Reste von Torfmoosen
erkennbar sind. „Diese letzteren besitzen ein außerordentlich hohes
Vermögen, das Wasser aufzusaugen und festzuhalten, sie bilden einen
ungeheuren, wassererfüllten Schwamm, Generationen auf Generationen
wachsen empor, solange die Feuchtigkeit ausreicht, und gehen unter, um
dem eigentümlichen Prozeß der Vertorfung zu verfallen; nicht selten
erheben sich die centralen Teile des Hochmoors merklich über die
Umgebung, was zur Entstehung des Namens Veranlassung gegeben haben mag.
In unberührtem, jungfräulichem Zustand trägt die Oberfläche unserer
Hochmoore ein dichtes, üppiges Torfmoospolster, in dem spärlicher oder
zahlreicher Simsen und Wollgräser, und nach dem Grade der natürlichen
Abwässerung Heidekräuter eingestreut erscheinen. Hin und wieder fristet
eine Kiefer oder eine Birke ein kümmerliches Dasein. In unzähligen
Lachen und Rinnsalen steht das braune Moorwasser; ein Beschreiten des
schwankenden Bodens ist unmöglich oder mit großer Vorsicht nur zu sehr
trockener Zeit oder im Winter, bei Frost ausführbar“ (Tacke).
Da, wo das Gebiet der Vorgeest von Bächen durchzogen wird, die vom
Blachfeld herkommen, tritt die Heidebildung zurück, und ihre Stelle
nimmt eine dem Acker- und Wiesenbau zugängliche Grasvegetation ein,
die zur förmlichen Sandmarsch wird und an manchen Stellen in die
eigentliche Marsch übergeht. Dieser Übergang wird nicht selten durch
graswüchsige Grünlandsmoore vermittelt.
Ohne ihre landschaftlichen Reize ist die Heide übrigens nicht, und sie
bietet dem Beschauer gar oftmals ganz herrliche Stimmungsbilder, denen
eine gewisse schwermütige Färbung zu eigen ist. Meisterlich hat es
der schleswig-holsteinische Schriftsteller und Dichter Wilhelm Jensen
verstanden, in seinen Werken die eigentümlichen, düsteren Reize der
Heide in seiner Heimat zu schildern, und ein wundervolles Bild davon
rollt uns Theodor Storm in seinem „Abseits“ betitelten Gedicht auf:
Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale,
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sonnenluft.
Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
In ihren goldnen Panzerröckchen,
Die Bienen hängen Zweig um Zweig
Sich an der Edelheide Glöckchen,
Die Vögel schwirren aus dem Kraut --
Die Luft ist voller Lerchenlaut.
[Illustration: Abb. 40. ¯Meldorf.¯]
Wenn uns so der große Sohn Husums die Heide in der Schwüle eines heißen
Sommertages zeigt, im rotvioletten Schimmer ihrer blühenden Erica, so
hat uns Herman Allmers, der Friesendichter, eine nicht minder herrliche
Beschreibung der Heidelandschaft gegeben, wenn sie mit ihren weiten
Flächen im Zwielicht der Dämmerung oder in der gespenstigen Beleuchtung
des Mondscheins daliegt:
Wenn trüb’ das verlöschende letzte Rot
Herschimmert über die Heide,
Wenn sie liegt so still, so schwarz und tot,
Soweit du nur schauest, die Heide;
Wenn der Mond steigt auf und mit bleichem Schein
Erhellt den granitenen Hünenstein,
Und der Nachtwind seufzt und flüstert darein
Auf der Heide, der stillen Heide.
Das ist die Zeit, dann mußt du gehn
Ganz einsam über die Heide,
Mußt achten still auf des Nachtwinds Wehn
und des Mondes Licht auf der Heide;
Was du nie vernahmst durch Menschenmund,
Uraltes Geheimnis, es wird dir kund,
Es durchschauert dich tief in der Seele Grund
Auf der Heide, der stillen Heide.
[Sidenote: Marsch und Watt.]
