38. Theosophie und Emanismus in neuerer Zeit.

Die Scholastik hatte den Vorrat an zugänglichen Begriffen und

Distinktionen bis zu einem gewissen Grade erschöpft und war zuletzt

dahin gelangt, ihr System, wie von ~Raimundus Lullus~ (1235 auf

Malorca geboren, 1315 von fanatischen Mauren in Afrika gesteinigt)

geschehen, in Tabellen, Schemata und Reihen zu ordnen, die dem Menschen

sogar das Denken ersparen sollten. Gleichwohl ist ihre Bedeutung

nicht zu unterschätzen; die logische Schärfe des Ausdrucks hat ihr

sehr viel zu verdanken, und würde ihr noch weit mehr zu verdanken

haben, wenn das Latein wissenschaftliche Sprache geblieben wäre. Viel

ist uns von der emsigen Forscherarbeit der Scholasten im Gebiete

der Begriffsbestimmungen verloren gegangen, dadurch, daß wir ihre

Sprache verlassen und uns zu den Nationalsprachen gewendet haben.

Auch ist wohl deutlich genug hervorgetreten, daß sie die eigentlichen

Probleme der Menschheit keineswegs außer acht ließen. Wir haben Welt-

und Lebenanschauungen von ihnen kennen gelernt, die tief durchdacht

und durchfühlt sind. Die Scholastik konnte sich aber auf ihrer Höhe

nicht halten. Als die Wissenschaften erwachten, die Kenntnis der

Welt wuchs, die Schätze griechischen Geistes erschlossen wurden, als

die Renaissance mit der Fülle großer Erscheinungen auf fast allen

Gebieten menschlicher Tätigkeit anbrach, und als die Reformation sich

vorbereitete, die Geister frei zu machen, war für die Scholastik nur

noch ein stilles Dasein möglich, das sie lange wie im Verborgenen

führte, um später allerdings zu neuer Kraft sich aufzuraffen, dann

rasch zur Vereinzelung zurückzusinken. Sie hatte der Menschheit nicht

mehr viel Neues zu sagen, und wo sie einen Anlauf nahm, sprang sie

ihrer Natur nach zu kurz, vor die Naturwissenschaft, oder zu weit über

diese hinweg, und mußte darum zurückgewiesen werden. Anders verhält

es sich mit dem theosophischen Mystizismus. Ist er schon wegen seiner

dichterischen Färbung und schrankenlosen Unbegrenztheit von je ein

Schoßkind der Menschen gewesen, so eignet ihm noch zu, daß er sich

so leicht aller Wissenschaft anpaßt. Er kann ihre Ergebnisse in sich

aufnehmen, und indem er sie ins Hohe und Höchste zu führen vorgibt

und versucht, scheint er sie sogar zu veredeln. Dazu kommt der große

Einfluß, den er auf die Kunst ausübt, die ja von Dichtung sich nährt

und lebt. So darf es nicht wundernehmen, daß der Baum der Theosophie

mit seinen verschiedenen Zweigen immer reich in Blüten gestanden hat,

wenn auch diese Blüten nur selten Früchte entwickelten. Auch kommt es

dem Menschen nicht immer auf die Früchte an.

Am Eingang der neueren Zeit steht die imponierende Gestalt des

Kardinals ~Nikolaus Cusanus~ (eigentlich Krebs, zu Cues an der Mosel

1401 geboren, gestorben 1464). Er ist bis zu einem gewissen Grade

Pandeist. Gott schafft die Welt nur aus sich (de nullo alio creat, sed

ex se); indem er alles umfaßt, entfaltet er alles aus sich, ohne doch

sich dabei irgend zu verändern. Im Grunde ist das eine Emanationslehre.

Doch verwirft der Cusaner die Abstufungen in dieser Lehre, die Welt ist

als Ganzes aus Gott entstanden. „Gott ist vermittelst des Universums in

allem, und die Vielheit der Dinge vermittelst des Universums in Gott“

(Deus est mediante universo in omnibus et pluralitas rerum mediante

universo in deo). Und so gehört auch ausnahmslos alles zusammen,

und wir vermögen das Einzelne nur als Glied des Allgemeinen und das

Allgemeine nur als Ausfluß Gottes zu erkennen. Deshalb entscheidet

der Cusaner die oft aufgeworfene Frage, ob etwas aus der Wirkung oder

aus der Ursache erkannt werden kann, dahin, daß dieses nur aus der

Ursache, in letzter Instanz also nur aus Gott, zu geschehen vermag.

In der Welt haben wir daher „wie in einem Buche, geistig die Gedanken

Gottes zu lesen“. Die Idee von dem absoluten Ganzen der Welt, von ihrem

absoluten inneren Zusammenhange dürfen wir gerne entgegennehmen; sie

entspricht unserem Wissen von der Welt, und ist übrigens sehr alt, da

sie sich schon bei den ionischen Naturphilosophen und bei Herakleitos,

bei Platon u. a. findet. Einer pandeistischen Anschauung ist sie so

gemäß wie einer rein physischen. Freilich faßt er den Zusammenhang

der Geschöpfe nicht mechanistisch auf, sondern die allgemeine Liebe

aus Gott verbindet jedes mit allem, wie in einem Lebewesen, womit

nach Platon die Welt auch verglichen wird, indem jedes Glied mit

allen anderen Gliedern sympathisch zusammenhängt, so daß keines

verletzt werden kann, ohne daß alle Glieder darunter leiden. Wenn nun

Cusanus dazu kommt, gleichwohl drei Welten zu unterscheiden: eine

intelligible um Gott, eine intelligible um den menschlichen Geist,

eine sinnliche um die sinnliche Welt, so kann das eigentlich nur den

Sinn haben, daß unsere Tätigkeit sich auf Gott, auf unseren Geist,

auf die sinnliche Welt richtet, so daß es sich nur um drei Stufen der

Intelligenz handelt, die sich auf drei Verschiedenes in der Einheit

richten, wie uns schon bekannt. Indem der Mensch nun zunächst von oben

nach unten geht, findet er unten die Begrenzung und muß umkehren,

um nach oben zu steigen. So wendet sich alles erst vom Hohen zum

Sinnlichen und dann vom Sinnlichen zurück zum Hohen. „Dieses ist

der Kreislauf des Seins und des Denkens. Und so kehrt alles in das

Prinzip zurück, von welchem es ausgegangen ist.“ Goethes Kontraktion

und Expansion! die wir auch schon aus anderen Lehren kennen. Schlimm

ist es aber, daß der Mensch zwar in sich die Welt und sich in der

Welt erkennt, jedoch nur menschlich und vermittelst der Welt. Gott

und die Wahrheit unmittelbar zu erkennen, ist ihm nicht gegeben. Er

kann beides nur durch die Welt erkennen. Auch so noch ist er zuletzt

nur auf wahrscheinliche Vermutungen (conjecturae) angewiesen. Diese

Vermutungen, die unsere Vernunft, unsere Gedankenwelt zusammensetzen,

schaffen wir, wie Gott die Welt schafft. Und so befinden sich alle

unsere Wissenschaften nur innerhalb der Genauigkeit. Völlig wie ein

moderner Naturforscher räsoniert, wenn er von der leeren Wahrheit der

Unvereinbarkeit des Widersprechenden absieht und die Welt nimmt, wie

sie sich ihm darbietet. Es ist merkwürdig, daß ein Kardinal das sagen

konnte, denn die Vermutung bezieht sich auch auf unsere Kenntnis von

Gott und im Grunde auch auf die Sittengesetze. Nur die Vermittelung

durch Gott selbst gestattet, die Genauigkeit in eine gewisse Wahrheit

zu wandeln. Es scheint, als ob der Cusaner uns so beschränkt, weil wir

das Unendliche nicht fassen können. Und das hat seinen guten Grund.

Das Unendliche als Fertiges liegt allerdings nicht im Bereiche unserer

Intelligenz, die diskursiv ist. Ein Kreis bleibt für uns ein Kreis;

mag sein Mittelpunkt noch so weit von uns fortrücken, er wird im

Fortrücken seines Mittelpunktes niemals etwas anderes für uns als ein

Kreis. Und so wissen wir vom Kreis immer nur das eine; was ein Kreis

mit einem vollendet unendlich großen Radius ist, wissen wir nicht, denn

die Antwort: eine gerade Linie, ist falsch, obwohl der Herr Verfasser

sie selbst in einem Examen gegeben hat. Aber die Gnostiker behaupten

ja, daß wir die Unendlichkeit in der Intuition besitzen. Auf diesem

Standpunkt scheint also Nikolaus Cusanus sich nicht zu befinden. Im

übrigen ist für ihn die Welt zwar unendlich und für unendliche Zeit,

aber von Gott in der Endlichkeit geschaffen. Und indem sie von Gott

doch verschieden ist und nicht sein unendliches Wesen einbegreift,

ist sie auch „wegen der in ihr liegenden Zufälligkeit der Materie“

unvollkommen, eine uns schon bekannte Wendung. Da zeigt sie sich denn

wenigstens als das Vollkommenste, ein bestes Gemeinsames, dem „das

Bild und das Leben Gottes in unvergänglicher Weise eingeprägt ist“.

