Von dem englischen Dreigestirn ist ~Francis Bacon von Verulam~
(1561-1626), der bekannte Begründer der naturwissenschaftlichen
Erfahrungsmethoden, für uns von geringerer Bedeutung; er hat eine
neue, besondere Anschauung von Welt und Leben nicht entwickelt. Nur
auf die Notwendigkeit der Beurteilung der Welt und ihrer Geschehnisse
auf Grund der Erfahrung hat er scharf hingewiesen. Die neuere
~Empirie~, als Untersuchungsmethode, nimmt mit ihm namentlich in den
Naturwissenschaften ihren eigentlichen Anfang. Endursachen lehnt
er ab, weil mit ihnen nichts anzufangen sei, sie gehörten in die
Gotteslehre, nicht in die eigentliche Wissenschaft. Die Natur müsse aus
ihren eigenen Vorgängen und Ursachen erklärt werden, also empirisch,
nicht metaphysisch, ein Standpunkt, den schon viele vor ihm vertreten
haben, auf dem wir auch Aristoteles finden. Seine Methode ist die der
~Induktion~. Reiner Empirist ist aber Bacon nicht, eher empirischer
Panpsychist, da er die ganze Materie belebt sein läßt. Auch nimmt er
ein allgemeines Gesetz an, das die Natur beherrschen soll. Er gesteht
sogar Intuition zu. Und doch schreckt er uns mit den Trugbildern,
Idolen, die uns aus unserer allgemeinen Natur, doch auch aus unserer
individuellen Art und aus gedankenloser Einbildung, als Tradition und
Anlernung, stetig verfolgen sollen.
~John Locke~ (1632 in Wrington geboren, gestorben 1704) gehört zu den
Größten im Reiche des Gedankens. Sein Meisterwerk: „An essay concerning
human understanding“ (ich zitiere nach der Reclam-Ausgabe) ist das
Hauptalles des Empirismus. Locke ist aber nicht bloß Empirist; wir
finden auch Idealismus, Sensualismus und Realismus bei ihm vertreten.
Empirist ist er hinsichtlich unserer Ideen, Idealist in bezug auf
die Materie, und zwar transzendentaler, Sensualist, wo es sich um
Verbindung der Ideen mit der Erfahrung handelt, Realist in bezug auf
Körper und Vorgänge. Die Ideen (Empfindung, Vorstellung, Begriff
usf.) sind sämtlich aus der Erscheinung erworben; keine Idee ist
uns angeboren, ist a priori, alle sind a posteriori. „Bei manchen
Leuten,“ sagt er, „steht die Ansicht fest, daß der Verstand gewisse ihm
angeborene Grundbegriffe enthalte, gewisse ursprüngliche Vorstellungen,
κοιναὶ ἔννοιαι, dem menschlichen Bewußtsein gewissermaßen aufgeprägte
Schriftzüge, die die Seele bei ihrem ersten Eintritt in das Dasein
empfange und mit sich in die Welt bringe.“ Das soll also nicht der
Fall sein: „Sie sind dem Geiste nicht von Natur eingeprägt, weil sie
den Kindern, Idioten usw. nicht bekannt sind.“ Alle Kinder und Idioten
hätten nicht den geringsten Begriff von ihnen. Und es scheint ihm „fast
ein Widerspruch darin zu liegen, wenn man sagen wollte, es gäbe der
Seele eingeprägte Wahrheiten, die sie nicht bemerke oder verstehe.“
„Denn daß dem Geiste etwas eingeprägt werde, ohne daß es ihm zum
Bewußtsein käme, scheint mir kaum verständlich zu sein.“ Die Vernunft
entdeckt auch die Ideen nicht, sie bildet sie nur allmählich aus den
Eindrücken, die sie empfängt. Locke unterscheidet nun die innere
Erfahrung (reflection) von der äußeren (sensation). Aber eine innere
Erfahrung ohne äußere erkennt er nicht an. Wie bei den Stoikern und
vielen andern, ist die Seele für ihn erst eine tabula rasa, ein „leeres
Kabinet“. Die Sinne lassen „erst Vorstellungen ein, der Verstand
einverleibt sie dem Gedächtnis und versieht sie mit Zeichen, Namen.
