Die Gesichter der Sbirren entfärbten sich mehr und mehr und es

entstand eine Pause nach den letzten Worten. Dann zogen alle drei wie

auf Kommando bisher verborgene Pistolen aus der Tasche, und der

Kommissär sagte kaltblütig: "Wir kommen im Namen des Gesetzes. Wenn

ihr selbst es nicht respektiert, wollt ihr auch noch andere hindern,

es zu vollziehn? Es kann sechsen von euch das Leben kosten, wenn ihr

uns zwingt, dem Gesetz mit Gewalt Achtung zu verschaffen."

Ein Murren durchlief die Schar der andern. "Still, Freunde!" rief das

entschlossene Mädchen. "Sie wagen es nicht. Sie wissen, daß jeder,

den sie erschießen, dem Mörder einen sechsfachen Tod einbringt. Ihr

redet wie ein Tor", wandte sie sich wieder an den Kommissär. "Die

Furcht, die auf euern Stirnen sitzt, redet wenigstens klüger. Tut,

was sie euch anrät. Der Weg ist offen, Signori!"

Sie trat zurück und wies mit der Linken nach der Tür des Hauses. Die

in der Kammer flüsterten wenige Worte zusammen, dann schritten sie mit

leidlicher Haltung durch die aufgeregte Schar, die ihnen immer lautere

und lautere Verwünschungen mit auf den Weg gab. Der Wundarzt war

unschlüssig, ob er folgen dürfe; aber auf einen gebieterischen Wink

des Mädchens schloß er sich seinen Begleitern eilfertig an.

Diese ganze Szene hatte der Kranke in der Kammer halb aufgerichtet mit

großen Augen mitangesehn. Jetzt trat die Alte wieder zu ihm und

rückte ihm das Kissen. "Still liegen, mein Sohn!" sagte sie. "Es ist

keine Gefahr. Schlafen, schlafen, armer Sohn! die alte Chiaruccia

wacht, und daß Ihr sicher seid, dafür sorgt unsre Fenice, das

benedeite Kind! Schlaft, schlaft!"

Sie summte ihn dann mit eintönigen Liedern ein wie ein Kind. Er aber

nahm den Namen Fenice mit in seine Träume.

Filippo war zehn Tage droben im Gebirg und in der Pflege der Alten,

schlief viel in den Nächten und genoß am Tage, vor der Tür sitzend,

die reine Luft und die Einsamkeit. Sobald er wieder schreiben konnte,

schickte er einen Boten mit einem Brief nach Bologna und erhielt am

andern Tage Antwort, ob erwünscht oder unerwünscht, war auf seinem

blassen Gesicht nicht zu lesen. Außer mit seiner Pflegerin und den

Kindern von Treppi sprach er mit niemand, und Fenice sah er nur des

Abends, wenn sie am Herde schaltete. Denn sie verließ das Haus mit

Sonnenaufgang und blieb über Tag im Gebirg. Das war sonst anders

gewesen, wie er aus zufälligen Äußerungen entnahm. Aber auch wenn sie

zu Hause war, fand sich nie eine Gelegenheit, mit ihr zu sprechen.

Sie tat überhaupt, als merke sie seine Anwesenheit gar nicht, und

schien das Leben wie früher zu tragen. Doch war ihr Gesicht wie

steinern geworden und ihre Augen wie erstorben.

Als Filippo eines Tages, von dem herrlichen Wetter gelockt, weiter als

sonst sich vom Hause entfernte und zum erstenmal wieder im Gefühl

neuer Kraft eine sanfte Höhe hinabstieg, erschrak er, als er um einen

Felsen bog und unerwartet Fenice im Moos neben einer Quelle sitzen sah.

Sie hatte Wocken und Spindel in Händen und schien während des

Spinnens sehr in sich vertieft. Bei Filippos Schritten sah sie auf,

sprach aber kein Wort, noch veränderte sich der Ausdruck ihres

Gesichts, und rasch erhob sie sich samt ihrem Gerät. Dann ging sie,

ohne auf seinen Ruf zu achten, davon und war ihm bald aus den Augen.

Am Morgen nach dieser Begegnung war er eben aufgestanden und seine

ersten Gedanken gingen wieder zu ihr, als die Tür seiner Kammer

geöffnet wurde und das Mädchen ruhig zu ihm eintrat. Sie blieb an der

Schwelle stehen und winkte ihm gebieterisch mit der Hand, als er vom

Fenster ihr näher eilen wollte.