Im Grunde wäre das die Sprache eines religiös-frommen Naturforschers,

nicht eines Mystikers, wie mitunter gesagt wird. Der Cusaner hat

uns lediglich auf die unendliche Entwicklung verwiesen, auf die

asymptotische Annäherung an Wahrheit und Gott, obwohl auch in seinem

System ein mächtiger Helfer in Christus, als Mittler zwischen Mensch

und Gott, steht.

Nicht ganz, aber fast Neuplatoniker, durch seinen Kampf gegen

Aristoteles und die aristotelischen Scholastiker bekannt, und durch

seinen Einfluß, den er auf Cosmo von Medici und dadurch auf die

Akademie zu Florenz geübt hat, von Bedeutung ist der Grieche ~Gemistos

Plethon~ (um 1450), dem man sogar polytheistische Neigungen nachgesagt

hat. Gott ist das Eins, und in ihm sind Wesen, Energie und Vermögen zu

einer Einheit verbunden. Erste Emanationen sind die Geister, die das

ganze Gebiet der Vernunft (νοῦς), Gottheiten, verschiedenen Wesens,

verschiedener Energie und eines Vermögens, das mit Wesen und Energie

verbunden ist, bedeuten. Die zweite Emanation ist die Seele als

Weltseele, in der auch das Vermögen als ein Besonderes sich geltend

macht. Gott (Zeus, Basileus) schafft die Welt der sinnlichen Dinge,

die Materie ist als Unbestimmtes nur ein Zeichen der Unvollkommenheit

dieser sinnlichen Dinge, nicht ein Besonderes, das schon dagewesen wäre

vor der Welt. Vorsehung und Notwendigkeit beherrschen die Welt, beide

in Gott begründet und selbst die Gottheiten beugend. Der Notwendigkeit

ist sogar Gott selbst unterworfen. Die Gottheiten sind Vermittler

zwischen Gott und der Welt. Das Ganze macht einen verworrenen Eindruck;

man weiß nicht recht, was die Gottheiten zu tun haben, wenn Gott selbst

alles schafft, wenn Vorsehung und Notwendigkeit herrschen. Wenn die

Gottheiten nur Naturkräfte sind, warum wird ihre Verehrung von einem

Christen polytheistisch empfohlen? Man weiß auch nicht, woher der

Mensch den freien Willen hat, der von ihm behauptet wird, und davon

doch seine Verantwortlichkeit abhängt. Ein Anhänger des Plethon war

sein Schüler, der berühmte Kardinal ~Bessarion~.

Die Akademie zu Florenz hat wohl in Cosmo di Medici ihren Begründer,

es war eine geistige Gemeinschaft. Platonismus, und vor allem

Neuplatonismus wurden gepflegt. ~Marsilius Ficinus~ (1433-1499) gehörte

zu den hervorragendsten Vertretern dieser Akademie. Den Neuplatonikern

kann er nur bis zu einem gewissen Grade zugezählt werden, denn er

verwirft die Plotinische Emanationslehre ganz und gar. In vielem steht

er auf dem Boden der Lehre des Thomas von Aquino, er ist wesentlich

Theologe. Daß er nebenbei auch Mystik treibt, von Seelen der Gestirne

spricht, von ihren Einflüssen auf die irdischen Dinge, daher Kabbala

lehrt und Alchymie, das hebt ihn noch nicht auf die Höhe theosophischer

Gedanken über die Welt. Doch nimmt er eine Weltseele an, die alles

belebt, und behauptet, daß wir mitunter schon im Dasein Gott schauen

können, und daß „die Seele, von den Fesseln des Körpers erlöst und rein

scheidend, aus einem sicheren Grunde Gott wird (fit deus); Gott aber

und Gottes Ewigkeit ist das gleiche“. Ganz theologisch ist wieder, wenn

jedem Wesen eine besondere Seele zugeschrieben wird.

Eine sympathische und durch seinen frühen Tod verklärte Gestalt ist

der Freund des Ficinus, ~Giovanni Pico~ (1463-1494), jüngster Sohn

des Fürsten von ~Mirandola~. 900 Streitsätze schlug er nach der Sitte

der Zeit, nach der ja auch Luther verfuhr, in Rom an und forderte

alle zum Kampfe um sie heraus. Selbst das Reisegeld für Ferne wollte

er bezahlen. Aber dreizehn dieser Sätze schienen ketzerisch, und

Innozenz VIII. verbot den Kampf. Pico war Dichter und Philosoph. Als

letzterer kam er zu der auch vielen anderen geläufigen Ansicht, daß im

Grunde die meisten Philosophen doch gar nicht so sehr voneinander in

ihren Meinungen abwichen. Der Leser wird das schon aus dem Bisherigen

bestätigen können. Der Mensch ist ein mittlerer Mikrokosmos. „Gott gibt

dem Menschen bei der Geburt die mannigfaltigen Samen und Sprossen aller

Art Leben ein.“ Ganz auf sich gestellt, vermag er alles nach unten

und alles nach oben zu durchleben. Wendet er seinen Blick nach oben

und zieht sich in die Mitte des Universums, also wohl in sich selbst,

zurück, so wird er „Eins mit Gott Geist werden, in des Vaters einsamer

Finsternis (Abgeschiedenheit? Sigê?), der über allem thront, und wird

allem vorausstehen“. Mit dem Begriffe Gottes plagt sich Pico nicht

minder, wie alle anderen vor ihm und nach ihm, die diesen Begriff

auf das Höchste treiben wollten und wollen. Das liegt daran, daß alle

Ausdrücke der sinnlichen Welt angepaßt sind. Und ob man „Sein“ sagt,

oder „Eins“, oder „Das“, oder „Selbst“, man bleibt in der sinnlichen

Welt und mindestens in den Kategorien der menschlichen Vernunft. Was

wir von Gott bejahen, müssen wir deshalb von ihm verneinen. Und so

meint in der Tat „Gott sei Alles“ das gleiche wie „Gott sei Eins“,

„Gott sei das Sein“ nichts anderes wie „Gott sei das Nichtsein“. In

manchen Lehren erinnert Pico an Nikolaus von Cusa, so namentlich in

der von der Einheit der Welt, von der Notwendigkeit der Materie für

das erste Leben und Erkennen, von der Befreiung von dieser Materie

durch die allumfassende Liebe, und in der Anerkennung und Hervorhebung

der Freude an der Schönheit der Welt und der Menschenwerke. Angenehm

berührt seine Toleranz gegen jede Religion bei eigener tiefer

Religiosität.

Auf dem gleichen Wege treffen wir unseren Landsmann ~Johann Reuchlin~

(1455 zu Pforzheim geboren, gestorben 1522, er nannte sich gräzisiert

auch ~Kapnion~). Er war in Italien und kannte Pico persönlich. Das

ist nun ein Theosoph und Mystiker aus des Herzens Grunde. Er hat

auch ein höchst umfangreiches Werk über die Kabbala geschrieben. Er

verwirft manches dieser Lehre, aber das meiste anerkennt er doch. „Denn

was anderes bezweckt der Kabbalist oder Pythagoras, als die Seelen

der Menschen in Götter zu beziehen, das heißt, sie zur vollkommenen

Glückseligkeit zu fördern“, sagt er. Und Gott gleich werden ist sein

Bestreben, denn der Grund aller Vernunft ist die letzte und höchste

Wahrheit. Diese Wahrheit kann aber nicht durch Denken erreicht werden,

das ja nur diskursiv wirkt, sondern allein durch innere Offenbarung.

Er urteilt darum auch von Denken und Logik sehr gering. Darin tut er

eigentlich, gerade nach seiner Ansicht, unrecht, denn die Gesetze der

reinen Logik sind als Selbstverständlichkeiten Offenbarungen, durch

keinen Schluß zu gewinnen. Ja solche Sätze wie „das Nichtseiende ist

Seiendes und das Seiende ist Nichtseiendes“ stellen nur scheinbar

einen logischen Widerspruch dar, wie schon oben bemerkt. Er meint

-- der Leser verzeihe diese Abschweifung -- der obige Satz sei in

mente richtig, da könne man Entgegengesetztes und Widersprechendes

vereinigen, aber in ratione würden sie weitest auseinandergehalten.

