Als bereits untersucht ist derjenige psychische Materialismus
auszuscheiden, der aus naturmenschlichen Anschauungen entspringt.
Wissenschaftlichen solchen Materialismus finden wir zuerst bei den
~Griechen~. Auch davon habe ich bei mehreren Gelegenheiten schon
gesprochen, und es genügt hervorzuheben, daß die Seele als stofflich
angesehen wird, wie der Körper, wenn auch als feiner stofflich. So sind
alle Wirkungen zwischen Seele und Welt die gleichen wie zwischen den
Körpern der Welt. Und indem noch die Wirkungen zwischen den letzteren
als rein mechanistisch betrachtet werden, ohne jede unmittelbare
oder mittelbare Beeinflussung durch ein außer- oder übernatürliches
Wesen, auch ohne jeden Vernunftgrund, erhalten wir das konsequenteste
materialistische System, das von ~Demokritos~ (aus ~Abdera~, geboren
um 470, gestorben um 390 v. Chr.) begründete, einen fast vollständigen
~materialistischen Monismus~. Stoß und Druck sind die Kräfte, Lösung
und Verbindung, zusammen mit Bewegung, sind die Vorgänge. Nicht Zweck
noch Zufall sind vorhanden, einzig Grund (λόγος) und Notwendigkeit
(ἀνάγκη) herrschen. Andere Griechen haben Liebe und Haß, Anziehung und
Abstoßung als wirkende Ursachen angenommen und Verhängnis (εἰμαρμένη)
als Grund. Die Angaben sind meist sehr dunkel und unbestimmt. Da die
Griechen für keine Kraft eine Regel ihrer Wirkung kannten, waren die
Namen schließlich nicht mehr als Namen, wenn sie nicht aus einem
allgemeinen Prinzip flossen, wie bei Empedokles, Heraklit, Anaxagoras
u. a. Demokrits Druck und Stoß, oder auch Stoß allein, ist der modernen
Wissenschaft wohlbekannt und dient noch jetzt als Grundlage für die
fremdesten Kraftberechnungen.
Ehe wir weitergehen, müssen wir jedoch von der ~Atomistik~ sprechen.
Sie scheint fast gleichzeitig, wenn auch in verschiedener Ausbildung,
von mehreren ~Forschern~ eingeführt worden zu sein. Es ist schon von
Bedeutung, daß ~Empedokles~ (aus Akragas 483-423) die Stoffe in vier
~Elemente~ (Stoicheia) Feuer, Luft, Wasser, Erde einteilte, die ihrer
Beschaffenheit nach verschieden voneinander sein sollten, und aus
deren Mischung er alle Körper bestehen ließ, während er die Vorgänge
als Mischungen und Entmischungen ansah, veranlaßt durch Liebe und Haß.
„Denn zuerst vernimm die vierfache Wurzel aller Dinge: Zeus (Feuer) der
Schimmernde und Here (Luft) die Lebenspendende und Aidoneus (Erde) und
Nestis (Wasser), die ihren Tränen sterblichen Lebensquell entfließen
läßt.“ „Denn aus diesen Elementen entsproßt alles, was da war, ist
und sein wird, Bäume und Männer und Weiber und Tiere, Vögel und
wassergenährte Fische.“ Sogar Götter „langlebige an Ehren reichste.“
„Geburt gibt es bei keinem einzigen von allen sterblichen Dingen und
kein Ende in verderblichem Tod. Nur Mischung gibt es vielmehr und
Austausch des Gemischten“: Wäre Empedokles nicht zugleich ein großer
Mystiker, so könnte er für die Welt- und Lebenanschauung als der erste
ganz klare mechanistische Materialist angesehen werden. Denn Mischung
und Entmischung sind mechanische Vorgänge, und Liebe und Haß (oder
Streit) bedeuten kaum etwas anderes als Anziehung und Abstoßung. Das
alles soll aber die Grundlage der ganzen Weltentwicklung bilden, das
Leben eingeschlossen. Indessen, die Elemente wie die Kräfte werden
eben mystisch dargestellt, wie ja im Grunde auch die sogenannte
Ionische Naturphilosophie eine mystische ist (S. 231). ~Anaxagoras~
(S. 243) ging in der Unterteilung der Körper viel weiter. Alle Stoffe
sollten aus kleinsten Teilchen zusammengesetzt sein. Diese Teilchen,
~Samenteilchen~ (Spermata, σπέρματα), später ~Homoiomerien~ (ὁμοιομερῆ)
genannt, sollten alle gleich groß sein, in der Beschaffenheit
aber den Körpern gleichen, denen sie angehörten; also bei Fleisch
Fleischteilchen, bei Luft Luftteilchen usf. sein. ~Leukippos~
(Zeitgenosse des Anaxagoras) faßte diese Teilchen entgegengesetzt
auf; sie sollten in der Beschaffenheit gleich, in den Massen und
Formen verschieden sein. Er setzte auch für sie Unteilbarkeit fest
und gewann so die Atome, deren wir uns noch jetzt bedienen, und aus
denen, wenn auch in ganz neuer Wendung, auch die Monaden, Realen
usf. hervorgegangen sind, falls sie nicht eher den Anaxagorischen
Samenteilchen entsprechen. Ich darf nicht vergessen hinzuzufügen, daß
auch in ~Indien~ Atome (Paramanu) bekannt gewesen sind; das Lehrsystem
des Vaiseshika führt sie als die wahrnehmbaren Körper zusammensetzend
auf. Auch diese scheinen jedoch den Anaxagorischen Homoiomerien zu
gleichen. Die Atomistik ist von arabischen und anderen Forschern sogar
auf die Zeit übertragen worden (S. 287).
