21. ~Leben und Gottheit.~

Die ~Anschauung vom Leben~ richtet sich nach dem Grade der Freiheit

Gott oder den Göttern gegenüber und nach dem Grade des Vertrauens. Die

arischen Stämme scheinen noch am wenigsten abhängig von ihren Göttern

gewesen zu sein, aber wohl auch am wenigsten vertrauend auf sie. Aus

ihrer Mitte ist der Buddhismus hervorgegangen, in dem die Götter, wenn

ihr Dasein nicht geleugnet wird, doch als sehr geringwertig für die

Menschen angesehen werden. Hier gilt der extremste Grundsatz nach einer

Seite hin; das Leben des Menschen ist bestimmt durch ihn selbst, er ist

selbst Meister seines Geschickes (S. 211 ff.).

Fünf Gesichtspunkte sind es vor allem, nach denen das Leben mit seinen

inneren und äußeren Vorgängen beurteilt wird: ~Zufall~, ~Freiheit~,

~Fürsorge~, ~Vorausbestimmung~, ~Zwang~. Die genaue Untersuchung

dieser Gesichtspunkte gehört in die Metaphysik und Ethik. Auch

entfallen hier, wo wir von den aus der Religion fließenden Anschauungen

sprechen, der erste und fünfte Gesichtspunkt; es bleiben nur die drei

mittleren Gesichtspunkte, und sie setzen das Verhältnis des Menschen

zur Gottheit fest. Wenn bei religiöser Anschauung Willensfreiheit

herrschen soll, so muß Verantwortlichkeit gegen die Gottheit bestehen.

Der Egoismus führt dann auch zu Anforderungen an die Gottheit. Beide

können mit dem Leben abgetan sein, oder auch sich über das Leben hinaus

fortsetzen. Im ersten Falle hat der Mensch alles Unheil, das ihn im

Leben betrifft, als Strafe für freiwillige Missetat zu betrachten,

alles Gute als Belohnung für Wohlverhalten. Das letztere nimmt er

meist ohne zu danken hin; er wird immer irgendeine schöne Tat finden,

für die er Belohnung glaubt sich erwarten zu dürfen. Denn das rein

ethische Wohltun aus Trieb der Seele und Freude daran ist gar selten

und schaltet eigentlich die Gottheit aus. Aber eine Strafe sieht der

Mensch nicht immer als verdient an. Dazu gehört wahre, herzensinnige

Frömmigkeit und Zerknirschung, wie wir sie in den Hymnen, Psalmen und

Kirchenliedern oft so ergreifend ausgedrückt finden. Hier vermischt

sich die Anschauung mit der von der Fürsorge der Gottheit für den

Menschen. Das Leben wird der Gottheit vertrauensvoll überlassen. Was

diese bietet, wird in Demut angenommen, was sie verhängt, in Demut

ertragen; vielleicht als Belohnung, vielleicht als Buße, immer aber

als Ratschluß des Höchsten, der schon weiß, warum. Ich brauche aus dem

Monotheismus keine Beispiele anzuführen. Aber auch der Polytheismus

kennt solche Anschauungen:

Zeus, wer du auch seist, Hoher, Unerforschlicher,

Ob Geist der Menschen, ob Naturnotwendigkeit,

Ich fleh dich an; denn du lenkst auf stiller Bahn

Hinwandelnd, alles Menschenlos zum rechten Ziel.

ruft die unglückselige Hekabe bei Euripides aus. Ähnlich heißt es in

dem schönen babylonischen Klagelied an Istar:

Du schaust auf den Unglücklichen und Zerschlagenen,

Leitest ihn täglich rüstig.

Damit in Verbindung steht dann die für alle Religion so absolut

notwendige Anschauung, daß die Gottheit sich erbitten läßt, unverdiente

Gnaden erweist, verdiente Strafe erläßt. Im Polytheismus wird sogar

eine Gottheit gegen die andere angerufen. In jenem Istar-Liede sagt der

Flehende:

Löse meine Brust und schaffe mir Fülle!

Lenke meinen Schritt, daß ich

Froh und frei mit den Lebenden die Straße ziehe!

