32. ~Die Gnostiker und Manichäer.~

Indem wir uns zu den christlichen ~Gnostikern~ (Gnosis = Erkenntnis,

intuitives Wissen, Offenbarung) wenden, haben wir mit der Schwierigkeit

zu kämpfen, daß deren Lehren, abgesehen schon von ihrer Dunkelheit,

uns nur bruchstückweise überliefert sind. Die Theosophie unserer Zeit

wendet ihnen besondere Aufmerksamkeit zu. Außer den älteren Werken von

Baur und Harnack (in seiner Dogmatik) besitzen wir ein zweibändiges

Buch von Heinrich Schmitt, das mit schöner Begeisterung geschrieben

ist, aber doch auch vieles dunkel läßt, trotz der „Licht“lehre,

die die Gnosis sein soll, und das manches enthält, das wie ein

Spätprodukt aussieht, und leider viel Allzuüberschwengliches, womit

man nichts anzufangen weiß. Es hat in der Gnosis zwei Hauptschulen

gegeben, ~dualistische~ und ~monistische~. Die ersteren sind von

zwei Prinzipien, Gott und Widergott (auch Materie, als widersetzlich

gedacht) ausgegangen, die anderen von Gott allein. Und die Lehren sind

eine Mischung von Heidentum, Christentum und Philosophie. Sie sollen

aber freilich wesentlich dem Heiden-Christentum zugute kommen, obwohl

sie sich besonders der Philonischen Emanationslehre anschließen. Von

beiden Schulen können nur die bedeutendsten Vertreter hervorgehoben

werden. Ich werde mich an die trockene Darstellung der älteren Werke

halten, und was Schmitt ausführt zuletzt erwähnen.

~Basilides~ (ein Alexandriner zur Zeit Hadrians) gehört der

dualistischen Schule an. Seine Lehre ist eine ~Emanationslehre~.

Für den höchsten Begriff wollen wir immer Gott sagen. Gott ist das

Absolute und Unerkennbare im Sinne Philons. Aus ihm ist hervorgegangen

die Vernunft, aus dieser das Wort und nun in weiterer Reihe: die

Vernünftigkeit, die Weisheit, die (sittliche) Kraft, die Gerechtigkeit,

der Frieden. Das sind sieben Stufen nach Gott, alle geistig-ethisch.

Außerdem sollen Weisheit und Kraft ihrerseits die Tugenden, die

geistigen Herrscher, die Engel hervorgebracht haben. Alles wird als

reale ~Emanation~ Gottes angesehen. Die Engel werden auch als die

Ersten genannt und als die Werkmeister der Welt, die ~Demiurgen~.

Also Gott schafft selbst die Welt nicht, sondern von ihm emanierte

Prinzipien bilden sie. Der weltbildenden Engel aber sind, in stetig

abnehmender Vollkommenheit, so viel als der Tage im Jahre, 365.

Die weitere Ausführung scheint nun wesentlich in den Bahnen des

Zarathustrismus zu laufen. Denn es wird offenbar ein böses Prinzip

vorausgesetzt, das, sobald es, wie Ahriman das Reich Ormuzds, das

Lichtreich Gottes erblickt, in Widerstreit mit den Engeln gerät.

Es entsteht eine „Verwirrung und Vermischung“, letztere wohl der

Lichtkräfte mit den Finsterniskräften. Und dabei bilden die Engel die

Welt, so gut sie es bei diesem Tohuwabohu vermögen, aus Lichtern mit

angehängter Finsternis. Den 365 Engeln entsprechen 365 Himmel oder

Welten. Unseren Himmel und unsere Welt hat der erste unter jenen Engeln

gewirkt. In diesem für uns eigentlichen ~Demiurgos~ soll Basilides den

Gott der Bibel gesehen haben, was der Bibel selbst widerspricht, da

Jehova gar keine Widersacher hat, noch haben kann. Dieser Demiurgos

habe ein Volk sich auserwählt, die Israeliten, und habe ihnen die

ganze menschliche Welt unterwerfen wollen. Dagegen hätten sich

die anderen Engel erhoben. Und den Streit zu schlichten, habe Gott

~Christus~, seinen ~Mittler~, in die Welt gesandt. Eine andere Wendung

sagt auch, daß Christus in der Regierung der Welt überhaupt die,

als nicht hinreichend stark dem Finstern gegenüber erprobten, Engel

ablösen sollte. So wacht also über der Welt eine Vorsehung, die von

Gott ausgegangen ist und im Mittler ihre wirkende Kraft gefunden hat.

