der deutschen Nordseeküste nach dem Eindringen des Meeres in das
obenerwähnte Areal nicht viel anders vorstellen will, als dasselbe
in der Gegenwart erscheint. Natürlich nur dem Typus, dem Charakter
nach, denn was die Umgrenzungen des damaligen Festlandes und der
Inselwelt jener vergangenen Tage betrifft, so waren dieselben
grundverschieden von denjenigen der Jetztzeit. Der westliche Rand der
Inseln lag sicherlich viel weiter seewärts, als dies nunmehr der Fall
ist, und die Konturen der Festlandsküste, so wie sie sich heutzutage
darstellen, sind nach vielen Peripetien größtenteils die Produkte der
späteren Zeiten und das Werk menschlicher Arbeit und unablässigen
Fleißes. Aber gerade so wie heute haben wohl auch dazumal größere und
kleinere Eilande aus dem seichten Meere hervorgeragt, die Überreste
der hügeligen Partien des untergesunkenen Landes, geradeso wie heute
füllte das Watt mit seinen Tiefen und Prielen den Zwischenraum
zwischen diesen Inseln und dem Festlande aus, geradeso vollzog sich
schon damals jener eigentümliche Wechselprozeß der Zerstörung des
Küstenlandes durch das Meer und das Wiederabsetzen dieses losgelösten
Materials an einer anderen Stelle, jener Vorgang, dem das Watt und die
daraus hervorgegangenen Marschen ihr Dasein verdanken. Denn was die
See an einer Stelle nimmt, das schenkt sie an einer anderen wieder
her. Allerdings, sehr einfach ist dieser Prozeß der Landneubildung
nicht, es ist derselbe vielmehr ein kompliziertes Ding, bei welchem
vielerlei noch nicht gehörig aufgeklärt ist. Das Material, das hierbei
in Betracht kommt, ist ein sandiger und glimmerreicher Schlick, welcher
unter der Einwirkung von Ebbe und Flut abgesetzt wird, und zwar nicht
vom Meere allein, sondern auch von den verschiedenen Zuflüssen der
Nordsee. Er besteht aus den feinerdigen Stoffen, welche die Flüsse mit
sich führen, aber mehr von zerstörten älteren Flußalluvionen als von
zerstörtem Gebirge herrührend, dann aus den mineralischen Teilen, die
von den Abnagungen des Meeres an den benachbarten tertiären, diluvialen
und alluvialen Küsten stammen, aus dem feinen Meeressande, welcher
durch die Brandung mit in Suspension gebracht wird, aus den unzähligen
Resten von winzig kleinen Lebewesen der marinen Tier- und Pflanzenwelt
und der ins Meer geführten Süßwasserbewohner, und den Humussäuren der
von allen Seiten kommenden Moorwässer, welche sich mit den Kalk- und
Talkerdesalzen des Meeres niederschlagen. „Letztere liefern so den
Schlamm, das wichtigste Bindemittel für die Sandmassen und übrigen
Stoffe, welche vom Meere und den Flüssen an den Mündungen angehäuft
werden. Die humussauren Salze bilden den Hauptfaktor für die Entstehung
der Watten und der Marschen. Hieraus erklärt sich auch in gewisser
Hinsicht das Fehlen der Wattenbildungen in anderen Meeren, wie z. B. in
der salzarmen Ostsee“ (Haage).
Die Watten sind nun, wie man sie treffend genannt hat, ein
amphibisches Übergangsgebilde zwischen Wasser und Land, ein Gebiet, das
für das gewöhnliche Auge vom übrigen Meere nicht zu unterscheiden ist,
wenn das Wasser seinen Höhepunkt erreicht hat, das aber bei niedrigem
Wasser in der Gestalt von trockenen gelben Sandflächen erscheint,
die nur nach dem Festlande hin und in der Umrandung der Inseln mit
grauem Schlick bekleidet sind. Eine Unmenge von Wasserrinnen, sog.
