Die in gewaltigen Strömen sich ergießenden Anschauungen des
Materialismus und des Idealismus hemmten die weitere Entwicklung der
vorstehend behandelten Ansichten. So haben wir denn aus früherer
Zeit nur noch einen namhafteren Sensualisten vorzuführen, der nicht
zugleich Materialist gewesen ist, ~Etienne Bonnot de Condillac~ (in
Grenoble 1715 geboren, 1780 gestorben). Und selbst er gehört nicht ganz
hierher, da er nicht allein sensualistisch, sondern auch idealistisch
urteilt. Unser Geist entwickelt sich aus unseren Lebensbedürfnissen,
zu denen noch das Bedürfnis der Erfüllung unserer Neugier kommt.
Angeborene Begriffe haben wir nicht; die Begriffe dienen überhaupt
nur zur Klassifikation der Dinge. Eigenheiten unseres Geistes, wie
Wahrnehmen, Denken, Wollen usf., als Ursprüngliches gibt es nicht,
nur erworbene Fertigkeiten, Gewohnheiten (habitudes acquises). Unsere
Sinne sind das Prinzip unserer Kenntnisse; mit den Sinnen beginnen
sie und durch die Sinne vervollkommnen sie sich. Die Aufmerksamkeit
ist eine im Gewirr von Empfindungen hervortretende Empfindung, also
ein höherer Grad der Lebhaftigkeit einer Empfindung. Das ist auch
das Bewußtsein in seinen beliebigen Abtönungen. Unsere Empfindungen
können nicht bloß einmal zugleich sein, sondern auch beisammen
hintereinander, indem eine ihre Spur zurückläßt; alsdann haben wir die
Erinnerung. Diese aber ist eine Vergleichung. Und so kommen wir zu
Lockes Reflexion neben der Sensation. Condillac will also über Locke
hinaus vereinfachen, die Reflexion aus der Sensation entstehen lassen.
Daß dieser Versuch als ein mißglückter bezeichnet werden muß, ist klar,
denn: „eine lebhafte Empfindung ist Aufmerksamkeit“ und „Empfindungen
lassen Spuren zurück“ sind doch nur Redewendungen. Das erhellt noch
mehr, wenn unserem Geist Freiheit in der Kombination der Empfindungen
gelassen wird. Wir haben aber nur den Sinnen und dem, was sie uns
zuführen, der Natur, zu folgen. Somit können wir nie auf den Grund
der Erscheinungen kommen; die einzigen Grundlagen aller Wissenschaft
sind nur Tatsachen. Auch unsere Empfindungen durch die Sinne sind nur
solche Tatsachen; die einfachen Ideen, die sie bieten, lassen sich
nicht erklären. Nur die komplexen Ideen können wir auseinanderwickeln,
analysieren. Alle Empfindungen sind nur Modifikationen unseres Ich.
Hier spielt ein ~innerer~ Sensualismus als Phänomenalismus hinein, „die
Seele ist es, die empfindet, ihr allein gehören die Empfindungen an“.
„Unsere Empfindungen existieren außer uns nicht.“ Und so verbindet
sich Condillacs Positivismus auch mit Dualismus, sogar mit Deismus,
da einerseits zwischen Körper und Geist unterschieden wird und
andererseits alles Bestimmende, der Materie wie der Seele, von Gott
kommen soll. Da nun Körper und Geist absolut verschieden sein sollen
und in Gott auch nicht Vereinigung finden, so gelangt Condillac zu
einem ~okkasionalistischen~ (S. 336) ~Sensualismus~ und einem ~freien
Psychismus~. Man sollte nun glauben, daß das Ich eine besondere
Bedeutung hat. Keineswegs! Das Ich wird erst erkannt aus der Folge der
Empfindungen, und es ist nur „eine Sammlung von Empfindungen, die es
erfährt, und solcher, die das Gedächtnis ihm in Erinnerung bringt“. Für
die Erkenntnis der Außenwelt hat er sein berühmtes Beispiel der Statue
erfunden, die er allmählich mit allen Sinnen begabt. Er findet, daß nur
das Tastgefühl uns eine Außenwelt gewiß macht, die übrigen Empfindungen
können es nicht tun. Nicht einmal unser eigenes Körperbewußtsein
vermöge uns unseren Körper zu sichern; nur wenn wir ihn betasten, haben
wir ihn. Trotz dieser sehr mangelhaften Erweisung der Körperwelt, sieht
Condillac diese als sicher an; er ist darin dogmatischer Realist.
