Wir kommen zu einer recht schwierigen und umfangreichen Untersuchung,
aber einer von der höchsten Bedeutung. Wie die Naturvölker über
~Nachleben~ und ~Jenseits~ denken, habe ich oft und eingehend
auseinandergesetzt (auch Abschnitt 14). Wir haben es jetzt mit den
Kulturvölkern zu tun. Daß auch bei ihnen Reste naturmenschlicher
Anschauungen auf diesem Gebiete in reichlicher Zahl sich finden,
habe ich gleichfalls schon dargelegt und mitgeteilt. In der Tat ist
im Grunde jedes Nachleben mit irdischem Fühlen, Denken und Bedürfen
an sich naturmenschlich, und nur die hinzukommenden ethischen Motive
und ethischen Veranstaltungen können Kulturelles begründen. So sehen
wir denn auch im allgemeinen rein Naturmenschliches mit Kulturellem
gepaart und gemischt. Drei Hauptanschauungen müssen wir vor allem
unterscheiden. In der einen Anschauung ist der Gestorbene für immer
tot, höchstens, daß er am Ende der Zeit auferweckt wird. Nach der
zweiten kann er als Dämon, Gespenst, Geist usf. aus gewissen Gründen
die Erde noch besuchen. Es handelt sich dann nur um Naturmenschliches,
das wir schon kennen. In der dritten Anschauung stirbt der Mensch
nur, um in anderer Gestalt wieder zu kommen. Das allgemeine Leben
ist kein einmaliges, sondern ein von Ewigkeit her bestehendes
Kommen und Scheiden der Seele, bis zum Eingehen in die letzte Ruhe
(Seelenwanderung, Metempsychose). Das ist dem nächsten Abschnitt
vorbehalten.
Wir betrachten die erste Anschauung und müssen dabei sogleich ein Volk
gesondert behandeln, weil bei ihm die größten Zweifel noch ungelöst
vorhanden sind: die alten ~Hebräer~. Der bekannte Pentateuchausdruck
für das Sterben ist: „Sich zu den Vätern versammeln“. Wie das
animistisch gedeutet werden kann, ist bereits ausgeführt (S. 106).
Sonst finden wir die Angabe, die Seele oder der Geist, Nephesch oder
Ruach, als das von Gott dem Staubgebildeten Eingehauchte, verlasse
den Menschen im Sterben; der Leib werde zur Erde. Der „Prediger“
in seinem Pessimismus sagt: „Allen Lebenden ist Hoffnung, denn es
ist besser um einen lebenden Hund als um einen toten Löwen“. Und er
spricht den Toten jeden Anteil ab „an allem, was unter der Sonne
geschieht“. Selbst den Lohn empfangen sie nicht, „sie wissen nicht das
geringste“. Das wäre also absoluter Tod. Aber wie unsicher sich der
„Prediger“ fühlt, zeigt die Äußerung: „Alles geht an einen Ort, alles
ward aus dem Staube und alles kehrt zurück zum Staube. Wer kennt den
Geist (Ruach) der Menschensöhne, ob er in die Höhe (Maala) steigt,
und den Geist des Viehs, ob er hinuntersinkt zur Erde (Arez)“. Und
diese Unsicherheit finden wir fast überall bei den alten Hebräern. Der
Aufenthaltsort des Toten ist der Scheol, Tachat; aber es ist schon
nicht gewiß, ob wir darin einen Hades, Orcus zu sehen haben oder nur
das Grab des Betreffenden. Das erstere scheint das allgemeinere, doch
sind die Epitheta auf Grab wie auf Totenreich anwendbar: die „Öde“,
die „Verborgenheit“, „einsame Gruft“ usf. Im Hiob, Kap. 10, wird vom
„Land der Finsternis und Todesschatten“ gesprochen, auch vom „Land
des Grauens, ein Dämmerungsdunkel, wo es graut wie Dämmerungsdunkel“.
Im Jesaias werden die „Pforten der Unterwelt“ (Schaare Scheol)
genannt. Und die Toten heißen „Bewohner der Nichtigkeit“. Solche und
ähnliche Angaben deuten wieder mehr auf eine besondere Unterwelt.
Die Geschiedenen werden meist als Rephaim, die Kraftlosen, Matten
bezeichnet oder als Zalmaweth, Schatten, Bilder; letzteres fast
genau den griechischen εἴδωλα entsprechend. Und überhaupt gleichen
diese Anschauungen in merkwürdiger Weise den griechisch-römischen,
ohne die späteren Ausschmückungen. Von Lohn oder Strafe sind in den
alten Schriften keine rechten Spuren zu finden. Bei bewußt- und
empfindungslosen Seelen würden sie auch keine Bedeutung haben. Um
so höher muß man eigentlich Anschauungen einschätzen, wenn sie die
Menschheit Recht, Sitte und Liebe lehren wollen, ohne Drohen mit ewigen
Strafen und ohne Verheißung ewigen Lohnes. Auf Auferstehung der
Toten deuten Aussprüche wie Jesaias 26, 19: „So mögen aufleben deine
Toten, meine Leichen wieder erstehen: Erwachet und jubelt, Bewohner
des Staubes! Denn Tau auf Pflanzen ist dein Tau, aber die Erde wirft
Schatten nieder“. Erst nach der Rückkehr vom Exil scheinen sich die
Ideen von Hölle und Paradies zu bestimmten Anschauungen ausgebildet zu
haben. Schon solche Stellen wie Psalm 17, 15: „Ich aber werde schauen
in Gerechtigkeit dein Antlitz, der Wonne Fülle haben, wenn ich erwacht,
an deinem Bilde“. Psalm 16, 10, 11: „Denn nicht überläßt du meine Seele
(Naphschi) der Gruft (Scheol), lässest nicht deine Frommen schauen die
Grube (Tachat). Den Pfad des Lebens wirst du mir kundtun; Fülle der
Freuden ist vor deinem Antlitz, Wonne in deiner Rechten immerdar“.
