36. ~Jüdische Theosophie und Kabbala.~

Da die Gnosis im Grunde aus jüdischen Anschauungen sich entwickelt

hat, denn das erste konsequente, wenn auch nicht vollständige, System

ist das von Philon, so darf es nicht wundernehmen, wenn sie auch bei

jüdischen Forschern sich weitergebildet findet. Hervorzuheben ist

zunächst der so bedeutende Dichter ~Salomon ben Gabirol~ (1020 n.

Chr. zu Malaga geboren und in der Philosophie als Avicebron bekannt).

Ich brauche nur aus einem Hymnus von ihm, „die Königskrone“, die

entscheidenden Verse anzuführen:

Du bist Gott! Und nicht getrennt ist deine Einheit von deiner

Göttlichkeit,

So wenig als dein Dasein von deiner Ursprünglichkeit;

Denn alles fließt aus ~einer~ Quelle.

Und wenn auch jedes anders heißt, so ist doch aller Ziel dieselbe

Stelle.

Du bist weise! Des „Lebens Quelle“ ist die ~Weisheit~, dir

entstammend, hell und klar,

Und deiner Weisheit gegenüber ist der Mensch des Wissens bar.

Warst früher als alles Frühe, und in deinem Schoß

Da wuchs die Weisheit groß. -- --

Du bist weise! Und deine Weisheit strahlte aus die ~Willenskraft~,

Die wie ein Meister, wie ein Künstler wirkt und schafft,

Die aus dem Nichts hervor ließ gehn das ~Sein~,

Wie aus dem Aug’ des Lichtes Schein,

Die ohne Eimer schöpft des Lichtes Kraft

Und ohne Werkgang alles schafft.

Also die Emanationen sind Weisheit, Willenskraft, Sein. Und die

Willenskraft baut die Welt als Emanation.

Das imponierendste System der jüdischen Gnostik und Mystik ist die

~Kabbala~. Früher mißachtet und verrufen, wird sie jetzt mit Eifer

hervorgezogen und auf ihren wissenschaftlichen Ideengehalt untersucht.

Das kabbalistische System ist in sehr vielen Traktaten und Werken

niedergelegt. Die bedeutendsten Schriften sind das ~Sepher Jezira~

(Buch der Schöpfung) und das ~Sepher Sohar~ (Buch des Glanzes),

redigiert von ~Mose de Leon~ um 1300 n. Chr. in Spanien. Es ist eine

ins Minutiöse durchgeführte Emanationslehre, um die es sich handelt;

freilich mit Zahlen- und Buchstabenmystik aufs äußerste durchsetzt

(namentlich im erstgenannten Werk, das alles in der Welt aus Zahlen

und Buchstaben aufbaut). Das Urwesen ist „das Unendliche“ (~En Soph~),

oder „der heilige Alte“, oder der „~Alte vom Tage~“, auch das „heilige

Antlitz“. Es bedeutet ganz Licht. Der Emanationen gibt es zehn in

absteigender Bedeutung: die höchste Krone oder oberste Höhe, die

ideelle Weisheit oder ideelle Einsicht, die Liebe oder Gnade, die

Stärke, das Recht, die Herrlichkeit oder Barmherzigkeit, der Sieg oder

die Geistesmacht, der Glanz oder die Schönheit, der Grund, der Kranz

oder das Reich. Es bestehen nun vier Welten in absteigender Folge.

Der Mensch ist in allen beteiligt, nach den verschiedenen Bedeutungen

seiner Seele, deren, gemäß der Bibelbezeichnungen, vier angenommen

werden: Adam mit dem Beiwort Kadmon als Urmenschenseele, Neschamah

als intuitive, Ruach als denkende, Nephesch als lebende Seele (vgl.

S. 221 ff.). Daher kann der Mensch sich bis zu dem Höchsten erheben.

Die vier Welten aber sind: Aziruth, entsprechend dem Pleroma, also das

absolute Lichtreich, alle Urbilder der Schöpfung enthaltend; Beriah,

eine intellektuelle Sphäre der Innerlichkeit, die Aionen Weisheit und

Einsicht herrschen darin; Jezirah, die Welt der Engel, an deren Spitze

der Erzengel Metathron (also dem Griechischen entnommen, der dem Throne

Nächststehende), hier waltet die Schönheit. Die letzte Welt zerfällt

in mehrere Schichten, die oberste Schicht ist die des Demiurgos;

