Ein höchst merkwürdiges Kapitel in der Lehre von den Anschauungen
der Menschheit bildet das in der Überschrift gekennzeichnete. Die
Anschauung von der ~Seelenwanderung~ und ~Wiederbekörperung~ mag
ihren Ursprung aus dem naturmenschlichen Animismus genommen haben.
Ihre eigentliche Bedeutung gab ihr jedoch die kulturelle Ethik und
die eschatologische Metaphysik. Wir tun am besten, sie sogleich
für dasjenige Volk zu schildern, das diese Anschauung am meisten
ausgebildet und am tiefsten durchdacht hat, die ~Indier~. Die
Anschauungen anderer Völker lassen sich leicht daran erklären. Das
Wesentliche ist, daß die Seele von je war (was auch Platons Ansicht
ist) und nur ständig die Körper wechselt, bis sie geläutert und
gereinigt (was das bedeutet, richtet sich nach der Lehre) zum ewigen
Seelenleben oder zur ewigen absoluten Ruhe eingeht. Danach steht der
Seele nach dem Tode zweierlei bevor: entweder ein neues körperliches
Leben oder ein Seelenleben, indem wir noch von der absoluten ewigen
Ruhe absehen. Sie hat zwei Wege: den Dêvayana, den Götterpfad, und
den Pitriyana, den Väter-Ahnenpfad. Vom Dêvayana lesen wir in einem
Upanishad -- die Upanishaden zählen wie die Veden, denen sie an Alter
fast gleich sind, die sie aber an geistigem Inhalt außerordentlich
übertreffen, während sie sie teilweise kommentieren, zu den heiligen
Büchern der Indier. Der Name besagt: „ein Niedersitzen zu Füßen des
Lehrers“ -- in Max Müllers Übersetzung: „Sie (die die höchste Stufe der
Vollkommenheit erreicht haben) gehen zum Lichte, vom Lichte zum Tage,
vom Tage zur Monatshälfte des zunehmenden Mondes, von der Monatshälfte
des zunehmenden Mondes zu den sechs Monaten, wo die Sonne nach Norden
geht, von diesen sechs Monaten zu der Welt der Devas (niederen
Götter), von der Welt der Devas zur Sonne, von der Sonne zur Stätte
des Blitzes. Wenn sie die Stätte des Blitzes erreicht haben, nähert
sich ihnen eine Person, nicht ein Mensch, und führt sie in die Welten
Brahmans. In diesen Welten Brahmans verweilen sie immer und ewig,
und es gibt keine Rückkehr für sie“. Was der Leser in dieser Angabe
nicht verstehen sollte, das vom Tage, dem Halbmonat, den Sechsmonaten
Gesagte, haben andere auch nicht verstanden; es scheinen hier uralte
Termini technici versteckt, deren Sinn verloren gegangen ist, und den
die Vedantaphilosophen in ihren Kommentaren (Sûtras) nur mit Zwang
und Mühe wiederherzustellen versucht haben. Das übrige aber ist klar.
Das wird in anderen Stellen und anderen Werken noch sinnfälliger und
genauer geschildert: wie, daß der betreffende Mensch durch die Sonne
hindurchgeht, ebenso durch den Mond, daß er die Welten der einzelnen
Götter durchmißt, einen Fluß Vigarâ (Nichtalternd) überschreitet, vor
die Halle (Vibhu) Brahmans gelangt, deren Hüter Indra und Pragapati
sind, und vor den Thron Brahmans tritt, dessen einzelne Teile als
Einsicht, Glanz, Umschau, Verstand, Geist usf. bezeichnet werden. Aber
das Wesentliche ist immer das gleiche: Eingehen der Seele in den Raum
zum höchsten Gott.
