Indem wir uns zu den christlichen ~Gnostikern~ (Gnosis = Erkenntnis,
intuitives Wissen, Offenbarung) wenden, haben wir mit der Schwierigkeit
zu kämpfen, daß deren Lehren, abgesehen schon von ihrer Dunkelheit,
uns nur bruchstückweise überliefert sind. Die Theosophie unserer Zeit
wendet ihnen besondere Aufmerksamkeit zu. Außer den älteren Werken von
Baur und Harnack (in seiner Dogmatik) besitzen wir ein zweibändiges
Buch von Heinrich Schmitt, das mit schöner Begeisterung geschrieben
ist, aber doch auch vieles dunkel läßt, trotz der „Licht“lehre,
die die Gnosis sein soll, und das manches enthält, das wie ein
Spätprodukt aussieht, und leider viel Allzuüberschwengliches, womit
man nichts anzufangen weiß. Es hat in der Gnosis zwei Hauptschulen
gegeben, ~dualistische~ und ~monistische~. Die ersteren sind von
zwei Prinzipien, Gott und Widergott (auch Materie, als widersetzlich
gedacht) ausgegangen, die anderen von Gott allein. Und die Lehren sind
eine Mischung von Heidentum, Christentum und Philosophie. Sie sollen
aber freilich wesentlich dem Heiden-Christentum zugute kommen, obwohl
sie sich besonders der Philonischen Emanationslehre anschließen. Von
beiden Schulen können nur die bedeutendsten Vertreter hervorgehoben
werden. Ich werde mich an die trockene Darstellung der älteren Werke
halten, und was Schmitt ausführt zuletzt erwähnen.
~Basilides~ (ein Alexandriner zur Zeit Hadrians) gehört der
dualistischen Schule an. Seine Lehre ist eine ~Emanationslehre~.
Für den höchsten Begriff wollen wir immer Gott sagen. Gott ist das
Absolute und Unerkennbare im Sinne Philons. Aus ihm ist hervorgegangen
die Vernunft, aus dieser das Wort und nun in weiterer Reihe: die
Vernünftigkeit, die Weisheit, die (sittliche) Kraft, die Gerechtigkeit,
der Frieden. Das sind sieben Stufen nach Gott, alle geistig-ethisch.
Außerdem sollen Weisheit und Kraft ihrerseits die Tugenden, die
geistigen Herrscher, die Engel hervorgebracht haben. Alles wird als
reale ~Emanation~ Gottes angesehen. Die Engel werden auch als die
Ersten genannt und als die Werkmeister der Welt, die ~Demiurgen~.
Also Gott schafft selbst die Welt nicht, sondern von ihm emanierte
Prinzipien bilden sie. Der weltbildenden Engel aber sind, in stetig
abnehmender Vollkommenheit, so viel als der Tage im Jahre, 365.
Die weitere Ausführung scheint nun wesentlich in den Bahnen des
Zarathustrismus zu laufen. Denn es wird offenbar ein böses Prinzip
vorausgesetzt, das, sobald es, wie Ahriman das Reich Ormuzds, das
Lichtreich Gottes erblickt, in Widerstreit mit den Engeln gerät.
Es entsteht eine „Verwirrung und Vermischung“, letztere wohl der
Lichtkräfte mit den Finsterniskräften. Und dabei bilden die Engel die
Welt, so gut sie es bei diesem Tohuwabohu vermögen, aus Lichtern mit
angehängter Finsternis. Den 365 Engeln entsprechen 365 Himmel oder
Welten. Unseren Himmel und unsere Welt hat der erste unter jenen Engeln
gewirkt. In diesem für uns eigentlichen ~Demiurgos~ soll Basilides den
Gott der Bibel gesehen haben, was der Bibel selbst widerspricht, da
Jehova gar keine Widersacher hat, noch haben kann. Dieser Demiurgos
habe ein Volk sich auserwählt, die Israeliten, und habe ihnen die
ganze menschliche Welt unterwerfen wollen. Dagegen hätten sich
die anderen Engel erhoben. Und den Streit zu schlichten, habe Gott
~Christus~, seinen ~Mittler~, in die Welt gesandt. Eine andere Wendung
sagt auch, daß Christus in der Regierung der Welt überhaupt die,
als nicht hinreichend stark dem Finstern gegenüber erprobten, Engel
ablösen sollte. So wacht also über der Welt eine Vorsehung, die von
Gott ausgegangen ist und im Mittler ihre wirkende Kraft gefunden hat.
