Die ~Anschauung vom Leben~ richtet sich nach dem Grade der Freiheit
Gott oder den Göttern gegenüber und nach dem Grade des Vertrauens. Die
arischen Stämme scheinen noch am wenigsten abhängig von ihren Göttern
gewesen zu sein, aber wohl auch am wenigsten vertrauend auf sie. Aus
ihrer Mitte ist der Buddhismus hervorgegangen, in dem die Götter, wenn
ihr Dasein nicht geleugnet wird, doch als sehr geringwertig für die
Menschen angesehen werden. Hier gilt der extremste Grundsatz nach einer
Seite hin; das Leben des Menschen ist bestimmt durch ihn selbst, er ist
selbst Meister seines Geschickes (S. 211 ff.).
Fünf Gesichtspunkte sind es vor allem, nach denen das Leben mit seinen
inneren und äußeren Vorgängen beurteilt wird: ~Zufall~, ~Freiheit~,
~Fürsorge~, ~Vorausbestimmung~, ~Zwang~. Die genaue Untersuchung
dieser Gesichtspunkte gehört in die Metaphysik und Ethik. Auch
entfallen hier, wo wir von den aus der Religion fließenden Anschauungen
sprechen, der erste und fünfte Gesichtspunkt; es bleiben nur die drei
mittleren Gesichtspunkte, und sie setzen das Verhältnis des Menschen
zur Gottheit fest. Wenn bei religiöser Anschauung Willensfreiheit
herrschen soll, so muß Verantwortlichkeit gegen die Gottheit bestehen.
Der Egoismus führt dann auch zu Anforderungen an die Gottheit. Beide
können mit dem Leben abgetan sein, oder auch sich über das Leben hinaus
fortsetzen. Im ersten Falle hat der Mensch alles Unheil, das ihn im
Leben betrifft, als Strafe für freiwillige Missetat zu betrachten,
alles Gute als Belohnung für Wohlverhalten. Das letztere nimmt er
meist ohne zu danken hin; er wird immer irgendeine schöne Tat finden,
für die er Belohnung glaubt sich erwarten zu dürfen. Denn das rein
ethische Wohltun aus Trieb der Seele und Freude daran ist gar selten
und schaltet eigentlich die Gottheit aus. Aber eine Strafe sieht der
Mensch nicht immer als verdient an. Dazu gehört wahre, herzensinnige
Frömmigkeit und Zerknirschung, wie wir sie in den Hymnen, Psalmen und
Kirchenliedern oft so ergreifend ausgedrückt finden. Hier vermischt
sich die Anschauung mit der von der Fürsorge der Gottheit für den
Menschen. Das Leben wird der Gottheit vertrauensvoll überlassen. Was
diese bietet, wird in Demut angenommen, was sie verhängt, in Demut
ertragen; vielleicht als Belohnung, vielleicht als Buße, immer aber
als Ratschluß des Höchsten, der schon weiß, warum. Ich brauche aus dem
Monotheismus keine Beispiele anzuführen. Aber auch der Polytheismus
kennt solche Anschauungen:
Zeus, wer du auch seist, Hoher, Unerforschlicher,
Ob Geist der Menschen, ob Naturnotwendigkeit,
Ich fleh dich an; denn du lenkst auf stiller Bahn
Hinwandelnd, alles Menschenlos zum rechten Ziel.
ruft die unglückselige Hekabe bei Euripides aus. Ähnlich heißt es in
dem schönen babylonischen Klagelied an Istar:
Du schaust auf den Unglücklichen und Zerschlagenen,
Leitest ihn täglich rüstig.
Damit in Verbindung steht dann die für alle Religion so absolut
notwendige Anschauung, daß die Gottheit sich erbitten läßt, unverdiente
Gnaden erweist, verdiente Strafe erläßt. Im Polytheismus wird sogar
eine Gottheit gegen die andere angerufen. In jenem Istar-Liede sagt der
Flehende:
Löse meine Brust und schaffe mir Fülle!
Lenke meinen Schritt, daß ich
Froh und frei mit den Lebenden die Straße ziehe!
Gib du Befehl, daß auf deinen Befehl der erzürnte Gott wieder gut
werde,
Daß die Göttin, die sich zürnend abgewandt, wieder gut werde.