Psalm 26, 9: „Raff meine Seele nicht mit Sündern hin, mit Blutmenschen
nicht mein Leben“ u. ä. deuten darauf hin. Man weiß nur von wenigen
Psalmen, wann sie gedichtet sind; manche meinen übertrieben, alle seien
erst nach dem Exil entstanden. Genauere Angaben finden sich in den
Apokryphen und den Pseudepigraphen. In dem zweiten Makkabäerbuch (wohl
kurz vor Christi Geburt geschrieben, vielleicht schon um 100 vor Chr.)
handelt Kap. 7 von dem Martyrium der sieben Brüder, die die katholische
Kirche unter ihre Heiligen aufgenommen hat (die Reliquien werden im
Kölner Dom gezeigt), und dabei von Auferstehung und Leben im Himmel. Im
Kap. 12 wird erzählt, wie Juda’s Leute bei den bei Adullam gefallenen
Juden „unter dem Hemde Zaubermittel von den Götzen aus Jamnia gefunden
hätten“. Um das zu sühnen, sammelte Juda Geld und sandte es als Opfer
nach Jerusalem, „indem er auf die Auferstehung Bedacht nahm. Denn hätte
er nicht erwartet, daß die in der Schlacht Gefallenen auferstehen
würden, so wäre es Torheit gewesen, für Tote zu beten. Sodann zog er
in Betracht, daß dem in Frömmigkeit Entschlafenen der herrlichste
Gnadenlohn aufbehalten sei“. Zwischen 150 vor Chr. und 40 nach Chr.
soll das „Buch der Weisheit Salomonis“ verfaßt sein. Darin heißt es
von den Gottlosen: „Und nicht erkannten sie Gottes Geheimnisse, Noch
hofften sie einen Lohn des heiligen Wandels, Und wollten nichts wissen
von einem Ehrenpreis für makellose Seelen. Denn Gott hat den Menschen
zur Unvergänglichkeit geschaffen. Und ihn zum Bilde seines eigenen
Wesens gemacht. Durch den Neid des Teufels aber kam der Tod in die
Welt. Es erfahren ihn aber die, welche jenem angehören, der Gerechten
Seelen aber sind in Gottes Hand, und keine Qual kann sie berühren.
Nach dem Wahne der Unverständigen scheinen sie tot zu sein“. Nun kommt
etwas, das wie Glaube an Fegefeuer klingt: „Denn wenn sie auch nach
der Anschauung der Menschen gestraft werden, ist doch ihre Hoffnung
ganz von der Unsterblichkeit erfüllt. Und nachdem sie eine kurze Qual
überstanden haben, werden sie große Wohltaten erfahren, denn Gott hat
sie nur geprüft und hat sie seiner würdig befunden“. Das wird noch
weiter ausgeführt, und wie sie zuletzt auch die Heiden richten und über
die Völker herrschen. Es heißt dann: „Die Gottlosen aber werden ihren
Gesinnungen gemäß Strafe erleiden.“ Hier, und noch an anderen Stellen,
haben wir also Unsterblichkeit, Auferstehung, Belohnung nach dem Tode,
Läuterung, Strafe der Sünder. Alle Elemente, aus denen später das
Christentum die gewaltigen Dichtungen von Paradies, Hölle, Fegefeuer,
Auferstehung und Jüngstem Gericht geschaffen hat. Die Unsterblichkeit
ist jedoch noch an die Erfüllung von Gottes Geboten geknüpft. Und schon
im Daniel (vor 100 vor Chr.) heißt es in Kap. 12: „Und viele, so unter
der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, etliche zum ewigen Leben,
etliche zu ewiger Schmach und Schande. Die Lehrer aber werden leuchten
wie des Himmels Glanz, und die so viele Gerechtigkeit weisen, wie
die Sterne, immer und ewiglich“. Bald ist auch die Hölle als Gehinom
bekannt und das jüngste Gericht und ebenso die Totenbrücke (S. 192).
Der Talmud namentlich bildete die Lehren weiter aus. Interessant dafür
ist eine Legende. Ein römischer Kaiser fragte den berühmten Jehuda
Hanassi, wie das wäre; der Körper könne doch ohne Seele nichts, und die
Seele sei doch an sich ohne Leidenschaft; wer büße denn für Missetat.
Da antwortete der Talmudist mit einer Erzählung: Ein König hatte einen
Garten mit herrlichen Früchten und ließ ihn, um ganz sicher zu sein,
von einem Blinden und einem Lahmen bewachen. Aber der Lahme stieg auf
des Blinden Schultern, und indem er dessen Schritte lenkte, kamen
sie an die Früchte und stahlen sie. Wer war schuld? Der Blinde, der
die Früchte nicht sehen oder der Lahme, der nicht zu ihnen gelangen
konnte? Der König erkannte die List und bestrafte beide. „Ganz so wird
es auch Gott beim Jüngsten Gericht machen. Er wird die Seele wieder
in den Körper versetzen, damit sie gemeinsam der Strafe teilhaftig
werden für die Untaten, die sie eben gemeinsam verübt haben.“ Daß die
Bibel Menschen kennt, die weggenommen werden, wissen wir von Henoch
und Elias. Ich habe von dem vielen nur weniges anführen können. Was
steht nicht alles in dem wunderlichen und zum Teil so schönen Buche
Henoch (167-64 vor Chr.), an das die Apokalypse so sehr erinnert! Und
wie vieles in den älteren Büchern noch bis auf Jesaias! Und sicher sind
die späteren Ideen vom Leben nach dem Tode nicht ohne Anhalt an Lehren
der Bibel oder von Werken, die uns verloren gegangen sind, entstanden,
wenn man bedenkt, wie außerordentlich abweisend die Juden gegen
jedes Fremde, namentlich Heidnische, stets gewesen sind, trotz aller
äußerlichen Drangsale. Die Ideen des ~Christentums~ vom Leben nach
dem Tode brauche ich nicht auseinanderzusetzen; wir kennen sie alle,
haben sie in der gewaltigen „Göttlichen Komödie“ und in unzähligen
malerischen Darstellungen.
Ea-bani, Gilgames’ Freund, träumt einen schweren Traum; ein Dämon
führt ihn in die „Behausung der Finsternis, die Wohnung Irkallas (des
Totengottes)“
Nach der Behausung, die man betritt ohne wiederum hinauszugehen,
Nach dem Wege, dessen Bahn sich nicht zurückwendet,
Nach der Wohnung, dessen Bewohner das Licht entbehren,
Wo Erde ihre Nahrung, Lehm ihre Speise;
Bekleidet sind sie wie Vögel mit Flügelkleide
Und das Licht schauen sie nicht, in Finsternis wohnen sie.
