48. ~Die englische Trias: Bacon, Locke, Hume.~

Von dem englischen Dreigestirn ist ~Francis Bacon von Verulam~

(1561-1626), der bekannte Begründer der naturwissenschaftlichen

Erfahrungsmethoden, für uns von geringerer Bedeutung; er hat eine

neue, besondere Anschauung von Welt und Leben nicht entwickelt. Nur

auf die Notwendigkeit der Beurteilung der Welt und ihrer Geschehnisse

auf Grund der Erfahrung hat er scharf hingewiesen. Die neuere

~Empirie~, als Untersuchungsmethode, nimmt mit ihm namentlich in den

Naturwissenschaften ihren eigentlichen Anfang. Endursachen lehnt

er ab, weil mit ihnen nichts anzufangen sei, sie gehörten in die

Gotteslehre, nicht in die eigentliche Wissenschaft. Die Natur müsse aus

ihren eigenen Vorgängen und Ursachen erklärt werden, also empirisch,

nicht metaphysisch, ein Standpunkt, den schon viele vor ihm vertreten

haben, auf dem wir auch Aristoteles finden. Seine Methode ist die der

~Induktion~. Reiner Empirist ist aber Bacon nicht, eher empirischer

Panpsychist, da er die ganze Materie belebt sein läßt. Auch nimmt er

ein allgemeines Gesetz an, das die Natur beherrschen soll. Er gesteht

sogar Intuition zu. Und doch schreckt er uns mit den Trugbildern,

Idolen, die uns aus unserer allgemeinen Natur, doch auch aus unserer

individuellen Art und aus gedankenloser Einbildung, als Tradition und

Anlernung, stetig verfolgen sollen.

~John Locke~ (1632 in Wrington geboren, gestorben 1704) gehört zu den

Größten im Reiche des Gedankens. Sein Meisterwerk: „An essay concerning

human understanding“ (ich zitiere nach der Reclam-Ausgabe) ist das

Hauptalles des Empirismus. Locke ist aber nicht bloß Empirist; wir

finden auch Idealismus, Sensualismus und Realismus bei ihm vertreten.

Empirist ist er hinsichtlich unserer Ideen, Idealist in bezug auf

die Materie, und zwar transzendentaler, Sensualist, wo es sich um

Verbindung der Ideen mit der Erfahrung handelt, Realist in bezug auf

Körper und Vorgänge. Die Ideen (Empfindung, Vorstellung, Begriff

usf.) sind sämtlich aus der Erscheinung erworben; keine Idee ist

uns angeboren, ist a priori, alle sind a posteriori. „Bei manchen

Leuten,“ sagt er, „steht die Ansicht fest, daß der Verstand gewisse ihm

angeborene Grundbegriffe enthalte, gewisse ursprüngliche Vorstellungen,

κοιναὶ ἔννοιαι, dem menschlichen Bewußtsein gewissermaßen aufgeprägte

Schriftzüge, die die Seele bei ihrem ersten Eintritt in das Dasein

empfange und mit sich in die Welt bringe.“ Das soll also nicht der

Fall sein: „Sie sind dem Geiste nicht von Natur eingeprägt, weil sie

den Kindern, Idioten usw. nicht bekannt sind.“ Alle Kinder und Idioten

hätten nicht den geringsten Begriff von ihnen. Und es scheint ihm „fast

ein Widerspruch darin zu liegen, wenn man sagen wollte, es gäbe der

Seele eingeprägte Wahrheiten, die sie nicht bemerke oder verstehe.“

„Denn daß dem Geiste etwas eingeprägt werde, ohne daß es ihm zum

Bewußtsein käme, scheint mir kaum verständlich zu sein.“ Die Vernunft

entdeckt auch die Ideen nicht, sie bildet sie nur allmählich aus den

Eindrücken, die sie empfängt. Locke unterscheidet nun die innere

Erfahrung (reflection) von der äußeren (sensation). Aber eine innere

Erfahrung ohne äußere erkennt er nicht an. Wie bei den Stoikern und

vielen andern, ist die Seele für ihn erst eine tabula rasa, ein „leeres

Kabinet“. Die Sinne lassen „erst Vorstellungen ein, der Verstand

einverleibt sie dem Gedächtnis und versieht sie mit Zeichen, Namen.

