mehr. "Erwürge mich nur!" sprach sie mit zitternder, lauter Stimme,
"tu's nur, Filippo. Aber wenn du es getan hast, wirst du dich über
meinen Leichnam werfen und Blut aus deinen Augen weinen, daß du mich
nicht wieder lebendig machen kannst. Dein Lager wird hier neben mir
sein, mit den Geiern wirst du kämpfen, die mich zerfleischen wollen,
die Sonne des Tags wird dich dörren, der Tau der Nacht dich feuchten,
bis du hinfällst gleich mir--denn von mir lassen kannst du nun nicht
mehr. Meinst du, das arme, törichte Ding, das auf den Bergen
aufgewachsen ist, werde sieben Jahre wegwerfen wie einen Tag? Ich
weiß, was sie mich gekostet haben, wie teuer sie waren, und daß ich
einen ehrlichen Preis zahle, wenn ich dich mit ihnen kaufen will.
Dich in den Tod lassen? Es wäre zum Lachen. Wende dich nur weg von
mir, du wirst es schon innewerden, daß ich dich zu mir zurückzwinge
auf ewig. Denn in den Wein, den du heute getrunken, war ein
Liebeszauber gemischt, dem noch kein Mensch unter der Sonne
widerstanden hat!"
Sie sah königlich aus, als sie diese Worte rief, den Arm nach ihm
ausgestreckt, als hielte ihre Hand ein Szepter über einem, der ihr
verfallen sei. Er aber lachte trotzig auf und rief: "Dein
Liebeszauber leistet dir schlechte Dienste, denn ich habe dich nie
mehr gehaßt, als in diesem Augenblick. Aber ich bin ein Narr, eine
Närrin zu hassen. Möge es dich, wie von dem Wahn, so auch von der
Liebe heilen, wenn du mich nicht wieder siehst. Ich brauche deine
Führung nicht. Ich sehe da drüben am Abhang eine Hirtenhütte und die
Herde umher. Ein Feuer blinkt herauf. Man wird mich dort wohl
zurechtweisen. Lebe wohl, arme Schlange, lebe wohl!"
Sie antwortete nichts, als er ging, und setzte sich ruhig in den
Schatten eines Felsens neben der Schlucht, in das dunkle Grün der
Tannen, die unten am Bach wurzelten, ihre großen Augen versenkend.
Er war noch nicht lange von ihr gegangen, als er sich pfadlos zwischen
Klippen und Gebüsch befand; denn wie sehr er sich's verleugnen mochte,
hatten doch die Worte des wunderbaren Mädchens eine beunruhigende
Wirkung auf sein Herz ausgeübt, die all seine Gedanken nach innen
kehrte. Indessen sah er gegenüber auf der Matte noch immer das
Hirtenfeuer und arbeitete sich rüstig durch, damit er nur erst die
Tiefe erreichte. Er rechnete nach dem Stande der Sonne, daß es gegen
die zehnte Stunde sein mußte. Wie er aber die Bergsteile
hinabgeklettert war, fand er unten einen sonnenlosen Weg und bald auch
einen Steg über einen neuen Wildbach, der auf der andern Seite
hinaufzuführen und endlich an der Matte auszumünden versprach. Er
verfolgte ihn, und der Weg lief anfangs steil hinan, dann aber in
großer Windung eben am Berge hin. Er sah wohl, daß er ihn nicht
zunächst zu seinem Ziele bringen würde; aber in geraderer Richtung
hingen unüberwindlich jähe Felsstücke vor, und wollte er nicht zurück,
mußte er sich schon seinem Wege vertrauen. Nun schritt er rasch und
anfangs wie aus Banden erlöst dahin, und spähte zuweilen nach der
Hütte aus, die sich immer noch zurückzog. Nach und nach, wie sein
Blut gelinder floß, fielen ihm alle Einzelheiten des eben erlebten
Auftrittes wieder ein. Das schöne Mädchenbild sah er leibhaftig vor
sich, und nicht wie zuvor durch den Nebel seines Jähzorns. Er konnte
sich eines tiefen Mitleidens nicht erwehren. "Nun sitzt sie droben",
sagte er vor sich hin, "die arme Irre, und baut auf ihre Zauberkünste.
