+------------------------------------------------------------------+
| Anmerkungen zur Transkription |
| |
| Gesperrter Text ist als ¯gesperrt¯ dargestellt, Antiquaschrift |
| als ~Antiqua~. |
| Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
+------------------------------------------------------------------+
Land und Leute
Monographien zur Erdkunde
Land und Leute
Monographien zur Erdkunde
In Verbindung mit hervorragenden Fachgelehrten
herausgegeben von
A. Scobel
~VIII.~
Deutsche Nordseeküste
Friesische Inseln und Helgoland.
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1900
Deutsche
Nordseeküste
Friesische Inseln und Helgoland.
Von
Professor ~Dr.~ H. Haas
¯Mit 166 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen
und einer farbigen Karte.¯
[Illustration]
Bielefeld und Leipzig
¯Verlag von Velhagen & Klasing¯
1900
¯Alle Rechte vorbehalten.¯
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
Inhalt.
Seite
I. Allgemeines 3
II. Etwas von der Nordsee 5
III. Geologisches 17
IV. Sturmfluten 26
V. Land und Leute 39
VI. Geschichtliches 58
VII. Von Husum nach Tondern und an die Grenze Jütlands 62
VIII. Die nordfriesischen Inseln 74
IX. Eiderstedt 98
X. Die schleswig-holsteinische Westküste von der Eider
bis Hamburg-Altona 102
XI. Hamburg-Altona 114
XII. Helgoland 129
XIII. Die Marschlande am linken Elbufer 137
XIV. Das Geestland zwischen Unterelbe und Unterweser 142
XV. Bremen und die Marschlande am rechten Ufer der Weser 147
XVI. Das Küstengebiet Oldenburgs und Ostfrieslands.
Die ostfriesischen Inseln 158
* * * * *
Litteratur 172
Register 173
[Illustration: Abb. 1. ¯Helgoland. Unterland und die Düne.¯
(Nach einer Photographie von F. Schensky in Helgoland.)]
[Illustration: Abb. 2. ¯Strand von Wyk auf Föhr¯.
(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
Deutsche Nordseeküste.
Thalatta, Thalatta!
Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer!
Sei mir gegrüßt viel tausendmal
Aus jauchzendem Herzen,
Wie einst dich begrüßten
Zehntausend Griechenherzen,
Unglückbekämpfende, heimatverlangende,
Weltberühmte Griechenherzen.
Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer,
Wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser,
Wie Träume der Kindheit seh’ ich es flimmern
Auf deinem wogenden Wellengebiet. --
(H. ¯Heine¯.)
~I.~
Allgemeines.
Thalatta, Thalatta!
Gekannt hatte ich ihn zwar schon von meinen Schülerzeiten her, den
Freudenruf der Zehntausend, die nach langem Umherstreifen in der
Fremde den wogenden Ocean wieder erblicken durften. Gekannt wohl,
aber nachempfunden? Nein! Man wird’s wohl bei den Tertianern einer
Gelehrtenschule in einer weit von den Gestaden der See belegenen
Binnenstadt verzeihlich finden, daß ihnen das nötige Verständnis
für den Jubelschrei der griechischen Söldner und noch für sonstige
andere Schönheiten in des Xenophon Anabasis gemangelt hat. Das lag
so in der Natur der Sache, und die Gründe dafür mögen hier besser
nicht erörtert werden. Viele Jahre später aber, an einem hellen und
sonnigen Junimorgen, sollte mir dieses Verständnis für den Erlösungsruf
des umherirrenden Griechenvolkes desto gewaltiger aufgehen, und
sicherlich mit nicht geringerer Ergriffenheit, als des jüngeren Cyrus
Waffengefährten sie vor Zeiten hinausgeschmettert haben in die schöne
Gottesnatur, hat auch mein Mund damals die Worte hervorgestammelt:
„Thalatta, Thalatta!“
[Sidenote: Einleitung.]
Auf den Höhen des roten Kliffs bei Wenningstedt auf der Insel Sylt
ist’s gewesen, als ich zum erstenmal die brausende Nordsee erblickte
(Abb. 3). In meinem Leben habe ich viel Schönes gesehen und manches
herrliche Landschaftsbild im Norden und Süden, im Westen und Osten
bewundert. Nichts aber von dem allem hat mir jemals wieder einen so
großartigen Eindruck gemacht, nichts meine Sinne wieder in solchem
Maße gefangen genommen, als diese meine erste Bekanntschaft mit dem
brandenden und tosenden nordischen Meere. Noch ebenso lebendig, als ob
es gestern gewesen wäre, steht heute, nach mehr als zwanzig Jahren,
jenes herrliche Bild in meiner Erinnerung. Vor mir am Rande des steil
wie eine Mauer abfallenden Kliffs die stark bewegte, wild aufschäumende
See, zu meinen Füßen das lang dahingestreckte, wie ein Schild gegen den
unermeßlichen Ocean vorgeschobene Eiland mit seinen weiß schimmernden
Dünenketten, seinen freundlichen Dörfern und seiner braunen Heide,
im Norden die klargezeichnete Insel Röm, tief am südlichen Horizont
der Leuchtturm von Amrum und die Umrisse von Föhr, und hinter mir die
grauen, schlammigen Fluten des Wattenmeeres, begrenzt im fernen Osten
von der nur leicht angedeuteten Küstenlinie Schleswigs. Und das alles
beschienen von der warmen Sonne eines schönen nordischen Sommertages,
während um mich herum die Bienen summten und die Möven in den Lüften
umherflogen, fürwahr ein Bild, an dem sich mein schönheitstrunkenes
Auge nicht genugsam satt sehen konnte! Ganz im fernen Westen aber, auf
den Wellen schaukelnd und nicht größer als wie Nußschalen erscheinend,
die rauchenden und hochmastigen Panzerkolosse unserer zu jenen Zeiten
noch in ihren Kinderschuhen steckenden deutschen Flotte, die auf einer
Übungsfahrt in den heimischen Gewässern begriffen waren.
Nichts von der leuchtenden Farbenpracht, welche den blauen Spiegel
des Mittelmeeres verklärt, nichts von der Lieblichkeit und Anmut der
vom Schatten der Buchenwälder und vom schwellenden Grün der Wiesen
umrahmten Ostsee zeigen die Gestade des nordischen Meeres. Grau in
grau, nur selten unbewegt und meist gepeitscht von schäumenden Wellen
liegt es da. Keine großen Städte, keine üppigen Fluren spiegeln sich
in seinen Fluten, allein der von einer dünnen Grasnarbe bewachsene
Deich oder der blinkende weiße Sand der Dünen rahmen seine weiten
Ufer ein. Eine gewisse Öde und Einförmigkeit schwebt auf dem Wasser,
aber eine Öde und Einförmigkeit, welchen der Stempel der Erhabenheit
und Gewaltigkeit aufgeprägt ist. Wie ein überirdischer Schimmer,
wie ein mystischer Schleier liegt’s über dem Gebrüll und Getobe der
Nordseewellen. Freilich, die menschliche Sprache ist zu arm, um das in
Worten ausdrücken zu können, aber die Tonkunst vermag’s. Einer ihrer
größten Meister hat es fertig gebracht, den Zauber, den die Nordsee
auf ihren Beschauer ausübt, in Töne zu bannen: Richard Wagner in den
gespensterhaften Akkorden seiner Einleitung zum Fliegenden Holländer.