Von den Nichtvollkommenen aber heißt es: „Sie gehen (bei der
Verbrennung, die hier vorausgesetzt ist) in den Rauch ein, vom Rauch in
die Nacht, von der Nacht in die Monatshälfte des abnehmenden Mondes,
von dieser Monatshälfte zu den sechs Monaten, wo die Sonne nach Süden
geht. Von den sechs Monaten gehen sie in die Welt der Väter, von der
Welt der Väter zum Äther, vom Äther zum Monde. -- Das ist Soma, der
König, das ist die Speise der Götter, die Götter nähren sich davon. --
Nachdem sie dort solange verweilt als noch ein Rest (von guten Werken)
übrig ist, kehren sie auf dem Wege, auf dem sie gekommen sind, zum
Äther zurück, von da zur Luft. Wenn er (der Geist) zu Luft geworden
ist, wird er zu Rauch, nachdem er zu Rauch geworden ist, wird er zu
Nebel, nachdem er zu Nebel geworden ist, wird er zur Wolke, nachdem
er zu einer Wolke geworden ist, fällt er als Regen herab. Dann werden
sie (die Seelen) als Reis und Korn, Kräuter und Bäume, Sesam und
Bohnen geboren. Von da ist das Entkommen sehr schwer. Denn, wer immer
diejenigen, welche diese Speise essen und Samen ausstreuen, sein
mögen, er wird gleich ihnen. Diejenigen, deren Lebenswandel gut gewesen
ist, werden wahrscheinlich irgendeine gute Geburt erlangen, wie als
Brahmana oder als Kshatriya oder als Vaisya. Diejenigen aber, deren
Lebenswandel schlecht gewesen ist, werden wahrscheinlich eine schlechte
Geburt erlangen, wie als Hund oder als Schwein oder als Kandâla“. Auch
hier sind viele Abwandlungen vorhanden, ohne das Wesentliche zu ändern.
Namentlich haben Manu’s Schriften für jedes Verbrechen, für jede
Schlechtigkeit und Gedankenlosigkeit genau das Geschöpf angegeben, in
das die Seele eingehen muß. Diese Wanderung der Seele dauert so lange
fort, bis der Mensch in einem Leben es zur höchsten Vollkommenheit
gebracht hat. Die ganze Lehre ist verhältnismäßig einfach. Auch
wissen wir was Sünde, Vergehen, Gedankenlosigkeit usf. bedeutet. Die
Schwierigkeit liegt in der Bedingung der Vollkommenheit. Unzählige
Ausführungen und Bücher haben die Indier darüber geschrieben, aber
naturgemäß sind die Definitionen sämtlich negative. Als Grundprinzip
gilt: eine Seele ist von je und bleibt in alle Ewigkeit. Es kann
Seelen geben, die immer nur von Körper zu Körper gehen, denn es heißt
am Schluß des letzten Zitats: „Auf keinem dieser zwei Wege (Dêvayana,
Pitriyana) ziehen jene kleinen, oft wiederkehrenden Geschöpfe fort. Für
sie gilt der ~dritte~ Zustand, von dem es heißt: leb und stirb.“ Aber
auch sie haben keinen Anfang und kein Ende.
Diese Lehre hat mehrere Erweiterungen erfahren, die sich alle auf
den letzten Zustand und auf die Vollkommenheit beziehen. Wir werden
später sehen, daß die Indier auch den Pandeismus gelehrt haben.
Der letzte Zustand besteht in dieser Lehre im Eingehen in die
betreffende Gottheit, Brahma oder Wischnu. So sagt in der Bhgavad-Gîtâ
Krishna-Wischnu, nach vielen Lehren über ein vollkommenes Dasein:
Und wer zur Todesstunde mein gedenkt und so den Leib verläßt,
Der gehet in mein Wesen ein, das halte unbezweifelt fest.
und an einer anderen Stelle:
Durch sie wirst du mit mir vereint, befreit von der Geburten Zwang,
Mag auch die Schöpfung sich erneun, mag droh’n der Weltenuntergang.
Und dieses wird noch in vielen Wendungen dringend eingeschärft.
Die Seele geht zuletzt dahin zurück, woher sie von je stammt, zur
Allgottheit. Was aber die Vollkommenheit betrifft, so schließt sie
nicht allein moralische und ethische Forderungen ein, sondern auch
solche, die sich auf die Affekte beziehen; es wird Freisein von
Affekten verlangt. In der gleichen Bhagavad-Gîtâ heißt es:
Wer nie frohlockt und nimmer niemand haßt, wer nichts beklagt und
nichts begehrt,
Wen weder Glück noch Unglück rührt, auch der ist meiner Gnade wert.