Wie die Welt entstanden ist, wird nicht gesagt; die Materie scheint
eine Art Mischung von Licht und Finsternis zu sein. Es wäre die Welt
eine doppelte Emanation: der Lichtmächte, von oben nach unten, und der
Finsternismächte, von unten nach oben. Letztere Emanation ist auch eine
~Evolution~. Die der Lichtmächte wäre im Menschen die bedeutendere.
Mit ihr wachse die Intuition. Und die vollkommenen Adepten seien darum
auch absolut frei, sogar neben den Engeln. Diese Überhebung soll zur
moralischen Verkommenheit vieler Anhänger dieser Lehre geführt haben.
Im übrigen wird noch die Seelenwanderung völlig im Sinne der Indier
und namentlich Buddhas gelehrt, und in dem Körper-Leben die Strafe
für bewußte Sünden, Anhängen an die finstern Mächte in uns, gesehen.
Die Läuterung geschieht durch allmähliches Abstreifen der Finsternis,
wahrscheinlich in eranischem Sinne (S. 203). Für die unverschuldeten
Leiden hatten die Basilidianer den bekannten Jammertrost, daß sie gegen
mögliche, in der Anlage vorhandene, Sünden hüten oder warnen sollten.
Dieser Dualismus ist noch in verschiedener Weise durchgeführt worden.
Eine Schule (des Hermogenes, Arnobius, Synesius u. a.) nahm als zweites
Urwesen die Materie. In Gott sei alles in größter Ordnung, in der
Materie in größter Unordnung (beides wie bei Anaximander, Anaxagoras
und anderen griechischen Philosophen). Was dort in Ordnung, hier in
Unordnung sich befindet, soll das gleiche sein (Bewegung?). Gott bringt
nun in die Unordnung der Materie Ordnung hinein; indes, da es sich eben
um zwei Urwesen handelt, so weit nur, als das Gute in ihm dem Grade
nach das Böse in der Materie überragt. So entstehe und entwickle sich
die Welt, indem die Ordnung in Gott für sich schon die Unordnung in
der Materie zu ordnen beginne, wie ein Gegenstand die Wünsche lenkt.
Und die Welt sei Unordnung neben Ordnung. Die Seele sei aus dem Etwas
in der Materie hervorgegangen, oder auch sie sei eine Emanation einer
höheren Emanation Gottes, die ihrerseits noch weit von Gott abstehe.
Lactantius’ Dualismus enthält Christus als Prinzip des Guten, den
Teufel als Prinzip des Bösen, beide von Gott hervorgebracht.
Endlich erwähne ich noch bei den Dualisten den ~Manichäismus~, der
diesem Gnostizismus nahe steht. Der Stifter Mani (um die Mitte des 3.
Jahrhund. n. Chr.) war ein Perser. Daraus erklärt sich, daß seine Lehre
wesentlich alten Zoroastrismus mit verarbeitet. Von Interesse ist, daß
jeder Schöpfung im Reiche der Finsternis eine gleichgebildete im Reiche
des Lichtes entspricht, was an die eranischen Fervers und Platons Ideen
erinnert. Auch die Wendung darf nicht übergangen werden, daß im Kampfe
zwischen Licht und Finsternis in manchen Stellen des Universums (in
Sonne und Mond) das Licht in bedeutendem Übergewicht sich befindet.