So wird Istar auch der „Stern der Klagen“ genannt, und dieses trotz
der Schilderung ihrer willkürlichen, absoluten Übermacht, die
Freunde verfeindet und auf dem Schlachtfelde herrscht. Seltsam,
mehr wunderlich, klingt die fast stehende Versöhnungsformel an die
Gottheiten, daß „ihr Herz sich beruhigen möge“ oder „sie selbst sich
beruhigen mögen“, wie überhaupt die babylonischen Texte soviel von der
Unruhe der Gottheiten sprechen, ja von ihrem Lärmen, wodurch auch so
viel Kampf und Streit zwischen ihnen entsteht; so der kosmogonische
Kampf Apsus und Tiamats gegen sie. Vielleicht treffen unsere
Übersetzungen nicht den richtigen Sinn. Es sind auch Kollektivlieder
für jede beliebige Gottheit gedichtet und bekannt. Wenn der Mensch
sein Wohlverhalten dem Gotte vor Augen stellt, so geschieht das nicht
selten in der Weise, daß er sagt, die und die Sünde hätte er nicht
begangen. Das 125. Kapitel des ägyptischen Totenbuches ist dafür sehr
charakteristisch. Die Vorschrift lautet: „Was NN (als Toter) spricht,
wenn man zur Halle der beiden Wahrheiten (S. 189) gelangt, nachdem NN
sich losgemacht hat von allem Bösen, das NN getan hat, um das Antlitz
aller Götter zu schauen“. Und nun kommen die Bekenntnisse. „Ich habe
nicht falsch gehandelt gegen die Menschen“ usf. Dreiundsechzig solche
negative und kaum zehn positive, unter den letzteren freilich das so
schöne:
Ich habe dem Hungernden Brot gegeben,
Und dem Dürstenden Wasser,
Und dem Nackten Kleider.
Andere Völker sind ähnlich verfahren. Bei allen aber werden nicht
selten Zweifel an der Hilfe der Gottheit geäußert, entweder weil
diese dem Menschen zu fern steht und sich um ihn nicht kümmert, oder
weil der Mensch sich zu niedrig dünkt Gott gegenüber. Wie oft ist dem
letzteren Gefühl in Psalmen, aber auch in den anderen Schriften der
Bibel Ausdruck verliehen: „Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest“
usf. Bei den Ariern finden wir mehr den Zweifel an dem Wollen der
Gottheit; Euripides bietet eine Menge von Beispielen. Hekabes Ausruf:
„Ihr Götter! Zwar unnütze Helfer seid ihr uns; doch ist es tröstlich
anzuflehen die Himmlischen, wenn unsereinen heimsucht das Mißgeschick“,
gehört noch zu den mildesten.
Weit verbreitet ist sogar die Anschauung von der Gottheiten „~Neid und
Mißgunst~“ gegen die Menschen. Wie sie untereinander Neid und Mißgunst
hegen und dadurch zum Kampf gegeneinander getrieben werden, daß ein
Göttergeschlecht das andere stürzt, hat in furchtbaren Worten Aischylos
im Prometheus geschildert. Dann wie die Gottheiten nach Willkür
herrschen, ganz wie Tyrannen auf Erden:
Ach, neue Herrn sind im Olymp
Am Ruder jetzt; neuem Gesetz gemäß regiert
Ohne Gesetz Zeus jetzt.
Das früher Gewaltige jetzt vertilgt er’s.
Und dann:
Auf die armen Menschenkinder nahm
Er keine Rücksicht; ganz zu vertilgen ihr Geschlecht,
Ein anderes neues dann zu schaffen, war sein Plan.
Prometheus, der dies von Zeus sagt, rettet die Menschen. Das steht
nicht fern von der Art wie Ellil bei den Babyloniern verfährt, daß
Ea wenigstens für wenige Retter sein muß. Namentlich erregt Glück
den Neid der Götter. Und wer etwa sich darin überhebt, muß es schwer
büßen. Niobes Tragödie spricht noch jetzt zu uns aus den herrlichen
und rührenden Darstellungen, die wir bewundern. Selbst die Bibel hat
Anklänge, daß Gott dem Menschen nicht alles gewähren will, wie in der
Paradiessage und in der Sage vom Turmbau zu Babel. Doch tragen solche
Erzählungen auch den Stempel der Erklärung für Erscheinungen im Leben
der Menschheit. Warum der Mensch mühselig sein Leben verbringt, warum
er stirbt, warum er so zerstreut und vielsprachig auf Erden weilt.
