Tag des alten Nordstrands, und ich möchte sagen, des alten
Nordfrieslands. Noch am 10. Oktober 1634 lag es da, das grüne, von
Fett und Fruchtbarkeit erfüllte Tiefland inmitten der finsteren,
grollenden See, die Freude, die Kraft, der Stolz und Mittelpunkt der
Uthlande, nicht ahnend dessen, was ihm bevorstand, nach hundert trüben
Erfahrungen noch immer fest bauend auf den Schutz seiner erst vor
kurzem wieder errichteten Deiche. Ringsum lag ein Kranz von Halligen
und Hallighütten, die wie seltsam gestaltete und gruppierte Felsen
aus der Wasser- und Wattenwüste hervorragten; weiterhin, jenseits
derselben, glänzte ein Schaumgürtel der sich brechenden Wellen an den
äußeren Sandbänken und Inseln. Im Westen und Süden zogen finstere
Wolkenmassen am Himmel herauf, obgleich der Wind noch ruhte. Es war die
Totenstille, die oft dem Sturm vorhergeht. Im fernen Westen blitzte
es, und als es Abend wurde, die finstere lange Nacht heranschlich,
da flüchtete ahnungsvoll der Schiffer wie die Seemöve ans Ufer, die
vorsichtige Krähe aber aufs Festland. Die Nacht verging, der Morgen
des 11. Oktober kam, der letzte, welchen das altberühmte Nordstrand
erlebte. Blutrot stieg die Sonne im Südost hinter Eiderstedt herauf,
beschaute noch einmal das schöne, fruchtbare Eiland mit seinem
goldenen Ring, mit seinen grünen Wiesen und weidenden Viehherden, mit
seinen gesegneten Äckern, seinen Kirchen und Mühlen, seinen stillen
Dörfern und zerstreuten Bauernhöfen, seiner emsigen, tüchtigen, Gott
und sich selber vertrauenden Bevölkerung; dann verbarg sie sich wie
weinend hinter die dichten Wolken, die für den Tag ihr die Herrschaft
stahlen. Noch einmal läuteten die Kirchenglocken die gläubigen Christen
zum Gottesdienst in die Kirchen -- denn es war eben Sonntag. Noch
einmal scharten sich die Schlachtopfer betend in den heimatlichen
Gotteshäusern, stimmten noch einmal ein Loblied dem Herrn an, während
der Donner schon über ihre Häuser rollte und der Regen sich in Strömen
ergoß. Noch einmal sammelten sich die Familien an ihrem freien
Eigentumsherd und um den gefüllten Tisch im Frieden, nicht ahnend, daß
es das letzte Mal sein würde.“
[Illustration: Abb. 30. ¯Blick auf das Watt zwischen Föhr und Amrum.¯]
Ein ungeheurer Sturmwind aus Südwesten kommend brach los, dessen
Ungestüm sich den Tag über immer mehr und mehr steigerte, und gegen
neun Uhr abends geschah das Entsetzliche, daß im Verlaufe einer
einzigen Stunde das Meer durch 44 Deichbrüche in die Köge stürzte.
Schon um zehn Uhr war die Insel vernichtet, und Nordstrand hatte
aufgehört zu sein. „Da waren mehr als 6200 Menschen und 50000 Stück
Vieh dort ertrunken; da waren die Deiche der Insel an zahllosen Stellen
zerstört; da lagen 30 Mühlen und mehr als 1300 Häuser zertrümmert
danieder; da war vernichtet die Heimat und das Glück von mehr als
8000 Menschen. Nur die Kirchtürme und Kirchen ragten, obgleich auch
beschädigt, aus diesem wilden Chaos, aus diesem großen Kirchhofe wie
kolossale Grabmäler hervor. Der kalte Nordwest hatte unterdessen in der
Nacht über die Trauerscene geweht, jedoch der Sturm sich allmählich
gelegt. Nur 2633 Menschen hatten diese Schreckensnacht, hatten den
Untergang ihrer Heimatinsel überlebt, blickten aber jetzt trostlos
auf die verödeten Land- und Häusertrümmer, auf die zerrissenen Deiche
und das frei ein- und ausströmende erbarmungslose Meer, auf die im
Wasser und Schlamm umherliegenden Menschen- und Tierleichen, auf die
zerstörten und verdorbenen Geräte und Vorräte und vor allem auf den
nahen Winter mit seinem Frost und Schnee, mit neuen Stürmen und Fluten
und neuem Elend, und auf ihr eigenes nacktes Dasein inmitten dieser
Wasserwüste und dieser wilden Elemente.“
[Illustration: Abb. 31. ¯Peterswerft auf Langeneß vor dem Einsturz.¯
(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
[Sidenote: Nordstrandisch-Moor.]