Das ist die erste ~babylonische~ Beschreibung der Unterwelt und ihrer
Toten. Und es finden sich in der Unterwelt alle Menschen: Tiarenträger,
Hohepriester und Priesterknechte, Beschwörer und Bettelpriester,
Helden und Feige. Eine fast wörtlich gleiche Beschreibung gibt die
berühmte „Höllenfahrt der Istar“. Die Unterwelt heißt Kurnugea (Land
ohne Rückkehr). Und die Todesgöttin Ereskigal selbst sagt, daß das
Los der Toten bejammernswert ist. Warum Istar die Unterwelt besucht,
ist nicht gewiß; sie erzwingt sich vom Pförtner Einlaß durch die
Drohung, die Tore zu sprengen und die Toten herauszulassen. Auf
Ereskigals Befehl öffnet der Pförtner und soll Istar „gemäß alten
Geboten“ behandeln. Durch sieben Tore muß sie wandeln und an jedem
wird ihr vom Pförtner ein Teil ihres Schmuckes und ihrer Bekleidung
fortgenommen. Als sie vor der Todesgöttin steht, ist sie gänzlich
entblößt. Sie fährt drohend gegen diese auf, wird aber auf deren Befehl
vom Vezier Namtar, der auch Krankheitsdämon ist, eingeschlossen und
mit sechzig Krankheiten behaftet. Da hört alle leibliche Liebe auf
Erden auf und alle Befruchtung und Fortpflanzung. Samas weint darob vor
Sin (Mondgott und Istars Vater) und Ea, und letzterer schafft einen
babylonischen Orpheus, Asusu-namir, einen Spielmann. Dieser soll vor
Ereskigal spielen, bis sie sich erfreut, und dann den Schlauch mit dem
Lebenswasser verlangen. So geschieht’s. Ea’s Geschöpf wird zwar wegen
der angewandten List verflucht, der Niedrigsten Niedrige zu sein.
Aber er erhält den Schlauch, Istar wird vor die Annunaki (Richter in
der Unterwelt) geführt, mit dem Lebenswasser besprengt und aus der
Hölle entlassen. An jedem Tore empfängt sie die ihr dort abgenommenen
Gegenstände. Das Gedicht ist in starker Unordnung, Greßmann meint,
durch Schuld des Abschreibers. Am Schluß steht etwas, das darauf
schließen läßt, daß die Toten auch zur Erde emporsteigen, und zwar in
den Klagetagen des Tamuz (Dumuzi), des babylonischen Adonis, den seine
Schwester Belili (eine Unterweltsgöttin, anstatt Aphrodite) beweint.
Der Unterweltsgott ist Nergal; er ist es in sonderbarer Weise geworden.
Die Götter veranstalten ein Mahl; da Ereskigal die Unterwelt nicht
verlassen darf, soll sie sich das Essen holen. Sie sendet ihren Vezier
Namtar hinauf. Alle Götter erheben sich vor ihm, nur Nergal (Gottheit
alles Schlimmen, der Sonnenglut, des Krieges, der Pest) bleibt sitzen.
Darüber ergrimmt die Todesgöttin und verlangt Nergals Auslieferung,
um ihn zu töten. Nach großem Jammern wird Nergal seinem Schicksal
entgegengesandt. Aber er nimmt sich vierzehn Geister mit und läßt
von jedem ein Tor der Hölle bewachen (hier sind also vierzehn Tore
vorhanden, nicht sieben). Nun stürmt er auf Ereskigal los und will sie
seinerseits töten. Auf ihr Bitten jedoch läßt er sie leben. Sie gibt
die „Tafeln der Weisheit“ (?) in seine Hand und wird seine Gattin, er
wird dadurch Gott der Unterwelt. Nergals Hauptkultort ist Kutha (wie
Marduks Babylon), danach heißt die Unterwelt auch Kutha. Es gibt noch
mehr babylonische Unterweltsberichte, aber neues ist nicht zu ersehen.
Die Unterwelt entspricht etwa dem Hades-Orcus. Totenrichter sind
vorhanden (die Annunaki), ein Totengott und eine Totengöttin herrschen,
eine Schreiberin und Dämonen aller Übel stehen ihnen zur Seite. Alfred
Jeremias sagt: „Die Anzeichen häufen sich, daß die Babylonier mit ihrem
Unsterblichkeitsglauben die Anschauung von einem Strafgericht bzw.
von einer Strafbefreiung nach dem Tode verbunden haben“. Und das ist
wirklich alles, was man einstweilen behaupten kann.
Mehr wissen wir von den ~Ägyptern~. „Pyramidentexte“ (Zaubertexte,
die zwischen 2600 und 2500 v. Chr. in den Grabkammern der Pyramiden
eingegraben wurden, die toten Könige für das Jenseits auszurüsten)
und das „Totenbuch“ (wohl ebenso alt, vielleicht noch älter und dem
gleichen Zwecke dienend) geben Auskunft. Außerdem unzählige bildliche
Darstellungen. Das unterirdische Totenreich ist Amenti, das „Westland“,
oder Achernuti, die „heilige Unterwelt“, oder Aalu, „Schlangenfeld“.
Außerdem ist eine Art Elysium vorhanden, wie Sonnenberg, Am-Sesennu.
Doch kann das Totenreich auch jene Tiefe, untere Welt, Dat, sein. Sie
ist mit Dämonen und Ungetümen erfüllt. Der Tote, der sie von West nach
Ost zu durchwandern hat, muß sich durch alle Gefahren winden, und
besteht sie nur bei richtigem Kult auf Erden für ihn (S. 102). Sein
Geleiter ist Anubis (daher Hermes-Anubis, Hermanubis bei den Griechen).
Dieser hat ihn auch auf der Totenbarke über ein Wasser (entsprechend
dem Acheron) zu fahren. Alle Gegenstände, die der Tote trifft, selbst
die leblosen, muß er auf ihre Anfrage bei Namen nennen (S. 105).