Andere Völker haben aus gleichem Grunde andere Sagen erfunden.
So ist die Freiheit des Menschen doch keine unbedingte und die Fürsorge
der Gottheit keine vollkommene. Darum ist es dem Menschen auch ein
vertrauter Gedanke, daß er über sich überhaupt nicht zu bestimmen
habe, daß, wie seine Geburt, so auch sein ganzes Leben durch die
Gottheit vorausbestimmt ist und sein Tod. Was ihm Gutes zukommt, was
ihn Böses berührt, hat die Gottheit schon vorgewirkt. Dieses entweder
absolut oder relativ (vom Schicksal S. 136 ff.). Wie weit die absolute
Vorausbestimmung geht, sehen wir in dem grämlichen „Prediger“: „Denn
auch daß ein Mensch esse und trinke und Gutes genieße für alle seine
Mühe, ist eine Gabe Gottes. Ich weiß, daß alles was Gott tut, das wird
ewig sein, hinzuzufügen ist nichts und davon zu nehmen ist nichts, und
Gott tat es, daß sie sich fürchten vor ihm.“ „(Ich weiß) daß, was den
Menschensöhnen begegnet und was dem Vieh begegnet einerlei Begegnis für
beide sei; wie der Tod dieses, so der Tod jener, und einerlei Geist in
allem, so daß der Vorzug des Menschen vor dem Viehe nichts sei, denn
alles ist eitel.“ Daraus folgt dann das berühmte: „Nichtigkeit der
Nichtigkeiten, alles ist nichtig.“ So scharf wie im „Prediger“ findet
sich der Pessimismus freilich selten ausgesprochen, außer etwa bei
Philosophen. Aber über Gebundenheit und Machtlosigkeit klagt der Mensch
überall.
Die Verzweiflung führt dann zunächst zu der ~Lebensweisheit der
Unbekümmertheit und des Genießens~. Im „Prediger“ wird sie fortwährend
empfohlen: „Siehe, was ich gesehen habe, das ist gut, daß es schön
ist, zu essen und zu trinken und Gutes zu sehen für alle seine Mühe,
die er sich müht unter der Sonne die Zahl seiner Lebenstage, die Gott
ihm gegeben, denn das ist sein Teil.“ „Am Tage des Glückes fühle
dich glücklich, und am Tage des Unglückes sieh’s an.“ „So preise ich
die Freude, daß nichts gut ist für den Menschen unter der Sonne als
zu essen und zu trinken und sich zu freun.“ „Denn so viele Jahre
der Mensch lebt, ihrer aller freue er sich und gedenke der Tage der
Dunkelheit, daß ihrer viele sein werden; alles was kommt ist nichtig.“
Gemildert werden diese Lehren durch die ethische Auffassung, daß die
Freude ein Entgelt für die Mühsal ist, die der Mensch tragen muß, und
daß bei allem der Mensch doch nichts Böses tun darf, sondern Gutes
wirken muß. Eine Tradition schrieb den „Prediger“, selbstverständlich
mit Unrecht, König Salomo zu. Die Azteken hatten im König
Netzahualcoyotl (1470) einen ähnlichen Salomo: „Allen irdischen Dingen
ist ihr Ende bereitet. Inmitten der fröhlichen Laufbahn ihres Glanzes
und ihrer Eitelkeit geht ihnen die Kraft aus und sie werden zu Staube.
Das ganze Erdenrund ist nichts als ein Grab, und alles, was darauf
lebt, wird einst darunter begraben werden. Die Dinge von gestern sind
heute nicht mehr und die Dinge von heute werden vielleicht schon morgen
nicht mehr sein. Die einst auf Thronen gesessen, Versammlungen gelenkt,
Heere befehligt, Länder erobert, göttliche Verehrung gefordert, der
Macht der Herrschaft, dem Ruhm nachgejagt haben, wo sind sie jetzt?