Der gelehrte und in diesen Blättern schon genannte friesische Chronist
Anton Heinrich Walther, der 30 Jahre lang (1656–1685) Prediger an
der Kirche der Hallig Nordstrandisch-Moor gewesen ist, fügt seinem
eigenen Bericht über den 11. Oktober 1634 noch die Worte hinzu: „Es
ist aber der Wasserfluth nicht genug gewesen, sondern es hat auch
Gott der Herr viele daneben mit der Feuerruthe gestrafet, indem eines
Theils aus Unvorsichtigkeit, anderen Theils aus Ungestümigkeit der
Winde ihr Feuer ihre eigenen Häuser, darauf sie gesessen und den Tod
stündlich erwartet, hat eingeäschert, also daß sie einen zwiefachen Tod
vor ihren Augen haben sehen müssen, auch wol, wie man Exempel weiß,
aus Furcht vor dem Feuer selbst in’s Wasser gesprungen und sich also
ersäuft, da man sonst noch das Leben hätte retten können. Und ist nicht
ungläublich, daß mehrermeldeter ungeheurer Sturmwind mit einem Erdbeben
vermenget gewesen.“
Von der Mitte der Insel Nordstrand waren nur einige Halligen
übriggeblieben, die im Laufe der Zeit bis auf wenige Überreste nach
und nach gänzlich von den Meereswogen verschlungen worden sind. Eines
dieser Überbleibsel bildet die heutige Hallig Nordstrandisch-Moor,
ehemals ein in der Mitte des alten Nordstrand befindliches, hoch
belegenes Moor, auf welches sich ein Teil der Einwohner geflüchtet
hatte. Sie bauten sich hier Werften, Häuser und 1656 sogar eine eigene
Kirche und nährten sich in der Folge von Fischfang, Schiffahrt,
Schafzucht und Torfgraben. Auch Nordstrandisch-Moor hat hernach
noch viele böse Zeiten erleben müssen, mehrfach sind die brandenden
Wogen der Nordsee wieder über die Hallig hinweggezogen und Elend und
Not haben sie in noch mannigfacher Weise heimgesucht. Ihre letzten
Unglückstage waren der 1. Dezember 1821 und dann wieder der 4. Februar
1825, an denen die Meereswellen die Kirche zusammengerissen haben,
die seither nicht wieder aufgebaut worden ist. Die Kirchwerft steht
heute verlassen da. Der letzte Geistliche, welcher in dem zerstörten
Gotteshause seines Amtes gewaltet hat, war Johann Christoph Biernatzki,
der berühmte Verfasser der Novelle „Die Hallig“. Seine darin
niedergelegte ergreifende Schilderung der Sturmflut von 1825 ist längst
ein Gemeingut des deutschen Volkes geworden.
[Sidenote: Nordstrand.]
Das westliche Ende des alten Nordstrand, Pellworm, wurde später
mit Hilfe der Holländer wiedergewonnen, das östliche, das jetzige
Nordstrand, erst viele Jahre nachher wieder eingedeicht. Von den 40000
Demat, welche die Insel eben vor der Flut noch maß, sind jetzt, nach
276 Jahren, kaum der dritte Teil wieder dem Meere entrissen.
Es mangelt uns hier an Raum, um weiter von den Zerstörungen zu
berichten, welche die Sturmflut von 1634 noch an anderen Stellen der
deutschen Nordseeküste angerichtet hat. Die Schätzung Hansens, daß
dieselbe in allen ehemaligen nordfriesischen Uthlanden etwa 9089
Menschen, in ganz Nordfriesland ca. 10300 menschliche Wesen, in allen
Marschländern der cimbrischen Halbinsel jedoch deren an 15000 zum Opfer
gefordert habe, dürfte kaum zu hoch gegriffen sein.
