Die Gesamtheit der Gottheiten des ~Polytheismus~ können wir einteilen
in: irdische Geister- und Gegenstandsgottheiten, Vergötterungen,
Naturerscheinungen, Herrsch- und Schaffensgottheiten, Schicksals-
und ethische Gottheiten, Prinzipiengottheiten. Die beiden ersten
Gottheitenarten sind unmittelbar naturmenschlich, sie gehören
dem Animismus und dem Seelen-Ahnenglauben an. Sie liefern das
unübersehbare Heer der Genien, Geister, Feen, Nymphen aller Art,
Dämonen, Hexen usf., wovon schon die Rede gewesen ist. Auch die
Naturerscheinungen als persönliche Gottheiten aufgefaßt, enthalten
sehr viel Naturmenschliches. Ist das Feuer, das Wetter, der Sturm,
die Sonne, der Mond, ein Stern, der Himmel, die Erde eine Gottheit,
so muß eine Beseelung angenommen sein, die mit der betreffenden
Erscheinung so verbunden ist wie bei den Lebewesen. Daraus folgt
natürlich nicht, daß diese Beseelung aus den Lebewesen herstammen muß,
sie kann selbständig gesetzt sein und mit besonderen Eigenheiten;
wie auch eine Pflanze anders beseelt ist, denn ein Tier, und dieses
anders, denn ein Mensch. Soll also auch nicht bestritten werden,
daß in gewissen Fällen die Naturgottheiten in der Tat aus Fetischen
abgeschiedener Seelen hervorgegangen sind, die sich die betreffenden
Erscheinungen zum Sitze erwählt haben, so glaube ich doch nicht, daß
dieses in allen Fällen geschehen ist. Weder Zeus als Himmel noch Helios
als Sonne, noch Wuotan als Wetter, noch Rā, Indra, Mitra, Ahura-Mazda
und so viele andere enthalten einen Hinweis auf rein Seelenhaftes.
Wenn Seelen ihren Wohnsitz in Sonne, Wetter, Feuer usf. aufschlagen,
so geschieht das in den hervorgehobenen Fällen immer, nachdem die
Gottheit von der Erscheinung schon geschieden, Zeus schon der Gott des
Himmels, Helios der der Sonne usf. geworden ist. Man muß auch beachten,
wie in diesen Fällen so ganz anders von den Seelen gesprochen wird
als von den Göttern. Homer ist für die Griechen Kronzeuge, da er in
bezug auf die Seelen ganz naturmenschlich denkt, seine Götter aber
absolut nichts Schattenhaftes, wie doch die Seelen bei ihm, an sich
haben. Die Vergöttlichung der Naturerscheinungen ist eine Folge des
Animismus überhaupt, nicht erst der Verselbständigung der Seele und
ihrer Lokalisierung in der Welt. Auf dieser Stufe des Polytheismus
gehören die Weltanschauungen einem monistischen Animismus an, der nur
in der Weise einer Entwicklung fähig ist, daß die Beseelungen, besser
die beseelten Dinge, mehr und mehr voneinander nach ihrer Bedeutung
geschieden und geordnet werden, bis Wetter, Himmel, Sonne, Gestirne
usf. höher bewertet sind als selbst der Mensch. Aber die Welt ist
einheitlich aus, nach Art der lebenden Menschen, bestehenden Dingen
zusammengesetzt, und sie war von je so und bleibt so. Ein Polytheismus
ist nur darin zu sehen, daß eben die höher erachteten, das heißt
die mächtigeren, Dinge aus egoistischen Gründen verehrt werden, wie
Menschen auch, die man fürchtet und sich geneigt machen will.
Wie man lernte, die Gottheiten aus den Dingen herauszunehmen und sie
als ~Herrscher über diese Dinge~ zu setzen, ist schwer zu sagen.
