Wie die hebräische Philosophie auf der Bibel, beruht die ~indische~ auf
Veda und Upanishaden, als den heiligen Büchern. Und da die Upanishaden
wesentlich der Erläuterung der Veden dienen, wird die indische
Philosophie besonders als die ~Vedantaphilosophie~ bezeichnet. Daß es
jedoch indische Philosophien gibt, die weit ab von den Lehren der Vedas
und der Upanishaden führen, beweisen namentlich die buddhistischen und
manche Philosophien rein materialistischen Charakters, die in Indien
als das Fremdartigste dastehen. In der Vedantaphilosophie nun, die uns
hier noch allein angeht, herrscht wesentlich die Anschauung, daß Seele
und Urgeist das gleiche sind, sei es, daß sie getrennt voneinander
bestehen, so daß jedes lebende Wesen eine Art Kleingott bedeutet,
der nur durch die Verbindung mit der Materie gehindert ist, Gott
gleich zu werden, oder daß die Seelen am Urgeist überhaupt teilhaben.
Diese Anschauung ist späterhin nach zwei Richtungen weitergebildet
worden. ~Ramanuga~ und seine Schule betrachteten den Urgeist Brahman
als wirkliche Gottheit, und für sie war die Gottheit im lebenden
Wesen real. Ja, ihre Lehre ging bei Vielen in den schon behandelten
Pandeismus über, wenn auch die Materie mit der Gottheit verbunden
wurde. Die Welt war eine ~Evolution Brahmas~. Max Müller teilt einen
interessanten Text aus dem Kandogya-Upanishad mit, der für Ramanugas
Anschauung spricht. Indra als Führer der glänzenden Götter, Devas,
Virokana als Führer der den Devas widerstreitenden Âsuras, wollen das
absolute Selbst, das Atmân, erkennen und wenden sich an Pragâpati,
den Herrn der Schöpfung. Er erklärt ihnen zuerst, was sie im Auge, im
Wasser sich spiegeln sähen, das sei das Selbst. Beide fassen danach
das Bild als das Selbst auf, also ein Anderes. Und Virokana ist
damit befriedigt und gründet darauf bei seinen Âsuras die Lehre der
Äußerlichkeiten. Aber Indra merkt bald, daß das Bild nicht das Selbst
sein kann. Er kommt zu Pragâpati zurück. Und das muß er nun wiederholt
tun, indem er immer höhere Antworten erhält, die die jedesmaligen
Zweifel anerkennen und seine Anschauung von Stufe zu Stufe steigen
lassen. Der letzte Bescheid geht von der Verbindung zwischen Körper und
Seele aus. „Wie ein Pferd an einen Wagen gespannt ist, so ist der Geist
(prana) an diesen Körper gespannt.“ Steht der Geist von dem Körper
absolut frei, so ist er die „höchste Person“ (uttama purusha). Wer
weiß: ich will denken, der ist das Selbst. Wer weiß: ich will reden,
ich will sehen, der ist das Selbst usf. Die Organe sind nur Mittel.
Sogar das Denkorgan ist nur Mittel; wer weiß, daß er denken will oder
denkt, der ist das Selbst. „Derjenige, welcher dieses Selbst kennt und
es versteht, erlangt alle Welten und alle Wünsche.“ Letzteres bedeutet,
daß er die höchste Erkenntnis besitzt, sich selbst und so die Welt
erkennt. Schon hier ist das Absolute stark verflüchtigt, obwohl es als
purusha (Person) bezeichnet wird.