Es ist erstaunlich, was man alles als Sensualist sein kann! Selbst
wenn man ein so methodischer Kopf ist, wie Condillac sich anscheinend
überall durch seine fast minutiösen Analysen und Synthesen zeigt.
Zu den Sensualisten werden noch ~Hemsterhuis~, ~Montesquieu~,
ja ~Rousseau~ gezählt, aber mehr in der Weise wie Männer, die
sensualistisch denken, nicht sensualistische Systeme errichten.
Vielleicht ist bei Rousseau (1712 zu Genf geb., 1778 gest.) aus seinem
Sensualismus seine berühmte Vorliebe für den Naturzustand abzuleiten
und seine Feindschaft gegen die Reflexion, die er weit gegen die
Sensation zurückstellt und der er doch bei jeder Gelegenheit so
huldigt, wie dem menschlichen Gefühl und Hochdenken. Im 19. Jahrhundert
haben wir zunächst in ~Beneke~ (1798-1854) einen Realisten nach Art der
vorgeführten zu sehen. Auch für ihn gibt es keine angeborenen Begriffe
an sich, wohl aber die Fähigkeit, Begriffe herzustellen. Man hat bisher
darin gefehlt, meint er, „daß man die in der ausgebildeten Seele
hervortretenden Formen als schon vor der Erfahrung, oder bestimmter,
vor der Entwicklung der Seele gegebene (angeborene) voraussetzt. Dies
ist falsch: Die Formen, welche für die Erkenntnis zunächst vorliegen,
~sind erst in der Entwicklung der Seele entstanden~, vor derselben nur
~prädeterminiert~ in angeborenen Anlagen und Verhältnissen, welche ganz
andere Formen an sich tragen“.
Diese, übrigens nicht neue, Auffassung hat viele begeisterte Anhänger
gefunden, namentlich in der neuesten Zeit, da der Führer der modernen
Sensualisten, Ernst Mach, sie anerkannt hat. Aber wie wenig sie erklärt
und wie sehr sie eigentlich nur ein Spiel mit Worten ist, erhellt,
glaube ich, genügend aus dem bisher Vorgetragenen. Seit Aristoteles
seine ~potentiellen Eigenschaften~ erfunden und in die Welt gebracht
hat, spuken sie in allen Wissenschaften, selbst in den exakten, trotz
der so bestimmten Aufklärungen, die Kant uns über sie gegeben hat.
Ich setze mit einem Wirklichen nicht mehr als mit einem Potentiellen,
das Wirklichkeit wird. Und ein Potentielles, das Wirklichkeit nicht
wird, hat für Erklärungen, für Einsichten gar keinen Wert. Es ist nur
ein Streit um Worte, veranlaßt durch das Mißverständnis, als wenn wir
von allem, was wir enthalten, in jedem Moment durchaus die gleiche
intensive Kenntnis haben müßten. Auf diese Weise ist für uns alles
potentiell, und zwar in jedem Moment; wir, die Welt, die Eindrücke,
unser Gehen, Stehen usf., denn dies alles ist uns durchaus nicht immer
in gleicher Weise gegenwärtig, und es lohnt nicht, überhaupt über
etwas nachzudenken. Wir wenden im ausgebildetsten Zustand immer nur
einzelnes an, sind uns mitunter unseres Körpers, der ganzen Umgebung
nicht bewußt, folgen einem fremden Wollen, einem verborgenen Fühlen.
Gleichwohl ist doch alles in unserer Seele da, und wir benutzen es
sofort, sobald wir dazu gezwungen werden oder es wollen. Sofort
empfinden wir dann, und empfinden wir räumlich und zeitlich und kausal.
Sofort bei der Geburt empfindet das Kind Hunger, Durst, Schmerz,
Sättigung usf. Es urteilt noch nicht logisch, aber schon kausal; es
hat den Raumbegriff, denn es führt Gegenstände zum Mund und sucht die
Brust der Mutter. Das gilt alles für das Kind wie für das Tier, und
das nennt man eben angeboren. Die Fähigkeiten würden dem Kinde gar
nichts nützen, es wüßte selbst nach dem ersten Schluck aus der Mutter
Brust nicht, daß es weitersaugen soll, um den Hunger zu stillen, wenn
es den Kausalbegriff nicht hätte. Daß wir lange Zeit nicht darauf
kommen, was wir besitzen anzuwenden, hat mit dem Besitz nichts zu
schaffen. Erwerbung sagt rein gar nichts, sondern drückt nur die
Tatsache aus, daß Gleiches allgemein Gleichem gleicht. Es gibt eben
Dinge in der Welt, die man ~nicht~ ableiten kann, weil sie schon das
Einfachste sind. Etwas muß doch da sein; wenn auch nur die Mittel,
daß wir überhaupt existieren, überhaupt wahrnehmen, fühlen, denken
usf. Wenn dieses Etwas nicht von vornherein vorhanden ist, so kann ja
niemals ein Anfang gemacht werden, denn zu diesem Anfang, so unbestimmt
und dunkel er sein mag, gehört ja schon das Etwas. Es mag einer noch
so schlecht gehen, so muß er seine Beine doch dazu haben; hat er sie
nicht, oder nur potentiell, indem sie ihm im Körper stecken, so kann er
nicht einmal auf die miserabelste Weise auch nur den kleinsten Schritt
tun. Ohne angeborene Eigenheiten gibt es gar keinen Anfang des Lebens,
das Leben würde sofort zu Grunde gehen. Welche Eigenheiten man als
angeboren annehmen soll, und ob bei allen Wesen die gleichen, darüber
kann gestritten werden; aber nicht, ob überhaupt Eigenheiten als
angeboren anzunehmen sind (S. 362).