Wie die Welt entstanden ist, wird nicht gesagt; die Materie scheint

eine Art Mischung von Licht und Finsternis zu sein. Es wäre die Welt

eine doppelte Emanation: der Lichtmächte, von oben nach unten, und der

Finsternismächte, von unten nach oben. Letztere Emanation ist auch eine

~Evolution~. Die der Lichtmächte wäre im Menschen die bedeutendere.

Mit ihr wachse die Intuition. Und die vollkommenen Adepten seien darum

auch absolut frei, sogar neben den Engeln. Diese Überhebung soll zur

moralischen Verkommenheit vieler Anhänger dieser Lehre geführt haben.

Im übrigen wird noch die Seelenwanderung völlig im Sinne der Indier

und namentlich Buddhas gelehrt, und in dem Körper-Leben die Strafe

für bewußte Sünden, Anhängen an die finstern Mächte in uns, gesehen.

Die Läuterung geschieht durch allmähliches Abstreifen der Finsternis,

wahrscheinlich in eranischem Sinne (S. 203). Für die unverschuldeten

Leiden hatten die Basilidianer den bekannten Jammertrost, daß sie gegen

mögliche, in der Anlage vorhandene, Sünden hüten oder warnen sollten.

Dieser Dualismus ist noch in verschiedener Weise durchgeführt worden.

Eine Schule (des Hermogenes, Arnobius, Synesius u. a.) nahm als zweites

Urwesen die Materie. In Gott sei alles in größter Ordnung, in der

Materie in größter Unordnung (beides wie bei Anaximander, Anaxagoras

und anderen griechischen Philosophen). Was dort in Ordnung, hier in

Unordnung sich befindet, soll das gleiche sein (Bewegung?). Gott bringt

nun in die Unordnung der Materie Ordnung hinein; indes, da es sich eben

um zwei Urwesen handelt, so weit nur, als das Gute in ihm dem Grade

nach das Böse in der Materie überragt. So entstehe und entwickle sich

die Welt, indem die Ordnung in Gott für sich schon die Unordnung in

der Materie zu ordnen beginne, wie ein Gegenstand die Wünsche lenkt.

Und die Welt sei Unordnung neben Ordnung. Die Seele sei aus dem Etwas

in der Materie hervorgegangen, oder auch sie sei eine Emanation einer

höheren Emanation Gottes, die ihrerseits noch weit von Gott abstehe.

Lactantius’ Dualismus enthält Christus als Prinzip des Guten, den

Teufel als Prinzip des Bösen, beide von Gott hervorgebracht.

Endlich erwähne ich noch bei den Dualisten den ~Manichäismus~, der

diesem Gnostizismus nahe steht. Der Stifter Mani (um die Mitte des 3.

Jahrhund. n. Chr.) war ein Perser. Daraus erklärt sich, daß seine Lehre

wesentlich alten Zoroastrismus mit verarbeitet. Von Interesse ist, daß

jeder Schöpfung im Reiche der Finsternis eine gleichgebildete im Reiche

des Lichtes entspricht, was an die eranischen Fervers und Platons Ideen

erinnert. Auch die Wendung darf nicht übergangen werden, daß im Kampfe

zwischen Licht und Finsternis in manchen Stellen des Universums (in

Sonne und Mond) das Licht in bedeutendem Übergewicht sich befindet.