dann folgt die der Dämonen, die irdische Welt. Und nun geht es

merkwürdigerweise wieder in die Höhe, denn die weitere Schicht enthält

Emanationen von Sieg und Glanz, und die letzte Schicht das Reich

(Malkuth). H. Schmitt sieht darin einen hervorragenden Optimismus, da

schon in der niedrigsten Welt das Lichtreich erreichbar ist. Weiteres

anzuführen muß ich mir versagen; meine Leser wissen aber, wie so

vieles aus der Kabbala als Mystik und Okkultismus in die Nekromantie,

Theurgie, und was des Spukes mehr, übergegangen ist. Wir haben es nur

mit dem Gedanklichen zu tun. Und dieses ist bedeutend genug in der

Reihe der gnostischen und neuplatonischen Systeme. Es führt sogar

über diese hinaus durch die bezeichnete konsequente Einfügung des

Menschen in ~alle~ Welten, wodurch sein Anteil am Lichtreiche und

seine Bestimmung, durch reines Leben und durch Erkenntnis sich zu

diesem Reiche aufschwingen zu können -- was ja der eigentliche Zweck

dieser Lehren ist --, noch entschiedener hervortreten. Darin kommt

diesem System nur die indische und die moderne Theosophie gleich. Die

kabbalistische Literatur ist unendlich. Unseres Goethe wegen verweise

ich auf das tüchtige Werk von C. Kiesewetter „Faust in der Geschichte

und Tradition“, in dem der Leser vieles Hierhergehörige finden wird,

sowie auf das große Faustbuch von Scheible in der absonderlichen

Sammlung „Das Kloster“.

Zum Schluß erwähne ich noch, daß unter den Juden auch Sekten wie

die Muatazile und Muatakallim sich finden; es sind die ~Karaiten~

oder ~Karäer~, die freiheitlicheren und die ~Rabbaniten~, die

orthodoxeren. Über die ersteren ist viel geschrieben worden; ich

kann aber darauf nicht eingehen, das Wesentliche ist schon bei den

islamischen Sekten gesagt. Unter den jüdischen Philosophen des

Mittelalters ist aber besonders der allbekannte Arzt der ägyptischen

Herrscher, ~Maimonides~ (Mose ben Maimûn, abgekürzt Rambam, gestorben

1205 n. Chr.) hervorzuheben, der den Karaiten zuneigt und so die

Schrift geistig auszulegen wünscht. In den Geschöpfen macht er einen

Unterschied zwischen solchen mit vergänglicher Seele, und solchen mit

unvergänglicher. Ob er zu letzteren ~alle~ Menschen rechnete, oder nur

die tugendhaften und erleuchteten, kann ich nicht sagen. Die Frage, ob

die Welt in endlicher Zeit geschaffen ist, oder seit unendlicher, hält

er für unentscheidbar. Übrigens gehört auch der so außerordentliche und

edle Dichter ~Jehuda Halevi~ (um 1140) hierher.

37. ~Die mittelalterliche Theosophie der christlichen Scholastiker und

Mystiker.~

Wir wenden uns wieder den christlichen Anschauungen zu, um uns mit

ihnen ohne Unterbrechung bis zum Schluß dieses Buches zu beschäftigen.

Die Theosophen und Mystiker stehen in einem gewissen Gegensatz zu

den ~Scholastikern~, namentlich mußten sie sich den ~Nominalisten~

unter diesen, die mit Aristoteles den Allgemeinheiten (Universalien,

Ideen) der Dinge jede Existenz außerhalb des menschlichen Verstandes

absprechen und die Annahme einer solchen für eine pure Einbildung

erklären, fernhalten, während sie mit den ~Realisten~, die mit Platon

gerade jenen Allgemeinheiten absolutes Vorhandensein zusprechen,

wenigstens einige Berührungspunkte haben konnten. Gleichwohl gehört

auch die Scholastik hierher, soweit sie Welt- und Lebenanschauung

betrifft; und seltsamerweise haben gerade die Nominalisten viel

Übernatürliches geglaubt. Die Lehren der Religion werden möglichst

dogmatisch aufgefaßt; Philosophisches kommt nur zum Vorschein, wenn

sie mehr oder weniger frei interpretiert sind. Gott ist Schöpfer und

Erhalter der Welt fast ganz im biblischen Sinne. Die Welt ist sein Werk

und real. Der Zweck des Lebens in der Welt ist Vorbereitung für das

Jenseits, wo Gottes Gnade vollendet, was sie im Diesseits begonnen. Das

Leben aber ist geregelt durch die religiöse ~Offenbarung~. So mischt

sich hier Transzendentes mit Realem, und das Realste ist gerade die

Offenbarung. Daher auch die Lehren über Glauben, Ethik, Moral absolut,

dogmatisch genommen werden. Und Gott ist nicht bloß Schöpfer, sondern

auch Erlöser und Vollender, die Trinität. So ist weiter die Welt ein

„Gottesstaat“ (die Civitas dei des Augustinus) auch den Scholastikern.