Dann, im weiteren Fortschreiten abstrahiert er aus ihnen Begriffe

und lernt allmählich allgemeinere Namen. So gewinnt er Materialien

für sein Denkvermögen.“ Wir haben also nur die Fähigkeit Ideen zu

bilden, nicht besitzen wir diese Ideen von vornherein. Nicht einmal

die logischen Begriffe sind angeboren; Kinder kennen weder den Satz

der Identität, noch den des Widerspruchs. Die Idee Gottes ist nicht

angeboren. Ebensowenig die Idee der Materie. Das Kind und der Idiot

wissen von beiden nichts. Alles an Ideen ist allein aus den Eindrücken

abgeleitet, die Ideen sind empirisch gewonnen. Das wird nun auch mit

stärkerem Grunde von den praktischen Grundsätzen behauptet, ebenfalls

zum Teil von den moralischen und ethischen. Diese sind erst recht nicht

angeboren. Die Beweise dafür werden aus dem Leben des Einzelnen und

der Menschen eingehend geführt. In der Tat ist ja das Material für

solche Beweise scheinbar groß genug. Alle Ideen sind aus Sensation

und Reflexion gewonnen. „Äußere Gegenstände versehen den Geist mit

den Ideen sinnlicher Eigenschaften, die aus allen den verschiedenen

Wahrnehmungen bestehen, die sie in uns hervorbringen, und der Geist

versieht den Verstand mit den Ideen seiner eigenen Tätigkeit.“ Die

Ideen der Reflexion werden aber später erworben, und die Seele

fängt an, Ideen zu haben, wenn sie mit der Wahrnehmung beginnt. Die

Wahrnehmung ist das eine, das der Geist tut, und die Reflexion an

diesen Wahrnehmungen ist das zweite. Aber ohne Wahrnehmungen gibt es

auch keine Reflexion. So sind die Wahrnehmungen das Grundlegende.

Das ist reiner ~Empirismus~. Nun aber sind Wahrnehmungen solche doch

nur insoweit, als wir sie bewußt erfassen. Daher ist unsere innere

Tätigkeit Voraussetzung der Wahrnehmungen. Und so entsteht ein

gegenseitiges Sichbedingen: ohne Sensation keine Reflexion, und ohne

Reflexion keine Sensation. Das letztere aber liegt auf dem Gebiete des

~Sensualismus~. Unser Inneres erst macht die Wahrnehmungen zu dem, was

sie sind. Und als solche sind sie in unserem Inneren durchaus real.

Ob sie auch objektive Realität haben, muß die Verbindung der

Wahrnehmungen unter dem Einfluß der Reflexion entscheiden. Dann zeigt

sich, daß manche Wahrnehmungen nicht den Dingen selbst anhaften,

sondern nur durch Eindrücke von ihnen auf uns hervorgebracht werden,

wie Farben, Töne, Gerüche, Wärme, Kälte usf. Anderen dagegen, wie

Festigkeit, Ausdehnung, Figur, Ruhe, Bewegung, schreibt Locke

~objektive~ Wahrheit zu, sie sind wirklich. Selbst Raum, Zeit und Zahl

gehören dazu. Hier haben wir einen ~Realismus~ und ~Positivismus~.

„Weil unsere Sinne außerstande sind, irgendwelche Ungleichheit

zwischen der in uns entstandenen Idee und der Beschaffenheit des sie

hervorbringenden Objekts (das Objekt selbst, nicht das Ding-an-sich,

wie der Herausgeber meint) zu entdecken, so sind wir zu der Vorstellung

geneigt, daß unsere Vorstellungen Ebenbilder von etwas in den Objekten

Enthaltenem und nicht die Wirkungen gewisser in der Modalität ihrer

primären Eigenschaften liegender Kräfte seien, mit welchen primären

Eigenschaften die in uns entstandenen Ideen keine Ähnlichkeit haben.“

Das letztere klingt freilich idealistisch gesprochen. Und an einer

weit davon entfernten Stelle wird gesagt: „Offenbar erkennt der Geist

die Dinge nicht unmittelbar, sondern nur vermittelst der Ideen, die

er von ihnen hat. Unser Wissen ist deshalb nur so weit real, als

eine Übereinstimmung zwischen unseren Ideen und der Realität der

Dinge besteht. Was soll aber hierfür als Kriterium dienen? Woran soll

der Geist, wenn er nichts als seine eigenen Ideen wahrnimmt, deren

Übereinstimmung mit den Dingen selbst erkennen?“ Locke glaubt sich

helfen zu können, indem er die Art der Ideen in Betracht zieht. Er

hatte gleich im Anfang seines Werkes ~einfache~ Ideen (simple ideas)