Und indem Verwandtes sich anzieht, wirken diese Stellen im Umschwung

der Welt wie Schöpfräder und führen mehr und mehr von mit Finsternis

behaftetem Licht in die Lichtsphäre. Dieser Prozeß des Heranlockens

von Licht durch Licht ist aufgefaßt als eine Kraft des Lichtes (der

Physik widerspricht er). Und Christus soll der höchste Walter dieser

Kraft sein. Wenn die Manichäer sonst nicht alles physisch betrachteten,

würde man die obige Anschauung als eine hübsche Allegorie ansehen,

um die Tätigkeit Christi in der Seligmachung der Menschen sinnfällig

auszudrücken. Aber was sollen dabei Sonne und Mond? In der Sonne

scheinen die Manichäer überhaupt etwas Göttliches gesehen, wenigstens

ihr Licht als eine göttliche Offenbarung angenommen zu haben. Auch ging

Mani bei ihnen bald aus einem ~Parakleten~ in den Erlöser über oder

in den heiligen Geist. Er fiel in Persien als Opfer seiner Lehren, da

dort gerade die eranische Religion unter dem Einfluß der eben sich

erhebenden Sassaniden in den Monotheismus geleitet wurde, der in der

Tat mit dem Zarathustrismus an sich nicht unverträglich ist.

Die Lehre des ~Valentinus~ (um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr.

in Alexandrien und Zypern), der monistische Gnostizismus, wird als

idealistische bezeichnet. Der Anfang ist ein Ururwesen, die ~absolute

Stille~, das ~große Schweigen~ (Sige, σιγή), und ihm zur Seite als

Urwesen das absolute ~Sich-in-sich-Denken~ (Ennoia, ἔννοια) und die

unergründliche Tiefe, der ~unergründliche Schoß~ (Bythos, βυθός).

Unter Vermittlung der beiden Urwesen emaniert aus dem Ururwesen der

~Nus~, auch ~Monogenes~ (S. 266), der einziggeborene Vater und Grund

aller Dinge, der zugleich allein seinen Ursprung, das Ururwesen,

fassen kann. Nus wäre die absolute Vernunft, der absolute Geist,

Urvernunft, wie wir der Kürze halber sagen wollen. Mit dem Urgeist

geht die absolute Wahrheit, Urwahrheit (Aletheia, ἀλήθεια) hervor.

Dieses wird so gedeutet, daß Gott an sich nicht begriffen werden kann,

sondern nur unter den Gesichtspunkten der Vernunft und der Wahrheit,

dem man gewiß zustimmen wird. Aus den beiden letzteren nun emaniert

das Wort (der Logos) und das Leben (Zoê). Und aus diesen der geistige

Mensch (ἄνθρωπος) und die geistige Gemeinschaft (ἐκκλησία), Kirche.

So haben wir mit Bythos und Ennoia (oder Sigê, wie manche sagen) vier

Emanationspaare (~Syzygien~), die die erste Emanationsreihe darstellen,

die ~Urachtheit~. Jedes der Paare wird als männlich-weiblich

angesehen; das männliche gab das Wesen, die Substanz, das weibliche

die Kraft. „Shakespeares Romeo und Julia“, sagt Heinrich Schmitt in

seinem genannten Buch, „ist in den herrlichsten Szenen auch nur eine

Umschreibung des heiligen Geheimnisses der Syzygie des Valentinus.“

Allein Valentinus wird einfach von der gemein-irdischen Beobachtung

des Zeugens durch Mann und Weib ausgegangen sein, und wird dieses

Prinzip in die geistige Sphäre erhoben haben. Vielleicht hat er auch

nur die ägyptische Achtheit (S. 101) neu gedeutet, die ja auch gepaart

ist. Dieses System wird nun weitergeführt. Jede Emanation wird als

Aion bezeichnet, ein Name, der Zeitliches bedeutet wie auch Welt.

Es bringen nun Logos und Zoê fünf physische, Mensch und Gemeinschaft

sechs ethische Aionenpaare durch Emanation hervor. Die Namen kann ich

nicht anführen, sie stehen auch nicht alle fest; es finden sich aber

darunter solche wie Mischung, Durchdringung, Lust u. a. in den fünf

Paaren; Glaube, Liebe, Hoffnung, Einsicht usf. in den sechs Paaren.