Und indem Verwandtes sich anzieht, wirken diese Stellen im Umschwung
der Welt wie Schöpfräder und führen mehr und mehr von mit Finsternis
behaftetem Licht in die Lichtsphäre. Dieser Prozeß des Heranlockens
von Licht durch Licht ist aufgefaßt als eine Kraft des Lichtes (der
Physik widerspricht er). Und Christus soll der höchste Walter dieser
Kraft sein. Wenn die Manichäer sonst nicht alles physisch betrachteten,
würde man die obige Anschauung als eine hübsche Allegorie ansehen,
um die Tätigkeit Christi in der Seligmachung der Menschen sinnfällig
auszudrücken. Aber was sollen dabei Sonne und Mond? In der Sonne
scheinen die Manichäer überhaupt etwas Göttliches gesehen, wenigstens
ihr Licht als eine göttliche Offenbarung angenommen zu haben. Auch ging
Mani bei ihnen bald aus einem ~Parakleten~ in den Erlöser über oder
in den heiligen Geist. Er fiel in Persien als Opfer seiner Lehren, da
dort gerade die eranische Religion unter dem Einfluß der eben sich
erhebenden Sassaniden in den Monotheismus geleitet wurde, der in der
Tat mit dem Zarathustrismus an sich nicht unverträglich ist.
Die Lehre des ~Valentinus~ (um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr.
in Alexandrien und Zypern), der monistische Gnostizismus, wird als
idealistische bezeichnet. Der Anfang ist ein Ururwesen, die ~absolute
Stille~, das ~große Schweigen~ (Sige, σιγή), und ihm zur Seite als
Urwesen das absolute ~Sich-in-sich-Denken~ (Ennoia, ἔννοια) und die
unergründliche Tiefe, der ~unergründliche Schoß~ (Bythos, βυθός).
Unter Vermittlung der beiden Urwesen emaniert aus dem Ururwesen der
~Nus~, auch ~Monogenes~ (S. 266), der einziggeborene Vater und Grund
aller Dinge, der zugleich allein seinen Ursprung, das Ururwesen,
fassen kann. Nus wäre die absolute Vernunft, der absolute Geist,
Urvernunft, wie wir der Kürze halber sagen wollen. Mit dem Urgeist
geht die absolute Wahrheit, Urwahrheit (Aletheia, ἀλήθεια) hervor.
Dieses wird so gedeutet, daß Gott an sich nicht begriffen werden kann,
sondern nur unter den Gesichtspunkten der Vernunft und der Wahrheit,
dem man gewiß zustimmen wird. Aus den beiden letzteren nun emaniert
das Wort (der Logos) und das Leben (Zoê). Und aus diesen der geistige
Mensch (ἄνθρωπος) und die geistige Gemeinschaft (ἐκκλησία), Kirche.
So haben wir mit Bythos und Ennoia (oder Sigê, wie manche sagen) vier
Emanationspaare (~Syzygien~), die die erste Emanationsreihe darstellen,
die ~Urachtheit~. Jedes der Paare wird als männlich-weiblich
angesehen; das männliche gab das Wesen, die Substanz, das weibliche
die Kraft. „Shakespeares Romeo und Julia“, sagt Heinrich Schmitt in
seinem genannten Buch, „ist in den herrlichsten Szenen auch nur eine
Umschreibung des heiligen Geheimnisses der Syzygie des Valentinus.“
Allein Valentinus wird einfach von der gemein-irdischen Beobachtung
des Zeugens durch Mann und Weib ausgegangen sein, und wird dieses
Prinzip in die geistige Sphäre erhoben haben. Vielleicht hat er auch
nur die ägyptische Achtheit (S. 101) neu gedeutet, die ja auch gepaart
ist. Dieses System wird nun weitergeführt. Jede Emanation wird als
Aion bezeichnet, ein Name, der Zeitliches bedeutet wie auch Welt.
Es bringen nun Logos und Zoê fünf physische, Mensch und Gemeinschaft
sechs ethische Aionenpaare durch Emanation hervor. Die Namen kann ich
nicht anführen, sie stehen auch nicht alle fest; es finden sich aber
darunter solche wie Mischung, Durchdringung, Lust u. a. in den fünf
Paaren; Glaube, Liebe, Hoffnung, Einsicht usf. in den sechs Paaren.