Dann, im weiteren Fortschreiten abstrahiert er aus ihnen Begriffe
und lernt allmählich allgemeinere Namen. So gewinnt er Materialien
für sein Denkvermögen.“ Wir haben also nur die Fähigkeit Ideen zu
bilden, nicht besitzen wir diese Ideen von vornherein. Nicht einmal
die logischen Begriffe sind angeboren; Kinder kennen weder den Satz
der Identität, noch den des Widerspruchs. Die Idee Gottes ist nicht
angeboren. Ebensowenig die Idee der Materie. Das Kind und der Idiot
wissen von beiden nichts. Alles an Ideen ist allein aus den Eindrücken
abgeleitet, die Ideen sind empirisch gewonnen. Das wird nun auch mit
stärkerem Grunde von den praktischen Grundsätzen behauptet, ebenfalls
zum Teil von den moralischen und ethischen. Diese sind erst recht nicht
angeboren. Die Beweise dafür werden aus dem Leben des Einzelnen und
der Menschen eingehend geführt. In der Tat ist ja das Material für
solche Beweise scheinbar groß genug. Alle Ideen sind aus Sensation
und Reflexion gewonnen. „Äußere Gegenstände versehen den Geist mit
den Ideen sinnlicher Eigenschaften, die aus allen den verschiedenen
Wahrnehmungen bestehen, die sie in uns hervorbringen, und der Geist
versieht den Verstand mit den Ideen seiner eigenen Tätigkeit.“ Die
Ideen der Reflexion werden aber später erworben, und die Seele
fängt an, Ideen zu haben, wenn sie mit der Wahrnehmung beginnt. Die
Wahrnehmung ist das eine, das der Geist tut, und die Reflexion an
diesen Wahrnehmungen ist das zweite. Aber ohne Wahrnehmungen gibt es
auch keine Reflexion. So sind die Wahrnehmungen das Grundlegende.
Das ist reiner ~Empirismus~. Nun aber sind Wahrnehmungen solche doch
nur insoweit, als wir sie bewußt erfassen. Daher ist unsere innere
Tätigkeit Voraussetzung der Wahrnehmungen. Und so entsteht ein
gegenseitiges Sichbedingen: ohne Sensation keine Reflexion, und ohne
Reflexion keine Sensation. Das letztere aber liegt auf dem Gebiete des
~Sensualismus~. Unser Inneres erst macht die Wahrnehmungen zu dem, was
sie sind. Und als solche sind sie in unserem Inneren durchaus real.
Ob sie auch objektive Realität haben, muß die Verbindung der
Wahrnehmungen unter dem Einfluß der Reflexion entscheiden. Dann zeigt
sich, daß manche Wahrnehmungen nicht den Dingen selbst anhaften,
sondern nur durch Eindrücke von ihnen auf uns hervorgebracht werden,
wie Farben, Töne, Gerüche, Wärme, Kälte usf. Anderen dagegen, wie
Festigkeit, Ausdehnung, Figur, Ruhe, Bewegung, schreibt Locke
~objektive~ Wahrheit zu, sie sind wirklich. Selbst Raum, Zeit und Zahl
gehören dazu. Hier haben wir einen ~Realismus~ und ~Positivismus~.
