23. Seelenwanderung und Wiederbekörperung; Sansara, Nirvana.

Ein höchst merkwürdiges Kapitel in der Lehre von den Anschauungen

der Menschheit bildet das in der Überschrift gekennzeichnete. Die

Anschauung von der ~Seelenwanderung~ und ~Wiederbekörperung~ mag

ihren Ursprung aus dem naturmenschlichen Animismus genommen haben.

Ihre eigentliche Bedeutung gab ihr jedoch die kulturelle Ethik und

die eschatologische Metaphysik. Wir tun am besten, sie sogleich

für dasjenige Volk zu schildern, das diese Anschauung am meisten

ausgebildet und am tiefsten durchdacht hat, die ~Indier~. Die

Anschauungen anderer Völker lassen sich leicht daran erklären. Das

Wesentliche ist, daß die Seele von je war (was auch Platons Ansicht

ist) und nur ständig die Körper wechselt, bis sie geläutert und

gereinigt (was das bedeutet, richtet sich nach der Lehre) zum ewigen

Seelenleben oder zur ewigen absoluten Ruhe eingeht. Danach steht der

Seele nach dem Tode zweierlei bevor: entweder ein neues körperliches

Leben oder ein Seelenleben, indem wir noch von der absoluten ewigen

Ruhe absehen. Sie hat zwei Wege: den Dêvayana, den Götterpfad, und

den Pitriyana, den Väter-Ahnenpfad. Vom Dêvayana lesen wir in einem

Upanishad -- die Upanishaden zählen wie die Veden, denen sie an Alter

fast gleich sind, die sie aber an geistigem Inhalt außerordentlich

übertreffen, während sie sie teilweise kommentieren, zu den heiligen

Büchern der Indier. Der Name besagt: „ein Niedersitzen zu Füßen des

Lehrers“ -- in Max Müllers Übersetzung: „Sie (die die höchste Stufe der

Vollkommenheit erreicht haben) gehen zum Lichte, vom Lichte zum Tage,

vom Tage zur Monatshälfte des zunehmenden Mondes, von der Monatshälfte

des zunehmenden Mondes zu den sechs Monaten, wo die Sonne nach Norden

geht, von diesen sechs Monaten zu der Welt der Devas (niederen

Götter), von der Welt der Devas zur Sonne, von der Sonne zur Stätte

des Blitzes. Wenn sie die Stätte des Blitzes erreicht haben, nähert

sich ihnen eine Person, nicht ein Mensch, und führt sie in die Welten

Brahmans. In diesen Welten Brahmans verweilen sie immer und ewig,

und es gibt keine Rückkehr für sie“. Was der Leser in dieser Angabe

nicht verstehen sollte, das vom Tage, dem Halbmonat, den Sechsmonaten

Gesagte, haben andere auch nicht verstanden; es scheinen hier uralte

Termini technici versteckt, deren Sinn verloren gegangen ist, und den

die Vedantaphilosophen in ihren Kommentaren (Sûtras) nur mit Zwang

und Mühe wiederherzustellen versucht haben. Das übrige aber ist klar.

Das wird in anderen Stellen und anderen Werken noch sinnfälliger und

genauer geschildert: wie, daß der betreffende Mensch durch die Sonne

hindurchgeht, ebenso durch den Mond, daß er die Welten der einzelnen

Götter durchmißt, einen Fluß Vigarâ (Nichtalternd) überschreitet, vor

die Halle (Vibhu) Brahmans gelangt, deren Hüter Indra und Pragapati

sind, und vor den Thron Brahmans tritt, dessen einzelne Teile als

Einsicht, Glanz, Umschau, Verstand, Geist usf. bezeichnet werden. Aber

das Wesentliche ist immer das gleiche: Eingehen der Seele in den Raum

zum höchsten Gott.

