Spinozas System hat wegen seiner unerbittlichen Strenge und Konsequenz,
wie bemerkt, der Menschheit lange widerstrebt. Es ist wohl auch
nicht immer recht verstanden worden. Daß aber große Geister zu ihm
neigten, sehen wir an ~Goethes~ Beispiel, der schon früh sich mit
ihm beschäftigte. Lavater erzählt (Gespräche Goethes, Bd. I, S. 75)
vom 28. Juni 1774, wie eifrig Goethe ihn von Spinoza und Spinozismus
unterhalten und wie bedeutend er von ihm gesprochen habe. Später hat
Goethe dem Spinozismus mehr und mehr seine interessierte Aufmerksamkeit
geschenkt, so daß er sogar als Spinozist bezeichnet worden ist. In
der neuesten Zeit hat der Spinozismus großen Zuzug aus den Kreisen
namentlich der Naturforscher und seltsamerweise auch aus den Kreisen
der Materialisten unter ihnen erfahren. Ich kann hier nur auf einiges
eingehen, da Entscheidendes dem letzten Kapitel vorbehalten bleiben
muß. Schon von Schleiermacher habe ich erwähnt, daß er in wesentlichen
Anschauungen Spinozist gewesen ist. Der Neuspinozismus aber knüpft sich
vor allem an die Namen Fechner, Wundt und Häckel. Zuerst jedoch ein
~spiritualistischer Spinozist~.
~Lotze~ (1817 in Bautzen geboren, gestorben in Berlin 1881) ist, als
Naturforscher und Mediziner, Atomistiker und Physiker, jedoch nur,
soweit es sich um die Körper, auch unseren Körper, und die Vorgänge
zwischen und in ihnen handelt. Die Seele ist aber vom Körper
durchaus verschieden, obzwar Körper und Seele aufeinanderwirken.
Letzteres müßte unverständlich bleiben, wenn die Dinge nicht Modi
einer ~Allsubstanz~, eines ~Weltgeistes~ wären. Dessen Verhalten
zu den Dingen entspricht unserem Verhalten zu unseren inneren
Tätigkeiten; es ist also immanent, Eigenheit des Weltgeistes. Der
Weltgeist ist in sich folgerichtig, und dieses bedeutet in der Welt
der Erscheinungen die Ordnung. So ist die Einheit der Dinge trotz
der Vielheit ihrer Eigenschaften in dem ~Gesetz~ begründet. Das wäre
alles allenfalls noch Spinozistisch. Spinozistisch ist auch noch die
Korrespondenz der Zustände und Änderungen in den Dingen an Stelle der
Abhängigkeiten, denn sie erinnert an Spinozas Parallelismus, zumal auch
alle einheitlichen Dinge als Seelen oder Geister aufgefaßt werden.
Abweichend wird jedoch einerseits der Weltgeist, Gott, über die Dinge
erhoben, und andererseits werden die Dinge mehr verselbständigt. So
geht der straffe Monismus Spinozas fast in einen theistisch-deistischen
Dualismus über. Und indem noch Leibniz’ Monadenlehre Verwendung findet,
haben wir mehr einen geistvollen Eklektizismus von Materialismus,
Spinozismus, Cartesianismus und Monadenlehre als ein einheitliches
festes System. Aber alles ist innig und fein verarbeitet. Das zeigt
sich namentlich darin, daß die Monaden einerseits mehr physikalisch
aufgefaßt werden mit wirklichen Wechselwirkungen zwischen ihnen, die
bei den Leibnizschen Monaden als wirklich nicht vorhanden sind, auch
nicht bei Spinozas Modi, andererseits sie in Spinozas Art als Modi
der Allsubstanz betrachtet werden, so daß sie nach drei Richtungen
strahlen würden. In jeder Monade sind beide Attribute der Allsubstanz
zu erkennen. Die Seele ist nur eine Monas, der Körper besteht aus
vielen Monaden. Aus der teilweisen Unabhängigkeit der Monaden von der
Allsubstanz -- wie diese Unabhängigkeit entsteht, soll eine nicht zu
beantwortende Frage sein -- ergibt sich eine gewisse Freiheit des
Willens und damit eine freiere Ethik, die in Verbindung mit einer
Zwecklichkeit der Welt den ~teleologischen Idealismus~ bildet. Die
Einheit wird dadurch gegeben, daß alles sich auf die Ethik beziehen
soll, selbst Logik und Metaphysik. Darin spricht sich der Zug der
modernen Zeit aus.
