43. Kants transzendentaler Idealismus.

Organisierte Wesen und Naturzweck.

„Wir haben also sagen wollen: daß alle unsere Anschauung nichts

als die Vorstellung von Erscheinung sei: daß die Dinge, die wir

anschauen, nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen,

noch ihre Verhältnisse an sich selbst so beschaffen sind, als sie

uns erscheinen, und daß, wenn wir unser Subjekt, oder auch nur die

subjektive Beschaffenheit der Sinne überhaupt aufheben, alle die

Beschaffenheit, alle Verhältnisse der Objekte in Raum und Zeit, ja

selbst Raum und Zeit verschwinden würden, und als Erscheinungen nicht

an sich selbst, sondern nur in uns existieren können. Was es für

eine Bewandtnis mit den Gegenständen an sich und abgesondert von

aller dieser Rezeptivität unserer Sinnlichkeit haben möge, bleibt uns

gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts als unsere Art, sie wahrzunehmen,

die uns eigentümlich ist, die auch nicht notwendig jedem Wesen, obzwar

jedem Menschen zukommen muß.“ (Kritik der reinen Vernunft, S. 66,

ich zitiere dieses Werk nach der ausgezeichneten Reclam-Ausgabe).

Diese Auffassung nennt Kant selbst Idealismus, und sofern gleichwohl

alles als wirklich angesehen wird, den ~transzendentalen~ oder

~formalen~ Idealismus, während vom ~materialen~ der ~dogmatische~

Idealismus die Dinge leugnet, der ~skeptische~ sie bezweifelt.

Kant ist transzendentaler oder formaler Idealist. Raum und Zeit

(besser Räumlichkeit und Zeitlichkeit) sind die berühmten beiden

„Anschauungsformen“ der Vernunft. „Sie hängen unserer Sinnlichkeit

schlechthin notwendig an, welcher Art auch unsere Empfindungen sein

mögen.“ Der Raum ist die Anschauungsform des nach Außen gerichteten

Sinnes, die Zeit die des nach Innen gerichteten Sinnes. Die

Bedeutung dieser Feststellungen habe ich in meinem früher genannten

Buche, ich glaube auf das sorgfältigste, zergliedert, und ich habe

nachgewiesen, daß die Eigenschaften des Raumes sich ohne den Begriff

der Ursächlichkeit nicht erschöpfen lassen, und daß die Besonderheit

der Zeit in den Geschehnissen als Projektion des inneren Bewußtseins

vom Wechsel in unserer Seelentätigkeit nach Außen aufzufassen ist. Ich

muß auf dieses Buch verweisen, darin der Leser auch gewisse andere

Distinktionen hinsichtlich der verschiedenen Arten von Raum und Zeit

finden wird. Obwohl nun Raum und Zeit unausweichliche Formen unserer

Anschauung nach Außen und nach Innen sein sollen, können sie uns doch

nichts, weder über die Welt noch über die Seele, lehren. Sie sind als

Stammbegriffe, Räumlichkeit und Zeitlichkeit, ~a priori~, „das ist, vor

aller wirklichen Wahrnehmung“, vorhanden; sie sind „reine Anschauung“.

Wogegen Empfindung ist „das in unserer Erkenntnis, was da macht, daß

sie Erkenntnis ~a posteriori~, das ist empirische Anschauung heißt“.

Die apriorischen Stammbegriffe, deren Bedeutung als apriorische so oft

und so energisch geleugnet worden ist und noch geleugnet wird, spielen

bei Kant eine große Rolle. Ich selbst halte sie für ganz unerläßlich;

ein äußeres oder inneres Leben ohne beispielsweise den Stammbegriff

der Ursächlichkeit, scheint mir absolut ausgeschlossen. Kein Tier

würde essen oder trinken ohne diesen Stammbegriff, kein Tier auf einen

Reiz irgendeine Wahrnehmung haben. Daß die Stammbegriffe uns nicht

immer bewußt sind, ist zwar richtig, tut aber nichts zur Sache. Das

Bewußtsein gehört überhaupt nicht zu allen physischen Handlungen. Wir

wenden viele Tätigkeiten der Seele, z. B. das Wollen, mehr oder weniger

bewußt, zuweilen ganz unbewußt an. Zwar geschieht sehr vieles bewußt,

was uns nachher unbewußt geschehen erscheint, weil wir kein Interesse

daran hatten, es zu behalten, wie namentlich animalische Handlungen,

Gehen, Essen usf., und auch logische, wie das Rechnen aus „Gewohnheit“.

