49. ~Die weitere Entwicklung.~

Die in gewaltigen Strömen sich ergießenden Anschauungen des

Materialismus und des Idealismus hemmten die weitere Entwicklung der

vorstehend behandelten Ansichten. So haben wir denn aus früherer

Zeit nur noch einen namhafteren Sensualisten vorzuführen, der nicht

zugleich Materialist gewesen ist, ~Etienne Bonnot de Condillac~ (in

Grenoble 1715 geboren, 1780 gestorben). Und selbst er gehört nicht ganz

hierher, da er nicht allein sensualistisch, sondern auch idealistisch

urteilt. Unser Geist entwickelt sich aus unseren Lebensbedürfnissen,

zu denen noch das Bedürfnis der Erfüllung unserer Neugier kommt.

Angeborene Begriffe haben wir nicht; die Begriffe dienen überhaupt

nur zur Klassifikation der Dinge. Eigenheiten unseres Geistes, wie

Wahrnehmen, Denken, Wollen usf., als Ursprüngliches gibt es nicht,

nur erworbene Fertigkeiten, Gewohnheiten (habitudes acquises). Unsere

Sinne sind das Prinzip unserer Kenntnisse; mit den Sinnen beginnen

sie und durch die Sinne vervollkommnen sie sich. Die Aufmerksamkeit

ist eine im Gewirr von Empfindungen hervortretende Empfindung, also

ein höherer Grad der Lebhaftigkeit einer Empfindung. Das ist auch

das Bewußtsein in seinen beliebigen Abtönungen. Unsere Empfindungen

können nicht bloß einmal zugleich sein, sondern auch beisammen

hintereinander, indem eine ihre Spur zurückläßt; alsdann haben wir die

Erinnerung. Diese aber ist eine Vergleichung. Und so kommen wir zu

Lockes Reflexion neben der Sensation. Condillac will also über Locke

hinaus vereinfachen, die Reflexion aus der Sensation entstehen lassen.

Daß dieser Versuch als ein mißglückter bezeichnet werden muß, ist klar,

denn: „eine lebhafte Empfindung ist Aufmerksamkeit“ und „Empfindungen

lassen Spuren zurück“ sind doch nur Redewendungen. Das erhellt noch

mehr, wenn unserem Geist Freiheit in der Kombination der Empfindungen

gelassen wird. Wir haben aber nur den Sinnen und dem, was sie uns

zuführen, der Natur, zu folgen. Somit können wir nie auf den Grund

der Erscheinungen kommen; die einzigen Grundlagen aller Wissenschaft

sind nur Tatsachen. Auch unsere Empfindungen durch die Sinne sind nur

solche Tatsachen; die einfachen Ideen, die sie bieten, lassen sich

nicht erklären. Nur die komplexen Ideen können wir auseinanderwickeln,

analysieren. Alle Empfindungen sind nur Modifikationen unseres Ich.

Hier spielt ein ~innerer~ Sensualismus als Phänomenalismus hinein, „die

Seele ist es, die empfindet, ihr allein gehören die Empfindungen an“.

„Unsere Empfindungen existieren außer uns nicht.“ Und so verbindet

sich Condillacs Positivismus auch mit Dualismus, sogar mit Deismus,

da einerseits zwischen Körper und Geist unterschieden wird und

andererseits alles Bestimmende, der Materie wie der Seele, von Gott

kommen soll. Da nun Körper und Geist absolut verschieden sein sollen

und in Gott auch nicht Vereinigung finden, so gelangt Condillac zu

einem ~okkasionalistischen~ (S. 336) ~Sensualismus~ und einem ~freien

Psychismus~. Man sollte nun glauben, daß das Ich eine besondere

Bedeutung hat. Keineswegs! Das Ich wird erst erkannt aus der Folge der

Empfindungen, und es ist nur „eine Sammlung von Empfindungen, die es

erfährt, und solcher, die das Gedächtnis ihm in Erinnerung bringt“. Für

die Erkenntnis der Außenwelt hat er sein berühmtes Beispiel der Statue

erfunden, die er allmählich mit allen Sinnen begabt. Er findet, daß nur

das Tastgefühl uns eine Außenwelt gewiß macht, die übrigen Empfindungen

können es nicht tun. Nicht einmal unser eigenes Körperbewußtsein

vermöge uns unseren Körper zu sichern; nur wenn wir ihn betasten, haben

wir ihn. Trotz dieser sehr mangelhaften Erweisung der Körperwelt, sieht

Condillac diese als sicher an; er ist darin dogmatischer Realist.

