20. ~Weltbau.~

Was die ~Gestaltung der Welt~ betrifft, so hängt diese naturgemäß

nicht unmittelbar mit der Mythe zusammen, sondern mit dem äußeren

Schein. Gleichwohl darf man von mythischen Kosmologien sprechen als von

solchen Anschauungen über die Welt, die nicht auf wissenschaftlicher

Untersuchung oder Meinung beruhen, sondern, wie die Mythen von den

Gottheiten, behauptet werden, und die den Mythen und Sagen zugrunde

gelegt werden. Da ist allen Völkern gemeinsam die ~zentrale Stellung

der Erde~. Die Erde ist die Mitte der Welt. Meist wird sie von Wasser

umgeben gedacht. Ihre Gestalt ist die einer Scheibe (rund oder eckig),

eines Zylinders (auch Würfels) oder eines gewaltigen Gebirges oder

einer konvexen Schale. Sie schwimmt auf Wasser oder ist durch Säulen,

Menschen oder Tiere unterstützt, oder hängt an Wurzeln des Weltbaumes.

Der Himmel ist einfach oder, entsprechend der Zahl der gesondert

sich bewegenden Gestirne -- sieben Planeten (Merkur, Venus, Mars,

Jupiter, Saturn, Mond, Sonne) und die Fixsterne insgesamt -- und der

etwa angenommenen Götterwohnsitze, mehrfach gedacht. Alle Himmel sind

solide und umgeben die Erde wie Glocken. Die Gestirne sind Leuchten,

auch Götterwohnsitze oder gar Körperteile der Götter (Augen, Antlitz,

Leib); sie bewegen sich auf den Himmeln von Ost nach West und kehren

auf unsichtbaren Wegen von West nach Ost zurück. Es liegt nicht in der

Natur der Mythe, konsequent zu sein und auf die Einzelheiten in den

Erscheinungen zu achten. Bemerkt sie Abweichungen gegen die gedachten

einfachen Verhältnisse, so sind eben die Götter frei und können sie

beliebig veranlassen. Daher eine Wiedergabe der Erscheinungen nur in

den großen, allgemein wahrnehmbaren Zügen, und vielfache Verworrenheit

und unbekümmertes Widersprechen in der Beschreibung.

Der ~Griechen~ mythischen Ansicht erste literarische Mitteilung finden

wir bei Homer. Die Erde ist eine Scheibe vom Strome Okeanos umflossen

und vom Himmel überdeckt. Aus dem Okeanos steigen die Gestirne empor

und in ihn tauchen sie unter, sofern sie überhaupt auf- und untergehen

und nicht, wie die Bärin, „niemals in Okeanos’ Bad“ sich hinabtauchen.

Fern im Westen, hinter dem Okeanos, ist der Eingang zu Hades’ Reich,

das sich jedoch unter die Erde hinziehen muß. Denn wie im Kampfe

der Götter vor Troja Poseidon die Erde erschüttert, springt „des

Nachtreichs Fürst Aïdoneus“ voll Schreck in die Höhe und schreit:

Daß ihm von oben

Nicht die Erd’ aufrisse der Landerschüttrer Poseidon,

Daß nicht Menschen erschien’ und Unsterblichen seine Behausung.

Diese Behausung ist „Fürchterlich, dumpf, voll Wustes, wovor selbst

grauet den Göttern“. Weiter, wohl darunter, findet sich Erebos. Und

noch weiter, und so tief unter Hades’ Reich wie die Erde vom Himmel

entfernt, der Tartaros, der furchtbarste Ort, wo die Titanen Japetos

und Kronos, von Zeus verbannt, gefesselt in tiefster Finsternis

sitzen. Im Westen, am Rande der Erde, jedoch diesseits des Okeanos,

wenn nicht als Inseln im Okeanos, liegt auch das Elysische Gefild, „wo

der bräunliche Held Rhadamanthys wohnt, und ganz mühelos in Seligkeit

leben die Menschen“. Aus allen diesen Angaben hat man entnehmen wollen,

daß Homer die Welt eigentlich als Kugel ansieht, deren eine Hälfte

erleuchtet über der Erde, deren andere Hälfte ewig dunkel unter ihr

liegt. Was den Okeanos anbetrifft, so ist er bei Homer ein Strom.