Ob sie mit ihrer wellendurchfurchten Fläche im Sonnenschein daliegt, ob
das scheidende Abendrot sie rosig erglühen läßt, oder ob aus schwarzer
Wolkenwand der zackige Wetterstrahl rasch aufleuchtet über das wüste,
wogende Wasser, wenn der Donner weithin rollt und des Boreas weiße
Wellenrosse dahinspringen, die Nordsee bleibt sich doch immer gleich
in ihrer eigenartigen Pracht, ein Abglanz der Unendlichkeit und der
Allmacht Dessen, der sie ins Dasein gerufen hat.
Goethe hat einmal gesagt: „Das freie Meer befreit den Geist.“ Wohl
auf wenige Stellen auf unserem Planeten dürfte dieses Wort bessere
Anwendung finden, als auf dasjenige Gebiet, dessen Beschreibung dieses
Büchlein gewidmet ist. Die Unbeugsamkeit und der Freiheitsdrang des
steifnackigen Friesenvolkes, das seine Wohnplätze an den Ufern der
Nordsee hat, sie sind zweifellos Produkte jenes fortgesetzten und
harten Kampfes, den es seit mehr denn zweitausend Jahren mit den wilden
Meeresfluten um seine Heimat führen mußte. Denn nur durch unausgesetzte
Anstrengungen sind die Bewohner der Nordseeküste im stande gewesen, das
ihnen von der Vorsehung angewiesene Land dem Meere abzugewinnen und
dasselbe vor dem Untergang zu bewahren.
~Deus mare, Friso litora fecit~,
so lautet ein alter stolzer Spruch des friesischen Stammes. Seine
Richtigkeit werden wir im Verlaufe der nun folgenden Schilderungen
kennen lernen, zugleich aber auch die Wahrheit der Verse vom alten
Vater Homer:
Denn nichts Schrecklicheres ist mir bekannt,
als die Schrecken des Meeres.
Ist doch die Nordsee zugleich auch eine Mordsee!
~II.~
Etwas von der Nordsee.
„Das Meer ist der Raum der Hoffnung
Und der Zufälle launisch Reich:
Wie der Wind mit Gedankensschnelle
Läuft um die ganze Windesrose,
Wechseln hier des Geschickes Lose,
Dreht das Glück seine Kugel um:
Auf den Wellen ist alles Welle,
Auf dem Meer ist kein Eigentum.“
(¯Schiller.¯)
[Sidenote: Grenzen der Nordsee.]
Unter allen Meeresräumen unserer Erde nimmt die Nordsee insofern eine
Ausnahmestellung ein, als ihre Grenzen genau so wie die politischen
Areale der civilisierten Welt auf diplomatischem Wege vereinbart
und festgesetzt sind. Das ist in dem internationalen Vertrage zu
Haag geschehen, der am 6. Mai 1882 von den sechs Nordseemächten:
Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und
Dänemark über die polizeiliche Regelung der Fischerei in der Nordsee
außerhalb der Küstengewässer abgeschlossen wurde.
[Illustration: Abb. 3. ¯Rotes Kliff bei Wenningstedt.¯
(Nach einer Photographie von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
Nach den Bestimmungen dieses Vertrages werden die Grenzen der Nordsee
gebildet:
im Norden: durch den 61. Grad nördl. Breite,
im Osten und im Süden:
1. durch die norwegische Küste zwischen dem 61. Grade nördl. Breite
und dem Leuchtturm von Lindesnäs (Norwegen),
2. durch eine gerade Linie, die man sich von dem Leuchtturm von
Lindesnäs (Norwegen) nach dem Leuchtturm von Hanstholm (Dänemark)
gezogen denkt,
3. durch die Küsten Dänemarks, Deutschlands, der Niederlande, Belgiens
und Frankreichs bis zum Leuchtturm von Gris-Nez (Frankreich);
im Westen:
1. durch eine gerade Linie, die man sich vom Leuchtturm von Gris-Nez
(Frankreich) nach dem östlichen Feuer von South Foreland (England)
gezogen denkt,
2. durch die Ostküsten von England und Schottland,
3. durch eine gerade Linie, welche Duncansby Head (Schottland) mit
der Südspitze von South Ronaldsha (Orkneyinseln) verbindet,
4. durch die Ostküsten der Orkneyinseln,
5. durch eine gerade Linie, welche das Feuer von North Ronaldsha
(Orkneyinseln) mit dem Feuer von Sumburgh Head (Shetlandinseln)
verbindet,
6. durch die Ostküsten der Shetlandinseln,
7. durch den Meridian des Feuers von North Unst (Shetlandinseln) bis
zum 61. Grad nördl. Breite.
[Illustration: Abb. 4. ¯Rettungsstation „Borkum Süd“.¯
(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
[Sidenote: Der deutsche Anteil an der Nordsee.]
Der deutsche Anteil der Nordseeküste gleicht in seiner Grundform einem
rechten Winkel, dessen Scheitel etwa bei Brunsbüttel an der Elbe zu
suchen ist, und dessen beide Schenkel gleiche Länge besitzen, und
einerseits bei Borkum, andererseits bei Hvidding in Nordschleswig
endigen. Ihr westlichster Punkt ist die Westspitze der äußersten
der ostfriesischen Inseln, des Eilands Borkum, der unter 6° 40′
östl. Länge und 53° 35′ nördl. Breite liegt, ihr nördlichster ist
da zu suchen, wo die deutsch-dänische Grenze zwischen dem dänischen
Grenzorte Vester-Vedstedt und dem deutschen Dorfe Endrup bei Hvidding
in Nordschleswig das Wattenmeer erreicht, und zwar unter 8° 40′
östl. Länge und 55° 17′ nördl. Breite. Der südlichste Punkt der
deutschen Nordseeküste ist zugleich der südlichste des deutschen
Dollartufers, da, wo die deutsche Westgrenze den Dollart erreicht, an
der Mündung des Grenzflüßchens zwischen Deutschland und Holland, der
Westerwoldschen Aa, und befindet sich unter 7° 13′ östl. Länge und 53°
14′ nördl. Breite. Als der östlichste Punkt präsentiert sich Meldorf in
Ditmarschen unter 9° 2′ östl. Länge und 54° 29′ nördl. Breite.
