18. ~Monotheistische Anschauungen.~

Der ~Monotheismus~ bildet eine Religionsanschauung, die -- wenn

außerordentliches Wirken und Walten in Frage kommen soll --, dem

Gedanken die höchste ist. Die Erfahrung hat aber gelehrt, daß es

zugleich diejenige Anschauung ist, welcher der Mensch am heftigsten und

am meisten widerstrebt. Der Einzige ist dem Menschen zu übergeordnet,

zu unnahbar. Und leitet Einer alles im All, so hat er nicht nur

Unzähliges zu versorgen, sondern auch Unzähliges nach unzähligen

Richtungen. Wie sollte das Individuum dabei mit seinen Sonderwünschen

Berücksichtigung finden! Der Allgott kann nicht Hausgott sein, kaum

Volksgott. So wenigstens spricht es allgemein im Menschen. Wir sehen

denn auch geschichtlich, daß keine monotheistische Anschauung auf dem

Wege der Entwicklung erstanden ist, daß alle, die wir kennen, von

bestimmten Personen ins Leben gerufen sind (S. 81), von Menschen, die

gewaltigen Geistes den Gang der Entwicklung ~unterbrochen~ haben und

die Menschheit in Bahnen leiteten, die ihr ganz fremd gewesen sind,

denen sie höchst widerwillig folgte, die sie bei jeder Gelegenheit

verlassen hat, und die sie noch heute scheuend möglichst meidet. Daraus

schon kann man schließen, daß der Monotheismus nicht aus irgendeinem

Polytheismus sich sublimiert hat. Aber ein noch stärkeres Argument

besteht in folgendem. Wir kennen keine einzige polytheistische

Anschauung, in der nicht neben dem männlichen Prinzip das weibliche

vertreten wäre, und zwar nicht etwa bloß untergeordnet nebenbei,

sondern meist durchaus nebengeordnet und hauptsächlich. Istar ist

ein absolutes Hindernis für eine Monotheisierung der babylonischen

Anschauungen, Hathor oder Isis für eine solche der ägyptischen, Dione,

Hera, Athena für eine solche der griechischen, usf. durch ausnahmslos

alle wirklich polytheistischen Anschauungen. Im ältesten Monotheismus,

der Grundlage für alle anderen entsprechenden Anschauungen, findet

sich auch nicht die leiseste Spur eines weiblichen Prinzips neben dem

männlichen. Ich habe schon bemerkt, daß polytheistische Anschauungen

nicht einmal zu einem wirklichen Henotheismus geführt haben. Jetzt

sehen wir, daß sie dahin auch gar nicht führen können. Sie vermögen

nur bis zu einem Duismus, zu einem Gottheitpaar (unterschieden vom

Dualismus der Gegengottheiten der Eranier) aufzusteigen, nicht zu einem

einzigen Gott. Gäbe es polytheistische Anschauungen ohne ein weibliches

Prinzip, so wäre ein solches Aufsteigen, wenn auch, nach der Art

des Menschen, nicht wahrscheinlich, doch wenigstens möglich. Solche

Anschauungen aber hat kein Polytheismus ausgebildet. Das gewaltige

Hindernis des weiblichen Prinzips für wirklichen Monotheismus hat auch

der ebenso große Orientalist wie außerordentliche Babylonierbewunderer

F. Delitzsch anerkannt. Wenn er und andere, wie namentlich der so

verdienstvolle Pfarrer Jeremias, wenigstens von „monotheistischen

Unterströmungen“ bei gewissen Völkern, namentlich aber den Babyloniern,

sprechen, so muß es richtiger „henotheistische Unterströmungen“ heißen.

Was Friedrich Delitzsch sagt, muß ich anführen („Babel und Bibel“,

erster Vortrag 1905, S. 81 f., Anmerkung 42). Seine babylonischen

Zitate gebe ich aber in Übersetzung nach Greßmann („Altbabylonische

Texte“) und vollständig, damit der Leser selbst urteilen kann. Der

Text -- als Tafel des Kudurru Sohnes des Mastukku unterzeichnet

und als kollationierte Kopie eines älteren Textes angegeben -- ist

neubabylonisch; aus welcher Zeit er stammt, ist nicht entschieden.