So haben wir insgesamt jetzt 15 Paare zu 30 Aionen. Diese bilden das
berühmte geistige ~Lichtreich der Fülle~, das ~Plérôma~ (πλήρωμα). Aber
schon in diesem Reich geht die Bedeutung herab mit der Entfernung vom
Ururwesen, obwohl noch jeder Aion sich in voller Seligkeit befindet,
völlig frei von allem Übel. Die wachsende Beschränktheit bezieht sich
auf wachsenden Verlust an Einsicht in das Ururwesen. So steht jedem
Aion der Hóros (ὄρος), die Grenze, zur Seite und hält ihn in sich
zusammengefaßt.
Nun heißt es, daß der letzte weibliche Aion, die ~himmlische Weisheit~,
~Sophia~, vor Sehnsucht nach dem Ururwesen in leidenschaftliche
Wallung geriet, sich von ihrem männlichen Part abwandte und nach dem
Ururwesen, stürmend, begehrte. Sie wird zwar von ihrem Hóros in sich
zurückgeführt, aber der Abfall von ihrer Bestimmung bleibt. Jetzt
bringt das Aionenpaar Vernunft und Wahrheit das neue Paar Christus
und den Heiligen Geist hervor, die das Reich der Fülle in sich
festigen, derart, daß jeder Aion das ganze Pleroma in sich erkennt,
und wenigstens in dieser Beziehung die Sehnsucht gestillt wird,
wenn auch nicht die nach dem Höchsten. Wie in früheren Systemen ist
auch hier alles übersinnlich vorgebildet, was der sinnlichen Welt
angehört, das zeigt sich ja schon in den Paaren. Und so hat auch die
Leidenschaft der Sophia, ihr Sichvergessen, den Grund alles Übels in
der Welt. Denn diese Leidenschaft, als ~Achamoth~ von ihr getrennt
gedacht, geht in die sinnliche Welt. Aus der Sophia also, weil ohne
Zusammenwirken mit ihrem männlichen Aion, entsteht die sinnliche Welt.
Diese Welt ist keine rechte Emanation mehr, sondern eher ein Akzidens
des letzten weiblichen Aion nach dem Abfall. Da sie aber immerhin
von einem Aion stammt, der das ganze übersinnliche Reich in sich
vorstellt, so enthält sie alles Übersinnliche in sinnlichen Bildern,
gleicherweise also auch das Lebende, das Geistige und Wahrheitliche
usf. und das Leidenschaftlich-Üble. Wie die sinnliche Welt entsteht,
ist schwer zu ersehen. Eine hübsche Auslegung besagt, daß aus den vier
Äußerungen der Leidenschaft (Achamoth) die vier Elemente erwachsen
sind: aus den Tränen das Nasse, aus dem Lachen das Feurige, Lichte,
aus der Traurigkeit das Dunkle, Starre, aus der Furcht das Bewegliche,
Luftige. Aber es wird auch sehr vieles andere erzählt; so namentlich
das Befremdende, daß Christus aus Mitleid die Gedanken des abgefallenen
Aion in der Materie nachgestaltet habe. Das Wesentliche bleibt: die
Welt ein Produkt aus Tun und Leiden und aus dem Lichtreich, dem
Pleroma, als Folge und infolge eines Abfalles hervorgegangen. Achamoth
spielt die Rolle des Demiurgs, die Weltseele ist ihr Erzeugnis wie
die Welt. Nach einer anderen Wendung ist sogar erst diese Weltseele,
und zwar ganz unbewußt, der Weltbildner. Und so sinkt die Welt
allerdings immer tiefer in der Reihe des Göttlichen, einer blinden
Naturkraft verdankt sie ihre Entstehung. Und diese Naturkraft führt
den Plan ihrer Mutter, Achamoth, auch ohne diese und ihren Plan zu
kennen, aus und pflanzt der Welt auch das Lebende und Geistige ein.