Gib du Befehl, daß auf deinen Befehl der erzürnte Gott wieder gut

werde,

Daß die Göttin, die sich zürnend abgewandt, wieder gut werde.

So wird Istar auch der „Stern der Klagen“ genannt, und dieses trotz

der Schilderung ihrer willkürlichen, absoluten Übermacht, die

Freunde verfeindet und auf dem Schlachtfelde herrscht. Seltsam,

mehr wunderlich, klingt die fast stehende Versöhnungsformel an die

Gottheiten, daß „ihr Herz sich beruhigen möge“ oder „sie selbst sich

beruhigen mögen“, wie überhaupt die babylonischen Texte soviel von der

Unruhe der Gottheiten sprechen, ja von ihrem Lärmen, wodurch auch so

viel Kampf und Streit zwischen ihnen entsteht; so der kosmogonische

Kampf Apsus und Tiamats gegen sie. Vielleicht treffen unsere

Übersetzungen nicht den richtigen Sinn. Es sind auch Kollektivlieder

für jede beliebige Gottheit gedichtet und bekannt. Wenn der Mensch

sein Wohlverhalten dem Gotte vor Augen stellt, so geschieht das nicht

selten in der Weise, daß er sagt, die und die Sünde hätte er nicht

begangen. Das 125. Kapitel des ägyptischen Totenbuches ist dafür sehr

charakteristisch. Die Vorschrift lautet: „Was NN (als Toter) spricht,

wenn man zur Halle der beiden Wahrheiten (S. 189) gelangt, nachdem NN

sich losgemacht hat von allem Bösen, das NN getan hat, um das Antlitz

aller Götter zu schauen“. Und nun kommen die Bekenntnisse. „Ich habe

nicht falsch gehandelt gegen die Menschen“ usf. Dreiundsechzig solche

negative und kaum zehn positive, unter den letzteren freilich das so

schöne:

Ich habe dem Hungernden Brot gegeben,

Und dem Dürstenden Wasser,

Und dem Nackten Kleider.

Andere Völker sind ähnlich verfahren. Bei allen aber werden nicht

selten Zweifel an der Hilfe der Gottheit geäußert, entweder weil

diese dem Menschen zu fern steht und sich um ihn nicht kümmert, oder

weil der Mensch sich zu niedrig dünkt Gott gegenüber. Wie oft ist dem

letzteren Gefühl in Psalmen, aber auch in den anderen Schriften der

Bibel Ausdruck verliehen: „Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest“

usf. Bei den Ariern finden wir mehr den Zweifel an dem Wollen der

Gottheit; Euripides bietet eine Menge von Beispielen. Hekabes Ausruf:

„Ihr Götter! Zwar unnütze Helfer seid ihr uns; doch ist es tröstlich

anzuflehen die Himmlischen, wenn unsereinen heimsucht das Mißgeschick“,

gehört noch zu den mildesten.

Weit verbreitet ist sogar die Anschauung von der Gottheiten „~Neid und

Mißgunst~“ gegen die Menschen. Wie sie untereinander Neid und Mißgunst

hegen und dadurch zum Kampf gegeneinander getrieben werden, daß ein

Göttergeschlecht das andere stürzt, hat in furchtbaren Worten Aischylos

im Prometheus geschildert. Dann wie die Gottheiten nach Willkür

herrschen, ganz wie Tyrannen auf Erden:

Ach, neue Herrn sind im Olymp

Am Ruder jetzt; neuem Gesetz gemäß regiert

Ohne Gesetz Zeus jetzt.

Das früher Gewaltige jetzt vertilgt er’s.

Und dann:

Auf die armen Menschenkinder nahm

Er keine Rücksicht; ganz zu vertilgen ihr Geschlecht,

Ein anderes neues dann zu schaffen, war sein Plan.

Prometheus, der dies von Zeus sagt, rettet die Menschen. Das steht

nicht fern von der Art wie Ellil bei den Babyloniern verfährt, daß

Ea wenigstens für wenige Retter sein muß. Namentlich erregt Glück

den Neid der Götter. Und wer etwa sich darin überhebt, muß es schwer

büßen. Niobes Tragödie spricht noch jetzt zu uns aus den herrlichen

und rührenden Darstellungen, die wir bewundern. Selbst die Bibel hat

Anklänge, daß Gott dem Menschen nicht alles gewähren will, wie in der

Paradiessage und in der Sage vom Turmbau zu Babel. Doch tragen solche

Erzählungen auch den Stempel der Erklärung für Erscheinungen im Leben

der Menschheit. Warum der Mensch mühselig sein Leben verbringt, warum

er stirbt, warum er so zerstreut und vielsprachig auf Erden weilt.

