Wir unterbrechen hier die Betrachtung der christlichen Theosophie, um
uns erst zu der ~islamisch-arabischen~ und der ~jüdischen~ Philosophie
zu wenden. Beide haben auf den Gang der christlichen Philosophie im
Mittelalter einen bedeutenden Einfluß gehabt, nicht allein indirekt
durch Verbreitung namentlich der Aristotelischen Anschauungen, sondern
auch unmittelbar, indem vieles von ihren Lehren auf jene überging.
Der Mohammedaner steht dem Koran gegenüber gebundener da als wir der
Bibel, denn der Koran enthält wenig Erzählung, an die man glauben
soll, sondern vor allem Lehre. Nimmt der Moslem diese nicht an, so
ist er eben kein Moslem. Daher können mohammedanische Anschauungen,
solange sie eben mohammedanisch sind, nur Besonderes betreffen, worin
der Koran der Deutung Spielraum läßt. Liberal und orthodox kann sich
hier nur auf die Auslegung gewisser Einzelheiten beziehen. Aber diese
Einzelheiten gehen wie überall eben auf die Grundfragen der Menschheit.
Und in diesen hat Mohammed keine andere Lösung vorbereitet, als wir
sie in unseren heiligen Schriften finden. Daher die Verwandtschaft
zwischen den mohammedanischen Auslegungen und den unsrigen auch dort,
wo auf dem Boden des Bekenntnisses stehengeblieben, also von der
eigentlichen Religionslehre nicht abgewichen wird. Diese Verwandtschaft
ist naturgemäß größer mit den jüdischen Auslegungen als mit den
christlichen, da die Trinität dem Islamismus wie dem Mosaismus fehlt,
beide also nur von Gott Rechenschaft sich zu geben haben, während im
Christentum noch von der Wesenseinheit Christi und des Heiligen Geistes
mit Gott die Klarheit gewonnen werden muß. Wir behandeln zunächst
die Anschauungen zweier islamischen Sekten, die sich in der Tat wie
Kirchlich-Liberale und Kirchlich-Orthodoxe gegenüberstehen, während
beide doch kirchlich sind. Wir würden sie nach den Auseinandersetzungen
über religiöse Anschauungen im voraufgehenden Buche sowenig zu erwähnen
brauchen wie jüdisch- oder christlich-kirchliche Anschauungen, wenn sie
nicht einige Wendungen hätten, die gerade hierher gehören.
Zunächst die Anschauungen der freieren Sekte der ~Muatazile~
(Mu’tazila, die Sichabsondernden). Sie nehmen an, daß Gott bei der
Erschaffung der Welt, die in ihm mit allen ihren Eigenschaften als
eine Möglichkeit bestand, alles in sie hineingelegt habe, freilich
nur alles Gute. In die vernünftigen Wesen habe er auch den freien
Willen getan; wenn der Mensch diesen zum Bösen anwende, sei Gott
nicht verantwortlich. Es ist nicht eine Emanationslehre, sondern eine
Evolutionslehre; aber doch ist in den Dingen Göttliches vorausgesetzt,
da was jetzt in ihnen vorhanden, vorher als Mögliches in Gott bestanden
hat. Den Gegensatz zu den Muatazile bildeten die ~Motakallim~
(Mutakallimun, die Sprechenden) als Orthodoxe. Wir werden ihnen später
als Atomisten begegnen. Hier haben wir nur zu erwähnen, was sie von der
Welt und dem Menschen sagten. Alles ist von Gott geschaffen, aber ganz
nach Willkür. Gott hätte jede andere Welt ebenso schaffen können. Gott
regiert auch die Welt absolut und ständig; kein Vorgang ohne Gottes
Veranlassung. Und so entsteht alles in jedem Augenblick aus nichts,
als wenn die Welt fortwährend, in jedem Zeitmomente -- die Motakallim
dachten sich die Zeit atomistisch als aus lauter „Jetzt“ sich reihend
-- geschaffen würde. Wenn gleichwohl Naturgesetze gelten, so wird
Gottes an sich souveräner Wille durch seine Vernunft geleitet. Diese
Vernunft setze vieles als notwendig, wie die Vereinigung von Seele und
Leib und die sittliche Ordnung. Und Gottes Vorauswissen hemme ihn,
Böses und Übel, das eintreten soll, zu hindern; denn täte er es, so
würde er ja sein Wissen ändern, und Gott ist absolut. So sind denn auch
die menschlichen Handlungen solche Gottes; doch werde der Mensch auch
erleuchtet, und dann ist er ein „einsichtiges“ Werkzeug Gottes. Diese
Lehre, abgesehen von der letzteren Erleichterung, ist um so herber,
als der Mensch gleichwohl für Missetat bestraft werden soll. Und auch
das Anthropomorphische in Gottes Eigenschaften wird dadurch nicht
annehmbarer, daß es mit absoluter unendlicher Macht verbunden auftritt.