Tiefe, Baljen, Priele u. s. f., umsäumen und gliedern die Watten und
vereinigen sich zu größeren Tiefen, in welchen Strömungen cirkulieren,
die, wie Meyn sagt, „mit der Geschwindigkeit des Rheinstromes dem Meere
zuschießen, allen eingewehten Sand vor sich herfegend und den größten
Schiffen Einfahrt räumend“. Der eingeborene Fischer und Schiffer,
dessen Erwerb, ja dessen Leben von der richtigen Beurteilung der
Wasserfläche abhängen, gewahrt bei Hochwasserstand mit Leichtigkeit
diese Tiefen und vermag dieselben von den ausgedehnten Untiefen zu
unterscheiden, auch wo sie nicht durch die in Wind und Wogenschlag
schwankenden jungen Birkenstämme bezeichnet sind, die überall als
Zeichen des Tiefs in seinen untiefen Rändern versenkt sind und die
Binnenschiffahrt erleichtern. Das Areal dieser amphibischen Grenzzone
der Watten zwischen dem deutschen Festlandsboden und der Nordsee ist
3655,9 Quadratkilometer groß; hiervon bilden 3372 Quadratkilometer =
92¼% einen geschlossenen Grenzsaum, die übrigen 283,9 Quadratkilometer
= 7¾% liegen als Exklaven innerhalb des Meeresgebietes. Es sind diese
letzteren isolierte Wattinseln, die mit dem geschlossenen Wattensaum
nicht in fester Berührung stehen und sich nicht wie dieser an dauernd
trockenes Land anlehnen. Vereinzelt tauchen sie als „Sande“ vor den
Friesischen Inseln und innerhalb der zahlreichen Buchten, die das
Meer in das Wattland hineinsendet, aus dessen Wassern auf. Auf die
Watten an der Küste Schleswig-Holsteins entfallen insgesamt 2023,4
Quadratkilometer, auf diejenigen an der Küste von Hannover und
Oldenburg 1632,5 Quadratkilometer.
[Illustration: Abb. 22. ¯Keitum nebst Kliff, von Osten gesehen.¯
(Nach einer Photographie von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
Die großen Flächen der Watten sind sandig und fest zu betreten, dagegen
sinkt man tief in dieselben ein, wenn sie schlammiger Natur sind. Der
Marschbewohner Nordfrieslands geht bei Ostwind an vielen Stellen von
Insel zu Insel, sogar von Sylt nach dem Festlande. Doch ist eine solche
Wanderung, ein Schlicklauf, nicht immer ohne Gefahr, und Vorsicht thut
hier besonders not (Abb. 6–8).
[Sidenote: Bernsteinfunde.]
In früheren Zeiten hat der auf den Watten häufig vorkommende Bernstein
bei den Bewohnern der umliegenden Küsten zur Beleuchtung gedient.
Nach jeder höheren Flut wirft die See Bernsteinstücke verschiedenen
Formates aus und diese bleiben dann, wie Meyn bemerkt, „mit einem
schwarzen Brockenwerk aus Braunkohlenstückchen, Schiffstrümmerchen,
Torfstückchen und zerriebenem Torfholze, teilweise auch glattgerollten
größeren Holzstücken aus dem Torfe, dem sog. ‚Rollholz‘, in langen
braunen Streifen als äußerste Wattenkante an Hochsanden, Hochstranden
und sonstigen erhabenen Stellen liegen, wo sie von den Schlickläufern
gesammelt, weiter südlich durch die abenteuerlichen ‚Bernsteinreiter‘
gefischt werden“. Über die mit diesem Bernsteinsammeln verbundenen
Gefahren hat vor 112 Jahren der Pastor Heinrich Wolf zu Wesselburen
eine belehrende Darstellung in den schleswig-holsteinischen
Provinzialberichten gegeben, worin derselbe u. a. mitteilt, daß oft
Stücke von 24 Lot gefunden würden und kurz vorher sogar ein solches von
dritthalb Pfund aufgelesen worden sei. „Man will mir sagen,“ schreibt
er weiter, „daß ein gewisser Mann in einer benachbarten Gegend jährlich
über tausend Mark auf diese Weise umgesetzt habe.“ Tausend Mark Banko
waren aber im Jahre 1788 eine recht beträchtliche Summe.
