Schon lange vor Dionysios mußte die Kirchenlehre mehr und mehr in
die Anschauungen eingreifen, und nachdem der Evangelist Johannes
Christus mit dem Logos identifiziert hatte, war es nur folgerichtig,
daß nun allmählich Christus die weltschöpferische Rolle übernahm.
Gleichwohl konnte die völlige Hinausschiebung Gottes in das absolut
Untätige, entgegen dem deutlichen Bibelworte, nicht ohne Widerspruch
bleiben. Hieraus ist dann der durch das ganze Mittelalter und darüber
hinaus sich fortsetzende Streit über das Wesen Gottes und über das
Verhältnis der drei Einheiten zueinander entstanden, der durch ein
Glaubensbekenntnis allein naturgemäß nicht geschlichtet werden konnte.
Diesem Streit zu folgen ist nicht meine Aufgabe. Wir finden aber in
allen theosophischen Lehren die Rolle Gottes bald aktiv, bald passiv
aufgefaßt. Und seltsamerweise mußte sie für das Volk wie für den
verstandesmächtigen Philosophen immer passiver werden, für diesen
aus tiefer Überlegung der Hoheit des Gottesbegriffes, für jenes
aus Zurückdrängung Gottes durch die Zwischenstufen. Ja auch diese
Zwischenstufen wurden je höher, je mehr vom Volke in die neutrale Ferne
gerückt. Und wie die Macht der menschlich so schönen und rührenden
Gestalt der Himmelskönigin zunahm, und die Heiligen mit ihren Wundern
im Leben und im Tode sich überall einschoben, mußten zuletzt auch die
beiden anderen Einheiten der Trinität fast passiv werden, um so mehr
passiv, je genauer ihre Verbindung mit Gott selbst gedacht und geglaubt
wurde. Es kam noch ein anderes hinzu, was die poetischen Systeme der
Theosophen abseits drängte und zersetzte: die ständig wachsende Macht
der Aristotelischen Lehre, die, an Stelle der lebenden Gestalten
der Ideen Platons und der Emanationen, in den Formen dialektische
Bilder brachte und für die lichtgewobenen Schönheiten potentielle
Realitäten gab. Gleichwohl finden wir Emanationslehren noch das ganze
Mittelalter hindurch und sehen sie am Beginn der Neuzeit und in unserer
Zeit mit außerordentlicher Kraft sich wieder beleben. Sie sind eben
schöne Dichtungen und für den Menschen durch die Stellung, die sie
ihm im Universum verleihen, auch sehr schmeichelnd und Unendlichkeit
verheißend. Bringen wir zunächst für das Mittelalter noch einige
Angaben.
Der große Kirchenvater ~Aurelius Augustinus~ (geb. 354 zu Thagaste in
Afrika, gest. 430 als Bischof von Hippo Regius ebenda), das Licht der
~patristischen Philosophie~, gehört nicht eigentlich zu den Theosophen.
Seine Anschauung muß aber kurz skizziert werden, weil sie von so
außerordentlichem Einfluß auf die des ganzen Mittelalters gewesen
ist. Gott hat die Welt geschaffen: Allein nicht aus sich, sondern als
~Evolution~ in Zeit und Raum aus dem ~Nichts~ (Platons Nichtseiendes?).
