46. ~Spinoza und der Pantheismus.~

~Baruch~ (~Benedikt~) ~Spinoza~ ist 1632 in Amsterdam geboren und 1677

im Haag gestorben. Er ist Sohn eines portugiesisch (oder spanisch,

aus Espinoza stammend?) -jüdischen Mannes und gehört zu den nicht

vielen, von denen Eugen Dühring in seiner zwar sehr scharfsinnigen,

aber mitunter überscharfen Geschichte der Philosophie mit hoher Achtung

auch vor dem Menschen spricht. Das für uns in Betracht kommende

Hauptwerk (ich benutze die Ausgabe von Berthold Auerbach) Spinozas ist

die „Ethik“; sie ist nach seinem Tode von seinem Lebensfreunde, dem

Arzt Ludwig Meyer, herausgegeben und enthält eine Darstellung seines

Systems in völlig mathematischer Form. Sie beginnt mit Definitionen der

wichtigsten Begriffe. ~Ursache seiner selbst~ ist das, dessen Wesen

das Dasein in sich schließt, oder das, dessen Natur nicht anders als

daseiend begriffen werden kann. ~Substanz~ ist, was in sich ist und

aus sich begriffen wird, das also keines anderen bedarf, um daraus

gebildet zu werden. ~Attribut~ ist, was der Verstand von der Substanz

als ihr Wesen ausmachend erkennt. Modi sind die Affektionen der

Substanz, oder das was in einem Anderen ist, wodurch man dieses Andere

auch begreift. ~Gott~ ist das schlechthin unendlich Seiende, „das heißt

die Substanz, die aus ~unendlichen~ Attributen besteht, von denen

jedes ein ~ewiges~ und ~unendliches Wesen~ ausdrückt.“ Das sind die

fünf Hauptbegriffe des Spinozaschen Systems. Was ~unendlich~ ist, wird

negativ durch das, was endlich ist, festgestellt: dasjenige heißt in

seiner ~Art endlich~, was durch ein anderes von gleicher Natur begrenzt

werden kann. ~Ewigkeit~ ist das Dasein selbst, sofern es allein aus

der Definition des ewigen Dinges begriffen wird. Die Attribute Gottes

sind hiernach durch nichts begrenzt, und ewig aus dem Sein Gottes.

~Frei~ ist ein Ding, wenn es allein aus der Notwendigkeit seiner Natur

da ist, und allein von sich zum Handeln bestimmt wird; ~unfrei~,

was von einem anderen zu sein, oder in bestimmter Weise zu sein und

zu wirken gezwungen ist. Nach den Definitionen folgen Axiome; eines

enthält den Satz der Kausalität: Eine bestimmte ~Ursache~ hat notwendig

eine ~Wirkung~, eine Wirkung ohne Ursache kann nicht erfolgen. Die

Erkenntnis der Wirkung schließt die Erkenntnis der Ursache in sich.

Von den Sätzen müssen wir gleichfalls einige anführen. Dinge, die

nichts miteinander gemein haben, können nicht gegenseitige Ursache

sein. Eduard v. Hartmann, wenn er diesen so klaren Satz beachtet hätte,

wäre nie zu seiner so inkonsequenten Weltendetheorie gekommen. Zu der

Natur einer Substanz gehört notwendig das Dasein und die Unendlichkeit

(Nicht-Begrenztheit durch ein anderes gleicher Natur). Attribute einer

Substanz können nur aus sich begriffen werden.