Ist er zu den „Hallen der Wahrheit“ gelangt, so richten ihn Thot
und Anubis. Und Osiris, der eigentliche Herrscher der Tiefe, mit 42
Richtern künden das Urteil. Ein ungünstiges vernichtet den Toten ganz.
Oder es treibt ihn zu Qualen, oder auf die Erde in Tiere, oder in die
Luftregion. Dort wird seine Seele von Stürmen gepeitscht und allmählich
geläutert (also eine Art Fegefeuer). Ein günstiges bringt die Freuden
des Jenseits. Der Tote zieht zum Sonnenberg (S. 181) im Osten (eine
Art Paradies), darf aber überhaupt seine Zukunft beliebig wählen (S.
102 f.). Im Totenbuch heißt es (der Tote spricht): „Ich bin angekommen
in dieser Welt der leuchtenden Geister, nämlich der Götter neben der
Sonnenwohnung“. „Offen stehen mir die Türen des Himmels, offen mir
die Türen der Erde, offen mir die Riegel des Erdgottes Qeb, offen das
erste Haus (die erste Zone des Sonnenlaufes).“ Bekannt ist, daß der
Tote sich mit jeder der Gottheiten identifiziert. „Ihr Vordergötter
reicht mir eure Hände; ich bin nämlich geworden zu dem, was ihr seid.“
In unendlichen Wiederholungen spricht der Tote: „Ich bin Rā“, „ich
bin Tum“, „ich bin Osiris“ usf. und vindiziert sich alle Eigenheiten
des betreffenden Gottes, als sei er selbst dieser Gott. „Ich der Gott
Atumu, ich bin der Seiende. Ich war allein.“ „Ich bin der Lichtgott Rā
in seinen ersten Aufgängen.“ „Ich bin Gott, der Große, das Werden, er
selber.“ „Ich bin der gestrige Tag, ich kenne auch den morgenden Tag,
das ist Osiris.“ Lepsius sagt: „Der Gedanke lag durchgehends zugrunde,
daß der reine und gerechte Mensch zugleich ein Einzelwesen und zugleich
der höchste Gott selber sei, oder nur freiwillig die Existenz und Form
des einzelnen Menschen angenommen habe, mit dessen Tode aber in seine
göttliche Existenz zurückkehre... Der Gerechte würde also nach dem Tode
zum Gotte, er ginge in Gott selbst über.“ Vielleicht eilt das etwas zu
hoch; es entspräche dem Gedankenkreise der doch bei weitem tiefsinniger
und ethischer denkenden Indier.
Wenden wir uns zu den ~Ariern~, so haben die eben genannten ~Indier~
ihr Paradies mit allen Wonnen, ihre Hölle mit allen Qualen aufs
ausschweifendste ausgestattet. Wo die Gefilde der Seligen liegen,
und wo die Orte der Schrecken, ist schon erwähnt (S. 176). Das
höchste Paradies, das rein geistige, ist die Nirvana, von der später
gesprochen wird. Das göttlich-menschliche Paradies ist angefüllt mit
Gandharvenjungfrauen, schöngeformten Asparasen, prachtvollen Blumen und
Bäumen, Eß- und Trinkhäusern; überall Tanz, überall Gesang, Schatten,
Duft. In Sänften, auf Wagen und Elefanten kommen die Seligen zur
Behausung Yamas, des Herrschers, dessen Antlitz schöner als Lotos.
Und viele Paradiese sind übereinander, mit steigender Seligkeit, zu
denen die Menschen nach ihrem inneren Wert schweben. Die Hölle ist
grauenvoller, als die Paradiese schön sich bieten. Sie besteht aus mehr
Abteilungen untereinander als das Paradies übereinander; jeder Art von
Verbrechen ist eine Hölle zugewiesen. Eigenartig berührt es, daß die
Frauen den Männern in die Hölle folgen müssen, ob auch in das Paradies,
weiß ich nicht. Eine hübsche Sage im Krishnajogâras erzählt Wollheim
da Fonseca: „Einst floh eine von Tigern aufgescheuchte Gazelle aus dem
Walde, um ihr Leben zu retten, dem Palaste des Königs zu. Als der Fürst
sie kommen sah, erwachte die Jagdlust, und aufspringend tötete er die
Gazelle rasch mit dem Schwerte. Also brachte der König die bei ihm
Schutz Suchende um. Deshalb ist er mit seiner Gattin von dir (nämlich
dem Totenrichter Yama) zu bestrafen. Darauf ward nun der Fürst samt
seiner Gemahlin in die Hölle gebracht“. Der gleiche Verfasser teilt
auch nach dem gleichen Werke eine Schilderung der Höllenstrafen mit,
die ein erlöster König gibt: Hunger, Durst, Liegen in glühenden oder
umflammten Eisenbetten, Umarmen von Feuersäulen, Besprengtwerden mit
Höllenstein, auf Dornen wandeln, von Blutströmen überflossen werden,
von Tieren fortwährend zerrissen werden sind noch das Mildeste. Dante
hat nichts Schrecklicheres gesehen als jener indische König. Yama ist
der Totenrichter, Tschitraguptas der Toten-Staatsanwalt, Zeugen sind
-- außerordentlich schön gedacht -- Sonne, Mond, Feuer, Äther, Erde,
Wasser, sogar Tageszeiten und Gesetz. Als Diener fungiert Tschandas mit
andern. Die Dauer der Höllenstrafe richtet sich nach dem Verbrechen,
die geringste beträgt 26 Jahre, die längste 800 Millionen Kalpas (zu
432 Millionen Jahre gerechnet), also bei weitem mehr als die Welt
selbst besteht. Eine vorzeitige Befreiung kann „durch Gebet, Opfer und
fromme Spenden der Nachkommenschaft“ (oder anderer) erzielt werden,
was bis zu einem gewissen Grade mit katholischen Lehren übereinstimmt.
Nach Verbüßung der Strafe tritt die Möglichkeit einer Läuterung ein,
indem die Seele eine Wanderung durch Körper unternimmt; sie beginnt
meist mit dem niedrigsten Tier und steigt zum Menschen empor, zunächst
in die verachtetste Kaste, um dann, wenn sie sich in Tugend bewährt, zu
den höheren Kasten und zuletzt in das Paradies (S. 181) zu gelangen.
