Die ~Indier~ hatten auch die Anschauung, daß die ganze Welt,
einschließlich aller Lebewesen, nur ein Traum Brahmas sei. Mit dem
Traum ist alles entstanden, und wenn Brahma erwacht, ist alles
geschwunden, wie die Bilder unserer Träume kommen und spurlos verwehen.
Denn Traumgestalten sind wir, und Traumgestalten sind Himmel, Gestirne
und Erde. Eine Milderung dieser Anschauung bedeutet es, wenn, in einer
anderen Anschauung, dieser Traum nur in den Menschen verlegt wird, es
also heißt, die Welt ist nur in ~uns~ als ein Traum. Wir bestehen,
die Welt aber besteht nur in uns. Unser irdisches Leben ist Träumen.
Sind wir von diesem Leben befreit, so ist keine Welt, nur wir sind. In
dieser, dem Verständnis aus der Analogie unserer wirklichen Traumwelten
leichter zugänglichen Form ist die Lehre weit verbreitet. Wir finden
sie selbst bei den realistischen Chinesen. Lao-tsse sagt, das Leben sei
ein Gaukelspiel eines wirren Traumes.
Indessen gibt dieses letztere kein philosophisches System, weil
es gar zu sehr metaphorisch unernst wirkt. In der ersten Wendung
aber finden wir bei den Indiern Lehren, die durchaus einem solchen
philosophischen System angehören. Eines nur ist: Brahman (S. 230).
Dieses Eine ist ewig und unveränderlich, ohne jede Qualität, ein
absolutes Eins. Zu diesem Eins kommt das Unwissen (Avidyiâ), oder
das Sichtäuschen (Mâyâ), ein Unbegreifliches; und unter diesem ist
das Eins Mannigfaltigkeit, Welt geworden, mit allen Dingen und allen
Veränderungen. Das ist ein Pantheismus, aber nur als Phänomen, nicht
als Wirklichkeit; die transzendente Wirklichkeit ist allein das Eins,
Brahman. Die Dinge und die Vorgänge sind als Täuschung praktisch real,
als transzendente Wirklichkeit Nichts, oder vielmehr Brahman. So lautet
die ~Illusionslehre~ des ~Sankara~ in der Vedantaphilosophie (S. 259):
„In einem halben Vers will ich erklären, was in Millionen Bänden
erklärt worden ist;
Brahman ist wahr, die Welt ist falsch, die Seele ist Brahman und
nichts anderes.“
Und so besteht ein doppelter Brahman, die absolute transzendente
Wirklichkeit, das Eins, Param Brahman, und die Illusionswirklichkeit,
das phänomenale Brahman, Aparam Brahman. Damit hat die Welt Realität
und hat auch keine. Praktisch ist sie aber durchaus real. Letzteres
mußte Sankara lehren, denn sonst fielen ja alle ethischen Grundsätze
und alle Religion mit allen Göttern fort, und für Sankara war die Veda
eine heilige Schrift. Warum die Illusion hinzukommt, wird nicht gesagt,
noch woher sie stammt. Sie wird aber mitunter neben Brahman (oder ~in~
Brahman?) so real bezeichnet, daß sie als Mâyâ Persönlichkeit erlangt,
gar als Gattin Brahman sich zugesellt.
Der Leser, dem die griechische Philosophie bekannt ist, wird schon
bemerkt haben, welche außerordentliche Ähnlichkeit die obigen
Darlegungen mit denen der Schule der sogenannten ~Eleaten~ haben.
Als Stifter dieser Schule wird ~Xenophanes~ (S. 231) bezeichnet,
ein Ionier, der sich in Elea in Unteritalien niederließ. Er ist es,
von dem der berühmte Ausspruch stammt, daß, wenn Rosse und Ochsen
„malen könnten und Werke bilden wie die Menschen, so würden die Rosse
roßähnliche, die Ochsen ochsenähnliche Göttergestalten malen und
Werke bilden, wie jede Art gerade selbst das Aussehen hätte“. Und
so tadelte er die Griechen nicht bloß wegen ihrer Anthropomorphie
der Götter, sondern auch wegen ihrer Götter-Vielheit. Nur einen Gott
gibt es, ein Eins, ein Ewiges, Unvergängliches. Und dieses ist das
Weltganze. Mehr ist von seinen allgemeinen Lehren mit Zuverlässigkeit
nicht bekannt. Selbst daß er in Gott das Weltganze gesehen hat,
dürfte mehr Vermutung sein, da, was er sonst von der Welt sagt, rein
physisch ist und der Würde der Gottheit kaum entspricht. Sicherer
ist was ~Parmenides~ (um 544 v. Chr. geboren) aus Elea lehrte:
„Nötig ist dies zu sagen und zu denken, das Seiende existiert, denn
das Sein (τὸ ἐόν) ist, das Nicht ist nicht.“ „So bleibt nur noch
Kunde von einem Wege, daß das Seiende existiert. Darauf stehen gar
viele Merkpfähle. Weil ungeboren, ist es auch unvergänglich, ganz,
einziggeboren (μονογενές), unerschütterlich und ohne (zeitliches)
Ende. Es war nie und wird nicht sein, weil es jetzt ganz alles ist.“
„Auch teilbar ist es nicht, weil es ganz gleichartig ist. Und es ist
auch nirgend etwa ein intensiveres, das seinen Zusammenhang hindern
möchte, noch ein geringeres; es ist ganz vom Seienden erfüllt...