Andere Völker haben aus gleichem Grunde andere Sagen erfunden.

So ist die Freiheit des Menschen doch keine unbedingte und die Fürsorge

der Gottheit keine vollkommene. Darum ist es dem Menschen auch ein

vertrauter Gedanke, daß er über sich überhaupt nicht zu bestimmen

habe, daß, wie seine Geburt, so auch sein ganzes Leben durch die

Gottheit vorausbestimmt ist und sein Tod. Was ihm Gutes zukommt, was

ihn Böses berührt, hat die Gottheit schon vorgewirkt. Dieses entweder

absolut oder relativ (vom Schicksal S. 136 ff.). Wie weit die absolute

Vorausbestimmung geht, sehen wir in dem grämlichen „Prediger“: „Denn

auch daß ein Mensch esse und trinke und Gutes genieße für alle seine

Mühe, ist eine Gabe Gottes. Ich weiß, daß alles was Gott tut, das wird

ewig sein, hinzuzufügen ist nichts und davon zu nehmen ist nichts, und

Gott tat es, daß sie sich fürchten vor ihm.“ „(Ich weiß) daß, was den

Menschensöhnen begegnet und was dem Vieh begegnet einerlei Begegnis für

beide sei; wie der Tod dieses, so der Tod jener, und einerlei Geist in

allem, so daß der Vorzug des Menschen vor dem Viehe nichts sei, denn

alles ist eitel.“ Daraus folgt dann das berühmte: „Nichtigkeit der

Nichtigkeiten, alles ist nichtig.“ So scharf wie im „Prediger“ findet

sich der Pessimismus freilich selten ausgesprochen, außer etwa bei

Philosophen. Aber über Gebundenheit und Machtlosigkeit klagt der Mensch

überall.

Die Verzweiflung führt dann zunächst zu der ~Lebensweisheit der

Unbekümmertheit und des Genießens~. Im „Prediger“ wird sie fortwährend

empfohlen: „Siehe, was ich gesehen habe, das ist gut, daß es schön

ist, zu essen und zu trinken und Gutes zu sehen für alle seine Mühe,

die er sich müht unter der Sonne die Zahl seiner Lebenstage, die Gott

ihm gegeben, denn das ist sein Teil.“ „Am Tage des Glückes fühle

dich glücklich, und am Tage des Unglückes sieh’s an.“ „So preise ich

die Freude, daß nichts gut ist für den Menschen unter der Sonne als

zu essen und zu trinken und sich zu freun.“ „Denn so viele Jahre

der Mensch lebt, ihrer aller freue er sich und gedenke der Tage der

Dunkelheit, daß ihrer viele sein werden; alles was kommt ist nichtig.“

Gemildert werden diese Lehren durch die ethische Auffassung, daß die

Freude ein Entgelt für die Mühsal ist, die der Mensch tragen muß, und

daß bei allem der Mensch doch nichts Böses tun darf, sondern Gutes

wirken muß. Eine Tradition schrieb den „Prediger“, selbstverständlich

mit Unrecht, König Salomo zu. Die Azteken hatten im König

Netzahualcoyotl (1470) einen ähnlichen Salomo: „Allen irdischen Dingen

ist ihr Ende bereitet. Inmitten der fröhlichen Laufbahn ihres Glanzes

und ihrer Eitelkeit geht ihnen die Kraft aus und sie werden zu Staube.

Das ganze Erdenrund ist nichts als ein Grab, und alles, was darauf

lebt, wird einst darunter begraben werden. Die Dinge von gestern sind

heute nicht mehr und die Dinge von heute werden vielleicht schon morgen

nicht mehr sein. Die einst auf Thronen gesessen, Versammlungen gelenkt,

Heere befehligt, Länder erobert, göttliche Verehrung gefordert, der

Macht der Herrschaft, dem Ruhm nachgejagt haben, wo sind sie jetzt?