Die Erkenntnis und die Verselbständigung der Seele kann wohl nicht
herangezogen werden, weil mit ihrer Entnahme die Ertötung der Dinge
selbst notwendig verbunden war; beim Himmel und seinen Objekten, der
Erde, dem Meere usf., aber davon keine Rede sein konnte. Zwar darf man
von einem Sterben und Aufleben bei wechselnden Erscheinungen sprechen,
wie bei Wettern, Sonnenunter- und -aufgängen u. ä., und das hat man
ja auch überall getan. Aber das ist noch durchaus verschieden von der
Beherrschung durch freie Gottheiten, die das wechselnde Verhalten der
Dinge nach Belieben leiten. Auf dem rein animistischen Standpunkt
glauben wirklich viele Völker, daß jeder Tag eine neue Sonne hat, die
am Morgen geboren wird und am Abend stirbt. Ja, manche leiten daraus
das Sterben der Lebewesen überhaupt ab. Ich habe die polynesische Sage
von Maui, dem Sonnenheros, und seinem Tode in der Finsternisgöttin
erzählt (S. 65); sein Tod brachte, erklären die Neuseeländer, das
Sterben in die Welt, vorher hat alles unbegrenzt gelebt. Und Osiris,
ursprünglich ein Sonnengott, ist nach seinem Tode ein Totengott
geworden. Im siebzehnten Kapitel des Totenbuches heißt es: „Ich bin
der gestrige Tag, ich kenne auch den morgenden Tag. Das ist Osiris.
Was ist das? Der gestrige Tag ist Osiris, der morgende Tag ist der
Lichtgott Rā.“ Hier zeigt sich’s ganz deutlich, daß wir es nicht mit
von der Erscheinung getrennten Gottheiten zu tun haben; die gestrige
Sonne ist Osiris, die heutige Rā. Aber ein Volk wie die Ägypter ist
dabei nicht stehen geblieben, und wo es dem Rā oder Osiris die höchsten
Eigenschaften zuschreibt, wozu auch ewige Dauer gehört, da hat es
ihn von der Erscheinung schon abgelöst. Die Römer hatten etwas, das
die Scheidung der Gottheiten von den Erscheinungen hätte vorbereiten
können, die genii, die ja außer den Dingen stehen und diese leiten.
Allein, sie schieben selbst den Gottheiten Genien zu; Jupiter hatte
seinen genius wie Mars, Minerva, die anderen Götter alle, und wie
Menschen und Tiere usf. Die genii standen also selbst den Göttern noch
übergeordnet, die den Erscheinungen übergeordnet standen; wenn auch die
genii untrennbar von den Göttern waren, daß man sie vielleicht auch als
ihnen beigeordnet bezeichnen könnte.
Man wird hiernach wohl nicht umhin können, anzunehmen, daß von den
Erscheinungen getrennte Gottheiten durch ein Gefühl von Höherem als
die Erscheinungen sich allmählich aufgedrängt haben. Dieses Gefühl
wird erst sehr dunkel gewesen sein, sich aber bei einem Volke im
Laufe der Jahrhunderte zu immer größerer Klarheit herausgearbeitet
haben. Wie sehr Völker zu kämpfen hatten und haben, um sich dieses
Gefühls stets bewußt zu sein, sehen wir ja daran, daß immer und immer
wieder die Gottheit mit der Erscheinung verwechselt, trotz schon
erreichter höherer Auffassung, in die rein animistische Auffassung
zurückgefallen wird. In demselben Kapitel des Totenbuches, dem obiges
Zitat entnommen ist, heißt es: „Ich bin der Urgedanke dessen, was da
ist und was da sein wird. Was ist es? Das ist Osiris.“ Also dieser
höchste Gedanke betrifft den gleichen Gott, der nur der gestrige Tag
sein sollte. Ähnliches gilt von Helios, Marduk, Jupiter, Zeus und von
anderen Gottheiten. Wenn es wahr ist, daß die Namen der Gottheiten
Appellative sind (was freilich gegenwärtig nur für einige zugestanden
wird), nur daß wir so viele noch nicht zu übersetzen vermögen, wie
Istar, Aphrodite u. a., so ist eine derartige zweiseitige Auffassung
ganz verständlich, die Namen entsprechen den mit den Erscheinungen
identifizierten Gottheiten, zum Beispiel Dyaus (Zeus, Jovis), „was
glänzt“, „das Strahlende“. Sie blieben den Gottheiten auch, als diese
von den Erscheinungen getrennt wurden; und nun waren sie zugleich nur
Namen, wie von Personen, und Erscheinungsbezeichnungen, sodaß die
Gottheit bald ein Individuum, bald eine Erscheinung bedeutete. Lippert
geht von der Ansicht aus, daß ursprünglich dem Seelen-Ahnenglauben
entsprechend die Namen der Gottheiten Herr, Herrin, Mann, Frau, Geist
besagen sollten. Zweifellos läßt sich das bei einigen Namen nachweisen.
