35. ~Islamisch-arabische Theosophien.~

Wir unterbrechen hier die Betrachtung der christlichen Theosophie, um

uns erst zu der ~islamisch-arabischen~ und der ~jüdischen~ Philosophie

zu wenden. Beide haben auf den Gang der christlichen Philosophie im

Mittelalter einen bedeutenden Einfluß gehabt, nicht allein indirekt

durch Verbreitung namentlich der Aristotelischen Anschauungen, sondern

auch unmittelbar, indem vieles von ihren Lehren auf jene überging.

Der Mohammedaner steht dem Koran gegenüber gebundener da als wir der

Bibel, denn der Koran enthält wenig Erzählung, an die man glauben

soll, sondern vor allem Lehre. Nimmt der Moslem diese nicht an, so

ist er eben kein Moslem. Daher können mohammedanische Anschauungen,

solange sie eben mohammedanisch sind, nur Besonderes betreffen, worin

der Koran der Deutung Spielraum läßt. Liberal und orthodox kann sich

hier nur auf die Auslegung gewisser Einzelheiten beziehen. Aber diese

Einzelheiten gehen wie überall eben auf die Grundfragen der Menschheit.

Und in diesen hat Mohammed keine andere Lösung vorbereitet, als wir

sie in unseren heiligen Schriften finden. Daher die Verwandtschaft

zwischen den mohammedanischen Auslegungen und den unsrigen auch dort,

wo auf dem Boden des Bekenntnisses stehengeblieben, also von der

eigentlichen Religionslehre nicht abgewichen wird. Diese Verwandtschaft

ist naturgemäß größer mit den jüdischen Auslegungen als mit den

christlichen, da die Trinität dem Islamismus wie dem Mosaismus fehlt,

beide also nur von Gott Rechenschaft sich zu geben haben, während im

Christentum noch von der Wesenseinheit Christi und des Heiligen Geistes

mit Gott die Klarheit gewonnen werden muß. Wir behandeln zunächst

die Anschauungen zweier islamischen Sekten, die sich in der Tat wie

Kirchlich-Liberale und Kirchlich-Orthodoxe gegenüberstehen, während

beide doch kirchlich sind. Wir würden sie nach den Auseinandersetzungen

über religiöse Anschauungen im voraufgehenden Buche sowenig zu erwähnen

brauchen wie jüdisch- oder christlich-kirchliche Anschauungen, wenn sie

nicht einige Wendungen hätten, die gerade hierher gehören.