Es ist erstaunlich, was man alles als Sensualist sein kann! Selbst

wenn man ein so methodischer Kopf ist, wie Condillac sich anscheinend

überall durch seine fast minutiösen Analysen und Synthesen zeigt.

Zu den Sensualisten werden noch ~Hemsterhuis~, ~Montesquieu~,

ja ~Rousseau~ gezählt, aber mehr in der Weise wie Männer, die

sensualistisch denken, nicht sensualistische Systeme errichten.

Vielleicht ist bei Rousseau (1712 zu Genf geb., 1778 gest.) aus seinem

Sensualismus seine berühmte Vorliebe für den Naturzustand abzuleiten

und seine Feindschaft gegen die Reflexion, die er weit gegen die

Sensation zurückstellt und der er doch bei jeder Gelegenheit so

huldigt, wie dem menschlichen Gefühl und Hochdenken. Im 19. Jahrhundert

haben wir zunächst in ~Beneke~ (1798-1854) einen Realisten nach Art der

vorgeführten zu sehen. Auch für ihn gibt es keine angeborenen Begriffe

an sich, wohl aber die Fähigkeit, Begriffe herzustellen. Man hat bisher

darin gefehlt, meint er, „daß man die in der ausgebildeten Seele

hervortretenden Formen als schon vor der Erfahrung, oder bestimmter,

vor der Entwicklung der Seele gegebene (angeborene) voraussetzt. Dies

ist falsch: Die Formen, welche für die Erkenntnis zunächst vorliegen,

~sind erst in der Entwicklung der Seele entstanden~, vor derselben nur

~prädeterminiert~ in angeborenen Anlagen und Verhältnissen, welche ganz

andere Formen an sich tragen“.

Diese, übrigens nicht neue, Auffassung hat viele begeisterte Anhänger

gefunden, namentlich in der neuesten Zeit, da der Führer der modernen

Sensualisten, Ernst Mach, sie anerkannt hat. Aber wie wenig sie erklärt

und wie sehr sie eigentlich nur ein Spiel mit Worten ist, erhellt,

glaube ich, genügend aus dem bisher Vorgetragenen. Seit Aristoteles

seine ~potentiellen Eigenschaften~ erfunden und in die Welt gebracht

hat, spuken sie in allen Wissenschaften, selbst in den exakten, trotz

der so bestimmten Aufklärungen, die Kant uns über sie gegeben hat.

Ich setze mit einem Wirklichen nicht mehr als mit einem Potentiellen,

das Wirklichkeit wird. Und ein Potentielles, das Wirklichkeit nicht

wird, hat für Erklärungen, für Einsichten gar keinen Wert. Es ist nur

ein Streit um Worte, veranlaßt durch das Mißverständnis, als wenn wir

von allem, was wir enthalten, in jedem Moment durchaus die gleiche

intensive Kenntnis haben müßten. Auf diese Weise ist für uns alles

potentiell, und zwar in jedem Moment; wir, die Welt, die Eindrücke,

unser Gehen, Stehen usf., denn dies alles ist uns durchaus nicht immer

in gleicher Weise gegenwärtig, und es lohnt nicht, überhaupt über

etwas nachzudenken. Wir wenden im ausgebildetsten Zustand immer nur

einzelnes an, sind uns mitunter unseres Körpers, der ganzen Umgebung

nicht bewußt, folgen einem fremden Wollen, einem verborgenen Fühlen.

Gleichwohl ist doch alles in unserer Seele da, und wir benutzen es

sofort, sobald wir dazu gezwungen werden oder es wollen. Sofort

empfinden wir dann, und empfinden wir räumlich und zeitlich und kausal.