Verschwunden mit all ihrer Herrlichkeit, gleich dem Rauche, der aus dem

Krater des Popokatepetl aufsteigt und spurlos verschwindet.“ So lautet

die triste Weisheit des aztekischen Königs nach Ixtlilxochitl, als

wenn er das entsetzliche Schicksal seines Volkes und seiner Nachkommen

geahnt hätte. Und daran schließt er, wie der „Prediger“, die Mahnung:

„Aber du, mein Freund, so freue dich der Anmut dieser Blumen, freue

dich mit mir. Wirf nun Furcht und Sorge von dir, die uns den Genuß

verderben bis ans Ende des Lebens. Sammle ja alle zusammen, welche

Liebe dir verbindet, welche teuer dir in Freundschaft. Denn auf Erden

ist nichts sicher als des Todes herbe Schneide. Auch im Wechsel ist

die Zukunft.“ Phantasiebegabte Ethnologen haben bereits behauptet,

die Azteken und Mayas wären die verlorenen zehn Stämme Israel. Also

Tradition! Gleiche Anschauungen sollen sich im alten peruanischen

Drama „Ollanta“ finden. Sicher haben die Literaturen der meisten

Völker solche und ähnliche Ausbrüche von Menschenverzweiflung über das

Leben. Wie die Indier darüber dachten, haben wir an anderer Stelle zu

erörtern. Von den griechischen und römischen Lehren genügt es, zwei

Äußerungen hervorzuheben. Herakles sagt in der Alkestis zu dem um seine

Herrin trauernden Diener:

Den Menschen allen ist verhängt des Todes Los

Und ihrer keinem noch wurde geoffenbart,

Ob nur der Tage nächster sie am Leben trifft.

Denn dunkel ist, wohin des Schicksals Wege gehn,

Und nicht erlernbar, und die Kunst enthüllt es nicht ...

Erheitre dich und trinke, rechne diesen Tag

Für dein, das andre für des Schicksals Eigentum.

Und als Hauptspruch den schon benutzten (ähnlich auch von Epicharmos):

Sterblichen geziemt es, sterblich auch gesinnt zu sein.

Und sicher fällt meinem Leser noch Horatius’ Ermahnung ein: „Quid

sit futurum cras fuge quaerere, quam fors dierum cunque dabit,

lucro appone.“ In einer Rezension des Gilgames-Epos der Babylonier

(vielleicht aus mehr als 2000 v. Chr.) sagt Sabitu (eine Göttin, die am

Rande der Welt wohnt) zum Helden:

Als die Götter die Menschen schufen,

Setzten sie den Tod für die Menschen ein,

Das Leben aber nahmen sie in ihre Hand.

Du, Gilgames, dein Leib sei gefüllt,

Tag und Nacht vergnüge dich!

Täglich mache ein Freudenfest!

Tag und Nacht tanz und juble usf.

Ähnliche Lehren finden wir in dem ägyptischen sogenannten Harfnerliede,

dessen Inhalt aus etwa 1700 v. Chr. stammt. Es wird geschildert wie

Menschen, Städte und Länder vergehen, und dann rät der Dichter:

Folge deinem Herzen, solange du lebst,

Leg Myrrhen auf dein Haupt und kleide dich in feines Linnen,

Gesalbt mit den ächten Wundern der Gottesdinge.

Sei noch fröhlicher, laß dein Herz nicht ermatten,

Folge deinem Herzen und deinem Vergnügen,

Verrichte deine Sachen auf Erden und quäle dein Herz nicht,

Bis jener Tag des Wehgeschrei’s zu dir kommt kommt --

Denn Osiris hört ihr Schreien nicht --

Und die Klage errettet niemanden aus dem Grabe.

Alles dieses klingt so allgemein menschlich aus urältester Zeit, und

klingt noch heute.