Ein Marschgürtel von verschiedener Breite (an der Küste
Schleswig-Holsteins von 7 bis 22 Kilometer) umgibt das deutsche
Küstenland an der Nordsee von Hoyer in Nordschleswig bis zu den
Grenzpfählen der Niederlande. Es ist das dem Meere wieder abgerungene
und durch Deiche vor seiner Zerstörungswut geschützte Land, Watt, das
urbar gemacht und in kulturfähigen Zustand übergeführt worden ist. Dies
wird bewirkt durch geeignete Vorrichtungen, als die zapfenförmig in das
Meer hineinreichenden, sogenannten Schlengen oder Lahnungen, lange mit
Pfählen befestigte Buschdämme und durch Auswerfen von sehr breiten,
aber ganz flachen Gräben, in denen sich bei richtiger Anlage und unter
günstigen Verhältnissen der Schlick rasch ablagert. „Im Frühling,“ sagt
L. Meyn, „sieht man das sonst schwarzgraue Watt auf weite Flächen vom
Lande aus mit dunkelgrüner Farbe bedeckt. Der Landmann sagt: das Watt
blüht. Im Sonnenschein wird das Grün heller, es trocknet ein und wird
schließlich zu einer gelben oder braunen Kruste, aus unzähligen Fäden
einer Konserve zusammengefügt, welche vorher während der Bedeckung lang
hingestreckt mit dem Ebbe- oder Flutstrom im Wasser schwanken.“
[Illustration: Abb. 41. ¯Binnenhafen zu Brunsbüttel.¯
(Nach einer Photographie von Th. Backens in Marne.)]
Die zarten, schnell wachsenden Keime dieser Kryptogamen, welche
unendlich verbreitet sind, finden ihren Halt, indem sie sich auf die
weichen Teile des Schlicks heften. Mit jeder neuen Flut aufgeweicht
oder neugesät, erscheinen sie von neuem, beitragend zur Vermehrung der
Masse und zur Befestigung des neuen Bodensatzes. Mit bezeichnendem
Namen ist diese nur in Massen sichtbare Pflanze als „landbildend“
(~Conferva chtonoplastes~) in der Naturgeschichte eingeführt.
[Illustration: Abb. 42. ¯Kaiser Wilhelms-Kanal. Elbschleuse.¯ (Nach
einer Photographie von Th. Backens in Marne.)]
Wenn die Anschlickung nun schon so hoch geworden ist, daß die
gewöhnliche Flut sie täglich nur noch kurze Zeit bedecken kann, so
erscheint ein Gewächs, das „zu den auffallendsten Gestalten im ganzen
deutschen Pflanzenschatze gehört“. Das ist der Queller oder Quendel
(~Salicornia herbacea, L.~). Dasselbe besitzt das Aussehen eines
fetthenneartigen, fausthohen, vollsaftigen Pflänzchens mit vielen Ästen
und Abzweigungen, das vermöge dieser letzteren besonders geeignet ist,
den Schlick festzuhalten. Noch im Bereiche der Wellen, als wären sie
künstlich in den Sand gesteckt, finden sich bereits einige Individuen
des Quellers; landaufwärts zeigen sich immer mehr und gehen dann
ziemlich rasch, aber immer nur der Böschung gerecht werdend, in einen
ganz geschlossenen buschigen Rasen über.
[Sidenote: Entstehung der Marschen.]
Durch stetiges Auffangen des Schlammes erhöhen und festigen die
Quellergewächse die Wattflächen, und in stillen Buchten, wo keine
heftige Strömung oder große und stürmische Fluten diesen Prozeß störend
unterbrechen, kann der Anwuchs bis zu 50 Meter im Jahre groß werden,
während das geringste Maß auf 2 Meter geschätzt wird. Allmählich
stellen sich dann noch andere Pflanzen ein, darunter fleischige
Salzpflanzen (~Salsola Kali, L.~, ~Atriplex arenaria, Woods~, u.
s. f.), Sandkräuter von kleinem Wuchse (~Lepigonum marinum, L.~,
~Plantago maritima, L.~, ~Armeria maritima, Willd.~), das Seegras, die
Meergrasnelke, der Strandwermut u. s. f.
Ihnen allen gelingt es aber nicht, den Queller zu verdrängen;
das vollbringt nur die sich nun in gewaltiger Masse ausbreitende
Binsenlilie (~Juncus bottnicus, Wahlenb.~), „die den bezeichnenden
Namen Drückdahl erhalten hat, weil sie alles Höherwachsende
niederdrückt“.