Zwei Inselguirlanden umsäumen das deutsche Nordseegestade, und auf
diese Weise entsteht eine Doppelküste, deren innerer Teil von der
eigentlichen Festlandsküste gebildet wird, während der äußere der
Inselküste mit der Westspitze von Borkum und der Nordspitze von Röm als
Eckpfeiler angehört.
[Illustration: Abb. 5. ¯Boot zu Wasser.¯
(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
Der nordsüdlich verlaufende Teil unseres Küstengebietes zeigt in
seiner nördlichen Hälfte drei Einbuchtungen, diejenige von Husum,
von Tönning und von Meldorf, denen die Halbinseln Eiderstedts, der
Landschaft Wesselburen und Dieksands entsprechen. Die Buchten des
Dollart und der Jade und die Mündungen der Weser und der Elbe gliedern
den ostwestlich verlaufenden Küstenteil.
[Sidenote: Gezeiten und Strömungen.]
Eine selbständige Flutwelle besitzt die Nordsee bekanntlich nicht,
sondern ihre Gezeitenbewegung erhält sie durch zwei aus dem
Atlantischen Ocean nördlich von Schottland und durch den Ärmelkanal
eintretende Flutwellen. So entstehen eine Anzahl von Strömungen, welche
die Gezeitenbewegungen an der Nordseeküste zu recht komplizierten
machen. Sechs Stunden braucht die Flutwelle, um von der britischen
Ostküste bis zu den nordfriesischen Inseln zu gelangen, sechs
Stunden lang läuft der Ebbestrom denselben Weg zurück. Wenn sich
der Meeresspiegel am Ostrande des Beckens hebt, sinkt er an dessen
Westrande, und umgekehrt.
An der dem offenen Meere zugewandten deutschen Nordseeküste schwankt
der Flutwechsel zwischen 2,5 und 3,5 Meter, und wird im Mittel als
3,3 Meter angenommen. Den höchsten Betrag zeigt Wilhelmshaven mit 3,5
Meter, dann folgen Geestemünde und Bremerhaven mit 3,3 Meter, Brake mit
3 Meter, Emden mit 2,8 Meter, Borkum und Wangeroog mit 2,5 Meter u.
s. f. Das Minimum aller unmittelbar am Meere gelegenen deutschen Orte
weist Helgoland aus, 2,8 Meter zur Springzeit, 1,8 Meter zur Nippzeit.
[Illustration: Abb. 6. ¯Versandetes Wrack.¯]
Von den Gezeiten unabhängige, also selbständige Strömungen sind
nur in demjenigen Teile der Nordsee vorhanden, in welchem die
Gezeitenerscheinungen nahezu verschwinden, kommen also für unser
Küstengebiet nicht in Betracht. In den geringen Tiefen der Nordsee, wo
die Wellenbewegung sich bis auf den Grund fortpflanzt, vermögen die
Windströmungen die ganze Wassermasse in Bewegung zu setzen. Sobald aber
der Wind wieder aufhört, müssen auch diese ganzen Wallungen derselben
wieder verschwinden. Von der Erregung beständiger Strömungen in der
mittleren Windesrichtung kann in der Nordsee keine Rede sein. Dagegen
bedingt die Gestaltung der Küsten Veränderungen des Meeresniveaus,
sobald der Wind das Wasser vor sich hertreibt, und dieser Windstau gibt
dann zu Strömungen Veranlassung, welche noch andauern können, wenn sich
die Windrichtung bereits geändert hat.
[Sidenote: Sturmfluten.]
Zu den charakteristischen Erscheinungen der Nordsee gehören
die Sturmfluten, die dann eintreten, wenn auf einen starken und
anhaltenden Südweststurm, der das Wasser durch den Kanal in die Nordsee
gepreßt hat, plötzlich ein Nordweststurm folgt, der die vereinigten
Wassermassen gegen die deutschen Küsten treibt. Vernichtende Wirkungen
von grausiger Art, beträchtliche Verluste an Land und Menschenleben
haben diese Sturmfluten zuweilen hervorgebracht, wenn auch diese
Verheerungen von der Sage manchmal ins Maßlose und Ungeheuerliche
übertrieben worden sind. An den Küsten, und besonders an deren sich
verengenden Winkeln und Buchten steigt die Flut dann am höchsten. Nach
den von Eilker angestellten Untersuchungen fällt die Mehrzahl der
sämtlichen Sturmfluten, von denen man bisher überhaupt Kunde erhalten
hat, in den Monat November, etwa ein Viertel der Gesamtsumme! Dann
folgen Januar, Dezember und Oktober, die geringste Zahl zeigen Juni und
Juli. Auf die sechs Wintermonate Oktober bis März kommt eine fünfmal
größere Zahl schwererer Sturmfluten, als auf die Sommermonate. Das
wird erklärlich, wenn man bedenkt, daß es heftige Stürme, förmliche
Orkane sind, welche diese Katastrophen herbeiführen. Ungewöhnlich
heftige Stürme und Orkane sind aber weiter nichts, als abnorme
Gleichgewichtsstörungen des Luftmeeres, und die an unserer Nordseeküste
gemachten Beobachtungen zeigen, daß gerade in den Wintermonaten die
extremsten Barometerschwankungen vorkommen. Unser Gebiet ist in dem
Zeitraum von 1500–1800 durchschnittlich von 50 schweren Sturmfluten in
jedem Jahrhundert heimgesucht worden.
[Illustration: Abb. 7. ¯Postfahrt durch das Wattenmeer im Sommer.¯]
Weiter oben ist bereits betont worden, daß die Überlieferungen von
den durch diese Katastrophen hervorgerufenen Verheerungen in vielen
Dingen zuweilen gar sehr übertrieben sind. Ganz besonders gilt dies von
den Chronisten des Mittelalters, deren Zahl keine geringe ist. Ihre
Erzählungen bedürften daher erst einer recht gründlichen kritischen
Sichtung, bevor man dieselben als Grundlagen für eine Gesamtdarstellung
der Sturmfluten an unserer Nordseeküste benutzen könnte. Für
Nordfriesland ist das durch die schönen Untersuchungen Reimer Hansens
geschehen, und es soll deshalb in einem der folgenden Abschnitte ein
kurzer Überblick über die hier in Frage kommenden Ereignisse an der
schleswig-holsteinischen Meeresküste mit eingehender Berücksichtigung
der soeben angeführten Forschungen gegeben werden.
[Sidenote: Temperatur.]
Die Temperatur an der Wasseroberfläche der Nordsee folgt der
Temperatur der Luft, unter Abstumpfung der Extreme, wegen der
großen Wärmeabsorption des Wassers. Die Temperaturschwankungen des
Oberflächenwassers sind in der Nähe des offenen Oceans am geringsten,
da, wo das Wasser vom Lande eingeschlossen ist, am größten, und das
Maximum der Temperatur fällt in die Mitte August, das Minimum in
die erste Hälfte des Monats März. Mit zunehmender Tiefe nehmen die
Temperaturschwankungen des Wassers ab.