[Illustration: Abb. 23. ¯Kurhaus in Wittdün auf Amrum.¯
(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
Ludwig Meyn hat den Beweis dafür erbracht, daß hier an ein originales
Bernsteingebirge nicht gedacht werden kann, sondern daß das Material
aus dritter, vierter oder fünfter Lagerstätte kommen müsse, und daß
seine Anwesenheit demnach als das Zeichen eines zerstörten Miocän-
resp. Diluviallandes zu gelten habe.
Aber nicht nur vom geologischen Standpunkte aus, auch von demjenigen
des Altertumsforschers ist das Vorkommen des Bernsteins in größerer
Menge an den deutschen Nordseeküsten von Wichtigkeit. Es ist
bekanntlich ein lange Zeit hindurch strittiger Punkt gewesen, woher
die Römer ihren Bernstein bezogen hätten, und wo die von Pytheas von
Massilia geschilderte Bernsteininsel Abalus zu suchen sei. Der eben
genannte Reisende hat zu Alexander des Großen Zeiten, den Schritten der
Phönicier und Karthager folgend, die britannische Küste und auch zuerst
das germanische Nordseegestade besucht, von dem er die Schilderung
eines Ästuars -- Mentonomon nennt er es -- von 6000 Stadien Ausdehnung
gibt. „Dort,“ so lautet sein durch Aufzeichnungen des Timäus von
Müllenhoff ergänzter Bericht, „wohnen die Teutonen und vor ihrer Küste
liegt im Meere außer mehreren unbenannten Inseln in der Entfernung von
einer Tagefahrt die Insel Abalus, wohin im Frühjahr die Fluten den
Bernstein, der eine Absonderung des geronnenen Meeres ist, tragen und
in großer Menge auswerfen. Die Einwohner dort sammeln ihn und haben so
reichlich davon, daß sie ihn statt des Holzes zum Feuern gebrauchen“ u.
s. f. Oberhalb der Elbe im Gebiete der Eidermündungen wird noch jetzt
der meiste Bernstein an der Nordsee gefunden und in dieser Gegend mag
wohl die mythische Bernsteininsel gelegen haben, die, wie Müllenhoff
meint, Pytheas wohl mit eigenen Augen erblickt hat, was mehrfach in
Zweifel gezogen worden war. Er war der erste namhafte Mann, der wohl
die Germanen in ihrer Heimat aufsuchte und von Angesicht sah, und
jedenfalls der erste, der von ihnen eine Kunde erlangt und Nachricht
gegeben hat. Wenn es auch unzweifelhaft erscheinen dürfte, daß ein
großer Teil des von dem römischen Volke verbrauchten Bernsteins,
besonders seit Domitian, aus dem Samland kam, so ist es doch wohl nicht
minder sicher, daß schon in früheren Zeiten auch von der Nordseeküste
aus dieses edle Harz seinen Weg an den Tiberstrom gefunden hat.
In eigentümlicher Weise geschliffen, von den rollenden Wellen zu
Kugeln, Ellipsoiden, Doppelkugeln, Spindeln u. s. f. geformt, stellt
sich das Rollholz dar, das aus den submarinen Mooren und Wäldern
stammt. Seine Spalten sind erfüllt von Sandkörnern, Foraminiferen und
winzigen Tierresten, als kleine Echinitenstacheln u. s. f. Es zeigt
uns, daß Moore und Wälder unter dem Sande jetzt bis an die äußerste,
vor der Brandung liegende und sich verzehrende Kante reichen, daß also
jetzt die Brandung bereits innerhalb des ehemaligen hochbelegenen
Küstensaums im Bereich des vormaligen Niederlandes aufschlägt.
[Sidenote: Bernstein. Die Watten.]