Sofort bei der Geburt empfindet das Kind Hunger, Durst, Schmerz,

Sättigung usf. Es urteilt noch nicht logisch, aber schon kausal; es

hat den Raumbegriff, denn es führt Gegenstände zum Mund und sucht die

Brust der Mutter. Das gilt alles für das Kind wie für das Tier, und

das nennt man eben angeboren. Die Fähigkeiten würden dem Kinde gar

nichts nützen, es wüßte selbst nach dem ersten Schluck aus der Mutter

Brust nicht, daß es weitersaugen soll, um den Hunger zu stillen, wenn

es den Kausalbegriff nicht hätte. Daß wir lange Zeit nicht darauf

kommen, was wir besitzen anzuwenden, hat mit dem Besitz nichts zu

schaffen. Erwerbung sagt rein gar nichts, sondern drückt nur die

Tatsache aus, daß Gleiches allgemein Gleichem gleicht. Es gibt eben

Dinge in der Welt, die man ~nicht~ ableiten kann, weil sie schon das

Einfachste sind. Etwas muß doch da sein; wenn auch nur die Mittel,

daß wir überhaupt existieren, überhaupt wahrnehmen, fühlen, denken

usf. Wenn dieses Etwas nicht von vornherein vorhanden ist, so kann ja

niemals ein Anfang gemacht werden, denn zu diesem Anfang, so unbestimmt

und dunkel er sein mag, gehört ja schon das Etwas. Es mag einer noch

so schlecht gehen, so muß er seine Beine doch dazu haben; hat er sie

nicht, oder nur potentiell, indem sie ihm im Körper stecken, so kann er

nicht einmal auf die miserabelste Weise auch nur den kleinsten Schritt

tun. Ohne angeborene Eigenheiten gibt es gar keinen Anfang des Lebens,

das Leben würde sofort zu Grunde gehen. Welche Eigenheiten man als

angeboren annehmen soll, und ob bei allen Wesen die gleichen, darüber

kann gestritten werden; aber nicht, ob überhaupt Eigenheiten als

angeboren anzunehmen sind (S. 362).

Um auf unseren Philosophen zurückzukommen, so leitete er alle

psychischen Vorgänge aus Grundvorgängen ab: aus Reizaneignung,

das heißt Empfindung und Wahrnehmung, den „Urvermögen“ der Seele;

aus Umbildung zu neuen Urvermögen; aus Assoziation und Nachklang

der Reizaneignung; aus Kombination. Diese Vermögen, ihr Wirken

und Zusammenwirken sind die Seele. Es ist also abermals eine Art

assoziative Psychologie, aber doch mit einem, wenn auch im Hintergrund

wirkenden Ich.

In dem gleichen Jahre wie Beneke ist auch ~Auguste Comte~ (zu

Montpellier) geboren, der eigentliche Positivist des 19. Jahrhunderts,

ehe er durch Krankheit in Mystizismus verfiel, in dem er 1859

zu Paris starb. Seine „Philosophie positive“ ist ein Grundwerk.

Die Metaphysik mit ihren Ideen und Kategorien wird von vornherein

abgelehnt; sie ist nur eine Scheinwissenschaft, eine Art Theologie.

Drei Folgen des Denkens nennt Comte. Zuerst sieht der Mensch in und

hinter den Dingen Persönlichkeiten. Wir kennen diesen Zustand schon

und haben ihn im ersten Buch eingehend dargelegt. Später verlieren

die Persönlichkeiten das Persönliche allmählich und gehen zuletzt,

soweit sie noch übrig gelassen werden, in metaphysische Begriffe über.

„Sie (die Scheinwissenschaft) setzt ihre Kategorien an die Stelle der

Dämonen; aber sie hört nicht auf, Entitäten, das heißt erdichtete

Wesenheiten, im Hintergrunde der Erscheinungen vorauszusetzen“ (E.

Dühring, Geschichte der Philosophie). Das soll sich wohl auf die

Dinge-an-sich beziehen. Im dritten Stadium wendet sich das Denken dem

zu, was ist, der rein positiven Betrachtung der Welt. Comte hat von

diesem Gesichtspunkt aus die bekanntesten Wissenschaften: Mathematik,

Mechanik, Physik, Chemie, Astronomie, Physiologie, Gesellschaftslehre

behandelt. Es ist eine „Hierarchie der positiven Wissenschaften“, die

Wissenschaften werden positiv-induktiv vorgeführt. Für die Welt- und

Lebenanschauung ergibt sich fast nichts; nur daß Comte das geistige

Leben von der Physik und Chemie doch geschieden hat, verdient besondere

Erwähnung. Er erkennt bloß an, daß in diesem Leben physische Vorgänge

als Momente eintreten. Das Leben selbst aber ist etwas anderes als

diese Vorgänge, aus ihnen nicht zu begreifen und als etwas für sich

nach seinen Positiven zu studieren. Comte hat viele Nachfolger in

Frankreich, England wie Deutschland gehabt.

Bei uns der bedeutendste Positivist ist ~Eugen Dühring~ (geb.