[Sidenote: Salzgehalt der Nordsee.]
Die Schwankungen des Salzgehalts im Nordseewasser sind weniger groß
und weniger ungleichmäßig als die der Lufttemperatur folgenden
Wassertemperaturen. Im nördlichen tiefen Teil der Nordsee treffen wir
das schwerste, salzigste Wasser an, mit 3,56–3,52% Salzgehalt.
Als dem Nordseewasser in seinem mittleren, von fremden Zuflüssen
wenig berührten Becken zukommend kann ein Salzgehalt von 3,52–3,48%
gelten. In der deutschen Bucht erleidet das Seewasser durch die
Zuflüsse der deutschen Ströme eine Verdünnung, die sich sehr weit
bemerkbar macht. Das Maximum der Dichtigkeit fällt hier in den
Sommer und Herbst, das Minimum in den Winter und in das Frühjahr,
entsprechend den schwankenden Wassermengen, welche von den Flüssen
abgeführt werden. Für die Zeit vom November bis einschließlich April
betragen die Abflußmengen der Elbe und Weser mehr als das Doppelte
(1 : 0,45) derjenigen für die Sommerzeit vom Mai bis Oktober. Die Weser
erreicht im Februar, die Elbe im März ihren höchsten, beide Flüsse im
September ihren niedrigsten Wasserstand. Für die Weser verhält sich die
Abflußmenge des wasserärmsten Monats zu der des wasserreichsten (bei
Minden) wie 1 : 4, für die Elbe (bei Torgau) wie 1 : 5,2.
[Illustration: Abb. 8. ¯Postfahrt durch das Wattenmeer im Winter (von
Dagebüll nach Föhr).¯
(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
Folgende Jahreszeitenmittel des Salzgehaltes an der Oberfläche des
Nordseewassers sind in den Jahren 1874–1876 festgestellt worden:
=====================================================================
Beobachtungsort | Winter | Frühling | Sommer | Herbst | Jahr
========================+========+==========+========+========+======
Borkum (Feuerschiff) | 3,25 | 3,25 | 3,28 | 3,31 | 3,28
Weser (Außenfeuerschiff)| 3,46 | 3,31 | 3,28 | 3,35 | 3,35
Helgoland | 3,42 | 3,29 | 3,26 | 3,41 | 3,34
List auf Sylt | 2,97 | 3,03 | 3,24 | 3,08 | 3,08
Nach den Mitteilungen von Arends enthalten 7680 Teile Nordseewasser:
Chlornatrium 197,5 Teile
Chlormagnesium 28,362 "
Chlorkalium 4,446 "
Schwefelsaure Talkerde 10,2 "
Schwefelsaure Kalkerde 4,926 "
Kieselerde 0,782 "
Nach Pfaff zerfällt der Salzgehalt des Nordseewassers, zu 3,44%
angenommen, in:
Chlornatrium 74,20 Teile
Chlormagnesium 11,04 "
Chlorkalium 3,80 "
Bromnatrium 1,09 "
Schwefelsaurer Kalk 4,72 "
Schwefelsaure Magnesia 5,15 "
Der starke Salzgehalt und die hohe Temperatur ihres Wassers lassen
ein Zufrieren der Nordsee auf hoher See niemals zu. Dagegen sind
Eisbildungen an den Küsten und im Wattenmeer nicht selten; wir werden
noch im folgenden Gelegenheit haben, darauf zurückzukommen. Unsere Abb.
7 u. 8 veranschaulichen die besonders im Winter erhöhte Schwierigkeit
des Verkehrs im Wattenmeer.
[Illustration: Abb. 9. ¯Eine Hallig bei Sturmflut.¯]
[Sidenote: Deutsche Nordseeschiffahrt.]
Bezüglich der dem deutschen Küstengebiete der Nordsee zugehörigen
Schiffe mögen hier einige genaue Mitteilungen gemacht werden. Dieselben
sind der Statistik des Deutschen Reiches entnommen und gelten für
den 1. Januar 1897. An diesem Tage waren in den Häfen des gesamten
deutschen Nordseegebietes beheimatet:
2043 Segler mit 550258 Registertonnen
br. Rauminh.
737 Dampfer " 1200348 Registertonnen
br. Rauminh.
------------------------------------------------
Zus.: 2780 Seeschiffe mit 1750606 Registertonnen
br. Rauminh.
Auf die einzelnen Teile der Nordseeküste verteilen sich diese Zahlen
wie folgt:
Nordseeküste Schleswig-Holsteins:
383 Segler mit 16985 Rt. br.
29 Dampfer " 10608 " "
-----------------------------------
Zus.: 412 Schiffe mit 27593 Rt. br.
Hamburg und die zu diesem Freistaat gehörigen Häfen:
430 Segler mit 205842 Rt. br.
388 Dampfer " 764146 " "
------------------------------------
Zus.: 818 Schiffe mit 969988 Rt. br.
Provinz Hannover, u. zw. Elbe- und Wesergebiet:
422 Segler mit 17843 Rt. br.
51 Dampfer " 30468 " "
-----------------------------------
Zus.: 473 Schiffe mit 48311 Rt. br.
Freie Stadt Bremen:
221 Segler mit 199982 Rt. br.
218 Dampfer " 369072 " "
------------------------------------
Zus.: 439 Schiffe mit 569054 Rt. br.
Großherzogtum Oldenburg:
219 Segler mit 78063 Rt. br.
19 Dampfer " 11303 " "
-----------------------------------
Zus.: 238 Schiffe mit 89366 Rt. br.
Provinz Hannover, u. zw. Emsgebiet und Regierungsbezirk Aurich:
365 Segler mit 31010 Rt. br.
23 Dampfer " 3305 " "
-----------------------------------
Zus.: 388 Schiffe mit 34315 Rt. br.
[Illustration: Abb. 10. ¯Eine Halligwerft nahe vor dem Einsturz
(Langeneß).¯
(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
[Sidenote: Schiffsunfälle.]
In betreff der Schiffsunfälle, welche etwa durchschnittlich in
Jahresfrist auf der 295 Seemeilen langen Küstenstrecke des deutschen
Nordseegebietes stattfinden, geben die Mitteilungen des kaiserlichen
statistischen Amtes ebenfalls interessante Aufschlüsse.
Die Aufstellung für das Jahr 1896 weist aus:
51 Strandungen,
7 Kentern,
5 Sinken,
65 Kollisionen,
37 andere Unfälle.
----------
Zusammen: 165 Unfälle.
Der Verlust an Schiffen betrug 31, Verluste an Menschenleben werden 22
verzeichnet.