Daher kann die Welt die Vollkommenheit Gottes nicht besitzen. Sie ist
nur für sich vollkommen, gegen Gott aber unvollkommen. Gleichwohl wird
für alles und jedes sein Grund in Gott verlegt. Nur ~eine~ Weisheit
besteht, in dieser sind die unendlichen unbegrenzten Schätze der
~intelligiblen Dinge~ (Rerum intelligibilium); letztere enthalten alle
unfehlbaren und unveränderlichen Gründe (rationes) der Dinge, auch der
sichtbaren und veränderlichen, welche durch sie (die Weisheit Gottes)
geschaffen sind. Denn Gott hat nichts nichtwissend geschaffen; hat er
aber wissend geschaffen, so hat er es so weit geschaffen, als er es
wußte. In der Tat ist ja das Nichts qualitätlos. Es liegt in solchen
Anschauungen zweifellos etwas Neuplatonisches, Theosophisches, und
Augustinus ist auch der Ansicht, daß das bloße offenbarende Wort,
die Schrift, nichts ist ohne die Bestätigung des göttlichen Geistes
in uns, also durch Intuition erst Realität gewinnt. Aber im Grunde
läßt er das Problem des Bösen in der Welt doch auch ungelöst;
Unvollkommenheit ist noch kein Böses, wenigstens sträubt sich unser
menschliches Gefühl gegen eine solche Ansicht. Denn wenn wir auch
zugeben, daß aus Passivität Anderen Unheil erwachsen kann, so ist doch
das Böse für uns ein durchaus aktiver Begriff. Eher vermöchten wir
das Schlimme, das uns selbst im Leben widerfährt, Krankheit, Verlust
usf., der Unvollkommenheit der Welt zuzuschreiben. Aber wir können
nicht umhin, dem Bösen auch eine ethische Bedeutung beizumessen; und
dann ist es aus einer Unvollkommenheit der Welt nicht abzuleiten,
namentlich nicht, wenn es ~bewußt~ auftritt. Augustinus’ Lehre ist
eben optimistisch, und eine solche Lehre hat keine andere Erklärung
für das Schlechte als die Redewendung: „Das Böse oder das Übel
bezeichnet nur die Beraubung des Guten (privatio boni)“, welche eben
nur Redewendung ist für etwas, das wir nicht ergründen können. Wenn
wir Gott theologisch-religiös auffassen und ihn aktiv allein und
aus Nichts und gegen Nichts die Welt schaffend annehmen, so bleibt
mindestens das Bewußt-Schlechte unerklärt. Und das ist es auch in der
Folge geblieben, die bei weitem theologischer verfährt als der bei
allem Aberglauben so geistvolle und hochdenkende Kirchenvater. Seine
Ansicht von der Welt als Einheit mit absoluter Ordnung der Entwicklung
unterscheidet sich von den reinmaterialistischen Anschauungen, die wir
noch kennen lernen werden, nur durch den Grund der Einheit und Ordnung,
denn sogar die Wunder reiht er in diese Ordnung ein, so daß sie zur
Natur zählen. Der Materialist setzt keinen Grund, für Augustinus ist
der Grund im Schöpfer und Lenker der Welt. Und so gehören ihm zur Natur
auch die Engel. Und er hat nicht übel Lust, denen zu folgen, die im
Himmel und den Gestirnen zwar auch nur Dinge der Natur sehen, aber
höhergestellte als Mensch und andere Wesen (S. 289). Alles dieses,
zum Teil vergröbert, aber auch durch den Einfluß der Aristotelischen
Philosophie mehr ins Abstrakte gewendet, finden wir namentlich auch bei
den Scholastikern.
~Johannes Scotus Erigena~ (um das 9. Jahrhundert in Irland geboren)
läßt in einer seiner mehreren Ansichten alles von Gott emaniert sein.
Gottes Klarheit, welche mit Recht auch Dunkelheit genannt wird, breite
sich über alles aus. Die ungeformte Materie soll nur das Unendliche
bedeuten, welches, da es formlos sei, alle Formen in sich enthalte.
