~Baruch~ (~Benedikt~) ~Spinoza~ ist 1632 in Amsterdam geboren und 1677
im Haag gestorben. Er ist Sohn eines portugiesisch (oder spanisch,
aus Espinoza stammend?) -jüdischen Mannes und gehört zu den nicht
vielen, von denen Eugen Dühring in seiner zwar sehr scharfsinnigen,
aber mitunter überscharfen Geschichte der Philosophie mit hoher Achtung
auch vor dem Menschen spricht. Das für uns in Betracht kommende
Hauptwerk (ich benutze die Ausgabe von Berthold Auerbach) Spinozas ist
die „Ethik“; sie ist nach seinem Tode von seinem Lebensfreunde, dem
Arzt Ludwig Meyer, herausgegeben und enthält eine Darstellung seines
Systems in völlig mathematischer Form. Sie beginnt mit Definitionen der
wichtigsten Begriffe. ~Ursache seiner selbst~ ist das, dessen Wesen
das Dasein in sich schließt, oder das, dessen Natur nicht anders als
daseiend begriffen werden kann. ~Substanz~ ist, was in sich ist und
aus sich begriffen wird, das also keines anderen bedarf, um daraus
gebildet zu werden. ~Attribut~ ist, was der Verstand von der Substanz
als ihr Wesen ausmachend erkennt. Modi sind die Affektionen der
Substanz, oder das was in einem Anderen ist, wodurch man dieses Andere
auch begreift. ~Gott~ ist das schlechthin unendlich Seiende, „das heißt
die Substanz, die aus ~unendlichen~ Attributen besteht, von denen
jedes ein ~ewiges~ und ~unendliches Wesen~ ausdrückt.“ Das sind die
fünf Hauptbegriffe des Spinozaschen Systems. Was ~unendlich~ ist, wird
negativ durch das, was endlich ist, festgestellt: dasjenige heißt in
seiner ~Art endlich~, was durch ein anderes von gleicher Natur begrenzt
werden kann. ~Ewigkeit~ ist das Dasein selbst, sofern es allein aus
der Definition des ewigen Dinges begriffen wird. Die Attribute Gottes
sind hiernach durch nichts begrenzt, und ewig aus dem Sein Gottes.
~Frei~ ist ein Ding, wenn es allein aus der Notwendigkeit seiner Natur
da ist, und allein von sich zum Handeln bestimmt wird; ~unfrei~,
was von einem anderen zu sein, oder in bestimmter Weise zu sein und
zu wirken gezwungen ist. Nach den Definitionen folgen Axiome; eines
enthält den Satz der Kausalität: Eine bestimmte ~Ursache~ hat notwendig
eine ~Wirkung~, eine Wirkung ohne Ursache kann nicht erfolgen. Die
Erkenntnis der Wirkung schließt die Erkenntnis der Ursache in sich.
Von den Sätzen müssen wir gleichfalls einige anführen. Dinge, die
nichts miteinander gemein haben, können nicht gegenseitige Ursache
sein. Eduard v. Hartmann, wenn er diesen so klaren Satz beachtet hätte,
wäre nie zu seiner so inkonsequenten Weltendetheorie gekommen. Zu der
Natur einer Substanz gehört notwendig das Dasein und die Unendlichkeit
(Nicht-Begrenztheit durch ein anderes gleicher Natur). Attribute einer
Substanz können nur aus sich begriffen werden.