Von den Nichtvollkommenen aber heißt es: „Sie gehen (bei der

Verbrennung, die hier vorausgesetzt ist) in den Rauch ein, vom Rauch in

die Nacht, von der Nacht in die Monatshälfte des abnehmenden Mondes,

von dieser Monatshälfte zu den sechs Monaten, wo die Sonne nach Süden

geht. Von den sechs Monaten gehen sie in die Welt der Väter, von der

Welt der Väter zum Äther, vom Äther zum Monde. -- Das ist Soma, der

König, das ist die Speise der Götter, die Götter nähren sich davon. --

Nachdem sie dort solange verweilt als noch ein Rest (von guten Werken)

übrig ist, kehren sie auf dem Wege, auf dem sie gekommen sind, zum

Äther zurück, von da zur Luft. Wenn er (der Geist) zu Luft geworden

ist, wird er zu Rauch, nachdem er zu Rauch geworden ist, wird er zu

Nebel, nachdem er zu Nebel geworden ist, wird er zur Wolke, nachdem

er zu einer Wolke geworden ist, fällt er als Regen herab. Dann werden

sie (die Seelen) als Reis und Korn, Kräuter und Bäume, Sesam und

Bohnen geboren. Von da ist das Entkommen sehr schwer. Denn, wer immer

diejenigen, welche diese Speise essen und Samen ausstreuen, sein

mögen, er wird gleich ihnen. Diejenigen, deren Lebenswandel gut gewesen

ist, werden wahrscheinlich irgendeine gute Geburt erlangen, wie als

Brahmana oder als Kshatriya oder als Vaisya. Diejenigen aber, deren

Lebenswandel schlecht gewesen ist, werden wahrscheinlich eine schlechte

Geburt erlangen, wie als Hund oder als Schwein oder als Kandâla“. Auch

hier sind viele Abwandlungen vorhanden, ohne das Wesentliche zu ändern.

Namentlich haben Manu’s Schriften für jedes Verbrechen, für jede

Schlechtigkeit und Gedankenlosigkeit genau das Geschöpf angegeben, in

das die Seele eingehen muß. Diese Wanderung der Seele dauert so lange

fort, bis der Mensch in einem Leben es zur höchsten Vollkommenheit

gebracht hat. Die ganze Lehre ist verhältnismäßig einfach. Auch

wissen wir was Sünde, Vergehen, Gedankenlosigkeit usf. bedeutet. Die

Schwierigkeit liegt in der Bedingung der Vollkommenheit. Unzählige

Ausführungen und Bücher haben die Indier darüber geschrieben, aber

naturgemäß sind die Definitionen sämtlich negative. Als Grundprinzip

gilt: eine Seele ist von je und bleibt in alle Ewigkeit. Es kann

Seelen geben, die immer nur von Körper zu Körper gehen, denn es heißt

am Schluß des letzten Zitats: „Auf keinem dieser zwei Wege (Dêvayana,

Pitriyana) ziehen jene kleinen, oft wiederkehrenden Geschöpfe fort. Für

sie gilt der ~dritte~ Zustand, von dem es heißt: leb und stirb.“ Aber

auch sie haben keinen Anfang und kein Ende.

Diese Lehre hat mehrere Erweiterungen erfahren, die sich alle auf

den letzten Zustand und auf die Vollkommenheit beziehen. Wir werden

später sehen, daß die Indier auch den Pandeismus gelehrt haben.

Der letzte Zustand besteht in dieser Lehre im Eingehen in die

betreffende Gottheit, Brahma oder Wischnu. So sagt in der Bhgavad-Gîtâ

Krishna-Wischnu, nach vielen Lehren über ein vollkommenes Dasein:

Und wer zur Todesstunde mein gedenkt und so den Leib verläßt,

Der gehet in mein Wesen ein, das halte unbezweifelt fest.

und an einer anderen Stelle:

Durch sie wirst du mit mir vereint, befreit von der Geburten Zwang,

Mag auch die Schöpfung sich erneun, mag droh’n der Weltenuntergang.

Und dieses wird noch in vielen Wendungen dringend eingeschärft.

Die Seele geht zuletzt dahin zurück, woher sie von je stammt, zur

Allgottheit. Was aber die Vollkommenheit betrifft, so schließt sie

nicht allein moralische und ethische Forderungen ein, sondern auch

solche, die sich auf die Affekte beziehen; es wird Freisein von

Affekten verlangt. In der gleichen Bhagavad-Gîtâ heißt es:

Wer nie frohlockt und nimmer niemand haßt, wer nichts beklagt und

nichts begehrt,

Wen weder Glück noch Unglück rührt, auch der ist meiner Gnade wert.