1833) ein Mann, so scharfsinnig in kritischen Untersuchungen wie

wissenschaftlichen Entdeckungen; die Physik verdankt ihm eines ihrer

sichersten und schönsten Gesetze. Seine „Wirklichkeitsphilosophie“

betrachtet alles: Raum, Zeit, Welt wie wir es uns vorstellen, nach

Maßgabe wohl des Zusammenwirkens aller Sinne. Aus dem „Gesetz der

bestimmten Anzahl“ wird geschlossen, daß, wenn der Raum unbegrenzt

sein sollte, doch die Welt der Dinge begrenzt ist, und auch, daß sie

zeitlich einen Anfang gehabt hat, soweit wenigstens es sich um Vorgänge

handelt. Vor diesem Anfang bestand also ein vorgangloses Sein. In

diesem Urzustande können gleichwohl Verschiedenheiten in den Dingen

und Zuständen vorhanden gewesen sein, nur zeitliche Folgen davon

nicht. Diese sind aus diesem Zustande heraus entstanden und entwickeln

sich nun immer weiter. Aber alles Beharrliche oder nach Beharrung

strebende haben wir als aus diesem Urzustande noch überkommen oder

zurückgeblieben anzusehen. War einmal ein Anfang zu den Geschehnissen

unserer Welt, so können sich Anfänge zu neuartigen Geschehnissen noch

einstellen. Das Ganze stellt aber eine Entwicklungsreihe dar, und zwar

aus der Natur selbst heraus, ohne Zuhilfenahme einer höheren Macht.

Und die ganze Natur ist eine Einheit. Man wird unwillkürlich an die

Anschauungen der ionischen Naturphilosophen erinnert. Dem Anfang kann

ein Ende entsprechen, etwa ein Zustand analog dem Urzustand. Jedoch

sei ewige Wiederholung des Gewesenen nicht ausgeschlossen. Eine Seele

als Sondergegenstand wird nicht zugestanden, wohl aber werden Kräfte

in der Natur angenommen. Zwischen der inneren Welt und der äußeren

Welt besteht ein Parallelismus. Manches wird mechanistisch aufgefaßt,

wie daß alle Subjektivität aus Widerstandsempfindungen und das

Bewußtsein aus einem Antagonismus mechanischer Kräfte stammen soll. Das

eigenartigste ist der „Urzustand“. In einer Wirklichkeitsphilosophie

darf man über ihn nicht hinausgehen. Aber wer kann sich dabei

beruhigen? Wir sprechen noch davon. Auf weiteres in Dührings

Philosophie einzugehen, muß ich mir versagen, sie betrifft mehr die

Lebensbetrachtung.

Von den modernsten Sensualisten und Positivisten nenne ich nur ~Ernst

Mach~ (geb. 1838) als den tonangebenden. Seine Schriften sind, wie

die des ihm ähnlichen ~Poincaré~, voll Geist und einer erdrückenden

Menge von Tatsachen. Worin er bestimmt ist, folgt er namentlich Hume,

Kant, Beneke und Wundt. Indem er aber die tieferen Untersuchungen

als „Scheinprobleme“ ablehnt, kann er trotz seines Positivismus und

Sensualismus doch kein befriedigendes System geben. Und wenn er so

viele Nachbeter hat, so ist der Grund, daß seine „wissenschaftliche

Ökonomie“ so bequem ist. Der Mann selbst hat sie gar nicht geübt; er

ist nicht einmal den Scheinproblemen aus dem Wege gegangen -- das

kann nämlich überhaupt kein ernst denkender Mensch, der nicht einfach

Heusammler sein will --. Aber es folgt eine Koterie seinen Spuren,

die, den Lehrer mißverstehend und übertreibend, fast alles verdammt,

was wie Verletzung der „wissenschaftlichen Ökonomie“ ausschaut, und

alle Theorie und Spekulation mit der törichtesten Ironie verfolgt,

weil sie den Freipaß des Meisters zu haben glaubt, nicht über das

Positive hinaus gehen zu brauchen, ja nicht hinaus gehen zu sollen.

In der Beurteilung des Machschen Positivismus und Sensualismus kann

ich mich nur ~Max Planck~ (S. 442) anschließen. Wir wollen aber erst

einiges darüber sagen. Das meiste werde ich der Hauptschrift Machs

„Erkenntnis und Irrtum“ entnehmen. „Wir sind ebensolche Dinge wie die

Dinge der ~physikalischen~ Umgebung, die wir durch ~uns selbst auch~

kennen lernen.“ Es wird uns aber eine gewisse Stabilität zugeschrieben,

also eine Art Ich. Dieses Ich ist die Gesamtheit der untereinander

zusammenhängenden Vorstellungen, also „dasjenige, was nur für uns

allein vorhanden ist“. Das wäre innere, assoziative Auffassung. Die

Stabilität der Gedanken, also das Ich, aber wird erklärt, indem sie

auf die Stabilität der Tatsachen schließen läßt, diese Stabilität

voraussetzt, von dieser Stabilität ein Teil ist. Daß diese drei

Bestimmungen nicht das gleiche besagen, ist klar. Die dritte steht

sogar im Gegensatz zu den beiden ersten, denn wenn etwas ein Teil

von einem anderen ist, so kann es dieses nicht voraussetzen, noch

darauf schließen lassen. Ein Stück eines Körpers ist ein Teil von

ihm; aber von dem Stück kann ich weder auf den Körper schließen, noch

ihn voraussetzen. Die Schwierigkeit und Unbegreiflichkeit liegt hier

genau da, wo sie sich bei den materialistischen Anschauungen allgemein

befindet. Ich verweise, um nicht zweimal dasselbe zu sagen, auf die

Ausführungen im letzten Abschnitt dieses Buches.