So haben wir insgesamt jetzt 15 Paare zu 30 Aionen. Diese bilden das

berühmte geistige ~Lichtreich der Fülle~, das ~Plérôma~ (πλήρωμα). Aber

schon in diesem Reich geht die Bedeutung herab mit der Entfernung vom

Ururwesen, obwohl noch jeder Aion sich in voller Seligkeit befindet,

völlig frei von allem Übel. Die wachsende Beschränktheit bezieht sich

auf wachsenden Verlust an Einsicht in das Ururwesen. So steht jedem

Aion der Hóros (ὄρος), die Grenze, zur Seite und hält ihn in sich

zusammengefaßt.

Nun heißt es, daß der letzte weibliche Aion, die ~himmlische Weisheit~,

~Sophia~, vor Sehnsucht nach dem Ururwesen in leidenschaftliche

Wallung geriet, sich von ihrem männlichen Part abwandte und nach dem

Ururwesen, stürmend, begehrte. Sie wird zwar von ihrem Hóros in sich

zurückgeführt, aber der Abfall von ihrer Bestimmung bleibt. Jetzt

bringt das Aionenpaar Vernunft und Wahrheit das neue Paar Christus

und den Heiligen Geist hervor, die das Reich der Fülle in sich

festigen, derart, daß jeder Aion das ganze Pleroma in sich erkennt,

und wenigstens in dieser Beziehung die Sehnsucht gestillt wird,

wenn auch nicht die nach dem Höchsten. Wie in früheren Systemen ist

auch hier alles übersinnlich vorgebildet, was der sinnlichen Welt

angehört, das zeigt sich ja schon in den Paaren. Und so hat auch die

Leidenschaft der Sophia, ihr Sichvergessen, den Grund alles Übels in

der Welt. Denn diese Leidenschaft, als ~Achamoth~ von ihr getrennt

gedacht, geht in die sinnliche Welt. Aus der Sophia also, weil ohne

Zusammenwirken mit ihrem männlichen Aion, entsteht die sinnliche Welt.

Diese Welt ist keine rechte Emanation mehr, sondern eher ein Akzidens

des letzten weiblichen Aion nach dem Abfall. Da sie aber immerhin

von einem Aion stammt, der das ganze übersinnliche Reich in sich

vorstellt, so enthält sie alles Übersinnliche in sinnlichen Bildern,

gleicherweise also auch das Lebende, das Geistige und Wahrheitliche

usf. und das Leidenschaftlich-Üble. Wie die sinnliche Welt entsteht,

ist schwer zu ersehen. Eine hübsche Auslegung besagt, daß aus den vier

Äußerungen der Leidenschaft (Achamoth) die vier Elemente erwachsen

sind: aus den Tränen das Nasse, aus dem Lachen das Feurige, Lichte,

aus der Traurigkeit das Dunkle, Starre, aus der Furcht das Bewegliche,

Luftige. Aber es wird auch sehr vieles andere erzählt; so namentlich

das Befremdende, daß Christus aus Mitleid die Gedanken des abgefallenen

Aion in der Materie nachgestaltet habe. Das Wesentliche bleibt: die

Welt ein Produkt aus Tun und Leiden und aus dem Lichtreich, dem

Pleroma, als Folge und infolge eines Abfalles hervorgegangen. Achamoth

spielt die Rolle des Demiurgs, die Weltseele ist ihr Erzeugnis wie

die Welt. Nach einer anderen Wendung ist sogar erst diese Weltseele,

und zwar ganz unbewußt, der Weltbildner. Und so sinkt die Welt

allerdings immer tiefer in der Reihe des Göttlichen, einer blinden

Naturkraft verdankt sie ihre Entstehung. Und diese Naturkraft führt

den Plan ihrer Mutter, Achamoth, auch ohne diese und ihren Plan zu

kennen, aus und pflanzt der Welt auch das Lebende und Geistige ein.