Doch nicht, die Worte besagen ja nichts ohne Bezugnahme. Der Satz an

sich ist in mente gerade so falsch wie in ratione. Wendet man ihn aber

auf etwas an, dem wir alle positiven und alle negativen Prädikate

gleicherweise zusprechen oder absprechen, so ist er richtig. Es gehört

das zu den Antinomien unserer Vernunft. Aber Reuchlin haßt die Logik

-- und das ist sehr bezeichnend -- als „Feind des Glaubens und der

Theosophen“, was also die arme Logik gar nicht ist, wenn Reuchlin unter

Logik nicht das Urteil des sogenannten kalten Verstandes meint. Dieses

können Glaube und Theosophie allerdings nicht brauchen, oder nur in

dem Sinne des Cusaners. Ganz entgegen dem Cusaner schreibt er jedem

Dinge sein eigenes besonderes Wesen zu, das es aus den allgemeinen

Naturgesetzen herausheben kann. Darum muß auch jedes Ding für sich in

seinen geheimsten Eigenschaften studiert werden. So kommt er also auch

zur Magie, freilich auch zur Naturwissenschaft.

Ein Genosse Reuchlins in Theosophie und Okkultismus war der Kölner

~Cornelius Agrippa von Nettesheim~ (1486-1535), ein höchst unruhiger

und zerfahrener Herr, der alles mögliche trieb und sich mit allen

Leuten zankte. Und dabei doch ein nicht unbedeutender Mann. Bei allem

Hang zur Mystik spricht er mitunter wie ein moderner Naturforscher,

so hinsichtlich der Grundlagen der Wissenschaften, und er hat auch

die Naturwissenschaft zu fördern versucht. Und obwohl er, ganz wie

Reuchlin, die Offenbarung in uns sucht und alle Schlußwissenschaften

als eingebildet und leer abweist, ist doch seine Mystik durch fromme

Religiosität gemäßigt. „Nicht in der Zunge, sondern im Herzen ist der

Sitz der Wahrheit; nicht der Verstand, sondern der Wille verbindet

mit Gott.“ Die Freiheit des Menschen geht ins weiteste, und so darf

er auch die Schrift auslegen und braucht sich nicht an theologische

Behauptungen zu halten. Was Agrippa von der Religion sagt, ist

fast alles vortrefflich; Luther freilich zählt er zu den Ketzern

und Kupplern, ohne deshalb dem Papste gewogen zu sein. Alle Dinge

hängen aber in ihrem Urgrunde zusammen. Die Welt ist dreifach: die

elementare sinnliche (Welt der irdischen Dinge), die himmlische (Welt

der Gestirne), die übersinnliche (Welt der Intelligenzen). In allen

Welten findet sich das gleiche, nur in steigender Vergeistigung, ein

Gedanke, den wir schon von Gnostikern und Kabbalisten kennen. Gott

aber ist das Urbild von Allem. Was aus ihm hervorgeht ist: bei den

Intelligenzen die verteilten Gewalten, bei den Gestirnen die Kräfte,

in der sinnlichen Welt die Körper. Der Mensch hat vom Göttlichen, und

darum kann er auch das Göttliche schauen. Wie Reuchlin, schreibt er den

Dingen der Welt besondere Wesenheit, ~qualitates occultae~, zu und mit

den gleichen Folgen. Was ihn dazu veranlaßt, ist die Bemerkung, daß die

Körper aufeinander wirken, was aus der Materie nicht erklärbar sei.

Nun, wir plagen uns noch heute mit dieser Angelegenheit, obwohl wir von

den qualitates occultae nichts wissen wollen. Agrippa sieht in allen

Elementen Leben und Seele, er leitet sie aber von einer allgemeinen

~Weltseele~ ab, zwischen die und die Körper er als Vermittlung einen

~Welthauch~ (spiritus) setzt, der nicht Körper und nicht Seele sein

soll, eine Art Äther, nach den drei Welten und der Weltseele auch

„fünfte Essenz“. Das Ganze hat das Aussehen einer Emanationslehre.

Und durch einen Sinn der Natur, welcher auch den Tieren innewohnt und

ihnen einen wahrsagerischen Geist gibt, hängen wir mit der übrigen

Welt zusammen, in einer Weise, welche die menschliche Wahrheit weit

übersteigt; „wir vermögen durch ihn die verborgenen Zeichen der Dinge

zu erkennen und ihre geheimen Kräfte zu gebrauchen.“ Das wieder ist

hellste Mystik, wenn es nicht naturwissenschaftlich gedeutet wird.

Wie eine starke Abkühlung nimmt sich solcher Schwärmerei gegenüber die

Lehre des Mantuaners ~Petrus Pomponatius~ (1462-1525 oder 1530) aus,

den man auch als Atheisten verschrien hat. Der Mensch wird sehr tief

gestellt nach Verstand und nach Sittlichkeit. Das Wahre zu erkennen,

ist ihm nicht gegeben. Übel und Sünde aus der Unvollkommenheit der

Welt zu erklären, lehnt er ab. Er meint, Gott habe die Welt nach

allen Möglichkeiten geschaffen. Zu diesen Möglichkeiten gehörte aber

ebenso alles Übel wie alles Gute. „Alles Gute und alles Übel der Natur

ist von Gott.“ Aber die bewußte Sünde gleichfalls in dem Weltplan zu

suchen, scheut sich unser Philosoph, wie alle Religionsphilosophen sich

scheuen. Er meint, diese stamme aus dem freien Willen des Menschen.

Die Welt ist wie zufällig aus dem Willen Gottes in der Endlichkeit

hervorgegangen und hört in der Endlichkeit auf. So spielt auch die

Welt eine nur sehr geringe Rolle. Es ist eine trübselige Anschauung,

etwas erhellt durch die Abweisung der noch trübseligeren Lehre von der

Prädestination. Die Gaben Gottes an die Menschen gehen nur nach dem

Guten, und auch nur ohne Zwang; der Mensch hat die Fähigkeit bekommen,

nach dem Guten zu streben. Tut er es nicht, wendet er sich zum Bösen,

so hat er die Folgen im Diesseits und im Jenseits zu gewärtigen.

Hier spricht er ganz wie ein Theologe, und theologisch ist im Grunde

auch seine Ansicht von der Unsterblichkeit der Seele. Letztere ohne

Leib kann er sich nicht denken; die absolute Unsterblichkeit lehnt

er darum ab. Aber die Auferstehung im Leibe gibt er zu, wie ja auch

die Lehre vom jüngsten Gericht fordert. Pomponatius ist Aristoteliker

und dementsprechend reichlich praktisch nüchtern. Er gehört zu den

Materialisten des Mittelalters.

Den Praeceptor Germaniae und großen Humanisten ~Philipp Melanchthon~

dürfen wir hier übergehen. Abgesehen von der Theologie und der schönen

Sittlichkeitslehre, hat er nirgend einen besonderen eigenen festen

Standpunkt und keine Wendung, die in der Anschauung von Welt und Leben

etwas Neues besagte. ~Luther~ werden vielfach mystische Neigungen

zugeschrieben, sein Verhalten gegen Teufel und Hexen spricht wohl

dafür. Aber der große Reformator hatte zu viel mit der Praxis zu tun,

als daß er sich der Schwärmerei oder neuen Anschauungen hätte hingeben

können. Höchstens, daß der Kirchenvater Augustinus, dem der düstere

~Calvin~ folgte, seine jugendlicheren Jahre beherrschte. ~Zwingli~

aber ist Neuplatoniker als Philosoph. Überhaupt war die Reformation

zunächst der Ausbildung größerer Anschauungen nicht günstig. Die

Religion zu reinigen von Schlacken und Äußerlichkeiten, nahm alles in

Anspruch, und wo auf die Innerlichkeit zurückgegangen wurde, geschah

es doch wesentlich auf Grund schon alter Formeln. Wie rasch auch die

reformierten Kirchen verknöcherten, ist bekannt. Erst die entfesselte

Forschung der Humanisten, Astronomen und Naturforscher, die plötzliche

Weitung des Blickes rings um die Erde herum, haben die neue Zeit

aufgehen lassen. Mit der eindringenden Kenntnis des schönen und freien

Heidentums, mit der Zertrümmerung des Himmels und der Übertragung

seiner Gebilde aus der Sphäre der Geister und Engel in die irdische

Welt, mit den experimental gewonnenen Ergebnissen auf dem Gebiete der

Mechanik, Physik und Chemie, mit der Einsicht von der frei schwebenden

Kugel der Erde, von ihren Landen, Bewohnern und Produkten konnten alte

Probleme mit neuen Ideen in Fülle verarbeitet werden. Ob das aber

ohne die Reformation so rasch hätte geschehen können, darf nach dem

Schicksal, das so viele edle Geister unter dem Papsttum noch im 16. und

17. Jahrhundert betroffen hat, wohl bezweifelt werden. Das Standbild

auf dem Campo dei fiori redet eine zu deutliche Sprache.