Darum also verließ sie in Nacht und Mondschein gestern die Hütte, um
wer weiß welch ein harmloses Kraut zu pflücken. Jawohl; wiesen mir
nicht auch meine braven Contrabbandieri die sonderbaren weißen Blüten
zwischen den Felsen und sagten, das sei mächtig für Gegenliebe?
Unschuldiges Gewächs, was sie dir nachsagen!--Und darum zerschellte
sie den Krug, und darum war mir der Wein so bitter auf der Zunge.
Wird doch das Kindische je älter desto stärker und ehrwürdiger.--Wie
eine Sibylle stand sie vor mir, so wahrheitsgewiß, wie schwerlich jene
römische, die ihre Bücher ins Feuer warf. Armes Weiberherz, wie schön
und elend macht dich dein Wahn!"
Je weiter er ging, um so stärker fühlte er die rührende Herrlichkeit
ihrer Liebe und die Gewalt ihrer Schönheit, die ihm die Trennung nur
noch verklärte. "Ich hätte es sie nicht entgelten lassen sollen, daß
sie mich im besten Glauben, mich zu retten, von meinen unabwendbaren
Pflichten losmachen will. Ich hätte ihr die Hand geben sollen und
sagen: Ich habe dich lieb, Fenice, und wenn ich leben bleibe, komme
ich zu dir zurück und hole dich heim. Wie blind war ich, daß mir
diese Auskunft nicht einfiel! eine Schande für den Advokaten! Ich
hätte mit Küssen wie ein Bräutigam Abschied nehmen sollen, so hätte
sie kein Arg gehabt, daß ich sie täuschte. Statt dessen hab ich
gerade durch gewollt mit dem Trotzkopf und alles verschlimmert."
Nun vertiefte er sich in das Bild eines solchen Abschiedes und meinte
ihren Atem zu fühlen und den Druck der frischen Lippen auf den seinen.
Es war ihm, als höre er seinen Namen rufen. "Fenice!" antwortete er
inbrünstig und stand mit heftig klopfendem Herzen still. Der Bach
rauschte unter ihm, die Zweige der Tannen hingen ohne Bewegung, weit
und breit schattige Wildnis.
Schon war ihm der Name wieder auf den Lippen, als ihm noch zur rechten
Zeit die Scham den Mund versiegelte. Scham und ein Grauen zugleich.
Er schlug sich vor die Stirn. "Ist es schon so weit mit mir, daß ich
im Wachen von ihr träume?" rief er. "Soll sie recht behalten, daß
diesem Zauber kein Mensch unter der Sonne widerstehen kann? So wäre
ich nichts Besseres, als sie aus mir zu machen gedachte, wert, ein
Weiberknecht zu heißen mein Leben lang. Nein, in die Hölle mit dir,
schöne betrogene Teufelin!"
Er hatte für den Augenblick seine Fassung wieder, aber er sah nun auch,
daß er von dem Wege völlig in der Irre herumgeführt war. Zurück
konnte er nicht, wenn er der Gefahr nicht in die Arme laufen wollte.
So beschloß er, jetzt um jeden Preis wieder eine Höhe zu erreichen,
von der er sich nach der verlornen Hirtenstelle umschauen könnte. Das
eine Ufer des tief unten rauschenden Bachs, an dem er ging, war allzu
jäh. Also schlang er den Mantel über den Nacken, wählte eine sichere
Stelle und war mit einem Sprung an der andern Seite der Kluft, deren
Wände hier dicht zusammentraten. Mit besserem Mut erklomm er den
Abhang drüben, und erreichte bald die Sonne.
Sie sengte schwer sein Haupt, und die Zunge lechzte ihm, als er sich
mit großer Anstrengung emporarbeitete. Jetzt überfiel ihn auf einmal
die Angst, daß er dennoch mit allen Mühen das Ziel nicht mehr
erreichen möchte. Das Blut stieg ihm mehr und mehr zu Kopf, er schalt
auf den Teufelswein, den er am Morgen hinuntergestürzt, und wieder
mußte er an die weißen Blüten denken, die man ihm gestern unterwegs
gezeigt. Hier wuchsen sie wieder--ihm schauderte die Haut. Wenn es
doch wahr wäre, dachte er, wenn es Kräfte gäbe, die unser Herz und
unsre Sinne bemeistern und einen Manneswillen unter die Laune eines
Mädchens beugen könnten--lieber das Äußerste als diesen Schimpf!
lieber Tod als Knechtschaft! Aber nein, nein, nur den bezwingt die
Lüge, der an sie glaubt. Sei ein Mann, Filippo, vorwärts, da ist die
Höhe vor dir; noch eine kurze Frist--und dies maledeite Gebirge mit
seinem Spuk liegt für immer hinter dir!
