39. Deistischer Rationalismus.

Die weitere Entwicklung der Philosophie und Wissenschaft war jedoch

zunächst der intuitiv-religiösen Auffassung der Welt und des Lebens an

sich nicht günstig und mußte zu kühlerer Betrachtung der Dinge führen

und so an Stelle der Intuition den vernunftgemäßen ~Rationalismus~,

die festen Regeln der Vernunft, setzen. Rationalistisch ist schon die

Sokratische Ethik, ebenso zu einem sehr großen Teil die Aristotelische

Philosophie und vieles andere von dem, was ich schon vorgetragen habe

(„Nichts Größeres als Vernunft, denn sie ist die Seele der Seele“, soll

Scaligers Wahlspruch gewesen sein). Der moderne Rationalismus beginnt

mit dem Urheber der modernen Philosophie, ~René Descartes~, ~Renatus

Cartesius~ (1596 zu La Haye bei Tours geboren, 1650 zu Stockholm

gestorben). Er muß aber bei diesem noch durchaus als mit Deismus

gemischt bezeichnet werden, weil Gott ganz und gar noch in der Mitte

der Anschauung steht. Sein Rationalismus beruht auf Gottbeweisen.

„Der formale Grund,“ sagt Descartes, „woraus wir den Glaubenssachen

zustimmen, besteht in einem gewissen inneren Licht, mit dem, von

Gott erleuchtet, wir vertrauen, daß was uns zu glauben gelehrt wird,

von ihm enthüllt ist, und daß er nicht lügen kann, da jenes Licht

sicherer ist als das ganze Licht der Natur.“ Das ist zunächst noch

durchaus theosophisch gesprochen. Und Descartes ist gläubiger, sogar

wundergläubiger Katholik. Gleichwohl ist er Rationalist, er will

überall mit Vernunftgründen beweisen. Mit dem „Licht der Natur“ will

er wissenschaftlich in alles Natürliche hineinleuchten und nur beim

Allerletzten dem übernatürlichen Licht, der inneren Offenbarung,

Intuition, sein Vertrauen schenken. Dieses lehrt ihn aber, daß Gott in

jedem Augenblicke Grund der Welt ist, daß diese ins Nichts versinkt,

sobald er sie verläßt. Und so ist auch das natürliche Licht von Gott

in der Natur entzündet, denn Gott kann nur wahr sein, selbst in seinen

Werken. Diese Wahrheit ist an sich eine relative, sofern Gott die Welt

auch ganz anders hätte schaffen und einrichten können, als geschehen

ist; für uns jedoch bedeutet sie eine absolute nach unserer Art.

Unter solchen Umständen nimmt es sich sonderbar aus, daß Descartes

gleichwohl, mit anderen vor ihm, sich noch nach ~Beweisen~ für das

Dasein Gottes umschaut. Diese sind eben ein Teil seines Rationalismus.

Er geht von dem berühmten Satz aus: „Je pense, donc je suis“; cogito,

ergo sum; Ich denke, also bin ich; einem Satze, der sich lange vor ihm

schon ausgesprochen findet. Das ist also eine Gewißheit: „Ich bin“.

Aus dieser Gewißheit schöpft er die weitere: Was ich für sicher weiß,

oder einfacher, was in mir keinen Widersprüchen begegnet, ist auch

wahr. Und wie so viele vor ihm und nach ihm vertauscht er das Wahre

mit der Existenz. Wir haben in uns eine Idee von einem unendlichen,

absolut vollkommenen und absolut realen Wesen. Nun sind wir selbst

endlich, unvollkommen und zeitlich beschränkt. Und alles um uns ist

es gleichfalls. Also können wir jene Idee weder aus uns noch aus der

Natur geschöpft haben. Und folglich ist sie absolute Wahrheit, und Gott

besteht. Offenbar ist dieser ~psychologische~ oder ~anthropologische~

Beweis einzig ein intuitiver. Er ist nicht falsch, wie man oft

behauptet hat; er ist nur, als intuitiv, unserer discursiven Vernunft,

die rein logisch schließt und sagt, weder ein Unendliches noch ein

Absolutes liege ~fertig~ in unserem Geiste, sondern nur als stetig

fortgeführte Abstraktion, unzugänglich. Der andere Beweis heißt der

~ontologische~. Im Grunde ist er eine Ergänzung zum psychologischen.

In diesem wurde die absolute Realität Gottes vorgesetzt. Descartes

meint, diese gehöre schon zum absolut Vollkommenen; was absolut

vollkommen ist, muß auch wirklich sein. Die Wurzel steckt in der so

oft gemachten Annahme, daß alles Unvollkommene aus einer Beimischung

von Nichtwirklichem, Nichtseiendem herstamme, die der Leser im

Voraufgehenden so oft hat hinnehmen müssen. Aber dieser Zusatzbeweis

ist an sich nicht nötig. Der psychologische Beweis genügt für die

Intuition völlig. Und wer keine Intuition zugibt, dem hilft der

Zusatzbeweis auch nicht, denn wie Kant nachgewiesen hat, gehört das

~Dasein~ nicht zu dem Begriff eines Dinges, wie die übrigen Merkmale.