Neben der rein theologischen Festigung der Welt- und Lebenanschauung

ging die mystische, die sich auch in den bekannten Aufständen Luft

machte. Es ist natürlich, daß zu einer so bewegten Zeit wie die der

Reformation viele für sich selbst denken und handeln wollen, zumal

wenn die Lösung, die man ihnen vom Bisherigen gibt, doch nur wieder

Fesseln anlegte, und keineswegs solche von Rosen, wenn auch nicht so

eiserne wie die früheren. Und so zeigt die Reformationszeit Menschen,

die sich ganz in sich zurückziehen möchten, um dort nach theosophischen

Lehren Gott und sein Werk zu finden, oder die das Reich Gottes auf

Erden schon gekommen wähnen und alles Volk zu diesem Reich berufen.

~Karlstadt~, ~Sebastian Frank~, ~Schwenkfeld~, die ~Wiedertäufer~ sind

einige Namen und Bezeichnungen. Etwas marktschreierisch, namentlich

aber verworren, trotz allen Ernstes und aller Tüchtigkeit, wirkte der

~Bombastus Theophrastus Paracelsus von Hohenheim~ (1493 zu Einsiedeln

in der Schweiz geboren, 1541 gestorben), ein höchst unruhiger Mann,

dem Aberglauben aufs äußerste ergeben. Mitunter redet er durchaus wie

ein moderner Naturforscher und bald darauf wie in verirrter Phantasie.

Er heilt durch gute chemische Mittel und behauptet doch, daß in den

Gestirnen das Schicksal des Menschen bestimmt sei. Wie vielen, ist

ihm der Mensch ein Mikrokosmos, der den Makrokosmos in sich trägt.

So deutet er die biblische Erzählung, daß der Mensch aus dem Staube

gemacht sei, dahin, dieser Erdenkloß sei „ein Auszug aus allen Körpern

und Geschöpfen, aus Himmel und Erde“ gewesen, eine „fünfte Essenz“,

die wir schon kennen. Das meiste ist trivial, wenn man es aus seiner

verstiegenen Sprache in einfachen Ausdruck überträgt, oder es ist

unverständlich. „Und wisse,“ heißt es einmal, „daß die Seele (bei

Paracelsus der unsterbliche Teil des Menschen) Blut und Fleisch ist

und in Blut und Fleisch sein muß, und aber, daß da zweierlei Fleisch

sind, das tödlich und das ewig.“ Das Sterbliche ist der Geist oder

die Geister im Menschen. Und Geister sieht Paracelsus überall. Höchst

sonderbar klingt es, wenn er die drei chemischen Elemente, die er mit

Früheren unterscheidet -- Quecksilber, Schwefel, Salz -- mit Geist,

Seele und Leib, nicht bloß formell zusammenstellt. Sein Gewährsmann

ist der Allerweltsgewährsmann Hermes Trismegistos. Die ganze Welt

ist ein chemischer Prozeß, in dem aus der chaotischen Verwirrung der

Verbindungen allmählich das Unreine nach einer Seite, zur ewigen Qual

in der Urmaterie, das Reine nach der anderen Seite, zur Verklärung

und Freude in Gott, ausgeschieden wird; jenes ist das Böse, dieses

das Gute. Der chemische Prozeß ist nicht bildlich gemeint, aber

selbstverständlich nicht in der Beschränkung, in der wir einen solchen

verstehen. Es ist nicht ohne Interesse, solche Lehren vorzutragen,

weil aus ihnen doch erhellt, wie sich der Mensch bemüht, den Gang der

Welt und des Lebens unter ein ihm verständliches Prinzip zu bringen;

der Chemiker und Arzt, der Paracelsus vornehmlich war, nimmt ein

chemisch-biologisches Prinzip. Der Cosentiner ~Bernard Telesius~ (1508

bis 1588) benutzte ein anderes Prinzip, den Kampf zwischen Wärme und

Kälte (fast möchte man sagen Expansion und Kontraktion). Die Kälte ist

in der Mitte der Welt, in der Erde, die Wärme ringsum im Himmel und

in der Sonne. Gott hat sie so angeordnet, und nachdem er es getan,

bedarf es keines neuen Eingreifens. An der Grenze zwischen der Wärme

und der Kälte berühren sich beide und bringen dadurch alle Vorgänge

hervor. Das ist physikalisch gedacht, und Telesius war Physiker,

sogar mathematischer Physiker. Als solcher leugnete er auch die Leere

und neigte er gar sehr zum Materialismus. Das gehört aber nicht mehr

hierher. Ein anderer, wie der Illyrier ~Franz Patritius~ (1529-1597)

nimmt körperliches und unkörperliches Licht für Kälte und Wärme. Doch

ist ihm freilich das unkörperliche Licht, das göttliche Licht der

Gnostiker und Neuplatoniker deren Anschauungen er sich anschließt.

An die moderne ~Panspermie~ (S. 447) erinnert seine Annahme, daß die

ganze Welt von Samen des Lebens erfüllt sei, welche vom Lichte getragen

und verbreitet werden. Die Ähnlichkeit mit der modernen Panspermie

ist sogar durch den Träger viel größer als es auf den ersten Blick

scheint. Es gibt wirklich nichts Neues unter der Sonne! Selbst was ein

neuzeitlichster sonderbarer Vierdimensionenschwärmer ermittelt hat, daß

die Körper Schlacken (Faeces) sind, hat Patritius schon ausgesprochen.

Er nennt die Erde den Auswurf (faex) in dem Flusse des Weltlebens.

Der edle Märtyrer ~Giordano Bruno~ (zu Nola um 1548 geboren und zu Rom

1600 schmachvoll verbrannt) ist hier zunächst wegen seiner Anschauung

vom Zusammenhange der Welt mit Gott zu nennen. Er schließt sich darin

Nikolaus von Cusa an, aber mit einer Neigung nach der mehr gnostischen

Seite hin. Gott ist zwar nur sich selbst erkennbar, aber er ist nicht

außer uns, und darum haben wir ein Bewußtsein von ihm. „In allen

Dingen ist das Göttliche in verborgener Weise und die Einheit des alles

umfassenden Prinzips, wenn auch in der Mannigfaltigkeit zerstreut,

vorhanden.“ Dieses Prinzip ist nach Bruno die universelle Vernunft,

„das innerste, wirklichste und eigenste Vermögen und der Teil der

Weltseele, der ihre Macht bildet. Sie ist ein Identisches, welches das

All erfüllt, das Universum erleuchtet und die Natur unterweist, ihre

Gattungen so, wie sie sein sollen, hervorzubringen.“ (Von der Ursache,

dem Prinzip und dem Einen, Übersetzung von Adolf Lasson.) Diese

universelle Vernunft wirkt also von Innen heraus. Sie ist der Grund

aller Bewegung und Entwicklung der Welt und aller Dinge. Sie ist die

Vernunft, „welche alles ~macht~“, in der Mitte zwischen der Vernunft,

welche alles ~ist~, und der Vernunft der einzelnen Dinge, welche alles

~wird~. Wir haben es aber bisher nur mit einem Teil der Weltseele zu

tun gehabt, der Macht. Der zweite Teil ist die absolute Herrschgewalt;

sie lenkt die Welt, ohne von ihr irgend beeinflußt zu werden, und

verleiht ihr Leben und Vollkommenheit, beides stufenweise aufsteigend

bis zu den vollkommensten Wesen. Die Welt wird als ein „gewaltiger

Organismus“ bezeichnet und als „ein Abbild des obersten Prinzips“. Und

es werden diejenigen getadelt, „welche nicht einsehen, noch anerkennen

wollen, daß die Welt mit ihren Gliedern belebt sei; als ob Gott

sein Abbild beneidete“. Alle Teile der Welt sind beseelt, und zwar

„ohne allen Abzug“. Indessen sind viele, eben die, die wir unbelebt

nennen, nur der Fähigkeit nach beseelt; sie enthalten wenigstens „ein

Prinzip und einen Keim des Lebens“. Das bedeutet eigentlich, daß diese

Dinge in ein entstehendes oder vorhandenes beseeltes Wesen eingehen

können, ohne darin ein Fremdes zu sein; ihre fakultative Beseelung

geht in wirkliche über, sie beleben sich. Aber doch scheint Bruno dem

unbelebten Körper eine gewisse andere Beseelung zuzuschreiben, indem

er sich auf die Wirkungen bezieht, welche sie auf uns, als beseelte

Wesen, hervorbringen, wie Affekte, Begierden, Gefühle usf. Er beruft

sich sogar darauf -- und das ist für den so klaren Bruno etwas seltsam

--, daß „die Nekromanten viele Dinge durch Totengebeine zu bewirken

hoffen, und daß sie glauben, dieselben behielten, wenn auch nicht

dieselbe, doch eine Art von Lebensfunktion, welche ihnen zu jenen

außerordentlichen Wirkungen verhelfen können“. Lasson hat dazu eine

sehr lesenswerte Bemerkung geschrieben. Bruno zahlt seiner Zeit den

Zoll. So verwirft er auch nicht Krankenbehandlung durch Anhängen von

Steinen und Murmeln von Beschwörungsformeln, durch Magie oder durch

Fünftelessenzen neben der Behandlung durch die Apothekerheilmittel,

aus dem Vernunftsatz, daß es besser ist, auf irgendeine Weise geheilt

zu werden als gar nicht. Die Hauptsache ist, man weiß jetzt, was

Bruno unter der Allbeseelung meint: gewisse Funktionen, die auch

dann noch bestehen, wenn ein Wesen tot ist, und die überhaupt aller

Materie angehören, höhere Funktionen bei Pflanzen, noch höhere bei

Tieren, Menschen usf. Die Beseelung ist der Welt „immanent“. Außer

der Weltseele besteht eine Materie, ein Substrat, die von uns so

wenig definiert werden kann wie die Weltseele. Die Verbindung mit der

letzteren gibt die Dinge. Die substanzielle Form der Dinge ist die

Seele. Materie wie jede Seele „können nicht zerstört und vernichtet

werden, so daß sie das Sein durchaus und in jedem Sinne verlören“.