Aber mögen auch die Handlungen vom Tiere oder vom Kinde unbewußt

geschehen, aus „Instinkt“ oder „Trieb“, so bleibt doch zweifellos der

~Grund~ für diesen Instinkt oder Trieb. Und will man keinen Grund

angeben, so sind Instinkt oder Trieb apriorisch, angeboren, und man hat

nichts gewonnen außer etwas, das man bei entwickeltem Verstande wieder

fallen läßt. Es ist etwas nötig, das die Wesen animalisch, weltlich

und geistig überhaupt leben läßt. Damit müssen sie von vornherein

ausgerüstet sein, sonst ist keines dieser Leben als Leben möglich,

wenigstens nicht für den, der in den Wesen nicht pure Zwangsmaschinen

sieht. Dieser braucht allerdings keine apriorischen Seelentätigkeiten.

Es sind -- ich will mich vorsichtig ausdrücken -- gewisse apriorische

Seelentätigkeiten nötig, die von den untersten Wesen nach oben und vom

Geborensein nach dem Alter, phylogenetisch und ontogenetisch, mehr

und mehr ins Bewußtsein treten, deutlicher und deutlicher werden, wie

ein Gedanke, eine Vorstellung, ein Wille, eine Empfindung usf., die

ja auch verschwommen beginnen und zuletzt scharfstrahlig leuchten

können. „Erworben“, „erlernt“ sind hier nur leere Redewendungen, denn

man wird immer fragen müssen, woher die ~Fähigkeit~ zum Erwerben,

Erlernen kommt, und wird dann eben auf das Apriorische zurückgelangen.

Einer Puppe kann man die menschliche Gestalt geben und sie so oft

zum Gehen anleiten als man will, sie geht doch nicht von selbst,

sie hat im Inneren die Fähigkeit dazu nicht. Diejenigen aber, die

auch in den lebenden Wesen zwangsmäßige äußere und innere Automaten

sehen, dazu eigentlich auch die Okkasionalisten gehören, brauchen

freilich, wie bemerkt, Apriorisches nicht, sie brauchen dann auch keine

~abgeleiteten~ Begriffe, keine Erfahrung, überhaupt gar nichts. Ich

werde später diese Ausführungen vervollständigen (S. 474 f.), auch

mich auf sie zu berufen haben, und verweise nur noch auf das früher

(S. 222 f.) von der kategorischen oder regulativen Seele Gesagte. Denn

das Apriorische ist kategorisch, regulativ. Es gehört zu den größten

Verdiensten Kants, daß er das Angeborene von dem Erworbenen so scharf

zu unterscheiden gelehrt hat, indem er nachwies, wie ersteres durchaus

die unausweichliche Voraussetzung für letzteres ist. Die Notwendigkeit

für das Leben überhaupt hat er nicht betont, sie folgt aber unmittelbar.

Also, es besteht eine Welt. Sie ist transzendental. Die Seele faßt

sie nach ihren Kategorien auf. Welches diese Kategorien außer Raum

und Zeit noch sind, habe ich hier nicht auseinanderzusetzen. Nach

der reinen Vernunft gehören die ethisch-religiösen Begriffe, wie

Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, nicht zu diesen Kategorien. Sie