Ein Unterschied in ihr besteht freilich; der Mensch als vernünftiges

Wesen ist auch Selbstzweck, das Nichtvernunftbegabte ist nur vorhanden.

Derartige Anschauungen müssen zu schwerzuverstehenden Prädestinationen

führen, wie schon selbst die Gnade Gottes nicht begriffen werden kann,

da sie ja in der Welt fehlen dürfte, wenn Gott die Welt vollkommen

geschaffen hätte. Oder sie müssen in einen Dualismus zwischen Gut und

Böse, Materie und Geist auslaufen.

Sehr bemerkenswert ist es, daß die beiden größten Scholastiker,

~Albert der Große~, ~Albertus Magnus~ (1193-1280, zu Lauingen in

Schwaben geboren) und ~Thomas von Aquino~ (1225-1274) trotz ihrer

aristotelischen Richtung der Emanationslehre zuneigen. Der erstere

meint, Gott sei erkennbar durch Intuition, die seine Gnade verleiht,

und aus der Wahrnehmung in der Natur. Ganz faßbar könne er nicht

sein, weil er eine Unendlichkeit darstellt. Gott sei der allgemeine

tätige Verstand (Intellectus universaliter agens). Und dieser ströme

ständig Intelligenzen aus. Die Welt ist durch Gottes Willen geschaffen.

Dieser Wille ist frei; in der geschaffenen Natur zeigt er sich in den

Gesetzen, denen sie folgt, nur scheinbar gebunden. So bildet sich die

Natur stetig selbst, aber immer unter dem Willen Gottes. Die ganze

Welt aber ist eine Emanation nach absteigenden Graden; letzteres, weil

immer die Ursache vollkommener ist als die Wirkung. Darum hat denn

Gott auf diesem Wege nur eine unvollkommene Welt hervorgehen lassen

können. Sie bildet aber eine feste Einheit, weil keine Emanationsstufe

fehlt; die Emanationen sind stetig wie das stetige Strahlen der Sonne.

In dieser Weise ist also auch Gott in den Seelen wie überhaupt in

allen Dingen gegenwärtig, da selbst die niedersten Grade der Emanation

an die höchsten stetig anschließen. Und so geschieht alles aus sich

heraus, vermöge des Anteils am göttlichen Willen und an der göttlichen

Intelligenz. Die Dinge als solche sind vergänglich wie die ganze

sichtbare Welt; aber das in sie Emanierte ist, als gottentstammt,

unvergänglich. Die Materie ist gleichfalls von Gott geschaffen; sie

wird nicht als Emanation angesehen, sondern als eine Art Bedingung für

die sichtbare Schöpfung. Und so enthält ihm die Materie die Keime aller

Wesen von je und in die Zukunft in sich, so daß die Entwicklung der

Dinge wie bei Averroes, eine Art Evolution ist, aber doch nur, weil

Gott diese Keime von vornherein in die Materie gelegt hat, während bei

Averroes die Keime der Materie an sich gehören sollen. Der Emanation

von oben nach unten entspricht die Evolution von unten nach oben, wie

wir es schon von mehreren Systemen kennen. So entwickelt sich auch

die Menschheit zu immer höheren Graden, wobei sie alles Frühere immer

beibehält. Wie das geschieht, ist nicht recht verständlich, wenn nicht

wieder die präformierten Keime zu Hilfe gerufen werden, also Gottes

Willensakte. Trotz der theosophisch-theologischen Anlage ist ein

gewisser Mechanismus der Durchführung nicht zu verkennen; er zeigt sich

in der starren Evolution des einmal in die Materie Gelegten. Wie denn

auch deshalb Albertus das Wunder, Augustinus nachahmend, ganz natürlich

erachtete. Die Verschiedenheit der Dinge (die ~Individuation~) folgt

aus dem gleichen Prinzip. Gott hat sie eingepflanzt, in der Materie

evolviert sie sich. Albert scheidet aber den Geist von der Materie,

und ersteren behandelt er wesentlich spiritualistisch; Gott zieht ihn

unmittelbar aus seinem Lichte heraus, nicht aus etwas der materiellen

Prinzipe. Daraus leitet er Freiheit des Willens ab, denn Gott ist

absolut frei. Und so stehen wir hier hinsichtlich des bewußten Bösen

vor derselben Schwierigkeit wie bei Augustinus und so vielen Anderen.

Wenig verschieden von diesen Anschauungen sind die des größten Schülers

Alberts, des Scholastikers par excellence, ~Thomas von Aquino~. Nur daß

Gott eine noch höhere Stelle angewiesen wird und, man möchte sagen,

eine noch größere Freiheit. Alle möglichen Welten sind Gott offenbar.