Das Ganze ist auf dem starren Glauben des Mohammedanismus gegründet,
der ja auch zu dem ~Kismet~ geführt hat. Die Vollendung dieser
orthodoxen Lehre ist die der ~Aschariten~, die auch jede Kausalität
leugnen, überhaupt jeden Zusammenhang in der Welt, außer durch Gott,
ablehnen.
Die mohammedanische Wissenschaft übernahm, wie so vieles andere vom
Abendlande, auch den Neuplatonismus. Gleich einer ihrer bedeutendsten
Philosophen, ~Aviçenna~ (Iba Sina 980-1037 n. Chr.), scheint
Plotins Lehren fast unverändert in seine Anschauungen übertragen zu
haben, nicht bloß hinsichtlich Gottes und der Emanationen, wo seine
~Intelligenzen~ der Nus Plotins und die beiden Seelen sind, sondern
selbst in bezug auf die Ordnung in der Welt und die Stellung des
Menschen. Ja selbst der große ~Averroes~ (Ibn Roschd 1105-1198 n.
Chr. zu Cordova) gehört eigentlich hierher. Wir betrachten seine
Lehre etwas genauer, weil vieles in ihr enthalten ist, das gegen die
Emanationstheorie zu sprechen scheint, die er auch abgelehnt haben
soll. Die Welt ist von Gott gebildet, aus Materie. Wesen, Wissen und
Wirken sind bei Gott absolut und das gleiche mit ihm selbst. Die
Materie hat Gott nicht geschaffen, sie besteht neben ihm, und zwar
von vornherein mit allen Fähigkeiten begabt, das zu werden, was sie
in der Welt ist; also eine Welt mit allen Vorgängen abzugeben. So
wird die Schöpfung der Welt durch Gott mehr auf einen Auslösungsakt
zurückgeführt, und ist im Grunde nur in diesem Auslösungsakt
spiritualistisch, etwa wie bei Anaxagoras, gedacht. Und auch dieses
wenige Spiritualistische ist noch fast bedeutungslos gemacht, indem
die Schöpfung in die Unendlichkeit zurückverlegt wird. Allein dieser
Standpunkt ist offenbar nicht konsequent beibehalten, sonst müßte
Averroes zu einer rein physischen Anschauung von dem Gang der Welt
gekommen sein. Davon ist er aber oft weit abgewichen. Schon die
Sonderstellung, die er dem Himmel zuweist und die in vieler Hinsicht
an neuplatonische Anschauung erinnert, ist sehr eigenartig. Dieser
Himmel war nicht und ist nicht vergänglich. Ihm wird eine Seele
zugeschrieben, die ihn auch bewegt; und diese Seele ist mit Vernunft
begabt, und zwar mit solcher, wie sie eigentlich sonst Gott beigemessen
wird. Mit dieser Vernunft regiert der Himmel die Bewegungen aller
Gestirne. Und sein Erkennen geht nur auf sich und das Höhere; das
Niedrigere, die eingeschlossene Welt, erkennt der Himmel nicht als
solches, sondern allein aus dem Höheren. Und so wird ihm, was für die
Gestirne geschieht, für die Menschheit abgesprochen, wie auch Gott
selbst: nämlich die Vorsehung. Indessen doch nicht in dem Grade wie
Gott, über den es ja kein Höheres gibt, woraus ihm etwas offenbar
werden könnte; während der Himmel eben den Gang der Welt noch aus
höheren Ursachen entnehmen kann. Man muß nun schließen, daß er diese
Erkenntnis weiter dem Niederen zu erkennen gibt; wir hätten die