So ist die Welt ein dreifaches Unvergängliches: Universelle Vernunft

oder allgemeine Weltseele, Macht der universellen Vernunft oder

eigentliche Weltseele, Materie oder Substrat. Bei Gott nun ist Vermögen

und Wirklichkeit das gleiche, er ist „Urvermögen“ und „Urwirklichkeit“.

Die Welt aber, deren jeder einzelne Teil ja etwas anderes sein könnte,

wie ein Stein auch Holz, ein Mensch dieser oder ein anderer, verbindet

Vermögen und Wirklichkeit nicht; ersteres ist bei weitem umfassender.

So ist alles expliziert, zerstreut, unterschieden. Darum wird die Welt

als Schatten, auch Ebenbild, des Urvermögens und der Urwirklichkeit

bezeichnet. Aber dieses Ebenbild „ist in ~spezifischer~ Wirklichkeit

alles das, was es seinem ~spezifischen Vermögen~ nach ist“. „Deshalb“,

wird dann noch gesagt, „wird es nicht schwierig und nicht bedenklich

sein, schließlich anzunehmen, daß ~das Ganze der Substanz nach eines

ist~.“ Beim Herabsteigen auf der Stufenleiter der Natur gibt es zwar

eine doppelte Substanz, eine geistige und eine körperliche; aber

schließlich gehen beide „auf ein Wesen und eine Wurzel zurück“. Dieses

wird in der mannigfachsten Weise variiert, so indem in der Materie

eine körperliche und eine unkörperliche unterschieden wird, die beide

aber doch nur Materie sind. Die Materie, in diesem Sinne aufgefaßt,

entfaltet alles, was sie unentfaltet enthält, „darum muß man sie

ein Göttliches, die gütigste Ahnfrau, die Gebärerin und Mutter der

natürlichen Dinge, ja der Substanz nach die ganze Natur selber nennen“.

Sie ist das Universum und ein „Einiges, Unendliches, Unbewegliches“.

Diese Eigenschaften des Universums werden nach allen Richtungen

ausgeführt, indem immer das Gegensätzliche als mit dem Universum gleich

vereinbar dargelegt wird (S. 311). Da es alles vereinigt, kann es nicht

ein Einzelnes sein. Also hat es keine Gestalt, keine Bewegung, nicht

Größe noch Kleinheit, nicht Zeit noch Ewigkeit, nicht Zentrum noch

Umgebung. Es ist unveränderlich; die einzelnen Dinge ändern nur die Art

des Seins, nicht das Sein selbst, und das Universum umfaßt ~alle~ Arten

des Seins. So ist das Universum in allem. Von diesem Standpunkt aus

ist auch das Sterben nur ein Wechsel der Art des Seins oder des Ortes

im Universum. Und so gibt es auch nichts Neues im Universum; was ist,

war schon, und was kommt, war schon; ein Gedanke, der sich auch bei dem

Cusaner findet, und der im „Prediger“ so oft ausgeführt wird. „Da seht

ihr also wie alle Dinge im Universum sind und das Universum in allen

Dingen, wir in ihm, es in uns, und so alles in eine vollkommene Einheit

einmündet.“ Und diese Einheit ist stetig und dauert immer, dieses Eine

ist ewig. Jedes Ding im Universum, weil es das, was alles in allem ist,

in sich hat, umfaßt in seiner Art die ganze Weltseele. Diese Weltseele

ist also in jedem Teile des Universums ganz. Auch sind die Welten

nicht etwa wie in einer Ausdehnung oder einem Orte, sondern „wie in

einer umfassenden, erhellenden, bewegenden wirkenden Kraft, welche von

jeder dieser Welten ebenso umfaßt wird wie die ganze Seele von jedem

Teile derselben“. Wichtig ist auch die Bemerkung, „daß es eine und

dieselbe Stufenleiter ist, auf welcher die Natur zur Hervorbringung

der Dinge herabsteigt, und auf welcher die Vernunft zur Erkenntnis

derselben emporsteigt, indem sie durch die Vielheit der Mittelglieder

sich bewegen“. Fast darwinistisch aber klingt es, „daß die Vernunft die

Vielheit und Verschiedenheit der Arten auf eine und dieselbe Wurzel

zurückführt“. Und so faßt die Urintelligenz alles aufs vollkommenste

in ~einer~ Anschauung. Und diesem hat der Mensch nachzustreben, um zum

„Unterschiedslosen“ zu gelangen.

Es ist schwer zu sagen, in welche Kategorie wir des großen Nolaners

Lehre einzutragen haben; sie ist ebensowohl theosophisch als

emanistisch, als panpsychistisch, als physisch (Bruno war Anhänger

des Kopernikanischen Systems), je nach der Deutung, die man seinen

Bezeichnungen gibt. In anderen Schriften tritt das Theosophische mehr

hervor als in der hier besonders benutzten Hauptschrift. Also darf man

vielleicht glauben, daß das ganze System eine Erhebung des Physischen

aus seiner Natur in das Göttliche ist oder eine Durchstrahlung des

Physischen durch das Göttliche; beides eine Art Pandeismus. Und so

zeigt sich auch der Begriff Gottes von dem des Universums nicht

getrennt; Gott ist naturierende Natur, Weltseele, Weltkraft. Da Bruno

durchaus ablehnt, gegen die Religion zu lehren, so hat man solche

Angaben wohl umgekehrt zu verstehen: Weltkraft, Weltseele, naturierende

Natur, Universum sind in Gott. ~Gott ist Kraft der Weltkraft, Seele

der Weltseele, Natur der Natur, Eins des Universums.~ Bruno spricht ja

auch von mehreren Teilen der universellen Vernunft, des Urvermögens

und der Urwirklichkeit. Und damit hängt zusammen, daß für ihn die Welt

unendlich ist und ohne Anfang und Ende; sie ist in demselben Sinne

allumfassend wie Gott. Aber nicht ganz wie Gott. Gott sei in allem und

im einzelnen allumfassend, die Welt jedoch wohl in allem, aber nicht

im einzelnen, da sie ja Teile in sich zuläßt. „Ich sage,“ heißt es in

einer Schrift über das Unendliche, „das ganze Universum ist unendlich,

denn es hat weder Rand noch Grenze noch Oberfläche; doch sage ich, daß

das Universum nicht ganz und gar (totalmente) unendlich ist, daß, was

wir davon auch nehmen mögen, endlich ist.“ Und an dieser Endlichkeit

liegt die Verschiedenheit der Dinge und ihr Gegensatz zueinander. Für

die Übel, Tod und Böses, hat Bruno keine andere Erklärung als Mangel

und Unvermögen. „Sie finden sich in den explizierten Dingen, weil diese

nicht alles sind, was sie sein können, und durch äußeren Zwang werden,

was sie sein können. Da sie daher nicht zugleich und auf einmal so

vieles sein können, so geben sie das eine Sein auf, um das andere zu

erlangen.“ Das ist im Grunde nur eine Darlegung des Tatsächlichen.

Bei Giordano Brunos universalistischem Gesinnungsgenossen, dem

Kalabrier ~Thomas Campanella~ (1568 bis 1639, Dominikaner wie jener;

wenn auch nicht verbrannt, aber in allen Kerkern Spaniens heimisch, und

alle Torturen fast gewohnt), tritt das Theosophische etwas stärker in

den Vordergrund. Die Welt ist eine Mischung aus Sein und Nichts. Dem

Sein, Gott, wohnen drei ~Primalitäten~ inne: Allmacht, Allweisheit und

Allwille; dem Nichtsein Unmacht, Unbewußtheit, Bosheit. Die göttlichen

Primalitäten äußern sich in der Welt als Notwendigkeit, Vorsehung,

Harmonie. Wie die Mischung zustande kommt, ist ein transzendentes

Geheimnis. Gott ist das schlechthin Seiende, ein Überseiendes, eine

Übersubstanz. Er hat von seinem Sein und von seinen Primalitäten (als

Liebe, Erkennen, Wollen) den Geschöpfen mitgeteilt, wie eine Emanation.