Kehren wir zu Demokritos zurück. Die Atome sind durch ~Leere~ getrennt.
Ihre Zahl ist unendlich, ebenso unendlich verschieden ist ihre Schwere
und ihre Form. Die feinsten Atome sind kugelig. Aus solchen feinsten
Atomen ist die Seele zusammengesetzt, die darum ein äußerst Dünnes
und Bewegliches darstellt. Die eigentlichen Körper sind Aggregate von
Atomen, auch Mischungen von solchen, selbst mit jenen feinsten Atomen,
daher auch die Körper überhaupt als mehr oder weniger belebt angesehen
werden. Die Atome halten sich durch Rauheiten, Zacken, Ärmchen usf.
zusammen, da Molekularkräfte noch nicht bekannt waren. Alle Wirkungen
beruhen auf Bewegungen der Atome gegeneinander, also in Stoß und Druck.
Auch die Wirkung des Körpers auf die Seele und der Seele auf den Körper
ist keine andere. ~Demokritos~ soll sehr viel geschrieben haben; wir
besitzen auch einiges von ihm, namentlich zum Teil sehr schöne Sprüche
(Diels Fragmente der Vorsokratiker I², S. 398 ff.), aber leider fast
nichts von seiner Naturphilosophie. Und so sind wir auf die Berichte
Anderer angewiesen, die zwar reichlich fließen, aber das Wichtigste
doch unentschieden lassen, namentlich die Frage, woher die Atome ihre
unregelmäßige seitliche Bewegung haben, da die ungleichen Massen nur
geregelte Bewegungen in parallelen Linien oder nach Zentren ergeben,
nicht beliebige nach allen möglichen Richtungen, die ja angenommen
werden müssen, weil wir Wahrnehmungen aus allen möglichen Richtungen
empfangen, und weil wir nach allen möglichen Richtungen wirken, und
ja auch Bewegungen nach allen möglichen Richtungen sehen. Demokrits
System, mit oder ohne Seele aus besonderen Atomen, hat im Altertum sehr
viele Anhänger gefunden, namentlich unter den Sophisten und Epikureern.
~Epikuros~, ein Samier (341-271 v. Chr.), und durchaus edel denkend und
edel lehrend, übernahm zur Stütze seiner bekannten Lebensansicht jenes
System fast unverändert. Doch brachte er einige Verbesserungen an. Wir
sahen, daß zur Wirkung die Stöße der Atome notwendig sind. Nun kannten
die Alten die allgemeine Gravitation nicht, ebensowenig die molekularen
Anziehungen, sondern nur den Fall der Körper. Da aber dieser Fall im
leeren Raum, wie der scharfsinnige Naturforscher Aristoteles erkannte
und einwandte, für alle Atome, trotz ihrer abweichenden Massen und
Formen, gleich schnell vor sich gehen muß, so können Zusammenstöße
nicht erfolgen, also gerade das kann nicht stattfinden, was notwendig
ist. Epikuros verlieh deshalb den Atomen eine Neigung, aus sich
heraus von der geraden Bahn ein wenig abzuweichen. Alsdann können sie
allerdings zusammenstoßen, Wirbel bilden usf. Der Lehre Demokrits
angehörig war es auch, wenn er eine unendliche Zahl von Welten für
zulässig hielt, da ja bei unendlich vielen Atomen unendlich viele
Bewegungsverteilungen und Aggregationen möglich sind, nicht bloß solche
wie sie unsere Welt zusammensetzen. Teleologisches schlägt Epikur so
sorgfältig aus wie sein Vorgänger. Die Entstehung der Lebewesen aus
der Erde, dem Schlamm, lehrte er mit so vielen anderen. Im übrigen ist
er reinster Sensualist, so daß er sogar nicht anstand, Sonne und Mond
für gerade so groß oder nur wenig größer, als sie gesehen werden, zu
behaupten.
Seine Vollendung hat das empedokleisch-demokritisch-epikureische System
durch den römischen Dichter ~Titus Lucretius Carus~ (wahrscheinlich
99-55 v. Chr.) erhalten, der in seinem Lehrgedicht „De rerum natura“
Anschauungen entwickelt, die von denen der modernen kinetischen Theorie
der Körper sich nur noch in wenigem unterscheiden. Bernhardy, in seiner
Geschichte der römischen Literatur, erklärt jenes Lehrgedicht für
„eins der edelsten Denkmäler jener Literatur“, den Dichter als „einen
Geist, den an Reichtum der Gedanken und der Tiefe wenige übertreffen“.
Der Begriff der Zweckmäßigkeit, des Anfanges und des Endes ist völlig
entfernt, entfernt ist auch der Begriff einer außer- und überweltlichen
Macht und einer besonderen Seele. Einzig und allein die Atome mit
ihren ewigen Bewegungen und Zusammenstößen bilden die Welt. Die Atome
werden wie von Demokritos angenommen, Trennungen und Verbindungen wie
von Empedokles, die Körperzusammenballungen wie von Epikuros. Alle
Unterschiede zwischen den Körpern werden aus der Zahl der Atome, ihren
Formen und ihren Aneinanderlagerungen erklärt. Die Atome sind auch in
den Körpern in steter Bewegung, die wir nur wegen der Kleinheit dieser
Atome nicht sehen; ähnlich, wie wir auch bei einer Herde aus weiter
Entfernung die Bewegung der einzelnen Tiere nicht unterscheiden. Auch
hinsichtlich der Entwicklung und Auflösung von Welten nach Welten,
infolge der ständigen Bewegung der Atome, folgt der Römer dem Griechen.