Und dennoch konnte er das Fieber in seinem Blut nicht besänftigen.
Jeder Stein, jede schlüpfrige Stelle, jeder vor ihm hängende starre
Tannenzweig war ihm ein Widerstand, den er mit unverhältnismäßigem
Aufbieten des Willens gewaltsam besiegte. Als er endlich oben, sich
an den letzten Büschen haltend, ankam und mit einem Schwung die Höhe
gewann, konnte er erst nicht um sich sehen, so war ihm das Blut in die
Augen geschossen, und so plötzlich blendete ihn die Sonne von den
gelben Felsen ringsum. Wütend rieb er sich die Stirn und fuhr sich
durch das verworrene Haar, den Hut lüftend. Da aber hörte er wahrlich
wieder seinen Namen und starrte entsetzt nach der Stelle, von wo man
rief. Und wenige Schritte ihm gegenüber, am Felsen, wie er sie
verlassen, saß Fenice und sah ihn mit stillen, glücklichen Augen an.
"Kommst du endlich, Filippo!" sagte sie innig. "Ich habe dich schon
früher erwartet."
"Gespenst der Hölle", schrie er außer sich, während Grausen und alle
Leidenschaften der Sehnsucht sich in ihm bekämpften, "höhnst du mich
noch, da ich mit Qualen in der Irre laufe und die Sonne mir alles Hirn
schmilzt? Triumphierst du, daß ich dich noch einmal sehen muß, um
dich noch einmal zu verfluchen? Wenn ich dich gefunden habe, beim
allmächtigen Gott, so hab ich dich doch nicht gesucht, und du sollst
mich dennoch verlieren."
Sie schüttelte seltsam lächelnd den Kopf. "Es zieht dich ohne daß
du's weißt", sagte sie. "Du fändest mich, wenn alle Berge der Welt
zwischen uns wären, denn ich mischte sieben Tropfen von dem Herzblut
des Hundes in deinen Wein. Armer Fuoco! Er liebte mich und haßte
dich. So wirst du den Filippo hassen, der du früher warst, als du
mich verstießest, und nur ruhig sein in dir, wenn du mich liebst.
Filippo, siehst du nun, daß ich endlich dich erobert habe? Komm, nun
will ich dir wieder die Wege zeigen, nach Genua zu, mein Geliebter,
mein Mann, mein Holder!"
Damit stand sie auf und wollte mit beiden Armen ihn umfangen, als sie
plötzlich vor seinem Gesicht erschrak. Er war wie mit einem Schlage
totenblaß geworden, nur das Weiße in seinen Augen rot, seine Lippen
bewegten sich lautlos, der Hut war vom Haupt gefallen, mit den Händen
wehrte er heftig jede Annäherung ab.
"Ein Hund! ein Hund!" waren die ersten mühsam vorbrechenden Worte.
"Nein, nein, nein! du sollst nicht siegen--Dämon! Besser ein toter
Mann, als ein lebendiger Hund!"--Darauf erscholl ein furchtbares
Lachen von seinen Lippen, und langsam, wie wenn er sich gewaltsam
jeden Schritt erkämpfte, die Augen stier auf das Mädchen geheftet,
wich er taumelnd zurück und stürzte rücklings in die Schlucht hinab,
die er eben verlassen hatte.-Vor ihren Augen wurde es Nacht, mit
beiden Händen fuhr sie sich ans Herz und stieß einen Schrei aus, der
wie ein Falkenschrei über die Schlucht klang, als sie die hohe Gestalt
hinter dem Rande des Felsens verschwinden sah. Ein paar wankende
Schritte tat sie, dann stand sie fest und aufrecht, immer die Hände
gegen das Herz gepreßt. "Madonna!", sagte sie, ohne etwas zu denken.
Immer vor sich niedersehend, näherte sie sich jetzt rasch der Schlucht
und begann die steinige Wand zwischen den Tannen hinabzuklimmen.