(Auch) Wer gleich sich bleibt bei Freund und Feind, gleichgültig

gegen Freud’ und Leid,

Verachtung, Ehre, Kalt und Warm, vom Drang der Leidenschaft befreit,

Wer Lob und Tadel gleich erwägt, wen nicht die Sucht nach mehr

bewegt,

Wer keine Sorg um Obdach hegt, wes festen Sinn nichts mehr erregt...

Der Mensch hat sich von den Schlacken des Lebens zu reinigen:

Natur erzeugt die Wesenheit, die Leidenschaft, die Dunkelheit,

Und diese hemmen stets im Leib der ew’gen Seele Tätigkeit.

Wie der ~Buddhismus~ derartigen Anschauungen noch eine besondere

Wendung gegeben hat, ist bekannt. Er hat die Lehre von der

~Metempsychose~ und ~Metensomatose~ zur letzten Ausbildung gebracht

und gleicherweise die Lehre vom letzten Zustand. Im Buddhismus spielen

die Gottheiten keine besondere Rolle; ihr Dasein wird nicht geleugnet,

nur ihre Bedeutung für Welt und Menschen (S. 182). Sie stellen selbst

nur einen Durchgangszustand dar im Leben des Alls, leben und vergehen

wie alles im All und haben es so nur mit sich zu tun, gleich jedem

lebenden Geschöpf. Es vermischt sich nun ein philosophischer Gedanke

mit ethisch-moralischen Betrachtungen. Das Leben, ganz allgemein, ist

ein Leiden, ob es unglücklich oder glücklich verläuft. Und ein Leiden

ist vor allem die Wiedergeburt. Dieses zu erkennen ist die erste Stufe

des Wissens. Die zweite aber besteht darin, daß man zu erkennen hat,

wie alles darauf gerichtet sein muß, nicht wiedergeboren zu werden.

Und dieses wird erreicht durch ein ethisch-moralisches Leben und durch

Abtötung jedes Willens nach Leben und Wiedergeburt, so zwar, daß ein

solcher Wille niemals auch nur in das Bewußtsein treten kann. Die

Taten sollen so sein, daß bei jeder Wiedergeburt der Mensch zu immer

höherer Stufe sich erhebt, denn es büßt der Mensch mit jeder Geburt

die Sünden und Mängel, und es genießt der Mensch die Folgen der Tugend

des voraufgegangenen Lebens: ~Karma-Gesetz~. Die Gedanken aber sollen

sich ganz in sich versenken, bis alles was das Leben bildet mit seinen

Leidenschaften, Gefühlen, Begehren, Anschauungen, Erwartungen, kurz

der ganze Wille im Leben und zum Leben vergangen und verklungen ist.

Wer so höchste Vollkommenheit und Abwesenheit jedes Lebenswillens

erreicht hat, geht zur absoluten Ruhe ein, in das Nirvana (ein Wort,

das schon in den Upanishaden für den letzten Zustand gebraucht wird),

das „Verwehen“ ein. Nicht daß die Seele sich verliert -- auch dem

Buddhismus ist alles was ist, ewig -- sie kommt in einen Zustand,

der dem Tod entspricht, in menschlichem Ermessen, das ja nur das

Leben kennt. Ein Zustand, in dem nichts vorhanden ist, was das Leben

ausmachte, zu dessen Einsicht also nur unendliche Abstraktion führt,

weshalb es auch oft mit „Nein, Nein“ erklärt wird, wie Brahma als

letzter Begriff. So lehrt die ~Dharma~.

~Buddha~ ist bekanntlich unter dem Namen Gautama Sarvarthasiddha

als Fürstensohn zu Kapilavastu (um 623 v. Chr.) geboren. Bis zu

seinem 29. Lebensjahre hat er wie alle Fürstensöhne, wenigstens der

Volksidee nach, herrlich und in Freuden gelebt. Wie er also zu seiner

Leidensauffassung und Verneinung des Lebens kam, richtiger, sie

konsequenter ausbildete als schon vor ihm geschehen war? Er sah auf

einer Ausfahrt nach einem Lustgarten einen Greis „mit kahlem Haupt,

gebeugtem Körper und zitternden Gliedern. Bei einer zweiten Ausfahrt

gewahrte er einen unheilbaren Kranken, von Aussatz und Geschwüren

bedeckt, vom Fieber geschüttelt, ohne Führer und ohne Hilfe; auf einer

dritten einen von Würmern zerfressenen, verwesenden Leichnam am Wege.

