Die Idee, daß die Dinge nicht so sind wie sie uns scheinen, findet
sich vom Altertum durch das ganze Mittelalter mehr oder weniger
deutlich ausgesprochen. In der neueren Zeit zuerst in ein System
verarbeitet hat sie der in Irland geborene Engländer ~George Berkeley~
(1684-1753), ein großer Denker und Naturkenner. Er ist ein heftiger
Gegner des Materialismus und Spinozismus und bezeichnet seine Lehre
als ~Immaterialismus~. In der Tat hat sie auch viel Theosophisches,
wie er auch so manches von den mittelalterlichen Theosophen und
Mystikern einfach übernahm. Er ist von der Wahrhaftigkeit Gottes im
Cartesischen Sinne überzeugt. Also können Wahrnehmung und Vernunft
nicht absolut lügen und trügen. Darum ist er auch Nominalist. Nun
aber meint er, Wahrnehmung sei durchaus von dem Wahrgenommenen zu
trennen. „Da wir wahrnehmen, daß verschiedene von den Empfindungen
einander begleiten, so werden diese durch einen Namen umgrenzt und
so für ein Ding ausgegeben.“ „Sinnliche Dinge sind hiernach nichts
anderes als so viele sinnliche Qualitäten oder Kombinationen von
sinnlichen Qualitäten.“ Alle diese Qualitäten sind aber, da ~wir~
wahrnehmen, nur in unserer Seele. Außerhalb Gottes und der Seele
gibt es keine Erscheinungen. Da nun eine Erscheinung ganz ein
Inneres ist, so können die Dinge den Erscheinungen nicht gleichen,
die Erscheinungen sind keine Kopien der Dinge. Berkeley beruft sich
überall auf physikalische und physiologische Erkenntnisse, die durchaus
zutreffend sind. Und so ist es auch richtig, wenn er meint, daß
wir unsere Wahrnehmung der Ausdehnung nicht den Dingen zuschreiben
können, denn ein anderes ist die Ausdehnung in den Wahrnehmungen des
Sehens, ein anderes in denen des Tastens; sie werden nur konfundiert,
weil sie sich stets begleiten. Berkeleys ~Sensualismus~ ist hiernach
ein ~innerer~, ein ~Phänomenalismus~. Und so ist zu verstehen, daß
er Dinge ohne Erscheinungen in uns als Fiktionen bezeichnet, wie
die abstrakten Figuren und Zahlen in der Mathematik. Ich darf auf
entsprechende Ausführungen in meinem Buche „Philosophische Grundlagen
der Wissenschaften“ hinweisen. So kämpft er auch gegen die Annahme
einer absoluten Substanz, Materie, die niemand kennt und niemand
kennen kann, und der man, um zu einer Welt zu gelangen, gezwungen ist,
eine Menge verborgener Eigenschaften zuzuschreiben, die anderweit
wieder abgestritten werden müssen; so Bewegung aus sich heraus, der
doch die Trägheit widerspricht. Nur der Geist ist absolute Substanz,
er allein ist tätig und wo er sich leidend verhält, folgt dieses aus
der Schranke, die ihm gesetzt ist. Die Körper sind nicht, sondern sie
werden: durch unsere Wahrnehmungen. Und so existieren sie nur „sekundär
und abhängig“.
Gleichwohl ist Berkeleys System kein solches des reinen Scheines,
noch weniger des Nichts. Das Kausalitätsprinzip greift bei ihm ein.
Die Wahrnehmungen müssen doch irgend einen Grund haben. Diesen sieht
er nicht wie Indier und Eleaten in uns selbst, sondern außer uns, in
einem Geist außer unserem Geiste; und das ist der göttliche Geist.
Seiner sind wir sicher, eben aus den Wahrnehmungen in uns, nämlich
aus den Naturerscheinungen und ihrer Ordnung. „Der große Beweger und
Urheber der Natur offenbart sich ständig selbst den Augen der Menschen
durch sinnliche Intervention willkürlicher Zeichen (wie der Mensch
durch willkürliche Zeichen, Sprache, seinen Geist offenbart), welche
keine Ähnlichkeit noch Verbindung mit den bezeichneten Dingen haben.“
Das ist von vielen vor ihm schon gesagt und wird auch in der Bibel in
der mannigfachsten Weise variiert. Aber hier handelt es sich um den
~kosmologischen Beweis Gottes~. Und so ist Gott die naturierende Natur,
und der überall und jederzeit wirkt. Wahrhaft ist alles nur in Gott als
Eins. Was wir kennen und erkennen, sind Abbilder dieses Wahrhaften.