[Illustration: Abb. 32. ¯Auf der Hallig Oland.¯
(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
Im achtzehnten Jahrhundert verzeichnet die Chronik eine ganze Anzahl
von Unglückstagen, welche das stürmische und wildbewegte Meer über die
friesischen Lande heraufbeschworen hat. Da war es der Christtag 1717,
an dem, fünf Tage nach dem Vollmond, bei heftig wütendem Südwestwinde,
der in der Nacht nach Nordwesten umsprang, das Wasser an der Küste
um eine ganze Elle höher gestanden haben soll als im Jahre 1634.
Schon um die dritte Stunde des Weihnachtsmorgens war das ganze Land
überschwemmt, aber erst gegen acht Uhr hatte die Flut ihren höchsten
Stand erreicht. Die Halligen, die Inseln Föhr und Sylt, Dithmarschen
und das Land nördlich der Eider mußten alle gewaltig unter dem Andrang
des Wassers leiden. Auf Langeneß durchwühlten die Wogen den Kirchhof
und rissen die Särge aus ihren Gräbern. In Süderdithmarschen kamen
468 Menschen und 6530 Stück Vieh um, 1067 Häuser wurden zerstört. Man
begann überall sofort, soweit das bei der Witterung im Winter angängig
war, die entstandenen Schäden wieder auszubessern, allein schon zwei
Monate später, am 25. Februar 1718, entstand abermals ein entsetzliches
Unwetter, das eine neue Überflutung zur Folge hatte. Der Sturm trieb
das Wasser der Nordsee in ungewöhnliche Höhe über die Inseln und
Marschen Frieslands hinweg, zerbrach die Eisdecke des inneren Haffes,
schob die Eistrümmer aufeinander und führte sie mit sich gegen die
Ufer und Deiche, ja zum Teil weit in das Land hinein, so daß die
Wirkungen dieser Sturmflut teilweise noch viel zerstörender wurden, als
diejenigen der Weihnachtsflut.
Eine weitere Katastrophe ereignete sich in den Tagen des 9. zum
11. September 1751, wobei unter anderen die Insel Föhr durch einen
fünffachen Deichbruch stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dann ist
der Oktobersturm von 1756 (7. Oktober) nicht zu vergessen, der von
gewaltigen Deichbrüchen und Unheil aller Art begleitet gewesen ist.
„Auf Gröde,“ so erzählt Hansen, „schien eine Auferstehung der Toten vor
sich zu gehen. Die aus den Gräbern des dortigen Kirchhofes durch die
tobenden Wellen herausgespülten Särge stießen die Wand des dortigen
Pastorates ein und stürzten in die Stube desselben.“
Nachdem schon der Dezember 1790 sehr sturmreich gewesen war -- allein
während dieses Monats werden sieben Sturmtage gezählt --, brachte das
Jahr 1791 eine wahre Unzahl von Stürmen, deren stärkster mit einer
großen Wassersflut am 21.–22. März erfolgte. Noch gewaltiger tobten
aber die aufgeregten Wellen der See in der Zeit vom 4. zum 11. Dezember
1792, bei vorherrschendem Südwest- und nachher wieder, wie gewöhnlich
nach Nordwesten umspringendem Winde. Die friesischen Deiche litten
überall in hohem Maße; nur noch „wie Klippen ragten die besonders
arg mitgenommenen Deiche Pellworms aus dem wogenden und schäumenden
Meere hervor“, und die dortigen Köge sollen sogar meist sechs Fuß
unter Wasser gestanden haben. Von Föhr und von verschiedenen Stellen
des Festlandes werden ebenfalls viele Deichbrüche gemeldet, und die
Marschen blieben dort noch geraume Zeit vom salzigen Wasser bedeckt,
das sich nur langsam verlief. Übrigens ereigneten sich schon wieder am
18., 19. und 21. Dezember neue, wenn auch viel schwächere Stürme.
