42. Phänomenaler Idealismus.

Die Idee, daß die Dinge nicht so sind wie sie uns scheinen, findet

sich vom Altertum durch das ganze Mittelalter mehr oder weniger

deutlich ausgesprochen. In der neueren Zeit zuerst in ein System

verarbeitet hat sie der in Irland geborene Engländer ~George Berkeley~

(1684-1753), ein großer Denker und Naturkenner. Er ist ein heftiger

Gegner des Materialismus und Spinozismus und bezeichnet seine Lehre

als ~Immaterialismus~. In der Tat hat sie auch viel Theosophisches,

wie er auch so manches von den mittelalterlichen Theosophen und

Mystikern einfach übernahm. Er ist von der Wahrhaftigkeit Gottes im

Cartesischen Sinne überzeugt. Also können Wahrnehmung und Vernunft

nicht absolut lügen und trügen. Darum ist er auch Nominalist. Nun

aber meint er, Wahrnehmung sei durchaus von dem Wahrgenommenen zu

trennen. „Da wir wahrnehmen, daß verschiedene von den Empfindungen

einander begleiten, so werden diese durch einen Namen umgrenzt und

so für ein Ding ausgegeben.“ „Sinnliche Dinge sind hiernach nichts

anderes als so viele sinnliche Qualitäten oder Kombinationen von

sinnlichen Qualitäten.“ Alle diese Qualitäten sind aber, da ~wir~

wahrnehmen, nur in unserer Seele. Außerhalb Gottes und der Seele

gibt es keine Erscheinungen. Da nun eine Erscheinung ganz ein

Inneres ist, so können die Dinge den Erscheinungen nicht gleichen,

die Erscheinungen sind keine Kopien der Dinge. Berkeley beruft sich

überall auf physikalische und physiologische Erkenntnisse, die durchaus

zutreffend sind. Und so ist es auch richtig, wenn er meint, daß

wir unsere Wahrnehmung der Ausdehnung nicht den Dingen zuschreiben

können, denn ein anderes ist die Ausdehnung in den Wahrnehmungen des

Sehens, ein anderes in denen des Tastens; sie werden nur konfundiert,

weil sie sich stets begleiten. Berkeleys ~Sensualismus~ ist hiernach

ein ~innerer~, ein ~Phänomenalismus~. Und so ist zu verstehen, daß

er Dinge ohne Erscheinungen in uns als Fiktionen bezeichnet, wie

die abstrakten Figuren und Zahlen in der Mathematik. Ich darf auf

entsprechende Ausführungen in meinem Buche „Philosophische Grundlagen

der Wissenschaften“ hinweisen. So kämpft er auch gegen die Annahme

einer absoluten Substanz, Materie, die niemand kennt und niemand

kennen kann, und der man, um zu einer Welt zu gelangen, gezwungen ist,

eine Menge verborgener Eigenschaften zuzuschreiben, die anderweit

wieder abgestritten werden müssen; so Bewegung aus sich heraus, der

doch die Trägheit widerspricht. Nur der Geist ist absolute Substanz,

er allein ist tätig und wo er sich leidend verhält, folgt dieses aus

der Schranke, die ihm gesetzt ist. Die Körper sind nicht, sondern sie

werden: durch unsere Wahrnehmungen. Und so existieren sie nur „sekundär

und abhängig“.

Gleichwohl ist Berkeleys System kein solches des reinen Scheines,

noch weniger des Nichts. Das Kausalitätsprinzip greift bei ihm ein.

Die Wahrnehmungen müssen doch irgend einen Grund haben. Diesen sieht

er nicht wie Indier und Eleaten in uns selbst, sondern außer uns, in

einem Geist außer unserem Geiste; und das ist der göttliche Geist.

Seiner sind wir sicher, eben aus den Wahrnehmungen in uns, nämlich

aus den Naturerscheinungen und ihrer Ordnung. „Der große Beweger und

Urheber der Natur offenbart sich ständig selbst den Augen der Menschen

durch sinnliche Intervention willkürlicher Zeichen (wie der Mensch

durch willkürliche Zeichen, Sprache, seinen Geist offenbart), welche

keine Ähnlichkeit noch Verbindung mit den bezeichneten Dingen haben.“

Das ist von vielen vor ihm schon gesagt und wird auch in der Bibel in

der mannigfachsten Weise variiert. Aber hier handelt es sich um den

~kosmologischen Beweis Gottes~. Und so ist Gott die naturierende Natur,

und der überall und jederzeit wirkt. Wahrhaft ist alles nur in Gott als

Eins. Was wir kennen und erkennen, sind Abbilder dieses Wahrhaften.