Hat nun Gott auch keine Merkmale, was bleibt dann übrig, wenn ihm auch

das Sein entzogen wird?

Im Menschen erkennt Descartes eingeborene Begriffe (ideae innatae,

apriorische), sodann empirisch erworbene, auch abgezogene Begriffe

(ideae adventitiae, aposteriorische), zuletzt hervorgebrachte Begriffe

(ideae factae). Die ersteren umfassen die Hochbegriffe Gott, Wahrheit,

Freiheit usf.; die mittleren dienen zur Erkenntnis der Natur; die

letzten zum Hinausgehen über das unmittelbar in der Natur Gegebene,

im Anschluß daran. Vor allem ist der Mensch ein geistiges Wesen.

Descartes sieht aber in der Welt, wie Gott sie geschaffen hat, einen

Dualismus: Geist und Materie. Begrifflich werden beide als „~Substanz~“

bezeichnet. Jedes von ihnen hat ein „~Attribut~“: der Geist stetiges

Denken, die Materie Ausdehnung. Die Einzelnen sind „~Modi~“: im Geist

die Gedanken, in der Materie die Körper mit Figur, Größe, Bewegung,

Ruhe usf. Diese beiden Substanzen sind absolut getrennt; und jede

besteht nach ihrer Art, der Geist nach geistiger, die Materie nach

mechanischer Art. Dinge ohne Geist haben nur mechanistisches (besser

physisches) Leben. So unser Körper, in dem alles rein mechanisch

geschieht, wie in unbelebten Körpern, in Maschinen. Tiere und Pflanzen

sind den unbelebten Dingen gleich, sind Maschinen. Der Mensch hat noch

den unsterblichen Geist. Die Welt, ohne die Geister, ist hiernach auch

eine gewaltige Maschine. Geschaffen wurde sie als eine harte Masse.

Gott zerschlug diese Masse und setzte ihre Teile (wie bei Anaxagoras

der Nus) in wirbelnde Bewegung. Nun stießen und rieben diese Teile

aneinander, und es entstand so eine feine, gröbere und ganz grobe

Materie. Die feine zerstreute sich am weitesten in das All und bildete

in inneren Wirbeln allmählich die Sonne und die Fixsterne. Die gröbste

Materie gab Erde, Planeten, Monde, Kometen usf. Die mittlere Materie

wirbelt noch um Sonnen und Planeten und andere Körper und reißt die

Planeten um die Sonnen, die Monde um die Planeten herum. Eine gewisse

Ordnung unter allen Körpern entsteht durch das Stoßen und Reiben;

wie auch die drei Materien sich durch Stoßen und Reiben voneinander

geschieden haben. Descartes ist, wie wir sehen, in seinem Dualismus

theosophischer Deist in bezug auf Gott und Geist, Mechanist in bezug

auf die Körperwelt nach ihrer Entstehung und der ihr eingeprägten

Bewegung.

Wie wirkt aber die Seele auf den Körper? An sich kann eine solche

Wirkung nicht stattfinden. Was Descartes darüber sagt, ist lediglich

seinen mechanistischen Anschauungen nachgebildet. Die Seele sitzt

in der Zirbeldrüse, in der Mitte des Gehirns. Die zu dieser Drüse

führenden Nerven werden von feinstem Blut (spiritus animalis)

durchströmt. Dadurch kommt die Drüse in Schwingungen, die die Seele

aufnimmt. Umgekehrt muß diese die Drüse in Schwingungen versetzen,

die den Gang des feinsten Blutes regulieren und so auf den Körper

mittelbar wirken. Diese Vergrobsinnlichung kann einen modernsten

Mechanisten erfreuen, aber die Frage nicht lösen. Darum ruft ~Geulincx~

(aus Antwerpen 1625-1669) Gott zu Hilfe. Jedem körperlichen Vorgang

entsprechend veranlaßt Gott einen seelischen, und jedem seelischen

entsprechend einen körperlichen. So lenkt Gott die Seele nach dem

Körper und den Körper nach der Seele. Frei ist nur immer je der

erste Vorgang, je der zweite ist von Gott veranlaßt, ausgelöst.

Also wirkt Gott ~gelegentlich~, es ist ein ~Okkasionalismus~, der

eine höhere Bedeutung gewinnt, wenn Gott nicht jedesmal regulierend

eingreift, sondern von vornherein Seele und Körper so gegeneinander

abgestimmt hat, daß sie, obwohl sich gegenseitig absolut fremd, doch

aufeinander antworten. Der Pariser ~Malebranche~ (1638 bis 1715) faßt

das Verhältnis, nach Geulincx’ Vorgang, in dieser Weise auf. Aber

beide haben in Descartes’ Philosophie noch die Wendung gebracht, daß

der Geist überhaupt von Gott ist, die Materie freilich nicht. Dieser

Dualismus geht dann in einen solchen zwischen Gott und Welt über; und

er ist wenigstens insoweit pandeistisch, als Gott in den geistigen

Dingen vorhanden ist, vielleicht auch in den nichtgeistigen, sofern es

sich um Vorgänge handelt.

