28. ~Orphiker und Neu-Pythagoreer.~

Die ~Orphiker~ sagten: Vom Geiste (ὅλον, Universum) lösten sich, wie

vom Winde geweht, Stücke ab. Die lebenden Wesen atmeten sie ein und

würden dadurch zu belebten Dingen. Doch ist uns von den Neu-Orphikern

manches Ausführlichere überliefert. Nach der sogenannten Rhapsodischen

Schule ist eine Trias von drei Urwesen vorhanden: Chronos (wohl Zeit),

Aither (das allgemein Leuchtende), Chaos (wüste Materie). Aus Chronos

entsteht im Aither ein leuchtendes (silbernes) Ei. Daraus geht der

Weltschöpfer, als Trias: Phanes-Erikapaios-Metis, hervor. Der erste

Name hängt mit Leuchten zusammen, der zweite soll Lebensspender

bedeuten, der dritte tatkräftige Einsicht. Diese Dreigottheit strahlt

Sonne, Mond und Tag von sich, damit entsteht auch Nacht, dann Uranos,

Gaia, Kronos und die übliche Götterreihe mit Zeus. Sie führt auch

den Namen Eros, als schaffende Kraft, Protogonos als Urgeborener,

Monogenes als Einziggeborener, Dionysos, Pan usf. Zeus verschlingt

alles mit Phanes zugleich und bringt nun die eigentliche Welt hervor.

Eine andere Schule stellt an die Spitze ein „Unaussprechbares“, dann

ein Dreiwesen Chronos--Herakles--Ananke-Adrasteia und Materie als

Wasser und Erde, alles zusammen wieder eine Dreiheit. Aus dem Dreiwesen

geht hervor als zweite Trias: Feuchter Äther, unbegrenztes Chaos,

nebelartige Finsternis. Nun erst entsteht durch das Dreiwesen in dieser

Trias das Ei, darin der Same aller Dinge, und aus dem Ei, dem Phanes

entsprechend, das neue weltschöpferische Wesen Protogonos-Zeus-Pan. Der

Deutung wird durch die Namen nur wenig nachgeholfen. Gruppe glaubt, daß

einiges auf den Orient, als Heimat solcher Mythen, hinweise, namentlich

auf Babylon, und er führt die Istar-Tammuz-Sage (S. 197) als Quelle

an; ich habe nicht recht ersehen können, in welchem Zusammenhange.

Einiges sei auch wohl im kleinasiatischen Attiskult zu suchen. Pan

ist in solche kosmogonische Theorien, wie auch in die stoischen, nur

seines Namens wegen verschlagen, der als „All“ (τὸ πᾶν) übersetzt

wurde. Tatsächlich ist Pan lediglich Hirtengott, und der Name bedeutet

nur Hirt (nach Roscher aus Paon zusammengezogen). Die Anordnung in

Triaden ist eigentlich neu-platonisch, wie wir noch sehen werden; doch

mag sie auch den orphischen Systemen eigen gewesen sein. Gruppe hält

es nicht für ausgeschlossen, daß solche Theosophien schon zur Zeit

der Peisistratiden in Griechenland (Athen) im Schwange gewesen sind.

Allerdings werden schon von dem behaupteten Lehrer des Pythagoras,

~Pherekydes~ aus der Insel Syros, ähnliche Theosophien mitgeteilt,

mit Zeus-Eros, Chronos, Chthonie (Erde) als erste Trias; Feuer, Luft,

Wasser (alle aus Chronos hervorgehend) als zweite, aus der dann die

Götter entstehen und die Welt von Zeus-Eros gebildet wird. Auch von

~Epimenides~ soll etwas Ähnliches gelehrt worden sein. Wir haben es

weniger mit Philosophen als mit Theologen zu tun.

Die ~Neu-Pythagoreer~, in ihren verschiedenen Lehren, beschäftigten

sich insgesamt mit den vier Stammannahmen der Tetras: Gott, Seele,

Materie, Widergott. Einige Schulen vereinigten Seele mit Gott und

gewannen so die Dreiheit, Trias: Weltgeist, Materie, Widergeist.