Er läßt die Welten sich stetig weiter bilden, denn im Raume überall
um uns und neben uns und zwischen uns sind noch unzählige Atome, die
noch nicht zu Körpern sich zusammengefunden haben. So bilden die Welten
eine unendliche Kette von stetem Werden und Vergehen, wie wir das
auch bei Herakleitos und anderen gesehen haben. Unendlichkeiten und
Unendlichkeiten streiten gegeneinander und führen zu Unendlichkeiten.
Die Seele (anima) und der Geist (animus) sind selbst körperlich, aus
den feinsten, rundesten und beweglichsten Atomen bestehend. Die Seele
ist in der Wärme und Lebensluft des Körpers enthalten, der Geist
bedeutet einen besonders feinen Teil von ihr. Im Tode verlassen diese
Atome den Körper ganz oder größtenteils; im Leben nehmen sie besonders
alle Atomstöße von außen auf und geben ihrerseits Stöße nach außen.
Da die Atome nur physikalisch betrachtet werden, so kann kein Atom
für sich seelische oder geistige Eigenschaften aufweisen, also auch
nicht Empfindungen haben. Woher nun die Empfindung der Lebewesen?
Das wird allein aus der Ansammlung der Atome zum Körper erklärt.
Diese Ansammlung erhält Eigenschaften, die den einzelnen Atomen nicht
zukommen, wie auch ein Atom keine Farbe hat, ein Körper aus Atomen aber
Farbe aufweist. Solche und viele ähnliche Analogien kann man allerdings
anführen. Dann muß alles aus den Ansammlungen selbst erklärt werden.
Da sogar unsere Wissenschaft solche Erklärungen kaum für einige der
einfachsten Eigenschaften der Körper aus der Atomlehre abzuleiten weiß
und sich meist mit der Angabe begnügen muß, daß Bewegung und Verteilung
der Atome und Atomverbände diese Eigenschaften bewirken, wie schon die
alten Atomisten behaupteten, so darf es nicht wundernehmen, wenn diese
schließlich einfach auch sagten: ~Bewegung der Atome ist Empfindung~.
Auf dieses Hauptdogma kommen wir noch zu sprechen. Daß Lucretius die
persönliche Unsterblichkeit ablehnen mußte, versteht sich von selbst.
Der Tod hebt die Persönlichkeit, die ja durch den besonderen Komplex
des Körpers mit den feinen Seelenatomen begründet ist, vollständig
auf. Sobald die Seelenatome ausgetreten sind, können sie nicht mehr
auf den Körper und kann der Körper nicht mehr auf sie wirken. Beide
bedeuten nun zwei getrennte Atomhaufen. Nur als sich diese Atomhaufen
durchdrangen, zeigte das Ganze was wir Leben nennen, eben als Ganzes.
Und so gibt es auch kein Jenseits. Alle Furcht, alles Bangen, aller
Schmerz und alles Leid, mit dem Tode sind sie vorbei, nichts bleibt
vom Leben im Leben zurück. Daher ist die Todesfurcht so töricht und
zu verwerfen. Ein Trost ist die Einsicht in den Gang der Natur, in
ihre unausweichliche Notwendigkeit und absolute Gleichgültigkeit
gegen alles ohne Ausnahme. Selbstverständlich gibt es weder Gott noch
Götter in irgendeiner persönlichen Gestalt. Die Menschen sind nur aus
Unkenntnis der wahren Grundlagen der Welt zur Annahme der Götter
gekommen. Lucretius ist geneigt, die Religion aus der Naturbewunderung
abzuleiten, und schreibt darum der ursprünglichen Religion große
Reinheit zu. Die Verschlechterung sei erst später hervorgetreten. Wie
weit das richtig sein kann, wissen wir bereits. Vieles andere, was
sein Gedicht noch sehr Schönes und Tiefgedachtes enthält, müssen wir
übergehen.
Was im ~Mittelalter~ von materialistischen und mechanistischen
Anschauungen geäußert worden ist, habe ich bereits im zweiten Buche
angeführt. Ein System ist nicht ausgebildet worden, weder unter
Christen noch unter Arabern oder Juden; Religion und Mystizismus waren
gleich hinderlich. Daß aber manche Systeme stark ans Mechanistische
streiften, haben wir dort gesehen. Die neuere und die moderne Zeit
haben an der Grundlage des alten Materialismus und Mechanismus nur
wenig geändert und sie, und die sich anschließenden Betrachtungen, nur
mehr den mittlerweile gewonnenen naturwissenschaftlichen Kenntnissen
angepaßt. Hier müssen wir nun den Unterschied zwischen belebter und
unbelebter Welt schärfer betonen. Seit der großen Anschauung des
Kopernikus vom Bau der Welt, seit Keplers und Newtons Berechnungen
der Himmelsbewegungen sind für die unbelebte Welt der Materialismus
und Mechanismus zu immer allgemeinerer Anerkennung gelangt, soweit
sie das Bestehende betreffen. Gegenwärtig hält es wohl jeder, der
die Natur kennt, für töricht, unkontrollierbare außerirdische und
überirdische Eingriffe in ihren Gang anzunehmen. Aber schon für die
unbelebte Welt werden die Verhältnisse andere, sobald es sich um ihren
Anfang und ihren Plan handelt. Kennzeichnend für den Materialismus ist
dann, daß ein Anfang überhaupt nicht zugegeben wird und ebensowenig
ein Plan. Das erstere besagt, die Welt ist von je, sie ist nicht
entstanden. Das zweite lehnt jede Zwecklichkeit ab, die Welt ist
ein Mechanismus, der ewig läuft. Es ist mit ihr und in ihr nichts
beabsichtigt, und sie führt nicht zu einem Ziele. Wir würden bei
einer ewiggehenden Uhr, ohne Zeiger und Stundenblatt, auch nicht von
Plan und Zwecklichkeit sprechen. Und wenn wir gleichwohl sehen, daß
Ordnung in der Welt herrscht, Vorgänge nach bestimmten Regeln sich
richten, Welten sich entwickeln usf., so gehört das eben alles zur
Welt und ihrem Gange, gerade so wie die regelrechte Anordnung der
Räder, Federn usf. einer Uhr, wie das Eingreifen aller ihrer Teile
ineinander, wie das von Zeit zu Zeit in Wirksamkeittreten besonderer
Teile u. a. Es ist nur konsequent, wenn aus einer solchen Anschauung
heraus auch das Vorhandensein von besonderen Kräften abgelehnt wird.
