41. Phantomismus (Illusionismus), Eleaten, Skeptiker.

Die ~Indier~ hatten auch die Anschauung, daß die ganze Welt,

einschließlich aller Lebewesen, nur ein Traum Brahmas sei. Mit dem

Traum ist alles entstanden, und wenn Brahma erwacht, ist alles

geschwunden, wie die Bilder unserer Träume kommen und spurlos verwehen.

Denn Traumgestalten sind wir, und Traumgestalten sind Himmel, Gestirne

und Erde. Eine Milderung dieser Anschauung bedeutet es, wenn, in einer

anderen Anschauung, dieser Traum nur in den Menschen verlegt wird, es

also heißt, die Welt ist nur in ~uns~ als ein Traum. Wir bestehen,

die Welt aber besteht nur in uns. Unser irdisches Leben ist Träumen.

Sind wir von diesem Leben befreit, so ist keine Welt, nur wir sind. In

dieser, dem Verständnis aus der Analogie unserer wirklichen Traumwelten

leichter zugänglichen Form ist die Lehre weit verbreitet. Wir finden

sie selbst bei den realistischen Chinesen. Lao-tsse sagt, das Leben sei

ein Gaukelspiel eines wirren Traumes.

Indessen gibt dieses letztere kein philosophisches System, weil

es gar zu sehr metaphorisch unernst wirkt. In der ersten Wendung

aber finden wir bei den Indiern Lehren, die durchaus einem solchen

philosophischen System angehören. Eines nur ist: Brahman (S. 230).

Dieses Eine ist ewig und unveränderlich, ohne jede Qualität, ein

absolutes Eins. Zu diesem Eins kommt das Unwissen (Avidyiâ), oder

das Sichtäuschen (Mâyâ), ein Unbegreifliches; und unter diesem ist

das Eins Mannigfaltigkeit, Welt geworden, mit allen Dingen und allen

Veränderungen. Das ist ein Pantheismus, aber nur als Phänomen, nicht

als Wirklichkeit; die transzendente Wirklichkeit ist allein das Eins,

Brahman. Die Dinge und die Vorgänge sind als Täuschung praktisch real,

als transzendente Wirklichkeit Nichts, oder vielmehr Brahman. So lautet

die ~Illusionslehre~ des ~Sankara~ in der Vedantaphilosophie (S. 259):

„In einem halben Vers will ich erklären, was in Millionen Bänden

erklärt worden ist;

Brahman ist wahr, die Welt ist falsch, die Seele ist Brahman und

nichts anderes.“

Und so besteht ein doppelter Brahman, die absolute transzendente

Wirklichkeit, das Eins, Param Brahman, und die Illusionswirklichkeit,

das phänomenale Brahman, Aparam Brahman. Damit hat die Welt Realität

und hat auch keine. Praktisch ist sie aber durchaus real. Letzteres

mußte Sankara lehren, denn sonst fielen ja alle ethischen Grundsätze

und alle Religion mit allen Göttern fort, und für Sankara war die Veda

eine heilige Schrift. Warum die Illusion hinzukommt, wird nicht gesagt,

noch woher sie stammt. Sie wird aber mitunter neben Brahman (oder ~in~

Brahman?) so real bezeichnet, daß sie als Mâyâ Persönlichkeit erlangt,

gar als Gattin Brahman sich zugesellt.

Der Leser, dem die griechische Philosophie bekannt ist, wird schon

bemerkt haben, welche außerordentliche Ähnlichkeit die obigen

Darlegungen mit denen der Schule der sogenannten ~Eleaten~ haben.

Als Stifter dieser Schule wird ~Xenophanes~ (S. 231) bezeichnet,

ein Ionier, der sich in Elea in Unteritalien niederließ. Er ist es,

von dem der berühmte Ausspruch stammt, daß, wenn Rosse und Ochsen

„malen könnten und Werke bilden wie die Menschen, so würden die Rosse

roßähnliche, die Ochsen ochsenähnliche Göttergestalten malen und

Werke bilden, wie jede Art gerade selbst das Aussehen hätte“. Und

so tadelte er die Griechen nicht bloß wegen ihrer Anthropomorphie

der Götter, sondern auch wegen ihrer Götter-Vielheit. Nur einen Gott

gibt es, ein Eins, ein Ewiges, Unvergängliches. Und dieses ist das

Weltganze. Mehr ist von seinen allgemeinen Lehren mit Zuverlässigkeit

nicht bekannt. Selbst daß er in Gott das Weltganze gesehen hat,

dürfte mehr Vermutung sein, da, was er sonst von der Welt sagt, rein

physisch ist und der Würde der Gottheit kaum entspricht. Sicherer

ist was ~Parmenides~ (um 544 v. Chr. geboren) aus Elea lehrte:

„Nötig ist dies zu sagen und zu denken, das Seiende existiert, denn

das Sein (τὸ ἐόν) ist, das Nicht ist nicht.“ „So bleibt nur noch

Kunde von einem Wege, daß das Seiende existiert. Darauf stehen gar

viele Merkpfähle. Weil ungeboren, ist es auch unvergänglich, ganz,

einziggeboren (μονογενές), unerschütterlich und ohne (zeitliches)

Ende. Es war nie und wird nicht sein, weil es jetzt ganz alles ist.“

„Auch teilbar ist es nicht, weil es ganz gleichartig ist. Und es ist

auch nirgend etwa ein intensiveres, das seinen Zusammenhang hindern

möchte, noch ein geringeres; es ist ganz vom Seienden erfüllt...

