Wir kehren zum Abendlande zurück. Den Übergang zu den Neu-Platonikern
einerseits und den Gnostikern andererseits gibt die Anschauung
~Philons~, des alexandrinischen Juden (geboren um 30 v. Chr.), die
zwischen Platons Philosophie und den biblischen Lehren zu vermitteln
suchte. Man rechnet Philon zu den Eklektikern. Eklektiker waren
übrigens fast alle hellenistischen Philosophen nach der Stoa. Höchst
charakteristisch ist schon, was er von der Schöpfung der Welt sagt:
„Gott sah in seiner Göttlichkeit voraus, daß eine schöne Nachahmung
nicht würde existieren können, ohne ein schönes Muster, und daß von den
sinnlichen Dingen keines tadelfrei sein würde, das nicht einem Vorbilde
und einer geistigen Idee nachgeformt worden wäre. Deshalb schuf er,
da er diese sichtbare Welt gründen wollte, vorher die nur im Denken
vorhandene Welt, damit er nach einem unkörperlichen und gottähnlichen
Muster das Körperliche ausführe, dieses ein späteres Abbild des
Früheren, ebensoviele sinnliche Dinge umfassend, wie in jenem ideelle
enthalten sind. Die Ideenwelt (sie entspricht der Platonischen) nun
dürfen wir nicht als an irgendeinem Ort vorhanden uns vorstellen oder
bezeichnen.“ Philon nimmt das Beispiel eines Architekten, der eine
Stadt gründen will, und führt weiter aus: „Ähnlich muß man es sich
in betreff Gottes vorstellen, der, als er die Gründung dieser seiner
ungeheuren Stadt überdachte, zuerst die ~Vorbilder~ zu derselben ersann
und dann eine ~ideelle Welt~ aus ihnen zusammensetzte und endlich nach
~deren~ Vorbild die ~Sinnes~welt schuf.“ „Es ist offenbar, daß jene
vorbildliche Abbildung, die wir die ideelle Welt nennen, selbst das
vorbildliche Muster ist, die Idee der Ideen.“ Er nennt diese Idee der
Ideen die „Vernunft Gottes“. Gemeint ist eine Idee von den Ideen, so
daß wir die absteigende Reihe hätten: Gott, Ideen, Zusammenfassung
der Ideen, sinnliche Welt. Und für diese Ansicht führt er die Genesis
selbst an: „Es ist dies nämlich die Meinung Mose, nicht die von mir
herrührende. Indem er uns die Schöpfung des Menschen erzählt, sagt er
ausdrücklich, daß derselbe ~nach~ dem Bilde Gottes geschaffen ist.
Wenn aber der Teil (der Mensch) ein Bild des Bildes ist, so ist es
offenbar auch das Ganze, das heißt die gesamte sinnlich offenbare
Welt.“ Und so erklärt sich denn die Unvollkommenheit in der Welt durch
die absteigende Bedeutung in der Schöpfungsreihe, und freilich auch
dadurch, daß Gott von seiner ~unendlichen~ Güte der ~endlichen~ Welt
nur einen ~endlichen~ Teil verliehen hat. Gott selbst ist gänzlich
außerhalb der Welt, zu nichts in der Welt in Beziehung; er ist das
„Seiende“. Die Idee der Ideen ist der ~Logos~, „der intelligible Ort
der intelligiblen Welt“ der zusammengefaßten Ideen. Die „Fleischwerdung
des Logos“, um mit dem Evangelisten Johannes zu sprechen, gibt die
sinnliche Welt. Und so ist auch der Logos von Philon als Erzengel
aufgefaßt, der Mittler zwischen der sinnlichen Welt und Gott, indem
er selbst die „Vernunft Gottes“ ist, eine ~Ausstrahlung~ Gottes, des
absoluten Lichtes.