Die Welt ist eine Anordnung und ein Vorgang; alle Einzelvorgänge sind
nur dieser eine Vorgang, wie alle Teile der Uhr die Uhr sind und
Einzeldrehungen, Schwingungen usf. darin, der Gang der Uhr. So wie
die Räder sich drehen, müssen sie sich drehen, so wie andere Teile
schwingen, müssen sie schwingen, alles aus dem Gang der Uhr. Und das
ist ohne weiteres auf die Welt zu übertragen. Manche möchten im Gang
selbst den Plan und die Zwecklichkeit sehen. Allein das verfliegt
ebenfalls, wenn kein Anfang und kein Ende vorhanden ist. Auch diesem
mechanistischen Monismus in bezug auf die unbelebte Welt haben sich
vom Altertum ab sehr viele angeschlossen. Und ein unverkennbarer und
sehr schwerwiegender Vorzug von ihr ist, daß sie eben keiner Kräfte
bedarf, auch nicht derjenigen, die wir natürliche, physische Kräfte
nennen. Die Kräfte werden nur symbolisch zugelassen, Zufälligkeiten
kommen überhaupt nicht in Frage. Wenn wir so manches voraussehen und
voraussagen können, so verhält es sich damit, um beim Beispiel zu
bleiben, wie mit der Uhr, wo wir auch vorher wissen, welche Zähne
der Räder in welche andere Zähne eingreifen werden, daß und wann ein
Stift irgendwo etwas mitnehmen oder auslösen oder hemmen wird, weil
wir die Teile kennen und den Zwang durchschaut haben. So kennen wir
auch die uns erreichbaren Teile der Welt und haben den Zwang in ihnen
durchschaut. Und damit operieren wir. Wir stehen der Welt wie einer
Uhr gegenüber; sie ist bei weitem komplizierter als eine Uhr, sie ist
unendlich an Vorgängen und Körpern. Aber das berührt das Wesentliche
nicht. Wir können sie gleichwohl wie einen Zwangsmechanismus ansehen.
Nun aber wir, die Lebewesen. Hier scheiden sich die Wege der nur
Welt-Mechanisten von den Wegen auch der Leben-Mechanisten. Jene
sehen im Leben, wie wir schon wissen, doch ein Besonderes, das nicht
mechanisch ist; diese einbeziehen das Leben in den Mechanismus der
Welt überhaupt. Das Leben ist gleichfalls der Vorgang der Welt, ein
Zwangsvorgang wie alle anderen Einzelvorgänge dieses Allvorganges,
und von diesen Einzelvorgängen nicht im Wesen, sondern nur in der
Erscheinung verschieden; letzteres ganz so, wie wir unzählige
Bewegungsarten haben, die doch alle nur Bewegung sind, sogar solche,
die nicht im geringsten mehr wie Bewegung erscheinen -- zum Beispiel
die molekularen Bewegungen in den Körpern als Wärme u. a. Was wir
als freie Lebensäußerungen ansehen, sind nur Einzelvorgänge, die im
Vorgang der Welt kommen und gehen müssen, wie die Weltkörper sich
bewegen müssen. Was wir Denken, Wollen und Fühlen nennen, sind auch
nur solche Vorgänge, etwa -- und das haben fast alle Materialisten
und Scheinidealisten, wie Eduard von Hartmann (S. 388), bis auf
unsere Zeit, wo die energetische Auffassung vorwiegt, von den alten
Mechanisten dogmatisch übernommen -- Bewegungen bestimmter Teile in
unserem Körper, im Gehirn, in den Ganglien. Daß wir nicht imstande
sind, hier wie in der unbelebten Welt, den Zwang aufzuweisen, daß
wir hier noch von Zweckmäßigkeiten und von Freiheit reden müssen,
liegt an der Unvollständigkeit unserer Kenntnisse, wie wir auch den
gewöhnlichen Zufall noch stehen lassen, weil wir die Gründe seines
Eintretens nicht überschauen, obwohl selbst ein Psychist Zufälle
als solche nicht zugestehen mag. Daß weiter uns die Erkenntnis der
Welt zwar wie selbstverständlich erscheint, die Nichterkenntnis des
Lebens aber gleichfalls, ist nur Einbildung. Die Welt ist trotz
ihrer Ungeheuerlichkeit als Ganzes einfach, das Leben aber schon für
sich überkompliziert. Sobald wir jedoch ins Einzelne gehen, scheint
uns auch von der Welt vieles nicht erkennbar zu sein, zum Beispiel
ihr atomistischer Bau. Und derartige Aufstellungen sind um so
entscheidender, als ein fundamentaler Unterschied zwischen Lebewesen
und nichtbelebten Dingen überhaupt nicht zugegeben wird; die Lebewesen
sollen auf der niedrigsten Stufe in die nichtbelebten Wesen übergehen.