Doch läutert auch schon ein heiliger Ort. Wie ein Sünderpaar, das aus
der Hölle entlassen zu Heuschrecken wurde und durch einen Sturm in den
Ganges geweht und in diesem so heiligen Wasser ertrunken war, sogleich
in das Paradies einging. Wir kommen darauf zurück. Die Anschauung von
der Hölle (späterer Name Naraka) ist viel jünger als die vom Paradiese.
In dem Rigveda wird nur allgemein von jener gesprochen, als von einem
tiefen Ort, dem Orte der niederen Finsternis, der Grube (Karta).
So heißt es IX, 73: „Der weise Hüter des Gesetzes läßt sich nicht
hintergehen, er hat Krinigar (das Gewissen) ins Herz gelegt; wissend
sieht er auf alle Dinge und schleudert die Bösen und die Ruchlosen in
die Grube“. Auch von dem Verschlungenwerden durch einen Wolf oder von
vieräugigen grauen Hunden nach dem Tode ist die Rede. Ebenso allgemein
sprechen die Upanishaden: „Es gibt in der Tat jene unseligen Welten,
welche in dichte Finsternis gehüllt sind; Menschen, die unwissend,
nicht erleuchtet sind (also Frevler), gehen nach ihrem Tode zu diesen
Welten“. Von Interesse ist, daß hier auch der Totenweg erwähnt sich
findet, der später als Brücke bezeichnet wird, also Totenbrücke ist.
„Derselbe Pfad führt entweder zu den Göttern oder zu den Vätern. Auf
beiden Seiten brennen immerdar zwei Flammen; sie versengen den, der
verdient versengt zu werden, und lassen den vorübergehen, der verdient
vorüberzugehen.“
Die Jenseitslehre, Eschatologie, der Indier ist mit dem obigen bei
weitem nicht abgeschlossen, wir werden ihr bald wieder begegnen. Die
der ~Eranier~ stellt sich relativ einfach dar. Drei Nächte verweilt
die Seele bei dem Körper zu seinen Häupten; in Lust und Wonnen, wenn
der Geschiedene gerecht gelebt hat, in Übelbefinden und Abscheulichem,
während der Dev Vajis, der Höllenwächter, sie ständig mit Schrecken
ängstigt, bei dem Ungerechten. Dann geht es auf gefahrvollen Wegen
zu der noch gefahrvolleren Cinvatbrücke, der Totenbrücke (S. 176).
Dort wird die Seele von Roshnu, dem Gerechten, nach ihrem Übeltun und
Wohltun gewogen. Für die gutbefundene Seele weitet sich die Brücke
viele Speerbreit, und jene geht ein nacheinander in die vier Paradiese
der guten Gedanken, guten Worte, guten Taten, endlosen Lichter, und
bleibt im letzten vor Ahuramazda in ewiger Freude. Die Seelen der Guten
(Ferver, Fravardin, Fravashi) sind die Helfer Ahuramazdas im Kampfe
gegen das Böse. Der Gott sagt zu Zarathustra (im Fravardin Yasht):
„Wenn die starken Schutzengel der Tugendhaften mir nicht Beistand
leisten würden, dann würden Vieh und Menschen, die beiden letzten der
hundert Klassen von Wesen, für mich nicht mehr existieren, dann würde
des Teufels Macht, des Teufels Ursprung beginnen, die ganze lebendige
Schöpfung würde dem Teufel gehören“. Eine so hohe aktive Bedeutung
haben die Guten. Den Schlechten zieht sich die Brücke fadenbreit
zusammen und sie stürzen in die Hölle. Der Dämon Vizaresha schleppt sie
dahin. Die Totenbrücke ist vom späteren Judentum und wahrscheinlich
auch von den Arabern übernommen. In einem hebräischen Werke des 10.
Jahrhunderts, das aber, wie Max Müller sagt, „Bruchstücke viel älteren
Datums enthält“, heißt es: „In dieser Stunde (des Jüngsten Gerichts)
ruft Gott die Götzen der Völker ins Leben zurück, und er sagt: ‚Jedes
Volk gehe mit seinem Gott über die Brücke des Gehinom, und wenn sie
über dieselbe gehen, so wird sie ihnen wie ein Faden erscheinen und sie
fallen in das Gehinom hinunter‘.“ Diese jüdische Ansicht soll nicht
von den Mohammedanern entlehnt sein, also wohl von den Persern. Die
Eranier kannten auch ein jüngstes Gericht und eine ~Auferstehung~,
~Apokatastase~, die mit dem Weltende (S. 166 f.) verbunden wird. Die
Auferstehung beginnt mit den Urwesen, Urmenschen und dauert 57 Jahre.
Sie ist eine körperliche: „Von der Erde werden die Knochen, vom Wasser
das Blut, von den Bäumen die Haare, vom Feuer der Lebenshauch, wie sie
in der Schöpfung ergriffen worden sind, zurückgefordert“. Die Seelen
erkennen die wieder aufgebauten Körper. Dann werden die Frommen von
den Gottlosen getrennt. Jene kommen in den Himmel, diese erleiden drei
Tage und drei Nächte körperlich in der Hölle Strafe. Darauf werden
alle Sünder in den durch den Weltbrand geschmolzenen Metallen (S. 166)
gereinigt. Die Frommen sollen die Schmelze nur wie warme Milch fühlen,
die Gottlosen aber wie glühende Schmelze. Und alles lebt vor Ahuras
Angesicht. Die Weltschlange Dahaka geht in der Schmelze unter, Ahriman
stürzt in die Tiefe. Ein allgemeines Opfer leitet die neue selige Zeit
ein. Jedenfalls haben wir es mit einem Unsterblichkeitsglauben zu tun.
Was Xenophon dem hinscheidenden Kyros in den Mund legt: „Mag ich nun
bei der Gottheit oder nichts mehr sein“, ist nicht persisch gedacht,
sondern griechisch-philosophisch.
Die Anschauungen der ~Griechen~ und ~Römer~ von Unterwelt und Paradies
sind so bekannt, daß nur das Bedeutendste gesagt zu werden braucht.