Zu diesem und zu allem folgenden wollen wir ein versinnlichendes
Beispiel aus der Natur nehmen. Die Sonne ist, wie wir metaphorisch
sagen können, die Lichtgrundquelle, das Licht. Sie sendet mannigfache
Strahlen aus: rote, grüne, chemische, wärmende, elektrische usf. Die
Strahlen sind nicht die Sonne, haben aber ihren Ursprung in der Sonne;
schwindet die Sonne, so vergehen die Strahlen; sie sind ohne sie
nichts, die Sonne aber besteht auch ohne die Strahlen. Die einzelnen
Strahlenarten würden den einzelnen Ideen entsprechen. Alle zusammen
geben sie die Idee der Ideen und entsprechen dem Logos. Denken wir
uns, daß sie irgendwo im Raume etwas bewirken, das materiell sich neu
geltend macht (wie etwa die chemische Zusammensetzung von Chlor und
Wasserstoff zu Salzsäure, oder das Wachsen und Blühen einer Pflanze),
so haben wir ein Ähnliches für die Hervorbringung der sinnlichen
Welt durch den Logos. Das Beispiel zeigt, daß der Vorwurf, den man
Philon und überhaupt allen macht, die zwischen Gott und der Schöpfung
vermitteln, daß nämlich die Vermittlung selbst, der Logos, doch auch
nur Gott sei, nicht ganz gerechtfertigt ist. In der Tat sind es die
Strahlen, welche die Salzsäure zustandebringen, die Pflanze wachsen
und blühen lassen; nicht die Sonne selbst tut es, sie ist die Ursache
der Strahlen, wie Gott die Ursache des Logos, und dieser seinerseits
die Ursache der sinnlichen Welt. Die weitere Entwicklung geht nun
dahin, daß die verschiedenen Teile der Welt Materialisierungen
verschiedener Ideen innerhalb des Logos sind, durch den Logos. Der
Mensch ist Materialisierung der bedeutendsten Ideen; seine Seele
enthält sogar von den Ideen selbst, und die Zusammenfassung dieser
Ideen ist der ~Logos im Menschen~, seine ~Intuition~, die hiernach von
der Denkkraft ein Anderes ist. So enthält der Mensch neben dem Körper
auch Strahlen Gottes, die einzeln verschiedene Fähigkeiten seiner
Seele bedeuten, zusammen die absolute Einsicht. Diese Lehre kann als
~Emanationslehre~ bezeichnet werden, besser aber als ~Radiationslehre~,
denn bei Emanation denkt man an Ausfluß von dem Gegenstande selbst,
was ja nicht stattfinden soll. Der Mensch hat nichts von Gott selbst
in sich, sondern nur von seinen Ideen, seinen Strahlen, wie auch der
Logos als Zusammenfassung aller Ideen, aller Strahlen. Bis hierher ist,
glaube ich, das System ganz konsequent. Was außerdem vom Menschen und
der Seele ausgeführt wird, enthält freilich Schwierigkeiten in reicher
Zahl. Der Mensch soll als ~Mikrokosmos~ dem ~Makrokosmos~ entsprechen,
also würde er vom Logos im Kleinen alles enthalten, was der Welt als
Ganzes zukommt. Darin soll seine Ebenbildlichkeit Gottes bestehen, er
wäre eine Art inkorporierter, in sich zusammengezogener Logos. Das
ist schwer zu verstehen; wir müßten denn alle Strahlen, die den Logos
ausmachen, einzeln hinlänglich geschwächt uns vorstellen. Wenn weiter
dieser Logos dann als Nus (νοῦς) bezeichnet und von der logischen
Einsicht abgesondert wird, so müssen wir zwischen der Intuition und
der logischen Einsicht einen Unterschied annehmen und jene vielleicht
als ~absolute Einsicht~ (ohne logisches Denken und Schließen), diese
als ~relative~ bezeichnen. Nun soll der Nus allein unsterblich, die
übrige Seele, die, wie bei den Stoikern die Seele überhaupt (S. 232),
materiell gedacht ist, sterblich sein. Die relative Einsicht wird aber
gleichfalls als Logos bezeichnet, wie soll sie denn sterblich sein?
Auch daß sich, wie Philon lehrt, der Nus soll von Gott trennen können
-- was offenbar zuliebe denjenigen angenommen ist, die an einen Gott
überhaupt nicht glauben -- versteht man nicht innerhalb des Systems.
Wir können freilich auch für diese Trennung physikalisch ein Analogon
bieten. Wenn die Sonne plötzlich keine Strahlen mehr aussendet, so
laufen die vorher erregten, wie innen gegen die Sonne zu abgerissen,
durch den Raum weiter. Indessen behalten sie doch, wenn auch von der
Sonne getrennt, ihre Qualität bei und schreiten fort, wie wenn sie noch
mit der Sonne zusammenhingen, nur sich immer weiter innen und nach
außen von ihr entfernend, nichts aber in ihrer Art noch in ihrem Gange
ändernd.
Wie die Idee der Ideen als Erzengel personifiziert, individualisiert
wird, so auch jede Idee oder ein Bündel von Ideen für sich. Daraus
resultiert das Heer der Engel, Dämonen, Geister. Die letzteren
sind auch Seelen; gehen sie in Körper ein, so verfallen sie der
Sinnlichkeit, aus der sie sich in einem Leben oder in mehreren Leben
-- Philon ist also ein Anhänger von Platons Metempsychose -- wieder
befreien müssen, wenn sie ihre frühere Göttlichkeit erreichen wollen.
Dieses kann man mit der Hauptlehre allerdings nicht in Einklang
bringen. Und das liegt eben daran, daß die Strahlen, Kräfte Gottes auch
als absolut gut behandelt werden. Ist die Materie gänzlich neutral,
so bleibt hier, wie in allen von den gleichen Voraussetzungen (der
absoluten Güte Gottes und der Neutralität der Materie) ausgehenden
Anschauungen, kein Platz für das Böse, und die Einführung beruht auf
Redewendung ohne Grund. Aber das berührt die allgemeine Anschauung des
Philosophen nicht.