Oder das Leben beginnt unendlich schwach und uncharakterisiert, so
daß es vom Nichtleben nicht mehr zu unterscheiden sei; die Reihe
der unbelebten Dinge bilde mit der der belebten eine Folge. Nur
die Extreme unterschieden sich so sehr; aber sie seien gleichwohl
durch eine stetige Kette verbunden, die nach unten allmählich zu
Dingen wie Steine führt, nach oben in wachsender Komplikation und
Verzweigung zu so gearteten Vorgängen, die als seelische und geistige
Tätigkeiten erscheinen, wie Bewußtsein und Denken, die abwärts jedoch
allmählich auf nichts zusammenschrumpfen. Das ungefähr ist die
Anschauung der konsequenten Welt- und Leben-Mechanisten. Wir werden
sie später besprechen und dann auch sehen, welcher Annahmen sie noch
bedarf. Daß auch ideale Philosophien, wenn auch nicht in physischen
Zwangsmechanismus, doch in einen Welt- und Leben-Zwang auslaufen können
und ausgelaufen sind, wissen wir schon. Selbst die rein religiöse
Anschauung, konsequent aufgefaßt, führt zu einem solchen Zwang und
muß dazu führen. Hier handelt es sich aber um den ~physischen~
Zwangsmechanismus, nicht um den göttlichen oder geistigen oder
transzendentalen.
~Pierre Gassendi~ (1592 in der Provence geboren, gestorben 1655) ist
noch kein vollständiger Materialist im vorbezeichneten Sinne. Wie sehr
er bibelgläubig sich verhält, zeigt, daß er trotz besserer Einsicht das
tychonische Weltsystem dem Kopernikanischen vorzog, weil nach der Bibel
die Sonne sich bewegen soll. Und so läßt er auch die Welt mit Allem
von Gott erschaffen sein. Nach der Erschaffung jedoch gibt er allein
physische Vorgänge zu, namentlich nach Muster der Alten: Verbindungen
und Trennungen der Atome. Diesen teilt er eine innere Fähigkeit mit,
sich zu bewegen. Ebenso verhält er sich zu der Welt des Lebens.
Er gesteht einen unsterblichen Geist zu, nimmt aber zugleich eine
Demokritische Seele an und sucht sogar zu erweisen, daß diese in der
Tat das leisten kann, was von ihr gefordert wird. Also teilt er mit
der einen Hand aus und nimmt mit der anderen; eine wunderliche Mischung
von Spiritualistischem und Materio-Mechanistischem aus der „doppelten
Wahrheit“. Sein Hauptkampf galt dem Cartesianismus; hier ist er
erfolgreich. Seine eigene Lehre ist aber so inkonsequent als möglich,
wahrscheinlich, weil er sie nicht konsequent aussprechen durfte. Das
Kopernikanische System verdankt ihm ein schönes Experiment. Die Gegner
hatten eingewandt, wenn die Erde sich bewegte, könnte ein in die Höhe
geworfener Stein nicht auf dieselbe Stelle herabfallen, von der aus
er geworfen ist. Der Einwand ist zutreffend, wenn von der Trägheit
abgesehen wird, die es veranlaßt, daß der Stein die Bewegung der Erde
auch dann noch mitmacht, wenn er in die Höhe fliegt und zurückkehrt.
Gassendi aber bewies das, indem er einen Gegenstand auf einem in der
Tat sich bewegenden anderen Gegenstand, einem Schiff, aus der Höhe, von
der Mastspitze, herabfallen ließ, mit dem erwarteten Erfolg, daß der
Gegenstand am Fuße des Mastes ankam, nicht hinter ihm.