Worte ohne Sinn murmelten ihre heftig atmenden Lippen, mit der einen
Hand hielt sie das Herz fest, mit der andern half sie sich an den
Steinen und Zweigen hinab. So kam sie bis an die Wurzeln der
Tannen--da lag er. Er hatte die Augen geschlossen, Stirn und Haar von
Blut überströmt, den Rücken wider einen Stamm gelehnt. Der Rock war
zerrissen und das rechte Bein schien auch verwundet. Ob er lebe,
konnte sie nicht unterscheiden. Sie lud ihn auf ihre beiden Arme, da
empfand sie, daß er sich noch regte. Der Mantel, den er über den
Schultern dicht gefaltet trug, schien die Gewalt des Falles gebrochen
zu haben. "Gelobt sei Jesus!" sagte sie aufatmend. Es war, als
wüchsen ihr Riesenkräfte, wie sie, den hülflosen Mann an ihrer Brust,
die Steile wieder hinaufzuklimmen begann. Es dauerte lange, viermal
legte sie ihn nieder zwischen Moos und Felsen, noch immer schlief das
Leben in ihm.
Als sie endlich auf der Höhe war mit ihrer unseligen Last, brach sie
selber in die Kniee und lag einen Moment in völliger Vergessenheit und
Ohnmacht. Dann stand sie auf und entfernte sich nach der Richtung, in
der die Hütte des Hirten lag. Als sie hinlänglich nahe war, ließ sie
einen gellenden Ruf über die Weite des Tals erschallen. Das Echo
antwortete zuerst, bald eine Menschenstimme. Sie rief zum zweiten Mal
und wandte sich dann, ohne die Antwort abzuwarten. Als sie wieder bei
dem leblosen Mann anlangte, stöhnte sie heftig auf und trug ihn dann
in den Schatten des Felsens, wo sie selbst vorher gesessen und ihn
erwartet hatte.
Dort fand er sich noch, als ihm das Bewußtsein schwach zurückkehrte
und er die Augen zuerst wieder aufschlug. Er sah zwei Hirten neben
sich, einen Alten und einen Burschen von siebzehn Jahren. Sie
sprengten ihm Wasser ins Gesicht und rieben ihm die Schläfe. Sein
Kopf ruhte weich, er wußte nicht, daß er auf dem Schoß des Mädchens
lag.
Er schien sie überhaupt ganz vergessen zu haben. Er tat einen Atemzug,
der ihn bis in die Fußspitzen erschütterte und schloß dann wieder die
Augen. Endlich bat er mit stockender Stimme: "Einer von euch, brave
Leute, möge hinuntergehen--rasch, nach Pistoja. Man wartet auf mich.
Gottes Barmherzigkeit lohne es dem, der dem Wirt zur Fortuna sagt--wie
es um mich steht. Ich heiße--" da schwanden ihm wieder Stimme und
Bewußtsein.
"Ich werde gehen", sagte das Mädchen, "ihr tragt den Herrn indessen
nach Treppi und legt ihn in das Bett, das die Nina euch zeigen wird.
Sie soll die Chiaruccia rufen, die Alte, und den Herrn von ihr heilen
und verbinden lassen. Hebt ihn auf, du an den Schultern, Tommaso, du,
Bippo, an den Beinen. Wenn ihr bergan geht, mußt du voran, Tommaso.
So, hebt ihn! Sanft, sanft! Und halt--das taucht ihr in Wasser und
legt es auf seine Stirn, und netzt es wieder an jeder Quelle. Habt
ihr verstanden?"
Sie riß ein großes Stück von ihrem leinenen Kopftuch herunter, tauchte
es ein und wand es um die blutigen Haare Filippos. Dann ward er
aufgehoben, die Männer trugen ihn nach Treppi zu, und das Mädchen,
nachdem es ihnen mit völlig erloschenen Blicken nachgesehen, schürzte
sich hastig und stieg auf rauhen Pfaden das Gebirg hinab.
Es war gegen drei Uhr nachmittags, als sie Pistoja erreichte. Die
Schenke zur Fortuna lag einige hundert Schritte vor der Stadt und zu
dieser Stunde der Siesta war wenig Leben in ihr. Im Schatten des
weiten Vordachs standen ausgeschirrte Wagen, die Fuhrleute schliefen
auf den Polstern, in der großen Schmiede gegenüber ruhte die Arbeit
und durch die dickbestaubten Bäume längs der Landstraße rührte sich
kein Luftzug. Fenice trat an den Brunnen vor dem Hause, dessen Strahl,
allein geschäftig, in den großen Steintrog niederrauschte, und
erfrischte sich Hände und Gesicht. Dann trank sie langsam und lange,
um Durst und Hunger zugleich zu stillen, und trat in die Schenke.