(Auch) Wer gleich sich bleibt bei Freund und Feind, gleichgültig
gegen Freud’ und Leid,
Verachtung, Ehre, Kalt und Warm, vom Drang der Leidenschaft befreit,
Wer Lob und Tadel gleich erwägt, wen nicht die Sucht nach mehr
bewegt,
Wer keine Sorg um Obdach hegt, wes festen Sinn nichts mehr erregt...
Der Mensch hat sich von den Schlacken des Lebens zu reinigen:
Natur erzeugt die Wesenheit, die Leidenschaft, die Dunkelheit,
Und diese hemmen stets im Leib der ew’gen Seele Tätigkeit.
Wie der ~Buddhismus~ derartigen Anschauungen noch eine besondere
Wendung gegeben hat, ist bekannt. Er hat die Lehre von der
~Metempsychose~ und ~Metensomatose~ zur letzten Ausbildung gebracht
und gleicherweise die Lehre vom letzten Zustand. Im Buddhismus spielen
die Gottheiten keine besondere Rolle; ihr Dasein wird nicht geleugnet,
nur ihre Bedeutung für Welt und Menschen (S. 182). Sie stellen selbst
nur einen Durchgangszustand dar im Leben des Alls, leben und vergehen
wie alles im All und haben es so nur mit sich zu tun, gleich jedem
lebenden Geschöpf. Es vermischt sich nun ein philosophischer Gedanke
mit ethisch-moralischen Betrachtungen. Das Leben, ganz allgemein, ist
ein Leiden, ob es unglücklich oder glücklich verläuft. Und ein Leiden
ist vor allem die Wiedergeburt. Dieses zu erkennen ist die erste Stufe
des Wissens. Die zweite aber besteht darin, daß man zu erkennen hat,
wie alles darauf gerichtet sein muß, nicht wiedergeboren zu werden.
Und dieses wird erreicht durch ein ethisch-moralisches Leben und durch
Abtötung jedes Willens nach Leben und Wiedergeburt, so zwar, daß ein
solcher Wille niemals auch nur in das Bewußtsein treten kann. Die
Taten sollen so sein, daß bei jeder Wiedergeburt der Mensch zu immer
höherer Stufe sich erhebt, denn es büßt der Mensch mit jeder Geburt
die Sünden und Mängel, und es genießt der Mensch die Folgen der Tugend
des voraufgegangenen Lebens: ~Karma-Gesetz~. Die Gedanken aber sollen
sich ganz in sich versenken, bis alles was das Leben bildet mit seinen
Leidenschaften, Gefühlen, Begehren, Anschauungen, Erwartungen, kurz
der ganze Wille im Leben und zum Leben vergangen und verklungen ist.
Wer so höchste Vollkommenheit und Abwesenheit jedes Lebenswillens
erreicht hat, geht zur absoluten Ruhe ein, in das Nirvana (ein Wort,
das schon in den Upanishaden für den letzten Zustand gebraucht wird),
das „Verwehen“ ein. Nicht daß die Seele sich verliert -- auch dem
Buddhismus ist alles was ist, ewig -- sie kommt in einen Zustand,
der dem Tod entspricht, in menschlichem Ermessen, das ja nur das
Leben kennt. Ein Zustand, in dem nichts vorhanden ist, was das Leben
ausmachte, zu dessen Einsicht also nur unendliche Abstraktion führt,
weshalb es auch oft mit „Nein, Nein“ erklärt wird, wie Brahma als
letzter Begriff. So lehrt die ~Dharma~.
~Buddha~ ist bekanntlich unter dem Namen Gautama Sarvarthasiddha
als Fürstensohn zu Kapilavastu (um 623 v. Chr.) geboren. Bis zu
seinem 29. Lebensjahre hat er wie alle Fürstensöhne, wenigstens der
Volksidee nach, herrlich und in Freuden gelebt. Wie er also zu seiner
Leidensauffassung und Verneinung des Lebens kam, richtiger, sie
konsequenter ausbildete als schon vor ihm geschehen war? Er sah auf
einer Ausfahrt nach einem Lustgarten einen Greis „mit kahlem Haupt,
gebeugtem Körper und zitternden Gliedern. Bei einer zweiten Ausfahrt
gewahrte er einen unheilbaren Kranken, von Aussatz und Geschwüren
bedeckt, vom Fieber geschüttelt, ohne Führer und ohne Hilfe; auf einer
dritten einen von Würmern zerfressenen, verwesenden Leichnam am Wege.