Astrologie, und alles so Befremdliche, was vom Himmel gesagt ist,
wäre nur dieser Astrologie wegen gesagt. Aber auch die Rolle Gottes
ist nicht so allein auf den ersten Anstoß beschränkt, wie aus den
Annahmen über die Materie sich zu ergeben scheint. Schon die höheren
Ursachen (Mächte), die der Himmel erkennt, müssen doch Gott ihre
Entstehung verdanken. Und wenn wir erfahren, daß der Mensch nicht
bloß sich und was unter ihm, sondern auch das Höchste zu erkennen
die Fähigkeit haben soll, so muß doch Gottes Geist wenigstens in ihm
sein. Und dieser Eindruck wird verstärkt, indem der Mensch auch zu
der letzten Erkenntnis soll gelangen können, worin er sich selbst
erkennt. Mitunter freilich scheint es, als wenn die Erkenntnis des
Höchsten nicht die Erkenntnis Gottes zu bedeuten hat, sondern nur die
Erkenntnis des Höheren und noch Höheren usf. Aber der Vernunft wird
doch auch Unsterblichkeit zugeschrieben. Nicht dem besonderen Verstande
des besonderen Menschen, welcher vielmehr mit ihm stirbt, sondern der
allgemeinen Vernunft, von der der besondere Verstand nur ein Akzidens
im Leben ist. Und diese allgemeine Vernunft ist eben einheitlich.
Wir haben also bei Averroes tatsächlich einen Dualismus von Geist und
Materie, vermehrt durch die Sonderstellung des Himmels, und durch die
In- und Außerweltstellung Gottes. Vieles aber verliert sich völlig in
Mystik; schon was vom Himmel gesagt ist, gehört hierher. Noch mehr,
wenn gar dem Himmel intelligibles Mitwirken bei der Entstehung der
Dinge zugeschrieben wird; so wird „der besondere Mensch von der Sonne
hervorgebracht und von der besonderen Materie, welche ein anderer
besonderer Mensch darbietet, daß sie von der erzeugenden Kraft der
Sonne belebt werde“. Daß, obwohl die Sonne allgemein Menschen beleben
kann, sie diesen besonderen Menschen belebt, liege daran, daß ihr eine
besondere Materie geboten ist, die eben nur Bestimmtes empfangen könne.
Das alles wird man nur verstehen, wenn Averroes, trotz seiner Ablehnung
der Emanationslehre, doch nach deren Schema gearbeitet hat; sonst kämen
Dinge heraus, die man einem so hervorragenden Denker nicht zumuten darf.
Andere Philosophen der mohammedanischen Welt haben von ihrer
Rechtgläubigkeit hinzugefügt. Aber der große Einfluß der Gnosis auf sie
zeigt sich bei ihnen in dem so hervortretenden Hang zum Mystizismus
selbst bei den bedeutendsten unter ihnen. Wir verdanken solchem
Tüfteln und Forschen nach dem Geheimen der Natur die ~Alchemie~ und
die feinste und spitzfindigste Ausbildung der ~Astrologie~. Und
abgesehen von ihren Übersetzungen der griechischen Werke (namentlich
der aristotelischen), haben sie durch nichts so erheblich auf die
Forschung des mittelalterlichen Abendlandes gewirkt wie durch ihre
Geheimwissenschaften. Wir werden übrigens von ihnen noch bei mehreren
Gelegenheiten zu sprechen haben.