Verschwunden mit all ihrer Herrlichkeit, gleich dem Rauche, der aus dem
Krater des Popokatepetl aufsteigt und spurlos verschwindet.“ So lautet
die triste Weisheit des aztekischen Königs nach Ixtlilxochitl, als
wenn er das entsetzliche Schicksal seines Volkes und seiner Nachkommen
geahnt hätte. Und daran schließt er, wie der „Prediger“, die Mahnung:
„Aber du, mein Freund, so freue dich der Anmut dieser Blumen, freue
dich mit mir. Wirf nun Furcht und Sorge von dir, die uns den Genuß
verderben bis ans Ende des Lebens. Sammle ja alle zusammen, welche
Liebe dir verbindet, welche teuer dir in Freundschaft. Denn auf Erden
ist nichts sicher als des Todes herbe Schneide. Auch im Wechsel ist
die Zukunft.“ Phantasiebegabte Ethnologen haben bereits behauptet,
die Azteken und Mayas wären die verlorenen zehn Stämme Israel. Also
Tradition! Gleiche Anschauungen sollen sich im alten peruanischen
Drama „Ollanta“ finden. Sicher haben die Literaturen der meisten
Völker solche und ähnliche Ausbrüche von Menschenverzweiflung über das
Leben. Wie die Indier darüber dachten, haben wir an anderer Stelle zu
erörtern. Von den griechischen und römischen Lehren genügt es, zwei
Äußerungen hervorzuheben. Herakles sagt in der Alkestis zu dem um seine
Herrin trauernden Diener:
Den Menschen allen ist verhängt des Todes Los
Und ihrer keinem noch wurde geoffenbart,
Ob nur der Tage nächster sie am Leben trifft.
Denn dunkel ist, wohin des Schicksals Wege gehn,
Und nicht erlernbar, und die Kunst enthüllt es nicht ...
Erheitre dich und trinke, rechne diesen Tag
Für dein, das andre für des Schicksals Eigentum.
Und als Hauptspruch den schon benutzten (ähnlich auch von Epicharmos):
Sterblichen geziemt es, sterblich auch gesinnt zu sein.
Und sicher fällt meinem Leser noch Horatius’ Ermahnung ein: „Quid
sit futurum cras fuge quaerere, quam fors dierum cunque dabit,
lucro appone.“ In einer Rezension des Gilgames-Epos der Babylonier
(vielleicht aus mehr als 2000 v. Chr.) sagt Sabitu (eine Göttin, die am
Rande der Welt wohnt) zum Helden:
Als die Götter die Menschen schufen,
Setzten sie den Tod für die Menschen ein,
Das Leben aber nahmen sie in ihre Hand.
Du, Gilgames, dein Leib sei gefüllt,
Tag und Nacht vergnüge dich!
Täglich mache ein Freudenfest!
Tag und Nacht tanz und juble usf.
Ähnliche Lehren finden wir in dem ägyptischen sogenannten Harfnerliede,
dessen Inhalt aus etwa 1700 v. Chr. stammt. Es wird geschildert wie
Menschen, Städte und Länder vergehen, und dann rät der Dichter:
Folge deinem Herzen, solange du lebst,
Leg Myrrhen auf dein Haupt und kleide dich in feines Linnen,
Gesalbt mit den ächten Wundern der Gottesdinge.
Sei noch fröhlicher, laß dein Herz nicht ermatten,
Folge deinem Herzen und deinem Vergnügen,
Verrichte deine Sachen auf Erden und quäle dein Herz nicht,
Bis jener Tag des Wehgeschrei’s zu dir kommt kommt --
Denn Osiris hört ihr Schreien nicht --
Und die Klage errettet niemanden aus dem Grabe.
Alles dieses klingt so allgemein menschlich aus urältester Zeit, und
klingt noch heute.