In diesem Zusammenhang ist auch der in seiner Staatsraisonauffassung
noch den harten Vormund der Antigone übertreffende ~Thomas Hobbes~
(geboren in Malmesbury 1588, gestorben 1679) zu nennen. Die
Wahrnehmungen werden mechanistisch so erklärt, wie die klassischen
Materialisten sie auffaßten: Bewegungen pflanzen sich zu den
Sinnesorganen fort und verursachen dort Bewegungen, die ins Gehirn
und von da ins Herz gehen. Erinnerung und Gedächtnis sind nur Reste
der Bewegungsaffektion, ebenso ist Ideenassoziation Verkettung
solcher Bewegungsaffektionen. Jede Materie hat in sich Anlage zur
Empfindung. So ist es wohl zu verstehen, wenn Hobbes, was vielen ein
Widerspruch gegen seine mechanistische Ansicht zu sein scheint, die
Vernunft auch als etwas ~Angeborenes~ erklärt. Angeborenheit einer
Fähigkeit steht durchaus nicht im Gegensatz zu Mechanismus; sie ruht
ja schon in der Grundannahme einer besonderen atomistischen Seele; die
belebten Wesen haben mit dieser körperlichen Seele eben die Anlage zum
„Leben“ bekommen. Und so brauchte Hobbes selbst angeborene Begriffe
und Fähigkeit, solche zu fassen und zu bilden, nicht ohne weiteres
abzulehnen. Die Angeborenheit liegt in den Atomen, die sich zu Seele
und Geist vereinigt haben, in ihrer Form, Bewegung und Anordnung
-- wenn man das versteht. Doch mag Hobbes selbst in der Tat in
Inkonsequenzen verfallen sein. Alle Materialisten, gerade die ernsten
und ernst denkenden, können den Faden nicht ganz festhalten, ebenso
wie die Idealisten ihren Faden mitunter fallen lassen, sobald sie
hinreichend Naturforscher sind. Beurteilung von Empfindungen beruhe
auf Wechsel der Bewegungen bei gleichzeitiger Fortdauer, Erfahrung auf
Beurteilung von solchen Bewegungen nach Gleichheit oder Ungleichheit
mit früher in die Seele Gedrungenem und dort an den Atomen noch nicht
Verklungenem. Ein Bewegungssystem muß ein anderes als sich gleich
erkennen oder ungleich; vielleicht, indem es sich zu ihm widerstandslos
addiert oder Widerstand leistet. Solche Beurteilungen fixieren wir in
Namen, und diese erst geben uns die Mittel einer geordneten Folge von
Vorstellungen. Wie, ist eigentlich nicht zu verstehen. Jedenfalls ist
alles Seelische und Geistige aus Veränderungen im Körper abzuleiten
(Mens nihil aliud erit praeterquam motus in partibus quibusdam corporis
organici; die Vernunft wird nichts weiter sein, denn eine Bewegung
in gewissen Teilen des organischen Körpers). Und so ist auch alles
von ~außen~ durch Bewegung verursacht. „Nichts nimmt von sich selbst
Beginnen, sondern von der Wirkung eines unmittelbaren Tätigen außerhalb
seiner.“ Die Fähigkeit dazu hat aber Alles in sich selbst, sofern
Bewegung nur Bewegung hervorruft. So ist denn Erkenntnis Erkennen
der Bewegungen und ihres Zusammenhanges. Wir müssen wohl sagen,
~Sich~erkennen. Raum und Zeit werden von Materialisten im allgemeinen
als real angesehen. Hobbes aber sagt: „Raum ist das Phantasma eines
existierenden Dinges, als existierend“. „Zeit das Phantasma einer
existierenden Bewegung, als existierend.“ Also beständen beide außer
den Dingen nicht. Wenn nun Hobbes weitergehend behauptet: ein Mensch
würde die Welt aus sich, aus den Bewegungen seiner Seelenatome heraus
nach außen projizieren, auch wenn eine solche Welt nicht da wäre, so
kann er das nur für den Fall meinen, daß der Mensch Bewegungen aus
einer Welt schon empfangen hat, sonst würde sich sein Materialismus in
reinen Phantomismus auflösen, und er könnte von den Bewegungen ganz
absehen, die ja gerade zum Verständnis des Zusammenhanges unserer mit
einer wirklichen ~Außenwelt~ nötig sein sollen. Weiter läßt Hobbes
noch Gott gelten als ein besonders feines und reines, unendliches
körperliches Wesen. Und mit dieser Annahme ist eine Art Deismus
verbunden. Ein solcher Deismus kann auch unbeschadet des Materialismus
bestehen, da ja Gott als körperliches Wesen nur selbst zur Welt
gehört. Ob das freilich die Ansicht von Hobbes war, möchte ich nicht
entscheiden. Aber zuzutrauen wäre es schon diesem rücksichtslosen
Forscher. So erklärt er ja auch: „Die Furcht vor unsichtbaren
Mächten sei es, daß diese aus Erdichtungen oder aus Erzählungen ihre
Öffentlichkeit hernehmen, diese Furcht ist ~Religion~; sind die Mächte
nicht öffentlich angenommen, so ist die Furcht ~Aberglaube~“. Die
Religion hat also kein Kennzeichen, außer daß sie vom Staat anerkannt
ist, sonst ist sie eben purer Aberglaube. Rücksichtsloser denkt der
modernste Materialist auch nicht. Nur daß dieser nicht wie Hobbes
jeden hängen würde, der die Staatsreligion abweist. Gleichwohl ist der
Gottesbegriff bei Hobbes ein hoher. Die Atome sah Hobbes nicht bloß als
nach Form und Größe verschieden an, sondern auch im Wesen, so daß sogar
Atome ohne Schwere, Imponderabilien, vorhanden sein sollten, als die
feinsten für Geist und Gott körperlich in Betracht kommenden.
~Robert Boyle~ (1627-1691) gehört hierher nur als Atomist, der die
Atome in die Chemie und Physik in exakter Weise eingeführt hat. Seine
Atome sind, wie die Descartes’, Trümmer einer zersplitterten Materie.
~Newton~ (1642-1727) haben wir lediglich als den großen Begründer der
Mechanik des Weltalls zu nennen. Beide waren keine materialistischen
Mechanisten.
Die übertriebenste Ausbildung hat der materialistische Mechanismus
im 18. Jahrhundert erfahren. Die ~Aufklärungsphilosophie~, die in
Deutschland in Lessing, Herder u. a. zu so schönen idealen Blüten
ersproßte, zeitigte in Frankreich, dicht neben den so bedeutenden
Bestrebungen ~Rousseaus~ und ~Voltaires~, auch den ~Enzyklopädismus~.
