29. ~Indische Theosophie und Sufismus.~

Wie die hebräische Philosophie auf der Bibel, beruht die ~indische~ auf

Veda und Upanishaden, als den heiligen Büchern. Und da die Upanishaden

wesentlich der Erläuterung der Veden dienen, wird die indische

Philosophie besonders als die ~Vedantaphilosophie~ bezeichnet. Daß es

jedoch indische Philosophien gibt, die weit ab von den Lehren der Vedas

und der Upanishaden führen, beweisen namentlich die buddhistischen und

manche Philosophien rein materialistischen Charakters, die in Indien

als das Fremdartigste dastehen. In der Vedantaphilosophie nun, die uns

hier noch allein angeht, herrscht wesentlich die Anschauung, daß Seele

und Urgeist das gleiche sind, sei es, daß sie getrennt voneinander

bestehen, so daß jedes lebende Wesen eine Art Kleingott bedeutet,

der nur durch die Verbindung mit der Materie gehindert ist, Gott

gleich zu werden, oder daß die Seelen am Urgeist überhaupt teilhaben.

Diese Anschauung ist späterhin nach zwei Richtungen weitergebildet

worden. ~Ramanuga~ und seine Schule betrachteten den Urgeist Brahman

als wirkliche Gottheit, und für sie war die Gottheit im lebenden

Wesen real. Ja, ihre Lehre ging bei Vielen in den schon behandelten

Pandeismus über, wenn auch die Materie mit der Gottheit verbunden

wurde. Die Welt war eine ~Evolution Brahmas~. Max Müller teilt einen

interessanten Text aus dem Kandogya-Upanishad mit, der für Ramanugas

Anschauung spricht. Indra als Führer der glänzenden Götter, Devas,

Virokana als Führer der den Devas widerstreitenden Âsuras, wollen das

absolute Selbst, das Atmân, erkennen und wenden sich an Pragâpati,

den Herrn der Schöpfung. Er erklärt ihnen zuerst, was sie im Auge, im

Wasser sich spiegeln sähen, das sei das Selbst. Beide fassen danach

das Bild als das Selbst auf, also ein Anderes. Und Virokana ist

damit befriedigt und gründet darauf bei seinen Âsuras die Lehre der

Äußerlichkeiten. Aber Indra merkt bald, daß das Bild nicht das Selbst

sein kann. Er kommt zu Pragâpati zurück. Und das muß er nun wiederholt

tun, indem er immer höhere Antworten erhält, die die jedesmaligen

Zweifel anerkennen und seine Anschauung von Stufe zu Stufe steigen

lassen. Der letzte Bescheid geht von der Verbindung zwischen Körper und

Seele aus. „Wie ein Pferd an einen Wagen gespannt ist, so ist der Geist

(prana) an diesen Körper gespannt.“ Steht der Geist von dem Körper

absolut frei, so ist er die „höchste Person“ (uttama purusha). Wer

weiß: ich will denken, der ist das Selbst. Wer weiß: ich will reden,

ich will sehen, der ist das Selbst usf. Die Organe sind nur Mittel.

Sogar das Denkorgan ist nur Mittel; wer weiß, daß er denken will oder

denkt, der ist das Selbst. „Derjenige, welcher dieses Selbst kennt und

es versteht, erlangt alle Welten und alle Wünsche.“ Letzteres bedeutet,

daß er die höchste Erkenntnis besitzt, sich selbst und so die Welt

erkennt. Schon hier ist das Absolute stark verflüchtigt, obwohl es als

purusha (Person) bezeichnet wird.