„Weil unsere Sinne außerstande sind, irgendwelche Ungleichheit
zwischen der in uns entstandenen Idee und der Beschaffenheit des sie
hervorbringenden Objekts (das Objekt selbst, nicht das Ding-an-sich,
wie der Herausgeber meint) zu entdecken, so sind wir zu der Vorstellung
geneigt, daß unsere Vorstellungen Ebenbilder von etwas in den Objekten
Enthaltenem und nicht die Wirkungen gewisser in der Modalität ihrer
primären Eigenschaften liegender Kräfte seien, mit welchen primären
Eigenschaften die in uns entstandenen Ideen keine Ähnlichkeit haben.“
Das letztere klingt freilich idealistisch gesprochen. Und an einer
weit davon entfernten Stelle wird gesagt: „Offenbar erkennt der Geist
die Dinge nicht unmittelbar, sondern nur vermittelst der Ideen, die
er von ihnen hat. Unser Wissen ist deshalb nur so weit real, als
eine Übereinstimmung zwischen unseren Ideen und der Realität der
Dinge besteht. Was soll aber hierfür als Kriterium dienen? Woran soll
der Geist, wenn er nichts als seine eigenen Ideen wahrnimmt, deren
Übereinstimmung mit den Dingen selbst erkennen?“ Locke glaubt sich
helfen zu können, indem er die Art der Ideen in Betracht zieht. Er
hatte gleich im Anfang seines Werkes ~einfache~ Ideen (simple ideas)
von komplexen (complex ideas) unterschieden und zu jenen alle Ideen
gerechnet, denen Wahrnehmung durch die äußeren Sinne (einen Sinn oder
mehrere Sinne zugleich) entspricht, oder durch den inneren Sinn allein
(Denken, Fühlen usf.), oder durch beide Sinnenarten zusammen (Lust,
Schmerz, Kraft, Existenz, Einheit). Auf diese einfachen Ideen stützt
er sich. Nach seiner Lehre kann der Geist keine von ihnen aus sich
selbst hervorbringen; er ist nur reflexiv beteiligt, ihre Entstehung
verdanken sie Eindrücken (s. oben). Also müssen sie „notwendigerweise
das Erzeugnis von Dingen sein,“ „die auf natürlichem Wege auf den
Geist einwirken und an ihm eben die Wahrnehmung hervorbringen,
wofür sie durch die Weisheit und den Willen des Schöpfers bestimmt
und eingerichtet sind. Daraus folgt, daß die einfachen Ideen
nicht Erdichtungen unserer Phantasie, sondern die natürlichen und
regelmäßigen Erzeugnisse von Dingen außer uns sind, die tatsächlich
auf uns einwirken, und daß sie also die ganze beabsichtigte oder
für unseren Zustand erforderliche Ähnlichkeit an sich tragen.“ Die
Einführung Gottes zum Beweise der Realität der Dinge entspricht dem
Verfahren des Descartes (S. 337). Selbst die komplexen Ideen, mit
Ausnahme der Idee von der Substanz (Materie) sollen zu dem gleichen
Schluß führen. Unserer eigenen Existenz sind wir intuitiv gewiß.
Gottes Dasein können wir mit Gewißheit erkennen. Und der Beweis dafür
wird wie immer aus den ihm zugeschriebenen Eigenschaften entnommen.
Indessen auch von der Welt; er ist also ontologisch und kosmologisch.
Sonst entscheidet überall einzig die Vernunft in Verbindung mit der
Wahrnehmung.
Der Raum wird als ein eigenes Reales angesehen, also ist auch ein von
Körpern freier Raum zugestanden. Die Zeit wird durch die Folge unserer
eigenen Ideen gewonnen. Hier ist der Gedankengang von hohem Interesse.
Erst haben wir in unserem Inneren die Idee der Sukzession; in unser
Bewußtsein kommt einiges, anderes verschwindet. Ein Abstand zwischen
den Teilen der Sukzession ist die Dauer. Indem wir ferner „gewisse
Erscheinungen in bestimmten regelmäßigen Dauern sinnlich wahrnehmen,
erlangen wir die Ideen von bestimmten Längen oder Maßen der Dauer, wie
Minuten, Stunden, Tagen, Jahren usf.“ Nun können wir in unserem Sinn
Dauern wiederholen, so kommen wir dazu, „uns eine Dauer vorzustellen,
wo nichts wirklich fortdauert oder besteht“. Indem wir Maße von Dauern
immer weiter aneinanderfügen, gelangen wir zu dem Begriff der Ewigkeit.
Endlich: „durch die Betrachtung irgendeines Teiles der unendlichen
Dauer, als abgegrenzt durch periodische Maße, kommen wir zu der Idee
dessen, was wir im allgemeinen die Zeit nennen“. Hier wirkt Inneres und
Äußeres. Und ich glaube, nichts zeigt so klar, wie wenig angeborene
Ideen entbehrt werden können, als diese mühsame und nach Außen und
nach Innen schwingende Ableitung der Zeit. Sofern die Reflexion nur an
Wahrnehmung anschließen soll, möchte man der Zeit Realität zusprechen.