Sodann liegt es unbeweglich in den Schranken starker Fesseln, ohne

Anfang, ohne Ende... Als Selbiges in Selbigem verharrend, ruht es in

sich selbst und verharrt so standhaft alldort. Denn der starke Zwang

(ἀνάγκη, Ananke) hält es in den Banden der Schranke, die es rings

umgibt. Darum darf das Seiende nicht unabgeschlossen sein, denn es ist

mangellos, und es wäre gänzlich mangelhaft, wär’s anders...“ (Diels:

Fragmente der Vorsokratiker. Ich habe hier und im folgenden, sowie

im voraufgegangenen, die Übersetzungen dabei benutzt, jedoch, meinem

Zweck entsprechend, sie möglichst genau an den Wortlaut des Originals

angepaßt.) Schon der Abschluß zeigt, daß Parmenides sich das Seiende

als eine Realität dachte. Was er weiter sagt, rückt diese Realität fast

ins Materielle: „Aber da eine letzte Grenze vorhanden ist, so ist das

Seiende abgeschlossen nach allen Seiten hin, vergleichbar der Masse

einer wohlgerundeten Kugel, von der Mitte nach allen Seiten hin gleich

stark“. Das wäre auch der Sphairos des Empedokles (S. 231). Es ist

aber nichts weiter als dieses in sich gleiche, in sich ruhende, rings

umschränkte, zeitlose, absolut Seiende. „Und so ist auch alles leerer

Schall, wovon die Menschen sprechen, überzeugt, es sei wahr: nämlich

~Werden sowohl als Vergehen, Sein sowohl als Nichtsein, Veränderung

des Ortes und Wechsel der Farbe, überhaupt der Eigenschaften~.“ In

diesem letzteren Satze liegt das Schwergewicht der eigentlichen Lehre.

Und dieser Satz hat die Philosophen unendlich geplagt, und plagt sie

noch jetzt. Er besteht im Grunde aus zwei Sätzen: „Aus Nichtsein kann

kein Sein werden“ und „Aus Sein kann kein Nichtsein hervorgehen“. Indem

ein jedes Entstehen bedeuten soll, daß vorher Nichtsein war, wo jetzt

Sein ist, und ein Vergehen, daß jetzt Nichtsein ist, wo vorher Sein

war, dürfte es überhaupt keine Änderung geben, da nur das Sein da sein

soll. Es ist bekannt, wie der Hauptdialektiker der Eleaten, ~Zenon~

(etwa nach 500 v. Chr. geboren), gleichfalls aus Elea, mit diesen

Sätzen bewies, es gäbe in der Tat nicht die geringste Änderung in der

Natur. Nicht einmal Bewegung sei möglich, denn alles setze sich aus

Ruhe zusammen, und Ruhe sei keine Änderung; der Übergang aus einer Ruhe

in eine andere aber sei undenkbar, weil dabei ein Seiendes schwände

und ein Nichtseiendes entstehe. „Das Bewegte bewegt sich weder in dem

Raume, in dem es sich befindet, noch in dem es sich nicht befindet.“

Das gehört nicht hierher; es kommt im Grunde alles darauf hinaus, daß

ein „Werden“ und „Vergehen“ als für sich begrifflich nicht faßbar

angesehen wird und durchaus aus Nichtsein und Sein oder aus Sein und

Nichtsein soll zusammengesetzt sein müssen. ~Herakleitos~ ist gerade

vom entgegengesetzten Standpunkt ausgegangen (S. 238), für ihn gab es

nur „Werden“ und „Vergehen“. Auch die Spitzfindigkeiten der Eleaten

-- wie die berühmte Schlußfolge, Achill könnte nie eine Schildkröte

einholen, weil, so oft er einen Weg mache, die Schildkröte doch auch

einen zurücklege, also ihm immer voraus sei -- beruhen auf solchen

Unfaßbarkeitsannahmen, die dann Zusammensetzungen aus Widersprechendem

bedingen. Seltsamerweise spukt die Formel: Werden = Sein + Nichtsein

noch heute in vielen Köpfen. Die Eleaten leugneten auch alle Größe

und alle Teilung ab, kurz alles, was die Welt als Mannigfaltigkeit in

Raum und Zeit darstellt. Nur das Sein erkannten sie an. Was ist dann

die Welt? -- Lediglich Schein, nichts als Schein, ganz im Sinne der

Indier. Und wenn beispielsweise Parmenides ziemlich eingehend von der

Entstehung und Ordnung der Welt spricht, so bemerkt er, daß es sich

doch um ein „Wahngebild“ handelt und um „Wahngedanken“. ~Melissos~ aus

Samos (um 440) sagt, weil der Dinge viele sind und sie sich ändern.