Die Unterlage der Watten besteht, wie gezeigt worden ist, aus einem
untergetauchten und von den Wellen teilweise zerstörten, mannigfaltig
gegliederten Festlande, und damit hängt auch der Umstand zusammen, daß
sich auf ihrem Gebiete Süßwasserquellen vorfinden, wodurch wiederum der
geologische Zusammenhang mit dem naheliegenden Küstenlande bewiesen
wird. So soll vormals bei der Hallig Nordmarsch eine solche Quelle
gewesen sein, eine andere nördlich von Langeneß, wo „ein Brunnen mit
frischem Wasser mitten in dem salzen Meere hervorquillt“, wie Lorenz
Lorenzen, der Halligmann, in Camerers Nachrichten von merkwürdigen
Gegenden der Herzogtümer Schleswig und Holstein erzählt. Dann ist in
früheren Zeiten nicht selten berichtet worden, daß Tuulgräber im Watt
ertrunken seien, weil plötzlich in der unterseeischen Torfgrube das
süße Wasser aufsprudelte.
[Illustration: Abb. 24. ¯Leuchtturm auf Amrum.¯
(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
[Sidenote: Landverluste. Sturmfluten.]
Die Watten und ganz besonders diejenigen Nordfrieslands verdienten
eigentlich als ein großer Kirchhof bezeichnet zu werden. Denn alsbald,
nachdem die Anschlickung an die Überreste des zusammengerissenen und
teilweise von den Wogen verschlungenen alten Festlandes wieder begonnen
und die erste Marschbildung sich vollzogen hatte, mag es auch nicht
an Menschen gefehlt haben, welche von dem so gebildeten Neulande
Besitz nahmen und in diesem Gebiete ihre Ansiedelungen erbauten.
Neue Meereseinbrüche, veranlaßt durch die von den Sturmfluten auf
das nunmehr schutzlos gewordene Land hinaufgetriebenen Wassermassen,
brachten neue Zerstörungen mit sich, denen wiederum neue Anschlickungen
und neue Besiedelungen folgten, die ebenfalls ein Opfer der Wellen
wurden. Und so ist es zweifellos von den ältesten Zeiten her gegangen,
in denen der Mensch im Lande erschien; ein immerwährender Wechsel war
es, der die Oberfläche des Gebietes immer und immer wieder anders
gestaltete, allerdings aber so, daß der Landverlust den Landgewinn
durch Anschlickung schließlich um ein sehr Bedeutendes überwog. Erst
als der Mensch gelernt hatte, sich vermittelst der Deiche Schutzwehren
gegen den vernichtenden Anprall und den alles zernagenden Zahn der
Meereswogen zu bauen, wurde es besser. Aber auch in dieser Beziehung
hat der Marschbewohner mit Leib und Leben, mit Hab und Gut gar oft
Lehrgeld bezahlen müssen, und bis er die Kunst des Deichbaues so
erfaßt hatte, daß ihm die grünen an der Küste aufsteigenden Wälle
nicht nur bei der nächsten besten Sturmflut von der Brandung wieder
zusammengerissene Brustwehren waren, sondern zum mächtigen Schild
wurden, hinter dem er sein Eigentum und sein Leben in Sicherheit
barg, hat es gar lange und bis in unser Jahrhundert hinein gedauert!
Millionen von Menschen, Tausende von Wohnstätten haben bis dahin dem
wütenden Elemente zum Opfer fallen müssen, ganze Kirchspiele sind
von der Erdoberfläche verschwunden, große Landareale von den nassen
Wogen verschlungen worden, bedeutende Städte mußten „vergehen“, wie
die Chronisten aus früheren Zeiten sich ausdrückten, bevor dies
geschah. Über diese weiten großen Flächen, in deren Tiefen dies alles
versunken ist, rollt heute die salzige Welle der Nordsee dahin und
nur Pfahlstümpfe, Mauertrümmer, verwitterte Leichensteine und dergl.
Dinge mehr, welche die tiefe Ebbe bisweilen auf dem Watt bloßlegt,
erinnern daran, daß ehemals hier menschliche Wohnstätten gestanden und
menschliche Wesen hier gelebt, geliebt, gehofft und auch gelitten haben.
~IV.~
Sturmfluten.