Zunächst die Anschauungen der freieren Sekte der ~Muatazile~

(Mu’tazila, die Sichabsondernden). Sie nehmen an, daß Gott bei der

Erschaffung der Welt, die in ihm mit allen ihren Eigenschaften als

eine Möglichkeit bestand, alles in sie hineingelegt habe, freilich

nur alles Gute. In die vernünftigen Wesen habe er auch den freien

Willen getan; wenn der Mensch diesen zum Bösen anwende, sei Gott

nicht verantwortlich. Es ist nicht eine Emanationslehre, sondern eine

Evolutionslehre; aber doch ist in den Dingen Göttliches vorausgesetzt,

da was jetzt in ihnen vorhanden, vorher als Mögliches in Gott bestanden

hat. Den Gegensatz zu den Muatazile bildeten die ~Motakallim~

(Mutakallimun, die Sprechenden) als Orthodoxe. Wir werden ihnen später

als Atomisten begegnen. Hier haben wir nur zu erwähnen, was sie von der

Welt und dem Menschen sagten. Alles ist von Gott geschaffen, aber ganz

nach Willkür. Gott hätte jede andere Welt ebenso schaffen können. Gott

regiert auch die Welt absolut und ständig; kein Vorgang ohne Gottes

Veranlassung. Und so entsteht alles in jedem Augenblick aus nichts,

als wenn die Welt fortwährend, in jedem Zeitmomente -- die Motakallim

dachten sich die Zeit atomistisch als aus lauter „Jetzt“ sich reihend

-- geschaffen würde. Wenn gleichwohl Naturgesetze gelten, so wird

Gottes an sich souveräner Wille durch seine Vernunft geleitet. Diese

Vernunft setze vieles als notwendig, wie die Vereinigung von Seele und

Leib und die sittliche Ordnung. Und Gottes Vorauswissen hemme ihn,

Böses und Übel, das eintreten soll, zu hindern; denn täte er es, so

würde er ja sein Wissen ändern, und Gott ist absolut. So sind denn auch

die menschlichen Handlungen solche Gottes; doch werde der Mensch auch

erleuchtet, und dann ist er ein „einsichtiges“ Werkzeug Gottes. Diese

Lehre, abgesehen von der letzteren Erleichterung, ist um so herber,

als der Mensch gleichwohl für Missetat bestraft werden soll. Und auch

das Anthropomorphische in Gottes Eigenschaften wird dadurch nicht

annehmbarer, daß es mit absoluter unendlicher Macht verbunden auftritt.

Das Ganze ist auf dem starren Glauben des Mohammedanismus gegründet,

der ja auch zu dem ~Kismet~ geführt hat. Die Vollendung dieser

orthodoxen Lehre ist die der ~Aschariten~, die auch jede Kausalität

leugnen, überhaupt jeden Zusammenhang in der Welt, außer durch Gott,

ablehnen.

Die mohammedanische Wissenschaft übernahm, wie so vieles andere vom

Abendlande, auch den Neuplatonismus. Gleich einer ihrer bedeutendsten

Philosophen, ~Aviçenna~ (Iba Sina 980-1037 n. Chr.), scheint

Plotins Lehren fast unverändert in seine Anschauungen übertragen zu

haben, nicht bloß hinsichtlich Gottes und der Emanationen, wo seine

~Intelligenzen~ der Nus Plotins und die beiden Seelen sind, sondern

selbst in bezug auf die Ordnung in der Welt und die Stellung des

Menschen. Ja selbst der große ~Averroes~ (Ibn Roschd 1105-1198 n.