Neuere Untersuchungen glauben jedoch, daß die vorhomerische Bedeutung

den Himmelshorizont gebe, Okeanos früher überhaupt der Himmelsgott

gewesen sein möchte. Die Etymologie mit der deutschen „Woge“ entfiele

dann freilich. Es soll Okeanos dem Sanskritwort açayana entsprechen und

„umfassend“, „anliegend“ heißen. Ich sehe nicht recht, warum das nicht

auch der homerische Okeanos soll sein können, der ja auch die Erde

umfaßt, ihr anliegt. Die Götterwohnung ist auf dem Olympos, über den

Wolken, deren Tore die Horen öffnen und schließen; und Helios leuchtet

den Göttern wie unten den Menschen. Hesiods Anschauungen von der Welt

stimmen mit denen Homers im wesentlichen überein, er ist nur in seinen

Mitteilungen etwas detaillierter. So hinsichtlich des Tartaros, daß

ein Amboß neun Tage und Nächte fallen müßte, um von der Erde zu ihm

zu gelangen, daß selbst ein Sturmwind in einem vollen Jahre ihn nicht

zu durcheilen vermöchte, daß auf ihm die Erde gewurzelt ist und der

Boden der Meere. Das sind recht stattliche Abmessungen, denn im Sinne

Hesiods umgerechnet wäre die Weite des Tartaros mehr als dreißig Erden-

und die Tiefe gar zwanzig Sonnenweiten. Der Himmel wird nach Hesiod

von Atlas getragen, nach Homer, in einer freilich noch nicht geklärten

Stelle, trägt Atlas die Säulen, die den Himmel stützen und von der Erde

ab halten. Diese Säulen laufen wohl rings (ἀμφίς) um die Erde herum.

Aber dann schwindet freilich Atlas als Person, der doch Kalypso zur

Tochter besaß. Man hat auch Atlas als das Meer erklärt (etwa Okeanos?).

Stützen für den Himmel, Gebirge, auch rings umlaufende, finden wir auch

anderweit. Unerklärlich für die Mythe ist der Aufgang der Gestirne,

nachdem sie untergegangen sind. Von der Sonne wird erzählt, sie fahre

nächtlich auf dem Okeanos in einem Nachen, Becher, von Westen über

Norden um die Erde herum, nach Osten zurück. Es mag aber auch gedacht

sein, daß die Gestirne unter der Erde zurückkehren. -- Das Weltbild

der Argonautensage schließt sich dem vorstehend Beschriebenen an; man

hat noch, was wahrscheinlich auch Homer und Hesiod annahmen, einen

Meeresarm oder Stromweg vom Schwarzen Meere nach dem atlantischen oder

arktischen Meer ziehen lassen, so daß Europa für sich zur Insel wird.

Von den ~Römern~ haben wir eine eigentliche mythische Kosmographie

nicht; die Dichter wandeln in griechischen Bahnen.

Die Welt der ~Germanen~ ist dreiteilig: obere Welt, mittlere Welt,

untere Welt, jeder Teil wieder aus drei Teilen bestehend; und von

den neun Teilen spricht die Edda an verschiedenen Stellen. Nach

Simrock sind diese: Muspelheim (Feuerwelt), Asenheim oder Asgard

(Götterwelt), Liosalfaheim (Lichtelfenwelt) als obere Welt; Jötunheim

(Riesenwelt), Midgard oder Mannheim (Menschenwelt), Wanaheim

(Wanenwelt, Welt der Neben-, Halb- oder Untergötter) als mittlere Welt;