Plinius berichtet schon von einer gewaltigen Sturmflut, welche den
größten Teil der Cimbern und die Teutonen gezwungen haben soll, sich
nach gesicherteren Wohnstätten in Südeuropa umzuschauen. Wie wir aus
Mitteilungen des eben genannten Schriftstellers und aus solchen des
Ptolemäus wissen, lag die Heimat des cimbrischen Volkes im äußersten
Norden des germanischen Landes, im cimbrischen Chersonesus, also in
dem heutigen Jütland und wohl auch im nördlichen Teil des Herzogtums
Schleswig. Das erste Erscheinen der Cimbern im Lande der Taurisker,
in der Umgegend von Klagenfurt, fällt in das Jahr 113 v. Chr., woraus
zu schließen wäre, daß die obenerwähnte Wasserflut wohl einige
Jahre früher stattgehabt hätte. Nach Eugen Traeger ist jedoch die
erste historisch festgestellte Flut diejenige gewesen, welche 445
Jahre später, ~anno~ 333 nach des Heilands Geburt, die germanische
Nordseeküste verheert hat. In den darauf folgenden Jahrhunderten
haben sich derartige Ereignisse mehrfach wiederholt, so um 516, wo in
den friesischen Landen über 6000 Menschenleben von den Wasserfluten
vernichtet wurden, und im Jahre 819, das den Untergang von 2000
Wohnstätten an der Nordsee gesehen hat. In jene fernen Zeiten fallen
auch die ersten bedeutenderen Versuche, die Küsten durch besondere
Schutzbauten, durch Deiche, vor der Zerstörung durch die See zu
bewahren, zumal die von den Fluten immer mehr und mehr zerrissenen und
zu Grunde gerichteten Dünensäume nicht länger mehr dem Anprall der
Wogen stand zu halten vermochten. Aber erst vom Jahre 1100 ab wurden
die Deichbauten mit größerem Eifer betrieben, insbesondere in den
Dreilanden, dem jetzigen Eiderstedt und auf Nordstrand.
[Illustration: Abb. 25. ¯Strand von Wyk auf Föhr.¯
(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
[Sidenote: Sturmfluten.]
Von den zahlreichen Fluten, über welche uns von den verschiedenen
Chronisten Frieslands, insbesondere von Anton Heinreich in seiner
nordfriesischen Chronik berichtet wird, ist, wie in neuerer Zeit von
Reimer Hansen an der Hand kritischer historischer Forschung dargethan
wurde, bei weitem der größere Prozentsatz zu streichen. Im zwölften
Jahrhundert kommen für Dithmarschen und Nordfriesland in Betracht die
Flut vom 16. Februar 1164 und vielleicht auch diejenige von 1158. Für
das dreizehnte Säkulum ist wohl die Katastrophe vom 17. November 1218
verbürgt, bei welcher nach Peter Sax „im Oldenburgischen Jadeleh,
Wardeleh, Aldessen in Rustringen vergangen; in den Nordländern volle
36000 Menschen ertrunken“. Vielleicht ist damals auch die Lundenburger
Harde durchgerissen worden, wie Heimreich erzählt. Ebenso wird die
Flut vom 28. Dezember 1248 von nordalbingischen Chronisten so ziemlich
sicher bezeugt. 1277 und 1287 entstand durch die Zerstörung von 385
Quadratkilometern des fruchtbarsten Landes mit 50 Ortschaften der
Mündungsbusen der Ems mit dem Dollart, und mit dem Jahre 1300 begann
dann eine Periode, die im Bereich der friesischen Lande mit Recht die
Elendszeit genannt worden ist. Eine wenig günstige Schilderung der
Charaktereigentümlichkeiten des Friesenvolkes jener Zeit haben uns,
allerdings erst einige Jahrhunderte später, einige Chronisten gegeben.