~Diderot~ und ~d’Alembert~ sind noch gemäßigte Naturalisten und
Materialisten. Aber der Pfälzer Baron ~Holbach~ und die Franzosen
~Mirabaud~ und ~de la Mettrie~ gehören zu den extremsten Materialisten,
ohne daß die Naturkenntnisse der damaligen Zeit sie dazu eigentlich
berechtigte. Materialistische Werke schossen damals wie Pilze aus der
Erde. Sie wären nicht so schlimm gewesen, wenn sie sich nicht zum
Teil auch bemüht hätten, die Lebensanschauungen auf fast gemeinen
~Egoismus~ und ~Utilismus~ zu lenken, die an sich gar nichts mit
einer materialistischen Betrachtung von Welt und Leben zu tun haben.
War der Materialismus bei denen, die ihn nicht kannten, schon oft
in den Verdacht eine Lehre der Unmoral und des Eigennutzes zu sein,
geraten, so schien er gegen Ende des 18. Jahrhunderts diesen Verdacht
zu rechtfertigen. Aber die Revolution schwemmte mit anderem auch
diesen ethischen Materialismus hinweg; und die Menschheit hat ihr
zweifellos dafür zu danken. Der Materialismus konnte wieder reine
Wissenschaft werden, was er im Altertum war und in unserer Zeit
ist. Als ernsteres Hauptwerk des enzyklopädischen Materialismus
wird das „Système de la nature ou des lois du monde physique et du
monde morale“, 1770 in London gedruckt, angesehen. Als Verfasser ist
Mirabaud angegeben; aber es ist längst fest ausgemacht, daß der Pfälzer
Baron ~Holbach~ der Verfasser war. Die Schrift ist zwar gegen die
übliche Religion gerichtet, scheint aber im übrigen weder Eigennutz
noch Unmoral zu lehren, sie bricht sogar für die Tugend eine Lanze.
Der Materialismus darin bewegt sich in den Bahnen, die wir schon
kennen; er folgt anscheinend namentlich Hobbes. Doch ist er stark mit
Mystizismus versehen, denn die Atome werden nicht bloß mit Ausdehnung
und Masse begabt, sondern auch mit besonderen geheimnisvollen Kräften
und Eigenheiten, wie Sympathie und Antipathie, Liebe und Haß. Die
Atome sind selbst noch zusammengesetzt aus kleinsten Körperchen; in
diese werden wohl die Besonderheiten verlegt. Übrigens hat unsere
Wissenschaft die Atome zwar der Häkchen, Vorsprünge, Ärmchen usf. zum
gegenseitigen Anhalten und Verketten beraubt, aber dafür notgedrungen
Eigenschaften bei ihnen eingeführt, die nicht weit ab von den eben
genannten liegen, wie Anziehung, Abstoßung, Polarität, Affinität
usf. Und noch sind unsere Bemühungen, für diese Eigenschaften einen
allgemeinen Ausdruck zu finden, nicht gelungen, obwohl wir überzeugt
sind, daß ein solcher vorhanden sein wird, und wir auch den Weg, der
zu ihm führt, zu kennen glauben dürfen. Auch die Zerteilung der Atome
in noch kleinere Teilchen, wir nennen sie Corpusceln, entspricht
modernen Anschauungen. Mystischer ist, wenn den Atomen auch eigenes
inneres Streben zur Bewegung zugeschrieben wird. Hier kommt auch etwas
wie die Herbartsche „Selbsterhaltung“ zum Vorschein. Es heißt: „Die
Erhaltung ist also der allgemeine Zweck, nach dem alle Energien, alle
Kräfte, alle Fähigkeiten der Wesen ständig gerichtet zu sein scheinen.“
Sie wird mit der Trägheit identifiziert und gehört tatsächlich einem
allgemeinen großen Naturgesetz an. Die Natur ist ganz Leben, Leben
aus den materiellen Kräften der Natur, wofür auch das berühmte
Phlogiston herangezogen wird. Denn nur Materie und Bewegung sind da;
ohne Anfang, ohne Ende, ohne Zufall, ohne Freiheit, ohne Schöpfer,
wie es bei einem Materialisten strenger Observanz sein muß. Und
keine Ausnahme gibt es; der Mensch bildet sich nur ein, ein anderes
zu sein als die Natur überhaupt. Auch er und alle seine körperliche
und seelische und geistige Tätigkeit ist nur Materie und Bewegung,
und ganz nach der gleichen Notwendigkeit geregelt wie bei jedem Ding
der Natur. Götter und Gott hat nur der Aberglaube erdacht, und damit
Gedankenträgheit, Vorurteil, Unduldsamkeit und Verfolgungssucht in der
Welt heraufbeschworen. Wer die Natur kennt, braucht keine Gottheit, so
wenig wie er einer Seele und eines Geistes als etwas Besonderen bedarf.