Daß sie bis zu einem gewissen Grade den Anschauungen der Hebräer
gleichen, habe ich schon hervorgehoben (S. 183). Jedenfalls sind sie
im allgemeinen unerfreulich und wenig von ethischem Geiste getragen.
Vergehen gegen die Götter und Wohltun gegen die Götter spielen eine bei
weitem größere Rolle als Böses gegen die Menschen und Gutes gegen sie.
Indessen büßen die Danaiden doch für Gattenmord, und heißt es von dem
milden Menelaos in der Odyssee:
Doch dir ist nicht geordnet, du göttlicher, o Menelaos,
Im roßweidenden Argos den Tod und das Schicksal zu dulden,
Nein, dich führen die Götter dereinst an die Enden der Erde,
Zu der elysischen Flur, wo der bräunliche Held Rhadamanthys
Wohnt und ganz mühelos leben die Menschen;
Nimmer ist Schnee da, noch Winterorkan, noch Regengewitter;
Ewig weh’n die Gesäusel des leis anhauchenden Westes,
Die Okeanos sendet, die Menschen säuselnd zu kühlen.
Maßvoll wie der Grieche immer ist, sind auch seine Höllenstrafen
nicht so übertrieben und seine Paradiesesfreuden wesentlich Ruhe und
sorglose Bequemlichkeit. Doch kommen Menschen auch zu den Göttern
in den Olymp, steigen zu der Höhe der Halbgötter (es genügt, an
Herakles zu erinnern) oder werden als Gestirne an den Himmel versetzt.
Andererseits kennen die Griechen eine besondere Hölle sogar für Götter,
den Tartaros (S. 172). Eine Art Vorhölle ist die Asphodeloswiese, auf
der die Nichtschlechten = Nichtguten schattenhaft irren (S. 172).
Daß Menschen aus der Unterwelt auch zum Leben zurückgeführt werden
können, beweist das Beispiel der Alkestis. Bei Eurydike mißlingt dieses
nur durch Orpheus’ Unvorsichtigkeit. Erst spätere Zeit faßte das
Nachleben vom ethischen Standpunkte auf. Pindar hat viele Anspielungen
darauf. Seltsam berührt darunter die Behauptung, daß Menschen,
welche unglücklich gelebt haben, und doch rechtlich geblieben sind,
nach achtjähriger Läuterung im Hades von Persephone zur Welt wieder
entlassen werden, um dort starke, kluge und glückliche Regenten zu
werden. Das alles gehört zur Unsterblichkeit der Seele, die übrigens
Pindar auch ausspricht, und von der ja auch so viele Griechen überzeugt
waren. Aber darauf kommen wir noch zurück. Die Mysterien scheinen
wesentlich den Eingeweihten Hoffnung auf ein frohes Jenseits geboten
zu haben. Aussprüche von Platon, Sokrates, Cicero und anderen deuten
darauf hin. Polygnotos soll in Delphoi die Unterwelt dargestellt
haben. Trotz allem ist die Haltung der Griechen in der Frage der
Unsterblichkeit eine schwankende, selbst wenn wir von gewissen
überhaupt alles verneinenden Philosophen absehen. Oft schrumpft die
Unsterblichkeit zu dem bildlichen Bleiben des Ruhmes usf. zusammen.
Aber gewaltige Verfechter der Unsterblichkeit haben wir in Pythagoras,
Pindaros, Sokrates, Platon u. a., selbst in den Naturphilosophen (S.
231 f.).
Die Römer haben manche Anschauung von den ~Etruskern~ übernommen. Diese
aber müssen eine Unterwelt voll Schauern gehabt haben, wie wir aus
den Bildern ihrer Grabkammern schließen können, in denen entsetzliche
Dämonen mit Schwertern, Hämmern, Feuerbränden u. a. die Toten
verfolgen, und aus der zahlreichen Schar ihrer Unterweltsgottheiten.
Ich darf auf das so schöne Werk von Dennis, „Cities and Cimeteries
of Etruria“ und auf das von K. O. Müller „Die Etrusker“ verweisen.
Wir wissen aber von der eigentlichen Religion der Etrusker gar zu
wenig und das Wenige gar zu unsicher, da dieses Volk so auffallend
vieles von den Griechen übernommen hat, selbst Namen der Gottheiten
(wie Aplu für Apollon). Mantus und Mania sollen Pluton und Persephone
entsprechen, Charun ist Charon. Vieles ist rein naturmenschlich; und
naturmenschlich, zum Teil mit allen Greueln, war auch der Totenkult.
Ich weiß nicht, wo ich einmal gelesen habe, daß Dante seine furchtbare
Phantasie in der Ausmalung der Hölle seiner toskanischen Abstammung
zu verdanken habe. Das Elysium der Etrusker scheint im ungestörten
Genuß der Lebensfreuden -- namentlich Tafelfreuden sind dargestellt --
bestanden zu haben.
Der Orcus des synkretistischen ~Römers~ ist bald die Unterwelt, bald
der in schrecklicher Gestalt angenommene Todesgott. Wenn man an den
griechischen Todesgott, Thanatos, an den milden Bruder des Schlafes
denkt, wird man kaum umhin können, die an Orcus sich knüpfenden
Schauer als aus Etrurien überkommen anzusehen. Rom war ja eine
Zeitlang in Etruskischer Abhängigkeit, fast etruskische Bundesstadt.
Dis pater und Proserpina sind die römischen Pluton und Persephone.
