31. ~Der Logos und die Sophia.~

Der Begriff des ~Logos~ ist von so großer Bedeutung geworden, weil der

vierte Evangelist ihn zur Grundlage seines Systems gemacht hat. Logos

bedeutet ursprünglich das Wort, und so ist es von Luther übersetzt

worden. Das „~Wort~“ aber hat bei Johannes die gleiche Rolle wie

der Logos bei Philon. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei

Gott, und Gott war das Wort. Dasselbige war im Anfange bei Gott. Alle

Dinge sind durch dasselbige gemacht, und ohne dasselbige ist nichts

gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das

Licht der Menschen. Und das Licht scheinet in der Finsternis, und die

Finsternis hat es nicht begriffen.“ Das ist alles durchaus im Sinne

der Philonischen Anschauung; nur daß das „Wort“ noch näher mit Gott

verknüpft ist als bei Philon. Logos hat schon früh bei den Griechen die

Nebenbedeutung von Gedanke, logische Ordnung, gehabt. Herakleitos aus

Ephesos soll bereits gelehrt haben, „das Wesen des Schicksals sei der

Logos, der die Substanz des Weltalls durchdringe“. „Alles geschieht

nach dem Logos.“ „Der Logos ist ewig.“ „Der Seele ist der Logos eigen,

der sich selbst mehrt.“ Letzteres ein Seitenstück zu: „Der Sinn ist

dem Menschen Dämon (ἦθος ἀθρώπῳ δαίμων).“ Max Müller stellt diesen

Logos mit dem indischen Ritam in Parallele, eben der zwingenden

Ordnung. Aber das „Wort“ selbst hatte bei den Indiern kosmogonische

Bedeutung im Brahma, als Spruch, während der Logos bei Heraklit nicht

schöpferisch auftritt, sondern nur als von je vorhanden (ἀεὶ ἐῶν).

Erst die Stoiker faßten den Logos auch als schöpferisch auf, indem er

bei ihnen die göttliche Vernunft bedeutete. Und so sprachen sie auch

gemäß ihrem schon gebildeten Pandeismus von einem Logos in jedem Dinge,

von „bekörperten Logoi“, die den Typus der Dinge, ihre „spezifische

Qualität“ darstellten; alle die platonischen Ideen real gedacht. So

hat sich also die später so wichtige Auffassung des Logos allmählich

vorbereitet. Die eigenartige Zwischenstellung des Logos zwischen Gott

und der Welt scheint aber vorher nicht gekannt zu sein, denn Platons

Ideen sind nicht schöpferisch, weder seine eigenen, noch wie sie

Aristoteles auffaßte; sie treten nicht als Mittler zwischen Gott und

der Welt auf, daß Gott selbst von der Welt völlig unberührt bliebe.

Goethe läßt Faust Logos zuletzt mit „Tat“ übersetzen. Das entspricht

der Auffassung Philons sehr nahe, wohl mehr als „Wort“, da die Ideen

bei Philon „Kräfte“ Gottes sind („Kraft“ benutzt ja Faust vorher auch).

Weiter nennt Philon den Logos den „Sohn Gottes“, den „Einziggeborenen“,

den „Erstgeborenen“. Diese Wendung scheint, wenigstens für den Logos

(sonst S. 255), vor Philon nicht bekannt gewesen zu sein. Sie ist

aber später die wichtigste geworden. Im Evangelium Johannis wird sie

auf Christus übertragen: „Und das Wort ward Fleisch und wohnete unter

uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des

eingeborenen Sohnes vom Vater.“

Noch ein zweites Prinzip bei Philon hat in der Folge große Bedeutung

erlangt: die Sophia, die „~Weisheit~“ Gottes. Während dem „Worte“ in

der Bibel nur mit Zwang der Sinn des Philonischen Logos beigelegt

werden kann, das „Wort“ dort vielmehr lediglich soviel wie Ruf,

Befehl, etwa wie in den ersten Zeilen der Genesis, besagt, nicht

mehr, scheint die „Weisheit“ eine besondere Stellung einzunehmen. In

den „Sprüchen“ Salomos sagt die „Weisheit“ (Chachma) von sich: „Mich

schuf der Ewige als seines Wandels Anfang.“ Sie war, ehe noch die

Erde, ehe Meer, Wolken, Himmel waren. „Da war ich Wonne Tag für Tag,

Pflegling, spielend vor ihm (vor Gott) aller Zeit.“ Ähnlich könnte

man die Aussprüche in Hiob, Kap. 28, interpretieren, wo die Weisheit

gleichfalls bei der Schöpfung zugegen ist. Doch wird sie hier zuletzt

als „Fürst des Herrn“ erläutert. Der geistvolle Sirachide aber sagt

(Sprüche, Kap. 24) ganz sinnfällig von der Weisheit: „Ich ging hervor

aus dem Munde des Höchsten, und wie ein Nebeldampf bedeckte ich die

Erde. Ich nahm meinen Wohnsitz in der Höhe und mein Thron war auf einer

Wolkensäule. Die Himmelswölbung durchkreiste ich allein, und in der

Tiefe der Fluten des Chaos wandelte ich.“ Sodann: „Von Ewigkeit her,

von Anfang an schuf er mich, und bis in die Ewigkeit werde ich nicht

aufhören.“ Dann folgt eine hochpoetische Schilderung, die die Weisheit

von sich selbst gibt. Bei Philon scheint die Weisheit mit dem Wort

zusammenzufallen: als „Vernunft Gottes“.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 85 / 108 题