Zeus als Ὑπατος ist höchster Herr, Schang-ti der Chinesen für Himmel
ist das gleiche, Freia ist die Frau, Mannus der Mann usf. Aber andere
sind ebenso sicher nicht auf solche Bedeutungen zurückführbar. Dyaus,
Dev, Div als Glanz, nach Max Müller, ist schon erwähnt. Hier freilich
macht Lippert eine sehr treffende Bemerkung. Bei den Eraniern sind
die Dev gerade das Entgegengesetzte wie bei den ihnen so nahestehenden
Indiern, nämlich böse Geister statt gute. Es wäre nicht denkbar,
daß man die bösen Geister auch als glänzende bezeichnet hätte. Es
müsse darum Dev ursprünglich eine beiden Völkern gemeinsame neutrale
Bedeutung besitzen. Und diese findet er nach Worten in slawischen
Sprachen in der Tat nahestehend den Bezeichnungen seiner Annahme. Die
Etymologien sind vielfach recht unsicher, er kann in diesem Falle wohl
recht haben. Amun heißt aber der Verborgene oder Gerufene, Brahma der
Sprechende, Agni der Flackernde, Apollon der Abwehrende, Helios der
Brennende, Artemis die Schlachtende (als Todesgöttin), Wuotan der
Wütende (der Stürmende) usf. Auch wären solche Namen wie Dyauspitar
(Jupiter), Demeter unnötige Pleonasmen, wenn der erste Teil nichts
anderes besagte als der zweite. Zu beachten ist endlich, daß umgekehrt
selbst Personennamen in Würdebezeichnungen übergegangen sind, wie Cäsar
in den Kaiser. Die Ansicht Lipperts wird sich also wohl kaum allgemein
aufrecht erhalten lassen. Wo sie aber bei höchsten Auffassungen
zutrifft, handelt es sich oft lediglich um Anerkennung der höchsten
Herrschaft, wie bei unserem der HERR, nicht um Ahnenglauben.
Wenn die Gottheiten von den Erscheinungen getrennt sind und nun
diese beherrschen, so verursachen sie sie auch, wie Poseidon oder
Wuotan den Sturm, Zeus oder Indra den Donner und Blitz, Osiris die
Nilüberschwemmungen. Sie treten also nicht bloß als Leiter und
Herrscher auf, sondern auch als ~Hervorbringer~, und wenn die letztere
Eigenschaft ausgedehnt wird, können sie auch zu ~Schöpfern~ werden.
Indessen hängt es wohl mit der ursprünglichen Anschauung von den
Gottheiten als den Erscheinungen selbst zusammen, daß in vielen Fällen
sie tatsächlich nicht als Schöpfer dieser Erscheinungen gelten. Im
Gegenteil finden wir vielfach Kosmogonie mit der Theogonie verbunden;
Erscheinung und die zugehörige Gottheit erstehen zugleich, oder
sie sind zugleich vorhanden. Allenfalls werden Menschen, Lebewesen
überhaupt, von einer Gottheit geschaffen. Und selbst dabei ist oft
Unsicherheit und Zweideutigkeit vorhanden, indem neben diesen
Schöpfungen auch spontane Entstehung angenommen wird, oder einfacher,
Abstammung von Gottheiten auf natürlichem Wege. Es ist fast trivial,
auf ~Hesiodos’~ Theogonie zu verweisen. Chaos, Ge, Tartaros, Eros
werden, und nun entwickelt sich die ganze Götterreihe, wobei die
Erscheinungen als ihnen selbstverständlich zugehörig und mit ihnen
hervorgehend angesehen sind. Uranos entsteht mit dem Himmel, Helios mit
der Sonne, Pontos mit dem Meer usf. Ähnlich liegen die Verhältnisse
bei den ~Ägyptern~. Nun = Thot (Urwasser = Urgeist) sind vorhanden,
es entwickelt sich die kosmogonische Götter-Vierpaarheit; wodurch
die Grundlage zu allen Erscheinungen gewonnen ist. Aus einem Ei,
das das Paar He-Hehet aus dem Urwasser heraufholt, ersteht Rā und
mit ihm sogleich das Licht, die Sonne. Rā aber differenziert sich
in neue Gottheiten, welche Naturerscheinungen darstellen. Unter den
verschiedenen ~indischen~ Kosmogonien entspricht die wichtigste, mit
den Grundelementen Tad (Das), Tapas (Inbrünstige Betrachtung), aus
denen Kama (Wille), Ritam (Weltordnung, Kausalität), Satyam (Wahrheit,
Folge) und der Wechsel von Tag und Nacht, Sonne, Mond, Gestirne usf.