Die Menschenopfer, die in Latium dem Dis (auch dem Saturn, Vater des
Dis), ebenso noch anderen Unterweltsdämonen, gebracht wurden und die
Herkules durch Opfer von Bildern, Puppen, Mohnköpfen usf. abgelöst
haben soll, würden vielleicht auch auf etruskische Rechnung zu setzen
sein, wenn die Römer und Griechen nicht überhaupt Menschenopfer geübt
hätten (S. 97). Indessen soll in der Tat Dis pater oder Vatis eine
etruskische Unterweltsgottheit gewesen sein, wie auch die etruskische
Mania den Römern als Unterweltsgottheit diente. Von den Geistern der
Verstorbenen habe ich bereits gesprochen (S. 97 f.). Alles andere ist
fast ganz den griechischen Anschauungen nachgebildet, wenn es nicht
überhaupt graeco-italischer Gemeinbesitz war. Die Unterweltsfahrt
des Äneas bei Virgilius weicht, trotz der Nachahmung derjenigen des
Odysseus, von dieser in manchen Beziehungen ab; der späte Dichter wird
vieles hinzugeklügelt haben, um seine Erzählung mit neuem Schmuck zu
durchwinden. Und Virgil ist der Führer Dantes, so weit er als Heide
gehen darf, bis er von der Engelsgestalt der Geliebten Beatrice
abgelöst wird. Virgils Paradies ist also auch nicht unser Paradies,
sondern das griechische, seine Hölle hat aber einige Züge zu Dantes
Hölle geliefert. Lucanus, der Dichter der Pharsalia, soll einen
wirklichen Teufel der Unterwelt gekannt haben, einen Beelzebub.
Die Unterwelt, das Niflhel der ~Germanen~, Hels Nebelreich mit den
Giftströmen kennen wir bereits (S. 173). Nastrand, Leichenstrand, heißt
diese Welt auch.
Einen Saal sah ich stehen, der Sonne fern,
Auf Nastrands Flur; nordwärts stehen die Türen,
Es fallen Gifttropfen hinein durchs Fenster;
Dieser Saal ist geschmückt mit Schlangenhäuten. --
Da sah ich waten durch schlammige Ströme
Meineidige Männer und Mordgesellen
Und die eines andern Geliebte verführten,
Da saugt Nidhoggr die Leichen der Toten,
Es zerfleischt der Wolf die Männer.
Ähnlich sind andere Schilderungen. Die Totenherrscherin Hel, auch
Hellia, ist Tochter Lokis und der Schwester des Fenriswolfes und
einer „ungeheuren Schlange“. Und nichts gibt sie zurück, was ihr
zukommt. Selbst die Götter können ihr niemand entreißen, Baldr war
ihr verfallen. Übrigens wird die obige Schilderung der Voluspa schon
von christlichen Elementen durchsetzt sein. Spätere Sagen schmücken
Hel und Hels Reich weiter mit Furchtbarem aus. Hel ist halb schwarz
halb weiß; was sie besitzt, drückt unersättliche Gier aus. Zu ihrem
Reich führt nach neun Tagen Weges, der durch dunkle, tiefe Täler
geht, die die Dunkelelfen bewohnen, über den Fluß Giöll eine mit Gold
gedeckte Brücke, die eine Jungfrau Modgudhr, Seelenkampf, bewacht.
Den Fluß Giöll stellt Jakob Grimm mit der Lethe in Parallele. Die
Toten fahren oder reiten hin. So haben wir eine wirkliche Höllenfahrt
der Brunhild, und auch ein „Helreidr“ dieser Walküre, und das
Sternbild der Wagen (der große Bär) soll zuweilen Helwagen heißen.
Hel bedeutet übrigens die Göttin wie den Ort, was auch bei Hades und
Orcus der Fall ist. Die ursprüngliche Anschauung von diesem Reich
wird wohl einfach die eines Nebellandes gewesen sein, ähnlich der
homerischen vom Hades, eines Aufenthaltes der Toten allgemein, da
selbst Gottheiten hinziehen wie Baldr und Brunhild. Die Hölle wird
sogar als Herberge, Gasthaus, Valhöll, bezeichnet. Doch scheint die
Absonderung der auf dem Schlachtfelde gefallenen Helden zum Aufenthalt
im Göttersaal Odins, in Walhall, gleichfalls alt zu sein. Später
sind die Fürsten noch hinzugefügt, wovon schon die Vala in der Edda
spricht. Einen eigentlichen Todesgott hatten die Germanen nicht. Doch
sendet Odin seine Walküren in die Schlacht, die gefallenen Helden zu
ihm zu geleiten. Daß Wasser- und Meergeister, wie die Meergöttin Rân,
Menschen in den Tod ziehen, ist ein naheliegender Gedanke. Der Tod als
tötende Person ist eine späte Anschauung des Christentums; der ihm
gleichbenannte griechische θάνατος nimmt nur die Toten an sich. Und so
sind auch unsere so ergreifenden Totentänze ohne Beispiel im Altertum.
Ebenso ist der Höllenfürst eine späte, vielleicht dem Parsismus unter
Vermittlung des Judentums entnommene Anschauung (S. 149 f.). Aus allem
aber ist zu ersehen, daß die Germanen, wenn nicht eine allgemeine,
doch mindestens eine partielle Unsterblichkeit kannten. Und es ist
bemerkenswert, daß die Walhall bewohnenden Helden fast die Aufgabe der
eranischen Fravarshis (S. 192) haben, der Gottheit im letzten Kampfe
beizustehen.
Von der ~slawischen~ Eschatologie weiß ich nichts zu sagen, bis
auf das schon erwähnte Naturmenschliche (S. 85 f.).
Den ~Kelten~ werden Anschauungen beigemessen, die denen der Indier von
der Seelenwanderung entsprechen. Gewährsmann ist freilich Cäsar. Wir
haben davon schon gehandelt (S. 94), und kommen darauf noch zu sprechen
(S. 216).
Wir kehren nach Asien zurück, um nur noch einiges zu behandeln. Der
heidnischen ~Araber~ Anschauungen waren rein naturmenschliche. Mohammed
jedoch hat unter dem Einfluß des Judentums und Christentums eine Hölle
und ein Paradies gelehrt; zwischen beiden einen Damm, auf dem sich
die Nichtschlechten = Nichtguten befinden, wie das Christentum eine
Hölle für die guten Heiden besitzt. So heißt es in Sure VII, Vers
39 ff. des Korans von der Sünde: „Ihnen sei Dschahannam, der Pfuhl,
und über ihnen seine Decken (aus Feuer), und also belehren wir die
Sünder“. „Diejenigen aber, welche glauben und das Rechte tun -- nicht
belasten wir eine Seele über Vermögen -- jene sollen des Paradieses
Gefährten sein und darin ewig verweilen.“ „Und zwischen ihnen ist eine
Scheide; und auf den Wällen sind Männer, die Alle an ihren Merkmalen
erkennen (die Höllengefährten sind schwarz, die Paradiesesgefährten
weiß); und sie rufen den Paradiesesgefährten zu: ‚Friede sei auf
euch‘, sie können es aber nicht betreten, wiewohl sie es begehren.