Swartalfaheim (Schwarzelfenwelt), Niflheim (Nebel-, Eiswelt, Gegenwelt

zu Muspelheim), Niflhel (Helwelt, Totenwelt) als untere Welt. Die

drei Hauptwelten werden von je einem Zweige (oder einer Wurzel) des

Weltbaumes Yggdrasil gestützt; für diesen Baum soll auch die Irminsul,

deren Nachbild Karl der Große bei den alten Sachsen gestürzt hat,

stehen. Die Welt der Germanen ist hiernach reicher gegliedert als die

der Griechen und poetischer gestaltet. Übrigens bestehen zwischen den

verschiedenen Teilen der Welt auch Verbindungen, wie von Asgard zur

Erde die Brücke Bifröst (bebende Ruhe), auf der Richard Wagner am

Schluß des „Rheingold“ unter so wunderbarer Musik die Götter von der

Erde nach Walhall (eigentlich ein Saal in der Götterburg Gladsheim)

ziehen läßt. Um die Erde windet sich der Weltwurm, Midgards ormr,

Jakob Grimm sagt: „offenbar das Weltmeer“. Also der Okeanos? Noch

sind die drei berühmten Brunnen zu erwähnen, die in den drei Welten

Asenheim, Jotunheim und Niflhel unter den Zweigen des Weltbaumes

hervorsprudeln: Urdbrunnen, Mimisbrunnen, Hwergelmir (der rauschende

Kessel). Am ersten Brunnen „halten die Asen und Nornen ihr Gericht“,

den zweiten hütet der weise Mimir (nicht der Mime Wagners, sondern

ein halbgöttliches Wesen, das mit dem Brunnenwasser täglich Weisheit

trinkt, und dem Odin ein Auge als Pfand in den Brunnen versenken muß,

bevor er aus diesem gleichfalls Weisheit und Zukunftschauen trinken

darf), am dritten sitzt Nidhöggr mit anderen Schlangen. Der Himmel wird

wie bei den Griechen als die Erde deckend oder umfassend gedacht. Die

Gestirne haben jedes seine Stätte (oder seinen „Stuhl“, oder seinen

„Tisch“), die wandelnden unter ihnen Rosse und Wagen. Die Sonne ist

das „Feuerrad“ (fagra-hvel in der Edda) oder der „leuchtende Schild“

oder „Wuotans Auge“ oder „Gottes Antlitz.“ Der Mond wird auch als

„Schein“ bezeichnet. Der Sonne und des Mondes Lauf um die Welt wird als

Flucht vor zwei Wölfen (Sköll und Hati) gedacht, die sie verfolgen und

sie zuzeiten verschlingen (Finsternisse!). Die Mondveränderungen werden

Zwergen zugeschrieben, „wir wissen nicht näher wie“, sagt Jakob Grimm.

Wir wissen auch nicht, wie sich die Germanen die Rückkehr der Gestirne

von Westen nach Osten gedacht haben.

[Illustration]

Darf man in der zoroastrischen uns überlieferten Literatur alte

Tradition sehen, so hatte die Mythe der ~Eranier~ bereits eine

ziemlich richtige Ansicht von der Erde und dem Weltall. Im Minokherd

heißt es: „Himmel und Erde und Wasser und alles andere unter dem

Himmel ist so geformt worden wie das Ei der Vögel, der Himmel ist über

der Erde und unter der Erde einem Ei ähnlich durch das Händewerk des

Schöpfers Ahura Mazda geformt, die Erde innerhalb des Himmels wie das

Gelbe im Ei.“ Also das Weltall ist kugelförmig. Noch bedeutungsvoller

ist eine Stelle im älteren Bundehesh. Dort wird im einunddreißigsten

Kapitel von Himmel, Erde und den Gestirnen unmittelbar als stützenlos

gesprochen. Der Himmel ist „ohne Säulen“, die Erde „hat keine Träger“,

die Gestirne „schweben im Luftraum“. Weiter wird im Bundehesh

erzählt, die Erde enthalte sieben Quartiere, Keschvaras, eines in

der Mitte, sechs um dieses herum. Das nachfolgende, aus Windschmanns

„Zoroastrische Studien“ entnommene Bild (jedoch mit Vertauschung zweier

Quartiere) gibt die Lage der Quartiere gegeneinander und ihre Namen

an. Nun wird im sechsten Kapitel, das den Lauf der Sonne in Tag und

Jahr behandelt, mitgeteilt (ich habe die Ordnung beibehalten): „Wenn

die Sonne aufgeht, erleuchtet sie das Keschvar Çavahi, Fradatatfsn

und Vidadatfsn und die Hälfte Qaniras. Wenn sie an jener Seite der

Finsternis untergeht, erleuchtet sie das Keschvar Arezahi, Vourubaresti

und Vourazaresti und die Hälfte von Qaniras. Wenn hier Tag, so ist dort

Nacht.“ Man sieht an der Abbildung, daß eine solche Beleuchtung nicht

möglich ist, wenn die Erde nicht Zylinderförmig oder kugelförmig ist;