Es heißt da, sie seien durch ihren Reichtum hochmütig gewordene und das
Wort Gottes und die heiligen Sakramente verachtende Menschen gewesen,
die sich durch ihre Sündhaftigkeit diese schrecklichen Strafen Gottes
zugezogen hätten. Es mag hier dahingestellt bleiben, ob dieses harte
Urteil nicht sehr durch Parteilichkeit getrübt ist, und inwiefern
die Ursache der Unfolgsamkeit des sonst so schlichten, wenn auch
derben friesischen Volkes nicht in einem gegründeten Verdachte oder
in Mißtrauen gegen seine katholischen Priester zu suchen war, denn,
wie Petrejus in seiner Beschreibung des Landes Nordstrand sagt: „Die
Papisterey und Mönnicherey ist ihnen vielleicht verdächtig gewesen.“
[Illustration: Abb. 26. ¯Frauentracht auf Föhr.¯
(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
Unsicher ist die Flut vom 1. Mai 1313, sicherer eine solche aus dem
Jahre 1341, wahrscheinlich eine weitere am 1. Mai 1380, am sichersten
aber diejenige vom 16. Januar 1362, die schlimmste von allen vor
der zweiten großen Manndränke am 11. Oktober 1634. Damals stieg das
Wasser über die höchsten Deiche Nordfrieslands, richtete in den
Außenlanden furchtbare Verwüstungen an und riß an der Südseite der
Insel Nordstrand einen beträchtlichen Teil des Landes hinweg, so daß
ein bedeutender Meerbusen an dessen Stelle entstand. Die überaus
reiche Stadt Rungholt und noch sieben andere Kirchspiele auf dem
ebengedachten Eiland wurden zerstört, an der Hever und ihren Enden
sollen 28 Gemeinden untergegangen sein, und 7600 Menschen haben dabei
ihren Tod in den mörderischen Wellen gefunden. Der Rungholter Sand
zwischen Pellworm und dem heutigen Nordstrand erinnert jetzt noch an
die versunkene Stadt, deren Missethaten der Sage nach den Zorn des
Herrn besonders heraufbeschworen haben sollen. Als die Rungholter gar
ein Schwein betrunken gemacht und dasselbe in ein Bett gelegt hatten
und hierauf ihren Priester rufen ließen, damit dieser dem Kranken
das heilige Abendmahl gebe, war das Maß göttlicher Langmut voll. Der
Bitte des gesalbten Mannes, der ob jener Zumutung aufs höchste empört
in die Kirche gelaufen war, um dort Gottes Strafe auf die gottlosen
Leute herabzuflehen, wurde von oben stattgegeben, und es erfolgte, wie
uns Jonas Hoyer überliefert hat, „in der Nacht ein so erschrecklich
Erdbeben und gräulich Wetter“, daß Rungholt gänzlich umkam und in den
Tiefen des Meeres versank.
Als endlich sich der Tag gelichtet
Und sich besänftigt die Natur,
Da sah man, Rungholt war gerichtet --
Der ganzen Landschaft keine Spur!
Nur Wasser deckte ihre Matten
und floß im Wechsel zu und ab;
Noch heute sind die Rungholtwatten
Ein weites, nasses Totengrab.
(¯Eugen Traeger.¯)
Am gleichen Tage sollen auf Sylt das alte Wendingstadt und der
Friesenhafen der Zerstörung anheim gefallen sein. Den letzteren
haben der Überlieferung nach die Angelsachsen auf ihren Zügen ins
britannische Land als Abfahrtshafen benutzt.
[Illustration: Abb. 27. ¯Dorfstraße in Nieblum.¯
(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
Zeitgenossen haben die Zahl der an jenem Unglückstage zwischen Elbe
und Ripenersfjord umgekommenen Menschen auf etwa 200000 geschätzt,
weshalb diese gewaltige Flut auch den Namen „Manndränke“ oder
„Manndrankelse“ bekommen hat, eine Bezeichnung, die übrigens noch für
andere ähnliche Ereignisse in Anspruch genommen worden ist. „Wenn man
nun,“ so äußerte sich Traeger, „fortwährend von solchen Zahlen hört,
so drängt sich die Vermutung auf, daß die Schätzungen damaliger Zeit
wiederholt nur pessimistischer Abrundung eine so erschreckende Höhe
verdanken. Wo hätten denn immer wieder in den sicherlich nicht dicht
bevölkerten Küstengebieten die Menschen herkommen sollen, um allein
von den Meeresfluten so massenweise verschlungen zu werden!“ Man darf
ja nicht vergessen, daß, wie solches von Reimer Hansen ausdrücklich
hervorgehoben wird, die Chronisten des sechzehnten und siebzehnten
Jahrhunderts über die Fluten des zwölften, dreizehnten, vierzehnten
und zum Teil auch des fünfzehnten Jahrhunderts außerordentlich wenig
sichere Mitteilungen machen und, daß Heimreichs zahlreiche Angaben fast
ganz wertlos sind.