[Illustration: Abb. 43. ¯Kaiser Wilhelms-Kanal. Brunsbütteler Schleuse.¯
(Nach einer Photographie von Th. Backens in Marne.)]
Nun wächst die Anschlickung immer mehr und mehr, bis sie jene Höhe
bekommen hat, wo sie durch das Regenwasser genügend von den immer
seltener werdenden salzigen Überflutungen der See ausgesüßt werden
kann. Wenn das der Fall geworden ist, müssen die vorgenannten Gewächse
dem Graswuchse weichen. Bald entstehen denn auch auf dem so dem
Meere entstiegenen Vorlande dichte Rasen von zwei Gräsern, ~Glyceria
distans, Wahlenb.~ und ~Glyceria maritima, Drej~, der Andel, die
reiches Futtergras und äußerst wertvolles Heu liefern. Wenn sich nun
im Laufe der Jahre der Boden noch mehr erhöht und seinen Salzgehalt
fast gänzlich verloren hat, so ist die Zeit gekommen, sein Areal vor
dem ferneren Eindringen des Meeres dauernd zu schützen. Es hat nun
alle hierzu erforderlichen Eigenschaften erhalten, es ist „deichreif“
geworden, und das deutsche Küstenland kann einen Koog (an der
schleswig-holsteinischen Küste) oder Polder (westlich der Elbe) mehr zu
seinem Gebiete zählen.
[Illustration: Abb. 44. ¯Kaiser Wilhelms-Kanal. Binnenhafen am
Brunsbüttelkoog.¯ (Nach einer Photographie von Th. Backens in Marne.)]
[Sidenote: Eindeichungen.]
Die Deiche, in einigen Gegenden auch Kaje genannt (das französische
Wort ~quai~ ist ja bekannt), welche im Landschaftsbild als hohe,
grasbewachsene Wälle erscheinen, die jede Fernsicht abschneiden und
den Horizont der Marsch recht einförmig begrenzen, umranden das ganze
Gebiet unserer Nordseeküste und ziehen sich bis weit in die Unterläufe
der großen Wasserläufe hinein. Nur an wenigen Stellen, auf der langen
Linie zwischen dem Dollart und Hoyer und zwar da, wo Geest oder Dünen
bis an den Meeresstrand vorrücken, setzt diese Deichumwallung aus. Dies
ist der Fall beim Dorfe Dangast am Jadebusen, in der Nähe von Cuxhaven,
an der Hitzbank bei St. Peter in Eiderstedt und am Schobüller Berg bei
Husum. Nach der Seeseite zu sind diese 6–8 Meter über der gewöhnlichen
Fluthöhe sich erhebenden, grasbewachsenen Deiche sanft abgeböscht,
und zuweilen ist hier ihr Fuß mit starken Pfählen berammt oder mit
großen Steinsetzungen bewehrt, um sie widerstandsfähiger gegen den
Andrang der Wogen zu machen. Förmliche Steindossierungen an besonders
exponierten Stellen kommen ebenfalls vor. Nach dem Lande zu fällt der
Deich ziemlich steil ab, etwa mit 45° Neigung. Im allgemeinen dürfte
die Breite des Deichfußes 15–40 Meter betragen, diejenige des Kammes
oder der Kappe ungefähr 2–4 Meter.
Um dem Binnenwasser Abfluß zu verschaffen, ebenso um dessen Wasserläufe
in schiffbarer Verbindung mit dem Meere zu erhalten, sind die Deiche
mit Schleusenanlagen, mit Sielen versehen, deren Thore durch die
ankommende Flut geschlossen, bei Niedrigwasser jedoch durch den Druck
der davor angesammelten Binnengewässer wieder geöffnet werden.