Greßmanns Übersetzung ist insofern nicht vollständig, als vor dem Namen

die Bezeichnung „Gott“ (il) fehlt. Die Formel lautet immer: „Gott

(Name) ist Marduk in bezug auf...“ Nur dreizehn Götter sind lesbar:

Tu, Lugal-Akila, Ninib, Nergal, Zamama, Ellil, Nabium, Sin, Samas,

Adad, Tishu, Râbu, Sukamuna. Diese also sind Marduk mit Bezug auf:

Pflanzung, Quelltiefe, Kampf, Schlacht, Herrschaft und Entscheidung,

Erleuchtung der Nacht, Recht, Regen, Heer,?, Bewässerungsröhren. Auf

der Rückseite als Fortsetzung können wir noch fünf Zeilen wenigstens

teilweise lesen, nach der Formel: Eigenschaftsname (Untersucher,

Üppiger sind noch zu entziffern), Bild, Göttername. Darunter steht:

„Zusammen acht Bilder der großen Götter“; Zamama, Nabium, Nergal,

Sulmânu, Pabilsag sind als solche Götter noch zu entziffern. Diese

Rückseite, die drei Namen enthält, die auch auf der Vorderseite stehen

und die von demselben Schreiber herrührt, läßt keinen Zweifel, daß

es sich überall um Götter, mindestens zum Teil sogar um große Götter

handelt, falls die Vorzeichnung il = Gott zur Feststellung noch nicht

ausreichen sollte. Also ist Marduk einfach diese Götter, er hat

ihre Verrichtungen. Friedrich Delitzsch sagt nun: „Marduk ist sowohl

Ninib als Nergal; sowohl Mondgott wie Sonnengott usw.“ Das von ihm

sogar gesperrt gesetzte „ist“ steht nicht im Text, bei Greßmann ist

es als von ihm zugesetzte Erläuterung in Klammern getan. Doch mag

das sein. Wie darf man aber aus einer solchen Festsetzung schließen,

daß der biblische Monotheismus babylonisch ist? Es kommt hier nicht

darauf an, daß es sich gerade um Bibel und Babel handelt, sondern ob

jene Festsetzung einen Monotheismus bedeutet. Da ist es mir schwer

begreiflich, wie man den Charakter des Monotheismus so verkennen

kann. Im Monotheismus ist Gott weder Sonnengott, noch Mondgott, noch

überhaupt ein Erscheinungsgott. Wir haben hier Jehova als Beispiel.

Wo steht in der Bibel auch nur ein Wort davon, daß Jehova Sonnengott,

Mondgott, Pflanzengott, Besitzgott usf., sogar Bewässerungsröhrengott

ist? Gott steht im Monotheismus über alle Welt, er ist nichts von dem

in der Welt; er schafft die ganze Welt (in der Bibel einfach durch

Befehl) und regiert die ganze Welt. Marduk, selbst in der Deutung durch

Delitzsch, ist nichts weiter als so und so viele Götter bestimmter

Gegenstände und Erscheinungen, die der betreffende Verfasser des Textes

sogar sämtlich aufzuführen sich gezwungen sieht, gewisse acht „großen

Götter“ (als Bilder) ~zusammenzählend~. Das steht tief selbst unter

der Auffassung, die die Griechen von Zeus hatten, den sie ja auch

Zeus-Helios, Zeus-Hades nennen und der ihr Gottherrscher gewesen ist.

Und was sagen alles die Ägypter von fast jedem ihrer Götter aus, und

wie außerordentlich viel Höheres und Umfassenderes! Delitzsch schwächt

im Laufe seiner Auseinandersetzung seine Ansicht auch ab, indem er

meint: „Es läßt sich, soweit dieser Text in Betracht kommt, ~höchstens~

von einer monotheistischen Unterströmung reden.“ Ich selbst glaube,

kaum von einer henotheistischen Unterströmung. Ich darf mich mit diesen

Auseinandersetzungen begnügen, aus denen wohl hinreichend erhellt, was

unter Monotheismus zu verstehen ist und wie er sich zu Polytheismus

und Henotheismus verhält. Von den monotheistischen Anschauungen

braucht nichts gesagt zu werden; wir sind alle in ihnen erzogen.

Und worin wir dabei mit uns selbst in Kampf geraten, das gehört vor

das Forum des Philosophisch-Naturwissenschaftlichen. Dahin -- wenn

nicht in das Gebiet der Gedankenunfähigkeit oder Gedankenträgheit --

gehört auch, was über Atheismus zu sagen wäre, denn Atheismus als

Religionsanschauung ist natürlich ein Widerspruch in sich und hat auch

nie existiert.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 68 / 108 题