Er wählt eine nach Maßgabe seiner Güte und seiner Vollkommenheit.

Aber den Geschöpfen ist nur das, und gerade das verliehen, was der

einmal gewählten Welt gemäß ist. Sollte damit das Unvollkommene und

Schlechte im einzelnen motiviert sein, so ist also zugleich die

Verantwortlichkeit aufgehoben. Gleichwohl vindiziert der Philosoph

den Geschöpfen Willensfreiheit; es bleibt also auch hier bei der

Unvollkommenheit im Verhältnis zu Gott. Im übrigen wird die Emanation

ganz so durchgeführt wie bei Albert dem Großen. Dementsprechend

liegt auch der Vernunftgrund (ratio) der Geschöpfe, insgesamt und im

einzelnen, in der Idee, die Gott von sich selbst hat, nur daß diese

Idee als unendlich durch die Vernunftgründe in der Welt nicht erschöpft

werden kann, viel weniger durch ein Einzelnes. Und in einem ist Thomas

konsequenter als Albert. Beide betrachten die Materie als durchaus

zugehörig zu den Wesen, nicht bloß zufällig oder nach Willkür um die

Seele gehüllt. Aber Thomas, die Seele eben als Göttliches ansehend,

schreibt ihr auch zu, daß sie sich selbst den Körper aus der sonst

eigenschaftlosen Materie aufbaut. Das ist eine Durchbrechung der

absoluten Evolutionslehre Alberts, und nach der spiritualistischen

Seite hin. Die Vernunft ist aber das oberste Prinzip. Man hat darum

diese Lehre als den ~intellektualistischen Determinismus~ bezeichnet.

Auch das verdient noch besonders hervorgehoben zu werden, daß eine

Schöpfung in der Endlichkeit der Zeit nicht angenommen zu werden

brauche. Eine solche Schöpfung sei nur Glaubenssache, denkbar sei

auch eine Schöpfung in der Unendlichkeit. Offenbar wollte der Aquinate

dadurch der unschönen und vorwitzigen Frage aus dem Wege gehen, was

denn Gott vor der Erschaffung der Welt getan habe. Daß aber, sobald

die Schöpfung in die Unendlichkeit hinausgerückt wird, die Idee der

Schöpfung überhaupt aufhört, liegt auf der Hand. Dann hat eben die Welt

von je bestanden, sie ist gar nicht erschaffen, und Gottes Tätigkeit

beschränkt sich allenfalls auf ein Leiten der Welt. Läßt man dieses

Leiten auch noch fort, so gelangt man zu der rein mechanistischen

physischen Anschauung von der Welt. Und daran ändert nichts, daß

man die Schöpfung von ihrer Ursache unterschieden hat, gemeint hat:

Gott sei ohne Ursache, die Welt aber mit Ursache. Das könnte für die

Schaffung in der Unendlichkeit einen Sinn nur haben, wenn die Welt

Emanation Gottes wäre oder zu seinem Wesen gehörte, was ja abgelehnt

wird. Solchen im Grunde bedeutungslosen Distinktionen begegnet man

oft. Ich glaube darum, daß Thomas von Aquino nur hat sagen wollen, wir

vermögen für die Erschaffung der Welt keinen Zeitpunkt anzugeben, und

das Festhalten oder Nichtfesthalten an der biblischen Angabe hierüber

dürfe jedem überlassen bleiben. Und das kann vom Standpunkte der

Wissenschaft, die ja schon bei der Entwicklung der Erde mit Hunderten

Millionen von Jahren rechnen muß, nur gutgeheißen werden, obwohl

Thomas davon nichts gewußt hat. Albert der Große (Doctor universalis)

war auch ein großer Naturforscher, der Aquinate (Doctor angelicus)

ein gewaltiger Dialektiker. Diesem ist sein noch außerordentlicherer

Landsmann ~Dante~ in seinen Anschauungen gefolgt. Und die Verse am

Schluß der ganzen „Göttlichen Komödie“ (übersetzt von König Johann von

Sachsen)

O ewiges Licht, das, auf dir selbst nur ruhend,

Allein du selbst dich kennst und, dich erkennend,

Sowie von dir erkannt dir liebend lächelst!

Das Kreisen, das in dir also erzeugt schien,

Wie rückgestrahltes Leuchten, da ich etwas

Mit meinen Augen es ringsum betrachtet,

Zeigt’ in dem Innern mir mit unserem Bilde

Von seiner eigenen Farbe sich bemalet,

So daß ich mein Gesicht ganz drein versenkte. -- --

Sehn wollt’ ich, wie das Bild sich mit dem Kreise

Vereint, und wie’s drin seine Stätte findet;

Doch gnügten nicht dazu die eignen Schwingen.