hervorgehen, gleichfalls diesem Prinzip. Noch mehr hierher gehört
vielleicht die Kosmogonie, die mit Brahmanaspati (Herr des Gebets oder
Opfers) als Urprinzip beginnt. Âditi und Dakhsha sind seine Folgen,
das, woraus entsteht, und das, was entstehen lassen kann. Daraus
die Âdityas, zu denen Varuna gehört. Dieser nun ist der eigentliche
Weltschöpfer: er schafft alle Wesen, erhält Himmel und Erde, er setzt
die Sonne an den Himmel. Die Sonne (Sûrya) wird jedoch auch wie Rā in
einem Weltei aus dem Urmeere emporgehoben. Nach einem Rigvedahymnus
stellt Varuna einen Baum „in das Bodenlose“ auf, der wohl ein
~Weltbaum~ sein soll, wie die Esche Yggdrasil der Germanen. W. Schwartz
hat ein Buch, „Indogermanischer Volksglaube“, geschrieben, in dem er
den Weltbaum als Licht- oder Sonnenbaum erklärt und als kosmogonisches
Prinzip in Anspruch nimmt. „Das aufsteigende Licht erschien .... als
Lichtsäule oder unter dem Reflex eines Baumes als Stamm; die in den
Wolken sich verästelnden Sonnenstrahlen als Äste und Zweige, die Wolken
als Blätter.“ Nach ihm und anderen wären Sonne, Mond, Gestirne Früchte
dieses Himmelsbaumes. Ich kann diesem und was noch weiter von fast
allen Erscheinungen als mit dem Weltbaum zusammenhängend gesagt wird,
nicht folgen, so interessant die Ausführungen im einzelnen sind. Der
Weltbaum ist, glaube ich, lediglich als Stütze der Welten gedacht,
oder als Träger, da ja für den wissenschaftlich nicht geschulten
Geist eine Stütze durchaus nötig ist, so daß eine solche fast auf
der ganzen Welt als Baum, Berg, Säule, Tier, Mensch usf. angenommen
wird. Varunas Baum wird nichts anderes sein, wie auch Zeus’ Baum, auf
den er die Welt gleich einem Gewand gehängt hat. Bei den ~Japanern~
entstehen wenigstens die Sonnen-, Mond- und Sturmgottheiten (Amaterasu,
Tsonkiyoumi, Sousano) zugleich mit Sonne, Mond, Gewitter aus dem
rechten und dem linken Auge und aus dem Atem des Götterpaares Isanami
und Isanaghi.
In anderen Fällen sind die Gottheiten vorhanden, und besondere von
ihnen bauen die Welt, wenn nicht einer von ihnen alles bildet. Dann
werden die Erscheinungen unter die Gottheiten verteilt. Schon die
~Ägypter~ kennen einen allgemeinen Weltschöpfer, der bald Amun,
bald Osiris, Rā, Ptah, Atum oder Tum genannt wird. So heißt es in
dem siebzehnten Kapitel des Totenbuches: „Ich, der Gott Atumu, ich
bin der Seiende. Ich war allein im Urgewässer (Nun). Ich, der Gott
Atumu, der Schöpfer des Himmels und Bildner des Seienden, ich bin
aufgegangen aus dem Urgewässer.“ „Ich bin der Lichtgott Rā in seinen
ersten Aufgängen. Was ist das? Nämlich der Lichtgott Rā als König am
Anfang seiner Herrschaft über das, was er erschaffen hat.“ Aber an der
gleichen Stelle wird doch Rā als Gottheit (Atumu) in der Sonnenscheibe
bezeichnet: „Ich bin der, welchen keiner unter den Göttern übertrifft.