~Gott ist notwendig da. Außer Gott kann es keine Substanz geben und
läßt sich keine begreifen. Alles was ist, ist in Gott, und nichts
kann ohne Gott sein oder begriffen werden. Gott ist absolut frei,
handelt nur aus den Gesetzen seiner Natur. Gottes Dasein, Gottes Macht
und Gottes Wesenheit sind ein und dasselbe, Gott ist nicht nur die
wirkende Ursache des Daseins, sondern auch der Wesenheit der Dinge. Die
Welt ist notwendig so wie sie ist, kein Ding ist frei, nichts in der
Welt geschieht frei, noch zufällig. Alles ist aus der Notwendigkeit
der göttlichen Natur bestimmt, auf gewisse Weise da zu sein und zu
wirken. Die Dinge sind die Modi, Existenzweisen Gottes, nach zwei
Attributen: Ausdehnung (Körperlichkeit) und Vorstellung (Geist), die
ihre formale Wesenheit sind.~ Diese gesperrt gedruckten Sätze enthalten
das gewaltige, so konsequente und darum in seiner Starrheit fast
unheimliche System Spinozas. Es ist, wie der Leser sieht, in der Tat
pantheistisch; ein jedes Ding wird nur begriffen aus den Attributen
Gottes, und bedeutet nur eine Existenzweise Gottes. Dabei handelt es
sich um ein Zwangsystem; daß nichts anders ist als es sein muß, nichts
anders wirkt als es wirken muß; und die Kette der Ursachen wird ins
Unendliche geführt. Ein Zweck findet in der Welt nicht statt. ~Die
Ordnung und Verknüpfung der Vorstellungen ist dieselbe wie die Ordnung
und Verknüpfung der Dinge.~ Aus diesem wichtigen Satz ergibt sich
die ~Parallelität zwischen Körper und Geist~. Es ist an sich kein
Zusammenhang zwischen den beiden formalen Wesenheiten der Welt und
des Menschen vorhanden, außer daß die entsprechenden Attribute, deren
Existenzweisen die Dinge sind, Attribute Gottes, der einen und einzigen
Substanz, sind. Weil sie aber dieser einen Wesenheit angehören, können
sie nur in paralleler Art Existenzweisen sein. ~Und so sind Körper
und Geist parallele Erscheinungen und wirken parallel.~ Dieses ist so
streng ausgedrückt, daß sogar gesagt wird: „Der Körper kann den Geist
nicht zum Denken, noch der Geist den Körper zur Bewegung oder Ruhe,
noch zu etwas anderem bestimmen“. Nur die Parallelität zeigt Körper
und Geist als in Abhängigkeit voneinander. An sich ist der Geist nur
Geist, der Körper nur Körper. Aber vermöge der Parallelität und der
Zugehörigkeit der Attribute zu dem Einen, sind im Geiste adäquate
Vorstellungen von dem Körper und der Körperwelt vorhanden. Darum
konnte Spinoza auch behaupten: der Gegenstand der Vorstellung, welche
den menschlichen Geist ausmacht, ist der Körper, oder ein gewisser, in
der Wirklichkeit vorhandener Modus der Ausdehnung. Und darum konnte
er weiter feststellen, daß alles wirklich da ist, insbesondere auch
unser Körper da ist, wie wir ihn wahrnehmen. Hier berührt sich Spinozas
Philosophie mit der der ~Positivisten~, der ~Wirklichkeitsphilosophen~.
Und wenn Spinoza weiter folgert: Der menschliche Geist faßt einen
äußeren Körper nur durch die Vorstellungen der Affektionen seines
Körpers als wirklich daseiend auf, so haben wir einen Hauptsatz der
~Sensualisten~ vor uns. Auch das ~Transzendentale~ finden wir in
diesem System, sofern die Vorstellungen in Gott der Existenzweisen
als ~Essenzen~ (essentia) von den tatsächlichen Existenzweisen als
~Existenzen~ (existentia) und damit ~Ideal~dinge von ~Real~dingen
getrennt werden. Die Dinge unterscheiden sich in der formalen Wesenheit
gar nicht voneinander, sondern nur in ihren Existenzweisen. So ist
also der Geist überall wie der menschliche, der Körper überall wie der
menschliche; nur die Weise, wie beide die Dinge ausmachen, ist von Ding
zu Ding abweichend. ~Also ist die Welt an sich durchaus einheitlich.~
Spinozas System ist hiernach ein ~Monismus~. Es werden zwar Körper und
Geist unterschieden und sogar absolut auseinandergehalten; sie sind
jedoch Parallel-Existenzweisen des gleichen einen Urwesens, um so zu
sprechen, nach absoluten Gesetzen, so daß sie durchaus wie eine Einheit
bilden, und ihre formalen Wesenheiten fließen aus den Attributen des
gleichen einen Urwesens. Auch ist der Mensch nur ein Teil der Natur und
leidet auch als ein solcher, und lebt und stirbt als ein solcher. Nur
aus sich heraus sich zu verändern, ist ihm nicht gegeben, da er ja bloß
eine Existenz~weise~ bedeutet.