Er fragte sich, wozu Lust, Tugend und Freude nützten, wenn sie dem
Alter, der Krankheit und dem Tod unterworfen seien.“ Da verläßt er
alles, zieht als Bettler durch die Lande und hört in allen Schulen die
Lehren der Priester und Forscher. Wie ihn nichts befriedigt, schließt
er sich in einen Wald ein, lebt in harten Kasteiungen und Bußübungen,
weshalb er Muni und, unter Hinzufügung seines Geschlechtsnamens,
Çakjamuni genannt wurde. Als er auch Kasteiung und Bußübung für
erfolglos erkennt, versinkt er in tiefstes Nachsinnen über den Grund
der Leiden und den Zweck des Lebens. Jetzt erst blitzt der richtige
Gedanke in ihm auf, als blitzender Strahl schießt er aus seiner
Stirne bis an das Ende der Welt. Und nun ist er Buddha (S. 139),
der „Erleuchtete“. Das ist Legende, aber wie sehr der Indier zu
Beschaulichkeit und Nichtigerklärung der Welt neigt, hat uns Rudyard
Kipling in einer seiner reizendsten Geschichten, vom höchstgestellten
Minister Purun Dass geschildert.
Bei den ~Eraniern~ finden wir, was sehr seltsam berührt, nichts von
dieser Lehre der Seelenwanderung und Wiederbekörperung. Sie wird also
bei den Indiern wohl nach der Trennung von ihnen entstanden sein. Aber
am äußersten Ende Europas soll ein arisches Volk diese Lehre wenigstens
zu einem Teil besessen haben, die Kelten. Cäsar weiß davon. Er sagt in
„De bello Gallico“, VI, 14: „In primis hoc volunt (nämlich die Druiden)
persuadere; non interire animas, sed ab aliis post mortem transire ad
alios“. Das ist aber wohl das einzig Sichere; alles was sonst noch in
dieser Hinsicht von den Kelten und Druiden erzählt wird, ist Fabel oder
aus ungewissen Überlieferungen und späteren Bardenliedern erschlossen.
Die Seele soll nach dem Tode ihres Besitzers zuerst in die Lüfte zu
den Wolken schweben, letztere also sollen Sitz von Seelen sein. Wären
die Ossiangedichte altes Gut, so hätten wir einen Beweis für diese
Behauptung: „Meine Väter neigen sich herab von ihren Gewölken, zu
empfangen ihren graulockigen Sohn“, klagt Fingal nach dem Fall seines
geliebten Sohnes Oscar. Als Wolkengeister schweben sie über kämpfenden
Heeren und nehmen Teil an der Entscheidung, wie die Walkyren, die
ebenfalls Wolkengeister sind. Auch auf dem Monde weilen die Seelen,
ein Glaube, der weit verbreitet ist. Dort hausen sie unter Schnee und
Eis und vergessen alles vom vergangenen Leben. Bei Sonnenfinsternissen
kehren sie zur Erde zurück, werden von der Sonne erweckt und beginnen
ein neues irdisches Dasein.
Von den Griechen haben namentlich die ~Pythagoräer~ und ~Platon~ die
Wiedergeburt gelehrt. Jene beschränkten die Seelenwanderung auf die
Tiere und Menschen; Pflanzen sollte eine Seele nicht zukommen. Zwischen
zwei Leben liegt ein reiner Seelenzustand, wie ja auch bei den Indiern,
Kelten und bei Platon. Ob dieser Zustand in Verbindung steht mit Lohn
und Strafe, die die Pythagoräer wie auch Andere lehrten, läßt sich
schwer entscheiden, denn bekanntlich hat sich durch Pythagoras’ Lehre
ein Wust von allen möglichen mystischen Ansichten ergossen. Eigenartig
noch ist die Meinung, daß die Seele nicht in jeden Körper eingehen
kann, sondern nur in den, der ihrer Harmonie (davon später) gemäß ist.
Im allgemeinen betrachteten sie, wie die Indier, die Verbindung der
Seele mit dem Körper als unwillkommen. Indessen sagten sie doch auch,
daß die Seele durch die Organe, die der Körper ihr bietet, Gelegenheit
zur Erkenntnis bekomme, und daß sie darum den Körper liebe, ein
Gedanke, der ganz und gar den Anschauungen der Indier widerspricht.