Es ist üblich, an diese Betrachtungen Spinozas Lehren anzuschließen,

gewissermaßen als letzte Ausbildung der Cartesischen. Allein Spinozas

Anschauungen sind rein monistisch und auch in keiner Weise deistisch.

Spinoza selbst hat Cartesius’ Schriften interpretiert und mag auch

sein System als aus dem Cartesischen erwachsen angesehen haben. Es ist

aber nicht mehr daraus hervorgegangen als des Cartesius’ System aus

irgendeinem der früheren Systeme mit Gott, Geist und Materie. Und das

rationalistische ist bei Cartesius kaum wo zu finden als in solchen

„Beweisen“, deren einer oben angeführt ist und seinen Grund doch allein

in der Intuition hat. Denn wiewohl Cartesius, wie schon bemerkt, auch

das natürliche Licht, die Erkenntnis aus dem Vorhandenen, auf Gott

zurückführt, ist er doch voller Zweifel an der Wirksamkeit dieses

Lichtes. Fürchtet er doch mitunter, daß dieses Licht von einem bösen

Dämon herrühren möchte, welcher uns Falsches für Gewisses vorspiegelt.

So daß ihm zuletzt nur das Intuitive bleibt, als das einzig Sichere,

wozu zunächst sein Grundsatz vom Dasein Gottes gehört und damit in

Verbindung der vom eigenen Dasein, der demnach lauten müßte: ~Ich

schaue Gott, also bin ich~ (contemplor deum, ergo sum). Und in der Tat

ist Descartes auch nicht übel geneigt, den Geist als eine Emanation

Gottes anzusehen. Mit Descartes’ Deismus hängt auch zusammen, daß er

die Welt unendlich im Raume und unendlich in der Dauer, aber endlich

in der Entstehung auffaßt, und daß, wo er seinem Mechanismus abhold

wird, er Gott nicht allein die Schaffung der Welt, sondern auch ihre

stete Erhaltung und Leitung zuschreibt. In der Frage des freien Willens

verhält er sich sehr unsicher. Als Mechanist muß er ihn leugnen. Als

Deist kann er ihn bis zu einem gewissen Grade zulassen. Und in dem

Schwanken zwischen Mechanismus und Deismus ist wohl das Unsichere und

Sichwidersprechende in Descartes’ Anschauungen überhaupt zu suchen.

Spinozas System, das wir später kennen lernen werden, ist durchaus

konsequent. Und die Kunstausdrücke, die er nach Cartesius’ System

verwendet, besitzen ganz andere Wertgebung.

40. ~Prästabilierte Harmonie, Determinismus, Monaden, Korpuskeln,

Realen, Samen.~

Wir haben bereits an mehreren Stellen von der Anschauung einer

„Sympathie der Dinge“ gesprochen, durch die der Zusammenhang zwischen

den Dingen in der Welt erklärt werden sollte. Den Gipfel solcher

Lehren bildet die ~prästabilierte Harmonie~ in Verbindung mit der

~Monadologie~. Eine erste Fassung finden wir bei ~Franz Mercurius

van Helmont~ (1618-1699), dem Sohn des uns schon bekannten Arztes.

Wie er die Seele stoisch betrachtet, so hat er sich im Grunde auch

eine Art Pandeismus zurecht gelegt, indem Gott zwar von allen Dingen

verschieden, aber doch nicht von allen Dingen abgetrennt oder geteilt

sein soll. Da Gott selbst ohne Zeit, ohne Raum, ohne Änderung, ohne

Vielheit ist, so läßt sich sein Zusammenhang mit den Dingen nur so

verstehen, daß er die Welt ständig ohne Ende schafft, indem er immer

weiter zu dem Vorhandenen Neues hinzubringt und zugleich alles zur

Veränderlichkeit bestimmt. Gedacht ist dieses emanistisch; der Mittler

ist das feinste von Gott ausgehende und das All erfüllende Licht, die

Welt ist ein davon abgeschwächtes. Und Christus ist insofern in der

Tat die Mitte, als er nur zum Guten veränderlich ist, nicht zum Bösen,

während die Geschöpfe zum Guten und Bösen sich neigen. Indessen ist

auch den Geschöpfen verliehen, sich dem Guten unendlich zu nähern,

und darin beruht die Unendlichkeit der Schöpfung. Die Geschöpfe

enthalten von Gott das Gute als Keim, und jedes Geschöpf ist eine

Unendlichkeit für sich, indem es eine geistige Reihe ohne Ende bildet.

So spiegelt jedes Geschöpf in gewisser Hinsicht Gott selbst ab, nur

unendlich unvollkommener als Gott. Wie Licht bemerkt wird, wenn es

an einem Körper reflektiert, (wir müssen sagen in uns, an der Retina

auftrifft), so kommt Gottes Licht zum Bewußtsein, indem es auf eine

dunkle Substanz trifft, die Materie des Körpers. Darum ist der Körper

notwendig auch zum Bewußtsein Gottes; als wenn das Licht seiner selbst

bewußt wird, indem es auf einen hemmenden Körper stößt. Lehren,

wonach Gott sich nur in der Schöpfung kennt, sind bereits erwähnt.

Und von Gott strahlt es auch ins Unendliche nach allen Seiten aus.