~G. Th. Fechner~ (1801-1887) ist Naturforscher, induktiver Idealist,
Spinozist und Mystiker in einer Person. Mit dem als Astrophysiker
so bedeutenden ~Zöllner~ hat er eine Zeitlang auch dem Spiritismus
gehuldigt. Das tut nichts. Er war ein hervorragender Forscher und
hat die Wissenschaft der ~Psychophysik~ begründet und mit einem
berühmt gewordenen Gesetz bereichert. Seele und Körper sind Formen
einer Substanz, eines Realen. Er führt aber diesen Spinozismus in das
Kant-Schopenhauersche Transzendentale. Die Welt ist für uns nicht die
Modi selbst, sondern die ~Erscheinungen~ dieser in unserem Bewußtsein.
Spinoza hatte schon zwischen Essenzen und Existenzen unterschieden. Die
letzteren wären die Erscheinungen. Gleichwohl ist die Welt nicht etwa
ein Traumbild, ein Phantom, sondern eine Wirklichkeit, wenn auch eine
transzendente. Das wird erwiesen durch die in unserem Bewußtsein von
der Welt vorhandene Ordnung und Gesetzmäßigkeit. Ordnung und Gesetz
sind das Wesen der Erscheinungen. Das Bewußtsein davon ist das höhere
Bewußtsein, die Vernunft. Und da wir in Spinozas Sinn Existenzweisen
Gottes sind, so ist Gott das höchste Wesen, dessen Bewußtsein alle
Erscheinungen und alle Zusammenhänge umfaßt. In der von Fechner
verfolgten Wechselbeziehung von Körper und Seele, die auch ~Wilhelm
Wundt~ (S. 399) lehrt, sehen manche einen Widerspruch gegen Spinozas
System. Das ist nicht der Fall, da ja eine solche Wechselbeziehung als
Parallelsein von Körper und Seele gerade nach Spinozas Anschauung, eben
der ~psychophysische Parallelismus~, unvermeidlich ist. Es ist nur
ein Streit um Worte, wenn man Wechselbeziehung von Parallelbeziehung
unterscheiden und trennen will. Ist jene so unveränderlich wie diese,
so gelten beide gleich viel. Spinozas Theorie hat ja gerade darin ihren
Vorzug, daß wirkliche Beziehungen zwischen zwei absolut verschiedenen
Attributen nicht angenommen werden, sondern Parallelbeziehungen, aus
der Zugehörigkeit der Attribute zu dem All-Einen. Fechner freilich
bezeichnet seine Lehre wegen dieser Wechselbeziehungen auch als
materialistisch. Überdem soll nicht nur kein Geist ohne Körper
sein, sondern auch kein Gott ohne Welt, ein Gedanke, dem wir schon
öfter begegnet sind. Sein Mystizismus drückt sich in der Annahme
von Wesen höher als der Mensch aus, von Geistern. Solche sollten
zum Teil mit den Weltkörpern Wesen bilden, oder noch höher, mit den
Weltsystemen. Die Erde als großes Tier hat auch der französische
Astronom Flammarion angesehen. Man bemerkt aber, daß man so zuletzt
überhaupt die Welt als Ganzes, wie ein Lebewesen betrachten würde,
mit untergeordneten Weltsystemen, Welten usf. als Einzel-Lebewesen,
die die Welt zusammensetzen, wie ja die organischen Wesen in der
Tat aus Lebewesen, sichtlich oder verborgen, aufgebaut sind. Diese
Konsequenz hat, auf die Erde, auch Fechner gezogen; und weiter, daß
immer die umfassendere Seele von den eingeschlossenen Seelen weiß,
während sich ausschließende Seelen voneinander ohne Wissen sind. Die
Bedeutung einer Seele aber richtet sich nicht nach dem Umfang, und
so bleibt die Menschenseele auf ihrer Höhe auch den umfangreicheren
Seelen gegenüber. Denn entscheidend ist die Größe des Bewußtseins, im
Leibnizschen Sinne: ihre Deutlichkeit, und diese braucht mit dem Umfang
nicht zusammenzuhängen. Es kommt hier die Lehre von der ~Schwelle~ des
Bewußtseins in Betracht, aus der eine Art ~Bewußtseinsleiter~, wie eine
Tonleiter aufgebaut wird. Fechner hat auch über die Pflanzenseele eine
Schrift: „Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen“ verfaßt, deren
Ideen sich gerade jetzt mehr und mehr Bahn brechen. Aber den kleinsten
Teilen der Materie, den Atomen, hat Fechner Leibniz’ Monadenleben doch
abgesprochen.
