Der ~Monotheismus~ bildet eine Religionsanschauung, die -- wenn
außerordentliches Wirken und Walten in Frage kommen soll --, dem
Gedanken die höchste ist. Die Erfahrung hat aber gelehrt, daß es
zugleich diejenige Anschauung ist, welcher der Mensch am heftigsten und
am meisten widerstrebt. Der Einzige ist dem Menschen zu übergeordnet,
zu unnahbar. Und leitet Einer alles im All, so hat er nicht nur
Unzähliges zu versorgen, sondern auch Unzähliges nach unzähligen
Richtungen. Wie sollte das Individuum dabei mit seinen Sonderwünschen
Berücksichtigung finden! Der Allgott kann nicht Hausgott sein, kaum
Volksgott. So wenigstens spricht es allgemein im Menschen. Wir sehen
denn auch geschichtlich, daß keine monotheistische Anschauung auf dem
Wege der Entwicklung erstanden ist, daß alle, die wir kennen, von
bestimmten Personen ins Leben gerufen sind (S. 81), von Menschen, die
gewaltigen Geistes den Gang der Entwicklung ~unterbrochen~ haben und
die Menschheit in Bahnen leiteten, die ihr ganz fremd gewesen sind,
denen sie höchst widerwillig folgte, die sie bei jeder Gelegenheit
verlassen hat, und die sie noch heute scheuend möglichst meidet. Daraus
schon kann man schließen, daß der Monotheismus nicht aus irgendeinem
Polytheismus sich sublimiert hat. Aber ein noch stärkeres Argument
besteht in folgendem. Wir kennen keine einzige polytheistische
Anschauung, in der nicht neben dem männlichen Prinzip das weibliche
vertreten wäre, und zwar nicht etwa bloß untergeordnet nebenbei,
sondern meist durchaus nebengeordnet und hauptsächlich. Istar ist
ein absolutes Hindernis für eine Monotheisierung der babylonischen
Anschauungen, Hathor oder Isis für eine solche der ägyptischen, Dione,
Hera, Athena für eine solche der griechischen, usf. durch ausnahmslos
alle wirklich polytheistischen Anschauungen. Im ältesten Monotheismus,
der Grundlage für alle anderen entsprechenden Anschauungen, findet
sich auch nicht die leiseste Spur eines weiblichen Prinzips neben dem
männlichen. Ich habe schon bemerkt, daß polytheistische Anschauungen
nicht einmal zu einem wirklichen Henotheismus geführt haben. Jetzt
sehen wir, daß sie dahin auch gar nicht führen können. Sie vermögen
nur bis zu einem Duismus, zu einem Gottheitpaar (unterschieden vom
Dualismus der Gegengottheiten der Eranier) aufzusteigen, nicht zu einem
einzigen Gott. Gäbe es polytheistische Anschauungen ohne ein weibliches
Prinzip, so wäre ein solches Aufsteigen, wenn auch, nach der Art
des Menschen, nicht wahrscheinlich, doch wenigstens möglich. Solche
Anschauungen aber hat kein Polytheismus ausgebildet. Das gewaltige
Hindernis des weiblichen Prinzips für wirklichen Monotheismus hat auch
der ebenso große Orientalist wie außerordentliche Babylonierbewunderer
F. Delitzsch anerkannt. Wenn er und andere, wie namentlich der so
verdienstvolle Pfarrer Jeremias, wenigstens von „monotheistischen
Unterströmungen“ bei gewissen Völkern, namentlich aber den Babyloniern,
sprechen, so muß es richtiger „henotheistische Unterströmungen“ heißen.
Was Friedrich Delitzsch sagt, muß ich anführen („Babel und Bibel“,
erster Vortrag 1905, S. 81 f., Anmerkung 42). Seine babylonischen
Zitate gebe ich aber in Übersetzung nach Greßmann („Altbabylonische
Texte“) und vollständig, damit der Leser selbst urteilen kann. Der
Text -- als Tafel des Kudurru Sohnes des Mastukku unterzeichnet
und als kollationierte Kopie eines älteren Textes angegeben -- ist
neubabylonisch; aus welcher Zeit er stammt, ist nicht entschieden.
