34. ~Übergang zum Mittelalter; Augustinus, Scotus Erigena.~

Schon lange vor Dionysios mußte die Kirchenlehre mehr und mehr in

die Anschauungen eingreifen, und nachdem der Evangelist Johannes

Christus mit dem Logos identifiziert hatte, war es nur folgerichtig,

daß nun allmählich Christus die weltschöpferische Rolle übernahm.

Gleichwohl konnte die völlige Hinausschiebung Gottes in das absolut

Untätige, entgegen dem deutlichen Bibelworte, nicht ohne Widerspruch

bleiben. Hieraus ist dann der durch das ganze Mittelalter und darüber

hinaus sich fortsetzende Streit über das Wesen Gottes und über das

Verhältnis der drei Einheiten zueinander entstanden, der durch ein

Glaubensbekenntnis allein naturgemäß nicht geschlichtet werden konnte.

Diesem Streit zu folgen ist nicht meine Aufgabe. Wir finden aber in

allen theosophischen Lehren die Rolle Gottes bald aktiv, bald passiv

aufgefaßt. Und seltsamerweise mußte sie für das Volk wie für den

verstandesmächtigen Philosophen immer passiver werden, für diesen

aus tiefer Überlegung der Hoheit des Gottesbegriffes, für jenes

aus Zurückdrängung Gottes durch die Zwischenstufen. Ja auch diese

Zwischenstufen wurden je höher, je mehr vom Volke in die neutrale Ferne

gerückt. Und wie die Macht der menschlich so schönen und rührenden

Gestalt der Himmelskönigin zunahm, und die Heiligen mit ihren Wundern

im Leben und im Tode sich überall einschoben, mußten zuletzt auch die

beiden anderen Einheiten der Trinität fast passiv werden, um so mehr

passiv, je genauer ihre Verbindung mit Gott selbst gedacht und geglaubt

wurde. Es kam noch ein anderes hinzu, was die poetischen Systeme der

Theosophen abseits drängte und zersetzte: die ständig wachsende Macht

der Aristotelischen Lehre, die, an Stelle der lebenden Gestalten

der Ideen Platons und der Emanationen, in den Formen dialektische

Bilder brachte und für die lichtgewobenen Schönheiten potentielle

Realitäten gab. Gleichwohl finden wir Emanationslehren noch das ganze

Mittelalter hindurch und sehen sie am Beginn der Neuzeit und in unserer

Zeit mit außerordentlicher Kraft sich wieder beleben. Sie sind eben

schöne Dichtungen und für den Menschen durch die Stellung, die sie

ihm im Universum verleihen, auch sehr schmeichelnd und Unendlichkeit

verheißend. Bringen wir zunächst für das Mittelalter noch einige

Angaben.

Der große Kirchenvater ~Aurelius Augustinus~ (geb. 354 zu Thagaste in

Afrika, gest. 430 als Bischof von Hippo Regius ebenda), das Licht der

~patristischen Philosophie~, gehört nicht eigentlich zu den Theosophen.

Seine Anschauung muß aber kurz skizziert werden, weil sie von so

außerordentlichem Einfluß auf die des ganzen Mittelalters gewesen

ist. Gott hat die Welt geschaffen: Allein nicht aus sich, sondern als

~Evolution~ in Zeit und Raum aus dem ~Nichts~ (Platons Nichtseiendes?).

Daher kann die Welt die Vollkommenheit Gottes nicht besitzen. Sie ist

nur für sich vollkommen, gegen Gott aber unvollkommen. Gleichwohl wird

für alles und jedes sein Grund in Gott verlegt. Nur ~eine~ Weisheit

besteht, in dieser sind die unendlichen unbegrenzten Schätze der

~intelligiblen Dinge~ (Rerum intelligibilium); letztere enthalten alle

unfehlbaren und unveränderlichen Gründe (rationes) der Dinge, auch der

sichtbaren und veränderlichen, welche durch sie (die Weisheit Gottes)

geschaffen sind. Denn Gott hat nichts nichtwissend geschaffen; hat er

aber wissend geschaffen, so hat er es so weit geschaffen, als er es

wußte. In der Tat ist ja das Nichts qualitätlos. Es liegt in solchen

Anschauungen zweifellos etwas Neuplatonisches, Theosophisches, und

Augustinus ist auch der Ansicht, daß das bloße offenbarende Wort,

die Schrift, nichts ist ohne die Bestätigung des göttlichen Geistes

in uns, also durch Intuition erst Realität gewinnt. Aber im Grunde

läßt er das Problem des Bösen in der Welt doch auch ungelöst;