Aber sie scheint mit gleichem Rechte auch idealistisch aufzufassen
zu sein, da ja die Reflexion wieder Bedingung der Wahrnehmung ist,
also auch der Folge in den Wahrnehmungen. Von der Materie (Substanz)
wird gesagt, daß wir von ihr „im allgemeinen keine klare Idee“ haben.
Weil wir von körperlichen Substanzen, „wie Pferd, Stein usf. reden und
an sie denken, so ist zwar unsere Idee von jeder derselben nur die
Verknüpfung oder Zusammenfassung einer Mehrzahl einfacher Ideen von
sinnlichen Eigenschaften, die wir gewohnt sind in dem Pferd oder Stein
genannten Dinge vereinigt zu finden; weil wir uns aber nicht denken
können, wie sie jede für sich oder eine durch die andere bestehen
sollten, so setzen wir voraus, daß sie durch ein gemeinschaftliches
Subjekt existieren und getragen werden, und diese Stütze bezeichnen
wir mit dem Namen „Substanz“, obgleich wir sicherlich von dem Dinge,
das wir voraussetzen, keine klare oder deutliche Idee haben.“ Also
ist die Substanz als solche idealistisch gedacht. Dagegen haben wir
vom „Geiste“ „eine ebenso klare Idee wie vom Körper“. Mit demselben
Recht, mit dem wir dem Körper Realität zuschreiben, können wir auch die
Realität des Geistes behaupten. Der Geist scheint fast substantiell
gedacht zu sein, denn es wird ihm Bewegungsfähigkeit zugeschrieben. Es
heißt: „Denn da meine Seele, so gut wie mein Körper, ein reales Wesen
ist, so ist sie gewiß ebensogut wie der Körper imstande, ihren Abstand
von einem anderen Körper oder Wesen zu verändern, und also der Bewegung
fähig.“
Von ~David Hume~ (bei Edinburg 1711 geboren, 1776 gestorben), der
als der bedeutendste Philosoph Englands anerkannt wird, haben wir
in anderem Zusammenhange bereits gesprochen (S. 358). Hier kommt
es auf seinen ~Empirismus~ und ~Sensualismus~ an. Er geht insofern
nicht so weit wie Locke, als er Begriffe auch a priori anerkennt.
Sein für uns in Betracht kommendes Hauptwerk ist „Enquiry concerning
human understanding“ (ich zitiere nach der deutschen Ausgabe der
Philosophischen Bibliothek). Für Humes Anschauungen von Wichtigkeit
ist seine Unterscheidung zwischen Eindrücken und Gedanken oder
Vorstellungen. Eindrücke (impressions) sind „alle unsere lebhafteren
Auffassungen, wenn wir hören, sehen, tasten, drücken, wünschen,
wollen.“ ~Gedanken~ oder ~Vorstellungen~ (ideas, perceptions) sind die
weniger lebhaften Auffassungen, „deren wir uns bewußt werden, wenn
wir uns auf eine jener oben erwähnten Wahrnehmungen oder Regungen
besinnen“. Vorstellungen sind also immer „einem gleichartigen
Eindruck nachgebildet“. Es gibt Ausnahmen von dieser Regel, indem
die Einbildung Vorstellungen in einer Reihe von Vorstellungen auch
ohne voraufgegangenen Eindruck aus benachbarten Vorstellungen zu
ergänzen vermag, zum Beispiel eine besondere, nie gesehene Farbe in
einer Farbenskala, wo sie fehlt. Hume führt diesen Fall selbst an;
aber er legt diesen Ausnahmen kein Gewicht bei, vielleicht weil die
Ergänzung lediglich eine Mittelung aus den einschließenden bekannten
Vorstellungen ist. Versteht man nun unter angeboren das, „was
ursprünglich, das heißt von keiner vorangegangenen Auffassung das
Abbild ist, dann können wir wohl behaupten, daß alle unsere Eindrücke
angeboren und unsere Vorstellungen nicht angeboren sind“. Wir würden
uns im Kreise bewegen, wenn wir nicht umgekehrt sagen wollten: Es
gibt Seelentätigkeiten, die angeboren sind, wie die Wahrnehmungen,
der Wunsch, der Wille (Humes Ausdrucksweise ist zu unbestimmt, um
die Reihe in seinem Sinne selbst fortsetzen zu können), diese nennen
wir Eindrücke; und es gibt weiter Tätigkeiten, die nicht angeboren,
sondern Abbilder jener Tätigkeiten sind, diese heißen Gedanken oder
Vorstellungen. Hume legt aber auf die Unterscheidung zwischen angeboren
und nichtangeboren anscheinend gar keinen Wert. Wie Eindrücke die
Grundlage der Vorstellungen sind, so können sie ihrerseits wieder
Eindrücke hervorrufen, diese wieder Vorstellungen veranlassen usf.