Um auf unseren Philosophen zurückzukommen, so leitete er alle
psychischen Vorgänge aus Grundvorgängen ab: aus Reizaneignung,
das heißt Empfindung und Wahrnehmung, den „Urvermögen“ der Seele;
aus Umbildung zu neuen Urvermögen; aus Assoziation und Nachklang
der Reizaneignung; aus Kombination. Diese Vermögen, ihr Wirken
und Zusammenwirken sind die Seele. Es ist also abermals eine Art
assoziative Psychologie, aber doch mit einem, wenn auch im Hintergrund
wirkenden Ich.
In dem gleichen Jahre wie Beneke ist auch ~Auguste Comte~ (zu
Montpellier) geboren, der eigentliche Positivist des 19. Jahrhunderts,
ehe er durch Krankheit in Mystizismus verfiel, in dem er 1859
zu Paris starb. Seine „Philosophie positive“ ist ein Grundwerk.
Die Metaphysik mit ihren Ideen und Kategorien wird von vornherein
abgelehnt; sie ist nur eine Scheinwissenschaft, eine Art Theologie.
Drei Folgen des Denkens nennt Comte. Zuerst sieht der Mensch in und
hinter den Dingen Persönlichkeiten. Wir kennen diesen Zustand schon
und haben ihn im ersten Buch eingehend dargelegt. Später verlieren
die Persönlichkeiten das Persönliche allmählich und gehen zuletzt,
soweit sie noch übrig gelassen werden, in metaphysische Begriffe über.
„Sie (die Scheinwissenschaft) setzt ihre Kategorien an die Stelle der
Dämonen; aber sie hört nicht auf, Entitäten, das heißt erdichtete
Wesenheiten, im Hintergrunde der Erscheinungen vorauszusetzen“ (E.
Dühring, Geschichte der Philosophie). Das soll sich wohl auf die
Dinge-an-sich beziehen. Im dritten Stadium wendet sich das Denken dem
zu, was ist, der rein positiven Betrachtung der Welt. Comte hat von
diesem Gesichtspunkt aus die bekanntesten Wissenschaften: Mathematik,
Mechanik, Physik, Chemie, Astronomie, Physiologie, Gesellschaftslehre
behandelt. Es ist eine „Hierarchie der positiven Wissenschaften“, die
Wissenschaften werden positiv-induktiv vorgeführt. Für die Welt- und
Lebenanschauung ergibt sich fast nichts; nur daß Comte das geistige
Leben von der Physik und Chemie doch geschieden hat, verdient besondere
Erwähnung. Er erkennt bloß an, daß in diesem Leben physische Vorgänge
als Momente eintreten. Das Leben selbst aber ist etwas anderes als
diese Vorgänge, aus ihnen nicht zu begreifen und als etwas für sich
nach seinen Positiven zu studieren. Comte hat viele Nachfolger in
Frankreich, England wie Deutschland gehabt.
Bei uns der bedeutendste Positivist ist ~Eugen Dühring~ (geb.