Der Wirt erhob sich schläfrig von der Bank in der Schenkstube und
legte sich wieder hin, als er sah, daß es ein Mädchen von den Bergen
war, die seine Ruhe störte.
"Was willst du?" fuhr er sie an. "Wenn du zu essen haben willst oder
Wein, geh in die Küche."
"Ihr seid der Wirt?" fragte sie ruhig.
"Wer anders als ich? Man kennt mich, sollt' ich denken, Baldassare
Tizzi von der Fortuna. Was bringst du mir, schöne Tochter?"
"Eine Botschaft vom Signor Avvocato Filippo Mannini."
"Eh, eh, ist's das? Ja, das ist freilich was anders", und er stand
eilig auf. "Kommt er nicht selber, Kind? Es sind Herren da, die ihn
erwarten."
"So bringt mich zu ihnen."
"Ei ei, die Heimliche! darf man nicht wissen, was er den Herren sagen
läßt?"
"Nein."
"Nun nun, schon gut Kind, schon gut. Es hat jeder seine eignen
Geheimnisse, dieser hübsche Trotzkopf da so gut wie der harte Schädel
des alten Baldassare. Eh, eh, er kommt also nicht; das wird den
Herren sehr unangenehm sein; sie scheinen wichtige Geschäfte mit ihm
zu haben."
Er schwieg und sah das Mädchen blinzelnd von der Seite an. Als sie
aber nicht Miene machte, ihn weiter ins Vertrauen zu ziehn, sondern
die Tür öffnete, stülpte er den Strohhut auf und ging kopfschüttelnd
mit ihr.
Ein kleiner Weingarten lag hinter dem Hofe, den durchschritten sie,
der Alte in fortwährenden Fragen und Ausrufungen, auf die das Mädchen
keine Silbe erwiderte. Am Ende des mittelsten Laubenganges lag ein
unscheinbares Gartenhaus, die Läden waren verschlossen und innen
hinter der Glastür hing ein dichter Vorhang herab. Einige Schritte
vor diesem Pavillon hieß der Wirt Fenice stehenbleiben und ging allein
nach der Tür, die auf sein Klopfen geöffnet wurde. Fenice sah, wie
der Vorhang dann zurückgeschoben wurde und ein Paar Augen nach ihr
heraussahen. Dann kam der Alte wieder zu ihr und sagte, daß die
Herren sie sprechen wollten.
Als Fenice in den Pavillon trat, erhob sich ein Mann, der am Tisch mit
dem Rücken nach der Tür gesessen hatte, und richtete einen
durchdringenden kurzen Blick auf sie. Zwei andere blieben auf den
Stühlen sitzen. Auf dem Tische sah sie Weinflaschen und Gläser.
"Der Signor Avvocato kommt nicht, wie er versprochen?"--sagte der Mann,
vor dem sie stand. "Wer bist du und was hast du zur Beglaubigung
deiner Botschaft?"
"Eine Jungfrau aus Treppi bin ich, Fenice Cattaneo, Herr.
Beglaubigung? Ich habe keine, als daß ich die Wahrheit sage."
"Warum kommt der Signor Avvocato nicht? Wir dachten, er sei ein
Ehrenmann."
"Er ist es nicht minder, weil er einen Sturz vom Felsen getan und sich
Stirn und Bein verwundet hat, daß er das Bewußtsein verloren."
Der Frager wechselte Blicke mit den andern Männern und sagte dann
wieder:
"Du sagst allerdings die Wahrheit, Fenice Cattaneo, weil du schlecht
zu lügen verstehst. Wenn er das Bewußtsein verlor, wie kann er dich
hieherschicken, es uns ansagen zu lassen?"
"Die Sprache kam ihm wieder auf Augenblicke. Da sagte er, daß er in
der Fortuna erwartet werde; man solle es dort zu wissen tun, was ihm
begegnet."
Ein trocknes Lachen ward von einem der andern Männer hörbar. "Du
siehst", sagte der Sprecher, "auch diese Herren hier glauben nicht
sonderlich an dein Märchen. Es ist freilich bequemer, den Poeten zu
machen als den Ehrenmann."