Was ist das? Das ist Atumu (wofür auch Rā steht) in seiner Scheibe.“
Und ferner wird ein solcher Schöpfer zunächst nur Schöpfer der
Gottheiten dargestellt, die nun ihrerseits weiterschaffen. So heißt es
in dem sogenannten Apophisbuch von 310 v. Chr., das einem Priester
Esmin ins Grab gegeben war und ihn in der Unterwelt vor dem Feinde
Rā’s, dem Drachen Apophis, schützen sollte, und in dem Rā als Allherr
redet:
Erst als ich entstanden war, entstand das Entstandene,
Alles Entstandene entstand, nachdem ich entstanden war.
Zahlreich waren die Gestalten, die aus meinem Munde herauskamen.
Nun wird, wie in babylonischen und anderen Schöpfungsgedichten,
erzählt, was nicht vorhanden war. Dann lautet es: „Ich schuf alle
Gestalten, indem ich allein war.“ „Es entstanden viele Gestalten
der Gestalten, In den Gestalten der Erzeuger Und in den Gestalten
ihrer Kinder. Ich ergoß Samen in meine Hand, Ich begattete mich mit
meinem Schatten.“ „Ich spuckte aus den Schu, ich spie aus die Tafêne
(Tafnut).“ „Sie (diese Götter) brachten mir mein Auge hinter sich
her, Und nachdem ich es mir eingesetzt hatte, Weinte ich über sie.
So entstanden die Menschen.“ Bis auf das letzte sehr schöne Bild,
daß die Menschen aus den Tränen (rîme = weinen, rôme = Mensch) des
Gottes entstehen, ist alles wunderlich, kraus und zum Teil häßlich.
Weiter wird erzählt, wie von Schu und Tafnut alle anderen Götter
hervorgehen. Sie erzeugen Qeb und Nut, diese Osiris, Seth, Isis,
Nephthys. In einem anderen Text sagt Rā zu Thot: „Ich werde dich aber
die beiden Himmel mit deiner Schönheit und deinen Strahlen umfassen
lassen.“ Und als Erklärung wird hinzugefügt: „Das ist die Entstehung
des Mondes, des Thot.“ Der Wert derartiger Feststellungen wird dadurch
sehr geschmälert, daß sie so oft auf einem Wortspiel beruhen. Und in
Wortspielen ist niemand so groß wie die Ägypter, Brugsch gibt eine
Menge Beispiele dafür.
Bei den ~Babyloniern~ sind die Gottheiten schon vor der Welt vorhanden,
mindestens die drei: Anu, Ellil und Ea, wohl auch die Istar. Andere
heißen ihre Söhne, wie Marduk Sohn Ea’s genannt wird. Die Welt ist,
wenigstens zum Teil, von Marduk gebildet. In dem Schöpfungsepos, Enuma
Elis, Tafel VI ist leider gerade der diese Bildung beschreibende Text
fast ganz zerstört. Einiges ersieht man aber aus der Tafel VII, in der
Marduk unter verschiedenen Namen gepriesen wird. Dort heißt es von ihm
u. a.:
„Tutu-Ti-Ukkinu, Leben der Götterschar,
Der für die Götter festsetzte den glänzenden Himmel,
Der ihre Wege in die Hand nahm, bestimmte ihre Bahnen.“ --
„Der himmlischen Sterne Bahnen haltet er in Händen.“ --
„Weil er die Stätte geschaffen, die Feste gebildet,
Nennt seinen Namen ‚Herr der Länder‘, Vater Ellil.“
Ein anderer Text gibt Anu als Schöpfer des Himmels, Nudimmud, d. i.
Ea, als Schöpfer des Ozeans an. Letzterer schafft dann auch aus Lehm
den Ziegelgott, den Schmiedegott, kurz überhaupt die Handwerksgötter,
und ferner Berge, Meer, Rohr, Wald, Könige, Menschen usf. Nach noch
einem anderen Text ist es die Göttertrias Anu, Ellil und Ea, die Sonne
und Mond mit den Gottheiten Samas und Sin hervorbringt. Wunderlich
klingt folgende Reihe aus einem als „Beschwörung gegen Zahnschmerz“
bezeichneten Texte. Der Verfasser beginnt mit dem Uranfang, ehe er zu
seinem Zahnwurm kommt, der ihn plagt:
Nachdem Anu den Himmel erschaffen,
Der Himmel die Erde erschaffen,
Die Erde die Ströme erschaffen,
Die Ströme die Gräben erschaffen,
Die Gräben den Sumpf erschaffen,
Der Sumpf den Wurm erschaffen.