Dadurch ist die Verbindung aller Dinge bewirkt, indem eben jedes Ding

zu jedem Ding und durch jedes Ding geistige Emanationen sendet. So

wäre jedoch nur eine Art allgemeine Statik erreicht. Zur Dynamik in

der Welt kann van Helmont nur durch Mitwirkung Gottes gelangen. Die

Welt besteht aus unzähligen, unteilbaren ~Monaden~, die das physische

Leben bedingen, deren jede aber für sich absolut ein Individuum ist.

Verbunden sind die Monaden durch gottentstammte, allgemeine Sympathie

(wohl emanistisch so gedacht wie die Verbindung von Gott mit der Welt),

und ihre Wirkung aufeinander geschieht durch von Gott eingepflanzte

Bewegungsmöglichkeit der einen Monade zu der anderen. Also rührt alles

von Gott her, Unendlichkeit jedes Individuums zum Guten, Endlichkeit

zum Bösen, Sympathie Jedes gegen Jedes, Wirkung Jedes gegen Jedes. Die

körperlichen und geistigen Dinge sind Aggregate von Monaden, die unter

der Herrschaft einer Monade, der Seele, stehen, die als Zentralgeist

alle einzelnen Monaden in sich faßt, insbesondere des betreffenden

Dinges, aber auch der übrigen Welt (durch Sympathie?). Und wie keine

Monade, nachdem sie geschaffen, untergehen kann, so erst recht nicht

die Seele. Was noch von mehreren Welten gesagt wird, reicht ins

Mystische. Vier sind vorhanden: die oberste Welt ist Christus als

Lichtall. Die folgende, Welt der Schöpfung, ist wohl als eine Art

platonischer Ideenwelt gedacht. In der dritten Welt, Welt der Bildung,

wird in der oberen Schicht das Gute der Ideen verwirklicht, in der

unteren das Unvollkommene. Die Festigkeit nehmen die unvollkommenen

Verwirklichungen in der vierten, mechanischen körperlichen Welt der

Gestaltung. So gehört der Körper der vierten, der Geist der dritten,

die Seele der zweiten Welt an. Das stellte die eigentliche Welt (Mundus

factionis) wieder sehr niedrig, wenn eben nicht Gottes Strahlen bis

in sie hineinreichten und so eine Entwicklung nach oben ermöglichten.

Diese Entwicklung aber schließt die Seelenwanderung, „Revolution der

Seelen“, ein. Jede Seele bildet sich ihren Körper aus den Monaden

nach der durch ihren Zustand bestimmten Herrschermacht. So entwickelt

sich ihr Leib mit ihrer eigenen Entwicklung, und sie kann so aus den

niedrigsten Existenzen zu den höchsten steigen, aber auch von höchsten

zu niedrigsten fallen. Hat sie auf Erden die höchste Existenz erreicht,

so geht sie in die erste Welt ein und kommt nicht wieder; dort

entwickelt sie sich noch weiter. Die Seelen der Kinder sind Monaden der

Eltern, daraus die Vererbung des Guten wie des Bösen. Sehr verständlich

ist die ganze Lehre offenbar nicht; sie enthält zuviel nach einer

Seite, der der Vollkommenheit, und zu wenig nach der anderen, der

des Schlimmen; das letztere ein Mangel, den wir ja überall getroffen

haben, außer bei Jakob Böhme. Eine wirkliche Harmonie haben wir hier

nicht, viel weniger eine prästabilierte. Aber die Anlage ist zweifellos

vorhanden, namentlich in den lebensvoll aufgefaßten Monaden.

Wir kommen zu einem der Größten, ~Gottfried Wilhelm Leibniz~. Er ist

zu Leipzig am 21. Juni 1646 als Sohn des Moralprofessors Leibniz

geboren. Gestorben ist er am 14. November 1716. Seine Bedeutung für

fast alle Zweige der Wissenschaft ist außerordentlich. Hier haben wir

es nur mit einer seiner Leistungen zu tun, die aus seiner Welt- und

Lebenanschauung fließt. In einer der vielen Auslassungen über seine

Anschauung, in der Schrift „De la nature en elle-même“, bezieht sich

Leibniz auf die bekannten Eigenheiten der Körper, die der „Trägheit“

zugeschrieben werden, und meint mit Recht, daß diese allein aus der

Ausdehnung der Dinge oder ihrer Masse nicht zu verstehen sei, daß es

sich vielmehr um etwas handle, das außerdem den Dingen noch zukomme.