Und so ihre Blicke zu den Gefährten des Feuers gewendet werden,
sprechen sie: ‚Unser Herr, bring uns nicht zu den Ungerechten‘.“ Der
Koran kennt auch eine Auferstehung. Die Überlieferung, Sunna, hat
Mohammeds Lehren viel interpretiert und näher ausgeführt. So wird der
Tote schon im Grabe von Munkir und Nakir unter Folterung verhört.
Der dabei Rechtbefundene verbleibt in Ruhe und atmet Paradiesesluft,
der Sünder wird mit Keulen geschlagen und mit dem Grabe zerdrückt
(Eranische Sage S. 192). Am Tage des Jüngsten Gerichts wird vom Engel
Israfil die Posaune des Schreckens und die des Gerichts geblasen, da
vergeht zunächst alle noch lebende Kreatur. Nun versammeln sich alle
Seelen und gewinnen jede ihren Körper wieder, Mohammed erscheint an
ihrer Spitze. Gabriel hält eine Waage mit Schalen: Paradies und Hölle;
Keiner kann dem Anderen helfen, Jeder muß für sich allein stehen.
Gnade waltet nicht, nur Gläubigkeit und gute Taten entscheiden. Die
Ungläubigen verfallen überhaupt ewig der Hölle und Pein. Den Gläubigen
wird die Strafe nach Maß der Sünden bemessen. Nun müssen die Seelen
die Totenbrücke Serat beschreiten, sie ist scharf wie ein Messer und
heißer als Feuer. Sie spannt sich über dem Höllenschlund von der Erde
zum Himmel. Jeder Ungläubige und Sünder stürzt hinab. Mohammed mit den
Gläubigen und Rechtschaffenen überschreiten sie, denn ihnen breitet
und kühlt sie sich, während Engel zu beiden Seiten mit den Flügeln den
Abgrund verdecken. Im Himmel aber wird der Platz nach der Würdigkeit
zuerteilt. Der Gedanke der Totenbrücke ist höchst poetisch und von
Rückert in diesem Sinne bearbeitet. Er ist aber sicher, wie namentlich
die Einzelheiten zeigen, den Persern entnommen (S. 192). Die Hölle
hat sieben Stockwerke: je eines für milde Strafen der Mohammedaner
und für die Juden, zwei für Christen und eine gewisse Sekte von
ihnen, je eines für die Feueranbeter (Parsen), für Götzenanbeter, für
Ungläubige und Heuchler aller Religionen. Nur im obersten Stockwerk ist
die Strafe endlich, in allen anderen Stockwerken währt sie ewig. Vom
Paradies sagt schon Mohammed in der Sure LXXXIII des Koran: „Siehe, die
Gerechten werden wahrlich in Wonne sein. Auf Hochzeitsthronen (sitzend)
werden sie ausschauen. Erkennen kannst du auf ihren Angesichten den
Glanz der Wonne. Getränkt werden sie von versiegeltem Wein, dessen
Siegel Moschus ist -- und hiernach mögen die Begehrenden begehren --
und seine Mischung ist Wasser von Tasnîm, eine Quelle, aus der die
Allah Nahestehenden trinken.“ Dieses ist dann mit aller derjenigen
glühenden Sinnlichkeit ausgeschmückt worden, die so großen Eindruck auf
naturmenschliche Gemüter macht und so außerordentlich zum erstaunlichen
Erfolg des Mohammedanismus beigetragen hat.
Der ~Chinesen~ naturmenschliche Anschauung vom Nachleben und Jenseits
ist schon geschildert (S. 120 f.). Ob Konfucius ihr huldigte, ist
nicht gewiß. Er gebrauchte Fragenden gegenüber Ausflüchte. Wenn er
jener Anschauung zustimme, fürchte er, daß die Menschen über der
Pflege der Seele der Verstorbenen ihre eigene Seele vernachlässigen
möchten; wenn er ihr widerspreche, müsse er besorgen, daß die schöne
Pietät gegen Verstorbene verloren gehe. So ist denn auch oft behauptet
worden, daß die Lehre des Konfucius an sich nur das Diesseits betreffe,
nicht Strafe noch Lohn im Jenseits drohe und verspreche. Die Lehre
des edleren und geistigeren Lao-tsse ist mehr philosophisch und geht
auf eine schließliche Vereinigung mit dem Allgeist Tao (S. 220).
Aber Paradies und Hölle scheint sie gleichfalls nicht zu kennen. Die
Glückseligkeit beruht für den Guten in der Ruhe, mit der er dem Tode
entgegensieht, die Strafe des Bösen in der Angst vor dem Tode. Also
Paradies und Hölle hat jeder in sich, was ja auch die Ansicht sehr
vieler höchstgeistigen Europäer ist. Die Eschatologie der ~Japaner~
wird trotz ihres schönen Göttersaales kaum eine andere sein. Von der
Eschatologie der ~amerikanischen Kulturvölker~ ist mir, abgesehen vom
Naturmenschlichen, schon Mitgeteilten (S. 124 f.), nichts bekannt
geworden.
Der Rundgang zeigt, daß, bei aller Ähnlichkeit der Grundideen auf
der Erde, im einzelnen zwischen den Kulturvölkern doch erhebliche
Verschiedenheiten vorhanden sind. Selbst so nahe Stämme wie die
Indier und Eranier, die Hebräer und Babylonier weichen in ihren
Anschauungen über das Nachleben gar sehr erheblich ab. Und andererseits
bestehen Übereinstimmungen zwischen so fernen Völkern wie Hebräer und
Griechen-Römer. Nur das Gefühl von Unsterblichkeit der Seele, von Lohn
und Strafe findet sich fast überall. Hier mehr, dort weniger deutlich,
hier real, dort geistig gedacht, immer aber nach dem Leben beurteilt
und in den höchsten Religionen oft nicht viel anders aufgefaßt als
in den für uns niedersten. Einbildung auf seine Kultur ist nirgends
weniger angebracht als hier.