Unser Geist wirkt wie Gott. Nur daß Gott ohne jede Beschränkung ist,
so daß er beliebig schafft, und was er schafft der Ewigkeit angehört.
Aus unserer Gottähnlichkeit folgt dann ein gewisser freier Wille.
Wie aber das bewußt Böse? Das ist nicht gesagt, wenn es nicht als
zur Ordnung der Dinge gehörig angesehen wird. Trotz allem Schein ist
die Welt real. „Alle Dinge zusammen mögen ein Universum sein, Eines
durch die Verbindung, Beziehung und Ordnung zu ihren einzelnen Teilen,
welches das Werk des Verstandes ist.“ Rein intelligibel betrachtet
aber sind die Dinge unbeweglich und unveränderlich. Man sieht: nur die
Intervention Gottes, der absolut wahrhaft ist, macht es, daß hinter
dem Schein eine transzendente Wirklichkeit vorhanden sein könnte. Und
aus der gleichen Intervention ergäbe sich Berkeleys Rationalismus
und die Möglichkeit der Wissenschaften, im Grunde wie bei Descartes.
Die transzendente Wirklichkeit aber, soweit sie zugestanden sein
sollte, wird fast pandeistisch aufgefaßt, und unser Verhältnis zu ihr,
und damit zu Gott theosophisch. Im wesentlichen aber ist Berkeleys
Phänomenalismus wirklicher Schein. Kant nennt das ~empirischen~ oder
~dogmatischen Idealismus~.
Mit dieser Berkeleyschen Anschauung hat die spätere ~Fichte~sche große
Ähnlichkeit. Gott wird unmittelbar gesetzt als das absolute Sein, wie
die Eleaten sich dieses Sein dachten. Alles andere ist nur Wissen als
Bild des göttlichen Seins: Ein Sein Gottes außer seinem Sein, nicht
Gott selbst, sondern sein Schema. In diesem Bilde ist das Sein ein
Mannigfaltiges. Indem es aber, wenn auch ein Bild, doch ein Göttliches
ist, muß es eine göttliche Weltordnung darstellen. Gleichwohl ist
wie bei Berkeley die Natur nur die Schranke des Bewußtseins, und an
sich eine nichtige und wesenlose Erscheinung, die ihr Dasein nur
in unserer Vorstellung hat. Wieder ganz wie bei Berkeley steht die
Natur zwischen Gott und Geist, Bewußtsein. Wir werden später sehen,
daß in seiner ersten Philosophie Fichte umgekehrt Gott aus der
Weltordnung abgeleitet, eigentlich die Weltordnung für Gott erklärt
hat. Dieser Idealismus, der die äußere Welt in einen Schein auflöst
und sie nur retten kann durch die Annahme Gottes und dessen absoluter
Wahrhaftigkeit, ist sogleich nach Berkeley von dem Schotten ~David
Hume~ (1711-1776) vollends auf die Spitze getrieben worden, indem auch
die Autorität unserer eigenen Vernunft in Zweifel gesetzt ist. Denn
unsere Vernunft ist nichts Bleibendes, sondern stetig Wechselndes, eine
~Folge~ von Bewußtseinsinhalten, kein ~seiender~ Bewußtseinsinhalt,
so daß ein ständiges seiendes Ich nicht behauptet werden kann. Nur
die zusammenhängende Kette dieser Folge erweckt den Schein eines
solchen Ich, in Wahrheit leben wir ein solches Leben ohne Ich. Unsere
Psychologie hat kein Subjekt, keine Seele, sie besteht lediglich aus
~assoziierten~ inneren Erscheinungen, ein Satz, den wir später bei
modernen Psychologen wiederfinden werden. Es gibt also nirgend ein
Wirkliches in der Welt, nicht außer uns, nicht in uns; alles ist
Schein und Erscheinung, hier wie dort. Was die Erscheinungen und ihre
Assoziation, Vergesellschaftung, in uns hervorbringt, wissen wir nicht.
Wie auf einer Schaubühne treten die inneren Erscheinungen auf; Bühne
und Regisseur sind uns aber unbekannt, von ihnen ist nichts aussagbar.
Und was darüber ausgesagt wird, ist pure Einbildung. Es ist eine Art
Deutung der Heraklitischen Lehre in eleatischem Sinne, und Hume kann
sehr wohl auf diesem Standpunkte seiner Philosophie als Skeptiker
bezeichnet werden. Gleichwohl hat er auch ein realistisches System
begründet, das wir später (S. 407 ff.) kennen lernen werden, indem er
das Unerschaubare beiseite ließ, sich an den Schein hielt, und diesen
gleich einem festen Gegebenen behandelte.