Diese Zahlen beziehen sich natürlich nicht nur auf deutsche Schiffe
allein, sondern auch auf solche anderer seefahrender Nationen, also
auf sämtliche Schiffsunfälle an der deutschen Nordseeküste überhaupt.
Betrachten wir die Verunglückungen, die nur deutsche Schiffe betroffen
haben, so finden wir in der Statistik für das Jahr 1896 folgende Daten:
Der Gesamtverlust an deutschen Schiffen in sämtlichen Meeren dieser
Erde zusammen betrug 79. Darunter befanden sich 35 Strandungen und 10
verschollene Schiffe.
[Illustration: Abb. 11. ¯Grab Theodor Storms in Husum.¯
(Nach einer Photographie von Hans Breuer in Hamburg.)]
Auf das Gebiet der Nordsee mit dem Skagerak fallen hiervon: 28
Schiffe mit 36 verlorenen Menschenleben, auf dasjenige der Ostsee,
einschließlich der Belte, des Sundes und des Kattegats: 20 Schiffe mit
20 verlorenen Menschenleben!
Auch in Bezug auf die Verluste an Schiffen und Menschenleben, mit
welchen die Schiffsunfälle verbunden waren, steht das deutsche
Nordseegebiet dem Ostseegebiet im Verhältnis zu seiner Küstenlänge
bedeutend voran. Besonders stark ist dort der Verlust an Schiffen und
Menschenleben im Küstengebiet zwischen Eider und Elbe mit den Mündungen
und Gebieten dieser Flüsse, an welch letzterem Küstenteile sich
zugleich der stärkste Verlust an Menschenleben zeigt. Ziemlich groß
ist auch die Zahl der verlorenen Schiffe an der Küste von Ostfriesland
mit den ostfriesischen Inseln nebst dem Dollart und dem Emsgebiet bis
Papenburg, dann im Mündungsgebiet der Weser und Jade, und schließlich
an der Westküste von Schleswig-Holstein von der dänischen Grenze bis
zur Eidermündung mit den dazu gehörigen Inseln.
Untersucht man das Verhältnis der Totalverluste zur Gesamtzahl der
von Unfällen betroffenen Schiffe, so war im Jahre 1896 die Strecke
zwischen der dänischen Grenze und der Eidermündung die verlustreichste.
Ihr stand an Gefährlichkeit am nächsten die Küstenstrecke zwischen
Wangeroog und der niederländischen Grenze. Dann folgt das
Mündungsgebiet der Weser und Jade. Der verhältnismäßig geringste
Verlust entfiel auf die Westküste Schleswig-Holsteins zwischen Eider
und Elbe.
[Sidenote: Deutsche Hochseefischerei.]
Es wäre nicht angängig, von der deutschen Schiffahrt in der Nordsee
zu sprechen, ohne nicht auch etwas der im blühenden Aufschwunge
begriffenen deutschen Hochseefischerei zu gedenken. Am 1. Januar 1898
betrug die im Dienste der deutschen Hochseefischerei stehende Flotte
der Nordsee:
563 Fahrzeuge mit 94898 ~cbm~ Raumgehalt und 3503 Mann Besatzung.
Darunter waren 117 Dampfer mit 48027 ~cbm~ Raumgehalt und 1185 Mann
Besatzung.
Der Wert der Hochseefischereifahrzeuge im deutschen Nordseegebiet und
ihrer Ausrüstung, unter Abrechnung von 10–25% vom Anschaffungswert
betrug für 1897 etwa 12660000 Mark. Heute kann man nach der Begründung
großer Gesellschaften für Hochseefischerei in den Jahren 1897 und 1898
jedoch einen wesentlich höheren Kapitalsanlagewert annehmen.
Zu den Zeiten der alten Hansa beherrschte Deutschland in Wisby, Bergen,
Schonen und vor allem in Island den Fischmarkt. Dann aber wurden die
deutschen Fischer und Händler überall von den Engländern und Schotten,
Franzosen, Holländern, Skandinaviern und Dänen zurückgedrängt. Vor
achtzig Jahren machte man in Bremen nach langer Zeit wieder einen
Versuch, die Heringsfischerei neu zu beleben, doch konnte sich die zu
diesem Behufe gegründete Aktiengesellschaft nicht lange halten, weil
der Zoll für deutsche Heringe höher war als derjenige für holländische,
und so ging das Unternehmen wieder ein. Später und besonders in den
vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts wurde dann von Bremen
aus ein lebhafter Walfischfang sowohl im nördlichen wie im südlichen
Eismeer betrieben.
[Illustration: Abb. 12. ¯Hafen von Tönning.¯
(Nach einer Photographie von Hans Breuer in Hamburg.)]
[Sidenote: Hochseefischerei.]
Im Jahre 1866 erwachte in weiteren Kreisen der Nation auch wieder
der Sinn für die Förderung der deutschen Seefischerei, und zu Beginn
der siebziger Jahre war bereits in Blankenese und Finkenwerder eine
nennenswerte Hochseefischerei im Betrieb, welche über 139 kleine Segler
mit 437 Mann Besatzung verfügen konnte und, je nach der Güte des
Jahres, Erträgnisse von 100000 bis 250000 Mark aufwies. Der eigentliche
Aufschwung der deutschen Hochseefischerei stammt jedoch erst aus
dem Ende des neunten Jahrzehnts. Wie groß dieselbe für das deutsche
Nordseegebiet zur Stunde schon geworden ist, das haben wir weiter oben
schon gesagt.
Bedeutende kapitalistische Hochseefischereiunternehmungen der
neueren Zeit sind die Aktiengesellschaft Nordsee in Nordenham, die
mit 26 Dampfern und drei Millionen Mark Kapital Fischfang betreibt,
sodann eine große Herings- und Hochseefischereigesellschaft in
Geestemünde, welche den Heringsfang mit zehn Dampfloggern statt mit
Segelloggern betreibt, ferner neue Heringsfischereigesellschaften in
Emden, in Vegesack, in Elsfleth und in Glückstadt. Man hofft, damit
der großen Einfuhr von Heringen aus dem Auslande eine erfolgreiche
Konkurrenz bieten und die hohen Geldsummen, welche für dieses wichtige
Volksnahrungsmittel fremden Nationen zufließen, dem Reiche erhalten zu
können, namentlich wenn entsprechende Zollveränderungen durchgeführt
würden. Im Zeitraum von fünf Jahren hat Deutschland nicht weniger als
355 Millionen Mark für eingeführte frische und zubereitete Seefische an
das Ausland bezahlt, darunter für Salzheringe und frische Fische, meist
sogenannte grüne Heringe, 330 Millionen Mark!