unterliegen mit anderem den ~Antinomien~ (Gegensätzlichkeiten) und

~Paralogismen~ (Vorspiegelungen, Einbildungen, Erschleichungen) der

Vernunft. Darauf kommen wir noch zurück. Daß die Welt tatsächlich ist

und sich nicht, wie bei Berkeley, in einen von Gott in uns eingeimpften

Schein auflöst, hat Kant oft betont. „Wenn ich sage: im Raum und in

der Zeit stellt die Anschauung, sowohl der äußeren Objekte, als auch

die Selbstanschauung des Gemüts, beides vor, so wie es unsere Sinne

affiziert, das ist, wie es erscheint, so will das nicht sagen, daß

diese Gegenstände ein bloßer ~Schein~ wären. Denn in der Erscheinung

werden jederzeit die Objekte, ja selbst die Beschaffenheiten, die wir

ihnen beilegen, als etwas wirklich Gegebenes angesehen, nur daß, sofern

diese Beschaffenheit nur von der Anschauungsart des Subjekts in der

Relation des gegebenen Gegenstandes zu ihm abhängt, dieser Gegenstand

als ~Erscheinung~ von ihm selber als ~Objekt an sich~ unterschieden

wird. So sage ich nicht, die Körper scheinen bloß außer mir zu sein,

oder meine Seele scheint nur in meinem Selbstbewußtsein gegeben zu

sein, wenn ich behaupte, daß die Qualität des Raumes und der Zeit,

welcher, als Bedingung ihres Daseins, gemäß ich beide setze, in meiner

Anschauungsart und nicht in diesen Objekten an sich liege. Es wäre

meine eigne Schuld, wenn ich aus dem, was ich zur Erscheinung zählen

sollte, bloßen Schein machte. Dieses geschieht aber nicht nach unserem

Prinzip der Idealität aller unserer sinnlichen Anschauungen“, sondern,

wie Kant nun weiter ausführt, gerade nach dem Prinzip der objektiven

Realität der Anschauungsformen. Und er wundert sich nicht, daß Berkeley

aus Widerspruch gegen diese objektive Realität der Anschauungsformen

zur Aufhebung aller Objektivität der Gegenstände gekommen sei, indem

er sie für einen Schein erklärte. Er hätte sogar die eigene Existenz

für Schein erklären müssen. Kant meint, die letztere Ungereimtheit

hätte sich noch niemand zu Schulden kommen lassen; den Indiern war sie

keine Ungereimtheit. Für die Wirklichkeit, wenn auch transzendente,

von uns nicht zu erfassende, der Welt hat sich Kant oft in gleicher

und nachdrücklicher Weise ausgesprochen. Der vierte Paralogismus

bezieht sich ja unmittelbar auf Ablehnung der Schein-Welt (s. unten).

Es gibt also Dinge-an-sich, ~Noumena~; wie diese uns erscheinen, sind

sie ~Phänomena~. Alle unsere Erfahrungen beziehen sich auf letztere,

ob es Dinge außer uns sind oder in uns. Aus der Übertragung unserer

Kenntnisse und Meinungen von den Phänomena auf die Noumena entstehen

jene berühmten vier ~kosmologischen Antinomien~, die sich im Satz,

der Thesis, wie in dem Gegen-Satz, der Antithesis, mit gleicher

Evidenz beweisen lassen, wie: Die Welt hat einen Anfang in der Zeit

und Grenzen im Raum; Die Welt hat keinen Anfang in der Zeit und

keine Grenzen im Raum. Alles besteht aus einfachen Teilen, und nur

das Einfache ist; Nichts besteht aus einfachen Teilen und nirgend

existiert Einfaches. Außer Gesetzen ist Freiheit notwendig; Es ist

keine Freiheit, nur Gesetze sind. Zu der Welt gehört ein schlechthin

notwendiges Wesen, Gott; Es existiert kein zur Welt schlechthin

notwendiges Wesen. Im Gebiete des inneren Lebens führt jene Übertragung

zu den vier ~Paralogismen~, den Erschleichungen wie: Die Seele ist

etwas, das zur Bestimmung keines Dinges gebraucht werden kann, absolute

Substanz. Die Seele ist einfach. Die Seele ist persönlich. Das Dasein

aller Gegenstände äußerer Sinne ist zweifelhaft (skeptischer oder

dogmatischer Idealismus). Die Antinomien beziehen sich der Reihe nach

auf: Schöpfung und Ende oder Nicht-Schöpfung und Nichtende der Welt,

und Nichtgrenzen oder Grenzen der Welt; Eins oder Mannigfaltigkeit der

Welt; Verantwortlichkeit oder Nicht-Verantwortlichkeit des Menschen

(oder Gut und Böse und Nicht-Gut und Nicht-Böse) in der Welt; Gott ein

Schöpfer und Herr der Welt oder Gott Nicht-Schöpfer und Nicht-Herr.

Und die Paralogismen auf: Vorhandensein einer von allen wahrnehmbaren

Objekten auszunehmenden Seele; Unsterblichkeit der Seele; Seele als

Sonderwesen; Nichtwirklichkeit der Welt. Es sind die Kardinalfragen,

um die es sich handelt. Und nur der vierte Paralogismus führt zu

einem positiven Ergebnis, daß die Nichtwirklichkeit der Welt nur eine

Erschleichung des Verstandes ist. Die Antinomien sind nicht lösbar;

die drei ersten Paralogismen ergeben ein Negatives. In der Tat ist

auch hier mit der Dialektik nichts auszurichten; die Naturwissenschaft

aber bietet einiges zur Lösung dieser Fragen in dem einen oder anderen

Sinne, was später zur Sprache kommt.

Gehen wir noch einmal zurück auf die kosmologischen Verhältnisse.