Unvollkommenheit ist noch kein Böses, wenigstens sträubt sich unser

menschliches Gefühl gegen eine solche Ansicht. Denn wenn wir auch

zugeben, daß aus Passivität Anderen Unheil erwachsen kann, so ist doch

das Böse für uns ein durchaus aktiver Begriff. Eher vermöchten wir

das Schlimme, das uns selbst im Leben widerfährt, Krankheit, Verlust

usf., der Unvollkommenheit der Welt zuzuschreiben. Aber wir können

nicht umhin, dem Bösen auch eine ethische Bedeutung beizumessen; und

dann ist es aus einer Unvollkommenheit der Welt nicht abzuleiten,

namentlich nicht, wenn es ~bewußt~ auftritt. Augustinus’ Lehre ist

eben optimistisch, und eine solche Lehre hat keine andere Erklärung

für das Schlechte als die Redewendung: „Das Böse oder das Übel

bezeichnet nur die Beraubung des Guten (privatio boni)“, welche eben

nur Redewendung ist für etwas, das wir nicht ergründen können. Wenn

wir Gott theologisch-religiös auffassen und ihn aktiv allein und

aus Nichts und gegen Nichts die Welt schaffend annehmen, so bleibt

mindestens das Bewußt-Schlechte unerklärt. Und das ist es auch in der

Folge geblieben, die bei weitem theologischer verfährt als der bei

allem Aberglauben so geistvolle und hochdenkende Kirchenvater. Seine

Ansicht von der Welt als Einheit mit absoluter Ordnung der Entwicklung

unterscheidet sich von den reinmaterialistischen Anschauungen, die wir

noch kennen lernen werden, nur durch den Grund der Einheit und Ordnung,

denn sogar die Wunder reiht er in diese Ordnung ein, so daß sie zur

Natur zählen. Der Materialist setzt keinen Grund, für Augustinus ist

der Grund im Schöpfer und Lenker der Welt. Und so gehören ihm zur Natur

auch die Engel. Und er hat nicht übel Lust, denen zu folgen, die im

Himmel und den Gestirnen zwar auch nur Dinge der Natur sehen, aber

höhergestellte als Mensch und andere Wesen (S. 289). Alles dieses,

zum Teil vergröbert, aber auch durch den Einfluß der Aristotelischen

Philosophie mehr ins Abstrakte gewendet, finden wir namentlich auch bei

den Scholastikern.

~Johannes Scotus Erigena~ (um das 9. Jahrhundert in Irland geboren)

läßt in einer seiner mehreren Ansichten alles von Gott emaniert sein.

Gottes Klarheit, welche mit Recht auch Dunkelheit genannt wird, breite

sich über alles aus. Die ungeformte Materie soll nur das Unendliche

bedeuten, welches, da es formlos sei, alle Formen in sich enthalte.