von komplexen (complex ideas) unterschieden und zu jenen alle Ideen

gerechnet, denen Wahrnehmung durch die äußeren Sinne (einen Sinn oder

mehrere Sinne zugleich) entspricht, oder durch den inneren Sinn allein

(Denken, Fühlen usf.), oder durch beide Sinnenarten zusammen (Lust,

Schmerz, Kraft, Existenz, Einheit). Auf diese einfachen Ideen stützt

er sich. Nach seiner Lehre kann der Geist keine von ihnen aus sich

selbst hervorbringen; er ist nur reflexiv beteiligt, ihre Entstehung

verdanken sie Eindrücken (s. oben). Also müssen sie „notwendigerweise

das Erzeugnis von Dingen sein,“ „die auf natürlichem Wege auf den

Geist einwirken und an ihm eben die Wahrnehmung hervorbringen,

wofür sie durch die Weisheit und den Willen des Schöpfers bestimmt

und eingerichtet sind. Daraus folgt, daß die einfachen Ideen

nicht Erdichtungen unserer Phantasie, sondern die natürlichen und

regelmäßigen Erzeugnisse von Dingen außer uns sind, die tatsächlich

auf uns einwirken, und daß sie also die ganze beabsichtigte oder

für unseren Zustand erforderliche Ähnlichkeit an sich tragen.“ Die

Einführung Gottes zum Beweise der Realität der Dinge entspricht dem

Verfahren des Descartes (S. 337). Selbst die komplexen Ideen, mit

Ausnahme der Idee von der Substanz (Materie) sollen zu dem gleichen

Schluß führen. Unserer eigenen Existenz sind wir intuitiv gewiß.

Gottes Dasein können wir mit Gewißheit erkennen. Und der Beweis dafür

wird wie immer aus den ihm zugeschriebenen Eigenschaften entnommen.

Indessen auch von der Welt; er ist also ontologisch und kosmologisch.

Sonst entscheidet überall einzig die Vernunft in Verbindung mit der

Wahrnehmung.

Der Raum wird als ein eigenes Reales angesehen, also ist auch ein von

Körpern freier Raum zugestanden. Die Zeit wird durch die Folge unserer

eigenen Ideen gewonnen. Hier ist der Gedankengang von hohem Interesse.

Erst haben wir in unserem Inneren die Idee der Sukzession; in unser

Bewußtsein kommt einiges, anderes verschwindet. Ein Abstand zwischen

den Teilen der Sukzession ist die Dauer. Indem wir ferner „gewisse

Erscheinungen in bestimmten regelmäßigen Dauern sinnlich wahrnehmen,

erlangen wir die Ideen von bestimmten Längen oder Maßen der Dauer, wie

Minuten, Stunden, Tagen, Jahren usf.“ Nun können wir in unserem Sinn

Dauern wiederholen, so kommen wir dazu, „uns eine Dauer vorzustellen,

wo nichts wirklich fortdauert oder besteht“. Indem wir Maße von Dauern

immer weiter aneinanderfügen, gelangen wir zu dem Begriff der Ewigkeit.

Endlich: „durch die Betrachtung irgendeines Teiles der unendlichen

Dauer, als abgegrenzt durch periodische Maße, kommen wir zu der Idee

dessen, was wir im allgemeinen die Zeit nennen“. Hier wirkt Inneres und

Äußeres. Und ich glaube, nichts zeigt so klar, wie wenig angeborene

Ideen entbehrt werden können, als diese mühsame und nach Außen und

nach Innen schwingende Ableitung der Zeit. Sofern die Reflexion nur an

Wahrnehmung anschließen soll, möchte man der Zeit Realität zusprechen.