Und so sind alle Geschöpfe ihrer Wahrheit nach in Gott, nur daß ihnen

das Nichtsein als ein Mangel anhaftet, davon Gott selbstverständlich

frei ist. Und es gibt Welten, die sich zu immer höheren Stufen erheben,

wie Emanationen, und von denen jede die niederen einschließt und

von den höheren eingeschlossen wird, bis zu Gott, der alles umfaßt.

Selbst die Engel stehen noch viel näher dem Nichts als Gott. Das

Unterscheidende der Welt als Welt, da es durch das Nichts gegeben ist,

bildet also das Übel und das Böse, sonst wären die Geschöpfe Gott,

und alles bestände unterschiedslos. Der Mensch ist frei zum Guten

wie zum Bösen. Da jede Primalität von der höheren eingeschlossen ist,

geht das Tun vom Willen aus, muß gelenkt werden durch das Erkennen und

seine Richtung nehmen zur Liebe. Alles dieses fließt aus der Natur

der Geschöpfe. Wie in diesen Rahmen die Materie, die als gänzlich

eigenschaftslos angesehen wird, paßt, kann ich nicht sagen. Es hat

aber Gott zuerst den Raum geschaffen, der als die Substanz der Materie

anzusehen sei, dazu die Materie als solche, als begrenzte Einheit und

Grundlage für alle Verschiedenheiten. Zuletzt zwei Kräfte, die, wie bei

Telesius, als Wärme und Kälte angenommen werden, die beide die ganze

Materie angreifen und so in Streit geraten. Durch sie aber entstehen

im einzelnen lebendige Wesen, im ganzen die Ordnung und Harmonie der

Welt unter Leitung Gottes oder der Engel. Dabei müssen den Wesen die

Primalitäten mitgeteilt werden, direkt oder indirekt. Das Ganze ist

hier so wenig wie bei Telesius zu durchschauen. Überhaupt sind alle

allgemeinen Angaben noch verständlich, während die Ausführungen im

einzelnen für uns wenig mehr als unverständlich verlaufen. Das liegt in

dem Mangel an Kenntnissen. Und solche und ähnliche Ausführungen fußen

auch meist auf den Annahmen der ionischen Naturphilosophen, die, weil

sehr lückenhaft überliefert, nicht anders als unklar wiedergegeben

werden konnten.

Wir kehren zu unseren deutschen Theosophen zurück. ~Nikolaus Taurellus~

und ~Valentin Weigel~ übergehen wir, um uns sofort zu unserem größten

Mystiker ~Jakob Böhme~ zu wenden. Dieser ebenso sonderbare wie höchst

bedeutende und liebenswerte Mann ist 1575 zu Altseidenberg bei Görlitz

geboren, hütete erst das Vieh und ward dann ehrsamer Schuster. Als

solcher lebte er bis 1624, seinem Todesjahre, in Görlitz. Schreiben

und Lesen verstand er nur notdürftig. Er wurde von wunderbaren

Gesichten und Verzückungen heimgesucht, war also vielleicht ein

armer kranker Mensch. Sie gaben ihm aber Anlaß, 1612 seine erste

Schrift „Morgenröte im Aufgang“ (Aurora) zu verfassen. Die Theologen,

überall unduldsam, eiferten gegen ihn, und so wurde ihm vom Magistrat

das Schreiben untersagt. Nach sieben Jahren, da sein Anhang wuchs

und sein Leben sich als ein frommes und unsträfliches erwies, ließ

man es zu, daß er weiterschrieb. Der einfache Mann muß viel gehört

und gelesen haben; er stand auch mit vielen in Verbindung. Wie der

frühere Schuster Hans Sachs ist er ein gewaltiger Poet, aber in seiner

innig-tiefen Weise, indem er sich eine außerordentliche Welt erdichtet

und in außerordentlicher Bildersprache redet. Dabei ist er von allen

Theosophen der konsequenteste, vielleicht der einzig konsequente.

Mittel zur Erkenntnis ist ihm fast allein das Schauen. Gleich wie

das Auge des Menschen in die Gestirne sieht, so auch die Seele in

das göttliche Wesen, darinnen sie lebt. Und aus diesem Schauen hat

seine „Feder geschrieben“. Und da er eine tiefsittliche Natur ist,

gewinnt alles bei ihm sittliche oder gegensittliche Bedeutung. So ist

Licht: Freundlichkeit und Liebe, Wärme: Grimm, ist Haß: Finsternis

und -- Paracelsistisch -- Begierde: Salz, Angst: Schwefel. Die

Naturerscheinungen sind Gutes und Böses, und Gutes und Böses sind

Naturerscheinungen. Geist und Körper gehen durcheinander. Und Gott

selbst wird körperlich aufgefaßt, nur von ganz außerordentlicher

Feinheit. „Die harte Qualität, die zeucht das ganze körperliche Wesen

der Gottheit zusammen und hält es und vertrocknet es, daß es bestehe.“

Das Auffallende einer solchen Behauptung schwindet, wenn man bedenkt,

daß ja auch der philosophisch und dialektisch so hochgeschulte Giordano

Bruno Materie und Seele schließlich in Eins, die allgemeine Substanz,

auslaufen läßt. Jakob Böhme hat dieses nur sinnlicher ausgedrückt. Und

so sieht er in der Tat in Gottes Wesen das Nichts; das Unkörperliche

und Eigenschaftslose, würden wir sagen. Aus diesem seinem Nichts

schafft Gott die Welt, absteigend sie immer derber verhärtend, indem er

sich zusammenzieht. In Gott ist zunächst die abgeschlossene Selbstheit,

die absolute Einheit. Außerdem aber der Drang nach Selbstoffenbarung in

der Vielheit. Gott bildet hiernach eine ~Polarität~, eine ~Entzweiung~

mit sich selbst. Und so ist Gott auch Gutes und Böses. „~Denn der

heiligen Welt Gott und der finsteren Welt Gott sind nicht zween Götter;

es ist ein einziger Gott; er ist selber alles Wesen; er ist Böses und

Gutes, Himmel und Hölle, Licht und Finsternis, Ewigkeit und Zeit,

Anfang und Ende; wo seine Liebe in einem Wesen verborgen ist, als da

ist sein Zorn offenbar.~“ So zu lesen im Mysterium magnum. Und man kann

sich nicht deutlicher ausdrücken. Gerade aus dieser Polarität heraus,

die ja einfach der Welt entnommen ist, erwächst die Welt durch Gott und

in Gott, mit dem ethischen Endziele -- man denke an einen ähnlichen

Gedanken der Eranier (S. 202) --, daß im Bereich der Menschheit der

Kampf zwischen Gut und Böse, Liebe und Haß, Güte und Zorn usf. zum

Vorteil der ersten Pole entschieden wird. Jakob Böhme einfach den

Gnostikern und Theosophen üblicher Art zuzurechnen, geht also nicht

wohl an, obwohl er Ausdrücke der Gnostiker tatsächlich braucht. An ihm

imponiert die vor nichts zurückschreckende Folgerichtigkeit seines

Systems, die in Lehren, welche nur das Licht an der höchsten Stelle

kennen und die absolute Einheit, nicht vorhanden sein kann; die auch

mangeln muß, wo von der schwächlichen Unvollkommenheit der doch so

derbe Teufel in der Welt sich herschreiben soll. Als Feuer wird dieses

Böse bezeichnet, verzehrend und peinigend, wenn es sich im Menschen

geltend macht. Auch ist der Teufel „in Kraft des Zornes Gottes“. Diese

Eigenschaft wird in zwei Eigenschaften zerlegt, in Trieb, Begierde und

in Aufnahme böser Befriedigung.

Wir haben bis jetzt zwei Eigenheiten Gottes kennen gelernt,

„Quellgeister“, wie Jakob Böhme sie außerordentlich schön und

bezeichnend nennt. Ein dritter Quellgeist ist das In- und

Gegeneinanderwirken der beiden ersten Geister, wodurch alles aus der

Selbstheit drängt und in die Selbstheit zurückfließt, ein ewiger

Prozeß im Kreise. Hiernach scheint die Welt ständig auszuströmen und

zurückzuströmen, also immer zu werden und zu vergehen, wie bei den

Systemen, die in Gott nur das „Jetzt“ anerkennen, nicht Vergangenheit

noch Zukunft (S. 287, 303). In diesen drei Quellgeistern sieht Jakob

Böhme furchtbarste Zerrissenheit, Unruhe und Pein, als kosmogonische

Begriffe. Der vierte Quellgeist, der Feuerblitz, soll die Enge in der

Welt zersprengen, aus dem Bösen in das Gute, aus dem Übel in das Heil

führen. Er ist also eine Art Erleuchtung durch Gottes lichte Gnade.