[Illustration: Abb. 13. ¯Kirkeby auf Röm.¯
(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
[Illustration: Abb. 14. ¯Die Blockhäuser des Seebades Lakolk auf Röm.¯
(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
Die Fischkutter der verschiedenen Hochseefischereigesellschaften
gehen in der Regel als Flottillen von zwanzig, dreißig und noch mehr
Schiffen in See. Die Dampfer sind etwa 31 Meter lang, besitzen 150
Tonnen Rauminhalt und Maschinen von 259 Pferdekräften. Etwa acht Tage
bleiben die Fahrzeuge in der Regel dem Heimathafen fern, und es kommt
vor, daß ein solcher Dampfer 30000 Kilogramm und noch mehr Fische an
den Markt bringt. Sie sind bestrebt, am Sonntag zurück zu sein, Montag
und Dienstag findet alsdann die Versendung der gefangenen Fische statt,
um vor Freitag, dem Haupttage für den Fischgenuß, die gesamte Beute auf
die Märkte zu schaffen.
[Illustration: Abb. 15. ¯Mädchen in Römer Tracht.¯
(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
Mangelnder Absatz hat ursprünglich die gedeihliche Entwickelung des
Fischhandels gehemmt, so daß der Verbrauch von frischen Seefischen
eigentlich nur auf die Küstenstriche beschränkt gewesen ist. Erst
die fortschreitende Organisation des Fischhandels, besonders
vermittelst großer Fischauktionen in Hamburg, Altona, Geestemünde und
Bremerhaven, der verbesserte, mit praktischen neuen Verpackungs- und
Kühlvorrichtungen versehene Transportdienst der Fische ins Binnenland
u. dergl. Dinge mehr konnten die Fortentwickelung unseres Fischhandels
in gedeihlicher Weise fördern, so daß im Jahre 1896 die Bruttoerträge
der deutschen Hochseefischerei in der Nordsee bereits zehn Millionen
Mark erreichten. Der dauernd steigende Umsatz der Fischauktionen betrug
im Jahre 1898:
in Hamburg 1295139 Mark,
in Altona 1993632 "
in Geestemünde 3459908 "
in Bremerhaven 729946 "
was an diesen vier Plätzen einem Gesamtumsatz von 7478625 Mark
entspricht, gegenüber 6938902 Mark im Vorjahre. Doch ist hier zu
bemerken, daß den Auktionsmärkten auch von ausländischen Fischereien
und Fischern Waren zugeführt werden. Dagegen aber ist in der
Gesamtsumme ein fünfter Fischmarkt, Nordenham, nicht verzeichnet, wo
Auktionen nicht stattfinden, der aber jährlich für mindestens 1500000
Mark Fische anbringen dürfte.
Sowohl das Reich, als auch dessen dabei interessierte Einzelstaaten
suchen die Seefischerei in Deutschland nach Kräften zu fördern, wobei
der Deutsche Seefischereiverein wirksame Unterstützung bietet. Von
Reichs wegen werden gegenwärtig 400000 Mark im Jahre für diese Zwecke
aufgewendet, abgesehen von verschiedenen wissenschaftlichen Forschungen
und Unternehmungen, die aus dem Reichssäckel bezahlt werden und der
Erweiterung unserer Gesamtkenntnisse von der Tiefsee, also damit auch
den Fischverhältnissen dienen (Plankton- und Valdiviaexpedition).
[Illustration: Abb. 16. ¯Strand von Sylt zur Zeit der Flut.¯]
Die deutsche Hochseefischerei wird bekanntlich alle Jahre von
einem Kreuzer der Kaiserlichen Marine überwacht. An Bord desselben
war in den jüngstverflossenen Jahren eine Fischereischule
eingerichtet, in der eine Anzahl von Berufsfischern -- 1897 waren
es deren 14 -- durch einen besonders ausgebildeten Offizier und
einen Arzt Unterricht in Navigation, über Wissenswertes aus ihrem
Gewerbe und über den menschlichen Körper nebst Anleitung für das
Verhalten bei Unglücksfällen erhielten. Dieser Kreuzer dient
zugleich als Sanitätswache für die Fischer, und er hilft auch den
Fischereifahrzeugen, die bei schwerem Wetter in Seenot wrack geworden
sind. Für den allgemeinen Reiseplan dieser Marinefahrzeuge sind die
Wünsche des Deutschen Seefischervereins angehört worden.
Vom 29. März bis zum 18. November 1898 versah die „Olga“ den
Schutzdienst der Nordseefischerei; 1899 haben „Zieten“ und „Blitz“
diese Arbeit besorgt.
Hoch klingt das Lied vom braven Mann,
Wie Orgelton und Glockenklang!
[Sidenote: Rettungsstationen.]
Wer müßte nicht an Bürgers Verse denken, wenn er der Rettungsstationen
der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ansichtig
wird, die, 116 an der Zahl, allenthalben an der deutschen Meeresküste
verbreitet sind. 51 davon sind sog. Doppelstationen, mit Boot und mit
Raketenapparat ausgerüstet, 49 Boots-, 16 Raketenstationen. 44 dieser
Stationen entfallen auf das Gebiet der deutschen Nordseeküste, 72 auf
das Gelände an der Ostsee. Seit der Begründung der Gesellschaft im
Jahre 1865 sind 2510 Menschenleben durch ihre Stationen und Geräte
dem grausigen Tod in den Fluten entrissen worden, und zwar 2169
Personen in 388 Strandungsfällen durch Boote und 341 Menschen in 75
Strandungsfällen durch die Raketenapparate. Allein im Jahre 1898–1899
wurden auf solche Weise 96 brave Seeleute vor dem Untergang bewahrt
(Abb. 4 u. 5).
Aus dem gesamten deutschen Vaterlande fließen diesem Unternehmen
warmer Nächstenliebe milde Gaben zu, und ein über das ganze Reich
ausgespanntes Netz von Vereinigungen ist thätig, um diese Hilfsquellen
nicht versiegen zu lassen, deren Totalbetrag im Rechnungsjahre
1898/1899 151064 Mark 62 Pfennige betrug, wozu noch 87107 Mark 81
Pfennige außerordentlicher Einnahmen hinzukamen, so daß sich die
Gesamtsumme der Einnahmen in der besagten Zeit, incl. der Zinsen
von belegten Kapitalien, auf 301714 Mark 20 Pfennige belaufen hat,
denen 199846 Mark 32 Pfennige Ausgaben gegenüber standen. Seit ihrer
Begründung, also in den verflossenen 35 Jahren, hat die Gesellschaft
4674254 Mark 37 Pfennige für ihre edlen Zwecke verausgabt.
Freilich, neben diesen Aufwendungen an klingender Münze hat es noch
ganz anderer an Aufopferung und kühnem Mute von seiten der Männer von
der Waterkante bedurft, die furchtlos ihr Leben einzusetzen gewohnt
sind, wenn es gilt, die armen Schiffbrüchigen aus schwerer Todesnot zu
erretten. Aber diese Dinge lassen sich ja nicht in gemünztes Gold und
Silber umwerten!