Aber sie scheint mit gleichem Rechte auch idealistisch aufzufassen

zu sein, da ja die Reflexion wieder Bedingung der Wahrnehmung ist,

also auch der Folge in den Wahrnehmungen. Von der Materie (Substanz)

wird gesagt, daß wir von ihr „im allgemeinen keine klare Idee“ haben.

Weil wir von körperlichen Substanzen, „wie Pferd, Stein usf. reden und

an sie denken, so ist zwar unsere Idee von jeder derselben nur die

Verknüpfung oder Zusammenfassung einer Mehrzahl einfacher Ideen von

sinnlichen Eigenschaften, die wir gewohnt sind in dem Pferd oder Stein

genannten Dinge vereinigt zu finden; weil wir uns aber nicht denken

können, wie sie jede für sich oder eine durch die andere bestehen

sollten, so setzen wir voraus, daß sie durch ein gemeinschaftliches

Subjekt existieren und getragen werden, und diese Stütze bezeichnen

wir mit dem Namen „Substanz“, obgleich wir sicherlich von dem Dinge,

das wir voraussetzen, keine klare oder deutliche Idee haben.“ Also

ist die Substanz als solche idealistisch gedacht. Dagegen haben wir

vom „Geiste“ „eine ebenso klare Idee wie vom Körper“. Mit demselben

Recht, mit dem wir dem Körper Realität zuschreiben, können wir auch die

Realität des Geistes behaupten. Der Geist scheint fast substantiell

gedacht zu sein, denn es wird ihm Bewegungsfähigkeit zugeschrieben. Es

heißt: „Denn da meine Seele, so gut wie mein Körper, ein reales Wesen

ist, so ist sie gewiß ebensogut wie der Körper imstande, ihren Abstand

von einem anderen Körper oder Wesen zu verändern, und also der Bewegung

fähig.“

Von ~David Hume~ (bei Edinburg 1711 geboren, 1776 gestorben), der

als der bedeutendste Philosoph Englands anerkannt wird, haben wir

in anderem Zusammenhange bereits gesprochen (S. 358). Hier kommt

es auf seinen ~Empirismus~ und ~Sensualismus~ an. Er geht insofern

nicht so weit wie Locke, als er Begriffe auch a priori anerkennt.

Sein für uns in Betracht kommendes Hauptwerk ist „Enquiry concerning

human understanding“ (ich zitiere nach der deutschen Ausgabe der

Philosophischen Bibliothek). Für Humes Anschauungen von Wichtigkeit

ist seine Unterscheidung zwischen Eindrücken und Gedanken oder

Vorstellungen. Eindrücke (impressions) sind „alle unsere lebhafteren

Auffassungen, wenn wir hören, sehen, tasten, drücken, wünschen,

wollen.“ ~Gedanken~ oder ~Vorstellungen~ (ideas, perceptions) sind die

weniger lebhaften Auffassungen, „deren wir uns bewußt werden, wenn

wir uns auf eine jener oben erwähnten Wahrnehmungen oder Regungen

besinnen“. Vorstellungen sind also immer „einem gleichartigen

Eindruck nachgebildet“. Es gibt Ausnahmen von dieser Regel, indem

die Einbildung Vorstellungen in einer Reihe von Vorstellungen auch

ohne voraufgegangenen Eindruck aus benachbarten Vorstellungen zu

ergänzen vermag, zum Beispiel eine besondere, nie gesehene Farbe in

einer Farbenskala, wo sie fehlt. Hume führt diesen Fall selbst an;