Noch mehr geschieht dieses in der zweiten Schule der
Vedantaphilosophie, der ~Sankhya~. Der Urgeist rückt in unbegreifliche
Fernen; die Seelen mögen an ihm teilhaben, für die Anschauung ist
dieses aber nicht von Belang. Dadurch geht die Sankhyaphilosophie in
einen gewöhnlichen Dualismus zwischen Geist und Materie über, dessen
Betrachtung nicht mehr ganz hierher gehört. Die Abstammung von oder
die Verbindung der Seele mit Brahman zeigt sich nur darin, daß sie
in der realen Welt allen Vorgängen gegenüber das absolut Ruhende,
reiner Geist ist. Ihr Verhältnis zu der realen Welt kommt nur dadurch
zustande, daß von ~ihr~ aus Licht auf die Dinge fällt; wie manche
Griechen geglaubt haben, daß wir dadurch sehen, daß vom Auge Strahlen
ausgehen, die die Gegenstände betasten. Und die Hemmungen unseres
Geisteslichtes an den Dingen sind unsere körperlichen Leiden und
Freuden, wenn wir sie als Hemmungen hinnehmen. Durchschauen wir aber,
daß Leiden und Freuden doch uns selbst gar nicht berühren, da in uns
gar nichts vorgeht, so haben wir die Erkenntnis erreicht, die uns von
der Welt frei macht und die Seele als absoluten Geist bestehen läßt.
Daß diese Lehre, wie jeder Dualismus, an der Unbegreiflichkeit der
Wirkung differenter Potenzen aufeinander leidet, sieht der Leser.
Verdeutlichungen durch Bilder, wie daß ein weißer Kristall rot
erscheint, wenn hinter ihm ein roter Gegenstand gehalten wird, sind
üble Notbehelfe, namentlich für uns, die wir die physikalischen Gründe
kennen. Eine Art Vermittlungsschule zwischen den beiden genannten ist
die von ~Sankara~ begründete. Die Seele ist Brahman selbst. Und die
Welt? Diese ist überhaupt nicht. Wir werden diese Lehre im dritten
Buche behandeln. Hier erwähnen wir nur noch, daß Askese, Selbstquälen
und Sichversenken wie zur absoluten Erkenntnis, so auch zur Erreichung
hoher magischer Macht führen soll. Die ~Yoga~-Lehre (Anspannungslehre)
geht so auch in Okkultismus über. Und wer hat nicht von den
übermenschlichen Taten indischer Fakire gehört?
Mit den orphischen und den indischen Lehren eine gewisse Ähnlichkeit
haben die der persisch-mohammedanischen Sekte der ~Sufi~ (die
Reinen, Frommen). Die Seelen sind auch hier Teile Gottes, in der Art
Gott gleich, aber dem Grade nach unendlich von ihm verschieden. Im
letzteren Umstand besteht die Differenz gegen die indischen Lehren,
nach denen Seele und Brahman überhaupt das gleiche bedeuten. Indessen
durchdringt auch nach den Sufi Gott alle Materie. Darum sollen die
Menschen stets der geistigen Wesenseinheit mit ihm eingedenk sein,
und Gott lieben heißt: sich selbst lieben. Denn zuletzt wird die
Seele mit Gott vereinigt. Den Sufismus soll zuerst eine Frau,
Rabia, im 8. Jahrhundert bekannt haben; von ihr werden viele schöne
Aussprüche mitgeteilt. Die Lehre ist bei vielen ihrer Anhänger in
einen Pandeismus und eine Theosophie (Arif) übergegangen. Manche
haben sich mit Gott derart verbunden geglaubt, daß sie sich für
„Leute der Gewißheit“ hielten und das Studium der heiligen Bücher
für ein Dreschen leeren Strohes erklärten. Die Derwische werden ein
Zerrbild der philosophischen Sufi bilden, wie die Fakire ein solches
der philosophischen Vedantisten. Im Sufismus spielt die Intuition die
Rolle, wie in der Theosophie überhaupt. Demut und Ergebung ziehen ihr
voraus, vollständiges Aufgehen in Gott folgt. Die Sufi haben sich
an der glühend sinnlichen Poesie des Orients in hervorragendstem
Maße beteiligt. Es wäre schade, wenn alle Schönheiten dieser Poesie
symbolisch gemeint sein sollten. Und ihr größter Lyriker, Mohammed
Schemseddin, genannt Hafis (Ehrennamen für jemand, der den Koran
auswendig weiß), soll Goethe zu seinem Westöstlichen Divan begeistert
haben.