Es ist nur ganz natürlich, daß der Mensch gerne sein Schicksal
erkennen möchte. Die Chaldäer vornehmlich haben dazu die ~Astrologie~
geschaffen, die sich aber fast überall auf der Erde vorfindet, sei es
daß die Gestirne, als Gottheiten, in ihrer Stellung bei der Geburt und
später, ihren Willen kundtun, sei es daß höhere Mächte das Geschick
wie Schrift am Himmel ordnen (S. 179). Es wird jedem Stern an sich
eine Bedeutung für das menschliche Wesen und für die Welt beigemessen
-- wer denkt nicht an den Stern bei Christi Geburt! -- und auch in
Verbindung mit den anderen Sternen. Und es gilt, aus der Kombination
der Sterne das Wahre zu erraten, oder am Himmel wie in einem Buche
zu lesen. Das verstehen nicht alle, sondern nur gewisse Leute. Sonst
hat die Menschheit noch die ~Orakel~ der Gottheiten ausgebildet,
wofür die Griechen wohl die merkwürdigsten Beispiele besitzen. Oder
~Wahrsagungen~ durch Geister Verstorbener, oder von weisen Männern und
Frauen, -- die Beschwörung der Hexe von Endor, zu der der gewaltige
und unglückliche Saul wandert, gehört hierher. -- Auch Zeichen an
Tieren, namentlich bei den in dieser Hinsicht recht törichten Römern,
die sich von ihren eigenen Deutern verspotten lassen mußten, oder
solche an Gewitter, Wind und allen möglichen Begegnissen spielen eine
große Rolle. Von diesem allen zu sprechen ist nicht meine Aufgabe. Die
„Geheimlehre“ ist eine sehr ausgebreitete Wissenschaft mit Horoskop,
Beschwörung, Hölzchenwerfen, Kartenlegen und allem so sonderbaren
Unfug, Zauber und Spuk. Sie hat noch jetzt, wie die vielen Prozesse
zeigen, die dabei doch immer nur flagrante Fälle treffen, eine
außerordentliche Bedeutung in vielen, nicht selten geistig sehr wenig
gebildeten oder von Aberglauben durchsetzten Kreisen. Ich wüßte aus
meinen Kreisen die unglaublichsten Dinge zu erzählen, wie ein, an sich
ganz verständliches Drängen des Menschen, seine Zukunft und die Folgen
seines Tuns und Lassens zu erkennen, zu größten Albernheiten ausartet.
Wieviel Unheil die griechischen Orakel angerichtet haben, meist durch
Zweideutigkeit, oft auch durch Dienstfertigkeit gegen eine Person oder
einen Stamm, wie des delphischen Orakels gegen die Spartaner, ist
bekannt. Aber die erleuchtetsten Geister der Griechen haben doch an
sie geglaubt. Da ist es nicht zu verwundern, wenn Ägypter, Chinesen,
Amerikaner, Indier usf. gleichfalls an solche Dinge glaubten, und daß
Weissagungen zu Staatseinrichtungen wurden. Der delphische Gott hat
fast die ganze alte Kulturwelt, bis tief nach Asien hinein und bis zu
den Säulen des Herakles durch seine Aussprüche beherrscht. Wir kennen
deren eine große Zahl. Und wie gerne denkt man an die Prophezeiungen
der gewaltigen Propheten mit ihrer so immensen ethischen und
religiösen Bedeutung! Und, in weitem Abstande freilich, doch zum Teil
von poetischem Geist getragen, stehen die sibyllinischen Weissagungen,
aus so viel späterer Zeit. Auch in den babylonischen, ägyptischen
und anderen Texten haben wir Prophezeiungen, namentlich aber viele
Beschwörungen von Göttern und Dämonen. So sehr bildeten diese einen
Bestandteil des Lebens, daß sie sich zu Formeln verdichteten, in die,
ähnlich wie bei den Bittliedern (S. 184), nur der jedesmalige Name des
Gottes oder Dämons des ~Beschwörenden~, oder desjenigen für den etwas
beschwört werden sollte, und die Bitte (z. B. um Heilung von der und
der Krankheit) einzutragen war. So beginnt ein babylonischer Text:
Ich rufe euch an, ihr großen Götter,
... Gott und Göttin, Herrn der Erlösung,
Wegen NN, Sohnes des NN, dessen Gott NN, dessen Göttin NN ist,
Der krank und zerschlagen, voll Trauer und Kummer ist.
