Die ~Orphiker~ sagten: Vom Geiste (ὅλον, Universum) lösten sich, wie
vom Winde geweht, Stücke ab. Die lebenden Wesen atmeten sie ein und
würden dadurch zu belebten Dingen. Doch ist uns von den Neu-Orphikern
manches Ausführlichere überliefert. Nach der sogenannten Rhapsodischen
Schule ist eine Trias von drei Urwesen vorhanden: Chronos (wohl Zeit),
Aither (das allgemein Leuchtende), Chaos (wüste Materie). Aus Chronos
entsteht im Aither ein leuchtendes (silbernes) Ei. Daraus geht der
Weltschöpfer, als Trias: Phanes-Erikapaios-Metis, hervor. Der erste
Name hängt mit Leuchten zusammen, der zweite soll Lebensspender
bedeuten, der dritte tatkräftige Einsicht. Diese Dreigottheit strahlt
Sonne, Mond und Tag von sich, damit entsteht auch Nacht, dann Uranos,
Gaia, Kronos und die übliche Götterreihe mit Zeus. Sie führt auch
den Namen Eros, als schaffende Kraft, Protogonos als Urgeborener,
Monogenes als Einziggeborener, Dionysos, Pan usf. Zeus verschlingt
alles mit Phanes zugleich und bringt nun die eigentliche Welt hervor.
Eine andere Schule stellt an die Spitze ein „Unaussprechbares“, dann
ein Dreiwesen Chronos--Herakles--Ananke-Adrasteia und Materie als
Wasser und Erde, alles zusammen wieder eine Dreiheit. Aus dem Dreiwesen
geht hervor als zweite Trias: Feuchter Äther, unbegrenztes Chaos,
nebelartige Finsternis. Nun erst entsteht durch das Dreiwesen in dieser
Trias das Ei, darin der Same aller Dinge, und aus dem Ei, dem Phanes
entsprechend, das neue weltschöpferische Wesen Protogonos-Zeus-Pan. Der
Deutung wird durch die Namen nur wenig nachgeholfen. Gruppe glaubt, daß
einiges auf den Orient, als Heimat solcher Mythen, hinweise, namentlich
auf Babylon, und er führt die Istar-Tammuz-Sage (S. 197) als Quelle
an; ich habe nicht recht ersehen können, in welchem Zusammenhange.
Einiges sei auch wohl im kleinasiatischen Attiskult zu suchen. Pan
ist in solche kosmogonische Theorien, wie auch in die stoischen, nur
seines Namens wegen verschlagen, der als „All“ (τὸ πᾶν) übersetzt
wurde. Tatsächlich ist Pan lediglich Hirtengott, und der Name bedeutet
nur Hirt (nach Roscher aus Paon zusammengezogen). Die Anordnung in
Triaden ist eigentlich neu-platonisch, wie wir noch sehen werden; doch
mag sie auch den orphischen Systemen eigen gewesen sein. Gruppe hält
es nicht für ausgeschlossen, daß solche Theosophien schon zur Zeit
der Peisistratiden in Griechenland (Athen) im Schwange gewesen sind.
Allerdings werden schon von dem behaupteten Lehrer des Pythagoras,
~Pherekydes~ aus der Insel Syros, ähnliche Theosophien mitgeteilt,
mit Zeus-Eros, Chronos, Chthonie (Erde) als erste Trias; Feuer, Luft,
Wasser (alle aus Chronos hervorgehend) als zweite, aus der dann die
Götter entstehen und die Welt von Zeus-Eros gebildet wird. Auch von
~Epimenides~ soll etwas Ähnliches gelehrt worden sein. Wir haben es
weniger mit Philosophen als mit Theologen zu tun.
Die ~Neu-Pythagoreer~, in ihren verschiedenen Lehren, beschäftigten
sich insgesamt mit den vier Stammannahmen der Tetras: Gott, Seele,
Materie, Widergott. Einige Schulen vereinigten Seele mit Gott und
gewannen so die Dreiheit, Trias: Weltgeist, Materie, Widergeist.
