Wir wenden uns nunmehr den ~neuplatonischen~ Lehren zu, die mit
den gnostischen eine gewisse Verwandtschaft haben, im Grunde die
~heidnische Gnosis~ bedeuten. Der Urheber war ein Lastträger, ~Ammonios
Sakkâs~ zu Alexandrien (Ende des 2. und Anfang des 3. Jahrhunderts
n. Chr.), der eigentliche Begründer ~Plotinos~ (204-270 n. Chr.), in
Ägypten geboren und des ersteren Schüler; ~Longinus~, ~Porphyrios~ und
~Jamblichos~ sind die Emendatoren und Interpreten. Die Philosophie, um
deren Wiederbelebung es sich handelt, ist zwar die platonische, aber
das Ganze zeigt sich mit Pythagoreertum und Stoischem gemischt und
stellt eine Theosophie dar, weshalb die Behandlung hier erfolgt. Gott
als Urwesen steht über allem Denken und Sein; selbst das Bewußtsein
gehört nicht zu seinen Eigenschaften, er ist überhaupt absolut
eigenschaftslos. Ihn zu erkennen ist daher nur Sache der reinen
Intuition. Daher betrachtet Plotinos alles Wahrnehmen, selbst alles
Denken, wie wir es kennen, als gänzlich belanglos. „Im Himmel bedürfen
die Seelen der Worte nicht; dort ist kein verständiges Denken und
nicht das Vernünftige in unserem Sein.“ Wir werden das im Mittelalter
wiederfinden, bis zu völliger Verachtung aller Wissenschaft. Und
von Goethe erzählt Kestner (Gespräche Bd. I, S. 22): „Er strebt
nach Wahrheit, hält jedoch mehr vom Gefühl derselben, als von ihrer
Demonstration.“ Das Wahrnehmen ist ein Leiden und eine beschwerliche
Notwendigkeit für die Seele, hervorgehend aus der allgemeinen
~Sympathie der Dinge~ in der Welt, und das Leben bedeutet kaum mehr als
ein Traum. Einzig die Intuition hilft: „Was die übersinnliche Wahrheit
ist, weiß der, der sie sieht.“ Eben diese Intuition stempelt die
neuplatonische Philosophie zu einer Theosophie. Und Plotinos behauptet
selbst, „oftmals das gepriesene Schauen des Göttlichen und die Einigung
mit ihm erfahren zu haben“. Überhaupt ist der Mensch niemals von Gott
getrennt. „Wir haben das Eins (Gott), wenn wir es auch nicht sagen“;
vielleicht auch, wenn wir es nicht bewußt sind. Sind wir es bewußt,
so hört das Eigenbewußtsein auf. Das ist eigentlich der Standpunkt
des Indiers der Upanishaden. Die Intuition gilt höher selbst als die
Vernunft. Gott weilt überall, aber nicht in den Dingen. Es ist eine
Konzession an das Menschenherz, wenn Gott auch das absolut Gute genannt
wird, und an die Kausalität, wenn er auch Urgrund (ἀρχή) bedeutet. An
sich steht Gott in gar keiner Beziehung zu irgend etwas. Es ist dann
freilich schwer zu verstehen, wie selbst die Intuition ihn fassen und
mit dem Einen eins sein soll. Nun folgt eine Art Emanationslehre.
Gleich einer Quelle, die Wasser aussendet und dabei doch Quelle
unvermindert bleibt, warf das Eins ein Zweites aus sich heraus,
den Nus, den wir schon kennen, die absolute Vernunft, die absolute
Intuition. Als Zweites ist es unvollkommener denn das Erste; es ist
aber ~absolute Vernunft~, weil es das Erste geschaut hat. Sonst ist
es ein übersinnlich Seiendes, ein Lebendes und Vermögendes. Hier sind
offenbar mehrere Aionen der Gnostiker in einen Aion vereinigt. Auch
darin liegt Gnostisches, daß nun der sinnlichen Materie entsprechend
eine übersinnliche gesetzt wird, welche nichts anderes ist als die
Allgemeinheit der Vernunft. Die Vernunft ist hiernach eine Einheit in
sich, aber doch eine Mannigfaltigkeit, ein κόσμος νοητός, gegenüber
dem Einen, das sie umgibt wie ein Kreis seine Mitte. Eine Emanation
der Vernunft ist nun die absolute ~Seele~, ein Gedanke, ein Logos von
ihr. Wie die Vernunft alle Arten des Denkens, so faßt ihre Emanation
Seele alle Arten des Seins zusammen, sie steht aber schon an der Grenze
des übersinnlichen Reiches. Plotinos’ Pleroma, um gnostisch zu reden,
ist also recht beschränkt, denn auch die absolute Seele begreift viele
Aionen in sich. Und so besteht das erste Universum mit dem Urwesen (τό
πρῶτον) nur aus dieser Dreiheit: Ureins, Urvernunft, Urseele. Plotinos
war eben Heide.
Die absolute Seele bringt die ~Weltseele~ hervor. Und diese ist mit
der Welt so verbunden wie die Menschenseele mit dem Leib. Sie ist
aber so mannigfaltig wie die absolute Seele, und so gehört sie allen
Teilen der Welt an. Die Welt wieder, als Materie gedacht, schafft sich
die zweite Seele selbst, unbewußt, wie der Demiurg der Gnostiker.