[Illustration: Abb. 17. ¯Westerland auf Sylt.¯ (Nach einer Photographie
von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
~III.~
Geologisches.
„Wie viele der Reisenden, die die Nordsee auf den großen Post- und
Passagierrouten kreuzten, mögen sich wohl gefragt haben, wie lange
diese merkwürdige See schon existiere, d. h. wann die jetzt von ihren
Wogen überspülte Fläche sich so weit gesenkt habe, daß sie so viel
niedriger liegt, als ihre Umgebung?“ So fragt der bekannte Kieler
Geograph und Oceanograph Otto Krümmel in einem kleinen Aufsatz über die
geographische Entwickelung der Nordsee, aus dessen reichem Inhalte wir
hier Verschiedenes schöpfen wollen.
[Sidenote: Tiefe der Nordsee. Urgeschichte der Nordsee.]
Die Nordsee ist ein sehr seichtes Gewässer -- sie besitzt nur eine
durchschnittliche Tiefe von 89 Metern --, und eine Hebung des Bodens
um hundert Meter würde völlig genügen, ihren ganzen südlichen Teil in
trockenes Land umzuwandeln, das dann England, Dänemark und Holland
verbände. Nun ist wohl kaum eine Stelle auf unserem Erdballe vorhanden,
welche, wenn sie heute vom Ocean überspült wird, im Verlaufe der Äonen
nicht auch einmal festes Land gewesen wäre, und umgekehrt. Das ist
so auch mit dem von der Nordsee der Gegenwart eingenommenen Areale
der Fall gewesen. Während der cretaceischen Periode zog sich wohl
ein ziemlich tiefes Meer vom Atlantischen Ocean her über Frankreich,
die Britischen Inseln, die Nordsee, das südliche Skandinavien und
die baltischen Gebiete hin, dessen Absätze -- die Kreideschichten --
hier überall bekannt sind. Mit Beginn der Tertiärzeit war das Bild
wohl schon ein etwas anderes. Der Norden unseres Gebietes war zum
größeren Teil Festland, das von Skandinavien nach Schottland und von
dort über die Britischen Inseln nach Frankreich herüberreichte und ein
flaches, von sumpfigen Küsten umgebenes Meer über dem jetzigen unteren
Themsengebiete, der südlichen Nordsee und Belgien im Norden und Westen
abschloß. Im nördlichen Teile des Landes erhoben sich mächtige Gebirge
und Hochländer, Vulkane rauchten dort, und große Flüsse strömten dem
Meere zu. Etwas später, zur Zeit als die Londonthone abgesetzt wurden,
griff dieses flache Binnenmeer nach Nordwesten hinüber, und am Ende
des Eocäns stand es auch durch Flandern, Nordfrankreich und die Gegend
des jetzigen Ärmelkanals durch einen schmalen Zugang mit dem damaligen
Atlantischen Ocean in Verbindung.
[Illustration: Abb. 18. ¯Kurhaus in Westerland.¯
(Nach einer Photographie von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
Wiederum verschieden gestalteten sich die Verhältnisse während des
Oligocäns, indem sich wieder ein Abschluß in Gestalt eines Isthmus von
Dover nach Flandern und den Ardennen hinüber gebildet hatte, welcher
die holländisch-ostenglische Bucht dieses Oligocänmeeres von einem
Golfe des Atlantischen Oceans trennte.
Von nun an beginnt eine allmähliche allgemeine Trockenlegung
unseres Areals, und gegen Schluß der Miocänzeit griff das miocäne
Meer nur noch durch einen verhältnismäßig schmalen Arm über Belgien,
Schleswig-Holstein und Hannover bis in das baltische Gebiet hinüber,
ohne jedoch den Osten Deutschlands und Skandinavien noch zu erreichen.
Jukes-Browne ist der Ansicht, daß sich damals auch die bekannte tiefe
Rinne ausgebildet habe, welche die Uferlinien Norwegens gegen die
jetzige Nordsee abgrenzt und dem Skagerrak so erhebliche Tiefe gibt.
Sie soll zu jener Zeit das breite Thal eines großen, aus den baltischen
Landflächen hier den Weg ins Nordmeer sich suchenden und mit der
fortschreitenden Hebung des Landes sich immer tiefer einschneidenden
Riesenflusses gewesen sein.
In der Pliocänzeit war im anglo-belgischen Gebiete wiederum Meer,
das im Westen durch das Festland begrenzt wurde, welches sich noch
ungebrochen von England nach Frankreich hinüberzog. Die damals
abgelagerten Diesterschichten enthalten eine große Überzahl von
mediterranen Fossilien; von 250 Arten haben 205 unzweifelhaft ihre
Hauptverbreitung in den südeuropäischen Gebieten, und 51 davon sind
noch im heutigen Mittelmeer lebend zu finden. Doch reichte dieser Golf
wärmeren Wassers sicherlich nicht weit nach Norden, wo noch das alte
schottisch-skandinavisch-baltische Festland eine gewaltige Schranke
gegen das Nordmeer hin bildete. Dieses Festland genoß lange Zeit
hindurch ein warmes und feuchtes Klima, unter dessen Einwirkung die
Gesteine seiner Oberfläche zu lateritischem Detritus verwitterten. Und
aus diesem dürfte wiederum das Material zu den tertiären marinen und
vielleicht auch noch andersgestaltigen Ablagerungen in dem hier in
Frage kommenden Areale genommen worden sein.
[Illustration: Abb. 19. ¯Friedhof für Heimatlose.¯
(Nach einer Photographie von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
Noch in die Pliocänzeit hinein fallen wohl die großartigen
Bodenbewegungen, welche den völligen Zusammenbruch dieses soeben
erwähnten, Schottland mit Skandinavien und Finland verbindenden
Festlandes zur Folge hatten und auch einen sehr großen, wenn nicht gar
den allergrößten Teil des heutigen Norddeutschlands in Mitleidenschaft
gezogen haben. Dadurch trat eine Verbindung mit dem nördlichen Ocean
ein, und es entstand ein Meeresgebilde, das unserer heutigen Nordsee
in vielem wohl schon recht ähnlich gesehen haben mag, doch noch etwas
kleiner war, als diese. Die Shetlandsinseln waren damals noch mit
Schottland landfest, die Ostküste Englands reichte etwa 100 Kilometer
weiter nach Osten, dagegen waren wieder die östlichen Teile von
Norfolk und Suffolk vom Meere bedeckt, ebenso auch Belgien, das untere
Rheingebiet, die Küste Ostfrieslands, jedenfalls aber nicht viel mehr
vom schleswig-holsteinischen Lande. Der Süden Englands war noch im
landfesten Zusammenhang mit Frankreich. Diese erste, pliocäne Nordsee
hatte also die Gestalt eines allein nach Norden zum arktischen Gebiet
hin geöffneten Golfes. Groß wurde ihr Alter jedoch nicht. Schon am
Schlusse der Pliocänzeit wurde der belgisch-niederländische Teil wieder
trockenes Land, vielleicht zugebaut von den Anschwemmungen des Rheines,
der damals, wie aus seinen Schottern und Ablagerungen im sogenannten
Cromer-forest hervorgeht, an der Küste Nordenglands nach Norden strömte
und die Themse als linken Nebenfluß aufnahm, um irgendwo in der Höhe
von Norfolk in einer see- und sumpfreichen Deltalandschaft zu münden.