Die vier Antinomien betreffen in der Thesis Vollkommenheiten,

nämlich: der Dauer und Grenzen, der Zusammensetzung, des Daseins, des

Absoluten. Kant spricht so von vier ~transzendentalen Ideen~. Sie

sind ~kosmologisch~, solange sie die Vollständigkeit der Bedingungen

in der Sinnenwelt betreffen, also in der Welt der Erscheinungen,

Phänomene. Sobald wir sie jedoch auf dasjenige beziehen, was außerhalb

dieser Sinnenwelt steht, auf die Noumena, so werden sie schlechthin

~transzendent~. Schon die kosmologischen Ideen sind an keiner

Erscheinung in concreto vorzustellen, da sie die ~Vollendung~ einer

empirischen Reihe bedeuten. Die transzendenten aber trennen sich

überhaupt von der Erfahrung; sie beruhen allein auf Begriffen a priori.

Gleichwohl, meint Kant, drängt uns vieles zunächst die vierte Idee,

von Gott, wenigstens auf eine transzendente Wirklichkeit zu beziehen,

also eine solche anzunehmen. Sofern etwas durch die Idee allein, in

individuo, also als ein Einzelnes, bestimmbar oder gar schon bestimmt

ist, nennt Kant es ~Ideal~ oder ~Prototypon~. Gewisse Ideen haben nun,

wenn auch nicht wie Platons Idee der göttlichen Kraft, ~schöpferische~,

aber doch ~praktische Kraft~ als ~regulative Prinzipe~, und die ihnen

entsprechenden Ideale sind „Urbilder“ für diese Regeln. „Diese Ideale,“

sagt nun Kant (Kritik der reinen Vernunft, S. 453), „ob man ihnen

gleich nicht objektive Realität (Existenz) zugestehen möchte, sind

doch um deswillen nicht für Hirngespinste anzusehen, sondern geben ein

unentbehrliches Richtmaß der Vernunft ab, die des Begriffes von dem,

was in seiner Art ganz vollständig ist, bedarf, um darnach den Grad

und die Mängel des Unvollständigen zu schätzen und abzumessen.“ Und er

warnt ausdrücklich, sie etwa mit den Geschöpfen der Einbildungskraft

zu verwechseln, „welche mehr eine im Mittel verschiedener Erfahrungen

gleichsam schwebende Zeichnung, als ein bestimmtes Bild ausmachen“,

Monogramme, wie er sagt. Ein solches transzendentales Ideal ist nun

das ~Ding-an-sich~ als Allbesitz der Realität, das ens realissimum,

indem es der durchgängigen Bestimmung, die notwendig bei allem was

existiert angetroffen wird, zugrunde liegt. Dieses Ideal „ist aber auch

das einzige eigentliche Ideal, dessen die menschliche Vernunft fähig;

weil nur in diesem einzigen Falle ein an sich allgemeiner Begriff

von einem Dinge durch sich selbst durchgängig bestimmt, und als die

Vorstellung von einem Individuum erkannt wird.“ So ist dieses Ideal

das Prototyp aller Dinge, welche insgesamt als Nachbilder (Ektypa) den

Stoff zu ihrer Möglichkeit von ihm nehmen, und indem sie demselben

mehr oder weniger nahekommen, dennoch unendlich weit daran fehlen, es

zu erreichen. Es ist in der Vernunft die „Möglichkeit aller Dinge“,

und so das „Urwesen (ens originarium)“, „höchste Wesen (ens summum)“,

„Wesen aller Wesen (ens entium)“. „Der Begriff eines solchen Wesens

ist der von ~Gott~ in transzendentalem Verstande gedacht.“ Indessen

doch wieder alles nur in der Vernunft; die objektive Existenz eines

„Wesens von so ausnehmendem Vorzuge“ ist uns völlig ungewiß. Und nun

bringt Kant, wiewohl er also in der Vernunft die Notwendigkeit eines

solchen Ideals, das aber im Grunde nichts anderes ist als die einzige

Idee aller Realität, zugesteht, seine berühmten Gründe gegen alle

vermeintlichen „Beweise“ einer Existenz Gottes. Und dabei bleibt es

der reinen Vernunft gegenüber. Daß wir „diese Idee vom Inbegriffe

aller Realität hypostasieren, kommt daher, weil wir die ~distributive~

Einheit des Erfahrungsgebrauchs des Verstandes in die ~kollektive~

Einheit eines Erfahrungsganzen dialektisch verwandeln, und an diesem

Ganzen der Erscheinung uns ein einzelnes Ding denken, was alle

empirische Realität in sich enthält, welches dann vermittelst der...