1833) ein Mann, so scharfsinnig in kritischen Untersuchungen wie
wissenschaftlichen Entdeckungen; die Physik verdankt ihm eines ihrer
sichersten und schönsten Gesetze. Seine „Wirklichkeitsphilosophie“
betrachtet alles: Raum, Zeit, Welt wie wir es uns vorstellen, nach
Maßgabe wohl des Zusammenwirkens aller Sinne. Aus dem „Gesetz der
bestimmten Anzahl“ wird geschlossen, daß, wenn der Raum unbegrenzt
sein sollte, doch die Welt der Dinge begrenzt ist, und auch, daß sie
zeitlich einen Anfang gehabt hat, soweit wenigstens es sich um Vorgänge
handelt. Vor diesem Anfang bestand also ein vorgangloses Sein. In
diesem Urzustande können gleichwohl Verschiedenheiten in den Dingen
und Zuständen vorhanden gewesen sein, nur zeitliche Folgen davon
nicht. Diese sind aus diesem Zustande heraus entstanden und entwickeln
sich nun immer weiter. Aber alles Beharrliche oder nach Beharrung
strebende haben wir als aus diesem Urzustande noch überkommen oder
zurückgeblieben anzusehen. War einmal ein Anfang zu den Geschehnissen
unserer Welt, so können sich Anfänge zu neuartigen Geschehnissen noch
einstellen. Das Ganze stellt aber eine Entwicklungsreihe dar, und zwar
aus der Natur selbst heraus, ohne Zuhilfenahme einer höheren Macht.
Und die ganze Natur ist eine Einheit. Man wird unwillkürlich an die
Anschauungen der ionischen Naturphilosophen erinnert. Dem Anfang kann
ein Ende entsprechen, etwa ein Zustand analog dem Urzustand. Jedoch
sei ewige Wiederholung des Gewesenen nicht ausgeschlossen. Eine Seele
als Sondergegenstand wird nicht zugestanden, wohl aber werden Kräfte
in der Natur angenommen. Zwischen der inneren Welt und der äußeren
Welt besteht ein Parallelismus. Manches wird mechanistisch aufgefaßt,
wie daß alle Subjektivität aus Widerstandsempfindungen und das
Bewußtsein aus einem Antagonismus mechanischer Kräfte stammen soll. Das
eigenartigste ist der „Urzustand“. In einer Wirklichkeitsphilosophie
darf man über ihn nicht hinausgehen. Aber wer kann sich dabei
beruhigen? Wir sprechen noch davon. Auf weiteres in Dührings
Philosophie einzugehen, muß ich mir versagen, sie betrifft mehr die
Lebensbetrachtung.
Von den modernsten Sensualisten und Positivisten nenne ich nur ~Ernst
Mach~ (geb. 1838) als den tonangebenden. Seine Schriften sind, wie
die des ihm ähnlichen ~Poincaré~, voll Geist und einer erdrückenden
Menge von Tatsachen. Worin er bestimmt ist, folgt er namentlich Hume,
Kant, Beneke und Wundt. Indem er aber die tieferen Untersuchungen
als „Scheinprobleme“ ablehnt, kann er trotz seines Positivismus und
Sensualismus doch kein befriedigendes System geben. Und wenn er so
viele Nachbeter hat, so ist der Grund, daß seine „wissenschaftliche
Ökonomie“ so bequem ist. Der Mann selbst hat sie gar nicht geübt; er
ist nicht einmal den Scheinproblemen aus dem Wege gegangen -- das
kann nämlich überhaupt kein ernst denkender Mensch, der nicht einfach
Heusammler sein will --. Aber es folgt eine Koterie seinen Spuren,
die, den Lehrer mißverstehend und übertreibend, fast alles verdammt,
was wie Verletzung der „wissenschaftlichen Ökonomie“ ausschaut, und
alle Theorie und Spekulation mit der törichtesten Ironie verfolgt,
weil sie den Freipaß des Meisters zu haben glaubt, nicht über das
Positive hinaus gehen zu brauchen, ja nicht hinaus gehen zu sollen.
In der Beurteilung des Machschen Positivismus und Sensualismus kann
ich mich nur ~Max Planck~ (S. 442) anschließen. Wir wollen aber erst
einiges darüber sagen. Das meiste werde ich der Hauptschrift Machs
„Erkenntnis und Irrtum“ entnehmen. „Wir sind ebensolche Dinge wie die
Dinge der ~physikalischen~ Umgebung, die wir durch ~uns selbst auch~
kennen lernen.“ Es wird uns aber eine gewisse Stabilität zugeschrieben,
also eine Art Ich. Dieses Ich ist die Gesamtheit der untereinander
zusammenhängenden Vorstellungen, also „dasjenige, was nur für uns
allein vorhanden ist“. Das wäre innere, assoziative Auffassung. Die
Stabilität der Gedanken, also das Ich, aber wird erklärt, indem sie
auf die Stabilität der Tatsachen schließen läßt, diese Stabilität
voraussetzt, von dieser Stabilität ein Teil ist. Daß diese drei
Bestimmungen nicht das gleiche besagen, ist klar. Die dritte steht
sogar im Gegensatz zu den beiden ersten, denn wenn etwas ein Teil
von einem anderen ist, so kann es dieses nicht voraussetzen, noch
darauf schließen lassen. Ein Stück eines Körpers ist ein Teil von
ihm; aber von dem Stück kann ich weder auf den Körper schließen, noch
ihn voraussetzen. Die Schwierigkeit und Unbegreiflichkeit liegt hier
genau da, wo sie sich bei den materialistischen Anschauungen allgemein
befindet. Ich verweise, um nicht zweimal dasselbe zu sagen, auf die
Ausführungen im letzten Abschnitt dieses Buches.