Bis daß mein Geist von einem Blitz durchzuckt ward,

In welchem sein Verlangen sich ihm nahte.

Der hehren Phantasie gebrach’s an Kraft hier,

Doch schon schwang um mein Wünschen und mein Wollen,

Wie sich gleichförmig dreht ein Rad, die Liebe,

Die da die Sonne rollt und andre Sterne.

können durchaus auf thomistische wie gnostische Anschauungen

gedeutet werden. Solcher Verse aber gibt es viele in dem Gedicht des

Florentiners. Und das Standbild des Dichters vor der Santa Croce

in seiner Vaterstadt drückt dieses mächtige Hinausschreiten des

Begeisterten in das Reich des höchsten Schauens über alle Maßen schön

aus.

Das Übernatürliche als eine notwendige Ergänzung unserer natürlichen

Erkenntnis sieht auch der große ~Johannes Duns Scotus~ (wahrscheinlich

ein Schotte von der Grenze Englands, gestorben 1308 zu Köln) an. Und

dieses Übernatürliche ist das Göttliche in uns. Es ist aber nur der

Möglichkeit nach in uns. Ob wir zu ihm gelangen, hängt von unseren

Handlungen ab, die in unserem freien Willen liegen. Hier ist, wie

auch sonst vielfach, der freie Wille auf das Gute bezogen; bei

anderen Philosophen findet er sich auf das Schlechte gerichtet, wohin

er eigentlich mehr gehört, vom ethischen Standpunkt gesehen. Alles

Übernatürliche ist darum so weit natürlich, als es der vernünftigen

Seele von vornherein, wenn auch zunächst nur potentiell, vom Schöpfer

eingepflanzt ist. Außer der Natur steht das Übernatürliche, wenn es in

den Geschöpfen nicht schon vorhanden ist und jedesmal von Gott ausgeht

und diesen Geschöpfen erst verliehen wird. Gott ist das schlechthin

Einfache (simpliciter simplex). Gleichwohl müssen wir in ihm eine

Vielheit erkennen, nach der Augustinischen Trinitätslehre, als Wissen,

Verstand und Wille, und als Vorbilder der Mannigfaltigkeit in der Welt.

So ist die Schöpfung eine doppelte: nach dem Verstand -- die Natur,

nach dem Willen -- die Vernunft. Die Mannigfaltigkeit in der Welt ist

an sich zufällig; daher muß in Gott etwas sein, das ihn veranlaßt hat,

die Welt so zu schaffen, wie sie sich zeigt. Das ist eben der Wille

Gottes, und dieser ist ja frei in bezug auf alles, was nicht dem Wesen

Gottes angehört. Für uns die wichtige Folgerung hieraus wäre: die Welt

gehört nicht zum Wesen Gottes, weder direkt noch indirekt. Scotus ist

also weder Pandeist noch Emanist, er steht einfach auf dem Boden der

Bibel. Abweichend aber meint er, daß Gott auch eine dieser Welt, sogar

sittlich, entgegengesetzte Welt hätte hervorbringen können. Daraus

würde nun folgen, daß das Böse in der Welt auch durch Gottes Willen

entstanden ist, da ja alles absolut seinem Willen entspricht. Und so

sieht alles wie ganz nach Willkür geschaffen aus. Eine Milderung findet

sich nur darin, daß, nachdem Gott die Welt wie sie ist geschaffen

hat, er an sie gebunden sein soll, indem Gott neben einem absoluten

Willen auch einen geordneten Willen haben soll. Warum, sieht man

nicht ein. Es wird zwar gesagt, daß der Wille Gottes mit seinem Wesen

zusammenhängt. Aber was ist sein Wesen, wenn er auch Entgegengesetztes

wollen kann? Und das Ganze wird nicht klarer, wenn der Verstand Gottes

in zwei Teile zerlegt wird, einen in sein eigenes Wesen gerichteten

und einen, der die Welt erkennt, weil er sie gewollt hat, und wenn

ferner gemeint wird, der erste Verstand greife in den zweiten ein und

so entstehe die Welt dem Wesen Gottes gemäß. Auf diese Weise läuft man

eigentlich immer im Kreise herum, und das hat seinen Grund in dem ja

überall im Mittelalter sich zeigenden Wunsche, das Theologische mit dem

Philosophischen und der Naturerkenntnis, den ~liber scriptus~ mit dem

~liber vivus~ zu versöhnen, was eben nicht möglich ist. Der Begriff

von Gott wird dabei immer komplizierter und immer unverständlicher. Im

übrigen denkt Scotus von der Welt ganz physisch, namentlich ist ihm der

Himmel nichts besonderes. Und alles ist ihm vergänglich, das Göttliche

in uns natürlich nicht.