~Wilhelm Wundt~ (geb. 1832 zu Neckarau), der geistvolle Führer in
der Psychophysiologie, den wir schon genannt haben, steht, abgesehen
vom Mystizismus Fechners, ungefähr auf gleichem Boden. Er ist als
Physiolog und Psycholog sehr ins Einzelne gegangen und hat in allen
Seelenfunktionen nachzuweisen versucht, daß sie mit Körperfunktionen
zusammenhängen. Persönlich halte ich einen solchen Nachweis nur im
Gröbsten für möglich, und namentlich den Hauptnachweis, als Ursache
und Folge, überhaupt nicht für erbringbar, da in solchen transzendenten
Fragen die Zeit ausscheidet. Für die Erfahrung ist aber sehr viel
durch solche Untersuchungen gewonnen, und der Nachweis, daß Körper und
Geist als Erscheinungen in der Tat untrennbar sind, ist von höchster
Bedeutung. Wir kommen im letzten Kapitel noch darauf zu sprechen. Das
gesamte ~Leben~ sieht Wundt als nie rastendes inneres ~Geschehen~ an,
das kein ~Beharrendes~ besitzt. Zum Beharrenden glaubt er, kommen wir
lediglich durch Projektion der Außenwelt in unsere innere Welt; zum
~Bewußtsein~ wie für die Außenwelt zum Raum, indem wir für das aus
jener Projektion fälschlich gewonnene Beharrende einen Ort brauchen
und ihn uns einbilden, eben das Bewußtsein. An sich drückt Bewußtsein
nichts aus, als daß wir ein inneres Leben führen, und es ist nicht
von den anderen inneren Erscheinungen des Lebens verschieden. Kaum
daß der Wille herausgehoben wird. Offenbar kann ebenso auf das ganze
Gebiet dessen, was auf S. 222 f. als regulative oder kategorische
Seele bezeichnet ist, geschlossen werden. Eine solche Seele wäre also
nicht ein Besonderes, und wir hätten eine ~assoziative Psychologie~
(S. 359). Die Verneinung alles Beharrenden ist heraklitisch. Ich
weiß aber nicht, wie sie sich für das innere Leben soll durchführen
lassen, ohne dieses in ein völliges Schattenspiel aufzulösen, denn
mit der Verneinung des Bewußtseins als eines Beharrenden -- ich
glaube eines Organs für die innere Welt, wie die Sinnesorgane für
die äußere -- ist auch die Verneinung der Individualität gegeben,
damit auch die Verneinung der Anschauungsformen. Und so wäre auch
die Welt zu verneinen. Dann bliebe nur noch die indische Maja. Wir
haben auch davon noch zu sprechen. Gleichwohl wird die Welt als eine
Totalität aufgefaßt, nämlich als Ganzheit der Willenstätigkeiten.
Diesen entsprechen die Vorstellungstätigkeiten und ordnen sich
nach ihnen. Der Gedanke ist spinozistisch mit genauerer Angabe der
Attribute. Allein die ~Gottesidee~ scheint gesondert behandelt zu
sein. Von Bedeutung ist noch Wundts Unterscheidung zwischen einer
~quantitativen Transzendenz~, wie wenn der Umfang eines Gegenstandes
oder einer Vorstellung über die Grenzen hinaus erweitert wird, und
der ~qualitativen Transzendenz~, wenn das Hinausgehen zu überhaupt
Verschiedenem erfolgt. In allen metaphysischen Problemen haben wir
es mit beiden Transzendenzen zu tun. Offenbar hängen sie mit den
Attributen zusammen. Die große Bedeutung Wundts als Ordner der
philosophischen Wissenschaften habe ich nur zu erwähnen. Zu den
Neu-Spinozisten ist wohl auch A. ~Riehl~ (geb. 1844) zu rechnen, jedoch
mit einer starken Neigung zum Transzendental-Idealistischen, da er die
„gemeinsame Quelle von Natur und Verstand“ für transzendent erklärt
und außerdem die psychische Welt durchaus von der physischen scheidet.
Aber der Parallelismus vermittelt ihm einen „philosophischen Monismus“.
Ähnlich verhält es sich mit dem freundlichen ~Adolf Lasson~ (geb.
1832). Über ~Häckels~ Spinozismus kann ich nur im Zusammenhange mit dem
Energismus reden.