Chr. zu Cordova) gehört eigentlich hierher. Wir betrachten seine

Lehre etwas genauer, weil vieles in ihr enthalten ist, das gegen die

Emanationstheorie zu sprechen scheint, die er auch abgelehnt haben

soll. Die Welt ist von Gott gebildet, aus Materie. Wesen, Wissen und

Wirken sind bei Gott absolut und das gleiche mit ihm selbst. Die

Materie hat Gott nicht geschaffen, sie besteht neben ihm, und zwar

von vornherein mit allen Fähigkeiten begabt, das zu werden, was sie

in der Welt ist; also eine Welt mit allen Vorgängen abzugeben. So

wird die Schöpfung der Welt durch Gott mehr auf einen Auslösungsakt

zurückgeführt, und ist im Grunde nur in diesem Auslösungsakt

spiritualistisch, etwa wie bei Anaxagoras, gedacht. Und auch dieses

wenige Spiritualistische ist noch fast bedeutungslos gemacht, indem

die Schöpfung in die Unendlichkeit zurückverlegt wird. Allein dieser

Standpunkt ist offenbar nicht konsequent beibehalten, sonst müßte

Averroes zu einer rein physischen Anschauung von dem Gang der Welt

gekommen sein. Davon ist er aber oft weit abgewichen. Schon die

Sonderstellung, die er dem Himmel zuweist und die in vieler Hinsicht

an neuplatonische Anschauung erinnert, ist sehr eigenartig. Dieser

Himmel war nicht und ist nicht vergänglich. Ihm wird eine Seele

zugeschrieben, die ihn auch bewegt; und diese Seele ist mit Vernunft

begabt, und zwar mit solcher, wie sie eigentlich sonst Gott beigemessen

wird. Mit dieser Vernunft regiert der Himmel die Bewegungen aller

Gestirne. Und sein Erkennen geht nur auf sich und das Höhere; das

Niedrigere, die eingeschlossene Welt, erkennt der Himmel nicht als

solches, sondern allein aus dem Höheren. Und so wird ihm, was für die

Gestirne geschieht, für die Menschheit abgesprochen, wie auch Gott

selbst: nämlich die Vorsehung. Indessen doch nicht in dem Grade wie

Gott, über den es ja kein Höheres gibt, woraus ihm etwas offenbar

werden könnte; während der Himmel eben den Gang der Welt noch aus

höheren Ursachen entnehmen kann. Man muß nun schließen, daß er diese

Erkenntnis weiter dem Niederen zu erkennen gibt; wir hätten die

Astrologie, und alles so Befremdliche, was vom Himmel gesagt ist,

wäre nur dieser Astrologie wegen gesagt. Aber auch die Rolle Gottes

ist nicht so allein auf den ersten Anstoß beschränkt, wie aus den

Annahmen über die Materie sich zu ergeben scheint. Schon die höheren

Ursachen (Mächte), die der Himmel erkennt, müssen doch Gott ihre

Entstehung verdanken. Und wenn wir erfahren, daß der Mensch nicht

bloß sich und was unter ihm, sondern auch das Höchste zu erkennen

die Fähigkeit haben soll, so muß doch Gottes Geist wenigstens in ihm

sein. Und dieser Eindruck wird verstärkt, indem der Mensch auch zu

der letzten Erkenntnis soll gelangen können, worin er sich selbst

erkennt. Mitunter freilich scheint es, als wenn die Erkenntnis des

Höchsten nicht die Erkenntnis Gottes zu bedeuten hat, sondern nur die

Erkenntnis des Höheren und noch Höheren usf. Aber der Vernunft wird

doch auch Unsterblichkeit zugeschrieben. Nicht dem besonderen Verstande

des besonderen Menschen, welcher vielmehr mit ihm stirbt, sondern der

allgemeinen Vernunft, von der der besondere Verstand nur ein Akzidens

im Leben ist. Und diese allgemeine Vernunft ist eben einheitlich.

Wir haben also bei Averroes tatsächlich einen Dualismus von Geist und

Materie, vermehrt durch die Sonderstellung des Himmels, und durch die

In- und Außerweltstellung Gottes. Vieles aber verliert sich völlig in

Mystik; schon was vom Himmel gesagt ist, gehört hierher. Noch mehr,

wenn gar dem Himmel intelligibles Mitwirken bei der Entstehung der

Dinge zugeschrieben wird; so wird „der besondere Mensch von der Sonne

hervorgebracht und von der besonderen Materie, welche ein anderer

besonderer Mensch darbietet, daß sie von der erzeugenden Kraft der

Sonne belebt werde“. Daß, obwohl die Sonne allgemein Menschen beleben

kann, sie diesen besonderen Menschen belebt, liege daran, daß ihr eine

besondere Materie geboten ist, die eben nur Bestimmtes empfangen könne.

Das alles wird man nur verstehen, wenn Averroes, trotz seiner Ablehnung

der Emanationslehre, doch nach deren Schema gearbeitet hat; sonst kämen

Dinge heraus, die man einem so hervorragenden Denker nicht zumuten darf.

Andere Philosophen der mohammedanischen Welt haben von ihrer

Rechtgläubigkeit hinzugefügt. Aber der große Einfluß der Gnosis auf sie

zeigt sich bei ihnen in dem so hervortretenden Hang zum Mystizismus

selbst bei den bedeutendsten unter ihnen. Wir verdanken solchem

Tüfteln und Forschen nach dem Geheimen der Natur die ~Alchemie~ und

die feinste und spitzfindigste Ausbildung der ~Astrologie~. Und

abgesehen von ihren Übersetzungen der griechischen Werke (namentlich

der aristotelischen), haben sie durch nichts so erheblich auf die

Forschung des mittelalterlichen Abendlandes gewirkt wie durch ihre

Geheimwissenschaften. Wir werden übrigens von ihnen noch bei mehreren

Gelegenheiten zu sprechen haben.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 89 / 108 题