Entzogen andere Schulen auch noch der Materie ihre Neutralität, indem

sie den Widergeist in sie versetzten, so ergab sich die Zweiheit,

Dyas, von Geist und Materie, beide aktiv und widerstreitend. In

letzterem Sinne sprechen sie in Pythagoras’ Zahlenlehre von dem Eins

als dem Geist und dem Zwei als der Materie, und das Eins sollte das

Vollkommene, das Zwei das Unvollkommene sein. Aber das Zwei muß

zugleich das dem Eins Widerstreitende bilden, sonst ist das Übel in

der Welt nicht zu erklären. Gleichwohl beherrscht das Eins das Zwei;

absolut als Urgeist, weniger vollkommen als Seele. Die lebenden Wesen

haben nun teil am Urgeist als Seele oder Geist und an der Materie,

samt deren Widergeist. Wie sich aber in ihnen Geist und Widergeist

bekämpfen, ist nicht recht ersichtlich; nur scheint strengste Ethik

und Askese als Wirkerin gegen den Widergeist betrachtet zu sein, die

den Geist frei macht und ihn in seiner Göttlichkeit erscheinen läßt.

Der seltsame Wundermann ~Apollonios~ von ~Tyana~ (4 v. Chr. bis 96

n. Chr.), dessen Leben ~Philostratos~ beschrieben hat, gehört den

Neu-Pythagoreern an. In seinem Wesen gemahnt er sehr an die indischen

Asketen, die sich sogar Macht über den Beschluß der Götter zuschrieben,

und die Götter durch Buße und inniges Gebet zwingen zu können glaubten,

wie unsere Gesundbeter der „Christian Science“. Der Neu-Pythagoreismus

ist mit Platonischen Lehren durchsetzt und geht schließlich in den

Neu-Platonismus über. Aber auch stoische Elemente sind ihm nicht

fremd. Denn manche Neu-Pythagoreer vereinigten Geist und Materie zu

einer Unität, gleich derjenigen der Stoiker, und unterschieden sich

von diesen im Grunde nur noch durch das Mystische und durch ihren Hang

zur Weltentfremdung und Selbstkasteiung. Ihrem Mysticismus entspricht

ihr weitgehender ~Dämonenglaube~, den wir auch bei den Stoikern

finden und der hoch in das griechische Altertum hinaufreicht, als

ein Naturmenschliches. Einige sahen in den Dämonen die eigentlichen

Regenten, ~Archonten~ der Welt, ganz im Sinne des alten Hesiodos,

dessen Anschauungen wir hier zur Klarstellung anführen. Nach ihm sind

die Dämonen Geister dahingeschiedener Menschengeschlechter, wie nach

dem Naturmenschen. Vom Geschlecht aus dem Goldenen Zeitalter heißt es

in den „Werken und Tagen“:

Gute, des Wehs Abwehrer, der sterblichen Menschen Behüter,

Welche die Obhut tragen des Rechts und der schnöden Vergehung,

Dicht in Nebel gehüllt, ringsum durchwandelnd das Erdreich,

Geber des Wohls; dies war ihr glänzendes Ehrenamt.

An einer anderen Stelle nennt er sie „heilige Diener des Zeus“

und gibt ihre Zahl auf drei Myriaden an. Die Seelen der anderen

Menschengeschlechter werden als „sterbliche Götter der oberen Erde“

bezeichnet (die des zweiten, Silbernen Geschlechtes), oder als

indifferente selige Geister (die Halbgötter des vierten Geschlechtes),

oder sie werden gar nicht genannt. Darauf bezieht sich beispielsweise

~Plutarchos~ in seiner Schrift über Isis und Osiris (oder wer diese

Schrift verfaßt hat). Er bringt aber noch eine sehr eigenartige

Auffassung des Empedokles bei, wonach die Dämonen für ihre Fehler und

Vergehungen auch gestraft werden, bis sie geläutert ihrem früheren

Stande zurückgegeben sind. Wir werden diesen Dämonen bald unter

anderer Gestalt wieder begegnen. Aber solchem Dämonenglauben wird es

möglicherweise zuzuschreiben sein, wenn einige Neupythagoreer gar nur

die Materie mit ihrer Gottheit als ursprünglich anerkennen und das Gute

als eine daraus nachgeborene Gottheit ansehen wollten. Das erklärt dann

freilich das Unvollkommene der Welt radikal. Einen ähnlichen Gedanken

in einer sehr viel höheren, und auch umgekehrten, Auffassung finden

wir bei unserem Jakob Böhme wieder. Zunächst wenden wir uns noch zwei

morgenländischen Anschauungskreisen zu.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 82 / 108 题