„Und dieses substantielle Prinzip,“ sagt er, „das in den lebenden

Wesen Seele heißt, in den anderen substantielle Form, und die zusammen

mit der Materie eine wirkliche Substanz bildet, aber schon durch sich

eine Einheit darstellt, dieses Prinzip nenne ich eine ~Monade~.“ Die

Monaden sind einfach, ohne Teile, nicht bildbar und nicht vernichtbar,

außer durch Gott. Jede Monade ist ein Gegenstand für sich; irgendeine

Einwirkung auf ihr Wesen und in ihrem Wesen durch ein Äußeres, außer

durch Gott, ist absolut ausgeschlossen. „Die Monaden,“ heißt es in

der Monadologie, „haben keine Fenster, durch die etwas eindringen und

hinaussteigen könnte.“ Alle Änderungen einer Monade kommen aus ihrem

eigenen Inneren. Die Monaden sind erschaffen und dabei mit ihren

Änderungen begabt. Sie sind jede eine Einheit einer Vielheit von

Einzelheiten, die hiernach eine Beziehung bilden. Diese jedesmalige

Vielheit in der Einheit, wechselnd in den vorübergehenden Zuständen,

ist die ~Perzeption~, und was den Wechsel von einer Perzeption zur

anderen bewirkt, bildet die ~Appetition~. Solches muß aus unserem

Seelenleben erschlossen sein, da wir uns unserer Einheit bewußt

sind, zugleich aber auch der Vielheit in unseren Seelentätigkeiten.

Perzeption wäre also die jeweilige Wahrnehmung aller inneren

Tätigkeiten, Appetition die des Wechsels der Tätigkeiten. Hiernach

kann man die Monaden auch als Seelen ansehen oder als Entelechien (S.

250); letzteres, weil sie eine gewisse Vollkommenheit der Zwecklichkeit

besitzen. Doch reserviert Leibniz die Bezeichnung „Seele“ für

diejenigen Monaden, deren Perzeptionen mehr unterschieden und von

Gedächtnis begleitet sind. Die Monaden weichen nämlich voneinander ab

in Perzeption und Appetition. Aber selbst jede Seele verhält sich bald

deutlich, bald undeutlich bewußt, nur daß bei ihr die undeutlichen

Perzeptionen vorübergehend sind, die bei den einfachsten Monaden

dauernd. Monaden ohne jede deutliche Perzeption werden als „ganz bloß“

bezeichnet (Monades toutes nues). So stufen die Monaden sich ab von

gänzlicher Bloßheit bis zum Menschenseelischen, mit der Kenntnis der

notwendigen und ewigen Wahrheiten, und mit dem Bewußtsein von sich

selbst und von Gott. Alle Monaden haben die Gründe ihrer Vollkommenheit

und Unvollkommenheit in sich. Dem Grade der Vollkommenheit entspricht

die Tätigkeit (actio), dem der Unvollkommenheit das Leiden (passio).

Jede Monade hat ein Bewußtsein von demjenigen, was in den anderen

Monaden enthalten ist; sie gilt um so vollkommener, je mehr sie sich

a priori Rechenschaft geben kann von dem, was in den anderen Monaden

vorgeht; und darin besteht ihre Wirkung auf sie. Leidend verhält sie

sich, sobald der Grund von dem, was in ihr vorgeht, in demjenigen sich

befindet, das es deutlich in einem anderen, eben in ihr, kennt.

Die gegenseitige Wirkung ist hiernach nur eine ideelle. An sich liegt

sie in Gott, indem Gott bei Schaffung der Dinge überhaupt für jede

Monade mit Bezug auf alle anderen Monaden bedacht war. In diesem

Bedachtsein Gottes bei der Schaffung jeder Monade auf alle anderen

Monaden, wodurch deren geordnete Wirkungen aufeinander nach ewigen

Gesetzen sich erklärt, ist die ~prästabilierte Harmonie~ begründet.

Jede Monade wirkt zwar nur nach ihrer Art, aber diese Art ist von

vornherein so beschaffen, wie es die Rücksicht auf alle anderen Monaden

erforderte, so daß jede Monade nach ihrer Art ihre bestimmte Stellung

in der Welt von vornherein einnimmt. So hat jede Monade Bewußtsein

vom ganzen All. Indessen doch immer wieder in ihrer Art. Und so

schaut die Welt vom Gesichtspunkte (point de vue) jeder Monade anders

und anders aus. Aber wie eine Stadt von verschiedenen Standpunkten

verschiedene Anblicke bietet und doch nur immer dieselbe Stadt ist, so

die Welt. Sie ist nur eine, wenn auch von den verschiedenen Monaden

verschieden aufgefaßt. Gott ist aber der allgemeine Grund aller Dinge,

in ihm erscheint jedes wie es ist. Und wie es ist, mußte es aus der

Natur Gottes sein, der die Welt nicht nach einem willkürlichen Plan

so oder anders hätte schaffen können, sondern wie er sie geschaffen

hat, als Gott schaffen mußte. Denn Gott ist absolut vollkommen; sein

Können, sein Wissen, sein Wollen -- bei den Monaden: Subjekt (Eigen),

Perzeption, Appetition -- sind absolut unbeschränkt. Und weil sie

absolut sind, konnte es sich nicht um die „Wahl eines Besseren“

handeln, das ja ein endliches Wissen bedeutet.

Alle Dinge sind aus Monaden zusammengesetzt. Da die Wirkung der Monaden

aufeinander nur eine gedachte ist, so besagt die Zusammensetzung

nicht ein Zusammenhalten, sondern ein deutlicheres Bewußtsein

dieser Monaden von einander als von anderen Monaden, die nicht dem

betreffenden Dinge angehören. In dem Wechsel des Bewußtseins von dem

anderen ist es begründet, wenn Monaden aus den Dingen ausscheiden.