Er fragte sich, wozu Lust, Tugend und Freude nützten, wenn sie dem

Alter, der Krankheit und dem Tod unterworfen seien.“ Da verläßt er

alles, zieht als Bettler durch die Lande und hört in allen Schulen die

Lehren der Priester und Forscher. Wie ihn nichts befriedigt, schließt

er sich in einen Wald ein, lebt in harten Kasteiungen und Bußübungen,

weshalb er Muni und, unter Hinzufügung seines Geschlechtsnamens,

Çakjamuni genannt wurde. Als er auch Kasteiung und Bußübung für

erfolglos erkennt, versinkt er in tiefstes Nachsinnen über den Grund

der Leiden und den Zweck des Lebens. Jetzt erst blitzt der richtige

Gedanke in ihm auf, als blitzender Strahl schießt er aus seiner

Stirne bis an das Ende der Welt. Und nun ist er Buddha (S. 139),

der „Erleuchtete“. Das ist Legende, aber wie sehr der Indier zu

Beschaulichkeit und Nichtigerklärung der Welt neigt, hat uns Rudyard

Kipling in einer seiner reizendsten Geschichten, vom höchstgestellten

Minister Purun Dass geschildert.

Bei den ~Eraniern~ finden wir, was sehr seltsam berührt, nichts von

dieser Lehre der Seelenwanderung und Wiederbekörperung. Sie wird also

bei den Indiern wohl nach der Trennung von ihnen entstanden sein. Aber

am äußersten Ende Europas soll ein arisches Volk diese Lehre wenigstens

zu einem Teil besessen haben, die Kelten. Cäsar weiß davon. Er sagt in

„De bello Gallico“, VI, 14: „In primis hoc volunt (nämlich die Druiden)

persuadere; non interire animas, sed ab aliis post mortem transire ad

alios“. Das ist aber wohl das einzig Sichere; alles was sonst noch in

dieser Hinsicht von den Kelten und Druiden erzählt wird, ist Fabel oder

aus ungewissen Überlieferungen und späteren Bardenliedern erschlossen.

Die Seele soll nach dem Tode ihres Besitzers zuerst in die Lüfte zu

den Wolken schweben, letztere also sollen Sitz von Seelen sein. Wären

die Ossiangedichte altes Gut, so hätten wir einen Beweis für diese

Behauptung: „Meine Väter neigen sich herab von ihren Gewölken, zu

empfangen ihren graulockigen Sohn“, klagt Fingal nach dem Fall seines

geliebten Sohnes Oscar. Als Wolkengeister schweben sie über kämpfenden

Heeren und nehmen Teil an der Entscheidung, wie die Walkyren, die

ebenfalls Wolkengeister sind. Auch auf dem Monde weilen die Seelen,

ein Glaube, der weit verbreitet ist. Dort hausen sie unter Schnee und

Eis und vergessen alles vom vergangenen Leben. Bei Sonnenfinsternissen

kehren sie zur Erde zurück, werden von der Sonne erweckt und beginnen

ein neues irdisches Dasein.

Von den Griechen haben namentlich die ~Pythagoräer~ und ~Platon~ die

Wiedergeburt gelehrt. Jene beschränkten die Seelenwanderung auf die

Tiere und Menschen; Pflanzen sollte eine Seele nicht zukommen. Zwischen

zwei Leben liegt ein reiner Seelenzustand, wie ja auch bei den Indiern,

Kelten und bei Platon. Ob dieser Zustand in Verbindung steht mit Lohn

und Strafe, die die Pythagoräer wie auch Andere lehrten, läßt sich

schwer entscheiden, denn bekanntlich hat sich durch Pythagoras’ Lehre

ein Wust von allen möglichen mystischen Ansichten ergossen. Eigenartig

noch ist die Meinung, daß die Seele nicht in jeden Körper eingehen

kann, sondern nur in den, der ihrer Harmonie (davon später) gemäß ist.

Im allgemeinen betrachteten sie, wie die Indier, die Verbindung der

Seele mit dem Körper als unwillkommen. Indessen sagten sie doch auch,

daß die Seele durch die Organe, die der Körper ihr bietet, Gelegenheit

zur Erkenntnis bekomme, und daß sie darum den Körper liebe, ein

Gedanke, der ganz und gar den Anschauungen der Indier widerspricht.