Die Unterhaltung ihrer Deiche ist eine der Hauptsorgen der
Marschbewohner und eine nicht minder kostspielige Sache, als deren
Aufbau. Nach Jensen waren zur Eindeichung eines Kooges in der
tondernschen Marsch von 670 Hektar Größe 6,5 Kilometer Deich notwendig,
zu rund 700 Mark Kosten für das Hektar. Nach dem Genannten erforderte
der 14,32 Kilometer Gesamtlänge besitzende Osterlandföhrer Deich
in dem Zeitraum von 1825–1880 etwa 300000 Mark für Verstärkung und
Verbesserung, außerdem noch jährlich an 37318 Mark für Strohbestrickung
und ähnliche Dinge, ein Betrag, der von den Besitzern der 2591,56
Hektare deichpflichtiger Marschländereien aufgebracht werden mußte.
Durch die Deichverbände wird für diese Instandhaltung bestens gesorgt.
Das Herzogtum Schleswig hat beispielsweise drei solche Vereinigungen,
deren eine die Marschen des früheren Amtes Tondern, 32 Köge mit 32500
Hektaren, die zweite diejenige des vormaligen Amtes Bredstedt, 40 Köge
mit 20500 Hektaren, und die dritte diejenige des früheren Amtes Husum,
Eiderstedt u. s. f. mit ungefähr 31800 Hektaren Marschlandes umfaßt.
Holsteins Marschen sind in sechs größere Deichverbände eingeteilt,
so derjenige der Wilstermarsch, der Süderdithmarschens, derjenige
Norderdithmarschens u. s. f.
Übrigens darf nicht zu früh zur Eindeichung geschritten werden, und
Hand in Hand mit derselben muß auch eine rationelle Entwässerung des
neueingedeichten Landes vor sich gehen, damit das letztere nicht unter
allzu großer Nässe zu leiden hat, wie dies z. B. mit dem Stedinger
Lande am linken Weserufer der Fall ist.
Dem „blanken Hans“, so nennt der Nordfriese die Nordsee, hat man
im Verlaufe der Jahrhunderte an der Westküste Schleswigs etwa 120
Köge abgerungen, die in ihrem gegenwärtigen Bestand ungefähr 900
Quadratkilometer umfassen. „Von den 20000 Hektaren,“ sagt Jensen,
„welche Nordstrand 1634 verloren, sind 6700 Hektare wieder gewonnen
worden, während im übrigen seit 1634 an der ganzen schleswigschen
Westküste etwa 130 Quadratkilometer eingenommen worden sind.
Seit 1860 haben 2252 Hektare Fläche mit 2476000 Mark Wert dem
Überschwemmungsgebiete des Meeres entzogen werden können. Wie demnach
die Watten der ausgebreitete Kirchhof der Marschen sind, so sind also
die Marschen Koog an Koog ein ebenso langer Triumphzug des Menschen
über die Natur.“
Der auf diese Weise gewonnene Boden, der Marschklei, ist von äußerster
Fruchtbarkeit; derselbe besitzt eine zu ungewöhnlichen Tiefen
reichende, fast gar nicht schwankende Zusammensetzung der tragfähigen
Krume und ist in ausgezeichneter Weise für den Anbau des Korns, der Öl-
und der Hülsenfrüchte geeignet. Natürlich ist dementsprechend auch der
Wert des Landes in den Marschen ein hoher. So sind im jüngsten Kooge
an der Westküste der Herzogtümer, im Kaiserin Auguste Viktoria-Kooge
im April 1900 für 367 Hektare 1038850 Mark erzielt worden, so daß der
Durchschnittspreis für 1 Hektar 2617 Mark beträgt. Der höchste Preis
für 1 Hektar war 3000 Mark, der niedrigste 1500 Mark.
[Illustration: Abb. 45. ¯Kaiser Wilhelms-Kanal. Hochbrücke bei
Grünenthal.¯]
[Sidenote: Deiche.]
Innerhalb des vom großen See- resp. Außendeich umwallten Landes
liegen vielfach kleine Erdwälle, die Sommerdeiche, welche größere
Landkomplexe umschließen und gegen Überschwemmung von seiten der die
Marschländereien durchziehenden Kanäle schützen sollen, teilweise auch
ehemalige durch Gewinnung vom neuen Vorlande außer Dienst gesetzte
Seedeiche sind. Windmühlen und andere derartige Anlagen schaffen das
überflüssige Wasser aus den Gräben und kleineren Kanälen fort und
dann durch die Schleusen bei Ebbezeit in die See. Wie schon weiter
oben bemerkt wurde, trägt die Marsch keinerlei größere Holzungen,
dagegen sind die Wohnstätten oftmals von ansehnlichen, wohlgepflegten
Baumgruppen umgeben, welche von der Ferne gesehen den Eindruck kleiner,
schattiger Haine beim Beschauer erwecken.