Entzogen andere Schulen auch noch der Materie ihre Neutralität, indem
sie den Widergeist in sie versetzten, so ergab sich die Zweiheit,
Dyas, von Geist und Materie, beide aktiv und widerstreitend. In
letzterem Sinne sprechen sie in Pythagoras’ Zahlenlehre von dem Eins
als dem Geist und dem Zwei als der Materie, und das Eins sollte das
Vollkommene, das Zwei das Unvollkommene sein. Aber das Zwei muß
zugleich das dem Eins Widerstreitende bilden, sonst ist das Übel in
der Welt nicht zu erklären. Gleichwohl beherrscht das Eins das Zwei;
absolut als Urgeist, weniger vollkommen als Seele. Die lebenden Wesen
haben nun teil am Urgeist als Seele oder Geist und an der Materie,
samt deren Widergeist. Wie sich aber in ihnen Geist und Widergeist
bekämpfen, ist nicht recht ersichtlich; nur scheint strengste Ethik
und Askese als Wirkerin gegen den Widergeist betrachtet zu sein, die
den Geist frei macht und ihn in seiner Göttlichkeit erscheinen läßt.
Der seltsame Wundermann ~Apollonios~ von ~Tyana~ (4 v. Chr. bis 96
n. Chr.), dessen Leben ~Philostratos~ beschrieben hat, gehört den
Neu-Pythagoreern an. In seinem Wesen gemahnt er sehr an die indischen
Asketen, die sich sogar Macht über den Beschluß der Götter zuschrieben,
und die Götter durch Buße und inniges Gebet zwingen zu können glaubten,
wie unsere Gesundbeter der „Christian Science“. Der Neu-Pythagoreismus
ist mit Platonischen Lehren durchsetzt und geht schließlich in den
Neu-Platonismus über. Aber auch stoische Elemente sind ihm nicht
fremd. Denn manche Neu-Pythagoreer vereinigten Geist und Materie zu
einer Unität, gleich derjenigen der Stoiker, und unterschieden sich
von diesen im Grunde nur noch durch das Mystische und durch ihren Hang
zur Weltentfremdung und Selbstkasteiung. Ihrem Mysticismus entspricht
ihr weitgehender ~Dämonenglaube~, den wir auch bei den Stoikern
finden und der hoch in das griechische Altertum hinaufreicht, als
ein Naturmenschliches. Einige sahen in den Dämonen die eigentlichen
Regenten, ~Archonten~ der Welt, ganz im Sinne des alten Hesiodos,
dessen Anschauungen wir hier zur Klarstellung anführen. Nach ihm sind
die Dämonen Geister dahingeschiedener Menschengeschlechter, wie nach
dem Naturmenschen. Vom Geschlecht aus dem Goldenen Zeitalter heißt es
in den „Werken und Tagen“:
Gute, des Wehs Abwehrer, der sterblichen Menschen Behüter,
Welche die Obhut tragen des Rechts und der schnöden Vergehung,
Dicht in Nebel gehüllt, ringsum durchwandelnd das Erdreich,
Geber des Wohls; dies war ihr glänzendes Ehrenamt.
An einer anderen Stelle nennt er sie „heilige Diener des Zeus“
und gibt ihre Zahl auf drei Myriaden an. Die Seelen der anderen
Menschengeschlechter werden als „sterbliche Götter der oberen Erde“
bezeichnet (die des zweiten, Silbernen Geschlechtes), oder als
indifferente selige Geister (die Halbgötter des vierten Geschlechtes),
oder sie werden gar nicht genannt. Darauf bezieht sich beispielsweise
~Plutarchos~ in seiner Schrift über Isis und Osiris (oder wer diese
Schrift verfaßt hat). Er bringt aber noch eine sehr eigenartige
Auffassung des Empedokles bei, wonach die Dämonen für ihre Fehler und
Vergehungen auch gestraft werden, bis sie geläutert ihrem früheren
Stande zurückgegeben sind. Wir werden diesen Dämonen bald unter
anderer Gestalt wieder begegnen. Aber solchem Dämonenglauben wird es
möglicherweise zuzuschreiben sein, wenn einige Neupythagoreer gar nur
die Materie mit ihrer Gottheit als ursprünglich anerkennen und das Gute
als eine daraus nachgeborene Gottheit ansehen wollten. Das erklärt dann
freilich das Unvollkommene der Welt radikal. Einen ähnlichen Gedanken
in einer sehr viel höheren, und auch umgekehrten, Auffassung finden
wir bei unserem Jakob Böhme wieder. Zunächst wenden wir uns noch zwei
morgenländischen Anschauungskreisen zu.