Was endlich in einem letzten Text (alle aus „Greßmann, Altorientalische
Texte“ entnommen) der Strom, „der alles schuf“ und den die großen
Götter gruben und mit Zyklon, Feuer, Grimm, Schrecken, Furchtbarkeit
begabten, bedeuten soll, weiß ich nicht. Die babylonischen Texte
enthalten nicht selten, was uns Aberwitz erscheint. Wir haben ja
auch unter ihnen reine Schülerarbeiten und Formeln von irgendwelchen
obskuren Beschwörern; Kundgebungen, die nicht besser ausgefallen sein
werden, als solche gegenwärtig ausfallen.
Ähnliche Ideen von der unabhängigen Schöpfung der Erscheinungen und
der Gottheiten finden sich bei den ~Indiern~. Da aber bei diesen ja
alles vertreten ist, läßt sich eine Scheidung zwischen den einen und
den anderen Ideen kaum bewirken. So gehört das oben (S. 132) Gesagte
zum Teil auch hierher, namentlich wenn die Gottheiten so verblaßt sind
wie dem Varuna (oder wie der schaffende Gott genannt wird) gegenüber.
Vielleicht hierher gehört auch die ~germanische~ Kosmogonie, denn
im Eddagedicht Vafthrudnismal werden für Sonne, Mond, Tag, Nacht,
Jahreszeiten Väter angegeben (Mundilföri für Sonne und Mond, Dallingr
für den Tag, Norvi für die Nacht, Windswalr für den Winter, Savasudr
für den Sommer: alle offenbar Appellativnamen). Die Erde ist aus Ymir
hervorgegangen. Aber das Voluspagedicht, das von letzterem sehr wohl
weiß, erzählt nichts von Vätern der erstgenannten Dinge; Sonne und Mond
werden als vorhanden eingeführt, nur ohne Namen und ohne bestimmten
Sitz, bis beides die Götter verliehen.
Die ~Schicksalsgottheiten~ sollten nach unserem Gefühl mit den
ethischen Gottheiten verbunden sein. Tatsächlich sind sie es nicht, sie
stehen neben diesen. Sie sind auch früher als diese, denn Ethik, selbst
nur Sinn für Recht und Unrecht ist nicht ursprünglich naturmenschlich,
sondern Folge höherer Gesittung; ein praktisches Regulativ zwischen
Egoismus und Altruismus, das das wirkliche Zusammenleben der
Menschen miteinander ermöglicht -- abgesehen von der Kindesliebe,
die ja überhaupt nicht bloß eine menschliche Eigenschaft ist. Die
Schicksalsgottheiten entstammen dem dumpfen Gefühl der Ohnmacht des
Menschen gegen Tod und Unheil. Alle müssen sterben, und vieles Unheil
läßt sich mit aller Mühe, allem Flehen und allen Gaben an die gewählten
Gottheiten nicht abwenden. Da der Mensch jedes gegenständlich auffaßt,
so denkt er sich zuletzt persönliche Mächte, welche unbewegbar walten,
und deren Willen gegenüber selbst seine Gottheiten ohnmächtig sind.
So hängt sein Los ab von diesen Gottheiten und vom Schicksal. Erstere
bewirken alles, sofern jene letzteren indifferent sich verhalten,
Gutes und Böses; daher ihre Verehrung und Versöhnung mit Gabe und
Beschwörung. Aber die Schicksalsgötter sind nicht zu beugen, sie werden
darum sehr gefürchtet, und an ihnen wird möglichst vorbeigegangen.
Die ~Griechen~ hatten für ihre Moirai: Klotho, Lachesis, Atropos;
die Spinnerin (des Lebensfadens), die Loserin (der Geschicke), die
Unabwendbare, einen gewissen, aber nur wenig verbreiteten Kult; die
Römer für ihre Parcae: Nona, Decima, Morta, gar keinen, obwohl Parca
ursprünglich Geburtsgöttin war. Ob die ~germanischen~ Nornen, in der
Edda Urdr, Verdandi, Skuld (aber auch andere) verehrt worden sind,
steht wohl nicht fest. Je höher die Herrscher- und Schaffensgottheiten
steigen, um so mehr müssen die Schicksalsgottheiten zurücktreten.