das letztere würde mit der Angabe im Minokherd stimmen. Noch wird von

der Erde folgendes erzählt. Es sind auf ihr mehrere wichtige heilige

mythische Berge. Der Berg Harburc ist um die Erde und an den Himmel

befestigt, er reicht sogar über die Region der Gestirne hinaus, bis zu

den „anfangslosen Lichtern“. An ihm gehen Sterne, Sonne und Mond auf

und unter. Das letztere ist schwer zu verstehen, zumal es im fünften

Kapitel heißt: „Der Berg Taera ist in der Mitte der Welt, die Sonne

umkreist ihn wie das Wasser rings um die Welt... Der Taera Harburc ist

jener, an welchem ich Sonne, Mond und Sterne von zurück wieder kreisen

lasse... Am Harburc geht jeden Morgen die Sonne auf und am Abend unter,

der Mond, die Fixsterne und die Planeten haben ihr Band und ihr Gehen

an ihm.“ Hiernach wäre zu schließen, daß der Harburc ein die Erde etwa

in Richtung des Äquators umkreisendes Gebirge ist. Er könnte aber auch

die Erde so umlaufen wie die Stützsäulen der griechischen Mythe. Für

letzteres spricht, daß das dem Okeanos vergleichbare Meer Frhankart

oder Voroukasha am Fuße des Harburc läuft und die Erde, anscheinend

im Süden, zu einem Drittel umgibt. Zwei Flüsse gehen vom Nordpunkt

(?) des Harburc aus, einer nach Osten, der Arg, der andere, Vas, nach

Westen; beide münden im Meer Frhankart oder Voroukasha. So wird der

Wasserring um die Erde (die bewohnte?) vervollständigt. Von Bedeutung

ist auch der Strom, den die Wunderquelle Ardviçura Anahita (Anahita ist

auch Göttin des Planeten Venus) aussendet. Letztere kommt vom Himmel

auf einen aus Rubin bestehenden Berg herab, der bald Hugar Bulvend,

bald Hukairya, oder Haraiti, oder Hara Berezaiti genannt wird. Auf

diesem Berg befindet sich der Paradiesbaum und das Paradies, das Mithra

(früher Yima) bewohnte, und von ihm führt der Weg über die Brücke

Cinvat in den Himmel. Die Ardviçura strömt durch goldene Kanäle zur

Erde in das Weltmeer und unter die Erde, und bildet so das belebende

und reinigende Naß. Der Himmel ist aus Edelstein geformt, die Gestirne

sind unter ihm, „zwischen Himmel und Erde“, angebracht. Die Sonne heißt

auch „Rosselenker“, Aurvat-açpa. Tierkreis und viele Sterne sind mit

Namen bekannt. Im übrigen besteht die Welt aus dem Lichtreich, der

„bekörperten“ eigentlichen Welt, und dem Finsternisreich unter dieser.

Diese selbst ist also in der Mitte, im Vai.

[Illustration]

Von den ~Indiern~ weiß ich nichts erheblicheres zu sagen; sie dichten

eine Menge übereinander angeordnete Oberwelten, fast für jeden Gott

eine, oder für jede Gestirnklasse eine, außerdem solche für Büßer,

Fromme, Wahrheit usf. Unter dem Himmel kommt die Luftwelt, Dunstwelt.

Diese Oberwelten insgesamt werden im Norden (?) von Elefanten getragen.

Letztere stehen auf der Erde, die ihrerseits auf Elefanten ruht. Die

Stütze dieser Tiere ist die Weltschildkröte, und diese wieder lagert

auf der gewaltigen Weltschlange, die das ganze Universum umspannt

und im unteren Teile im ungeheuren Meere ruht. Zwischen Erde und

Schildkröte sind die Welten der Verfluchten, untereinander angeordnet.