Als fünfter Quellgeist steht das himmlische Liebesfeuer, „der wahre,

der heilige Geist, der alles in Liebe eint“. Heinrich Schmitt (S.

267) vergleicht ihn mit der himmlischen Weisheit der Gnostiker. Den

sechsten Quellgeist bezeichnet Jakob Böhme als Hall oder Schall. Er

ist wohl das Wort, der Logos, bedeutet jedoch auch die Harmonie der

Geister, „gleich einer himmlischen Musik von vieltausend Instrumenten,

gegen deren göttlichen Schall, der von Ewigkeit zu Ewigkeit aufgeht,

die künstlichste irdische Musik nur wie ein Hundegebell erscheint.“

„Hier herzet der Bräutigam die Braut und entstehet das wahre Leben

aller Kreatur, in jedem Ding nach seiner Eigenschaft.“ Also ist es

wohl auch die allgemeine Vernunft, die alles in sich in Einklang

ordnet. Endlich der siebente Quellgeist führt aus dem Himmlischen

ins Irdische, als irdische Vernunft und irdisches Leben und alles

Heilige in sich fassend. Aber im Leben sind alle Quellgeister, bis

auf die Feuer-Quellgeister, geschwächt und verdunkelt, und nur in

innerlichster Anschauung hinreichend erkennbar. Dem Menschen sollen

fünf von ihnen als Kampfmittel gegen die Feuer-Quellgeister dienen,

die in ihm das Böse bedingen. „So sich ein Feuer in einem Quellgeiste

erhebet, so ist’s der Seele nicht verborgen; sie mag alsbald die

anderen Quellgeister aufwecken, die dem angezündeten Feuer zuwider

sind, und mag löschen. Will aber das Feuer zu groß werden, so hat

sie (die Seele) ihr Gefängnis, da mag sie den angezündeten Geist

einschließen, als nämlich die herbe, harte Qualität (Entbehrung

und Kasteiung, Selbstzucht), und die anderen Geister müssen ihre

Stockmeister sein, bis ihm der Zorn vergehet und das Feuer verlischt.“

Mitunter freilich scheint es, als wenn das „Feuer“ ein besonderes

ist, nicht ein Quellgeist. Über das Schauen der Quellgeister heißt

es: „Du sollt aber nicht denken, daß das himmlische Licht in dieser

Welt in den Quellgeistern gar erloschen sei; nein, es ist nur eine

Dunkelheit, welches wir mit unsern verderbten Augen nicht ergreifen

können. So aber Gott die Dunkelheit wegtäte, die über dem Lichte

schwebet, und würden dir deine Augen eröffnet, so sähest du auch

hier an der Stelle, wo du in deinem Gemache stehest, sitzest oder

liegest, das schöne Angesicht Gottes (ein kabbalistischer Ausdruck,

oder aus der Daniel-Apokalypse) und die ganze himmlische Pforten. Du

darfst deine Augen nicht erst in den Himmel schwingen; denn es stehet

geschrieben: das Wort ist dir nahe, nämlich auf deinen Lippen und an

deinem Herzen.“ Eine schöne und höchst charakteristische Stelle für die

reine Innerlichkeit der Anschauung! Der Mensch wird dreifach geboren;

in der ersten Geburt (der siderischen) voll der Herrlichkeiten der

guten Quellgeister, in der zweiten (animalischen) gleich einem Tiere;

in der dritten, am Ende der Tage, zu Himmelreich oder Hölle. Die

Engel haben nur das Gute, die Teufel nur das Böse. Aber beide nicht

ausschließlich, da sie von Gott kommen und „Gott wider Gott steht“.

Eine Art doppelte Prädestination ist nicht zu verkennen, doch liegt

es in dem umfassenden Quellgeist, daß die Seele das Gute gegen das

Böse in Kampf rufen kann. Der Weltentstehung geht der Abfall der Engel

vor. „Das Wesen der verstoßenen Geister entzündet und verdichtet sich,

um die neue Welt zu gebären.“ Der Mensch tritt an Stelle Luzifers.

Adams Fall beginnt mit seinem ersten Schlaf im Paradiese, was für Eva

nicht sehr schmeichelhaft wäre, wenn Böhme nicht meinte, daß schon das

Sichüberlassen der Untätigkeit ein Zeichen der Fleischlichkeit sei.

Denn das Leben denkt er sich durchaus energisch geführt, als einen

Kampf des Guten in uns mit dem Bösen in uns, zum Siege des Guten.

Unter den mehreren Anschauungen ~Schellings~, denen wir später noch

begegnen werden, finden sich auch solche, die ganz auf dem Boden

der Anschauungen Jakob Böhmes erwachsen sind. Gott ist die absolute

„Indifferenz“, der „Ungrund“, ohne jedes Prädikat. Aber Gott ist

gleichwohl potentiell eine Dualität, weil nämlich Gott auch den

Grund seines Seins in sich haben muß. Dieser Grund ist in ihm als

gesonderte Existenz. Und als Grund des Seins ist er zugleich ein

Begehren nach Sein. Da er aber Gott selbst angehört, so schaut Gott

hieraus sein Ebenbild, den Logos, eine Vereinigung von Vernunft und

Seins-Begehren, die sich als Schaffens-Wille äußert und nun die Welt

schafft und ordnet. Man sieht, wie Schelling die „Selbstentzweiung

Gottes“ auffaßt. Die Vernunft geht nach oben, dem Vollkommenen, das

Begehren nach unten, dem Niederen. Das Weitere, das Böhme ethisch

entwickelt, behandelt Schelling mehr historisch, unter Benutzung seiner

naturwissenschaftlichen und Geschichtskenntnisse. Erst überwiegt das

Begehren, und es werden rohe Produkte geschaffen und erhalten, wie die

ausgestorbene Vorwelt sie zeigt. Allmählich kommt die Vernunft mehr

und mehr zur Geltung, es entstehen die höheren Wesen; der Mensch tritt

auf, erst roh, barbarisch, dann edler. Vernunft und Begehren stehen

immer in Kampf; das Fortschreiten der Vernunft ist kein stetiges,

aber ihre Wirkung geht, mit Schwankungen, doch aufwärts. Das Endziel

ist die Oberherrschaft der Vernunft, das Schwinden des Begehrens, die

Vereinigung der Welt mit dem Göttlichen zu einer Identität.

Auch ~Krause~ (1781-1832) scheint sich dem Hauptprinzip Böhmes

angeschlossen zu haben, indem er das Dasein der Welt aus einer „inneren

Entgegensetzung der Wesenheit in Gott“ ableitet. Und obgleich er

Pantheist ist, überträgt er doch alles in Gott, so daß seine Lehre eine

All-in-Gott-Lehre sein soll, und verleiht Gott Eigenschaften, die nicht

weit ab von den Quellgeistern Böhmes liegen. Manches aber freilich paßt

sich den Anschauungen der Zeit an, und einzelnes, wie es scheint, dem

Spinozaschen Pantheismus. Überhaupt werden wir sehen, daß Jakob Böhmes

Entzweiung Gottes mit sich sehr oft benutzt wird, noch bis in die

neueste Zeit hinein und in Systemen, die vom Böhmeschen weit abzuliegen

scheinen, wie zum Beispiel in dem dialektischen System Hegels.

Wir gehen in der Zeit stark zurück und führen von anderen Theosophen

noch besonders an den Brüsseler Arzt ~Johann Baptist van Helmont~

(1577-1644), der in Visionen und Träumen die Wahrheit suchte und

Logik und Vernunftwissenschaft, wie alle Intuitiven, verachtete, und

der dabei doch zugleich ein nicht unbedeutender Naturforscher war,

indem er das Reich Gottes von dem Reich der Natur scharf trennte.