[Sidenote: Werften.]
Schon Plinius erwähnt in seiner Naturgeschichte jene von Menschenhand
aufgeworfenen Hügel, worauf das armselige Volk an den Gestaden des
germanischen Meeres seine Hütten erbaut hatte. Auf solchen Erhöhungen,
die entweder aus gewachsenem Boden bestehen, also natürliche Erhebungen
des Erdreiches darstellen, oder künstlich gemacht worden sind, steht
die größte Mehrzahl der menschlichen Ansiedelungen in den Marschlanden.
Man nennt diese Hügel Warfen, Warften, Würten, Worften, Werften und
Wurthen.
[Sidenote: Geographische Lage der Städte.]
In seinem interessanten Werke über die Städte der norddeutschen
Tiefebene in ihren Beziehungen zur Bodengestaltung hat der Königsberger
Geograph Hahn auf die Lage der Städte in unserem Areale, als Randstädte
an der Grenze zwischen Geest und Marsch aufmerksam gemacht. Der Boden
der eingedeichten Marschlande mit seinem hohen Wert war offenbar kein
günstiger Bauplatz für größere Ortschaften und Städte. Man wollte das
kostbare Land nicht durch Bebauung der Kultur entziehen, andererseits
aber auch Haus und Hof vor etwaigen Überschwemmungen schützen, und
darum suchte man sich besonders dort, wo das Marschgebiet nicht
mehr so breit war, den nahebelegenen Geestrücken zur Errichtung
der Ansiedelungen aus. Von dort ließen sich die Marschareale gut
übersehen und ebenso bequem bewirtschaften. So liegt z. B. Hoyer auf
einem Geesthügel, der rings von Marschwiesen umgeben ist, dagegen
macht Tondern eine Ausnahme, und seine niedere Lage ist wohl mit
Rücksicht auf die Ausnützung der Schiffahrtsgelegenheit gewählt
worden. Bredstedt, Husum, Garding in Eiderstedt, Lunden, Heide,
Meldorf, Itzehoe gehören zu dieser Art von Randstädten, hinwiederum
sind Wesselburen und Marne typische Marschorte. Ebenso ist Hamburg
ursprünglich auf der schmalen Geestzunge erwachsen, welche Elbe
und Alster trennt. Erst später griff sein Weichbild über auf das
Marschland. Dann müssen links des Elbstroms Harburg, Buxtehude,
Horneburg an der Lühe, Stade, Varel und Jever hier genannt werden,
ebenso in Ostfriesland Wittmund, Esens und Norden. Zu denjenigen
Randstädten, welche zwar auf Geestboden erbaut sind, der aber mehr von
Moor als von Marsch oder ganz von ersterem umgrenzt wird, wären Aurich,
Weener und Bunde, alle drei in Ostfriesland, zu zählen.
[Sidenote: Volksdichte.]
Sehr verschieden ist die Größe der Volksdichte im Geest-, Moor- und
Marschland. Auf den Geestflächen Schleswig-Holsteins beträgt sie 30–40
Seelen auf den Quadratkilometer, in den Gegenden der großen Moore sinkt
sie sogar öfters unter 30 herab, während in den Marschen an 80 Menschen
den Quadratkilometer Land bewohnen. Der Stader Marschkreis weist eine
Volksdichte von 75 Einwohnern für den Quadratkilometer auf, der Stader
Geestkreis nur eine solche von 42 Seelen für die gleiche Fläche.
[Illustration: Abb. 46. ¯Itzehoe.¯
(Nach einer Photographie von H. Mehlert in Itzehoe.)]
[Sidenote: Die Bevölkerung.]