transzendentalen Subreption, mit dem Begriffe eines Dinges verwechselt

wird, was an der Spitze der Möglichkeit aller Dinge steht, zu deren

durchgängiger Bestimmung es die realen Bedingungen hergibt“. Die Reihe

ist: Realisierung, Hypostasierung, Personifizierung. „Die Vernunft wird

durch einen Hang ihrer Natur getrieben, über den Erfahrungsgebrauch

hinauszugehen, sich in einem reinen Gebrauche und vermittelst bloßer

Ideen zu den äußersten Grenzen aller Erkenntnis hinaus zu wagen, und

nur allererst in der Vollendung ihres Kreises, in einem für sich

bestehenden systematischen Ganzen Ruhe zu finden.“ Damit ist aber eben

keine objektive Existenz gegeben, das heißt, nicht ~bewiesen~. Manche,

namentlich Materialisten, haben nun gemeint, Kant hätte Gott, Seele

usf. überhaupt abgelehnt, er hätte ~bewiesen~, daß sie vor der reinen

Vernunft nicht existieren. Das ist völliges Mißverständnis. Er hat nur

erklärt, daß die Existenz dieser Dinge sich aus der reinen Vernunft

nicht beweisen lasse. Daß diese Dinge auch als Dinge-an-sich überhaupt

nicht vorhanden sind, hat er nirgend gesagt; es würde auch seinem

transzendentalen Standpunkt, den er so oft betont, widersprechen.

Denn dieses alles gehört ja zur transzendenten Wirklichkeit. Wenn

er daher in der „Kritik der praktischen Vernunft“ davon Gebrauch

macht, und von jenen Dingen als von praktisch-regulativen Prinzipien

handelt, so ist er ganz innerhalb seines Systems geblieben und

keineswegs von ihm abgewichen. Charakteristisch dafür ist, wie er

vom freien Willen spricht. Wenn wir alle menschlichen Handlungen bis

auf den Grund verfolgen könnten, würden wir eine stetige Kette von

Ursache und Wirkung finden, und jede Handlung aus ihren Bedingungen

als notwendig sogar voraussagen können. Also „in Ansehung unseres

~empirischen~ Charakters gibt es keine Freiheit“. Allein wir haben auch

den transzendenten „intelligiblen Charakter“; und da hier von einer

Naturkausalität keine Rede ist, so können dieselben Handlungen ihrer

Ursache nach vollkommen frei sein. Wir können nur nicht ~beweisen~,

daß, so aufgefaßt, sie es sind, weil das Transzendente außerhalb aller

Erfahrung liegt. Aber beweisen, daß sie es, transzendent aufgefaßt,

~nicht~ sind, können wir aus gleichem Grunde auch nicht. Und das gilt

von allen Hoch-Ideen und Hoch-Idealen, und hat auch Bezug auf Kants

„~Kategorischen Imperativ~“, Schillers „~Du kannst, denn du sollst~“.

Daß sein System ein Dualismus ist, hat übrigens der große Philosoph

selbst anerkannt; es ist ein solcher in der Unterscheidung der

transzendenten Welt von der empirischen, in der Annahme beider Welten,

praktisch auch in der Annahme von Gott und Welt oder von Geist und Welt

usf.

Auch die dritte große Kritik, die „Kritik der Urteilskraft“, enthält

ein kosmologisches Regulativ: die ~Teleologie~, den ~Begriff der

Zweckmäßigkeit~. Es bezieht sich auf die Ordnung der Dinge -- z.

B. in Familien, Rassen, Arten, Gattungen usf. -- und den Übergang

der Abteilungen ineinander, die Ordnung der Geschehnisse -- z. B.