Aus den Eindrücken folgen die Tatsachen. Alle Denkakte, die Tatsachen
betreffen, „scheinen sich auf die Beziehung von Ursache und Wirkung
zu gründen“. Aber Hume sagt: „Ich wage es, als einen ausnahmlosen
Satz hinzustellen, daß die Kenntnis dieser Beziehung in keinem Falle
durch Denkakte a priori gewonnen wird; sondern daß sie ganz und gar
aus der Erfahrung stammt, indem wir finden, daß gewisse Gegenstände
beständig in Zusammenhang stehen.“ Die Beispiele, die Hume wählt --
ein Mann, dem ein gänzlich fremder Gegenstand vorgelegt wird, würde
nicht imstande sein, trotz genauester Prüfung, „irgendwelche von seinen
Ursachen oder Wirkungen zu entdecken“. Adam hätte „aus der Flüssigkeit
und Durchsichtigkeit des Wassers nicht herleiten können, daß es ihn
ersticken, noch aus der Helligkeit und Wärme des Feuers, daß es ihn
verzehren würde“ -- zeigen aber deutlich, daß es sich für Hume nicht
um den Ursächlichkeitsbegriff handelte, sondern allein um objektive
Ursache und Wirkung. Seine Behauptungen enthalten also keineswegs eine
Ableugnung des Kausalitätsbegriffes, sondern nur der Möglichkeit,
~besondere~ Ursachen und Wirkungen allein aus der Vernunft zu erkennen.
Und darin muß jeder beistimmen. Die Kausalität außer der Erfahrung sagt
ja nicht, das und das ~wird~ aus ~dem~ und ~dem~ geschehen, sondern:
was geschieht, geschah und geschehen wird, ist eine Folge von irgend
etwas; wir sehen alles als Folge von etwas an; nicht, wir erwarten
Dieses als Folge von Jenem. Letzteres kann selbstverständlich nur durch
Erfahrung gerechtfertigt werden. Ja, man muß Hume beipflichten, wenn
er weiter meint, wir hätten auch aus der Erfahrung noch kein Recht,
aus bestimmten Ursachen auf bestimmte Wirkungen zu schließen, selbst
wenn wir so und so oft die Wirkungen haben eintreten sehen. „Vergeblich
behauptet man, die Natur der Körper aus vergangener Erfahrung kennen
gelernt zu haben. Ihre verborgene Natur und alle ihre Wirkungen können
wechseln, ohne jeden Wechsel in ihren sinnlichen Eigenschaften“. Und
er sagt ferner: „Diese Verknüpfung also (daß wir in einer Reihe von
Fällen Ereignisse stets im Zusammenhange sehen), die wir im Geist
~empfinden~, dieser gewohnheitsmäßige Übergang von einem Gegenstand
zu seinem üblichen Begleiter, ist das Gefühl oder der Eindruck,
nach dem wir die Vorstellung von Kraft oder notwendiger Verknüpfung
bilden. Weiter steckt nichts dahinter“. Gleichwohl glaube ich, daß
diejenigen zu weit gehen, welche Hume den Ursächlichkeitsbegriff
als solchen ablehnen lassen; von diesem Begriff ist bei ihm, wie
bemerkt, gar keine Rede; er lehnt nur ab, daß wir je ohne Erfahrung
Verknüpfung zwischen Erscheinungen ermitteln können, und daß wir je,
wo wir Verknüpfungen festgestellt haben, mit Gewißheit sie auch für
nicht festgestellte Fälle in der Vergangenheit oder für die Zukunft
behaupten können. Deshalb wird Ursache auch noch anders definiert,
als ein „Gegenstand, dem ein anderer folgt, und dessen Erscheinen
stets das ~Denken~ zu jenem anderen führt“. Somit ist das Verhältnis
zwischen Ursache und Wirkung entweder reine Tatsachenbehauptung --
auf diese Schwingung folgt dieser Ton, und allen gleichgearteten
Schwingungen sind gleichgeartete Töne gefolgt -- oder eine Denkfolge
-- auf diese Schwingung folgt dieser Ton, beim Erscheinen dieser
Schwingung greift der Geist vor und bildet die Vorstellung des Tones
--. Außer diesen beiden Gesichtspunkten, meint Hume, haben wir
für die Beziehung von Ursache und Wirkung keine Vorstellung. Der
erste Gesichtspunkt geht auf unmittelbar Erfahrenes, der zweite auf
Erwartetes. Letzterer betrifft selbst nach Hume einen geistigen Akt.