Mit einem Fuße bei den Mystikern steht der Empiriker ~Roger Bacon~

(Doctor mirabilis, 1214-1292), Landsmann des noch empirischeren Bacon

von Verulam, insofern er von einem intuitiven absoluten Wissen

spricht, zu dem man durch verschiedene Grade der Erleuchtung aufsteigt,

um zuletzt „reiner Spiegel Gottes“ zu werden. In Gott sei der tätige

Verstand des Menschen, der Verstand des Irdischen sei nur ein leidender

Verstand, wie auch arabische Philosophen sagen. So bestehe neben der

sinnlichen Erfahrung eine übersinnliche. Arabisch ist es auch (S. 289

f.), wenn er die Materie als die Keime aller Entwicklung der Welt

enthaltend ansieht. Indem er aber die Materie gleichwohl von Gott

erschaffen sein läßt, nähert er sich dem Standpunkt des Albert, daß

eben Gott diese Keime in die Materie gelegt hat (S. 295).

Gehen wir zu den ~Mystikern~ selbst über, so haben wir solche

verstandesklare Größen wie die genannten Scholastiker nicht zu

verzeichnen. Unser unglücklicher genialer Kaiser Otto III. war eine

durchaus mystisch veranlagte Natur. Mystiker waren alle großen Mönche

und Ordensstifter. Aber dieser Mystizismus bezieht sich nur auf die

bestimmte christliche Religion und die Erscheinungen in ihr, und geht

dabei stark in das Visionäre über, wie bei dem so sympathisch-milden

heiligen Franziskus und dem so energischen Bernhard von Clairvaux, der

trotz seines reinen Wollens so viel unfruchtbares Unheil auf die Welt

heraufbeschworen hat, weil er die schlechten Instinkte der Massen und

die niedrige Herrsch- und Goldbegier der Führer nicht in Rechnung zu

ziehen verstand. Wir haben es hier mit dem philosophischen Mystizismus

zu tun. Der Begründer dieses mittelalterlichen Mystizismus ist, obwohl

vor ihm schon ~Anselm von Canterbury~ (in Italien 1033 geboren)

sich als ein halber Pandeist zeigte, der Deutsche (?) ~Hugo von St.

Victor~ (gestorben 1140). Die Welt ist eine ~Abspiegelung~ Gottes.

So ist die Vernunft ein Ebenbild Gottes, und die Offenbarung in ihr

bedeutet die übernatürliche Offenbarung Gottes. Unser Erkennen ist eine

Kette, die Glied an Glied bis zum Höchsten führt, der selbst keine

Wirkung ist und keine Ursache hat. Und wir hören bei ihm auf, weil

eben unsere Vernunft sich als Spiegel von ihm darstellt. Folgerichtig

erkennt Victor eine innere Lehre an, also eine Entwicklung aus sich

selbst heraus. Und diese soll auf der einen Seite zu der Erkenntnis

Gottes führen, welche allen Menschen gemeinsam ist, auf der anderen

Seite zu der des Erlösers, welche dem Christentum eigen ist. Da die

Vernunft aller Menschen gleichen Ursprung hat, muß man annehmen, daß

in manchen Menschen die zweite Erkenntnis schlummert oder durch eine

Widersetzlichkeit zurückgehalten wird. Diese ist die Sünde, welche

die Vernunft in Verwirrung gebracht hat und welche den Menschen

überhaupt von dem Höchsten entfernt. Woher aber die Sünde kommt, ist

um so weniger zu verstehen, als die vernünftigen Geschöpfe die ~ganze~

Idee Gottes spiegeln sollen, nicht bloß einen Teil, wie alle anderen

Dinge der Welt. Allerdings wird dieser Satz auch eingeschränkt; die

Vernunft soll sich nach dem Höchsten zu entwickeln. Demnach wäre

das Ebenbild Gottes nur potentiell und würde allmählich aktuell und

völlig real, sobald der Mensch sich von allen Schlacken gereinigt hat.