Sodann liegt es unbeweglich in den Schranken starker Fesseln, ohne
Anfang, ohne Ende... Als Selbiges in Selbigem verharrend, ruht es in
sich selbst und verharrt so standhaft alldort. Denn der starke Zwang
(ἀνάγκη, Ananke) hält es in den Banden der Schranke, die es rings
umgibt. Darum darf das Seiende nicht unabgeschlossen sein, denn es ist
mangellos, und es wäre gänzlich mangelhaft, wär’s anders...“ (Diels:
Fragmente der Vorsokratiker. Ich habe hier und im folgenden, sowie
im voraufgegangenen, die Übersetzungen dabei benutzt, jedoch, meinem
Zweck entsprechend, sie möglichst genau an den Wortlaut des Originals
angepaßt.) Schon der Abschluß zeigt, daß Parmenides sich das Seiende
als eine Realität dachte. Was er weiter sagt, rückt diese Realität fast
ins Materielle: „Aber da eine letzte Grenze vorhanden ist, so ist das
Seiende abgeschlossen nach allen Seiten hin, vergleichbar der Masse
einer wohlgerundeten Kugel, von der Mitte nach allen Seiten hin gleich
stark“. Das wäre auch der Sphairos des Empedokles (S. 231). Es ist
aber nichts weiter als dieses in sich gleiche, in sich ruhende, rings
umschränkte, zeitlose, absolut Seiende. „Und so ist auch alles leerer
Schall, wovon die Menschen sprechen, überzeugt, es sei wahr: nämlich
~Werden sowohl als Vergehen, Sein sowohl als Nichtsein, Veränderung
des Ortes und Wechsel der Farbe, überhaupt der Eigenschaften~.“ In
diesem letzteren Satze liegt das Schwergewicht der eigentlichen Lehre.
Und dieser Satz hat die Philosophen unendlich geplagt, und plagt sie
noch jetzt. Er besteht im Grunde aus zwei Sätzen: „Aus Nichtsein kann
kein Sein werden“ und „Aus Sein kann kein Nichtsein hervorgehen“. Indem
ein jedes Entstehen bedeuten soll, daß vorher Nichtsein war, wo jetzt
Sein ist, und ein Vergehen, daß jetzt Nichtsein ist, wo vorher Sein
war, dürfte es überhaupt keine Änderung geben, da nur das Sein da sein
soll. Es ist bekannt, wie der Hauptdialektiker der Eleaten, ~Zenon~
(etwa nach 500 v. Chr. geboren), gleichfalls aus Elea, mit diesen
Sätzen bewies, es gäbe in der Tat nicht die geringste Änderung in der
Natur. Nicht einmal Bewegung sei möglich, denn alles setze sich aus
Ruhe zusammen, und Ruhe sei keine Änderung; der Übergang aus einer Ruhe
in eine andere aber sei undenkbar, weil dabei ein Seiendes schwände
und ein Nichtseiendes entstehe. „Das Bewegte bewegt sich weder in dem
Raume, in dem es sich befindet, noch in dem es sich nicht befindet.“
Das gehört nicht hierher; es kommt im Grunde alles darauf hinaus, daß
ein „Werden“ und „Vergehen“ als für sich begrifflich nicht faßbar
angesehen wird und durchaus aus Nichtsein und Sein oder aus Sein und
Nichtsein soll zusammengesetzt sein müssen. ~Herakleitos~ ist gerade
vom entgegengesetzten Standpunkt ausgegangen (S. 238), für ihn gab es
nur „Werden“ und „Vergehen“. Auch die Spitzfindigkeiten der Eleaten
-- wie die berühmte Schlußfolge, Achill könnte nie eine Schildkröte
einholen, weil, so oft er einen Weg mache, die Schildkröte doch auch
einen zurücklege, also ihm immer voraus sei -- beruhen auf solchen
Unfaßbarkeitsannahmen, die dann Zusammensetzungen aus Widersprechendem
bedingen. Seltsamerweise spukt die Formel: Werden = Sein + Nichtsein
noch heute in vielen Köpfen. Die Eleaten leugneten auch alle Größe
und alle Teilung ab, kurz alles, was die Welt als Mannigfaltigkeit in
Raum und Zeit darstellt. Nur das Sein erkannten sie an. Was ist dann
die Welt? -- Lediglich Schein, nichts als Schein, ganz im Sinne der
Indier. Und wenn beispielsweise Parmenides ziemlich eingehend von der
Entstehung und Ordnung der Welt spricht, so bemerkt er, daß es sich
doch um ein „Wahngebild“ handelt und um „Wahngedanken“. ~Melissos~ aus
Samos (um 440) sagt, weil der Dinge viele sind und sie sich ändern.