Größere Fluten des fünfzehnten Jahrhunderts waren am 22. November 1412,
am 29. September 1426, am 1. November 1436, am 6. Januar 1471, am
16. Oktober 1476, am 4. Dezember 1479 und am 16. Oktober und 22.
November 1483. Die bedeutendsten davon scheinen die vom 1. November
1436 und vom 16. Oktober 1483 gewesen zu sein.
Am Allerheiligentage 1530, und am gleichen Tage genau zwei Jahre
später brachen die Wogen der Nordsee von neuem mit besonderem Ungestüm
in Nordfriesland ein. Dann begann mit den ersten Novembertagen
1570 wiederum eine neue Periode großen Elends in der langen
Leidensgeschichte des Friesenvolkes, die ebenfalls eine ungeheure
Anzahl Menschenleben zum Opfer gefordert haben soll.
[Illustration: Abb. 28. ¯Dorfstraße in Boldixum.¯
(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
Genauere und bestimmtere Darstellungen von dem durch die Sturmfluten
verursachten und heraufbeschworenen Unglück besitzen wir erst aus
späteren Jahrhunderten, und das erste derartige Ereignis, von dem sich
einigermaßen zuverlässige Mitteilungen bis auf unsere Tage erhalten
haben, ist wohl die Sturmflut vom 11. Oktober 1634 gewesen. Diese
bildet, um hier Traegers Worte zu gebrauchen, einen entscheidenden
Zeitpunkt in der Geschichte der schleswigschen Westküste. In seiner im
Jahre 1652 erschienenen großen neuen Landesbeschreibung der Herzogtümer
Schleswig und Holstein erzählt der ehrenwerte Kaspar Danckwerth von
dieser „überaus argen und grausamen Flut, so anno 1634 auf Burchardi
durch Gottes Verhängnis inner fünf oder sechs Stunden alle diese
Nordfriesische Marschländer übergangen, und den Nordstrandt schier ganz
dahin gerissen hat, also daß nur das Kirspel Pillworm wieder errettet
worden: und ist zu verwundern, daß man zu der Zeit in Holland von
überaus großem Sturm weniger von erfolgetem Schaden durch Einbrüche
des Meeres nicht gehöret“. Und Adam Olearius, der Sekretarius,
Mathematikus, Antiquarius und Rat Friedrichs ~III.~, Herzogs von
Holstein-Gottorp (1600–1671), schreibt darüber in seinem kurzen Begriff
einer Holsteinischen Chronik: „Es halten ihrer viel davor, daß dies
erschreckliche Unglück und Garauß sie (die Bewohner Nordstrands) unter
anderen ihren groben frevelhafften Sünden, auch mit dem Ungehorsam
und Rebellion wider ihren frommen Landesfürsten durch einen Fluch
ihnen über den Hals gezogen. Matthias Boetius, ihr eigen Landsmann und
Pfarrherr gedenket bei Beschreibung des Cataclismi, so sie anno 1615
auch erlitten, ihrer groben Laster, Wildheit und Frechheit mit vielen
Worten: daß sie den Todtschlag eines Menschen nur eines Hundes gleich
geachtet, daher sie auch damahls solche Straffe wol verdienet hätten.“
[Illustration: Abb. 29. ¯Strand von Wyk auf Föhr.¯ (Nach einer
Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
Es mag hier wohl am Platze sein, etwas bei dem Berichte über jene
verhängnisvolle Sturmflut zu verweilen, welchen uns C. P. Hansen
in seiner Chronik der friesischen Uthlande in warmempfundener und
poetischer Sprache hinterlassen hat. Derselbe fußt größtenteils auf
Niederschriften von Augenzeugen und von Zeitgenossen der Katastrophe.