Kaum waren die so arg heimgesuchten Bewohner wieder etwas zur Besinnung
gekommen, als bereits am 3. März 1793 und am 26. Januar 1794 neuer
Schrecken und Not über Nordfriesland hereinbrachen.
[Sidenote: Höhen der Fluten.]
Traeger hat die Höhen einzelner Fluten des achtzehnten Jahrhunderts
zusammengestellt. Sie betrugen:
Anno 1717 20 Fuß
" 1751 20 " 2 Zoll,
" 1756 20 " 5 "
" 1791 20 " 2 "
" 1792 20 " 6 "
Zum letztenmal in größerem Umfang ist die friesische Küste am Ende
des neunzehnten Jahrhunderts der Tummelplatz der zerstörenden Wellen
gewesen. Das ist in der denkwürdigen Nacht vom 3. zum 4. Februar
1825 geschehen. In vielen Dingen soll dieses grausige Ereignis den
Sturmfluten von 1634 und 1717 ähnlich gewesen sein. Auch diesmal kam
der Sturm erst aus Südwesten und drehte dann nach Nordwesten um.
Sylt, Amrum, Föhr, am meisten aber die Halligen und Pellworm wissen
von dieser Unglücksnacht zu erzählen. In mehr als 100 Häuser auf
der erstgenannten Insel drangen die Wasserströme ein, viele davon
wurden zerstört, und das kleine, verarmte Dorf Rantum ging fast ganz
verloren. Föhrs Deiche brachen an fünf verschiedenen Stellen; seine
Marschen wurden überschwemmt, zwei Menschenleben, viele Kühe und 4000
Schafe kamen in den Wellen um. Auf den Halligen standen vor dieser
Sturmflut 339 Häuser; davon waren 79 ganz verschwunden und 233 durch
das Wasser unbewohnbar geworden. Auf Hooge ertranken 28 Menschen, 30
auf Nordmarsch und Langeneß, 10 auf Gröde. Die von den Wellen verschont
gebliebenen Halligbewohner saßen durchnäßt, hungernd und frierend auf
den Trümmern ihrer Wohnstätten, fanden aber durch die Barmherzigkeit
der Föhringer fast alle Obdach und freundliche Aufnahme in Wyk auf
Föhr. Manche blieben für immer dort, andere siedelten sich auf dem
Festlande an, die übrigen kehrten bald wieder auf ihre verödeten
Heimstätten zurück und fingen von neuem an zu bauen an Werften und
Häusern. Nur Norderoog ist nach dieser Flut nicht wieder bewohnt
worden. Im Sommer 1825 ist König Friedrich ~VI.~ von Dänemark selbst
nach den nordfriesischen Inseln gekommen, um sich persönlich von dem
unhaltbaren Zustand an den Westmarken seines Reiches zu überzeugen. Das
Königshaus auf der Hallig Hooge erinnert heute noch an diesen seltenen
Besuch. Seither ist manches geschehen, um den bestehenden Übelständen
abzuhelfen und das gefährdete Land vor neuem zerstörenden Anprall der
Nordseewogen zu beschützen. Im Laufe der Jahre hatte man gelernt, daß
die Eindeichung des Landes die größte Gefahr bringt, solange sie nicht
auch gegen die höchste Flut Sicherheit zu gewähren vermag. „Während
selbst das empörteste Meer und die höchste Flut machtlos über den
uneingedeichten ebenen Rasen rollt, vernichtet die Sturmflut, welche
den Deich zerbricht, nicht bloß diesen, daß er in ruinenhaften Trümmern
stehen bleibt und maßlose Erdopfer zu seiner Wiederherstellung braucht,
sondern an der Stelle des Bruches entsteht auch durch den Wasserfall
ein ausgewühlter, tiefer Kolk, eine Wehle, die sich wohl immer und
immer wieder als neue Angriffsstelle darbietet. Auch das innerhalb
des Kooges beackerte, also seiner Rasendecke beraubte Land wird bis
zu jener Tiefe abgeschält, die dem Aus- und Einlaufen der Fluten
entspricht, und geht dadurch, wenn neue Eindeichung nicht bald möglich
ist, gänzlich verloren, wird wieder zu Watt. Leider ist diese Erfahrung
so spät gewonnen, daß der größte Teil des alten Nordfrieslands verloren
war, als man lernte, die Kraft des ganzen Hinterlandes zu verwenden, um
den Schutz gegen das Meer zu einem wirklich vollständigen zu machen“
(Meyn).
