Leicht erkennt der Mensch, daß das Leben nach zwei Richtungen
sich abspielt, nach der animalen und nach der geistigen. Früh ist
deshalb schon zwischen einer ~animalen~ Seele und einer ~geistigen~
unterschieden worden. Der ersteren Seele Tätigkeit geht auf
Entwicklung des körperlichen Lebens, Erhaltung dieses Lebens,
Befriedigung der sinnlichen Begierden und Lüste und auf Zusammenleben
mit der äußeren Welt. Die zweite Seele hat es mehr mit dem Absehen
von dem körperlichen und äußeren Leben zu tun, und mit Denken,
Schließen und Erkennen. Platon hat von dieser zweiten Seele einen Teil
abgetrennt, den er θυμός (Mut) nennt. Wir wollen ihn mit „Verstand“
bezeichnen. Er wirkt gegen die bösen und schlechten Triebe der ersten
Seele und leitet, im Gegensatz, die Wünsche und die Handlungen
zum Guten. Alsdann bleibt von der zweiten Seele das rein Geistige
übrig, der νοῦς, Nus, die „Vernunft“. Diese Dreiteilung nach Platon
(ἐπιθυμητικός, θυμός, νοῦς) erschöpft die Seelentätigkeiten zweifellos
nicht. Wenn aber die Stoiker eine Siebenteilung der Seele vornahmen
und davon fünf Teile an die Sinnentätigkeit vergaben (nach den fünf
Sinnesorganen), einen Teil auf die Fortpflanzung rechneten (wie die
Pythagoräer) und den letzten auf die Sprache, d. h. das Denken, so kann
dieses noch weniger befriedigen. Der Leser weiß, daß die Psychologie
meist eine Dreiteilung vornimmt: in Denken, Fühlen, Begehren, die
kaum für die Zwecke des reinen rationalen Teiles dieser Wissenschaft
ausreicht, und auf die übrigens auch nicht viel Wert gelegt wird. In
der Tat haben wir es hier mit Teilungen der Seele nur mit Rücksicht
auf die voraufgehenden Unsterblichkeitslehren zu tun. Denn naturgemäß
entsteht die Frage, was denn von der Seele unsterblich sein soll. Wir
wollen darum die Tätigkeit der Seele sorgfältiger unterteilen. Eine
eingehendere Untersuchung aller Seelentätigkeiten zeigt, daß man die
Seele für unseren Zweck, und wohl auch allgemeiner, in folgende Klassen
zerlegen kann.
~Animale Seele~, zur Entwicklung, Erhaltung und Bewegung des Körpers.
~Trieb-Seele~, zur Befriedigung von sinnlicher Lust und von Trieben.
~Sinnen-Seele~, zum Wahrnehmen der Außenwelt und aller Reize an und in
unserem Körper.
~Gefühls-Seele~, zum Empfinden der Affekte, wie Liebe, Haß, Zorn,
Mitleid usf.
~Regulierende~ oder ~kategorische Seele~ (Bewußtsein, Kategorien,
Freiheit, Wille; Anschauungsformen).
~Verstandes-Seele~ (Erkennen, Behalten, Erinnern, Wissen, Vorstellen u.
a.).
~Vernunft-Seele~ (Sinnen, Denken, Schließen usf.).
~Göttliche Seele~, ~Geist~, ~Glaube~, ~Intuition~.
Über die vier erstgenannten Klassen ist nichts zu bemerken. Die
fünfte Klasse, deren Tätigkeiten wir auch insgesamt als Kategorien,
Stammtätigkeiten, bezeichnen können, gibt die Normen für alle
Seelentätigkeit überhaupt und zwar zwangmäßig. Unter dem Gesichtspunkt
des Bewußtseins kennen wir überhaupt nur die Tätigkeiten der Seele.
Nur das animale Leben bietet manche und sehr wichtige Tätigkeiten,
die unserem Bewußtsein sich entziehen. Die eigentlichen Kategorien,
wie Quantität, Qualität, Ursächlichkeit usf. regeln alle und jede
Wahrnehmung und Erfahrung und sind selbst für das animale Leben
unausweichlich. Freiheit wird allerdings als Kategorie von vielen
geleugnet. Eine Erörterung hierüber ist noch nicht am Platze.