staatliche, individuelle, elektrische usf. --, endlich die Ordnung

der Ursachen. Der Begriff bezweckt hiernach wesentlich Vereinfachung

der Naturübersicht durch Zusammenziehung und Zusammenhang, Auffassung

der Weltordnung vom Standpunkte einer Einheitlichkeit und eines

Zweckes. Vom Verstand selbst wird ein solcher Begriff nicht gefordert,

wohl aber von der ~Urteilskraft~; und sofern er eine Bedingung a

priori feststellt, unter der allein Dinge Objekte unserer Erkenntnis

werden können, bedeutet er ein transzendentales Prinzip. Er ist

aber ein ~subjektives~ Prinzip der Urteilskraft; denn nicht der

Natur als solcher wird der Begriff der Zweckmäßigkeit unterlegt und

vorgeschrieben, sondern die Urteilskraft ordnet sich selbst ein Gesetz

für die Reflexion über die Natur vor. „Es ist nicht ein Prinzip der

bestimmenden, sondern bloß der reflektierenden Urteilskraft. Man

will nur, daß man -- die Natur mag ihren allgemeinen Gesetzen nach

eingerichtet sein wie sie wolle -- durchaus nach jenem Prinzip und den

sich darauf gründenden Maximen ihren empirischen Gesetzen nachspüren

müsse, weil wir nur so weit als jenes (Prinzip) stattfindet, mit

dem Gebrauche unseres Verstandes fortkommen und Erkenntnis erwerben

können.“ Man sieht, wie außerordentlich vorsichtig Kant dieses Prinzip

der Teleologie einführt. Keineswegs gibt er es als ein Prinzip der

Natur selbst aus. Nicht einmal den Kategorien zählt er es zu. Die

Zweckmäßigkeit ist kein ~konstitutives~ Prinzip der Ableitung der

Produkte der Natur, keine neue Kausalität, als welche sie der reinen

Vernunft angehören und zur Anschauung dienen würde, sondern lediglich

ein ~regulatives~ Prinzip, nur für die reflektierende Beurteilung.

Unter dem Begriff der Kausalität ~müssen~ wir die Natur betrachten,

unter dem der Zweckmäßigkeit ~beurteilen~ wir sie nur. Soweit das

Urteil auf Empfindungen (Lust, Unlust, Schön, Unschön usf.) zurückgeht,

ist die Zweckmäßigkeit ~subjektiv~ (oder formal) und Gegenstand der

ästhetischen Urteilskraft. Begründet es sich aber auf Verstand und

Vernunft, indem es sich um bestimmte Bedingungen handelt, „unter denen

etwas, (z. B. ein organisierter Körper) nach der Idee eines Zweckes

der Natur zu beurteilen sei“, so wird die Zweckmäßigkeit ~objektiv~

(auch ~real~) genannt. Wir wissen, daß die Menschheit sich von je mit

beiden Arten von Zweckmäßigkeit beschäftigt hat: die Welt und das

Leben einerseits einer harmonischen Schönheit, andererseits einer

zielstrebigen Entwicklung und Ordnung zuzuführen. In anderer Form wird

das Prinzip auch in drei Prinzipe zerlegt: ~Gesetzmäßigkeit~, ~engere

Zweckmäßigkeit~, ~Zweck~, und wird die Anwendung dem Verstand, der

Urteilskraft, der Vernunft zugewiesen. Alle fließen aus dem allgemeinen

transzendentalen Prinzip. Die weiteren, ungemein scharfen und schönen

Distinktionen muß ich übergehen.

Nur einen Begriff möchte ich hervorheben, den der ~organisierten

Wesen~, diese sind „Dinge als Naturzwecke“. Ein solches Ding muß „sich

zu sich selbst wechselseitig als Ursache und Wirkung verhalten“. Ein

Ding ist aber Natur~zweck~, wenn seine Teile „nur durch ihre Beziehung

auf das Ganze möglich sind“, so daß ein jeder Teil, „sowie er nur

~durch~ alle übrigen da ist, auch als ~um~ der anderen und ~des Ganzen

willen~“, als ein „hervorbringendes Organ“ besteht. Diese Definition

schließt alle Kunstprodukte aus. Wir können uns eine Maschine

vorstellen, samt Kessel, Heizung und Regulatoren, die sich selbst in

Gang erhält, indem sie selbst Wasser in den Kessel nachpumpt, Kohlen

in die Heizung nachschüttet und auch ihren Gang selbst reguliert;

ein vollständiger Automat. Sie wirkt und verursacht (indirekt) ihre

Wirkung. Ja, wir können uns sogar die Maschine so eingerichtet denken,

daß sie auch physikalisch und chemisch Teile ersetzt, entfernt und

ansetzt. Ist sie nach der obigen Definition ein organisiertes Wesen?