Es ist nur ganz natürlich, daß der Mensch gerne sein Schicksal

erkennen möchte. Die Chaldäer vornehmlich haben dazu die ~Astrologie~

geschaffen, die sich aber fast überall auf der Erde vorfindet, sei es

daß die Gestirne, als Gottheiten, in ihrer Stellung bei der Geburt und

später, ihren Willen kundtun, sei es daß höhere Mächte das Geschick

wie Schrift am Himmel ordnen (S. 179). Es wird jedem Stern an sich

eine Bedeutung für das menschliche Wesen und für die Welt beigemessen

-- wer denkt nicht an den Stern bei Christi Geburt! -- und auch in

Verbindung mit den anderen Sternen. Und es gilt, aus der Kombination

der Sterne das Wahre zu erraten, oder am Himmel wie in einem Buche

zu lesen. Das verstehen nicht alle, sondern nur gewisse Leute. Sonst

hat die Menschheit noch die ~Orakel~ der Gottheiten ausgebildet,

wofür die Griechen wohl die merkwürdigsten Beispiele besitzen. Oder

~Wahrsagungen~ durch Geister Verstorbener, oder von weisen Männern und

Frauen, -- die Beschwörung der Hexe von Endor, zu der der gewaltige

und unglückliche Saul wandert, gehört hierher. -- Auch Zeichen an

Tieren, namentlich bei den in dieser Hinsicht recht törichten Römern,

die sich von ihren eigenen Deutern verspotten lassen mußten, oder

solche an Gewitter, Wind und allen möglichen Begegnissen spielen eine

große Rolle. Von diesem allen zu sprechen ist nicht meine Aufgabe. Die

„Geheimlehre“ ist eine sehr ausgebreitete Wissenschaft mit Horoskop,

Beschwörung, Hölzchenwerfen, Kartenlegen und allem so sonderbaren

Unfug, Zauber und Spuk. Sie hat noch jetzt, wie die vielen Prozesse

zeigen, die dabei doch immer nur flagrante Fälle treffen, eine

außerordentliche Bedeutung in vielen, nicht selten geistig sehr wenig

gebildeten oder von Aberglauben durchsetzten Kreisen. Ich wüßte aus

meinen Kreisen die unglaublichsten Dinge zu erzählen, wie ein, an sich

ganz verständliches Drängen des Menschen, seine Zukunft und die Folgen

seines Tuns und Lassens zu erkennen, zu größten Albernheiten ausartet.

Wieviel Unheil die griechischen Orakel angerichtet haben, meist durch

Zweideutigkeit, oft auch durch Dienstfertigkeit gegen eine Person oder

einen Stamm, wie des delphischen Orakels gegen die Spartaner, ist

bekannt. Aber die erleuchtetsten Geister der Griechen haben doch an

sie geglaubt. Da ist es nicht zu verwundern, wenn Ägypter, Chinesen,

Amerikaner, Indier usf. gleichfalls an solche Dinge glaubten, und daß

Weissagungen zu Staatseinrichtungen wurden. Der delphische Gott hat

fast die ganze alte Kulturwelt, bis tief nach Asien hinein und bis zu

den Säulen des Herakles durch seine Aussprüche beherrscht. Wir kennen

deren eine große Zahl. Und wie gerne denkt man an die Prophezeiungen

der gewaltigen Propheten mit ihrer so immensen ethischen und

religiösen Bedeutung! Und, in weitem Abstande freilich, doch zum Teil

von poetischem Geist getragen, stehen die sibyllinischen Weissagungen,

aus so viel späterer Zeit. Auch in den babylonischen, ägyptischen

und anderen Texten haben wir Prophezeiungen, namentlich aber viele

Beschwörungen von Göttern und Dämonen. So sehr bildeten diese einen

Bestandteil des Lebens, daß sie sich zu Formeln verdichteten, in die,

ähnlich wie bei den Bittliedern (S. 184), nur der jedesmalige Name des

Gottes oder Dämons des ~Beschwörenden~, oder desjenigen für den etwas

beschwört werden sollte, und die Bitte (z. B. um Heilung von der und

der Krankheit) einzutragen war. So beginnt ein babylonischer Text:

Ich rufe euch an, ihr großen Götter,

... Gott und Göttin, Herrn der Erlösung,

Wegen NN, Sohnes des NN, dessen Gott NN, dessen Göttin NN ist,

Der krank und zerschlagen, voll Trauer und Kummer ist.