Die beiden Gesichtspunkte sollen in gleicher Weise auch für psychische
Erscheinungen gelten. Eine Art ~gewohnheitsmäßiges~ Schließen des
Geistes sei es, das beide Fälle umfaßt. Von denselben Gesichtspunkten
aus ist, was Hume über das „Wunder“ sagt, höchst interessant und
bedeutend. Die Vernunft spricht hier gar nicht mit, sondern nur der
Glaube. Er nennt die Leute gefährliche Freunde oder versteckte Feinde,
die es unternommen haben und unternehmen, die christliche Religion
mit den Prinzipien der menschlichen Vernunft zu verteidigen. „Unsere
allerheiligste Religion gründet sich auf Glauben, nicht auf Vernunft.“
Die gleiche Ruhe des Denkens trägt die Untersuchungen über Vorsehung
und zukünftiges Dasein. Beides wird in das Gebiet des Glaubens
verwiesen. Vernünftigerweise haben wir kein Recht, sie zu behaupten.
Bei der Vorsehung, die die Weltordnung umfaßt, sind es nur Tatsachen,
die wir vor uns haben, und die zurück auf eine allgemeine Ursache zu
führen wir durch nichts rechtfertigen können. Zu der Annahme eines
Jenseits veranlassen uns gleichfalls nur Tatsachen, daß nämlich vieles
nicht genügend belohnt oder bestraft wird, sogar Gutes bestraft,
Übles belohnt sich findet. „Daher all die fruchtlosen Bemühungen,
Rechenschaft über die Erscheinungen des Übels in der Natur zu geben
und die Ehre der Götter zu retten (Hume läßt einen Athener sprechen),
während wir doch die Tatsache des Bösen und des Wirrens, woran die
Welt so überreich ist, anerkennen müssen.“ Außer ~Ursache und Wirkung~
haben wir als Vorstellungsverknüpfungen noch ~Ähnlichkeit~ (und
~Kontrast~) und ~Berührung in Zeit oder Raum~. Es sind dieses die drei
~Assoziationsprinzipe~.
Die ganze Anschauung ist eine ~Tatsachen~anschauung, sowohl in bezug
auf das äußere wie auf das innere Leben, ein ~Positivismus~. Der
reinen Vernunft wird fast nichts eingeräumt. Alles ist eine Häufung
von äußeren assoziierten Erscheinungen und inneren assoziierten
Erscheinungen. Wie für die äußeren Tatsachen keine allgemeine Ursache
behauptet wird, so für die inneren keine allgemeine Seele. Von dieser
subjektlosen Psychologie habe ich bereits gesprochen (S. 359, 400). Nur
eine Art „Ich“ wird anerkannt und die Welt so gesetzt, wie sie sich
bietet. Sensualistisch ist diese Anschauung, weil alle Vorstellungen
durchaus nicht ohne Eindrücke sein sollen. Freilich werden zu diesen
Eindrücken auch psychische gerechnet, so daß der Sensualismus in der
Tat kein vollständiger ist, sondern mit Idealismus sich überdeckt.