Greßmanns Übersetzung ist insofern nicht vollständig, als vor dem Namen
die Bezeichnung „Gott“ (il) fehlt. Die Formel lautet immer: „Gott
(Name) ist Marduk in bezug auf...“ Nur dreizehn Götter sind lesbar:
Tu, Lugal-Akila, Ninib, Nergal, Zamama, Ellil, Nabium, Sin, Samas,
Adad, Tishu, Râbu, Sukamuna. Diese also sind Marduk mit Bezug auf:
Pflanzung, Quelltiefe, Kampf, Schlacht, Herrschaft und Entscheidung,
Erleuchtung der Nacht, Recht, Regen, Heer,?, Bewässerungsröhren. Auf
der Rückseite als Fortsetzung können wir noch fünf Zeilen wenigstens
teilweise lesen, nach der Formel: Eigenschaftsname (Untersucher,
Üppiger sind noch zu entziffern), Bild, Göttername. Darunter steht:
„Zusammen acht Bilder der großen Götter“; Zamama, Nabium, Nergal,
Sulmânu, Pabilsag sind als solche Götter noch zu entziffern. Diese
Rückseite, die drei Namen enthält, die auch auf der Vorderseite stehen
und die von demselben Schreiber herrührt, läßt keinen Zweifel, daß
es sich überall um Götter, mindestens zum Teil sogar um große Götter
handelt, falls die Vorzeichnung il = Gott zur Feststellung noch nicht
ausreichen sollte. Also ist Marduk einfach diese Götter, er hat
ihre Verrichtungen. Friedrich Delitzsch sagt nun: „Marduk ist sowohl
Ninib als Nergal; sowohl Mondgott wie Sonnengott usw.“ Das von ihm
sogar gesperrt gesetzte „ist“ steht nicht im Text, bei Greßmann ist
es als von ihm zugesetzte Erläuterung in Klammern getan. Doch mag
das sein. Wie darf man aber aus einer solchen Festsetzung schließen,
daß der biblische Monotheismus babylonisch ist? Es kommt hier nicht
darauf an, daß es sich gerade um Bibel und Babel handelt, sondern ob
jene Festsetzung einen Monotheismus bedeutet. Da ist es mir schwer
begreiflich, wie man den Charakter des Monotheismus so verkennen
kann. Im Monotheismus ist Gott weder Sonnengott, noch Mondgott, noch
überhaupt ein Erscheinungsgott. Wir haben hier Jehova als Beispiel.
Wo steht in der Bibel auch nur ein Wort davon, daß Jehova Sonnengott,
Mondgott, Pflanzengott, Besitzgott usf., sogar Bewässerungsröhrengott
ist? Gott steht im Monotheismus über alle Welt, er ist nichts von dem
in der Welt; er schafft die ganze Welt (in der Bibel einfach durch
Befehl) und regiert die ganze Welt. Marduk, selbst in der Deutung durch
Delitzsch, ist nichts weiter als so und so viele Götter bestimmter
Gegenstände und Erscheinungen, die der betreffende Verfasser des Textes
sogar sämtlich aufzuführen sich gezwungen sieht, gewisse acht „großen
Götter“ (als Bilder) ~zusammenzählend~. Das steht tief selbst unter
der Auffassung, die die Griechen von Zeus hatten, den sie ja auch
Zeus-Helios, Zeus-Hades nennen und der ihr Gottherrscher gewesen ist.
Und was sagen alles die Ägypter von fast jedem ihrer Götter aus, und
wie außerordentlich viel Höheres und Umfassenderes! Delitzsch schwächt
im Laufe seiner Auseinandersetzung seine Ansicht auch ab, indem er
meint: „Es läßt sich, soweit dieser Text in Betracht kommt, ~höchstens~
von einer monotheistischen Unterströmung reden.“ Ich selbst glaube,
kaum von einer henotheistischen Unterströmung. Ich darf mich mit diesen
Auseinandersetzungen begnügen, aus denen wohl hinreichend erhellt, was
unter Monotheismus zu verstehen ist und wie er sich zu Polytheismus
und Henotheismus verhält. Von den monotheistischen Anschauungen
braucht nichts gesagt zu werden; wir sind alle in ihnen erzogen.
Und worin wir dabei mit uns selbst in Kampf geraten, das gehört vor
das Forum des Philosophisch-Naturwissenschaftlichen. Dahin -- wenn
nicht in das Gebiet der Gedankenunfähigkeit oder Gedankenträgheit --
gehört auch, was über Atheismus zu sagen wäre, denn Atheismus als
Religionsanschauung ist natürlich ein Widerspruch in sich und hat auch
nie existiert.