[Illustration: Abb. 33. ¯Die Häuser der Hallig Gröde.¯ (Nach einer
Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
[Sidenote: Rettung der Inseln.]
Die heutigen, gegen die verflossenen Zeiten so sehr veränderten
Verkehrsverhältnisse ermöglichen das Heranziehen großer Arbeitermengen,
und dadurch ist nach dem Landesbaurat Eckermann, aus dessen Geschichte
der Eindeichungen in Norderdithmarschen wir citieren, der Deichbau der
Jetztzeit gegen die früheren Jahrhunderte in außerordentlich günstiger
Lage. In alter Zeit war jede Kommune bei den Eindeichungen auf ihre
eigenen Kräfte angewiesen; nur bei ganz außergewöhnlichen Aufgaben
wurden die benachbarten Harden und Kirchspiele auf fürstlichen Befehl
mit zu der Arbeit herangezogen. Dammbauten zwischen den Halligen und
dem Festlande helfen neuerdings zur Befestigung und Rettung der Inseln.
[Illustration: Abb. 34. ¯Haus der Hallig Gröde.¯
(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
~V.~
Land und Leute.
[Illustration]
[Sidenote: Die Watten.]
Bei Endrup, gegenüber der kleinen dänischen Insel Manö, beginnt der
deutsche Teil der Nordseeküste und zieht sich in etwa nordsüdlicher
Linie bis zu der Elbmündung hin. Von hier nimmt ihr Verlauf eine
westöstliche Richtung und erreicht an dem Einfluß der Ems ins Meer und
am Dollart die holländische Grenze. Wie wir schon weiter oben gesehen
haben, trägt das deutsche Gestade an der Nordsee den Charakter einer
Doppelküste, indem der mannigfach gegliederten Festlandsküste eine
Inselküste vorgelagert ist, der Überrest eines großen, im Laufe der
Äonen zerstörten und vormals bis weit nach Westen reichenden Areales.
Zwischen beiden Küstenlinien dehnt sich das Watt aus, das vor den
Einmündungen der Eider, Elbe, Weser und Ems Unterbrechungen erleidet,
aber längs der Unterläufe dieser Ströme seine Fortsetzung in das
Flachland hinein in der Gestalt der Flußwatten besitzt. Neben diesen
Wasserläufen ergießen sich noch eine beträchtliche Anzahl von kleineren
Flüssen in das deutsche Meer, so von Schleswig-Holstein her die Bredau,
die Wiedau bei Hoyer, die Husumer Au, die Miele bei Meldorf u. s. f.,
und die zahlreichen Küstenflüsse in Hadeln und Wursten, Butjadingen, im
Gebiete der Jade und in Ostfriesland.
[Illustration: Abb. 35. ¯Küche des Gröder Hauses.¯
(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
Es ist in allerneuester Zeit die Ansicht ausgesprochen worden, daß
in den sogenannten Baljen, welche die einzelnen ostfriesischen Inseln
voneinander trennen, die Fortsetzung etlicher dieser Gewässer zu suchen
sein könnte, ebenso, wie an der Westküste von Schleswig-Holstein
die dort ins Meer fallenden Wasserläufe in Verbindung mit den ihren
Mündungsstellen entsprechenden Tiefen stehen dürften, so die Brönsau
im äußersten Norden unseres Gebietes mit dem Juvrer Tief, die Wiedau
mit dem Römer Tief, die Eider mit dem Süderhever, die Miele mit dem
Norderpiep u. s. f.
[Sidenote: Die Inselreihen.]