Pythagoras selbst soll Waffen im Heratempel zu Argos als die bezeichnet
haben, die er in einem früheren Dasein vor Troja geführt habe, und in
einem Hund die Seele eines verstorbenen Freundes erkannt haben; wenn
ersteres kein Märchen, letzteres kein boshafter Witz ist.
~Platons~ Ideen von der Seelenwanderung sind namentlich in seinem
Phaidros auseinandergesetzt. Max Müller weist auf die, zum Teil
allerdings verblüffende, Übereinstimmung mit indischen Ideen hin;
namentlich die Lehre, daß die Seelenbekörperung neun Stufen hat,
entspricht der in Manu’s Gesetzbuch, wo gleichfalls neun Stufen
vorgesehen sind. Auch der Zwischenzustand der Seele zwischen zwei
Leben und der Endzustand muten stark indisch an. Platon hat alles in
ein mythisch-dichterisches Bild gekleidet. Er behandelt Menschen und
Götter in eins, was abermals indischem Verfahren entspricht. Das Bild
vergleicht die Seele „der zusammengewachsenen Kraft eines befiederten
Gespannes und seines Führers. Der Götter Rosse und Führer nun sind
selbst gut und guter Abkunft, die anderen aber vermischt.“ „Die Kraft
des Gefieders besteht darin, das Schwere emporhebend hinaufzuführen,
wo das Geschlecht der Götter wohnt.“ Sie wächst vom Göttlichen und
schwindet vom Bösen. „Der große Herrscher im Himmel, Zeus“ zieht mit
seinem Gespann den Himmel hinauf voran, ihm folgen alle Götter und
dann die Seelen, „wer jedesmal will und kann“. Zeus und die Götter
lenken leicht und sicher und schauen völlig alle Herrlichkeiten. Die
Gespanne der anderen Seelen aber steigen schwer und in Unordnung, so
daß die Seelen von den Herrlichkeiten gar keinen oder nur teilweisen
Genuß haben. Auf des Himmels Rücken angelangt und vom Umschwung
fortgerissen, blicken die Götter in das, „was außerhalb des Himmels
ist“ und sehen „farblose, gestaltlose, stofflose, wahrhaft seiende
Wesen“ und sie „lassen sich wohl sein, bis der Umschwung sie wieder
an die vorige Stelle zurückgebracht hat“. Die ganze Fahrt vollbringen
von den Menschenseelen einige, die der Gottheit am nächsten „folgten
und nachahmten“, wenn auch in Ängsten und Beschwerden und „kaum das
Seiende erblickend“. Andere erhoben sich bisweilen und tauchten dann
unter im Sträuben der Rosse. Die übrigen aber werden nur im unteren
Raume umhergetrieben, einander stoßend und drängend. „Und dieses ist
das Gesetz der Adrasteia“, sagt der Dichter-Philosoph, daß die Seele,
welche als des Gottes Begleiterin etwas vom Wahrhaften erblickt hat,
keinen Schaden erleidet und, soweit an ihr liegt, unverletzt bleibt.
Die Seele aber, die nichts sieht, fällt zur Erde und beginnt den
Kreislauf der Wiedergeburten, die also, wie schon bemerkt, neun Stufen
haben. Die besten können als weise Männer geboren werden, oder als der
Musen und der Liebe Lieblinge. Die folgenden als verfassungsmäßige oder
kriegerische Könige, dann die nächsten als Staatsmänner usf., bis zu
den letzten, welche das dem Griechen Verächtlichste werden -- Tyrannen.
Eine Seele kann mehrere Wiedergeburten erfahren. Die höchststehende
kehrt schon nach dreitausend Jahren dorthin zurück, woher sie gekommen
ist. Anderen Seelen mag dieses nicht unter zehntausend Jahren gelingen.