Das vorstehende Bild gibt die ganze Phantastik mit dem goldenen Berg

Meru als Oberwelten. Wer von der Unentwirrbarkeit indischer Kosmogonie

und Kosmographie einen Begriff haben will, lese den zweiten Abschnitt

im Werk Adolf Bastians: „Der Buddhismus in seiner Psychologie.“ Es ist

kaum möglich zu erkennen, was wirklich gedacht wurde. Die Indier haben

eine schöne Mathematik und Astronomie besessen. Wie sie aber mythisch

den Lauf der Gestirne erklärten, habe ich nicht erkunden können.

Wunderlich ist (S. 212), daß die Götter vom Monde speisen, daher seine

Abnahme, die in Zunahme durch einwandernde Seelen übergeht.

Wir wollen nur noch die Vorstellungen der Hebräer, Babylonier und

Ägypter betrachten. In der ~Bibel~ wird von der Welt oft gesprochen,

meist in der Weise wie sie durch die Schöpfungsgeschichte gegeben ist.

Die Erde aus dem unteren Wasser hervorragend, darüber der Luftraum und

der Himmel; an dem Himmel die Gestirne, über dem Himmel die oberen

Wasser. Letzteres entspricht der babylonischen Vorstellung, worauf man

viel Wert gelegt hat, aber auch Vorstellungen, die wir in Ozeanien (S.

17) und wohl auch in Ägypten (S. 181) finden, und sie liegen ja nahe.

Die Erde ist fest. Im 104. kosmographischen Psalm heißt es: „Er hat

die Erde auf ihre Vesten gegründet, sie wanket nicht in Ewigkeit.“

Und im Hiob, Kap. 38, spricht der Ewige: „Worauf doch wurden ihre

(der Erde) Gründe eingesenkt, oder wer legte ihren Eckstein?“ Aber

gerade in diesem Buche, Kap. 26, haben wir eine merkwürdige Angabe

Hiobs, daß die Erde frei schwebe: „Den Norden spannte er über Leeres,

hängte die Erde über das Nichts.“ Dort wird auch von Säulen des

Himmels gesprochen, ob bildlich oder materiell, ist, wie in poetischen

Werken so oft, schwer zu entscheiden. Doch steht der Himmel auch auf

dem Saume des Weltozeans. Von den Wassern sagt der 104. Psalm: „Du

hattest die Flut wie Gewand darüber (über die Erde) gedeckt, auf Bergen

standen Gewässer. Vor deinem Dräuen flohen sie, vor deines Donners

Stimme enteilten sie. Stürmten Berge hinan, Täler hinab, zum Raum,

den du für sie gegründet; du setztest Grenzen, sie überschreiten sie

nicht, nicht kehren sie wieder, die Erde zu bedecken.“ Die oberen

Wasser „bilden das Obergemach“ im Himmel. Auch eine Unterwelt, Tachat,

Scheol, ist vorhanden, nach Hiob, Kap. 26, unter den Wassern: „Die

Schatten (Rephaim) entstehen (oder erbeben) unter den Wassern und deren

Bewohnern. Nackt ist die Unterwelt vor ihm und keine Decke hat der

Abgrund.“ Ebenso nach Kap. 38, Vers 16, 17: „Kamst du bis zu des Meeres

Quellen, durchwandeltest den Abgrund der Flut? Sind dir enthüllt des

Todes Pforten, die Pforten des Todesschattens siehst du?“ Die Gestirne

kehren unter der Erde nach Osten zurück. Im Prediger (Kap. 1, Vers 5)

wird von der Sonne gesagt: „Und aufgeht die Sonne und untergeht die

Sonne, und zu ihrer Stätte keuchend, geht sie daselbst auf“. „Keuchend“

(wörtlich), weil sie in die Höhe steigen muß.

[Illustration]

Die ~babylonische~ Mythe weiß im Grunde auch nicht mehr von der Welt.