Alsdann erkennt er Gott durch Anschauen, intuitiv, denn die reine

verstandesmäßige Ableitung kann das Unendliche nicht begreifen. So

spricht Hugo von drei Augen der Seele; eines, das Auge des Fleisches,

für die sinnlichen Dinge und den Körper, eines der Vernunft, für die

Erkennung ihrer, der Seele selbst, und alles dessen, was in ihr ist,

und eines der Anschauung (contemplatio) für die Erkennung Gottes in

sich und in Gott. Gleichwohl ist die Seele einheitlich. In einer uns

schon bekannten, aber trotz der fortwährenden Wiederholung gleich

unverständlich bleibenden Wendung soll das Böse zum Guten dienen,

um letzteres zu durchschauen. Nicht viel verständlicher ist die

weitere, gleichfalls so oft wiederkehrende Behauptung, daß die Welt

der Menschen wegen da ist, der Mensch aber Gottes wegen. Letzteres

könnte doch nur einen Sinn haben, wenn Gott erst im Menschen sich

selbst offenbart, was Thomas von Aquino vom Verhältnis Christi zu Gott

aussagt. Sittlich aber scheint mir Hugos Idee bedeutender. Und sie ist

für ihn der Ausfluß aller Vorschriften für das Leben, die in dem Satz

gipfeln, daß gegenüber der Einsicht des Menschen in sich selbst und

seiner Beschäftigung mit sich selbst die Einsicht in die Natur und die

Beschäftigung mit der Natur ganz zurückzutreten hat, als wenn Gott nur

in uns, nicht in der Natur zu erkennen wäre. Der Mystiker sieht darum

sein Heil in Sittenreinheit und frommem Sich-in-sich-Versenken. Die

äußeren Mittel der Religion unterstützen beides.

Ein Namensvetter unseres Philosophen, der Schotte ~Richard von St.

Victor~ (gestorben 1173), hat für uns darum noch hervortretende

Bedeutung, weil er den Wert des Schauens ganz besonders betonte; der

Glaube steht ihm sehr tief gegenüber dem Schauen, tiefer noch als

der Verstand, der seinerseits schon tief genug angesetzt wird. Er

stirbt, wenn das Schauen beginnt; und wenn Gott erscheint, vergehen

Sinn, Gedächtnis und Vernunft. Das hätte ein Indier sagen können oder

ein Valentinianer. Und Schauen ist „Ekstase, Entrückung (raptus) des

Geistes, Herausschreiten (excessus) aus sich selbst“ usf. Wollte man

das wörtlich nehmen, so käme man zu den visionären Verzückungen der

Heiligen und Unheiligen oder auf naturmenschliche Denkweise. Und

wohin soll man die Ansicht bringen, daß Gott den Geschöpfen sich noch

besonders mitteilen kann? Das ist klarer und echter Mystizismus, in dem

die Gottheit des Menschen schon im Leben auf die Spitze getrieben ist.

Doch wird er dadurch gemäßigt, daß auch ein Schauen in der Vernunft

und in der Einbildungskraft, außer dem in der reinen Intelligenz,

anerkannt ist. Es dürfte dem Leser aufgefallen sein, daß hier und in

allem Früheren, obwohl wir im vollen Kirchentum stecken, fast nur

von Gott die Rede ist. In der Tat haben sich die Philosophen mit der

Trinität nicht gut abfinden können, oder nur vermittelst der „doppelten

Wahrheit“. Indessen möchte ich eine Ansicht nicht unterdrücken, die

hierüber ein Mystiker geäußert hat, der Engländer ~Isaac~ (um 1150),

und die man allerdings mit Heinrich Ritter (Geschichte der christlichen

Philosophie) als verständig ansehen darf. „An Gott (dem Vater) hat

alles teil, sofern es ist, weil er das höchste Sein ist und das

Sein allgemeines Prinzip aller Dinge ist. Die bestimmte Weise des

Teilnehmens, nach welcher ein jedes Ding ein besonderes Wesen von Natur

ist, empfängt aber ein jedes Geschöpf nur durch den Sohn Gottes, indem

der Vater alles nur durch den Sohn verleiht. Endlich aber muß von der

natürlichen Verleihung der Gaben der Gebrauch unterschieden werden,

welchen die vernünftigen Wesen von ihren Gaben machen und durch welchen

sie erst wahrhaft der Tugend und der Erkenntnis Gottes teilhaftig

werden. Dieser Gebrauch gelingt ihnen nur durch die Erleuchtung des

Heiligen Geistes.“ Andere Ganz- oder Halbmystiker, wie den ~Alanus~

(gegen 1200), seinerzeit ein großes Kirchenlicht und für die unseligen

Waldenser von verhängnisvoller Bedeutung, den ~Bonaventura~ (1221 im

Kirchenstaate geboren), der eine Reise des Geistes zu Gott geschrieben

hat und stark pandeistische Neigungen zeigt, den Franzosen ~Johann

Gerson~ (zu Gerson bei Rheims 1363 geboren) usf., übergehen wir, es

kommt Neues nicht zum Vorschein. Eine Erwähnung verdient aber durchaus

der fromme Dominikaner „~Meister Eckehart~“ (geboren bei Gotha,

gestorben 1327). Seine Anschauungen sind wesentlich gnostisch, und

zwar mit den Valentinianischen verwandt. Die Emanation beginnt mit

Christus, dem Bilde des Vaters, und dem Heiligen Geist, dem umfassenden

Liebesbunde. Zugleich emanieren alle Gründe der Schöpfung, deren

Abbild die Schöpfung ist, wie ihr Sein sich als ein Überströmen des

Seins Gottes darstellt. Gott ist das Sein selbst, für Gott gibt es

keine Zeit, sondern -- und diese Wendung ist von großem Interesse

-- nur ein Jetzt; Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft sind ihm in das