Gott hat die Welt aus seinem eigenen Wesen gebildet. Jedes Geschöpf
ist eine ~Theophanie~, ein Sichoffenbarmachen Gottes. Gott sei an
sich vorhanden wie ein Gedanke im Menschen bestehe; er manifestiere
sich in der Welt durch sich selbst, wie ein Gedanke, der sich denkt,
sich selbst zur Erkenntnis komme. So sei Gott ohne die Welt absolut
negativ. Es klingt wie eine Blasphemie, wenn gesagt wird, Gott wisse
nicht, was er sei, und er werde erst geschaffen mit der Schöpfung,
indem er sich in seiner Schöpfung offenbart, die Schöpfung so aus
Nichts hervorbringend. Das ist auch fast so abstrakt wie die indische
Tad-Anschauung. Freilich bleibt es bei diesem absoluten, und ja
auch nicht zu durchdringenden, Pandeismus nicht. Wie der Indier muß
Scotus Gott doch etwas zuschreiben, Willen, und die Geschöpfe sind
dann Willensakte. Der Wille ist persönlich als Emanation Gottes
(als Christus) gedacht, wie wohl auch die Ursachen (zusammengefaßt
als Heiliger Geist), die Scotus von Gott ausgehen läßt, Emanationen
sind, und die Wirkungen, die wieder von ihnen ausgehen, Emanationen
ihrer selbst darstellen. So ist Christus der Urheber, und der Heilige
Geist der Vollender der Welt (Pater vult, filius facit, spiritus
sanctus perficit, heißt die berühmte Formel). Die Ursachen müssen
als verschieden voneinander angesehen worden sein, und weil sie
Emanationen gleicher Ordnung bedeuten sollten, besteht kein Rang
zwischen ihnen, also auch keine Folge ihrer Wirkungen. Es wird nun
jedes Geschöpf als eine Art Mikrokosmos angesehen, indem aber die
Ursachen in ihm sich in beliebiger Folge geltend machen können,
soll es eine allgemeine Folge auch des Denkens nicht geben. Das ist
freilich ein Schluß, der den Weg zur absoluten Wahrheit, das heißt zur
Erkennung des ~Ganzen~ im Mannigfaltigen versperrt; Jeder faßt nach
~seiner~ Weise sich und die Welt auf. Da Jeder aber eine Theophanie
darstellt, so ist seine Auffassung eine reale. Die Welt hat so viele
Gestaltungen als Geschöpfe sind, alle diese Gestaltungen sind die
ganze Welt. Indessen wird doch auch eine Abstufung in den Geschöpfen
angenommen. Und als ein unergründliches Geheimnis -- darin verborgen,
daß Gott alles nach Maß und Zahl und Gewicht geschaffen habe -- wird
es bezeichnet, daß jedes Geschöpf in der Ekstase, also intuitiv,
Gott (incomprehensibilem et inintelligibilem causam) in seiner
nächsthöheren Theophanie (proxima illi theophania) „von Angesicht zu
Angesicht“ erkenne. So konstatiert Scotus eine Harmonie in der Welt,
in der alles, selbst die Materie, eben als Theophanie, unvergänglich
ist, selbst jeder Gedanke, jedes gute oder böse Wollen; aber ohne
jede „Sympathie der Dinge“. Eine solche Welt würde es eher verstehen
machen, wenn wir, nachdem Jahrtausende hindurch Menschenliebe gepredigt
worden ist, uns Vorträge halten lassen über den ethischen Wert des
gegenseitigen Sichtotschlagens. Da die irdische Welt die letzte aller
Emanationen ist, so schafft sie selbst nichts wirklich; sie scheint
nur zu schaffen, und so ist sie auch Nichts, und sie wird mit allem
untergehen, was in ihr ist. Ewig ist nur das Geistige, und durch das
Geistige findet die Rückkehr zum Ursprung zurück, die Erkenntnis Gottes
in uns (als Theophanie). Das System ist idealistisch-monistisch, und
so fehlt auch eine wirkliche Erklärung des Bösen in der Welt. Es wird
nur eine indirekte ~doppelte Prädestination~ gelehrt. Gott hat die
Zahl der Guten und Bösen vorherbestimmt, die letzteren jedoch nur als
notwendigen Gegensatz zu den Guten. Damit ist der Begriff des Guten und
Bösen als solcher aufgehoben, es tritt nur die Relativität ein, und
diese ist vergänglich. Wenn der Leser fragt: wie hat sich der Philosoph
mit der Kirchenlehre abgefunden? so kann man ihm nur antworten: wie
ein souveräner Denker, gar nicht! Da er aber gleichwohl dem orthodoxen
Glaubensbekenntnis angehört, so haben wir ein Beispiel der „~doppelten
Wahrheit~“, die immer auftritt, wo Glaube und Denken nebeneinander
wirken, und die so oft gegen herrschende Gewalt aushelfen muß. Auch
stand Scotus erst am Beginne des ~dunklen~ Mittelalters und blieb auch
für mehrere Jahrhunderte der bedeutendste Denker der christlichen Welt.
Seine Emanationslehre hat aber etwas Nordisch-Düsteres, das Universum
ist für ihn kein „überschäumendes Licht“ wie für die südlichen
Emanisten.