33. ~Der Neuplatonismus.~

Wir wenden uns nunmehr den ~neuplatonischen~ Lehren zu, die mit

den gnostischen eine gewisse Verwandtschaft haben, im Grunde die

~heidnische Gnosis~ bedeuten. Der Urheber war ein Lastträger, ~Ammonios

Sakkâs~ zu Alexandrien (Ende des 2. und Anfang des 3. Jahrhunderts

n. Chr.), der eigentliche Begründer ~Plotinos~ (204-270 n. Chr.), in

Ägypten geboren und des ersteren Schüler; ~Longinus~, ~Porphyrios~ und

~Jamblichos~ sind die Emendatoren und Interpreten. Die Philosophie, um

deren Wiederbelebung es sich handelt, ist zwar die platonische, aber

das Ganze zeigt sich mit Pythagoreertum und Stoischem gemischt und

stellt eine Theosophie dar, weshalb die Behandlung hier erfolgt. Gott

als Urwesen steht über allem Denken und Sein; selbst das Bewußtsein

gehört nicht zu seinen Eigenschaften, er ist überhaupt absolut

eigenschaftslos. Ihn zu erkennen ist daher nur Sache der reinen

Intuition. Daher betrachtet Plotinos alles Wahrnehmen, selbst alles

Denken, wie wir es kennen, als gänzlich belanglos. „Im Himmel bedürfen

die Seelen der Worte nicht; dort ist kein verständiges Denken und

nicht das Vernünftige in unserem Sein.“ Wir werden das im Mittelalter

wiederfinden, bis zu völliger Verachtung aller Wissenschaft. Und

von Goethe erzählt Kestner (Gespräche Bd. I, S. 22): „Er strebt

nach Wahrheit, hält jedoch mehr vom Gefühl derselben, als von ihrer

Demonstration.“ Das Wahrnehmen ist ein Leiden und eine beschwerliche

Notwendigkeit für die Seele, hervorgehend aus der allgemeinen

~Sympathie der Dinge~ in der Welt, und das Leben bedeutet kaum mehr als

ein Traum. Einzig die Intuition hilft: „Was die übersinnliche Wahrheit

ist, weiß der, der sie sieht.“ Eben diese Intuition stempelt die

neuplatonische Philosophie zu einer Theosophie. Und Plotinos behauptet

selbst, „oftmals das gepriesene Schauen des Göttlichen und die Einigung

mit ihm erfahren zu haben“. Überhaupt ist der Mensch niemals von Gott

getrennt. „Wir haben das Eins (Gott), wenn wir es auch nicht sagen“;

vielleicht auch, wenn wir es nicht bewußt sind. Sind wir es bewußt,

so hört das Eigenbewußtsein auf. Das ist eigentlich der Standpunkt

des Indiers der Upanishaden. Die Intuition gilt höher selbst als die

Vernunft. Gott weilt überall, aber nicht in den Dingen. Es ist eine

Konzession an das Menschenherz, wenn Gott auch das absolut Gute genannt

wird, und an die Kausalität, wenn er auch Urgrund (ἀρχή) bedeutet. An

sich steht Gott in gar keiner Beziehung zu irgend etwas. Es ist dann

freilich schwer zu verstehen, wie selbst die Intuition ihn fassen und

mit dem Einen eins sein soll. Nun folgt eine Art Emanationslehre.

Gleich einer Quelle, die Wasser aussendet und dabei doch Quelle

unvermindert bleibt, warf das Eins ein Zweites aus sich heraus,

den Nus, den wir schon kennen, die absolute Vernunft, die absolute

Intuition. Als Zweites ist es unvollkommener denn das Erste; es ist

aber ~absolute Vernunft~, weil es das Erste geschaut hat. Sonst ist

es ein übersinnlich Seiendes, ein Lebendes und Vermögendes. Hier sind

offenbar mehrere Aionen der Gnostiker in einen Aion vereinigt. Auch

darin liegt Gnostisches, daß nun der sinnlichen Materie entsprechend

eine übersinnliche gesetzt wird, welche nichts anderes ist als die

Allgemeinheit der Vernunft. Die Vernunft ist hiernach eine Einheit in

sich, aber doch eine Mannigfaltigkeit, ein κόσμος νοητός, gegenüber

dem Einen, das sie umgibt wie ein Kreis seine Mitte. Eine Emanation

der Vernunft ist nun die absolute ~Seele~, ein Gedanke, ein Logos von

ihr. Wie die Vernunft alle Arten des Denkens, so faßt ihre Emanation

Seele alle Arten des Seins zusammen, sie steht aber schon an der Grenze

des übersinnlichen Reiches. Plotinos’ Pleroma, um gnostisch zu reden,

ist also recht beschränkt, denn auch die absolute Seele begreift viele

Aionen in sich. Und so besteht das erste Universum mit dem Urwesen (τό

πρῶτον) nur aus dieser Dreiheit: Ureins, Urvernunft, Urseele. Plotinos

war eben Heide.

Die absolute Seele bringt die ~Weltseele~ hervor. Und diese ist mit

der Welt so verbunden wie die Menschenseele mit dem Leib. Sie ist

aber so mannigfaltig wie die absolute Seele, und so gehört sie allen

Teilen der Welt an. Die Welt wieder, als Materie gedacht, schafft sich

die zweite Seele selbst, unbewußt, wie der Demiurg der Gnostiker.