Hier genügt es, daß alle unsere seelischen Tätigkeiten uns frei
~erscheinen~, selbst wo wir gezwungen werden. Wille endlich ist
die Einleitung mindestens zu allen bewußten Tätigkeiten. Welche
kategorische Bedeutung dem Willen zugeschrieben wird, weiß der Leser
aus Schopenhauers Philosophie. Endlich die Anschauungsformen, unter
denen wir und die Welt uns erscheinen, sind Raum und Zeit. Die Wirkung
der regulierenden Seele erstreckt sich also über alle Tätigkeiten der
übrigen Seelen. Über die sechste und siebente Klasse ist wiederum
nichts zu bemerken. Die achte Klasse hat im Sinne namentlich der
indischen, und überhaupt der theosophischen, Lehren hinzugefügt werden
müssen; ihre Bedeutung wird durch die Darlegungen im folgenden Buch
noch klarer als durch die Bezeichnung werden. Und nach den wichtigsten
Ansichten ist diese Klasse als Intuitionen enthaltend auch von der
Macht der regulierenden Seele auszunehmen. Die modernen ~Theosophen~
scheinen diese Seele in drei Seelen abzustufen: Buddhi-Manas, der
Mensch als höchstes Prinzip; Buddhi, die Welt als höchstes Prinzip;
Atma, das höchste Prinzip überhaupt. Unsere sieben anderen Klassen
sind dann in vier untergebracht: Kama-Manas, die intellektuelle Seele,
Vernunft-, Verstandes- und regulierende Seele einbegreifend; Kama, die
Triebseele; Prana, die animale Seele; Linga-Scharira (der Ätherleib),
wohl die Sinnenseele. Die Namen sind indisch wie die Ideen. Der
Zerlegung der höchsten Seele in die drei Seelen kann man zustimmen.
Die Zusammenfassung der Vernunft-, Verstandes- und regulierenden
Seele scheint mir aber unzweckmäßig und lediglich der heiligen
Siebenzahl wegen erfolgt zu sein. Ich habe übrigens in meinem Werke
„Philosophische Grundlagen der Wissenschaft“ die Seelentätigkeiten
einzeln untersucht und sie in eine kanonische Tafel gebracht,
soweit sie für den dort entscheidenden Zweck nötig war. Die obige
Klasseneinteilung ist für das Allgemeine spezifizierter.
Worauf bezieht sich nun die Unsterblichkeit? Auf die achte Seele unter
allen Umständen, und für diese ist die Unsterblichkeit eine absolute.
Das ist die Auffassung aller bisher behandelten Anschauungen. Der
Buddhismus scheint die absolute Unsterblichkeit auf diese Seele zu
beschränken, vermutlich auch der Wischnuismus, soweit er Pandeismus
ist (S. 229 f.). In diesen beiden Anschauungen würde es sich hiernach
für die übrigen Seelen nur noch um relative Unsterblichkeit und
Fortleben nach dem Tode handeln, bis sie nach der abgelaufenen Zahl
von Inkarnationen, Bekörperungen, annihiliert werden, oder, wohl
besser, sich selbst annihilieren, in der Weise, daß sie entweder
in Tat verschwinden oder in ein Anderes übergehen, das nicht mehr
mit Leben und Individualität in Verbindung steht. Schreiben wir
den Tieren und Pflanzen keine achte Seele zu, so wären diese von
der absoluten Unsterblichkeit ausgeschlossen. Das ist, glaube ich,
auch der Standpunkt unserer modernen Theosophen. Nach Platon bezöge
sich die absolute Unsterblichkeit auch auf die siebente Seele, da
er sie mit der achten zu der Vernunft-Seele zusammenfaßt. Jedoch
diese und die anderen Anschauungen können wohl eine absolute oder
relative Unsterblichkeit ohne die fünfte Seele nicht behaupten, diese
müßte immer mit einbegriffen sein. Die, nach Platon, am wenigsten
konzedierende Ansicht schreibt hiernach auch dieser fünften und dazu
der sechsten Seele absolute Unsterblichkeit zu, den vier anderen Seelen
nur relative. Aber Anschauungen wie z. B. die des Mohammedanismus
und Christentums, soweit sie ewige körperliche Strafen und ewige
körperliche Freuden als Belohnungen im Jenseits annehmen, müssen auch
für diese vier Seelen absolute Unsterblichkeit behaupten, also für die
Seele als Ganzes. Glauben sie, daß eine Seele schon für sich Pein und
Lust empfinden kann, so mag die erste Seele mit dem Tode schwinden
oder, bei Behauptung einer Wiederbekörperung, beschränkt fortbestehen.
Zugleich wird angenommen, daß, was absolut oder beschränkt fortbesteht,
immer beisammen bleibt, sonst würde ja die Individualität verloren
gehen. Bei einer Wiederbekörperung ändert sich dann nur die Person.
Aber die Individualität muß immer freier werden von den Schlacken
des materiellen, persönlichen Lebens, je mehr von dem nur beschränkt
Fortbestehenden sich annihiliert oder annihiliert wird, bis absolute
Freiheit davon eintritt, die Person für immer schwindet und die
absolute Unsterblichkeit nur noch das höchste Sein bedeutet.