"Wenn das heißen soll, Signor, daß Signor Filippo aus Feigheit nicht
hergekommen ist, so ist dies eine abscheuliche Lüge, die Euch der
Himmel anrechnen möge", sagte sie fest und sah alle drei nach der
Reihe an.
"Du wirst warm, Kleine", höhnte der Mann. "Du bist wohl die gute
Freundin des Herrn Avvocato, he?"
"Nein, die Madonna weiß es!" sagte sie mit ihrer tiefsten Stimme. Die
Männer flüsterten untereinander und sie hörte, wie einer sagte: "Das
Nest ist noch toskanisch."--"Ihr glaubt doch nicht im Ernst an diese
Schliche?" fiel ihm der dritte ein. "Der liegt sowenig in Treppi,
wie--"
"Kommt und seht ihn selbst!" unterbrach Fenice das Geflüster. "Aber
Waffen dürft ihr nicht tragen, wenn ich euch führen soll."
"Närrchen", sagte der erste Sprecher, "meinst du, daß wir einer so
schmucken Kreatur, wie du bist, ans Leben wollen?"
"Nein, aber ihm; ich weiß es."
"Hast du sonst noch etwas dir auszubedingen, Fenice Cattaneo?"
"Ja, daß ein Wundarzt mitgehe. Ist er schon unter euch, Signori?"
Sie erhielt keine Antwort. Statt dessen steckten die drei Männer die
Köpfe zusammen. "Als wir kamen, sah ich ihn zufällig vorn im Hause;
hoffentlich ist er noch nicht nach der Stadt zurück", sagte der eine
und verließ dann den Pavillon. Er kam nach kurzer Zeit mit einem
vierten wieder, der die Gesellschaft nicht zu kennen schien.
"Ihr erweist uns wohl die Gefälligkeit, mit uns nach Treppi
hinaufzugehen?" redete ihn der Sprecher an. "Man wird Euch inzwischen
unterrichtet haben, um was es sich handelt."
Der andere verneigte sich schweigend, und alle verließen den Pavillon.
Als sie an der Küche vorbeigingen, ließ sich Fenice ein Brot geben
und nahm einige Bissen davon. Dann ging sie wieder der Gesellschaft
voran und schlug den Weg in die Berge ein. Sie gab unterwegs nicht
acht auf ihre Begleiter, die eifrig miteinander redeten, sondern eilte,
soviel sie konnte, und mußte zuweilen angerufen werden, damit man sie
nicht aus den Augen verlor. Dann stand sie und wartete, und sah in
hoffnungslosem Brüten ins Leere hinaus, die Hand fest ans Herz gepreßt.
So ward es Abend, bis sie die Höhen erreichten.
Das Dorf Treppi sah nicht lebendiger aus, als gewöhnlich. Nur einige
Kindergesichter fuhren neugierig an die offnen Fenster, und einige
Weiber traten unter die Türen, als Fenice mit ihrer Begleitung
vorüberging. Sie sprach mit niemand, sondern näherte sich, den
Nachbarn ihren Gruß mit kurzem Händewinken erwidernd, ihrem Hause.
Hier stand eine Gruppe von Männern im Gespräch vor der Tür, Knechte
waren mit bepackten Pferden beschäftigt, und Contrabbandieri gingen ab
und zu. Als man die Fremden kommen sah, wurde es still unter den
Leuten. Sie traten beiseit und ließen die Gesellschaft vorüber.
Fenice wechselte einige Worte mit Nina in dem großen Gemach und
öffnete dann die Tür ihrer Kammer.
Man sah drin in der Dämmerung den Verwundeten auf dem Bett
ausgestreckt, neben ihm auf der Erde hockend ein uraltes Weib aus
Treppi.
"Wie steht's, Chiaruccia?" fragte Fenice.
"Nicht schlecht, die Madonna sei gepriesen!" antwortete die Alte und
musterte mit raschen Blicken die Herren, die hinter dem Mädchen
eintraten.
Filippo fuhr aus einem Halbschlaf auf und sein blasses Gesicht glühte
plötzlich. "Du bist's!" sagte er.
"Ja, ich bringe den Herrn, mit dem Ihr den Kampf vorhattet, damit er
selbst sehe, daß Ihr nicht kommen konntet. Und da ist auch ein
Wundarzt."