Dänen im Norden, Friesen, Sachsen, eingewanderte Holländer in den
Marschen, Sachsen auf der Geest, das sind die Volksstämme, welche
die deutsche Nordseeküste bewohnen. Die ursprünglichen Landsassen
waren wohl die germanische Völkerschaft der Chauken, welchen Tacitus
das Lob gespendet hat, der edelste Stamm unter den Germanen zu sein,
gerechtigkeitsliebend, ohne Gier nach fremdem Hab und Gut, mann- und
wehrhaft. Die großen Sachsenzüge nach England im fünften Jahrhundert
entvölkerten das Land, und die Friesen nahmen, von Westen her
vordringend, die leer gewordenen Wohnplätze der Chauken ein. Noch zur
Römerzeit reichten die Ansiedelungen dieses ersteren Volkes im Osten
nur bis zur Ems. So kamen die Friesen auch auf die cimbrische Halbinsel
und machten die Treene und Wiedau zur Grenze ihrer Ansiedelungen. Von
Hattstedt bei Husum bis nach Hoyer und auf den nach ihrer Bevölkerung
benannten nordfriesischen Inseln ist heute noch dieses Element unter
den eigentlichen Einwohnern des Landes vorherrschend. Jenseits der
Elbe hat Kehdingen eine aus Sachsen und Friesen gemischte Bevölkerung,
Wursten, das Vieland, Wührden und Osterstade sind ganz friesisch, und
bis oberhalb Bremen läßt sich am rechten Weserufer der friesische
Charakter, wenn auch nicht allgemein, so doch da und dort nachweisen.
Auch an der linken Seite der Weser finden sich mitten im Sachsenlande
friesische Enklaven. Stedingerland, Stadland, Butjadingen und die ganze
Provinz Ostfriesland mit Ausnahme des Lengener Landes gehören völlig
den Friesen an. Dithmarschen und die Geestgebiete der cimbrischen
Halbinsel sind sächsisch, ebenso wird links der Elbe das Land Hadeln
von Sachsen bewohnt, während im Alten Lande und teilweise in den
Elbmarschen eingewanderte Holländer sich niedergelassen haben.
[Illustration: Abb. 47. ¯Elmshorn.¯]
Diese Verschiedenheit in der Abstammung der Bewohner unserer
Nordseeküste kommt naturgemäß auch in ihrem Körperbau und ihrem
Charakter, in ihren Sitten und Gebräuchen, ihrer Sprache, Tracht und
in der Art ihrer Wohnstätten zum Ausdruck. So ist beispielsweise
der Marschfriese von breitschultriger, nicht über das Mittelmaß der
Höhe hinausgehender Gestalt, stark, mit breiten Händen und feinem,
schlichtem hellfarbigen Haar, hellblauen oder grauen Augen, weißer
Gesichtsfarbe und rundlichem Antlitz, meist ohne scharf ausgeprägte
Züge. Sein Charakter ist ernst, zuweilen sogar finster, er wird nicht
leicht fröhlich, wenn er aber lustig wird, so hat seine Heiterkeit
leicht etwas Gewaltsames. Das Sprichwort: „~Frisia non cantat~“ ist ja
bekannt. Schwer geht der Friese aus sich heraus, zeigt aber großen Hang
zum Aufwand und zur Pracht, ist von peinlicher Sauberkeit und stolz
auf seinen von seinen Vätern dem Meere abgerungenen Besitz. Dagegen
ist der Sachse schmächtiger und hagerer gebaut, hat lange Beine und
einen kurzen Oberkörper, ein schmales Gesicht und ausgeprägte Züge.
Bewunderungswürdig ist die Heimatsliebe der Friesen. Wie weit sie auch
in der Welt herumkamen, wie groß auch der Wohlstand war, zu dem sie es
dort gebracht hatten, Länder und Städte draußen hatten keinen Reiz für
sie, immer und immer wieder zog sie ihre meerumspülte Heimat an. Hier
war es am schönsten und besten; nach langem Umherfahren auf den Meeren
dieser Erde hier ausruhen und in Frieden sterben zu dürfen, das war ihr
Wunsch vor Zeiten, das ist auch heute noch die Sehnsucht, die jeder
Nordseefriese in den geheimen Falten seines Herzens birgt. Das mag
wohl, so hat schon vor anderthalbhundert Jahren der Halligmann Lorenz
Lorenzen gesagt, darin seinen Grund haben, weil sie auf der ganzen Welt
keinen besseren Fleck finden konnten, als ihr Heim, wo sie geboren und
erzogen waren!