Und bei solcher Beschwörung wurden, harmlos genug, Blüten, Früchte,
Wolle usf. verbrannt. Eine der großen babylonischen Beschwörungen
unter dem Namen Ea und Atrahasis (S. 161), betrifft Unheil und Sünde,
die das ganze Land ergriffen haben, und Plagen, die Ellil gesandt
hat, richtet sich aber wesentlich auf Hilfe für schwangere Frauen. Ea
und Atrahasis scheinen die Helfenden zu sein. Selbst die Gottheiten
benutzen bei ihrem Tun Beschwörungsformeln; in demselben Text bilden
(symbolisch?) Ea und die Göttermutter Mami oder Aruru Wesen aus Lehm,
dabei spricht Mami eine Beschwörung und speit auf den Lehm. Bei dieser
Beschwörung spielen sieben „Mütter“ (man denkt unwillkürlich an die
Mütter im „Faust“) eine Rolle. Selbst Ormuzd bedient sich einer
Beschwörungsformel, des Honover, gegen Ahriman und stürzt ihn dadurch
zu Grunde. Die ungeheure Bedeutung des Spruches bei den Indiern habe
ich mehrmals hervorgehoben. Und der Römer konnte ohne ~Abwehrformeln~
überhaupt nicht leben; wie auch gegenwärtig der Bauer, und nicht bloß
dieser, gegen Beschreien, bösen Blick, Katzen, die ihm über den Weg
laufen u. a. Abwehrformeln murmelt oder sich bekreuzigt.
Mit derartigen Anschauungen hängen dann die der ~Dies nefasti~
zusammen, der Tage, die an sich voll Unheil sind, und an denen nichts
unternommen werden darf, sowie ihrer Gegensätze, der ~Dies fasti~, der
guten Tage. Die Kalender in allen Teilen der Erde hatten die Aufgabe,
diese Tage anzumerken. Und Priester und Wahrsager wurden bei großen und
kleinen Unternehmungen benutzt, durch Vogelschau, Opfer und sonstige
Anzeichen festzustellen, ob der betreffende Tag dazu auch geeignet
sei. Die Geschichte der Völker ist voll von Beispielen dafür. Auch die
Sabbatvorschriften, für die die Bibel einen so menschenfreundlichen
und edlen Zweck angibt, die Ruhe von Mühe und Arbeit für sich und alle
anderen, selbst für das arbeitende Vieh, beziehen sich anderweitig
vielfach auf schlimme Tage. Ein babylonischer Text, den man als
Sabbatvorschrift bezeichnet und der in der Tat für den 7., 14., 19.,
21. und 28. des Schalt-Ellul das Kochen von Fleisch, das Anziehen
eines Hemdes, das Opfern, das Fahren, das Wahrsagen, das Behandeln von
Kranken, jede Unternehmung verbietet, wie etwa am Sabbat der Hebräer,
beginnt aber mit der Überschrift: „Ein böser Tag“. Es ist also kein
Sabbat, kein Sonntag, der ja ein feierlicher und glücklicher Tag sein
sollte und war und ist. Auch die Folge im Monat zeigt dieses; zwischen
dem 14. und 19. sind nur fünf, zwischen dem 19. und 21. gar nur zwei
Tage. Und unsere „Freitage“ und „Dreizehnten“! Selbst die gleichfalls
auf der ganzen Erde verbreiteten ~Speiseverbote~ gehören bis zu einem
gewissen Grade hierher, soweit sie nicht einheimischen Anschauungen
ihre Entstehung verdanken. Doch kann ich darauf nicht eingehen.
Im ganzen nimmt die Freiheit des Menschen zu, wie die Zahl der
Gottheiten abnimmt und der monotheistische „Knecht Gottes“ ist sicher
freier als der polytheistische „Bildner“ seiner Gottheiten. Das liegt
auch daran, daß nicht, wie unter Menschen, mit der Macht des Einzelnen
die Unterdrückung und so oft auch die Ausnutzung wächst, sondern daß
der Glaube an die Fürsorge aus dem donnernden und gefürchteten Gott
einen, wenn auch strafenden, doch gütigen Vater im Himmel macht, trotz
der vielen Erfahrungen, die hier so bewegend widersprechen.