Er sah aber überall Leben und glaubte, daß jede natürliche Kraft

als ~Archeus~ sich selbst ihren Körper bilde. „Aber in der Tat sind

so viele Arten (species) lebender (von Gott in die Natur gelegter)

Lichter, als Arten lebender Kreaturen. Und so ist in diesen Lichtern

selbst alle und jede Unterscheidung der Arten.“ Die Materie ist das

zweite Prinzip der Natur. In jedem Dinge ist ein Samen, daraus es

sich entwickelt. Die Entwicklung wird aber durch eine innere Anlage,

ein „Ferment“, eingeleitet und weitergeleitet. Eigenartig ist seine

Annahme einer Wirkung in die Ferne, einer Art Strahlung -- er hat dafür

das wunderliche Wort ~Blas~ geprägt -- die von den Gestirnen nicht

minder wie von den Wesen ausgeht und nach Außen und Innen wirken soll,

was ja mit astrologischen und mit modernen Ideen übereinkommt. Außer

Archeus und Blas wird noch, als an einem Punkt im Körper konzentriert,

die Seele angenommen. Diese sitzt im Magenmund, der Archeus in der

Milz. Gehirn und Nerven sind Werkzeuge der Seele, der Archeus ist ihr

ausführendes Organ, für das körperliche Leben. Dazu kommt der Geist

als das Gotteslicht. Es sind etwas viel Distinktionen: Archeus, Seele,

Geist, Samen, Ferment, und man weiß zuletzt doch nicht recht, wie

all diese Dinge miteinander zusammenhängen. Namentlich konkurrieren

Archeus und Ferment, Seele und Geist. Zu Jakob Böhme bildet van Helmont

insofern einen Gegensatz, als er den energischen Kampf in der Natur,

den jener so dichterisch und geistvoll vertritt, ablehnt. Die Natur

ist ihm vielmehr ein geordnetes Ganzes mit selbständigen einzelnen

Wesen. Den Engländer ~Fludd~ (1574-1637), einen ganz gehörigen

Mystiker, erwähne ich, nicht weil er Wärme und Kälte als weltbildende

Prinzipe benutzt, wie schon viele vor ihm getan, sondern weil er sich

auf Versuche mit einem Thermometer beruft, dessen Beschreibung er in

einem wenigstens 500 Jahre alten Manuskript gefunden haben will. Die

Ergebnisse der Versuche sind zutreffend. ~Blaise Pascal~ (1623-1662)

hat mit Jakob Böhme einige Ähnlichkeit, er zeigt sich als tiefsinniger,

religiöser Mystiker und zugleich doch als Skeptiker. ~Montaigne~

(1533-1592) ist als Mystiker nur zu erwähnen, mehr noch ist er

Skeptiker. Aber ~Swedenborg~ (1689-1772) ist ganz und gar Mystiker.

Die Theosophie zieht sich wie ein roter Faden noch lange durch alle

Systeme, wie wir sehen werden. In unserer Zeit konnte sie sogar

einen sehr bedeutenden Aufschwung erfahren, mit allem Zubehör von

Mystizismus und Okkultismus. Dem veränderten Verhalten der Menschen den

besonderen Religionen gegenüber entspricht es, daß sie sich wesentlich

der ~indischen~ Auffassung angeschlossen hat. Ein anscheinend für

die betreffenden Kreise bestimmtes grundlegendes Werk hierüber, „The

Key to Theosophy“, von der klugen Helene Petrowna Blavatsky (Carl

Bleibtreu hat über sie ein Buch veröffentlicht, das leider durch

unnötige Ausfälle gegen Andere und durch Übertreibungen entstellt

ist), arbeitet ganz im Fahrwasser der schon mitgeteilten Lehren des

Wundervolkes der Indier. Ebenso im Grunde das Werk von Franz Hartmann

„Mysterien, Symbole und magisch wirkende Kräfte“. Die Hauptgedanken

erhellen bereits aus den Seite 223 mitgeteilten Ansichten über die

Seele, und auch das Prinzip, daß alles, ausnahmslos, Eines ist, der

Theos, das Brahma usf., ist uns schon bekannt. Ebenso die Lehre von

der Reinkarnation und das ~Karma-Gesetz~, daß jeder erntet, was er

gesäet hat. Ferner, daß die Erkennung des „Ich-selbst“ die Erkennung

von allem bedingt, auch die des Dinges hinter den Erscheinungen, des

Transzendentalen im Sinne Kants (S. 350). „Das Selbst des Universums

und das Selbst jeden Wesens im Universum ist ein und dasselbe Selbst“,

lautet der Hauptsatz dieser Theosophie. Und dieses Selbst ist eben

der Theos. Wir selbst sind es. Alles dieses entspricht durchaus dem,

was wir von indischer Theosophie wissen. Die Durchführung dieser

Hauptgedanken darzulegen muß ich mir versagen, ebenso muß ich die

Schilderung der sieben Reiche (im Anschluß an die sieben Seelen, S.

223) und die Erklärung der Symbole und Mysterien übergehen, zumal mir

sehr vieles allzudunkel geblieben ist. Nur weniges ist gnostischen

Anschauungen entnommen und noch weniger kirchlich-christlichen. Und es

läßt sich ja nicht bestreiten, daß, so poetisch schön die letzteren,

und namentlich die gnostischen, Anschauungen sind, sie philosophisch

den tiefdurchdachten und bis ins äußerste scharf getriebenen Lehren

der indischen Schulen zurückstehen. Und nach dem wirklich großen Jakob

Böhme ist ja auch kein christlicher Theosoph erschienen, der ein

befriedigendes System hätte aufstellen können. In Böhme aber haben

wir mehr den sittlich hohen und phantasiebegabten Mann zu verehren

als den unumwundenen Dialektiker. Er war rücksichtslos in seiner

Entzweiung Gottes mit sich selbst, sein frommer Sinn aber führte ihn

auf geschlungenen Pfaden immer wieder zurück zu dem einzig gnädigen

und gütigen Gott, wie ihn die Fülle der Menschheit ja allein als

Gott des Trostes und der Verheißung brauchen kann, wie ihn aber der

spekulative Menschenteil nicht ohne inneren Widerspruch, angesichts des

so unglaublich verbreiteten und fast unser ganzes Leben durchquälenden

Schlimmen und Üblen, auf sich wirken lassen kann. Wo die Persönlichkeit

verloren geht, schwindet die Poesie, und man mag uns Gott noch so

erhaben schildern, noch so gewaltig und unendlich, er wird uns immer

fremder und kälter und unverständlicher. Der strafende und der liebende

Vater geht verloren. Es kommt ein geheimnisvolles Etwas hinter grauen

Schleiern. Das Leben wird verschwommen, wie die Anschauung zerfließt.

Es ist überall ein Verstecktes da, nirgend doch ein Greifbares, und

die Gesellschaft muß sich schließlich mit einem feinen Schatten

begnügen und einem ethischen Kodex, mit einem ewigen marklosen Leben,

wenn nicht einem absoluten Tod. Diese Reaktion ist gegenüber den

unsäglichen Albernheiten, die so viele mit der persönlichen Religion

treiben, gegenüber den selbstsüchtigen Pachtungen des lieben Gottes,

dessen sich so viele erdreisten, gewiß durchaus gerechtfertigt. Eine

solche Reaktion hat die Philosophie von je gegen die Theologie geübt,

daher die eigentlich so unwahre ~doppelte Wahrheit~. Gegenwärtig

aber, wo ein dritter gewaltiger Kämpe auf den Plan getreten ist,

die kalte, beweiskräftige Naturwissenschaft, die allen Glauben

überhaupt hinwegzuschwemmen droht, ist es nur wohl zu verstehen, wenn

manche, abhold dem Zerstörlichen, sich in ein Reich flüchten, das der

Naturwissenschaft nicht angreifbar zu sein, den Gedanken keinen Zwang

zu tun und für Phantasie und Gefühl Befriedigung zu bieten scheint.

Kommt noch dazu, daß das Geheimnis vor der Grenze dieses Reiches

wandelt und jedem Nahenden mit dunklen Reden Wunderbares zu schauen

verheißt. Indessen scheint der anglo-amerikanische Stamm besonders

geneigt, sich dort einzubürgern; in Deutschland sind wir noch sehr

mißtrauisch den Verheißungen gegenüber. Die Menschheit verhält sich

gegenwärtig fast synkretistisch in bezug auf die Religion. Und wenn

gar einer Hochreligion, dem Christentum, das Wichtigste, Christi

Leben und Leiden auf Erden für die Menschheit, also sein persönliches

Erlöserwerk, fast mit Übereifer abgestritten wird, was bleibt vielen da

übrig, als zum Unerforschlichen in seiner Unnahbarkeit zurückzukehren

und, wie Jakob, mit der geheimnisvollen Erscheinung zu ringen, um

ihren Namen zu erfahren! Oder, unbekümmert um eine Gottheit, ein

irdisches Leben in ethischen Regeln als den alleinigen Zweck des

Menschen zu betrachten, wenn man dieses Leben nicht überhaupt als ein

Übel unter gleicher Voraussetzung zu überwinden hat! Wunderbar ist,

wie dabei die größten Gegensätze nebeneinander bestehen. Der mitunter

fast halluzinierende Theosoph und Spiritist hat den kühl abwägenden

und alles Supernaturalistische abweisenden Ethiker, Optimisten oder

Pessimisten zum Nachbarn. Wie sich allmählich aber eine Anschauung

mehr und mehr zur Herrschaft emporringt, die den Theismus (auch als

Deismus) mit dem sogenannten Atheismus versöhnt und verbindet, der

spinozistische Pantheismus, der mit der Theosophie die Idee eines

alles umfassenden, alles begreifenden Etwas, mit dem Atheismus die der

Selbständigkeit der Welt, ihr Freisein von einem persönlichen außer und

über ihr stehenden Herrscher, ihr Wurzeln auf sich selbst gemein hat,

werden wir später sehen. Einstweilen können wir vom Deismus noch nicht

scheiden.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 91 / 108 题