So ist alles Wachsen nur ein Zunehmen von Monaden mit Bewußtsein vom

Vorhandenen und im Bewußtsein des Vorhandenen. Und umgekehrt, alles

Schwinden eine Abnahme von Monaden mit solchem Bewußtsein und in

solchem Bewußtsein. Und so sind auch räumliche Form und Materie nur

solche Bewußtseinszustände. Alles dieses liegt in den Monaden und

der prästabilierten Harmonie. Und die Welt ist ein „Phainomenon bene

fundatum“, eine gewaltige Maschine, deren einzelne Teile, die Monaden,

gleiche Maschinen sind. Im Kleineren werden wir diese Vergleichung

später bei dem philosophischen Biologen ~Driesch~ wiederfinden. Die

Welt ist nirgend und niemals unterbrochen, sie ist kontinuierlich

und lebt kontinuierlich nach Gottes Harmonie. Die Unvollkommenheiten

liegen in der Endlichkeit der Monaden, hinsichtlich ihres Subjekts,

ihrer Perzeption und ihrer Appetition, die ja notwendig war, sollte

überhaupt eine Welt vorhanden sein, da, wenn diese Endlichkeit

aufgehoben wird, alles ja Gott ist. Dem Preis Gottes und dem Verhältnis

des Menschen zu ihm ist die berühmte Théodicée gewidmet. Diejenige

Monade in einem Ding, welche namentlich Bewußtsein von allen anderen

Monaden hat, ist die ~Zentralmonade~, bei den Lebewesen die ~Seele~.

Nur sofern eine solche Zentralmonade vorhanden ist, darf von einem

„Körper“ gesprochen werden, der im übrigen nichts bedeutet als Monaden,

hauptsächlich im Bewußtsein der Seele. So gibt es keinen Leib ohne

Geist. Aber auch keinen Geist ohne Leib, denn das würde bedeuten,

daß eine Monade überhaupt von anderen Monaden kein Bewußtsein hätte.

Freilich besagt dieses, daß im Grunde jeder Leib unendlich ist wie das

All, so daß an sich die ganze Welt, jedes darin Seele und Leib wäre,

und das was wir Leib nennen, nur den Teil bedeutete, der besonders zum

Bewußtsein gelangt ist. Dieser Schwierigkeit kann man nur entgehen,

wenn man annimmt, daß die Monaden von gewissen Monaden so gut wie gar

kein Bewußtsein haben. Sie ist aber auch allen panpsychistischen und

pandeistischen Anschauungen inhärent. Da die Monaden keine Ausdehnung

haben, und da die Welt als Kontinuum besteht, so sind die Dinge nicht

bloß dem Gedanken nach ins Unendliche teilbar, sondern tatsächlich

ins Unendliche organisiert. Charakteristisch aber für Leibniz, in

dem wir ja auch einen großen Mathematiker und Physiker besitzen,

ist, daß er nach Prästabilierung der Harmonie nur die Weltgesetze

walten und ein stetes Eingreifen Gottes, wenn es vorhanden ist, immer

nur in den Weltgesetzen sich äußern läßt. Und seine Naturerklärung

ist eine mechanische; unvermittelte Wirkungen lehnt er ab, so die

Newtonsche Attraktionswirkung in die Ferne, die er für ein stetes

Wunder erklärt. Das gehört schon in das folgende Buch. Wie man von der

Leibnizschen Anschauung zur Unsterblichkeit der Seele kommen muß und

zur Seelenwanderung kommen kann, ist klar. Wie aber die Unsterblichkeit

hier eine ganz andere Bedeutung hat als die theologische, ist ebenso

klar. Die irdische Persönlichkeit kann ja gar nicht bestehen bleiben,

wenn die Zentralmonade sich von den anderen Monaden, dem Körper,

getrennt und so das deutliche Bewußtsein ihrer verloren hat. Sie kann

dann von ihnen kein anderes inneres Bewußtsein haben als im Leben von

den ihrem Körper nicht gehörigen Monaden, also nur das allgemeine

Weltbewußtsein, das gegenüber dem Bewußtsein vom Körper so gut wie gar

nicht besteht.

Zum Schluß noch eine Bemerkung. Es ist mehrfach behauptet worden,

daß die von Leibniz eingeführte ~Perzeption~ im Gegensatz zur

~Apperzeption~ ein rein unbewußtes Vorstellen sein soll. Das ist,

wie ich glaube, nicht richtig. Leibniz scheint mir unter Perzeption

nur eine passive, automate Art des Vorstellens zu verstehen, die

stufenweise von völliger Unbewußtheit zu Höchstbewußtsein steigt.

Leibniz hat sich freilich nicht bestimmt genug ausgedrückt. Allein

seine ganze prästabilierte Harmonie hätte ja gar keinen besonderen

Wert neben der einfacheren Mechanistik, wenn er unter Perzeption

in der Tat nur ein absolutes Unbewußtes verstanden hätte. Außerdem

könnte man nicht, wie Leibniz es tut, von verschiedenen Perzeptionen

sprechen; was unbewußt ist, kann nicht verschieden sein. Ich glaube, es

ist verwechselt worden das Eintreten der Vorstellung, das allerdings

unbewußt sein soll, mit der Vorstellung selbst, die alle Stufen der

Deutlichkeit durchlaufen kann.