Mit dem letzteren aber hat der Mensch ein Übersinnliches, wenn auch
nur im Abbild, gewonnen; insgesamt besteht er aus Materie (ὕλη), Seele
(ψυχή) und Geist (πνεῦμα). Und es wird von materiellen, psychischen
und geistigen Menschen (Hylikern, Psychikern und Pneumatikern)
gesprochen. Heiden, Juden und Eingeweihte bedeuten die Muster für
diese Dreiteilung. Materie und Seele sind vergänglich, ewig besteht
nur der Geist. Es scheint, als wenn die rein materiellen Menschen
als Ausflüsse besonderer Prinzipe angesehen werden, der ~Archonten~
(Herrscher), die zwischen dem himmlischen Reich des Lichtes und dem
irdischen weilen und vielleicht tiefere Emanationen des Demiurg sind.
Zu ihnen wird der Dämon ~Adamas~ gehören (der alte Adam in uns),
der die Rolle des Teufels im System vertritt. Aber vielleicht hat
man eine weitere unterweltliche Emanation angenommen, deren Archon
Adamas ist, höllische Geister und Teufel. Christus, wie er nach dem
Fall der Weisheit die Äonenwelt geordnet, führt auch die Welt immer
mehr dem Geistigen zu, dem Lichtreiche. Und am Ende der Tage wird er
der Welt-Naturkraft das Bewußtsein ihrer Wesenseinheit mit Achamoth
verleihen, daß der Demiurg in Achamoth aufgeht, Achamoth aber sich
mit Sophia vereinigt. Und alles Materielle und alle Seelen verglühen
in einem allgemeinen sich selbst aufzehrenden Weltfeuer. Die Geister
aber schweben in das Lichtreich zu den ihnen vorgebildeten Aionen und
verschwimmen mit ihnen zu ewiger Ruhe. Der wahre Schluß wäre erreicht,
wenn auch diese Aionen in das Universum eingingen, in das große
Schweigen, bis vielleicht neue Aionen und neue Welten den Kreis der
Offenbarungen des Ururwesens durchlaufen. So in ewiger Reihe.
Valentinus soll Verfasser des Buches ~Pistis Sophia~ (Glaube Weisheit)
sein, das Schmitt als das Gnostikerevangelium bezeichnet. In diesem
Buche läßt er Christus selbst, nach seiner Verklärung, im unendlichen
Lichte noch einmal seinen Jüngern erscheinen und das Geheimnis des
Irdischen und Überirdischen offenbaren. ~Adolf Harnack~ denkt von den
Gnostikern ziemlich hoch. Von ihren Lehren sagt er (Dogmengeschichte):
„So entstand ein philosophisches dramatisches Gedicht, dem Platonischen
ähnlich, aber ungleich komplizierter und darum phantastischer, in
dem gewaltige Mächte, das Geistige und Gute mit dem Materiellen und
Schlechten, in eine unheilvolle Verbindung gesetzt erscheinen, aus der
aber schließlich das Geistige, unterstützt durch die stammverwandten
Mächte, die zu erhaben sind, um je in das Gemeine herabgezogen
zu werden, doch wieder befreit wird.“ Namentlich das System des
Valentinus verdient wohl diese bedeutenden Worte des großen Theologen.
Heinrich Schmitt sieht aber in diesen Lehren überhaupt das Höchste,
was Menschengeist ersonnen hat: wahre, absolute Offenbarung, und
in Valentinus den größten intuitiven Denker. „An der lebendigen
Wirklichkeit und Wahrheit des Pleroma zweifeln,“ sagt er, „bedeutet
soviel wie an der Wahrheit des mathematischen Bewußtseins zweifeln,
denn seine höchsten Formen sind nur die vollendete Selbsterkenntnis
des mathematischen Bewußtseins.“ Das „mathematische Bewußtsein“ steht
hier wohl für formale Logik, denn die Wahrheit der Mathematik geht nur
so weit wie die der formalen Logik. Diese allein ist intuitiv absolut
wahr. Die Grundlagen der Mathematik, die Axiome, sind nur Behauptungen,
denen die Erfahrung bisher noch nicht widersprochen hat.
Zuletzt möchte ich den Leser auf eine merkwürdige Stelle in Goethes
„Dichtung und Wahrheit“ hinweisen, fast am Schluß des achten Buches.