Noch mehr geschieht dieses in der zweiten Schule der

Vedantaphilosophie, der ~Sankhya~. Der Urgeist rückt in unbegreifliche

Fernen; die Seelen mögen an ihm teilhaben, für die Anschauung ist

dieses aber nicht von Belang. Dadurch geht die Sankhyaphilosophie in

einen gewöhnlichen Dualismus zwischen Geist und Materie über, dessen

Betrachtung nicht mehr ganz hierher gehört. Die Abstammung von oder

die Verbindung der Seele mit Brahman zeigt sich nur darin, daß sie

in der realen Welt allen Vorgängen gegenüber das absolut Ruhende,

reiner Geist ist. Ihr Verhältnis zu der realen Welt kommt nur dadurch

zustande, daß von ~ihr~ aus Licht auf die Dinge fällt; wie manche

Griechen geglaubt haben, daß wir dadurch sehen, daß vom Auge Strahlen

ausgehen, die die Gegenstände betasten. Und die Hemmungen unseres

Geisteslichtes an den Dingen sind unsere körperlichen Leiden und

Freuden, wenn wir sie als Hemmungen hinnehmen. Durchschauen wir aber,

daß Leiden und Freuden doch uns selbst gar nicht berühren, da in uns

gar nichts vorgeht, so haben wir die Erkenntnis erreicht, die uns von

der Welt frei macht und die Seele als absoluten Geist bestehen läßt.

Daß diese Lehre, wie jeder Dualismus, an der Unbegreiflichkeit der

Wirkung differenter Potenzen aufeinander leidet, sieht der Leser.

Verdeutlichungen durch Bilder, wie daß ein weißer Kristall rot

erscheint, wenn hinter ihm ein roter Gegenstand gehalten wird, sind

üble Notbehelfe, namentlich für uns, die wir die physikalischen Gründe

kennen. Eine Art Vermittlungsschule zwischen den beiden genannten ist

die von ~Sankara~ begründete. Die Seele ist Brahman selbst. Und die

Welt? Diese ist überhaupt nicht. Wir werden diese Lehre im dritten

Buche behandeln. Hier erwähnen wir nur noch, daß Askese, Selbstquälen

und Sichversenken wie zur absoluten Erkenntnis, so auch zur Erreichung

hoher magischer Macht führen soll. Die ~Yoga~-Lehre (Anspannungslehre)

geht so auch in Okkultismus über. Und wer hat nicht von den

übermenschlichen Taten indischer Fakire gehört?

Mit den orphischen und den indischen Lehren eine gewisse Ähnlichkeit

haben die der persisch-mohammedanischen Sekte der ~Sufi~ (die

Reinen, Frommen). Die Seelen sind auch hier Teile Gottes, in der Art

Gott gleich, aber dem Grade nach unendlich von ihm verschieden. Im

letzteren Umstand besteht die Differenz gegen die indischen Lehren,

nach denen Seele und Brahman überhaupt das gleiche bedeuten. Indessen

durchdringt auch nach den Sufi Gott alle Materie. Darum sollen die

Menschen stets der geistigen Wesenseinheit mit ihm eingedenk sein,

und Gott lieben heißt: sich selbst lieben. Denn zuletzt wird die

Seele mit Gott vereinigt. Den Sufismus soll zuerst eine Frau,

Rabia, im 8. Jahrhundert bekannt haben; von ihr werden viele schöne

Aussprüche mitgeteilt. Die Lehre ist bei vielen ihrer Anhänger in

einen Pandeismus und eine Theosophie (Arif) übergegangen. Manche

haben sich mit Gott derart verbunden geglaubt, daß sie sich für

„Leute der Gewißheit“ hielten und das Studium der heiligen Bücher

für ein Dreschen leeren Strohes erklärten. Die Derwische werden ein

Zerrbild der philosophischen Sufi bilden, wie die Fakire ein solches

der philosophischen Vedantisten. Im Sufismus spielt die Intuition die

Rolle, wie in der Theosophie überhaupt. Demut und Ergebung ziehen ihr

voraus, vollständiges Aufgehen in Gott folgt. Die Sufi haben sich

an der glühend sinnlichen Poesie des Orients in hervorragendstem

Maße beteiligt. Es wäre schade, wenn alle Schönheiten dieser Poesie

symbolisch gemeint sein sollten. Und ihr größter Lyriker, Mohammed

Schemseddin, genannt Hafis (Ehrennamen für jemand, der den Koran

auswendig weiß), soll Goethe zu seinem Westöstlichen Divan begeistert

haben.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 83 / 108 题