Der Begriff des ~Logos~ ist von so großer Bedeutung geworden, weil der
vierte Evangelist ihn zur Grundlage seines Systems gemacht hat. Logos
bedeutet ursprünglich das Wort, und so ist es von Luther übersetzt
worden. Das „~Wort~“ aber hat bei Johannes die gleiche Rolle wie
der Logos bei Philon. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei
Gott, und Gott war das Wort. Dasselbige war im Anfange bei Gott. Alle
Dinge sind durch dasselbige gemacht, und ohne dasselbige ist nichts
gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das
Licht der Menschen. Und das Licht scheinet in der Finsternis, und die
Finsternis hat es nicht begriffen.“ Das ist alles durchaus im Sinne
der Philonischen Anschauung; nur daß das „Wort“ noch näher mit Gott
verknüpft ist als bei Philon. Logos hat schon früh bei den Griechen die
Nebenbedeutung von Gedanke, logische Ordnung, gehabt. Herakleitos aus
Ephesos soll bereits gelehrt haben, „das Wesen des Schicksals sei der
Logos, der die Substanz des Weltalls durchdringe“. „Alles geschieht
nach dem Logos.“ „Der Logos ist ewig.“ „Der Seele ist der Logos eigen,
der sich selbst mehrt.“ Letzteres ein Seitenstück zu: „Der Sinn ist
dem Menschen Dämon (ἦθος ἀθρώπῳ δαίμων).“ Max Müller stellt diesen
Logos mit dem indischen Ritam in Parallele, eben der zwingenden
Ordnung. Aber das „Wort“ selbst hatte bei den Indiern kosmogonische
Bedeutung im Brahma, als Spruch, während der Logos bei Heraklit nicht
schöpferisch auftritt, sondern nur als von je vorhanden (ἀεὶ ἐῶν).
Erst die Stoiker faßten den Logos auch als schöpferisch auf, indem er
bei ihnen die göttliche Vernunft bedeutete. Und so sprachen sie auch
gemäß ihrem schon gebildeten Pandeismus von einem Logos in jedem Dinge,
von „bekörperten Logoi“, die den Typus der Dinge, ihre „spezifische
Qualität“ darstellten; alle die platonischen Ideen real gedacht. So
hat sich also die später so wichtige Auffassung des Logos allmählich
vorbereitet. Die eigenartige Zwischenstellung des Logos zwischen Gott
und der Welt scheint aber vorher nicht gekannt zu sein, denn Platons
Ideen sind nicht schöpferisch, weder seine eigenen, noch wie sie
Aristoteles auffaßte; sie treten nicht als Mittler zwischen Gott und
der Welt auf, daß Gott selbst von der Welt völlig unberührt bliebe.
Goethe läßt Faust Logos zuletzt mit „Tat“ übersetzen. Das entspricht
der Auffassung Philons sehr nahe, wohl mehr als „Wort“, da die Ideen
bei Philon „Kräfte“ Gottes sind („Kraft“ benutzt ja Faust vorher auch).
Weiter nennt Philon den Logos den „Sohn Gottes“, den „Einziggeborenen“,
den „Erstgeborenen“. Diese Wendung scheint, wenigstens für den Logos
(sonst S. 255), vor Philon nicht bekannt gewesen zu sein. Sie ist
aber später die wichtigste geworden. Im Evangelium Johannis wird sie
auf Christus übertragen: „Und das Wort ward Fleisch und wohnete unter
uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des
eingeborenen Sohnes vom Vater.“
Noch ein zweites Prinzip bei Philon hat in der Folge große Bedeutung
erlangt: die Sophia, die „~Weisheit~“ Gottes. Während dem „Worte“ in
der Bibel nur mit Zwang der Sinn des Philonischen Logos beigelegt
werden kann, das „Wort“ dort vielmehr lediglich soviel wie Ruf,
Befehl, etwa wie in den ersten Zeilen der Genesis, besagt, nicht
mehr, scheint die „Weisheit“ eine besondere Stellung einzunehmen. In
den „Sprüchen“ Salomos sagt die „Weisheit“ (Chachma) von sich: „Mich
schuf der Ewige als seines Wandels Anfang.“ Sie war, ehe noch die
Erde, ehe Meer, Wolken, Himmel waren. „Da war ich Wonne Tag für Tag,
Pflegling, spielend vor ihm (vor Gott) aller Zeit.“ Ähnlich könnte
man die Aussprüche in Hiob, Kap. 28, interpretieren, wo die Weisheit
gleichfalls bei der Schöpfung zugegen ist. Doch wird sie hier zuletzt
als „Fürst des Herrn“ erläutert. Der geistvolle Sirachide aber sagt
(Sprüche, Kap. 24) ganz sinnfällig von der Weisheit: „Ich ging hervor
aus dem Munde des Höchsten, und wie ein Nebeldampf bedeckte ich die
Erde. Ich nahm meinen Wohnsitz in der Höhe und mein Thron war auf einer
Wolkensäule. Die Himmelswölbung durchkreiste ich allein, und in der
Tiefe der Fluten des Chaos wandelte ich.“ Sodann: „Von Ewigkeit her,
von Anfang an schuf er mich, und bis in die Ewigkeit werde ich nicht
aufhören.“ Dann folgt eine hochpoetische Schilderung, die die Weisheit
von sich selbst gibt. Bei Philon scheint die Weisheit mit dem Wort
zusammenzufallen: als „Vernunft Gottes“.