[Illustration: Abb. 20. ¯Leuchtturm bei Kampen.¯
(Nach einer Photographie von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
Dann kam die Eiszeit. Mächtige Eisströme zogen von Skandinavien her
über die wieder ganz festländisch gewordene Nordsee, überall ihren
Moränenschutt ausbreitend. Und als diese Kälteperiode auch zum Abschluß
gelangte und die gewaltigen Eismassen zum Schmelzen gebracht worden
waren, lag an der Stelle der heutigen Nordsee wiederum ein ausgedehntes
Festland. Ein milderes Klima herrschte über dieses von Mitteleuropa
aus überall zugängliche Gebiet, und die Vertreter derselben Flora und
Tierwelt, die wir heute noch finden, gediehen auf seinem Boden neben
vielen anderen seitdem ausgestorbenen Formen, wie Mammut, Nashorn,
Löwen, Bären u. s. w. Gleichzeitig hielt der paläolithische Mensch
seinen Einzug in das eisfrei gewordene Land. Abermals ließ der Rhein
als Hauptsammler der atmosphärischen Niederschläge Mitteleuropas
seine gewaltigen Fluten nach Norden strömen. Die Doggerbank, unseren
Fischern als Fischgrund wohlbekannt, bildet das Überbleibsel eines
alten Höhenrückens, der durch keine jüngeren Ablagerungen sich hat
verdecken lassen, und hier scharren die Fischer, mit ihren Grundnetzen
nach Plattfischen jagend, die Überreste vom Mammut, vom Bison, vom
wollhaarigen Rhinoceros, von Rentieren, Elchen, Hyänen, Wildpferden
und noch anderen Tieren mehr auf. Diese Knochenansammlungen werden als
die Ablagerungen und Schotter des alten Rheinlaufes gedeutet, die hier
zusammengeschwemmt zur Ruhe gelangt sind.
Die zweite, und zwar die heutige Nordsee folgte dann durch allmähliche
Senkung auf dieses letzte angloskandinavische Festland. Allenthalben
drang das Meer vor, dessen Wellen erst die Doggerbank als eine
Insel umspülten und in später Zeit ganz überflutet haben. Von der
Nordspitze Jütlands bis zum Isthmus von Calais-Dover zog sich, auf
erhöhtem Vorlande belegen, ein großartiger Dünenwall dahin, der einem
hinter ihm vorhandenen weiten von Hügeln, Heiden, Mooren und Sümpfen
bedeckten Gebiete Schutz gewährte. Größere und kleinere, von dem
hohen Geestrücken der cimbrischen Halbinsel herabkommende Wasserläufe
mögen dasselbe durchzogen haben. An dem höher belegenen Küstensaume
brachen sich die Seewinde, so daß sich auf dem Hinterlande eine
kräftige Waldvegetation entwickeln konnte. Dem gewaltigen Andrange
der Meereswogen von Norden und Westen her konnte die immer schmaler
gewordene anglogallische Landenge nicht länger mehr widerstehen. Sie
zerriß, und die Verbindung zwischen Kanal und Nordsee entstand. Ein
allgemeiner Senkungsprozeß im fraglichen Gebiet begünstigte wohl
diesen Vorgang. Damit war aber auch die das Festland schützende
Dünenkette preisgegeben. Die Fluten brachen in das Land ein und
zerstörten die Dünenwälle mehr und mehr, so daß im Laufe der Zeit nur
noch die Inseln davon übriggeblieben sind, welche heute die äußere
Umsäumung unserer Nordseeküste bilden. Auch diese sind durch den
stetigen Anprall der Wellen immer geringer an Umfang und Ausdehnung
geworden, und jedes Jahr bringt hier neue Zerstückelungen mit sich. Die
Überreste der zerstörten Waldungen und Moorbildungen sind uns in den
unterseeischen Wäldern und in den Dargmassen erhalten geblieben, die
sich in großartiger Ausdehnung längs der ganzen deutschen Nordseeküste
finden und die Unterlage des Watts bilden. An gewissen Stellen, so in
den Marschen von Jever in Ostfriesland, besitzen diese Moore sogar
an 16 Meter Mächtigkeit. Ohne Ausnahme zeigen sie deutlich, daß sie
von Süßwasserpflanzen gebildet wurden; Eichen, Birken, Espen, Erlen,
Weißdorn, Haselstaude und mehrere Arten von Nadelhölzern nehmen an
dieser Zusammensetzung teil. Die Bäume stehen teilweise noch frei und
aufrecht im Meerwasser, teilweise sind dieselben von einer zwei bis
drei Meter mächtigen Schlickschicht bedeckt; in den meisten Fällen sind
sie, jedenfalls unter der Einwirkung der Stürme und Fluten, denen sie
einst ausgesetzt waren, in der Richtung nach Südost überkippt. Es sind,
wie schon vor Jahren von dem schleswig-holsteinischen Geologen Ludwig
Meyn ausdrücklich betont worden ist, keine brackischen oder salzigen
Lagunenmoore, sondern vollkommene Festlands- und Süßwasserbildungen,
welche mit diesen ihren Eigenschaften nur entstehen konnten in einem
wesentlich über der See erhabenen, hügeligen Terrain und unter einem
Klima, das der natürlichen ungepflegten Baumvegetation mehr hold ist,
als das gegenwärtige Klima unserer Westküste mit ihren ungebrochenen
Sturmwinden.
[Illustration: Abb. 21. ¯Weg nach Rantum.¯
(Nach einer Photographie von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
[Sidenote: Der Boden der Nordsee.]
An der Westküste von Sylt liegen sogar noch solche untermeerische
Torfbänke, über welche die äußere Landgrenze längst zurückgeschritten
ist. Ungewöhnliche Sturmfluten zerreißen die äußersten derselben und
werfen ihre losgelösten Schollen ans Land, ein Umstand, der auf der
Insel stets als eine Wohlthat und eine dankenswerte Gabe des Meeres
betrachtet wird, da dieselbe an Brennmaterial arm ist.
[Sidenote: Entstehung von Watt und Marsch.]