Die Inselküste gliedert sich in die zur cimbrischen Halbinsel
gehörige Kette der nordfriesischen Eilande. Röm oder Romö ist das
nördlichste derselben, dann folgen das lang gestreckte Sylt und Amrum,
mehr landeinwärts und von Amrum gedeckt, Föhr, hierauf die Gruppe
der Halligen mit Nordstrand und Pellworm. Vor dem linken Ufer der
Elbemündung erhebt sich Neuwerk aus den Fluten und weit draußen, rings
von der offenen Nordsee umspült, steigt der rote Felsen Helgolands
mit seinen Riffen aus dem Wasser empor. Wangeroog eröffnet den
ostfriesischen Inselkranz, den weiter Spiekeroog, Langeoog, Baltrum,
Norderney, Juist und Borkum bilden, und der sich jenseits der deutschen
Meeresgrenze längs der niederländischen Küste über die Zuidersee hinaus
fortsetzt. Von der vielgestaltigen Gliederung der Festlandsküste mit
den Halbinseln Eiderstedt, Dieksand u. s. f. ist schon weiter oben kurz
die Rede gewesen.
[Illustration: Abb. 36. ¯Einholen des Netzes beim Sandspierenfang.¯]
Was nun das Klima anbetrifft, so schreibt Penck darüber, daß nicht
die Bodengestaltung die klimatischen Verschiedenheiten einzelner
Teile Norddeutschlands bedinge. Die geographische Breite im Verein
mit der mehr oder minder großen Nähe des Meeres erweist sich
dagegen als Hauptfaktor bei der Bestimmung der Temperatur und
Regenverhältnisse eines Ortes. Die wärmsten Gegenden sind im Westen,
im Bereiche der großen Moore belegen, und längs der Ems findet man
mittlere Jahrestemperaturen von 9° und darüber. Die Regenmenge auf
den nordfriesischen Inseln erhebt sich bis auf 1000 ~mm~; in den
Moorgegenden beträgt dieselbe an 800 ~mm~.
In politischer Beziehung gehören die Lande an dem deutschen
Nordseegestade mit alleiniger Ausnahme des Gebietes der freien Städte
Hamburg und Bremens, sowie des oldenburgischen Küstenstriches dem
Königreich Preußen, und zwar den Provinzen Schleswig-Holstein und
Hannover an.
[Illustration: Abb. 37. ¯Seehundsjäger.¯]
[Sidenote: Geest und Marsch.]
Mit Ausnahme einiger weniger Stellen, an denen anstehendes Gestein
zu Tage tritt (Helgoland, Stade, Hemmoor, Umgebung von Altona und an
anderen Orten, Lägerdorf bei Itzehoe, Schobüller Berg bei Husum),
das dem Zechstein, der Trias, der Kreide und dem Tertiär angehört,
nehmen ausschließlich nur Diluvium und Alluvium, in den Dünen und dem
Flugsande auch Gebilde äolischer Art an dem Aufbau der Lande an der
deutschen Nordseeküste teil. Aus dem Diluvium besteht der innere Kern
des Küstenlandes, der wiederum in der Tiefe auf älteren Formationen
aufruht. Da und dort tritt diese Quartärbildung hervor, jedoch wird
sie auch vielfach von Alluvium und zwar von Mooren und Marschen,
oder von Dünen überlagert. Vom geographischen Standpunkte aus sind
zu unterscheiden: die Geest und die Marsch. Schon vor 50 Jahren hat
Bernhard von Cotta den zwischen den beiden ebengenannten Bildungen
bestehenden Gegensatz also definiert: „Die Marsch ist niedrig, flach
und eben, die Geest hoch, uneben und minder fruchtbar. Die Marsch
ist kahl und völlig baumlos, die Geest stellenweise bewaldet, die
Marsch zeigt nirgends Sand und Heide, sondern ist ein ununterbrochener
fetter, höchst fruchtbarer Erdstrich, Acker an Acker, Wiese an Wiese;
die Geest ist heidig, sandig und nur stellenweise bebaut. Die Marsch
ist von Deichen und schnurgeraden Kanälen durchzogen, ohne Quellen
und Flüsse, die Geest hat Quellen, Bäche und Ströme.“ Der eigentliche
Geest- oder Heiderücken, ursprünglich nur mit Heide, Brahm und
verkrüppelten Eichen bestanden und Roggen als Ackerfrucht tragend,
wird von einem schwach lehmigen, aber sehr eisenschüssigen Sande
bedeckt, der gewöhnlich reich an Grand und stark abgerundeten Geröllen
ist. Nicht selten liegen einzelne Riesenblöcke umher, welche von den
germanischen Ureinwohnern zu ihren Steinsetzungen und zur Herstellung
ihrer Hünengräber verwendet worden sind. Breite Thäler unterbrechen
zuweilen den Geestrücken, von grobem Sande ohne Rollsteine erfüllt oder
auch wirkliche Moorsümpfe tragend. Man hat diese Erscheinungen zum
Unterschiede von der eigentlichen Geest auch als Blachfeld bezeichnet.