Woher aber der Schein, der Wahn? Darüber haben die Eleaten keine

Vermutung ausgesprochen, und so stehen sie den Indiern erheblich

nach, die wenigstens ein Prinzip dafür aufgestellt haben, wenn dieses

auch nichts anderes besagt, als daß der Schein, als Unkenntnis und

Täuschung, ein Etwas für sich sei, das zusammen mit dem Absoluten die

Welt gebe. In der Tat ist auch die eleatische Lehre nur nach Worten

monistisch, an sich verfährt sie dualistisch, denn der Schein ist

nicht Sein, und doch sind beide vorhanden. Hierher gehört im Grunde

auch die sogenannte ~Megarisch-Elische Schule~ (von ~Eukleides~ aus

Megara, einem Verehrer des Sokrates begründet), die nur ein Seiendes

anerkannte, das ~Gute~, alles andere in der Welt für nichtseiend,

Schein erklärte und sich der eleatischen Dialektik zum Nachweis einer

solchen Behauptung bediente. Im übrigen ist der eleatischen Lehre

Großartigkeit nicht abzusprechen. Melissos sagt: „So ist es (das

Seiende) denn ewig, und unendlich, und eins, und ein in sich gleiches

Alles. Und es könnte nicht irgend einmal untergehen, noch empfindet

es Schmerz oder Leid.“ „Auch gibt es kein Leeres, denn das Leere ist

nichts; demnach kann das, was ja nichts ist, nicht vorhanden sein.“

Also Eins nur besteht, zeitlich und räumlich überall, nie sich ändernd,

in sich ohne jede Unterscheidung.

An diese Lehren schließen sich sachlich die des ~Skeptizismus~

(Skepsis, Zweifel) an. Sie können hier kurz behandelt werden, da sie

nicht eigentlich eine Welt- und Lebenanschauung geben. Die Erfahrung,

wie vieles unsicher und widersprechend ist, führt zu der Meinung, daß

man nichts mit Bestimmtheit behaupten könne, und in der Übertreibung,

deren sich die ~Sophisten~ schuldig gemacht haben, daß man von allem

alles behaupten könne, was sie in ihrer Streitmethode, ~Eristik~, zu

so scharfsinnigen Auseinandersetzungen, aber auch zu so verderblichen

Lehren geführt, hat. ~Protagoras~ (480-410 v. Chr.), ~Gorgias~

(zwischen 484 und 375), ~Prodikos~, ~Hippias~ sind die hervorragendsten

Vertreter der noch wissenschaftlichen und ethischen Schule der

Sophistik. Das Heer der übrigen Sophisten darf übergangen werden. Der

ungeheure Einfluß der Sophisten als Lehrer, namentlich der praktischen

Staatskunst, ist bekannt. Manche unter ihnen haben Macchiavelli

nichts nachgegeben. Von Protagoras rührt der Spruch her: „Aller Dinge

Maß ist der Mensch, das Seiende für sein Sein, das Nichtseiende für

sein Nichtsein“. Dieser Satz ist offenbar von Wichtigkeit für den

Idealismus überhaupt, namentlich in dessen Form als ~Kritizismus~.

Skeptizismus findet sich naturgemäß überall in der Philosophie. In

die Akademie eingeführt hat ihn ~Pyrrhon~ aus Elis (365-275 v. Chr.).

Ein bedeutender Vertreter ist ~Arkesilaos~ (315 bis 240 v. Chr.), der

jede Möglichkeit, durch Erfahrung oder Nachdenken zu Erkenntnissen zu

gelangen, bestritt, also für die Wahrheit kein Merkmal in der Welt

fand, und dem so die Wahrscheinlichkeit (Eulogon) als Richtschnur aller

Behauptungen und Handlungen dienen mußte. Das eigentliche Haupt der so

genannten ~Neuen Akademie~ war aber ~Karneades~ aus Kyrene (224-155

v. Chr.), der unerbittliche Kritiker den Dogmatikern gegenüber, die

sich wesentlich aus der stoischen Schule rekrutierten. Ein höchst

scharfsinniger Mann, vermochte er alle dogmatischen Lehren von Gott

und Wahrheit mit guten Gründen anzugreifen und zu bekämpfen, indem er

überall Widersprüche und nicht zu beweisende Annahmen aufdeckte. Nun,

die Menschheit leidet ja von je daran. Wäre dem nicht so, so gäbe es

ja keine Wissenschaft von Welt und Gott, sondern ein Wissen. Darum

gerade retten sich die einen in die Dogmatik, andere in den Glauben,

noch andere in die Wahrscheinlichkeit, und viele in die Intuition.

„Was ist Wahrheit?“ soll Pilatus gefragt haben. Das wird eben immer

und von je gefragt. Und die Untersuchungen der neueren Philosophie

richten sich eben auf die Kriterien der Wahrheit, und darauf, eine

Wahrheit aufzustellen, um alles andere daran anschließen zu können,

wie Descartes eine solche in dem Ausspruch „Ich denke, also bin ich!“

gefunden zu haben glaubte und Fichte in seinem Ich-Satz. Wir werden

noch vielen Skeptikern begegnen.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 95 / 108 题