Keineswegs! Sie gleicht einem solchen, zum Beispiel dem Menschen,

in äußeren Tätigkeiten, etwa Gehen, Drehen usf., sodann in der

Stoffaufnahme und -abgabe, in der Regulierung der äußeren Tätigkeiten,

obzwar hier schon nur noch, soweit Kraft erforderlich oder überflüssig

ist und durch die Stoffaufnahme oder -abgabe geregelt wird. Zuletzt

auch etwa in Dingen wie Ankleidung, Entkleidung, Ersatz von Teilen

durch künstliche Teile. Aber die Hauptsache fehlt: das Hervorbringen

jedes Teiles aus sich selbst, die Schaffung der Form, ihr Wachstum

und ihre Erhaltung an jeder Stelle aus sich selbst. Indem Kant gerade

dieses fordert, erhebt er den organisierten Körper, der eine Maschine

ja auch ist, zum organisierten Wesen, zum belebten Wesen, das keine

Maschine sein kann. Viel unnötiger Streit würde vermieden sein, wenn

die modernen Automatenanhänger unter Materialisten und Philosophen

die lichtvollen Darlegungen unseres Kant sich recht zu Gemüte führen

wollten. Automat ist nicht einmal das geringfügigste Lebewesen,

geschweige der Mensch. Cartesius hatte durchaus Unrecht, die Pflanzen

und Tiere dafür zu erklären, und moderne Mechanisten und Sensualisten

irren bei weitem mehr, auch den Menschen hinzuzuziehen. ~Driesch~

in seinem belehrenden Buche „Philosophie des Organischen“, ist viel

zu gelinde verfahren, als er erklärte, daß, wenn ein Lebewesen eine

Maschine sein sollte, jeder, auch der kleinste ihrer Teile die gleiche

Maschine sein müßte, und daß, in Verbindung mit dem Zusammenhang

dieser Teile miteinander, eine solche aus unendlich vielen gleichen

Maschinen zusammengesetzte, ihnen gleiche Maschine nicht denkbar sei.

Die Wirksamkeit der organisierten Wesen von ~Innen~ heraus und ~auf

sich selbst~, auf ihre eigene Form, ihr eigenes Sein, ihr eigenes Leben

-- das ist das Entscheidende; das leisten auch die kleinen Maschinen,

die man etwa für jede Zelle setzen wollte, oder gar, wie bei den

einzelligen Wesen, für jeden Teil einer Zelle, nicht, und -- was die

Hauptsache ist -- eine Maschine, die das leisten müßte -- etwa eine

Lokomotive, deren Räder, Kolben, Kessel, Regulatoren usf. ganz und in

jedem Teil gleichfalls Lokomotiven sind --, ist auch nicht vorstellbar

für uns. Denn, wie wiederum Kant hervorgehoben hat, da unser Denken

ein diskursives, kein intuitives ist, vermögen wir am Fertigen den

Aufbau nicht nach Gesetzen abzuleiten. Da tritt eben der Zweck ein,

und wir haben für die Urteilskraft im Fertigen einen Naturzweck, als

organisiertes Wesen, wenn es den obigen Bestimmungen Kants entspricht,

ein nicht organisiertes, wenn Entstehung, Wachstum, Erhaltung von

außen positiv oder negativ erfolgt, wie bei einem Kristall oder bei

den Pseudozellen. Es ist immer auf das ~fertige, stabile~ Lebewesen

Bedacht genommen, nicht auf das ~entstehende~ und ~sich entwickelnde~

und ~sich erhaltende~. Im Fertigen mag manches maschinenmäßig aussehen,

Entwicklung und Erhaltung aber schließen die Maschine gänzlich aus.

Diese Betrachtung, die ich an Kants Erklärungen anlehne, ist von

ungemeiner Wichtigkeit für die grundsätzliche Unterscheidung zwischen

der lebenden und der unbelebten Welt, mag auch die erstere durchaus

wie die letztere von äußeren Umständen abhängen, selbst wenn dieses

nach Darwinschen Prinzipien geschieht, in ihrer allerübertriebensten

Form. „Aber ~innere Naturvollkommenheit~,“ sagt Kant (Kritik der

Urteilskraft, Ausgabe von Kirchmann, S. 249), „wie sie diejenigen

Dinge besitzen, welche nur als ~Naturzwecke~ möglich sind und darum

organisierte Wesen heißen, ist nach keiner Analogie irgendeines uns

bekannten physischen, das ist Naturvermögens, ja, da wir selbst zur

Natur im weitesten Verstande gehören, selbst nicht einmal durch

eine genau angemessene Analogie mit menschlicher Kunst, denkbar und

erklärlich.“ Und das gilt, trotz aller Phrasen von mechanistischer und

anderer Seite und aller Hinweisungen auf Maschinen allerwunderbarster

Art und Vollkommenheit und auf Kristalle und künstliche Zellen. Das

~Von-innen-heraus~, das ~Aus-sichselbst-heraus~ (wenn auch unter

Benutzung aufgenommener Stoffe) fehlt immer und ~kann~ nach unseren

Begriffen nicht vorhanden sein, wenn nicht ein Neues zu dem Physischen

hinzukommt, eben das Psychische, das den Naturzweck von innen heraus

vollbringt. Driesch unterscheidet eine dreifache Harmonie in der

Entwicklung der Wesen: ~Harmonie der Konstellation~ -- die Teile

entwickeln sich zu einem individuellen Ganzen, selbst wenn sie sich

unabhängig voneinander entwickeln, wie bei dem Menschen Muskeln und

Nerven; ~Harmonie der Kausalität~ -- die bildenden (formativen)