Der Sand des letzteren ist alluvialen Alters, während die sandigen
Lagen der eigentlichen Geest, der Geschiebedecksand, noch dem Diluvium
zugerechnet werden müssen, wie auch der an manchen vom letzteren freien
Stellen des Bodens zu Tage tretende Geschiebe- resp. Moränenmergel.
Weiter nach der Küste zu entwickelt sich aus dem Blachfelde die von
steinleerem, mehligem Sande bedeckte Heideebene oder Vorgeest, deren
unfruchtbarste Teile durch die unzugänglichen Einöden der Hochmoore
gebildet werden oder von Binnenlandsdünen durchzogen sind, Sandschollen
und Sandhügel, die der Wind aus dem Heidesand aufgetürmt hat. Solche
Hochmoore befinden sich in ganz besonders großartiger Entfaltung im
westlichen Teil der deutschen Nordseeküstenländer, am stärksten im
Gebiete zwischen den Mündungen der Weser und Ems. Im Regierungsbezirk
Aurich entfallen 748,8 Quadratkilometer = 24,6% der Bodenfläche
auf Moor, im Regierungsbezirk Osnabrück 1249,9 Quadratkilometer
= 20,5%, im Regierungsbezirk Lüneburg 776,4 Quadratkilometer =
7%, im Regierungsbezirk Stade 1877,6 Quadratkilometer = 28,2%, im
Großherzogtum Oldenburg 945,4 Quadratkilometer = 18,6%. Etwa 27500
Quadratkilometer Moorlandes befinden sich innerhalb der Grenzen des
Deutschen Reiches, und davon kommt auf die Provinz Hannover mit
Oldenburg zusammen allein beinahe der vierte Teil, ungefähr 6525
Quadratkilometer. Schleswig-Holsteins Moorflächen schätzt man auf 1500
Quadratkilometer, von denen etwa ein Drittteil auf das eigentliche
Areal der Nordseeküste zu stellen wäre, und wenn man die Wasserscheide
zwischen Nord- und Ostsee als östliche Grenzlinie unseres Areals
ansehen wollte -- was in rein geographischem Sinne seine Richtigkeit
hätte --, so müßte der weitaus beträchtliche Teil dieser Zahl dazu
gerechnet werden.
[Illustration: Abb. 38. ¯Nordstrand. Partie am Norderhafen.¯
(Liebhaberaufnahme von A. Höck in Nordstrand.)]
[Sidenote: Moorbildungen.]
Man hat in unserem Gebiet zweierlei Moorbildungen zu unterscheiden,
nämlich die Grünlands-, Wiesen- oder Niederungsmoore und die
Hochmoore. Die ersteren bestehen vorwiegend aus den Resten von
Gräsern, Scheingräsern, Moosen und Sumpfwiesenpflanzen und sind
reich an wichtigen Pflanzennährstoffen, so an Stickstoff und Kalk.
Wir finden diese Art Moore in den Niederungen, den Thälern träge
fließender Gewässer, die zur Versumpfung des Geländes Anlaß geben. Ihre
Erhebung über den Wasserspiegel ist nur sehr gering. In den weiten
Flußthälern des Nordwestens sind sie in großer Ausdehnung vorhanden, so
beispielsweise im Gebiet der Wümme und Hamme, die vereint als Lesum in
die Weser fließen.
[Illustration: Abb. 39. ¯Ein Mövennest.¯
(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
[Sidenote: Moor und Heide.]