Jetzt zusammengezogen, so daß die ganze Welt von je und in je ihm

zugleich, im Jetzt webend, und nur ist durch dieses Jetzt-Sein. Aber

freilich nicht in diesem Sein. Denn Gott, als das reine absolute Sein,

hat nicht Teil an der mannigfaltigen endlichen Welt. So besteht für

ihn auch keine Mannigfaltigkeit, keine Zahl. Alles ist Eins, es ist

für ihn auch kein Raum. Im Grunde der Seele ist ein „ungeschaffenes

und unschaffbares Licht“, ein „Seelenfünklein“, das mit den übrigen

Seelenkräften nichts gemein hat, ein göttlicher Keim. Dieser leuchtet

intuitiv in das Lichtreich, und durch ihn kann der Mensch zum Schauen

des Höchsten gelangen. Damit wohl verträglich ist die Ansicht, daß

außerhalb dieses „Seelenfünkleins“ die Welt nur Schein und Nichts ist.

Von dem Gottesfunken in uns sind ja alle idealistischen Denker und

Dichter überzeugt. „Soll die Seele Gott erkennen,“ sagt Eckehart, „so

muß sie ihn erkennen oberhalb der Zeit und oberhalb des Raumes. Denn

Gott ist weder Dieses noch Jenes, wie diese mannigfaltigen Dinge, Gott

ist Eins! Soll die Seele Gott sehen, so darf sie nicht zugleich den

Blick auf irgendwelche Dinge richten, die in die Zeit gehören (und in

den Raum, müssen wir hinzufügen). Denn während Zeit und Raum und sonst

dergleichen Bilder (Körper) ihr (der Seele) Bewußtsein erfüllen, vermag

sie unmöglich Gott gewahr zu werden.“ Die Seele muß sogar sich selbst

vergessen und sich selbst verlieren. In Gott findet sie sich wieder.

Damit hat freilich die Welt ihre ganze Bedeutung eingebüßt; man weiß

nicht, wozu sie da ist. Im übrigen schließt sich Eckehart den großen

Scholastikern an.

Der flämische ~Jan van Ruysbroek~ (1293-1381) muß es in der Verzückung

sehr weit gebracht haben, da er „doctor ecstaticus“ genannt wurde. In

der Schilderung des Zustandes eines wahrhaft Gottschauenden geht er so

weit, daß er von einem „Verschlungenwerden in den grundlosen Abgrund

unserer ewigen Seligkeit“ spricht, wobei jedes Denken ein Ende hat.

„Wo wir aber prüfen und erfassen wollen, was wir fühlen, verfallen

wir in Vernunft. Und da finden wir sogleich Unterschied und Anderheit

zwischen Gott und uns und finden Gott als ein Unbegreifliches aus uns.“

Außer dieser seligen Gnadeneinheit mit Gott haben wir im Leben in und

mit der Natur eine leidende und tätige Einheit, die jedoch gleichfalls

eine „Begegnung unseres Geistes mit Gott“ bedeutet. Vielleicht ist

dieser Mann der konsequenteste Theosoph des Mittelalters, trotz seiner

sonstigen Anhänglichkeit an die kirchlichen Lehren und Gebräuche. Und

er spricht in schönen Bildern. Maria war und ist ihm die „Morgenröte

und der Anbruch des Tages aller Gnaden“. „Gott hat unzugängliche Höhe

und abgründige Tiefe, unbegreifliche Breite und ewige Länge, (er ist)

ein dunkles Schweigen (Sigê der Gnostiker), eine wilde Wüste, das

Rufen aller Heiligen in der Einheit, ein allgemeiner Genuß an sich

selbst und an allen Heiligen in der Ewigkeit.“ Er kennt, wie andere

Gnostiker, zwei Himmel, den äußeren, ohne Zeit und Ort, für das Reich

Gottes und seiner Heiligen, „erfüllt mit Glorie und ewiger Freude“,

ohne jede Veränderung, und den inneren Himmel, „der erste Antrieb“.

Letzteres klingt averroistisch. Und das Böse und Schlechte? Davon wird

nur in Gleichnissen gesprochen, die ohne Bedeutung sind.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 90 / 108 题