Pythagoras selbst soll Waffen im Heratempel zu Argos als die bezeichnet

haben, die er in einem früheren Dasein vor Troja geführt habe, und in

einem Hund die Seele eines verstorbenen Freundes erkannt haben; wenn

ersteres kein Märchen, letzteres kein boshafter Witz ist.

~Platons~ Ideen von der Seelenwanderung sind namentlich in seinem

Phaidros auseinandergesetzt. Max Müller weist auf die, zum Teil

allerdings verblüffende, Übereinstimmung mit indischen Ideen hin;

namentlich die Lehre, daß die Seelenbekörperung neun Stufen hat,

entspricht der in Manu’s Gesetzbuch, wo gleichfalls neun Stufen

vorgesehen sind. Auch der Zwischenzustand der Seele zwischen zwei

Leben und der Endzustand muten stark indisch an. Platon hat alles in

ein mythisch-dichterisches Bild gekleidet. Er behandelt Menschen und

Götter in eins, was abermals indischem Verfahren entspricht. Das Bild

vergleicht die Seele „der zusammengewachsenen Kraft eines befiederten

Gespannes und seines Führers. Der Götter Rosse und Führer nun sind

selbst gut und guter Abkunft, die anderen aber vermischt.“ „Die Kraft

des Gefieders besteht darin, das Schwere emporhebend hinaufzuführen,

wo das Geschlecht der Götter wohnt.“ Sie wächst vom Göttlichen und

schwindet vom Bösen. „Der große Herrscher im Himmel, Zeus“ zieht mit

seinem Gespann den Himmel hinauf voran, ihm folgen alle Götter und

dann die Seelen, „wer jedesmal will und kann“. Zeus und die Götter

lenken leicht und sicher und schauen völlig alle Herrlichkeiten. Die

Gespanne der anderen Seelen aber steigen schwer und in Unordnung, so

daß die Seelen von den Herrlichkeiten gar keinen oder nur teilweisen

Genuß haben. Auf des Himmels Rücken angelangt und vom Umschwung

fortgerissen, blicken die Götter in das, „was außerhalb des Himmels

ist“ und sehen „farblose, gestaltlose, stofflose, wahrhaft seiende

Wesen“ und sie „lassen sich wohl sein, bis der Umschwung sie wieder

an die vorige Stelle zurückgebracht hat“. Die ganze Fahrt vollbringen

von den Menschenseelen einige, die der Gottheit am nächsten „folgten

und nachahmten“, wenn auch in Ängsten und Beschwerden und „kaum das

Seiende erblickend“. Andere erhoben sich bisweilen und tauchten dann

unter im Sträuben der Rosse. Die übrigen aber werden nur im unteren

Raume umhergetrieben, einander stoßend und drängend. „Und dieses ist

das Gesetz der Adrasteia“, sagt der Dichter-Philosoph, daß die Seele,

welche als des Gottes Begleiterin etwas vom Wahrhaften erblickt hat,

keinen Schaden erleidet und, soweit an ihr liegt, unverletzt bleibt.

Die Seele aber, die nichts sieht, fällt zur Erde und beginnt den

Kreislauf der Wiedergeburten, die also, wie schon bemerkt, neun Stufen

haben. Die besten können als weise Männer geboren werden, oder als der

Musen und der Liebe Lieblinge. Die folgenden als verfassungsmäßige oder

kriegerische Könige, dann die nächsten als Staatsmänner usf., bis zu

den letzten, welche das dem Griechen Verächtlichste werden -- Tyrannen.

Eine Seele kann mehrere Wiedergeburten erfahren. Die höchststehende

kehrt schon nach dreitausend Jahren dorthin zurück, woher sie gekommen

ist. Anderen Seelen mag dieses nicht unter zehntausend Jahren gelingen.