aber er legt diesen Ausnahmen kein Gewicht bei, vielleicht weil die

Ergänzung lediglich eine Mittelung aus den einschließenden bekannten

Vorstellungen ist. Versteht man nun unter angeboren das, „was

ursprünglich, das heißt von keiner vorangegangenen Auffassung das

Abbild ist, dann können wir wohl behaupten, daß alle unsere Eindrücke

angeboren und unsere Vorstellungen nicht angeboren sind“. Wir würden

uns im Kreise bewegen, wenn wir nicht umgekehrt sagen wollten: Es

gibt Seelentätigkeiten, die angeboren sind, wie die Wahrnehmungen,

der Wunsch, der Wille (Humes Ausdrucksweise ist zu unbestimmt, um

die Reihe in seinem Sinne selbst fortsetzen zu können), diese nennen

wir Eindrücke; und es gibt weiter Tätigkeiten, die nicht angeboren,

sondern Abbilder jener Tätigkeiten sind, diese heißen Gedanken oder

Vorstellungen. Hume legt aber auf die Unterscheidung zwischen angeboren

und nichtangeboren anscheinend gar keinen Wert. Wie Eindrücke die

Grundlage der Vorstellungen sind, so können sie ihrerseits wieder

Eindrücke hervorrufen, diese wieder Vorstellungen veranlassen usf.

Aus den Eindrücken folgen die Tatsachen. Alle Denkakte, die Tatsachen

betreffen, „scheinen sich auf die Beziehung von Ursache und Wirkung

zu gründen“. Aber Hume sagt: „Ich wage es, als einen ausnahmlosen

Satz hinzustellen, daß die Kenntnis dieser Beziehung in keinem Falle

durch Denkakte a priori gewonnen wird; sondern daß sie ganz und gar

aus der Erfahrung stammt, indem wir finden, daß gewisse Gegenstände

beständig in Zusammenhang stehen.“ Die Beispiele, die Hume wählt --

ein Mann, dem ein gänzlich fremder Gegenstand vorgelegt wird, würde

nicht imstande sein, trotz genauester Prüfung, „irgendwelche von seinen

Ursachen oder Wirkungen zu entdecken“. Adam hätte „aus der Flüssigkeit

und Durchsichtigkeit des Wassers nicht herleiten können, daß es ihn

ersticken, noch aus der Helligkeit und Wärme des Feuers, daß es ihn

verzehren würde“ -- zeigen aber deutlich, daß es sich für Hume nicht

um den Ursächlichkeitsbegriff handelte, sondern allein um objektive

Ursache und Wirkung. Seine Behauptungen enthalten also keineswegs eine

Ableugnung des Kausalitätsbegriffes, sondern nur der Möglichkeit,

~besondere~ Ursachen und Wirkungen allein aus der Vernunft zu erkennen.

Und darin muß jeder beistimmen. Die Kausalität außer der Erfahrung sagt

ja nicht, das und das ~wird~ aus ~dem~ und ~dem~ geschehen, sondern:

was geschieht, geschah und geschehen wird, ist eine Folge von irgend

etwas; wir sehen alles als Folge von etwas an; nicht, wir erwarten

Dieses als Folge von Jenem. Letzteres kann selbstverständlich nur durch

Erfahrung gerechtfertigt werden. Ja, man muß Hume beipflichten, wenn

er weiter meint, wir hätten auch aus der Erfahrung noch kein Recht,

aus bestimmten Ursachen auf bestimmte Wirkungen zu schließen, selbst

wenn wir so und so oft die Wirkungen haben eintreten sehen. „Vergeblich

behauptet man, die Natur der Körper aus vergangener Erfahrung kennen

gelernt zu haben. Ihre verborgene Natur und alle ihre Wirkungen können

wechseln, ohne jeden Wechsel in ihren sinnlichen Eigenschaften“. Und

er sagt ferner: „Diese Verknüpfung also (daß wir in einer Reihe von

Fällen Ereignisse stets im Zusammenhange sehen), die wir im Geist

~empfinden~, dieser gewohnheitsmäßige Übergang von einem Gegenstand

zu seinem üblichen Begleiter, ist das Gefühl oder der Eindruck,

nach dem wir die Vorstellung von Kraft oder notwendiger Verknüpfung

bilden. Weiter steckt nichts dahinter“. Gleichwohl glaube ich, daß

diejenigen zu weit gehen, welche Hume den Ursächlichkeitsbegriff

als solchen ablehnen lassen; von diesem Begriff ist bei ihm, wie

bemerkt, gar keine Rede; er lehnt nur ab, daß wir je ohne Erfahrung

Verknüpfung zwischen Erscheinungen ermitteln können, und daß wir je,

wo wir Verknüpfungen festgestellt haben, mit Gewißheit sie auch für

nicht festgestellte Fälle in der Vergangenheit oder für die Zukunft

behaupten können. Deshalb wird Ursache auch noch anders definiert,

als ein „Gegenstand, dem ein anderer folgt, und dessen Erscheinen

stets das ~Denken~ zu jenem anderen führt“. Somit ist das Verhältnis

zwischen Ursache und Wirkung entweder reine Tatsachenbehauptung --

auf diese Schwingung folgt dieser Ton, und allen gleichgearteten

Schwingungen sind gleichgeartete Töne gefolgt -- oder eine Denkfolge

-- auf diese Schwingung folgt dieser Ton, beim Erscheinen dieser

Schwingung greift der Geist vor und bildet die Vorstellung des Tones

--. Außer diesen beiden Gesichtspunkten, meint Hume, haben wir

für die Beziehung von Ursache und Wirkung keine Vorstellung. Der

erste Gesichtspunkt geht auf unmittelbar Erfahrenes, der zweite auf

Erwartetes. Letzterer betrifft selbst nach Hume einen geistigen Akt.

Die beiden Gesichtspunkte sollen in gleicher Weise auch für psychische

Erscheinungen gelten. Eine Art ~gewohnheitsmäßiges~ Schließen des

Geistes sei es, das beide Fälle umfaßt. Von denselben Gesichtspunkten

aus ist, was Hume über das „Wunder“ sagt, höchst interessant und

bedeutend. Die Vernunft spricht hier gar nicht mit, sondern nur der

Glaube. Er nennt die Leute gefährliche Freunde oder versteckte Feinde,

die es unternommen haben und unternehmen, die christliche Religion

mit den Prinzipien der menschlichen Vernunft zu verteidigen. „Unsere

allerheiligste Religion gründet sich auf Glauben, nicht auf Vernunft.“

Die gleiche Ruhe des Denkens trägt die Untersuchungen über Vorsehung

und zukünftiges Dasein. Beides wird in das Gebiet des Glaubens

verwiesen. Vernünftigerweise haben wir kein Recht, sie zu behaupten.

Bei der Vorsehung, die die Weltordnung umfaßt, sind es nur Tatsachen,

die wir vor uns haben, und die zurück auf eine allgemeine Ursache zu

führen wir durch nichts rechtfertigen können. Zu der Annahme eines

Jenseits veranlassen uns gleichfalls nur Tatsachen, daß nämlich vieles

nicht genügend belohnt oder bestraft wird, sogar Gutes bestraft,

Übles belohnt sich findet. „Daher all die fruchtlosen Bemühungen,

Rechenschaft über die Erscheinungen des Übels in der Natur zu geben

und die Ehre der Götter zu retten (Hume läßt einen Athener sprechen),

während wir doch die Tatsache des Bösen und des Wirrens, woran die

Welt so überreich ist, anerkennen müssen.“ Außer ~Ursache und Wirkung~

haben wir als Vorstellungsverknüpfungen noch ~Ähnlichkeit~ (und

~Kontrast~) und ~Berührung in Zeit oder Raum~. Es sind dieses die drei

~Assoziationsprinzipe~.

Die ganze Anschauung ist eine ~Tatsachen~anschauung, sowohl in bezug

auf das äußere wie auf das innere Leben, ein ~Positivismus~. Der

reinen Vernunft wird fast nichts eingeräumt. Alles ist eine Häufung

von äußeren assoziierten Erscheinungen und inneren assoziierten

Erscheinungen. Wie für die äußeren Tatsachen keine allgemeine Ursache

behauptet wird, so für die inneren keine allgemeine Seele. Von dieser

subjektlosen Psychologie habe ich bereits gesprochen (S. 359, 400). Nur

eine Art „Ich“ wird anerkannt und die Welt so gesetzt, wie sie sich

bietet. Sensualistisch ist diese Anschauung, weil alle Vorstellungen

durchaus nicht ohne Eindrücke sein sollen. Freilich werden zu diesen

Eindrücken auch psychische gerechnet, so daß der Sensualismus in der

Tat kein vollständiger ist, sondern mit Idealismus sich überdeckt.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 103 / 108 题