Mit dem letzteren aber hat der Mensch ein Übersinnliches, wenn auch

nur im Abbild, gewonnen; insgesamt besteht er aus Materie (ὕλη), Seele

(ψυχή) und Geist (πνεῦμα). Und es wird von materiellen, psychischen

und geistigen Menschen (Hylikern, Psychikern und Pneumatikern)

gesprochen. Heiden, Juden und Eingeweihte bedeuten die Muster für

diese Dreiteilung. Materie und Seele sind vergänglich, ewig besteht

nur der Geist. Es scheint, als wenn die rein materiellen Menschen

als Ausflüsse besonderer Prinzipe angesehen werden, der ~Archonten~

(Herrscher), die zwischen dem himmlischen Reich des Lichtes und dem

irdischen weilen und vielleicht tiefere Emanationen des Demiurg sind.

Zu ihnen wird der Dämon ~Adamas~ gehören (der alte Adam in uns),

der die Rolle des Teufels im System vertritt. Aber vielleicht hat

man eine weitere unterweltliche Emanation angenommen, deren Archon

Adamas ist, höllische Geister und Teufel. Christus, wie er nach dem

Fall der Weisheit die Äonenwelt geordnet, führt auch die Welt immer

mehr dem Geistigen zu, dem Lichtreiche. Und am Ende der Tage wird er

der Welt-Naturkraft das Bewußtsein ihrer Wesenseinheit mit Achamoth

verleihen, daß der Demiurg in Achamoth aufgeht, Achamoth aber sich

mit Sophia vereinigt. Und alles Materielle und alle Seelen verglühen

in einem allgemeinen sich selbst aufzehrenden Weltfeuer. Die Geister

aber schweben in das Lichtreich zu den ihnen vorgebildeten Aionen und

verschwimmen mit ihnen zu ewiger Ruhe. Der wahre Schluß wäre erreicht,

wenn auch diese Aionen in das Universum eingingen, in das große

Schweigen, bis vielleicht neue Aionen und neue Welten den Kreis der

Offenbarungen des Ururwesens durchlaufen. So in ewiger Reihe.

Valentinus soll Verfasser des Buches ~Pistis Sophia~ (Glaube Weisheit)

sein, das Schmitt als das Gnostikerevangelium bezeichnet. In diesem

Buche läßt er Christus selbst, nach seiner Verklärung, im unendlichen

Lichte noch einmal seinen Jüngern erscheinen und das Geheimnis des

Irdischen und Überirdischen offenbaren. ~Adolf Harnack~ denkt von den

Gnostikern ziemlich hoch. Von ihren Lehren sagt er (Dogmengeschichte):

„So entstand ein philosophisches dramatisches Gedicht, dem Platonischen

ähnlich, aber ungleich komplizierter und darum phantastischer, in

dem gewaltige Mächte, das Geistige und Gute mit dem Materiellen und

Schlechten, in eine unheilvolle Verbindung gesetzt erscheinen, aus der

aber schließlich das Geistige, unterstützt durch die stammverwandten

Mächte, die zu erhaben sind, um je in das Gemeine herabgezogen

zu werden, doch wieder befreit wird.“ Namentlich das System des

Valentinus verdient wohl diese bedeutenden Worte des großen Theologen.

Heinrich Schmitt sieht aber in diesen Lehren überhaupt das Höchste,

was Menschengeist ersonnen hat: wahre, absolute Offenbarung, und

in Valentinus den größten intuitiven Denker. „An der lebendigen

Wirklichkeit und Wahrheit des Pleroma zweifeln,“ sagt er, „bedeutet

soviel wie an der Wahrheit des mathematischen Bewußtseins zweifeln,

denn seine höchsten Formen sind nur die vollendete Selbsterkenntnis

des mathematischen Bewußtseins.“ Das „mathematische Bewußtsein“ steht

hier wohl für formale Logik, denn die Wahrheit der Mathematik geht nur

so weit wie die der formalen Logik. Diese allein ist intuitiv absolut

wahr. Die Grundlagen der Mathematik, die Axiome, sind nur Behauptungen,

denen die Erfahrung bisher noch nicht widersprochen hat.

Zuletzt möchte ich den Leser auf eine merkwürdige Stelle in Goethes

„Dichtung und Wahrheit“ hinweisen, fast am Schluß des achten Buches.