Sie verhalten sich darum überhaupt mehr passiv; sie herrschen nicht,
schaffen nicht und leiten nicht. Sie bestimmen nur ein für allemal.
Was sie bestimmen, geschieht, mitunter freilich (wie bei Homer) unter
ihrer Mitwirkung. Trotz ihrer unabwendbaren Macht sind sie also nicht
immer kosmische Gottheiten. Die griechischen ~Moiren~ waren Töchter von
Zeus und Themis. Daher sind sie von den Unsterblichen den Sterblichen
gesetzt, wie Penelope sagt. Ja, jedem Sterblichen kann eine Moira
gesetzt sein. Dann ist Moira einfach das Geschick, und Zeus heißt der
Moiragetes, wie Apollon der Musagetes. Aber Hesiodos nennt im „Schild
des Herakles“ Atropos die „älteste und erhabenste Göttin“. Die ~Nornen~
haben zum Teil noch niedrigere Abkunft, außer von Göttern auch von
Alben und Zwergen. Mehr der indischen Auffassung von der Allbedeutung
und Allmacht des Wortes entspricht die griechische Aisa und römische
Fata für Moira und Parca. Es sind der Spruch des Zeus und des Jupiter,
als der höchsten Gottheiten, dem aber diese Gottheiten selbst nicht
mehr sich entziehen können, so daß die Folgen ganz unabwendbar bleiben.
In dieser Auffassung schwinden die Schicksalsgottheiten als solche
völlig und gewinnt das Wort bestimmende Kraft, oder der Spruch, oder
der Gedanke, oder das Opfer. Das gehört schon in die Betrachtung der
letzten Klasse von Gottheiten. Bei anderen Völkern als den genannten
habe ich besondere Schicksalsgottheiten, den Moiren entsprechend,
überhaupt nicht finden können; bei diesen werden also die eigentlichen
Gottheiten zugleich auch das Geschick bestimmen. Sie haben auch nicht
solche Sagen wie die Griechen, von dem Sturz ganzer Götterdynastien,
und wie die Germanen, von der Vernichtung von Göttern in der
Götterdämmerung, wenn auch Weltvernichtung ihnen bekannt ist.
Ins Äußerste getrieben, führt die Schicksalslehre zum ~Fatalismus~,
dem ~Kismet~, einem Bruder der rein mechanistischen Weltanschauung.
Selbst das noch verhältnismäßig frohe Griechentum kennt diese triste
Seelenberuhigung, der sich später namentlich die stoische Schule
bemächtigte. Aber wie rührend klagt nicht schon Hekabe in den
Troerinnen des Euripides:
In die Wechsel des Schicksals füge dich still;
Schiff hin, wie der Gott, wie die Welle dich treibt,
Und kehre den Bug nicht wider den Strom;
Denn du fährst mit dem Steuer des Schicksals.
Von Gottheiten wie Nike, Fortuna, Victoria, Sors usf. braucht hier
nicht gesprochen zu werden.
„Fast in allen polytheistischen Religionen,“ sagt Twesten in seinen
„Ideen der asiatischen Kulturvölker und Ägypter“, „welche Spuren ihrer
älteren Gestaltung in der Überlieferung oder in dem späteren System
bewahrt haben, bei den indischen und iranischen Ariern, wie bei den
Ägyptern und bei den Griechen, tritt die Verbindung der Götter mit den
Körpern oder Kräften der Natur mehr und mehr in den Hintergrund, indem
bald an denselben Göttern intellektuelle und moralische Eigenschaften
die Naturseite zurückdrängen, bald ein neues Geschlecht das ältere
ersetzt, wenn dieses den geistigen Ansprüchen nicht mehr genügt.“ Das
letztere muß zwar, als zu hoch gedacht, abgelehnt werden, aber mit dem
voraufgehenden kann man sich nur einverstanden erklären.