Die Emanation tritt als Drang, Notwendigkeit auf. Da aber die zweite
Seele doch Emanation der übersinnlichen ersten Seele, und diese
Emanation der absoluten Vernunft ist, muß sich die Welt immerhin als
so gut als möglich und so schön als möglich geordnet erweisen. Die
zweite Seele prägt ihr auch von ihrem Übersinnlichen ein. Das kann
wegen der Unfähigkeit der Materie nur allmählich geschehen; in diesem
allmählichen Aufnehmen des Übersinnlichen beruht, was wir Zeit nennen.
Da ferner alle Seelen die zweite Seele sind, so besteht zwischen ihnen,
also zwischen den Dingen, ein Zusammenhang, eine „~Sympathie~“, was
wir noch oft und später, in anderer Form, auch bei den Leibnizschen
Monaden wiederfinden werden. Diese Sympathie bewirkt es, daß keinem
Dinge etwas widerfahren kann, das nicht alle Dinge mitempfinden. Ferner
führen die Seelen, wie bei den Gnostikern, als von oben stammend und
nach unten (wenn auch passiv) wirkend, ein Doppelleben, zur Höhe
und zur Tiefe. Die Materie aber ist der Gegenpol im Ganzen zu dem
Urwesen, und an der Grenze des Seins das Mangelhafte, das Böse. Das
Leben zeigt verschiedene Grade, aber alles hat Seele. Wir finden so
einen monistischen Idealismus, der zu einem Panpsychismus geführt hat;
selbst leblosen Körpern kommt eine Seele zu, wie der Erde, den Steinen.
Eine Auflösung der Welt erfolgt nicht; die Welt bleibt, nachdem sie
entstanden, ewig. Ewig strahlen auch die Seelen in die Materie hinein,
aber ihr Zusammenhang mit der Materie ist nur ein scheinbarer. Da die
Materie doch auch nur Emanation der Seelen sein soll, muß angenommen
werden, daß überhaupt die Emanationen miteinander an sich ohne
Verbindung sind. Nur die Gemeinschaft des letzten Ursprunges hält sie
zusammen. In der Tat lehrt Plotinos auch eine gewisse Willensfreiheit.
Und doch wird die Sucht nach Selbständigkeit als Ursprung alles Bösen
betrachtet (wie in Goethes „Weltbild“) und alles Niedrigen, wie von
allem Leben die Pflanze das niedrigste sein soll, da jede für sich
allein steht. Die reinste Seele kommt dem Himmel (Zeus?) zu. Diese ist
ganz in sich zusammengezogen und folgt nur ihren absoluten ehernen
Gesetzen. Dann haben wir die Seelen der Gestirne. Und so werden auch
Himmel und Gestirne wie Götter behandelt; sie haben aber bloß die der
ersten absoluten Seele nächststehenden Manifestationen der Weltseele.
Mit der Welt hängen sie nur durch die „Sympathie der Dinge“ zusammen,
sonst sind sie in bezug auf diese, wie alles, passiv. Tatsächlich liegt
das Gesetz der Welt, die ~Vorsehung~, nur in der absoluten Vernunft.
Nach den sichtbaren Göttern kommen die Dämonen und dann die Menschen,
Tiere, Pflanzen usf. Des Menschen Aufgabe im Leben ist die ~Katharsis~,
die Reinigung von allem Irdischen, verbunden mit ~Sichversenken~, die
zur Intuition führt. Jede Seele kann durch Dämonen, Götter und Himmel
zurück zum Lichtreich gelangen. Die Schule der Neuplatoniker lehrte
denn auch Seelenwanderung.
Man sieht, wie in den ~Emanationslehren~ die Emanationen so verschieden
angegeben sich finden. In manchen Systemen werden Urwesen und
Emanationen nach Triaden als πατήρ, δύναμις, νοῦς geordnet (S. 255).
Der mit dem Pseudonym ~Dionysios der Areopagite~ (ein unbekannter
christlicher Neuplatoniker, der um 500 n. Chr. gelebt haben mag)
bezeichnete Schriftsteller, der einen so merkwürdigen Einfluß auf
die mittelalterlichen Religionsphilosophen ausgeübt hat, zählt als
~Hierarchie~ drei Triaden zu je drei Abteilungen von Emanationen
auf. Die erste Trias besteht aus den ~Seraphim~, die von Gott, den
~Cherubim~, die von den Seraphim, und den ~Thronen~ (~festen Naturen~),
die von den Cherubim erleuchtet werden. Dann folgen in den nächsten
Triaden: die ~Archonten~, ~Tugenden~, ~Mächte~; ~Prinzipes~, ~Erzengel~
und ~Engel~, die immer weiter das göttliche Licht durch Überlieferung
verbreiten, aber in immer geschwächterer Form, bis es zum Menschen
gelangt. Doch kann der Mensch zu den Engeln sich emporheben, ja noch
höher, bis zu Gott, wie er auch selbst Licht zu verbreiten weiß. Der
himmlischen Hierarchie sollte die kirchliche entsprechen. Die Kirche
als Aion hat schon Basilides aufgestellt. Bei Dionysios erscheint das
ganze Pleroma als übersinnliche Kirche. Fünf Stadien hätte der Mensch
zu durchlaufen bis zur Vergottung: Reinigung, Erleuchtung, Weihung,
Vergöttlichung, Aufgehen in Gott. Sie bilden das ~große Mysterium~,
das, wie man sieht, indisch ausläuft, und zu entsprechenden Mystizismen
und Verzückungen geführt hat.