Ursachen treffen genau die sich entwickelnden Teile nach der Richtung

der Endform, obwohl diese Teile sich jedes nach ganz verschiedenen

Richtungen entwickeln können; ~Harmonie der Funktion~ -- alle

Funktionen greifen ineinander zu einer einheitlichen Wirkung ein. Diese

drei Harmonien sind Kants Naturzweck. Ihr ~Erfolg~ sieht physisch aus,

ihren ~Gang~ aber in der Entwicklung und Erhaltung wird man unter

keinen Umständen als physisch im gewöhnlichen Sinne des Wortes erklären

können. Selbst eine Maschine ist ein Automat nur als ~fertiger~

Gegenstand; gebaut aber hat sie sich nicht selbst, der Mensch hat sie

hergestellt und muß sie auch erhalten. Wenn man das Psychische auch zum

Physischen rechnen will, so mag das geschehen. Zur Welt gehört es ja.

Das berührt aber die Sonderstellung des Psychischen nicht, daß es eben

von Innen heraus schafft, nach Innen und nach Außen schafft, da alles

andere nur von Außen nach der Oberfläche heranzieht, von der Oberfläche

nach Außen abgibt. Höchstens spontane physikalische und chemische

Umsetzungen könnten als ein Ähnliches erwähnt werden. Aber abgesehen

davon, daß auch hier die Ähnlichkeit nur eine höchst oberflächliche

ist, wie sich jeder selbst zurechtlegen kann, werden wir später sehen,

wie grundverschieden der Lebensvorgang ist von den bezeichneten

Umsetzungen, ja wie er ihm zum Teil geradezu entgegenläuft. Und

dieses erhellt auch schon daraus, daß jene Umsetzungen eben

~Umsetzungen~ sind, die Organisierung aber das Gegenteil bezweckt und

erreicht: fortdauernde Schaffung des ~Gleichen~ und Erhaltung des

~Gleichen~, wenn auch durch physikalisch-chemische ~Assimilation~ und

~Dissimilation~. Wir sprechen von dieser Angelegenheit später noch mehr.

Naturzweck darf nicht verwechselt werden mit Zweckmäßigkeit; es kann

etwas sehr Unzweckmäßiges gleichfalls Naturzweck sein, wie das ohne

Hilfe gänzlich hilflose Kind der ersten Zeit. Das liegt daran, daß der

Zweck tatsächlich noch nicht erreicht ist, oder nur so weit erreicht

ist, als es dieses Ding selbst betrifft, noch nicht aber so weit, als

sein Verhältnis zur äußeren Welt erfordert. Auch hier drückt sich

Kant, wenn auch bestimmt, doch sehr vorsichtig aus. Das Beispiel der

organisierten Natur führt dazu, daß die an sich subjektive Maxime des

Naturzwecks ausgedehnt und gesagt wird: „Alles in der Welt ist irgend

wozu gut, nichts ist in ihr umsonst; und man ist durch das Beispiel,

das die Natur an ihren organischen Produkten gibt, berechtigt, ja

berufen, von ihr und ihren Gesetzen nichts als was nur zweckmäßig ist

zu erwarten.“ Und er meint, ~insgesamt~ aufgefaßt; denn er führt als

Beispiele an, auch was für Einzelnes unzweckmäßig ist, wie Gifte,

Ungeziefer usf. Also in toto sei man berufen, Zweckmäßigkeit zu

erwarten. Was Kant zu seiner Zeit vermißte, nämlich die Einbeziehung

der Zweckmäßigkeit in die Naturwissenschaft, das konnte in unserer

Zeit zum Teil nachgeholt werden. Er selbst hat ja schon allein durch

sein unübertroffenes und in seiner Vollständigkeit (soweit selbst

gegenwärtig nur möglich) und allumfassenden Tiefe noch heute einzig

stehendes Werk über den Weltbau gewaltig vorgearbeitet. Und er hat

auch der modernen Entwicklungs-Naturwissenschaft vorgearbeitet, daß er

sogar als Vorläufer Darwins bezeichnet und in Anspruch genommen werden

konnte. Wir verlassen diesen Größten, dessen System als Kritisches zu

jedem System gehört und gehören muß. Was Eugen Dühring von ihm sagt,

ist eine schwere Unbegreiflichkeit dieses doch geistig selbst so

bedeutenden Mannes.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 97 / 108 题