Fassen wir nun in der allgemeinsten Darstellung der oben behandelten
Anschauungen alle Vor-Leben, Leben, Nach-Leben zu einer ~Leben-Reihe~
zusammen, mit verschiedenen Einzel-Leben, so träten also die acht
Seelen in den verschiedenen Leben in verschiedener Weise, Intensität,
in Tätigkeit. Jede von ihnen kann in einem Leben aufs äußerste
wirken, und in einem anderen Leben ganz zurückgedrängt sein, daß sie
wie nicht vorhanden erscheint. Und dieses kann auch im Einzel-Leben
der Fall sein; wir wissen ja, daß in unserem Körper-Leben in der
Tat die Seelentätigkeiten fortdauernd wechseln. Daher kann auch der
Unterschied zwischen Mensch und Tier und Pflanze, überhaupt zwischen
Mensch und jedem anderen Ding, aufgehoben werden, wie im Menschen
die verschiedenen Zustände schwinden. Und es ist kein Widerspruch,
wenn eine Lehre, wie die der Indier von der Metempsychose, die
Menschenseele auch in Tiere, Pflanzen und andere Dinge wandern und
ein neues Körper-Leben beginnen läßt. Die Gesamtheit der Seelen
bleibt, aber sie treten in der Tätigkeit teilweise oder ganz zurück,
so daß auch eine von ihnen oder zwei von ihnen, wie im Tiere die
beiden animalischen Seelen, ausschließlich wirken. Die ganze Reihe
soll aber, wenn sie auch Rückschritte aufweist, im wesentlichen
in der angegebenen Weise doch nach aufwärts führen, bis zuletzt
die animalischen Seelen ganz geschwunden sind, wenn auch das
Gesamtseelenindividuum sich noch bekörpert zeigt. In Buddhas Lehre
heißt das, bis der Wille zum (Körper-) Leben völlig erloschen ist.
Alsdann enthält die Leben-Reihe keine Körper-Leben weiter und das
Nach-Leben ist ein einziges, körperfreies. Diese nähere Ausführung
unter Spezialisierung der Einzelseelen habe ich zum zusammenfassenden
Verständnis der voraufgehenden nicht leicht zu durchdringenden
Anschauungslehren von Welt und Leben unternommen. Will der Leser von
Einzelseelen nichts wissen, so mag er darunter Tätigkeitsklassen der
Seele überhaupt verstehen. Das ändert an den Ausführungen nichts.
Er beachte aber immerhin, wie doch die fünfte Tätigkeitsklasse als
regulierend und kategorisch so ganz verschieden ist von allen anderen
Tätigkeitsklassen. Davon werde ich bei Betrachtung der sogenannten
materialistischen Anschauungen von Welt und Leben eingehend zu sprechen
haben.
Von je ist danach gefragt worden, warum, wenn das Leben auch Vor-Leben
hat, wir von diesen nichts wissen, wenigstens nicht Alle etwas davon
wissen, wenn auch Einzelne, wie Pythagoras und Buddha, volle Kenntnis
davon gehabt haben wollen. Die schon erwähnte (S. 217) Tatsache, daß
wir beim Kennenlernen neuer Dinge wohl ~glauben~, sie schon zu kennen,
reicht, wie jeder sieht, durchaus nicht zum Nachweis hin, daß wir
etwas von unserem Vor-Leben wissen, ganz abgesehen davon, daß ja die
Vor-Leben überhaupt voneinander verschieden sein können und auch sein
sollen. Die einzige einigermaßen befriedigende Antwort haben wiederum
indische Weise gegeben, die ja, als die energischesten Verfechter der
Leben-Reihe, die Frage am meisten angeht, und an sie sich anschließend
unsere Theosophen. Wir können aber Frage und Antwort erst in einem
späteren Abschnitt behandeln.
Den Eindruck wird aber, glaube ich, der Leser gewonnen haben, daß es
sich hier, wenn auch um zweifelvolle und vielleicht unrichtige, doch
um sehr großartige Anschauungen handelt, namentlich bei den in Indien
erblühten und später nach dem Westen verbreiteten von der Leben-Reihe
und ihrer Gipfelung im reinen absoluten Geistes- oder Gottes-Leben.
Wir lernen im nächsten Buch ihre mehr phantastische und im letzten
Buch ihre metaphysische Ausbildung kennen. Neben solchen Anschauungen
nimmt sich die von Paradies und Hölle philosophisch freilich recht
dürftig und derb naturmenschlich aus. Ob auch ethisch und erzieherisch,
ist allerdings eine andere Frage, denn die Leben-Reihe (~Sansara~ bei
den Indiern) ist gegen die Ruhe-Ewigkeit (~Nirvana~) aufs äußerste
herabgesetzt.