Innerhalb der Wiedergeburten, nach jedem Tode, kommt die Seele vor

das Gericht. Die böse verfällt dem unterirdischen Zuchtorte, wo sie

tausend Jahre Strafe erleidet, die bessere wird nach einer Stelle

des Himmels entrückt, wo sie, gleichfalls tausend Jahre, wie im

letzten Leben verweilt. Dann kann jede der beiden Seelen ihre fernere

Wiedergeburt frei wählen. Und so ist auch tierische Wiedergeburt

nicht ausgeschlossen. Der Philosoph leitet aus den Wiedergeburten die

Tatsache des Erinnerns ab, daß uns so manches, das wir zum erstenmal

sehen oder lernen, bekannt vorkommt. Die Ähnlichkeit der Platonischen

Anschauung mit indischer, sowohl in den Zwischenzuständen als im

Endzustand und in den Verwandlungen, ist nicht zu verkennen. Platon

ist von dieser Anschauung in anderen Schriften mehrfach abgewichen.

Gleichwohl muß sie für ihn doch grundlegende Bedeutung gehabt haben.

Wir sehen das an dem tiefen Ernst, mit dem ~Sokrates~, Platons

Wortführer, sie vorträgt.

Es ist oft selbst von Griechen behauptet worden, daß Pythagoras und

Platon ihre Wiedergeburtanschauungen von den ~Ägyptern~ entlehnt haben.

Auch sagt Herodot von den letzteren: „Auch sind die Ägypter die ersten,

die den Satz aufgestellt haben, daß des Menschen Seele unsterblich

ist, und wenn der Leib vergeht, so fährt sie in ein anderes Tier, das

immer gerade zu der Zeit entstände, und wenn sie herum ist, durch alle

Tiere des Landes und des Meeres und durch alle Vögel, so fahre sie

wiederum in einen Menschenleib, der gerade geboren würde, und käme in

dreitausend Jahren herum.“ Wenn Herodot dann fortfährt: „Diese Meinung

haben einige Hellenen auch vorgebracht, die einen früher, die anderen

später. Ihre Namen weiß ich zwar, will sie aber nicht nennen“, so kann

er damit nur Pythagoräer und Orphiker meinen. Aber es ist immerhin

eigenartig, daß auch Platon die dreitausend Jahre hat, wenn auch nur

für die auserwählten Seelen. Eduard Zeller lehnt die Wiedergeburtslehre

für die Ägypter ab. Es ist für uns schwer, eine Entscheidung zu

treffen, da die Ägypter sehr viel vom Animismus in ihren Anschauungen

besaßen. Die außerordentliche Mühe, die die Ägypter sich gaben, ihrer

Seele Wohnstätten auf Erden zu beschaffen, spricht gegen den Glauben

einer Wiedergeburt bei ihnen. Der, freilich späte, Pausanias (zur Zeit

Hadrians und der Antonine) meint, die Griechen hätten ihre Anschauungen

von den Chaldäern und Indiern erhalten. Vielleicht hat er nicht so

unrecht. Klingt es nicht ganz indisch, wenn ~Empedokles~ sagt: „Ich

war bereits einmal Knabe, Mädchen, Pflanze, Vogel und flutentauchender

stummer Fisch“ und wenn er über das furchtbare Geborenwerden klagt?

Es ist noch zu erwähnen, daß auch bei den ~Chinesen~ eine Schule des

Lao-tsse (S. 210) bestand, die Seelenwanderung und Wiederbekörperung

lehrte. Der bedeutende Mann sagt im Tao-te-king: „Wer nicht einsieht,

daß es eine Fortdauer gibt, und daß auch er fortdauere, der bereitet

sich durch seine Unüberlegtheit selbst Unheil. Wer aber von der hohen

Bedeutung der Fortdauer überzeugt und durchdrungen ist, der ist sicher

auch groß gesinnt, edel und vortrefflich“. Der Tod bedingt Auflösung

in die Grundstoffe. Aber hiernach erfolgt immer ein Wiederaufleben zu

einem neuen Zweck, zu einer neuen Bestimmung, zu neuem Leben. Lao-tsse,

der etwas später als Buddha blühte, ist in Indien gewesen, er wird

aus den dortigen Philosophenschulen manches gelernt haben. Aber sein

Taoismus ist doch kein Brahmanismus, geschweige gar ein Buddhismus. Es

ist, wie schon bemerkt, auch nicht zu ersehen, wie er sich das Ende

dachte, ob als ein Aufgehen im Tao, oder als überhaupt nicht vorhanden,

so daß die Wandlungen ins Unendliche fortdauern.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 73 / 108 题