Die Emanation tritt als Drang, Notwendigkeit auf. Da aber die zweite

Seele doch Emanation der übersinnlichen ersten Seele, und diese

Emanation der absoluten Vernunft ist, muß sich die Welt immerhin als

so gut als möglich und so schön als möglich geordnet erweisen. Die

zweite Seele prägt ihr auch von ihrem Übersinnlichen ein. Das kann

wegen der Unfähigkeit der Materie nur allmählich geschehen; in diesem

allmählichen Aufnehmen des Übersinnlichen beruht, was wir Zeit nennen.

Da ferner alle Seelen die zweite Seele sind, so besteht zwischen ihnen,

also zwischen den Dingen, ein Zusammenhang, eine „~Sympathie~“, was

wir noch oft und später, in anderer Form, auch bei den Leibnizschen

Monaden wiederfinden werden. Diese Sympathie bewirkt es, daß keinem

Dinge etwas widerfahren kann, das nicht alle Dinge mitempfinden. Ferner

führen die Seelen, wie bei den Gnostikern, als von oben stammend und

nach unten (wenn auch passiv) wirkend, ein Doppelleben, zur Höhe

und zur Tiefe. Die Materie aber ist der Gegenpol im Ganzen zu dem

Urwesen, und an der Grenze des Seins das Mangelhafte, das Böse. Das

Leben zeigt verschiedene Grade, aber alles hat Seele. Wir finden so

einen monistischen Idealismus, der zu einem Panpsychismus geführt hat;

selbst leblosen Körpern kommt eine Seele zu, wie der Erde, den Steinen.

Eine Auflösung der Welt erfolgt nicht; die Welt bleibt, nachdem sie

entstanden, ewig. Ewig strahlen auch die Seelen in die Materie hinein,

aber ihr Zusammenhang mit der Materie ist nur ein scheinbarer. Da die

Materie doch auch nur Emanation der Seelen sein soll, muß angenommen

werden, daß überhaupt die Emanationen miteinander an sich ohne

Verbindung sind. Nur die Gemeinschaft des letzten Ursprunges hält sie

zusammen. In der Tat lehrt Plotinos auch eine gewisse Willensfreiheit.

Und doch wird die Sucht nach Selbständigkeit als Ursprung alles Bösen

betrachtet (wie in Goethes „Weltbild“) und alles Niedrigen, wie von

allem Leben die Pflanze das niedrigste sein soll, da jede für sich

allein steht. Die reinste Seele kommt dem Himmel (Zeus?) zu. Diese ist

ganz in sich zusammengezogen und folgt nur ihren absoluten ehernen

Gesetzen. Dann haben wir die Seelen der Gestirne. Und so werden auch

Himmel und Gestirne wie Götter behandelt; sie haben aber bloß die der

ersten absoluten Seele nächststehenden Manifestationen der Weltseele.

Mit der Welt hängen sie nur durch die „Sympathie der Dinge“ zusammen,

sonst sind sie in bezug auf diese, wie alles, passiv. Tatsächlich liegt

das Gesetz der Welt, die ~Vorsehung~, nur in der absoluten Vernunft.

Nach den sichtbaren Göttern kommen die Dämonen und dann die Menschen,

Tiere, Pflanzen usf. Des Menschen Aufgabe im Leben ist die ~Katharsis~,

die Reinigung von allem Irdischen, verbunden mit ~Sichversenken~, die

zur Intuition führt. Jede Seele kann durch Dämonen, Götter und Himmel

zurück zum Lichtreich gelangen. Die Schule der Neuplatoniker lehrte

denn auch Seelenwanderung.

Man sieht, wie in den ~Emanationslehren~ die Emanationen so verschieden

angegeben sich finden. In manchen Systemen werden Urwesen und

Emanationen nach Triaden als πατήρ, δύναμις, νοῦς geordnet (S. 255).

Der mit dem Pseudonym ~Dionysios der Areopagite~ (ein unbekannter

christlicher Neuplatoniker, der um 500 n. Chr. gelebt haben mag)

bezeichnete Schriftsteller, der einen so merkwürdigen Einfluß auf

die mittelalterlichen Religionsphilosophen ausgeübt hat, zählt als

~Hierarchie~ drei Triaden zu je drei Abteilungen von Emanationen

auf. Die erste Trias besteht aus den ~Seraphim~, die von Gott, den

~Cherubim~, die von den Seraphim, und den ~Thronen~ (~festen Naturen~),

die von den Cherubim erleuchtet werden. Dann folgen in den nächsten

Triaden: die ~Archonten~, ~Tugenden~, ~Mächte~; ~Prinzipes~, ~Erzengel~

und ~Engel~, die immer weiter das göttliche Licht durch Überlieferung

verbreiten, aber in immer geschwächterer Form, bis es zum Menschen

gelangt. Doch kann der Mensch zu den Engeln sich emporheben, ja noch

höher, bis zu Gott, wie er auch selbst Licht zu verbreiten weiß. Der

himmlischen Hierarchie sollte die kirchliche entsprechen. Die Kirche

als Aion hat schon Basilides aufgestellt. Bei Dionysios erscheint das

ganze Pleroma als übersinnliche Kirche. Fünf Stadien hätte der Mensch

zu durchlaufen bis zur Vergottung: Reinigung, Erleuchtung, Weihung,

Vergöttlichung, Aufgehen in Gott. Sie bilden das ~große Mysterium~,

das, wie man sieht, indisch ausläuft, und zu entsprechenden Mystizismen

und Verzückungen geführt hat.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 87 / 108 题