Ihr allgemeines Weltbild ist, wie schon erwähnt, das der Bibel; es mag

auch älter sein. Jeremias bringt in seinem Buche „Das Alte Testament

im Lichte des alten Orients“ eine „babylonische Weltkarte“, die ich

wiederhole. Er sagt: „Jedenfalls stellen die sieben Dreiecke die sieben

entsprechenden Teile des den Himmelsdamm und die Erde umströmenden

Meeres dar, und sie hängen mit den sieben Kreisen (s. unten) des Supuk

(Supuk samê ist der Tierkreis) zusammen, der in den Himmelsozean

taucht. Vielleicht sind auch die sieben Meere in Betracht zu ziehen,

die in der indischen Kosmologie hervortreten, und die sieben Inseln im

Meere bei Henoch, Kap. 77“, wir können hinzufügen: die sieben Keschvars

der Eranier. Vom gleichen Autor entnehme ich noch die folgenden

Angaben: Das All ist ein doppeltes sich entsprechendes. Das himmlische

All hat die drei Teile: Himmelsozean, Tierkreis (himmlische Erde),

Nordhimmel. Das irdische All die: Ozean (in der Erde und um die Erde),

Erde, Lufthimmel (wo Meteore erscheinen und die Geister schweben).

Die Wandelsterne, innerhalb des Tierkreises sich bewegend (an Zahl

sieben mit Sonne und Mond), sind die Dolmetscher des göttlichen

Willens. „Der Fixsternhimmel verhält sich dazu wie ein an den Rand

des Offenbarungsbuches geschriebener Kommentar.“ Die Sterne heißen

denn auch Sitir samê, „Schrift des Himmels“. Aus solchen und ähnlichen

Anschauungen ist die berühmte chaldäische Astrologie hervorgegangen,

mit allen ihren wissenschaftlichen Leistungen und, bis in unsere Zeit

nachklingenden, Torheiten. Nach den sieben Planeten wird der Tierkreis

als aus sieben konzentrisch übereinander gestellten Ringen bestehend

(die sieben Kreise, von denen oben die Rede war) angesehen, „wie

eine kreisförmige Treppe, ein riesiger Stufenturm“ (indisch?). „Die

siebente Stufe führt in den obersten Himmel, den Himmel des Gottes

Anu.“ Letzterer Himmel wird auch als der Fixsternhimmel betrachtet und

als erster Himmel gezählt. Dieser Stufenhimmel ist in den Stufentempeln

Babyloniens mit allen oder einigen Stufen nachgeahmt. Unter den

sieben Stufen sind drei hervorgehoben, die von Sin (Mondgott), Samas

(Sonnengott), Istar (Venusgöttin); diese bedeuten die Regenten des

Tierkreises. Auf Siegelzylindern finden wir häufig Samas zwischen zwei

Bergspitzen als „Himmelstor“ hervortretend. Aber weder von diesem Tor

noch von dem Weltberg und dem „Länderberg“ habe ich mir eine Anschauung

bilden können. Arrhenius („die Vorstellung vom Weltgebäude“) bringt

nach einer Zeichnung von Faucher-Gudin eine Abbildung der babylonischen

Welt. „In der Mitte liegt der Kontinent, der nach allen Seiten hin

sich zum Weltberg Ararat erhebt. Das Land ist rings vom Ozean umgeben,

auf dessen hinterer Seite die Wohnungen der Götter liegen. Über dem

Weltberg liegt der Himmel wie eine Glocke (nach der Abbildung auf

einem um den Ozean herumlaufenden zweiten Gebirge aufruhend). Der

nördliche Teil war mit einem Rohr versehen (mit zwei Öffnungen). Aus

der östlichen Öffnung trat die Sonne am Morgen hervor, erhob sich am

Firmament, um am Nachmittag wieder zu sinken und schließlich beim

Einbruch der Nacht in die westliche Öffnung des Rohres einzutreten.