Spinozas System ist die einleitende Begründung zu seinem eigentlichen
Thema, eben der Ethik. Von dieser zu sprechen, ist nicht unsere
Aufgabe. Sie ist viel angegriffen und viel geschmäht worden, wegen
des kühlen Verstandes, der in ihrer Auffassung herrscht. In seinem
stillen Kämmerlein wird aber kaum jemand umhin können, zu gestehen,
daß sie das enthält, was eine von Phrasen und leeren Einbildungen freie
Menschenethik enthalten muß. Eher kann man ihr den Vorwurf machen,
daß sie dem System selbst nicht immer folgt und aus dem Pantheismus
zuweilen in einen Deismus übergeht. Wer hat in solchen Dingen je ganz
konsequent gedacht? Für uns von Bedeutung ist, daß Spinoza auch die
Unsterblichkeit lehrt. Er sagt: „Der menschliche Geist kann mit dem
Körper (d. h. mit dem Leben des Körpers) nicht gänzlich vernichtet
werden, sondern es bleibt etwas von ihm übrig, das ewig ist“.
Dieses folgt schon daraus, daß eben der Geist, wenn auch nur eine
Existenzweise, doch jedenfalls in einem Attribut, in einer Vorstellung
Gottes enthalten ist. Und es gilt selbstverständlich ebenso für den
Körper. Weil aber der Geist im Dasein eben nur eine Existenzweise ist,
kann er sich dessen, was er vorher gewesen, nicht erinnern können. „Die
Vorstellung,“ sagt Spinoza, „welche die Wesenheit des Körpers unter
der Form der Ewigkeit ausdrückt, ist ein gewisser Modus des Denkens,
der zum Wesen des Geistes gehört und notwendig ewig ist. Demnach ist
es unmöglich, daß wir uns erinnern, vor dem Körper dagewesen zu sein,
da es ja in dem Körper keine Spuren davon geben, noch die Ewigkeit
durch die Zeit definiert werden oder irgendeine Beziehung auf die Zeit
haben kann“. Das hebt die ~persönliche~ Unsterblichkeit auf. Aber
„nichtsdestoweniger denken und erfahren wir, daß der Geist ewig ist.
Denn der Geist bemerkt diejenigen Dinge, die er durch den Verstand
begreift, nicht minder als diejenigen, die er im Gedächtnis hat. Denn
die Augen des Geistes, womit er die Dinge sieht und beobachtet, sind
eben die Beweise. Wenn wir uns daher auch nicht erinnern, vor dem
Körper dagewesen zu sein, so bemerken wir doch, daß unser Geist ewig
ist, insofern er die Wesenheit des Körpers unter der Form der Ewigkeit
enthält, und daß dieses sein Dasein (des Körpers) nicht durch die Zeit
definiert oder durch Dauer erklärt werden könne“. Es ist nicht leicht,
sich in diesen Gedankengang hineinzufinden. Er soll aber wohl besagen,
daß, weil wir den Begriff der Ewigkeit der Materie als zu ihrem Wesen
gehörig in uns haben, auch die Ewigkeit des Geistes gewährleistet ist,
wohl aus dem Parallelverhalten der zwei in Einem zusammenlaufenden
Attribute in den Existenzweisen. Die Ethik faßt auch Gott persönlicher
auf, als dem System entspricht. Sie hat jedoch aus den Grundlagen
recht, wenn sie alle Erkenntnis auf die Erkenntnis Gottes richtet und
diese Erkenntnis als wahr ansieht. Wir sind ja Existenzweisen Gottes,
die Seele ist eine begrenzte Weise des allgemeinen Denkens als Attribut
Gottes.