Gott erscheint sich in seiner Produktion zunächst als Zweites, das

wir den Sohn nennen. Gott und Sohn wieder erscheinen sich im Dritten

(Heiliger Geist). Nun sagt unser Olympier: „Hiermit war jedoch der

Kreis der Gottheit geschlossen, und es wäre ihnen selbst nicht möglich

gewesen, abermals ein ihnen völlig Gleiches hervorzubringen. Da jedoch

der Produktionstrieb immer fortging, so erschufen sie ein Viertes,

das aber schon in sich einen Widerspruch hegte, indem es, wie sie,

unbedingt und doch zugleich in ihnen enthalten und durch sie begrenzt

sein sollte. Dieses war nun Luzifer, welchem von nun an die ganze

Schöpfungskraft übertragen war.“ Luzifer schafft die Engel, unbedingte,

aber nun in ihm enthaltene Wesen. „Umgeben von einer solchen Glorie

vergaß er seines höheren Ursprunges und glaubte ihn in sich selbst zu

finden, und aus diesem ersten Undank entsprang alles, was uns nicht mit

dem Sinne und den Absichten der Gottheit übereinzustimmen scheint.“

Das Heer der Engel teilt sich, ein Teil konzentriert sich mit Luzifer,

der andere wendet sich seinem Ursprunge zu. „Aus dieser Konzentration

der ganzen Schöpfung, denn sie war von Luzifer ausgegangen und mußte

ihm folgen, entsprang nun alles das, was wir unter der Gestalt der

Materie gewahr werden, was wir uns als schwer, fest und finster

vorstellen, welches aber, indem es, wenn auch nicht unmittelbar, doch

durch Filiation vom göttlichen Wesen herstammt, ebenso unbedingt

mächtig und ewig ist als der Vater und die Großeltern.“ Goethe meint

nun, durch die stetige Konzentration ohne die Expansion hätte die

Welt samt Luzifer sich zuletzt doch aufgerieben. Darum verleihen nun

die „Elohim“ in einem Augenblick „dem unendlichen Sein die Fähigkeit,

sich auszudehnen, sich gegen sie zu bewegen; der eigentliche Puls des

Lebens war wiederhergestellt.“ „Dieses ist die Epoche, wo dasjenige

hervortrat, was wir als Licht kennen, und wo dasjenige begann, was wir

mit dem Worte Schöpfung zu bezeichnen pflegen.“ Was von der Expansion

hier gesagt ist, liegt ganz im Sinne des Valentinus, denn dieser

nimmt gerade die Sehnsucht (πάθη) nach oben, als den Aionen eigen,

die zwar Sophia zum Abfall bringt, aber doch zuletzt die Welt zu Gott

zurückführt. Bewegung nach unten und nach oben ist die Grundidee

des Gnostikers wie des Dichters, und übrigens auch griechischer

Naturphilosophen. Der Mensch soll auch nach unserem Dichter das

Vermittelnde zwischen oben und unten sein. So sicher legte sich der

junge Goethe, was er von den gnostischen Lehren las, zurecht. Schon in

den ersten Gesprächen, die wir von ihm noch besitzen, finden sich die

Ideen der Konzentration und Expansion. Und damit vergleiche man aus dem

späteren Zyklus „Gott und Welt“ die schöne Strophe:

Was wär’ ein Gott, der nur von Außen stieße,

Im Kreis das All am Finger laufen ließe!

Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen,

Natur in sich, sich in Natur zu hegen,

So daß, was in ihm lebt und webt und ist,

Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermißt.

Die gnostischen Lehren sollen ihren Ursprung von dem rätselhaften

samaritanischen Messias ~Simon Magus~ genommen haben. Harnack sagt, daß

seine Existenz und seine hohe geschichtliche Bedeutung nicht geleugnet

werden können. Er lebte zugleich mit Petrus, in heftigem Widerstreit

zu ihm, der seinen Zauber durch Gottes Wort zunichte machte. Übrigens

gibt es der gnostischen Schulen viele, wie die ~Doketen~, ~Peraten~,

~Ophiten~ usf. Jede Schule lehrte noch etwas Besonderes. Doch Askese,

Okkultismus, Astrologie und Magie zeigten sich überall. Darauf habe ich

nicht einzugehen.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 86 / 108 题