Die Monadenlehre Leibniz’s ist von ~Droßbach~ in zwei lesenswerten

Büchern: „Die persönliche Unsterblichkeit“ und „Die Genesis des

Bewußtseins“ ins Atomistische übertragen und nicht unerheblich

ausgebaut worden. Ich muß mich aber auf diesen Hinweis beschränken.

Eine „Harmonie der Welt“ hat der große ~Kepler~ (1571-1630)

an die Spitze seiner Anschauungen gestellt, freilich mehr in

pythagoreisch-mathematischem Sinne.

Daß des „Professors der Menschheit“ und großen philosophischen

Systematikers und Polyhistors ~Christian Wolff~ (geboren zu Breslau

1679, gestorben 1754) letzte Elemente, ~Corpuscula~ derivativa,

der Dinge mit Leibniz’s Monaden und sein Determinismus mit dessen

prästabilierter Harmonie übereinkommen, ist schon zu Lebzeiten des

bedeutenden Mannes erkannt worden. Nur will er den Monaden statt

des geistigen Weltbewußtseins, -vorstellens, -kennens mehr Kräfte

zuschreiben, durch die sie wirken und leiden; Kräfte jedoch, die

mit dem, was wir gewöhnlich Kraft nennen, keine Ähnlichkeit haben,

überhaupt sich nicht aus der physischen Natur verstehen lassen. Es

findet also gegen Leibniz eigentlich nur ein Namentausch statt, der

aber nicht zum Vorteil des Systems ausschlägt. Diese Philosophia

corpuscularis soll aber die wahre Ratio der besonderen Phänomene

beibringen, denn diese sind begründet in den Qualitäten der Korpuskeln

und der Art, wie diese untereinander verbunden sind. Die schöne Poesie

des Leibnizschen Systems fehlt hier, im Grunde auch die Konsequenz.

Sobald es sich jedoch um die Wirkung zwischen Körper und Seele handelt,

erkennt Wolff die prästabilierte Harmonie als die beste Erklärung an.

Determinist im Leibnizschen Sinne, soweit seine Rechtgläubigkeit es

zuließ, war auch ~Moses Mendelssohn~ (1729 zu Dessau geboren, 1786

in Berlin gestorben). Indessen war er es nur unter der Bedingung der

Unsterblichkeit. Wenn die Hoffnung dieser nicht wäre, sei der Mensch

das elendeste Tier auf Erden und bliebe ihm nichts übrig, als in

Betäubung dahinzuleben und zu verzweifeln. Und wie er bemüht war

die Unsterblichkeit zu erweisen und zu ihr mit aller Kunst eines

gottgläubigen und edlen Gemütes zu überreden, zeigt sein ~Phädon~,

der erst als Übersetzung des gleichnamigen Gesprächs des Platon

beabsichtigt ist, dann aber das Vorbild verläßt und schärfer noch als

dieses, und mit besseren Waffen, für unsere Seele kämpft. Aber überall

tritt bei ihm der Deismus hervor und spielt die Contemplatio eine

viel größere Rolle als die Ratio. Seltsam ist, daß, obwohl er selbst

pandeistische Neigungen verrät, die außerordentliche Philosophie seines

geistesgewaltigen Glaubensgenossen Spinoza ihm so zuwider war, daß

der Kampf gegen die Meinung, sein Freund Lessing sei in den letzten

Lebensjahren Spinozist gewesen, ihm das Herz brach und ihn früh ins

Grab senkte.

Es ist möglich, das ~Lessing~ in der Tat zuletzt sich dem Pantheismus

Spinozas zugewandt hat; ursprünglich aber war er Leibnizianer,

namentlich in bezug auf die letzten Wesen und die Harmonie. Was Gott

denkt, ist; dachte er sich selbst insgesamt, so ward der ihm identische

Sohn, Christus. Stellte er sich in seinen Vollkommenheiten zerteilt

vor, so ward die Welt. Diese muß darum von allen möglichen Welten die

vollkommenste sein, die vollkommene Stufenleiter der Vollkommenheiten

darstellen. Der unmittelbare Gegenstand dieser schöpferischen Tätigkeit

sind einfache Wesen, alles Zusammengesetzte ist nur eine Folge dieser

Schöpfung. Alles was in der Welt vorgeht, ist aus der Harmonie der

einfachen Wesen zu erklären. Die einfachen Wesen sind „gleichsam

eingeschränkte Götter“. Sie sind voneinander unterschieden durch

größeres oder geringeres Bewußtsein ihrer Vollkommenheit. Das Gesetz

des Menschen sei: „Handle deinen individualischen Vollkommenheiten

gemäß“. Im Grunde steckt schon hier ein Stück Pandeismus, denn die

Welt ist: die Vollkommenheiten Gottes zerteilt gedacht. Und Lessing

sagt auch, daß er sich die Wirklichkeit einer Welt außer Gott nicht

denken könne. Aber Spinozas Pantheismus ist das gleichwohl nicht. Die

Unsterblichkeit betrachtet er wie Platon, die Indier u. a., als Mittel

zur steten Vervollkommnung. Und gleicherweise die Seelenwanderung.