Woher aber der Schein, der Wahn? Darüber haben die Eleaten keine
Vermutung ausgesprochen, und so stehen sie den Indiern erheblich
nach, die wenigstens ein Prinzip dafür aufgestellt haben, wenn dieses
auch nichts anderes besagt, als daß der Schein, als Unkenntnis und
Täuschung, ein Etwas für sich sei, das zusammen mit dem Absoluten die
Welt gebe. In der Tat ist auch die eleatische Lehre nur nach Worten
monistisch, an sich verfährt sie dualistisch, denn der Schein ist
nicht Sein, und doch sind beide vorhanden. Hierher gehört im Grunde
auch die sogenannte ~Megarisch-Elische Schule~ (von ~Eukleides~ aus
Megara, einem Verehrer des Sokrates begründet), die nur ein Seiendes
anerkannte, das ~Gute~, alles andere in der Welt für nichtseiend,
Schein erklärte und sich der eleatischen Dialektik zum Nachweis einer
solchen Behauptung bediente. Im übrigen ist der eleatischen Lehre
Großartigkeit nicht abzusprechen. Melissos sagt: „So ist es (das
Seiende) denn ewig, und unendlich, und eins, und ein in sich gleiches
Alles. Und es könnte nicht irgend einmal untergehen, noch empfindet
es Schmerz oder Leid.“ „Auch gibt es kein Leeres, denn das Leere ist
nichts; demnach kann das, was ja nichts ist, nicht vorhanden sein.“
Also Eins nur besteht, zeitlich und räumlich überall, nie sich ändernd,
in sich ohne jede Unterscheidung.
An diese Lehren schließen sich sachlich die des ~Skeptizismus~
(Skepsis, Zweifel) an. Sie können hier kurz behandelt werden, da sie
nicht eigentlich eine Welt- und Lebenanschauung geben. Die Erfahrung,
wie vieles unsicher und widersprechend ist, führt zu der Meinung, daß
man nichts mit Bestimmtheit behaupten könne, und in der Übertreibung,
deren sich die ~Sophisten~ schuldig gemacht haben, daß man von allem
alles behaupten könne, was sie in ihrer Streitmethode, ~Eristik~, zu
so scharfsinnigen Auseinandersetzungen, aber auch zu so verderblichen
Lehren geführt, hat. ~Protagoras~ (480-410 v. Chr.), ~Gorgias~
(zwischen 484 und 375), ~Prodikos~, ~Hippias~ sind die hervorragendsten
Vertreter der noch wissenschaftlichen und ethischen Schule der
Sophistik. Das Heer der übrigen Sophisten darf übergangen werden. Der
ungeheure Einfluß der Sophisten als Lehrer, namentlich der praktischen
Staatskunst, ist bekannt. Manche unter ihnen haben Macchiavelli
nichts nachgegeben. Von Protagoras rührt der Spruch her: „Aller Dinge
Maß ist der Mensch, das Seiende für sein Sein, das Nichtseiende für
sein Nichtsein“. Dieser Satz ist offenbar von Wichtigkeit für den
Idealismus überhaupt, namentlich in dessen Form als ~Kritizismus~.
Skeptizismus findet sich naturgemäß überall in der Philosophie. In
die Akademie eingeführt hat ihn ~Pyrrhon~ aus Elis (365-275 v. Chr.).
Ein bedeutender Vertreter ist ~Arkesilaos~ (315 bis 240 v. Chr.), der
jede Möglichkeit, durch Erfahrung oder Nachdenken zu Erkenntnissen zu
gelangen, bestritt, also für die Wahrheit kein Merkmal in der Welt
fand, und dem so die Wahrscheinlichkeit (Eulogon) als Richtschnur aller
Behauptungen und Handlungen dienen mußte. Das eigentliche Haupt der so
genannten ~Neuen Akademie~ war aber ~Karneades~ aus Kyrene (224-155
v. Chr.), der unerbittliche Kritiker den Dogmatikern gegenüber, die
sich wesentlich aus der stoischen Schule rekrutierten. Ein höchst
scharfsinniger Mann, vermochte er alle dogmatischen Lehren von Gott
und Wahrheit mit guten Gründen anzugreifen und zu bekämpfen, indem er
überall Widersprüche und nicht zu beweisende Annahmen aufdeckte. Nun,
die Menschheit leidet ja von je daran. Wäre dem nicht so, so gäbe es
ja keine Wissenschaft von Welt und Gott, sondern ein Wissen. Darum
gerade retten sich die einen in die Dogmatik, andere in den Glauben,
noch andere in die Wahrscheinlichkeit, und viele in die Intuition.
„Was ist Wahrheit?“ soll Pilatus gefragt haben. Das wird eben immer
und von je gefragt. Und die Untersuchungen der neueren Philosophie
richten sich eben auf die Kriterien der Wahrheit, und darauf, eine
Wahrheit aufzustellen, um alles andere daran anschließen zu können,
wie Descartes eine solche in dem Ausspruch „Ich denke, also bin ich!“
gefunden zu haben glaubte und Fichte in seinem Ich-Satz. Wir werden
noch vielen Skeptikern begegnen.