[Illustration: Abb. 48. ¯Uhlenhorst, mit Fährhaus.¯
(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
Dem Friesen wird eine hervorragende Begabung für die Mathematik
nachgerühmt, ein Umstand, der übrigens wohl auch für den Niedersachsen
volle Geltung hat. Eine Reihe großer Männer in Litteratur und
Wissenschaft sind dem deutschen Volke in den Ländern an der Nordsee
erwachsen. In Heide in Norderdithmarschen kam der Sänger des Quickborn,
Klaus Groth, zur Welt, Wesselburen darf sich rühmen, der Geburtsort
eines der Größten unter unseren Großen im Reiche der Geister, Friedrich
Hebbels, zu sein, in Husum, der grauen Stadt am Meer, hat Theodor
Storm die Sonne zum erstenmal gegrüßt. Zu Rechtenfleth in Osterstade
weilt noch heute Hermann Allmers, der Friesendichter, und Garding
in Eiderstedt hat den weltbekannten Historiker Theodor Mommsen zum
Landsmann. In Jever in Ostfriesland sind der Geschichtsschreiber
Schlosser und der Chemiker Mitscherlich geboren. Die schaffende
Tonkunst hat an den deutschen Nordseegestaden weniger ihr Heim
gefunden, doch hat auch sie unter den hier zur Welt gekommenen Männern
einen hoch bedeutenden Namen zu verzeichnen, denjenigen von Johannes
Brahms, der zwar von Geburt Hamburger, aber, wenn wir nicht irren,
von dithmarsischer Abkunft ist. Dagegen ist unser Areal unter den
ausübenden Tonkünstlern recht gut vertreten. Für die plastischen
Künste ist von jeher viel Sinn an unseren Nordseeküsten gewesen; die
wundervoll geschnitzten Schränke und Truhen, die man allenthalben
in wohlhabenderen Häusern noch finden kann, der berühmte Swynsche
Pesel aus Lehe, jetzt in Meldorf, und des großen Bildschnitzers
Hans Brüggemann Werke, so das Altarblatt im Schleswiger Dom, legen
beredtes Zeugnis dafür ab. Prächtige Schilderungen von den Halligen
und aus dem Volksleben der Friesen, die wir dem Pinsel der noch jetzt
wirkenden Meister Alberts und Jessen verdanken, haben weit und breit
die verdiente Anerkennung gefunden, und die Worpsweder Schule durfte
in der Darstellung ihrer stimmungsvollen Bilder aus dem Moor nicht
minder große Erfolge verzeichnen. Die Städte und Ortschaften an der
Westküste Schleswig-Holsteins haben leider mit der Zeit so manche
Gebäude, die ihrer Architektur einen bestimmten Stempel aufgedrückt
hatten, verloren. Doch wird dem Auge des aufmerksamen Beschauers auch
in Husum oder Tondern noch vielerlei Schönes und Beachtenswertes
auffallen. Durch den großen Brand von 1842 erhielt Hamburg eine
veränderte Physiognomie, und ein großer Teil der alten Stadt fiel den
Flammen zum Raub. Andere alte, wenn auch vom Standpunkte der Baukunst
nicht besonders in Betracht fallende Stadtviertel mußten den neuen
Hafenanlagen weichen, und so ist denn heute Deutschlands reichste
und größte Handelsstadt durchweg eines besonderen architektonischen
Charakters bar. Hinwiederum bietet Bremens Altstadt desto mehr, und
da und dort in den Städten links der Elbe und in Ostfriesland sind
noch manche Bauten erhalten geblieben, die an vergangene Pracht und
Herrlichkeit erinnern und wohlthuend von dem modernen Kasernenstil
abstechen, der sich auch hier, wie anderswo, breit zu machen anfängt.
[Illustration: Abb. 49. ¯Außenalster und Binnenalster.¯]
[Illustration: Abb. 50. ¯Hamburger Hafen. Abendstimmung.¯
(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
[Sidenote: Bauart der Häuser.]