Während der Nacht schob sie sich durch das Rohr und trat am nächsten

Morgen durch dessen östliche Mündung wieder heraus.“ Woher der gelehrte

Verfasser den Sonnentubus genommen hat, kann ich nicht sagen. Bequem

ist er zweifellos, aber in keinem der mir zur Verfügung stehenden Texte

und Abbildungen finde ich auch nur eine Andeutung davon. Im übrigen

ist die irdische Welt in allen Teilen ein Abbild der Himmelswelt, was

auch die Ägypter annahmen und wovon (in Umkehrung) wir ja Beispiele

bei den Naturvölkern fanden. Das meiste von diesem Besonderen steht,

wie man sieht, trotz äußerer Ähnlichkeit in striktem Gegensatz zu der

biblischen Anschauung; der Himmel hat in dieser mit der irdischen Welt

nicht das geringste zu schaffen, und das ganze All ist nichts Gott

gegenüber. Gott hat den Gestirnen die „Satzungen“ gegeben.

[Illustration]

Auch der ~Ägypter~ Welt bestand aus den bekannten drei Teilen, Himmel,

Erde, Tiefe (Pet, Ta, Dat). Der Himmel ist der Ausgespannte, der

Verhüllende, der Hohe, der Gewölbte (Kapu) usf. Er ruht auf vier Säulen

oder wird von der Luftregion (Shu) gestützt und trägt die Gestirne und

ihre Gottheiten. Der Tempel wird als ein Abbild des Himmels angesehen

und dementsprechend ausgebaut und geschmückt. Brugsch führt viele

Beispiele an. So ist also „für die auf Erden lebenden Bewohner der

Himmel eine prächtige Tempelhalle, ein Dom, unter dessen glanzvollem

Dache sie sich ihres Daseins freuen“. Mit einem Himmel überdacht

werden auch die Grabkammern; aber dieser Himmel ist schwarz, es ist

der untere Himmel, an dem die Sonne nächtlich hinzieht. Mitunter

scheinen sich die Ägypter mehrere Himmel übereinander gedacht zu

haben; die doppeltgekrümmte Figur in der nächsten Abbildung, welche

Himmel, Luft und Erde durch Personen darstellt, erscheint zweimal

oder dreimal wiederholt, als Sonnenhimmel, Mondhimmel usf. Die Sonne

fährt auf ihrem Himmel auch im Sonnennachen (na-n-Rā), der vom Urgott

Nun (auf einem Bilde, aus dem Urgewässer hervorragend) getragen wird.

Im Hiob wird der Himmel als Spiegel bezeichnet, bei den Ägyptern als

Eisen. Eisen (ba) steht mitunter geradezu für Himmel („Rā fährt oder

schwimmt oder wandert auf dem Eisen“), wie umgekehrt das „Eisen des

Himmels (ba-n-pet)“ für Eisen überhaupt benutzt wird. Der mythische

Name der Erde (Ta) heißt Qeb. Das soll Biegung, Krümmung bedeuten.

Ob den Ägyptern aber die runde Gestalt der Erde bekannt war, oder

ob Qeb lediglich die Unebenheiten kennzeichnen soll, ist ungewiß.

Auch „Schwäche“ soll in dem Worte liegen, und die Erde wird auch

als schwacher, alter Mann dargestellt (wie in der obigen Abbildung)

oder als leidendes Weib. Die untere Welt ist das Nachtsonnenreich

der Welt, unter der Erde und unter den Wassern. Wir kommen auf sie

zurück. Figürlich wird sie als zusammengekrümmte Gestalt, Osiris,

gebildet. „Die untere Hemisphäre zusammengekrümmt enthält seine

(des Osiris) Gestalt“, heißt es in einer Inschrift. Die ganze Welt

scheint vom Urwasser Nun eingeschlossen zu sein, wie sich aus einer

Abbildung bei Brugsch, „Religion und Mythologie der alten Ägypter“, S.

216, entnehmen läßt. Das entspräche etwa der biblisch-babylonischen

Auffassung. Wenn aber auf der Abbildung auch ein Rand des Wassers

außerhalb der Welt sichtbar ist, so würde das mehr an den Okeanos der

Griechen erinnern, hinter dem ja auch die Welt, im Tartaros, sich

fortsetzt. Indessen kann es sich auch um eine Willkür des Malers

handeln. Das All wird unter dem Bilde des Skarabäus dargestellt.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 70 / 108 题