Ich und die Welt werden in Eins betrachtet: „Ein ~isoliertes Ich~
gibt es ebensowenig, als ein ~isoliertes Ding~.“ ~Ding~ und ~Ich~ sind
provisorische Fiktionen gleicher Art. Das Physische und Psychische
enthalten gemeinsame Elemente. Zwar wird die „solipsistische
Position“, das heißt der Phänomenalismus als solcher abgelehnt. Aber
wir haben „die Elemente der realen Welt und die Elemente des Ich
zugleich vor uns. Was uns allein noch weiter interessieren kann,
ist die ~funktionale Abhängigkeit~ (in mathematischem Sinne) dieser
Elemente ~voneinander~“. Diese funktionale Abhängigkeit kann ein
~Ding~ genannt werden. Also wir und die ganze Welt, wir können beides
Dinge nennen, sind eine funktionale Abhängigkeitsreihe. Die Grundlage
bilden die Sinnesempfindungen; von ihnen geht alles intellektuelle
Leben aus, und zu ihnen kehrt es zurück. Die sinnlichen Vorstellungen
sind die „psychischen Arbeiter“; die Begriffe, aus ihnen und ihrem
Zusammenhang stammend (sie sind auch Zusammenfassung der Tatsachen),
sind die „Ordner und Aufseher“, welche die Scharen jener Arbeiter
„auf ihren Platz stellen und ihnen ihr Geschäft anweisen“. „Die
Sinnesempfindungen sind eben die eigentlichen ~ursprünglichen Motoren~,
während die Begriffe sich nur auf jene (die Sinnesempfindungen), oft
nur durch andere begriffliche Zwischenglieder berufen.“ Wenn das
nicht bloß Poesie sein soll, so muß das innere Leben mit dem äußeren
~automatisch~ aufgefaßt werden. In der Tat sagt auch Mach: „Das fest
Bestimmte, Regelmäßige, Automatische ist der Grundzug des tierischen
und menschlichen Verhaltens“, a fortiori natürlich des Verhaltens
der Welt. Automatisches paßt sich an Automatisches, das es durch die
Sinne zugeleitet erhält, automatisch an. Eine freie Seele läßt sich
zwar nicht widerlegen, aber sie als „wissenschaftliche Hypothese“
anzunehmen oder nach ihr zu forschen, ist eine „methodologische
Verkehrtheit“. Über angeborene Ideen und Kausalität denkt Mach ganz
wie Hume. Über Raum und Zeit, soweit ich zu sehen vermag, wie Kant.
Seine Unterscheidung der verschiedenen Raum- und Zeitauffassungen,
begrifflich, physiologisch, mathematisch usf. ist von Interesse;
ich habe darüber in meinem Buche „Philosophische Grundlagen usf.“
eingehend gehandelt. Die Folgen der Machschen Lehren sind die jedes
übertriebenen Sensualismus; es ist alles rein subjektiv, niemand kann
für sich, noch weniger natürlich für einen anderen etwas behaupten,
noch ihm widersprechen. Jeder reine Sensualismus vernichtet sich
notwendig selbst. Und das tut der Machsche durchaus. ~Verworn~, dessen
Auseinandersetzungen über Nerven und Gehirn man mit Interesse liest,
scheint ihm philosophisch nachzufolgen.
Wir haben es mit einem ~Agnostizismus~ zu tun von der Art etwa des
von ~Herbert Spencer~ vertretenen. Aber dieser steht in seinem, trotz
Positivismus und Materialismus fast kirchlichen Deismus weit ab von
Mach. Als Positivist ist er Evolutionist im Sinne Darwins, jedoch in
bezug auf die ganze Natur, und mit starker Neigung zu den Ansichten der
ionischen Naturphilosophen, indem bei ihm Konzentration und Dissipation
(auch Evolution und Dissolution) eine große Rolle spielen. Das Absolute
ist das Unerkennbare, eine transzendente Substanz an sich. Überhaupt
ist das Wesen der Welt unerkennbar.