Das matte Auge des Liegenden glitt langsam über die vier fremden
Gesichter. "Er ist nicht darunter", sagte er. "Ich kenne keinen von
diesen Herren."
Als er das gesprochen und schon wieder das Auge schließen wollte, trat
der Sprecher unter den dreien vor und sagte: "Es genügt, daß man Euch
kennt, Signor Filippo Mannini. Wir hatten Befehl, Euch zu erwarten
und zu verhaften. Es sind Briefe von Euch aufgefangen, aus denen
hervorgeht, daß Ihr nicht allein um das Duell auszumachen Toskana
wieder betreten habt, sondern um gewisse Verbindungen wieder
anzuknüpfen, die Eurer Partei in Bologna Vorschub leisten sollen. Ihr
seht den Kommissär der Polizei vor Euch und hier meine Instruktion."
Er zog ein Blatt aus der Tasche und hielt es Filippo vors Gesicht.
Der aber starrte darauf, als habe er von allem nichts verstanden, und
fiel wieder in seine schlafähnliche Betäubung zurück.
"Untersucht die Wunden, Herr Dottore", wandte sich nun der Kommissär
an den Arzt. "Wenn der Zustand es irgend erlaubt, müssen wir diesen
Herrn unverzüglich hinunterschaffen. Ich habe draußen Pferde gesehn.
Wir tun zwei gesetzliche Taten auf einmal, wenn wir uns derselben
bemächtigen, denn sie sind mit Schleichwaren beladen. Es ist gut, daß
man weiß, welches Volk dies Treppi besucht, wenn man es einmal wissen
will."
Während er dies sagte und der Arzt sich Filippo näherte, war Fenice
aus der Kammer verschwunden. Die alte Chiaruccia blieb ruhig sitzen
und murmelte vor sich hin. Man hörte Stimmen draußen und eine
seltsame Unruhe von Kommenden und Gehenden, und zu dem Mauerloch sahen
Gesichter herein, die rasch wieder verschwanden.--"Es ist möglich",
sagte jetzt der Wundarzt, "daß wir ihn hinunterschaffen, wenn er fest
und doppelt verbunden ist. Schneller würde er freilich wieder
aufkommen, ließe man ihn hier in der Ruhe, und in der Pflege dieser
alten Hexe, deren Wundkräuter den besten gelernten Arzt zuschanden
machen. Es kann das Wundfieber unterwegs ihm ans Leben treten, und
eine Verantwortung übernehme ich keinesfalls, Signor Commissario."
"Unnötig, unnötig", erwiderte der andere. "Wie man ihn los wird, kann
nicht in Betracht kommen. Legt ihm Euern Verband an, so fest Ihr
vermögt, damit nichts versäumt werde, und dann vorwärts. Wir haben
Mondschein und nehmen einen Burschen mit. Geht indessen hinaus, Molza,
und versichert Euch der Pferde."
Der eine der Sbirren*, dem dieser Befehl galt, öffnete rasch die
Kammertür und wollte hinaus, als ein unerwarteter Anblick ihn
versteinerte. Das Gemach nebenan war mit einer Schar von Dorfleuten
besetzt, an deren Spitze zwei Contrabbandieri standen. Fenice hatte
noch mit ihnen gesprochen, als die Tür sich öffnete. Nun trat sie an
die Schwelle der Kammer und sagte mit großem Nachdruck:
{ed. * Scherge, Häscher}
"Ihr verlaßt diese Kammer unverzüglich, Signori, und ohne den
Verwundeten, oder ihr seht Pistoja nicht wieder. In diesem Hause ist
noch kein Blut geflossen, solange Fenice Cattaneo seine Herrin ist,
und die Madonna verhüte solchen Greuel in alle Zukunft. Versucht auch
nicht wiederzukommen, etwa mit mehreren. Ihr habt die Stelle noch im
Sinn, wo man einzeln die Felstreppe zwischen den Wänden hinaufklimmt.
Ein Kind kann diesen Paß verteidigen, wenn es die Steine den Abhang
herabrollt, die droben wie gesät liegen. Wir werden dort eine Wache
stellen, bis dieser Herr in Sicherheit ist. Nun geht und rühmt euch
der Heldentat, daß ihr ein Mädchen betrogen habt und einen verwundeten
Mann ermorden wolltet."