Paragraph 93 und folgende in „Die Erziehung des Menschengeschlechts“

heißt es: „Eben die Bahn, auf welcher das Geschlecht zu seiner

Vollkommenheit gelangt, muß jeder einzelne Mensch (der früher, der

später) erst durchlaufen haben... Warum könnte jeder einzelne Mensch

auch nicht mehr als einmal auf dieser Welt gewesen sein?... Warum

sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue

Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin? Bringe ich auf einmal so viel

weg, daß es der Mühe, wieder zu kommen, etwa nicht lohnet? Darum nicht?

-- Oder weil ich es vergesse, daß ich schon dagewesen?... Und was ich

auf jetzt vergessen ~muß~, habe ich denn das auf ewig vergessen? Oder

weil so zuviel Zeit für mich verloren gehen würde? -- Verloren? -- Und

was habe ich denn zu versäumen? Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?“ Das

wiegt tausend Räsonnements eines trockenen Theologen auf. Schwierig

damit, daß nämlich der Einzelne sich fortschreitend vervollkommnet,

zu vereinen ist Lessings Ansicht, daß die Vollkommenheit der Welt

keine fortschreitende sondern eine (durchschnittlich) stabile ist,

was eben daraus folgen würde, daß Gott sie geschaffen hat. Ob dem

Fortschritt Rückschritte entsprechen? Daß ein Lessing die Leibnizschen

Lehren von Himmel und Hölle des Orthodoxen entkleiden mußte, versteht

sich von selbst. Lessing wird auch zu den ~Popularphilosophen,

Aufklärungsphilosophen~ gerechnet.

Von ~Herbart~ (1776 in Oldenburg geboren, 1841 gestorben) gehören

wenigstens die ~Realen~ hierher. Darin, daß sie absolute Einheiten,

unteilbar, zeitlos, raumlos sein und Aggregate von ihnen die Dinge

bedeuten sollen, gleichen sie den Leibnizschen Monaden. Sie sind auch

uranfänglich voneinander verschieden. Jede Reale soll ihre Qualität

stetig und in Ewigkeit behalten. Das einzige, ihr inneres Leben

Bedeutende ist lediglich die „~Selbsterhaltung~“. Diese macht sich

geltend den „~Störungen~“ anderer Realen gegenüber, und in dieser

Selbsterhaltung besteht alles Leben und Vergehen in der Natur. So

sind alle unsere seelischen Tätigkeiten wie Denken, Fühlen, Wollen

usf. nur Selbsterhaltungen gegen Anderes; und das Bewußtsein ist der

Inbegriff all dieser Selbsterhaltungen. Die Dinge sind wie bei Leibniz

ein Zusammensein von Realen, aber nicht in dessen geistigem Sinne,

da die Realen keine Vorstellung haben, sondern ein mehr zufälliges.

Wenn verschiedene Reihen von Realen einen gleichen Ausgangspunkt

haben, so fassen wir sie als Ding auf. Gegenüber der Klarheit des

Leibnizschen Systems weiß man sich hier kaum durchzufinden. Da die

Realen absolut einfach und ohne jede Vorstellung von Anderem sein

sollen, namentlich ohne jeden Wechsel in ihrem Inneren, wie erfährt

da eine Seele die „Störung“, also die Gegenwart einer anderen Seele?

Was kann Selbsterhaltung anderes bedeuten als Tätigkeit zur Erhaltung

eines Vorhandenen, eben des Selbst? Wie ist das aber mit der absoluten,

einfachen Wechsellosigkeit zu vereinigen? Was führt die Realen

zusammen? Herbart spricht auch von Vorstellungen. Zeller (Geschichte

der deutschen Philosophie seit Leibniz) meint, die Konsequenz dieses

Systems wäre, „daß die Form, unter der uns die Realen erscheinen,

ihre Verbindungen und die Änderung dieser Verbindungen, nicht in

ihnen selbst und ihrem objektiven Verhältnis, sondern nur in unserer

subjektiven Auffassung begründet sei“. Aber auch das geht nicht.

Wir sind ja selbst Reale; wie kommen ~wir~ denn zu Auffassungen, ob

subjektiven oder objektiven? In Herbarts Naturphilosophie machen sich

die Übel dieser Unbegreiflichkeiten so schwer geltend, daß zuletzt

-- eben aus absolutem Mangel an jedem ideellen oder wirklichen

Zusammenhang zwischen den Realen, wodurch auch ein Raum und eine

Zeit, selbst nur gedacht „intelligibel“, ausgeschlossen wird -- sogar

~Möglichkeiten~ von Zusammensein von Realen, erst als Bilder und dann

als Reale selbst, behandelt werden, wie geometrische Konfigurationen,

und daß auch teilweise Durchdringlichkeit der Realen angenommen wird.

Ich darf hier aufhören, weil ich doch nicht weiß, wie eine deutliche

Anschauung zu gewinnen ist. Nur das möchte ich noch erwähnen, daß

Herbart Gott aus teleologischen Gründen setzt. Bringt Gott den

Zusammenhang hinein? Und wie?

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 92 / 108 题