~Gott ist notwendig da. Außer Gott kann es keine Substanz geben und

läßt sich keine begreifen. Alles was ist, ist in Gott, und nichts

kann ohne Gott sein oder begriffen werden. Gott ist absolut frei,

handelt nur aus den Gesetzen seiner Natur. Gottes Dasein, Gottes Macht

und Gottes Wesenheit sind ein und dasselbe, Gott ist nicht nur die

wirkende Ursache des Daseins, sondern auch der Wesenheit der Dinge. Die

Welt ist notwendig so wie sie ist, kein Ding ist frei, nichts in der

Welt geschieht frei, noch zufällig. Alles ist aus der Notwendigkeit

der göttlichen Natur bestimmt, auf gewisse Weise da zu sein und zu

wirken. Die Dinge sind die Modi, Existenzweisen Gottes, nach zwei

Attributen: Ausdehnung (Körperlichkeit) und Vorstellung (Geist), die

ihre formale Wesenheit sind.~ Diese gesperrt gedruckten Sätze enthalten

das gewaltige, so konsequente und darum in seiner Starrheit fast

unheimliche System Spinozas. Es ist, wie der Leser sieht, in der Tat

pantheistisch; ein jedes Ding wird nur begriffen aus den Attributen

Gottes, und bedeutet nur eine Existenzweise Gottes. Dabei handelt es

sich um ein Zwangsystem; daß nichts anders ist als es sein muß, nichts

anders wirkt als es wirken muß; und die Kette der Ursachen wird ins

Unendliche geführt. Ein Zweck findet in der Welt nicht statt. ~Die

Ordnung und Verknüpfung der Vorstellungen ist dieselbe wie die Ordnung

und Verknüpfung der Dinge.~ Aus diesem wichtigen Satz ergibt sich

die ~Parallelität zwischen Körper und Geist~. Es ist an sich kein

Zusammenhang zwischen den beiden formalen Wesenheiten der Welt und

des Menschen vorhanden, außer daß die entsprechenden Attribute, deren

Existenzweisen die Dinge sind, Attribute Gottes, der einen und einzigen

Substanz, sind. Weil sie aber dieser einen Wesenheit angehören, können

sie nur in paralleler Art Existenzweisen sein. ~Und so sind Körper

und Geist parallele Erscheinungen und wirken parallel.~ Dieses ist so

streng ausgedrückt, daß sogar gesagt wird: „Der Körper kann den Geist

nicht zum Denken, noch der Geist den Körper zur Bewegung oder Ruhe,

noch zu etwas anderem bestimmen“. Nur die Parallelität zeigt Körper

und Geist als in Abhängigkeit voneinander. An sich ist der Geist nur

Geist, der Körper nur Körper. Aber vermöge der Parallelität und der

Zugehörigkeit der Attribute zu dem Einen, sind im Geiste adäquate

Vorstellungen von dem Körper und der Körperwelt vorhanden. Darum

konnte Spinoza auch behaupten: der Gegenstand der Vorstellung, welche

den menschlichen Geist ausmacht, ist der Körper, oder ein gewisser, in

der Wirklichkeit vorhandener Modus der Ausdehnung. Und darum konnte

er weiter feststellen, daß alles wirklich da ist, insbesondere auch

unser Körper da ist, wie wir ihn wahrnehmen. Hier berührt sich Spinozas

Philosophie mit der der ~Positivisten~, der ~Wirklichkeitsphilosophen~.

Und wenn Spinoza weiter folgert: Der menschliche Geist faßt einen

äußeren Körper nur durch die Vorstellungen der Affektionen seines

Körpers als wirklich daseiend auf, so haben wir einen Hauptsatz der

~Sensualisten~ vor uns. Auch das ~Transzendentale~ finden wir in

diesem System, sofern die Vorstellungen in Gott der Existenzweisen

als ~Essenzen~ (essentia) von den tatsächlichen Existenzweisen als

~Existenzen~ (existentia) und damit ~Ideal~dinge von ~Real~dingen

getrennt werden. Die Dinge unterscheiden sich in der formalen Wesenheit

gar nicht voneinander, sondern nur in ihren Existenzweisen. So ist

also der Geist überall wie der menschliche, der Körper überall wie der

menschliche; nur die Weise, wie beide die Dinge ausmachen, ist von Ding

zu Ding abweichend. ~Also ist die Welt an sich durchaus einheitlich.~

Spinozas System ist hiernach ein ~Monismus~. Es werden zwar Körper und

Geist unterschieden und sogar absolut auseinandergehalten; sie sind

jedoch Parallel-Existenzweisen des gleichen einen Urwesens, um so zu

sprechen, nach absoluten Gesetzen, so daß sie durchaus wie eine Einheit

bilden, und ihre formalen Wesenheiten fließen aus den Attributen des

gleichen einen Urwesens. Auch ist der Mensch nur ein Teil der Natur und

leidet auch als ein solcher, und lebt und stirbt als ein solcher. Nur

aus sich heraus sich zu verändern, ist ihm nicht gegeben, da er ja bloß

eine Existenz~weise~ bedeutet.