Gott hat die Welt aus seinem eigenen Wesen gebildet. Jedes Geschöpf

ist eine ~Theophanie~, ein Sichoffenbarmachen Gottes. Gott sei an

sich vorhanden wie ein Gedanke im Menschen bestehe; er manifestiere

sich in der Welt durch sich selbst, wie ein Gedanke, der sich denkt,

sich selbst zur Erkenntnis komme. So sei Gott ohne die Welt absolut

negativ. Es klingt wie eine Blasphemie, wenn gesagt wird, Gott wisse

nicht, was er sei, und er werde erst geschaffen mit der Schöpfung,

indem er sich in seiner Schöpfung offenbart, die Schöpfung so aus

Nichts hervorbringend. Das ist auch fast so abstrakt wie die indische

Tad-Anschauung. Freilich bleibt es bei diesem absoluten, und ja

auch nicht zu durchdringenden, Pandeismus nicht. Wie der Indier muß

Scotus Gott doch etwas zuschreiben, Willen, und die Geschöpfe sind

dann Willensakte. Der Wille ist persönlich als Emanation Gottes

(als Christus) gedacht, wie wohl auch die Ursachen (zusammengefaßt

als Heiliger Geist), die Scotus von Gott ausgehen läßt, Emanationen

sind, und die Wirkungen, die wieder von ihnen ausgehen, Emanationen

ihrer selbst darstellen. So ist Christus der Urheber, und der Heilige

Geist der Vollender der Welt (Pater vult, filius facit, spiritus

sanctus perficit, heißt die berühmte Formel). Die Ursachen müssen

als verschieden voneinander angesehen worden sein, und weil sie

Emanationen gleicher Ordnung bedeuten sollten, besteht kein Rang

zwischen ihnen, also auch keine Folge ihrer Wirkungen. Es wird nun

jedes Geschöpf als eine Art Mikrokosmos angesehen, indem aber die

Ursachen in ihm sich in beliebiger Folge geltend machen können,

soll es eine allgemeine Folge auch des Denkens nicht geben. Das ist

freilich ein Schluß, der den Weg zur absoluten Wahrheit, das heißt zur

Erkennung des ~Ganzen~ im Mannigfaltigen versperrt; Jeder faßt nach

~seiner~ Weise sich und die Welt auf. Da Jeder aber eine Theophanie

darstellt, so ist seine Auffassung eine reale. Die Welt hat so viele

Gestaltungen als Geschöpfe sind, alle diese Gestaltungen sind die

ganze Welt. Indessen wird doch auch eine Abstufung in den Geschöpfen

angenommen. Und als ein unergründliches Geheimnis -- darin verborgen,

daß Gott alles nach Maß und Zahl und Gewicht geschaffen habe -- wird

es bezeichnet, daß jedes Geschöpf in der Ekstase, also intuitiv,

Gott (incomprehensibilem et inintelligibilem causam) in seiner

nächsthöheren Theophanie (proxima illi theophania) „von Angesicht zu

Angesicht“ erkenne. So konstatiert Scotus eine Harmonie in der Welt,

in der alles, selbst die Materie, eben als Theophanie, unvergänglich

ist, selbst jeder Gedanke, jedes gute oder böse Wollen; aber ohne

jede „Sympathie der Dinge“. Eine solche Welt würde es eher verstehen

machen, wenn wir, nachdem Jahrtausende hindurch Menschenliebe gepredigt

worden ist, uns Vorträge halten lassen über den ethischen Wert des

gegenseitigen Sichtotschlagens. Da die irdische Welt die letzte aller

Emanationen ist, so schafft sie selbst nichts wirklich; sie scheint

nur zu schaffen, und so ist sie auch Nichts, und sie wird mit allem

untergehen, was in ihr ist. Ewig ist nur das Geistige, und durch das

Geistige findet die Rückkehr zum Ursprung zurück, die Erkenntnis Gottes

in uns (als Theophanie). Das System ist idealistisch-monistisch, und

so fehlt auch eine wirkliche Erklärung des Bösen in der Welt. Es wird

nur eine indirekte ~doppelte Prädestination~ gelehrt. Gott hat die

Zahl der Guten und Bösen vorherbestimmt, die letzteren jedoch nur als

notwendigen Gegensatz zu den Guten. Damit ist der Begriff des Guten und

Bösen als solcher aufgehoben, es tritt nur die Relativität ein, und

diese ist vergänglich. Wenn der Leser fragt: wie hat sich der Philosoph

mit der Kirchenlehre abgefunden? so kann man ihm nur antworten: wie

ein souveräner Denker, gar nicht! Da er aber gleichwohl dem orthodoxen

Glaubensbekenntnis angehört, so haben wir ein Beispiel der „~doppelten

Wahrheit~“, die immer auftritt, wo Glaube und Denken nebeneinander

wirken, und die so oft gegen herrschende Gewalt aushelfen muß. Auch

stand Scotus erst am Beginne des ~dunklen~ Mittelalters und blieb auch

für mehrere Jahrhunderte der bedeutendste Denker der christlichen Welt.

Seine Emanationslehre hat aber etwas Nordisch-Düsteres, das Universum

ist für ihn kein „überschäumendes Licht“ wie für die südlichen

Emanisten.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 88 / 108 题