"Ihr seid wieder geheilt", sagte sie kalt. "Ich habe mit der Alten

gesprochen. Sie meint, Ihr hättet wieder die Kraft zu reisen, in

kleinen Tagereisen und zu Pferde. Ihr werdet morgen früh Treppi

verlassen und nie dahin zurückkehren. Dies Versprechen fordre ich von

Euch."

"Ich verspreche es, Fenice, unter einer Bedingung."

Sie schwieg.

"Daß du mit mir gehst, Fenice!" sprach er in großer, unverhaltener

Bewegung.

Ein dunkler Zorn überflog ihre Brauen. Doch hielt sie an sich und

sagte, den Türgriff fassend: "Womit habe ich Spott verdient? Ihr

verspreche es ohne Bedingung, von Eurer Ehre erwarte ich's, Signor."

"Willst du mich so verstoßen, nachdem du mir den Liebestrank bis ins

innerste Mark geflößt und mich für immer dir zu eigen gemacht hast,

Fenice?"

Sie schüttelte ruhig das Haupt. "Es ist hinfort kein Zauber mehr

zwischen uns", sagte sie dumpf. "Ihr habt Blut verloren, ehe der

Trank gewirkt hatte, der Bann ist gelöst. Und es ist gut so, denn ich

habe unrecht getan. Laßt uns nicht mehr davon reden und sagt nur, daß

Ihr gehen werdet. Ein Pferd wird bereit sein und ein Führer, wohin

Ihr wollt."

"Wenn es denn dieser Zauber nicht mehr sein kann, der mich an dich

bindet, so muß es wohl ein anderer sein, für den du nicht kannst,

Mädchen. So wahr mir Gott gnade--"

"Still!" unterbrach sie ihn und schürzte finster die Lippe. "Ich bin

taub für solche Worte, wie Ihr sie sagen wollt. Wenn Ihr meint, mir

etwas schuldig zu sein, und Euch mein erbarmen möchtet--so geht, und

die Rechnung ist damit ausgeglichen. Ihr sollt nicht denken, daß

dieser mein armer Kopf nichts lernen kann. Ich weiß jetzt, daß man

einen Menschen nicht erkaufen kann, sowenig mit armseligen Diensten,

die sich von selbst verstehen, als mit sieben Jahren des Wartens--die

sich auch von selbst verstehen vor Gott. Ihr sollt nicht denken, daß

Ihr mich elend gemacht habt Ihr habt mich geheilt! Geht! und nehmt

meinen Dank mit Euch!"

"Antworte mir vor Gott!" rief er außer sich und trat ihr näher, "habe

ich dich auch geheilt von deiner Liebe?"

"Nein", sagte sie fest. "Was fragt Ihr danach? Sie ist mein, Ihr

habt kein Recht und keine Macht über sie. Geht!"

Damit trat sie zurück und über die Schwelle. Im nächsten Augenblick

lag er hingestürzt auf den Steinen zu ihren Füßen und umfaßte ihre

Kniee.

"Wenn es wahr ist, was du sagst", rief er im höchsten Schmerz, "so

rette mich, so nimm mich an, nimm mich auf zu dir, oder dieser Kopf,

den ein Wunder in seinen Fugen erhalten hat, wird in Scherben gehen

samt diesem Herzen, das du verstoßen willst. Meine Welt ist leer,

mein Leben eine Beute des Hasses, meine alte und meine neue Heimat

verbannt mich, was soll ich noch leben, wenn ich auch dich verlieren

muß!"

Da sah er auf zu ihr und sah aus den geschlossenen Augen helle Ströme

brechen. Noch war ihr Antlitz regungslos, dann atmete sie tief auf,

ihre Augen öffneten sich, ihre Lippen bewegten sich, noch ohne Worte;

das Leben blühte wie auf einen Schlag in ihr auf. Sie beugte sich

herab zu ihm, ihre kräftigen Arme hoben ihn auf--"du bist mein!" sagte

sie bebend. "So will ich dein sein!"-Als die Sonne des andern Tages

aufging, sah sie das Paar auf dem Wege nach Genua, wohin Filippo vor

den Nachstellungen seiner Feinde sich zurückzuziehen beschlossen hatte.

Der hohe blasse Mann ritt auf einem sicheren Pferde, das seine Braut

am Zügel führte. Zu beiden Seiten zogen sich Höhen und Gründe des

schönen Apennin in der Klarheit des Herbstes, die Adler kreisten über

den Schluchten und fern blitzte das Meer. Und still und leuchtend wie

dort das Meer, lag vor den Wanderern die Zukunft.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Das Mädchen von Treppi, von Paul

Heyse.

Das Mädchen von Treppi · 第 3 / 3 段