Und bei solcher Beschwörung wurden, harmlos genug, Blüten, Früchte,

Wolle usf. verbrannt. Eine der großen babylonischen Beschwörungen

unter dem Namen Ea und Atrahasis (S. 161), betrifft Unheil und Sünde,

die das ganze Land ergriffen haben, und Plagen, die Ellil gesandt

hat, richtet sich aber wesentlich auf Hilfe für schwangere Frauen. Ea

und Atrahasis scheinen die Helfenden zu sein. Selbst die Gottheiten

benutzen bei ihrem Tun Beschwörungsformeln; in demselben Text bilden

(symbolisch?) Ea und die Göttermutter Mami oder Aruru Wesen aus Lehm,

dabei spricht Mami eine Beschwörung und speit auf den Lehm. Bei dieser

Beschwörung spielen sieben „Mütter“ (man denkt unwillkürlich an die

Mütter im „Faust“) eine Rolle. Selbst Ormuzd bedient sich einer

Beschwörungsformel, des Honover, gegen Ahriman und stürzt ihn dadurch

zu Grunde. Die ungeheure Bedeutung des Spruches bei den Indiern habe

ich mehrmals hervorgehoben. Und der Römer konnte ohne ~Abwehrformeln~

überhaupt nicht leben; wie auch gegenwärtig der Bauer, und nicht bloß

dieser, gegen Beschreien, bösen Blick, Katzen, die ihm über den Weg

laufen u. a. Abwehrformeln murmelt oder sich bekreuzigt.

Mit derartigen Anschauungen hängen dann die der ~Dies nefasti~

zusammen, der Tage, die an sich voll Unheil sind, und an denen nichts

unternommen werden darf, sowie ihrer Gegensätze, der ~Dies fasti~, der

guten Tage. Die Kalender in allen Teilen der Erde hatten die Aufgabe,

diese Tage anzumerken. Und Priester und Wahrsager wurden bei großen und

kleinen Unternehmungen benutzt, durch Vogelschau, Opfer und sonstige

Anzeichen festzustellen, ob der betreffende Tag dazu auch geeignet

sei. Die Geschichte der Völker ist voll von Beispielen dafür. Auch die

Sabbatvorschriften, für die die Bibel einen so menschenfreundlichen

und edlen Zweck angibt, die Ruhe von Mühe und Arbeit für sich und alle

anderen, selbst für das arbeitende Vieh, beziehen sich anderweitig

vielfach auf schlimme Tage. Ein babylonischer Text, den man als

Sabbatvorschrift bezeichnet und der in der Tat für den 7., 14., 19.,

21. und 28. des Schalt-Ellul das Kochen von Fleisch, das Anziehen

eines Hemdes, das Opfern, das Fahren, das Wahrsagen, das Behandeln von

Kranken, jede Unternehmung verbietet, wie etwa am Sabbat der Hebräer,

beginnt aber mit der Überschrift: „Ein böser Tag“. Es ist also kein

Sabbat, kein Sonntag, der ja ein feierlicher und glücklicher Tag sein

sollte und war und ist. Auch die Folge im Monat zeigt dieses; zwischen

dem 14. und 19. sind nur fünf, zwischen dem 19. und 21. gar nur zwei

Tage. Und unsere „Freitage“ und „Dreizehnten“! Selbst die gleichfalls

auf der ganzen Erde verbreiteten ~Speiseverbote~ gehören bis zu einem

gewissen Grade hierher, soweit sie nicht einheimischen Anschauungen

ihre Entstehung verdanken. Doch kann ich darauf nicht eingehen.

Im ganzen nimmt die Freiheit des Menschen zu, wie die Zahl der

Gottheiten abnimmt und der monotheistische „Knecht Gottes“ ist sicher

freier als der polytheistische „Bildner“ seiner Gottheiten. Das liegt

auch daran, daß nicht, wie unter Menschen, mit der Macht des Einzelnen

die Unterdrückung und so oft auch die Ausnutzung wächst, sondern daß

der Glaube an die Fürsorge aus dem donnernden und gefürchteten Gott

einen, wenn auch strafenden, doch gütigen Vater im Himmel macht, trotz

der vielen Erfahrungen, die hier so bewegend widersprechen.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 71 / 108 题