Gott erscheint sich in seiner Produktion zunächst als Zweites, das
wir den Sohn nennen. Gott und Sohn wieder erscheinen sich im Dritten
(Heiliger Geist). Nun sagt unser Olympier: „Hiermit war jedoch der
Kreis der Gottheit geschlossen, und es wäre ihnen selbst nicht möglich
gewesen, abermals ein ihnen völlig Gleiches hervorzubringen. Da jedoch
der Produktionstrieb immer fortging, so erschufen sie ein Viertes,
das aber schon in sich einen Widerspruch hegte, indem es, wie sie,
unbedingt und doch zugleich in ihnen enthalten und durch sie begrenzt
sein sollte. Dieses war nun Luzifer, welchem von nun an die ganze
Schöpfungskraft übertragen war.“ Luzifer schafft die Engel, unbedingte,
aber nun in ihm enthaltene Wesen. „Umgeben von einer solchen Glorie
vergaß er seines höheren Ursprunges und glaubte ihn in sich selbst zu
finden, und aus diesem ersten Undank entsprang alles, was uns nicht mit
dem Sinne und den Absichten der Gottheit übereinzustimmen scheint.“
Das Heer der Engel teilt sich, ein Teil konzentriert sich mit Luzifer,
der andere wendet sich seinem Ursprunge zu. „Aus dieser Konzentration
der ganzen Schöpfung, denn sie war von Luzifer ausgegangen und mußte
ihm folgen, entsprang nun alles das, was wir unter der Gestalt der
Materie gewahr werden, was wir uns als schwer, fest und finster
vorstellen, welches aber, indem es, wenn auch nicht unmittelbar, doch
durch Filiation vom göttlichen Wesen herstammt, ebenso unbedingt
mächtig und ewig ist als der Vater und die Großeltern.“ Goethe meint
nun, durch die stetige Konzentration ohne die Expansion hätte die
Welt samt Luzifer sich zuletzt doch aufgerieben. Darum verleihen nun
die „Elohim“ in einem Augenblick „dem unendlichen Sein die Fähigkeit,
sich auszudehnen, sich gegen sie zu bewegen; der eigentliche Puls des
Lebens war wiederhergestellt.“ „Dieses ist die Epoche, wo dasjenige
hervortrat, was wir als Licht kennen, und wo dasjenige begann, was wir
mit dem Worte Schöpfung zu bezeichnen pflegen.“ Was von der Expansion
hier gesagt ist, liegt ganz im Sinne des Valentinus, denn dieser
nimmt gerade die Sehnsucht (πάθη) nach oben, als den Aionen eigen,
die zwar Sophia zum Abfall bringt, aber doch zuletzt die Welt zu Gott
zurückführt. Bewegung nach unten und nach oben ist die Grundidee
des Gnostikers wie des Dichters, und übrigens auch griechischer
Naturphilosophen. Der Mensch soll auch nach unserem Dichter das
Vermittelnde zwischen oben und unten sein. So sicher legte sich der
junge Goethe, was er von den gnostischen Lehren las, zurecht. Schon in
den ersten Gesprächen, die wir von ihm noch besitzen, finden sich die
Ideen der Konzentration und Expansion. Und damit vergleiche man aus dem
späteren Zyklus „Gott und Welt“ die schöne Strophe:
Was wär’ ein Gott, der nur von Außen stieße,
Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in sich, sich in Natur zu hegen,
So daß, was in ihm lebt und webt und ist,
Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermißt.
Die gnostischen Lehren sollen ihren Ursprung von dem rätselhaften
samaritanischen Messias ~Simon Magus~ genommen haben. Harnack sagt, daß
seine Existenz und seine hohe geschichtliche Bedeutung nicht geleugnet
werden können. Er lebte zugleich mit Petrus, in heftigem Widerstreit
zu ihm, der seinen Zauber durch Gottes Wort zunichte machte. Übrigens
gibt es der gnostischen Schulen viele, wie die ~Doketen~, ~Peraten~,
~Ophiten~ usf. Jede Schule lehrte noch etwas Besonderes. Doch Askese,
Okkultismus, Astrologie und Magie zeigten sich überall. Darauf habe ich
nicht einzugehen.