Ich und die Welt werden in Eins betrachtet: „Ein ~isoliertes Ich~

gibt es ebensowenig, als ein ~isoliertes Ding~.“ ~Ding~ und ~Ich~ sind

provisorische Fiktionen gleicher Art. Das Physische und Psychische

enthalten gemeinsame Elemente. Zwar wird die „solipsistische

Position“, das heißt der Phänomenalismus als solcher abgelehnt. Aber

wir haben „die Elemente der realen Welt und die Elemente des Ich

zugleich vor uns. Was uns allein noch weiter interessieren kann,

ist die ~funktionale Abhängigkeit~ (in mathematischem Sinne) dieser

Elemente ~voneinander~“. Diese funktionale Abhängigkeit kann ein

~Ding~ genannt werden. Also wir und die ganze Welt, wir können beides

Dinge nennen, sind eine funktionale Abhängigkeitsreihe. Die Grundlage

bilden die Sinnesempfindungen; von ihnen geht alles intellektuelle

Leben aus, und zu ihnen kehrt es zurück. Die sinnlichen Vorstellungen

sind die „psychischen Arbeiter“; die Begriffe, aus ihnen und ihrem

Zusammenhang stammend (sie sind auch Zusammenfassung der Tatsachen),

sind die „Ordner und Aufseher“, welche die Scharen jener Arbeiter

„auf ihren Platz stellen und ihnen ihr Geschäft anweisen“. „Die

Sinnesempfindungen sind eben die eigentlichen ~ursprünglichen Motoren~,

während die Begriffe sich nur auf jene (die Sinnesempfindungen), oft

nur durch andere begriffliche Zwischenglieder berufen.“ Wenn das

nicht bloß Poesie sein soll, so muß das innere Leben mit dem äußeren

~automatisch~ aufgefaßt werden. In der Tat sagt auch Mach: „Das fest

Bestimmte, Regelmäßige, Automatische ist der Grundzug des tierischen

und menschlichen Verhaltens“, a fortiori natürlich des Verhaltens

der Welt. Automatisches paßt sich an Automatisches, das es durch die

Sinne zugeleitet erhält, automatisch an. Eine freie Seele läßt sich

zwar nicht widerlegen, aber sie als „wissenschaftliche Hypothese“

anzunehmen oder nach ihr zu forschen, ist eine „methodologische

Verkehrtheit“. Über angeborene Ideen und Kausalität denkt Mach ganz

wie Hume. Über Raum und Zeit, soweit ich zu sehen vermag, wie Kant.

Seine Unterscheidung der verschiedenen Raum- und Zeitauffassungen,

begrifflich, physiologisch, mathematisch usf. ist von Interesse;

ich habe darüber in meinem Buche „Philosophische Grundlagen usf.“

eingehend gehandelt. Die Folgen der Machschen Lehren sind die jedes

übertriebenen Sensualismus; es ist alles rein subjektiv, niemand kann

für sich, noch weniger natürlich für einen anderen etwas behaupten,

noch ihm widersprechen. Jeder reine Sensualismus vernichtet sich

notwendig selbst. Und das tut der Machsche durchaus. ~Verworn~, dessen

Auseinandersetzungen über Nerven und Gehirn man mit Interesse liest,

scheint ihm philosophisch nachzufolgen.

Wir haben es mit einem ~Agnostizismus~ zu tun von der Art etwa des

von ~Herbert Spencer~ vertretenen. Aber dieser steht in seinem, trotz

Positivismus und Materialismus fast kirchlichen Deismus weit ab von

Mach. Als Positivist ist er Evolutionist im Sinne Darwins, jedoch in

bezug auf die ganze Natur, und mit starker Neigung zu den Ansichten der

ionischen Naturphilosophen, indem bei ihm Konzentration und Dissipation

(auch Evolution und Dissolution) eine große Rolle spielen. Das Absolute

ist das Unerkennbare, eine transzendente Substanz an sich. Überhaupt

ist das Wesen der Welt unerkennbar.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 104 / 108 题