Innerhalb der Wiedergeburten, nach jedem Tode, kommt die Seele vor
das Gericht. Die böse verfällt dem unterirdischen Zuchtorte, wo sie
tausend Jahre Strafe erleidet, die bessere wird nach einer Stelle
des Himmels entrückt, wo sie, gleichfalls tausend Jahre, wie im
letzten Leben verweilt. Dann kann jede der beiden Seelen ihre fernere
Wiedergeburt frei wählen. Und so ist auch tierische Wiedergeburt
nicht ausgeschlossen. Der Philosoph leitet aus den Wiedergeburten die
Tatsache des Erinnerns ab, daß uns so manches, das wir zum erstenmal
sehen oder lernen, bekannt vorkommt. Die Ähnlichkeit der Platonischen
Anschauung mit indischer, sowohl in den Zwischenzuständen als im
Endzustand und in den Verwandlungen, ist nicht zu verkennen. Platon
ist von dieser Anschauung in anderen Schriften mehrfach abgewichen.
Gleichwohl muß sie für ihn doch grundlegende Bedeutung gehabt haben.
Wir sehen das an dem tiefen Ernst, mit dem ~Sokrates~, Platons
Wortführer, sie vorträgt.
Es ist oft selbst von Griechen behauptet worden, daß Pythagoras und
Platon ihre Wiedergeburtanschauungen von den ~Ägyptern~ entlehnt haben.
Auch sagt Herodot von den letzteren: „Auch sind die Ägypter die ersten,
die den Satz aufgestellt haben, daß des Menschen Seele unsterblich
ist, und wenn der Leib vergeht, so fährt sie in ein anderes Tier, das
immer gerade zu der Zeit entstände, und wenn sie herum ist, durch alle
Tiere des Landes und des Meeres und durch alle Vögel, so fahre sie
wiederum in einen Menschenleib, der gerade geboren würde, und käme in
dreitausend Jahren herum.“ Wenn Herodot dann fortfährt: „Diese Meinung
haben einige Hellenen auch vorgebracht, die einen früher, die anderen
später. Ihre Namen weiß ich zwar, will sie aber nicht nennen“, so kann
er damit nur Pythagoräer und Orphiker meinen. Aber es ist immerhin
eigenartig, daß auch Platon die dreitausend Jahre hat, wenn auch nur
für die auserwählten Seelen. Eduard Zeller lehnt die Wiedergeburtslehre
für die Ägypter ab. Es ist für uns schwer, eine Entscheidung zu
treffen, da die Ägypter sehr viel vom Animismus in ihren Anschauungen
besaßen. Die außerordentliche Mühe, die die Ägypter sich gaben, ihrer
Seele Wohnstätten auf Erden zu beschaffen, spricht gegen den Glauben
einer Wiedergeburt bei ihnen. Der, freilich späte, Pausanias (zur Zeit
Hadrians und der Antonine) meint, die Griechen hätten ihre Anschauungen
von den Chaldäern und Indiern erhalten. Vielleicht hat er nicht so
unrecht. Klingt es nicht ganz indisch, wenn ~Empedokles~ sagt: „Ich
war bereits einmal Knabe, Mädchen, Pflanze, Vogel und flutentauchender
stummer Fisch“ und wenn er über das furchtbare Geborenwerden klagt?
Es ist noch zu erwähnen, daß auch bei den ~Chinesen~ eine Schule des
Lao-tsse (S. 210) bestand, die Seelenwanderung und Wiederbekörperung
lehrte. Der bedeutende Mann sagt im Tao-te-king: „Wer nicht einsieht,
daß es eine Fortdauer gibt, und daß auch er fortdauere, der bereitet
sich durch seine Unüberlegtheit selbst Unheil. Wer aber von der hohen
Bedeutung der Fortdauer überzeugt und durchdrungen ist, der ist sicher
auch groß gesinnt, edel und vortrefflich“. Der Tod bedingt Auflösung
in die Grundstoffe. Aber hiernach erfolgt immer ein Wiederaufleben zu
einem neuen Zweck, zu einer neuen Bestimmung, zu neuem Leben. Lao-tsse,
der etwas später als Buddha blühte, ist in Indien gewesen, er wird
aus den dortigen Philosophenschulen manches gelernt haben. Aber sein
Taoismus ist doch kein Brahmanismus, geschweige gar ein Buddhismus. Es
ist, wie schon bemerkt, auch nicht zu ersehen, wie er sich das Ende
dachte, ob als ein Aufgehen im Tao, oder als überhaupt nicht vorhanden,
so daß die Wandlungen ins Unendliche fortdauern.