Spinozas System ist die einleitende Begründung zu seinem eigentlichen

Thema, eben der Ethik. Von dieser zu sprechen, ist nicht unsere

Aufgabe. Sie ist viel angegriffen und viel geschmäht worden, wegen

des kühlen Verstandes, der in ihrer Auffassung herrscht. In seinem

stillen Kämmerlein wird aber kaum jemand umhin können, zu gestehen,

daß sie das enthält, was eine von Phrasen und leeren Einbildungen freie

Menschenethik enthalten muß. Eher kann man ihr den Vorwurf machen,

daß sie dem System selbst nicht immer folgt und aus dem Pantheismus

zuweilen in einen Deismus übergeht. Wer hat in solchen Dingen je ganz

konsequent gedacht? Für uns von Bedeutung ist, daß Spinoza auch die

Unsterblichkeit lehrt. Er sagt: „Der menschliche Geist kann mit dem

Körper (d. h. mit dem Leben des Körpers) nicht gänzlich vernichtet

werden, sondern es bleibt etwas von ihm übrig, das ewig ist“.

Dieses folgt schon daraus, daß eben der Geist, wenn auch nur eine

Existenzweise, doch jedenfalls in einem Attribut, in einer Vorstellung

Gottes enthalten ist. Und es gilt selbstverständlich ebenso für den

Körper. Weil aber der Geist im Dasein eben nur eine Existenzweise ist,

kann er sich dessen, was er vorher gewesen, nicht erinnern können. „Die

Vorstellung,“ sagt Spinoza, „welche die Wesenheit des Körpers unter

der Form der Ewigkeit ausdrückt, ist ein gewisser Modus des Denkens,

der zum Wesen des Geistes gehört und notwendig ewig ist. Demnach ist

es unmöglich, daß wir uns erinnern, vor dem Körper dagewesen zu sein,

da es ja in dem Körper keine Spuren davon geben, noch die Ewigkeit

durch die Zeit definiert werden oder irgendeine Beziehung auf die Zeit

haben kann“. Das hebt die ~persönliche~ Unsterblichkeit auf. Aber

„nichtsdestoweniger denken und erfahren wir, daß der Geist ewig ist.

Denn der Geist bemerkt diejenigen Dinge, die er durch den Verstand

begreift, nicht minder als diejenigen, die er im Gedächtnis hat. Denn

die Augen des Geistes, womit er die Dinge sieht und beobachtet, sind

eben die Beweise. Wenn wir uns daher auch nicht erinnern, vor dem

Körper dagewesen zu sein, so bemerken wir doch, daß unser Geist ewig

ist, insofern er die Wesenheit des Körpers unter der Form der Ewigkeit

enthält, und daß dieses sein Dasein (des Körpers) nicht durch die Zeit

definiert oder durch Dauer erklärt werden könne“. Es ist nicht leicht,

sich in diesen Gedankengang hineinzufinden. Er soll aber wohl besagen,

daß, weil wir den Begriff der Ewigkeit der Materie als zu ihrem Wesen

gehörig in uns haben, auch die Ewigkeit des Geistes gewährleistet ist,

wohl aus dem Parallelverhalten der zwei in Einem zusammenlaufenden

Attribute in den Existenzweisen. Die Ethik faßt auch Gott persönlicher

auf, als dem System entspricht. Sie hat jedoch aus den Grundlagen

recht, wenn sie alle Erkenntnis auf die Erkenntnis Gottes richtet und

diese Erkenntnis als wahr ansieht. Wir sind ja Existenzweisen Gottes,

die Seele ist eine begrenzte Weise des allgemeinen Denkens als Attribut

Gottes.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 100 / 108 题