Unser Geist wirkt wie Gott. Nur daß Gott ohne jede Beschränkung ist,

so daß er beliebig schafft, und was er schafft der Ewigkeit angehört.

Aus unserer Gottähnlichkeit folgt dann ein gewisser freier Wille.

Wie aber das bewußt Böse? Das ist nicht gesagt, wenn es nicht als

zur Ordnung der Dinge gehörig angesehen wird. Trotz allem Schein ist

die Welt real. „Alle Dinge zusammen mögen ein Universum sein, Eines

durch die Verbindung, Beziehung und Ordnung zu ihren einzelnen Teilen,

welches das Werk des Verstandes ist.“ Rein intelligibel betrachtet

aber sind die Dinge unbeweglich und unveränderlich. Man sieht: nur die

Intervention Gottes, der absolut wahrhaft ist, macht es, daß hinter

dem Schein eine transzendente Wirklichkeit vorhanden sein könnte. Und

aus der gleichen Intervention ergäbe sich Berkeleys Rationalismus

und die Möglichkeit der Wissenschaften, im Grunde wie bei Descartes.

Die transzendente Wirklichkeit aber, soweit sie zugestanden sein

sollte, wird fast pandeistisch aufgefaßt, und unser Verhältnis zu ihr,

und damit zu Gott theosophisch. Im wesentlichen aber ist Berkeleys

Phänomenalismus wirklicher Schein. Kant nennt das ~empirischen~ oder

~dogmatischen Idealismus~.

Mit dieser Berkeleyschen Anschauung hat die spätere ~Fichte~sche große

Ähnlichkeit. Gott wird unmittelbar gesetzt als das absolute Sein, wie

die Eleaten sich dieses Sein dachten. Alles andere ist nur Wissen als

Bild des göttlichen Seins: Ein Sein Gottes außer seinem Sein, nicht

Gott selbst, sondern sein Schema. In diesem Bilde ist das Sein ein

Mannigfaltiges. Indem es aber, wenn auch ein Bild, doch ein Göttliches

ist, muß es eine göttliche Weltordnung darstellen. Gleichwohl ist

wie bei Berkeley die Natur nur die Schranke des Bewußtseins, und an

sich eine nichtige und wesenlose Erscheinung, die ihr Dasein nur

in unserer Vorstellung hat. Wieder ganz wie bei Berkeley steht die

Natur zwischen Gott und Geist, Bewußtsein. Wir werden später sehen,

daß in seiner ersten Philosophie Fichte umgekehrt Gott aus der

Weltordnung abgeleitet, eigentlich die Weltordnung für Gott erklärt

hat. Dieser Idealismus, der die äußere Welt in einen Schein auflöst

und sie nur retten kann durch die Annahme Gottes und dessen absoluter

Wahrhaftigkeit, ist sogleich nach Berkeley von dem Schotten ~David

Hume~ (1711-1776) vollends auf die Spitze getrieben worden, indem auch

die Autorität unserer eigenen Vernunft in Zweifel gesetzt ist. Denn

unsere Vernunft ist nichts Bleibendes, sondern stetig Wechselndes, eine

~Folge~ von Bewußtseinsinhalten, kein ~seiender~ Bewußtseinsinhalt,

so daß ein ständiges seiendes Ich nicht behauptet werden kann. Nur

die zusammenhängende Kette dieser Folge erweckt den Schein eines

solchen Ich, in Wahrheit leben wir ein solches Leben ohne Ich. Unsere

Psychologie hat kein Subjekt, keine Seele, sie besteht lediglich aus

~assoziierten~ inneren Erscheinungen, ein Satz, den wir später bei

modernen Psychologen wiederfinden werden. Es gibt also nirgend ein

Wirkliches in der Welt, nicht außer uns, nicht in uns; alles ist

Schein und Erscheinung, hier wie dort. Was die Erscheinungen und ihre

Assoziation, Vergesellschaftung, in uns hervorbringt, wissen wir nicht.

Wie auf einer Schaubühne treten die inneren Erscheinungen auf; Bühne

und Regisseur sind uns aber unbekannt, von ihnen ist nichts aussagbar.

Und was darüber ausgesagt wird, ist pure Einbildung. Es ist eine Art

Deutung der Heraklitischen Lehre in eleatischem Sinne, und Hume kann

sehr wohl auf diesem Standpunkte seiner Philosophie als Skeptiker

bezeichnet werden. Gleichwohl hat er auch ein realistisches System

begründet, das wir später (S. 407 ff.) kennen lernen werden, indem er

das Unerschaubare beiseite ließ, sich an den Schein hielt, und diesen

gleich einem festen Gegebenen behandelte.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 96 / 108 题