Spricht man aber von einer bewegenden Ursache in der Natur, so mag man
wohl Gott meinen. „Wenn wir dem Worte „Gott“ einen Sinn unterlegen
wollen, so werden wir finden, daß es nichts anderes bezeichnen kann
als die Summe der unbekannten Kräfte, welche das Universum beleben.“
So ist denn die Natur auch „die Notwendigkeit ihrer selbst“, was sonst
genau so von Gott ausgesagt wird. Und von gleichem Standpunkt werden
Tugend, Vernunft und Wahrheit die „verehrungswürdigen Töchter der
Natur, der Souveränin aller Wesen“ genannt und als „unsere einzigen
Gottheiten für immer“ bezeichnet. Es ist also eine Hypostasie der
Natur, bei aller Auffassung als nur Materie und Bewegung. Aus dieser
Natur heraus fließen alle sittlichen Vorschriften als auf Selbstliebe
begründet. Hier geht das Ganze in eine Art edlen Epikureismus über,
und unter Wahrung des frohen Lebensgenusses. Holbach spricht in dieser
Beziehung wie unsere modernen Materialisten, die eine Ethik aus sich
selbst heraus lehren, welche neben gesundem Egoismus verbindlichen
Altruismus enthält, nicht die fast zuchthausmäßig zwingenden Religionen
von Hobbes, oder einen Krieg aller gegen alle. So ist dieses Système
ein ganz modernes Werk, und ein menschlich gesundes dazu, wo nicht die
Grenzen nach der einen und der anderen Seite überschritten werden. Und
wo nicht solche Unentschiedenheiten herrschen wie in der wichtigsten
Frage, ob die Atome auf sich selbst beruhen und die Natur ein Vieles
aus diesen Einzelnen darstellt, oder ob die Natur eine absolute Einheit
ist, von der noch die Atome eine Art Scheinleben haben, so daß für
Eigenleben nirgend Platz und, wie im Pandeismus und Pantheismus, alles
Zwang und Fatalismus ist.
Rücksichtslose Krönung fand das Werk des mechanistischen Materialismus
in ~Julien Offraye de la Mettries~ Werk: „L’homme machine“, der
Mensch eine Maschine. Sein System ist älter als das eben behandelte
Holbachsche, aber fast noch konsequenter. Der Mensch ist durchaus von
seinem Körper abhängig. „Ein Nichts, eine kleine Fiber, irgend etwas,
das die subtilste Anatomie nicht entdecken kann, hätte aus Erasmus und
Fontanella zwei Toren gemacht“. Das ist Binsenwahrheit, die Lamettrie
durch eine Unzahl von Beispielen in der oben genannten Schrift und dem
älteren Werke: „Histoire naturelle de l’âme“ oder „Traité de l’âme“
belegt hat. Und in dieser Hinsicht unterscheidet sich der Mensch vom
Tiere (oder der Pflanze) in keiner Weise. Sind nach Descartes die Tiere
Maschinen, so sind es auch die Menschen. Und nun wird das Maschinelle
des Menschen im einzelnen verfolgt. Wir brauchen das nicht genauer
darzutun. Indessen scheint Lamettrie nicht den Menschen als Ganzes
als Maschine angesehen zu haben, sondern in allen seinen Teilen;
denn er findet das Leben in ~allen~ Teilen des Organismus und gibt
Erläuterungen dazu, wie das Weiterleben von abgetrennten tierischen
Teilen, die Ergänzung zerschnittener Polypen usf. Zu der hieraus
folgenden Idee, daß ein Lebewesen eine in jedem Teile gleiche Maschine
ist (S. 369 f.), gelangt er aber nicht; er unterscheidet die Wesen
nur nach Kompliziertheit der maschinellen Einrichtung. „Der Mensch
verhält sich zu den Tieren, wie eine Planetenuhr von Huyghens zu einem
gemeinen Uhrwerk.“ Auf die Zahl der Teile, Räder usf. kommt es bei ihm
an. Wir wissen aber, daß es darauf allein nicht ankommt. Keine noch so
komplizierte Maschine kann einem Lebewesen verglichen werden; gerade
aus Lamettries Gründen für das Leben überall im Körper. Was er sonst
in seiner Schrift noch mit gewisser „absichtlicher Frechheit“ (Lange,
Geschichte des Materialismus) ethisch vorbringt, müssen wir übergehen.
Im übrigen darf ich auf die eingehende Würdigung dieses, immerhin sehr
merkwürdigen, Mannes in dem genannten Werk von Lange hinweisen, dem
hiernach in der Tat viel bitter Unrecht geschehen ist, als eine Art
„Prügeljungen des französischen Materialismus“.
Ganz im Sinne Lamettries klingt der Satz ~Ludwig Feuerbachs~: „Was der
Mensch ißt, das ist er“, obwohl Feuerbach mehr Positivist und Empirist,
als Materialist gewesen ist, trotz Ablehnung der Unsterblichkeitslehre.
Im übrigen brauchen wir den modernen mechanistischen Materialismus
nicht weiter zu verfolgen. Er knüpft sich an die Namen ~Karl Vogt~,
~Büchner~, ~Moleschott~, ~Czolbe~, ~Dubois-Reymond~ in seiner
ersten Zeit usf. Weder ist er so konsequent wie der klassische oder
englisch-französische, noch bietet er neue Gesichtspunkte, oder
konnte er solche bieten. Lediglich aus den vermehrten Kenntnissen
in Astronomie, Physik, Chemie, Physiologie und beschreibenden
Naturwissenschaften sind festere Stützen für die materialistische
Anschauung gewonnen worden. Wir sprechen davon im Zusammenhang mit
dem folgenden. Was aber allzu seicht ist, wie beispielsweise die
Belehrungen von Büchner, werden wir übergehen. Des geistvollen und
tiefen ~David Friedrich Strauß~’ Materialismus in „Der alte und der
neue Glaube“ kann ich nur aus einer Art Vergnügen an Errungenschaft
aus fremdem Gebiete und aus Überschätzung der, ihm naturgemäß nicht
hinreichend geläufigen, Ergebnisse der Naturwissenschaften erklären.