Die ~ethischen Gottheiten~, sofern sie mit dem Jenseits in Verbindung
stehen, werden wir später behandeln. Für das Diesseits ~besondere~
ethische Gottheiten einzuführen und hoch zu verehren, war nur den
~Griechen~ vorbehalten. Apollon, Nemesis, Themis haben nirgends ein
gleiches. Die Furiae der Römer, die den Erinnyen entsprechen, stehen
gleichwohl in weiter Ferne von ihnen, da sie nur Gespensterseelen
von Verbrechern sind, deren die Götter sich bedienen, lebende
Verbrecher zu schrecken und zu strafen. In Apollon hat das, was
wir als Griechentum bezeichnen, die Kalokagathie, seine blühendste
Idee erreicht. Sonst werden die verschiedenen Gebiete des Ethos
von verschiedenen Gottheiten mitverwaltet, insgesamt namentlich
von der höchsten Gottheit. Die griechische Kalokagathie schließt
ein: Gerechtigkeit, edles Benehmen, in sich gefaßte Harmonie des
Lebens, ruhige Milde, Liebe zu Kunst und Kenntnis. Was über diese
Eigenschaften hinausgeht: die entsagende, tiefgefühlte und stets
geübte Liebe zur Menschheit, gehört, soweit ich sehen kann, nicht
zum Kreise der Apollinischen Lehren. Man denke nur, wie als etwas so
Außerordentliches es hervorgehoben wurde, daß die Athener einen Altar
des Mitleids hatten, was doch selbstverständlich hätte sein sollen.
Ein anderes dagegen mutet uns in der Apollinischen Lehre christlich
und mosaisch an, die Entsühnung von Sünde; Apollon ist auch der
entsühnende Gott. Er ist überhaupt die Gottheit des höheren inneren
Lebens, darum auch der Amphiktyonie. Am nächsten den Griechen stehen
die ~Eranier~; Ahurô Mazdâo ist das Prinzip des Guten, er ist aber
zugleich ein Weltgott, das Prinzip des Lichtes. Das Gute, das er
vertritt, bedeutet Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Das Schöne fehlt
bei ihm, das für Apollon so charakteristisch ist: die edle Einfalt und
stille Größe, wie Winckelmann von der Kunst der Griechen sagt. Wohl
auch die vorbezeichnete Liebe. Ahurô Mazdâo, Ormuzd, gleicht mehr dem
Zeus, der ja auch die Gerechtigkeit verwaltet, und nur partiell dem
Apollon. Die ~Indier~ haben in der Wischnu-Lehre einen wunderlichen
Ausweg gefunden, um einen Gott in verschiedener Bedeutung für die Welt
erscheinen zu lassen und ihn zugleich menschlich-persönlich zu machen,
die Inkarnationen, Awatâras, Wischnus. Von diesen kommen hier die erste
und neunte in Betracht. Als Krischna ist Wischnu das Ideal alles Edlen,
Guten und Schönen; halb Gott, halb Mensch, zieht er von Land zu Land
in stetem Kampfe mit dem Schlechten und Gemeinen. Die schon erwähnte
Bhagavad-Gîtâ (S. 115) enthält die Lehren dieses Gottes. Sie werden
unendlich variiert vorgetragen:
Furchtlosigkeit und Lauterkeit, im Wissenstrieb Beharrlichkeit,
Freigebigkeit, Enthaltsamkeit und Opfer, Buße, Redlichkeit
Und Unschuld, Güte, Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit, Leutseligkeit
Und Menschenliebe, Milde und Ernst, Schamhaftigkeit und Festigkeit,
Kraft, Langmut, Würde, Mäßigkeit, Ausdauer, Demut
Sind Zeichen göttlicher Geburt;
Stolz, Heuchelei, Zorn, Prahlerei, Schamlosigkeit, Unwissenheit,
Wer diesen frönet, ist dämonischer Geburt geweiht.
An anderer Stelle werden Wollust, Zorn und Geiz die drei Pforten der
Unterwelt (Hölle) genannt. Das entspricht alles der Apollinischen
Lehre. Und doch ist im wesentlichen Krischnas Lehre weit von dieser
entfernt, denn ihr Grundzug ist die absolute Entsagung; frei von
Begierden, aber auch frei von Gefühlen. Den Menschen soll kein Leid
anfechten, aber auch keine Freude erfreuen, die Sinnenwelt soll ihm
nichts gelten:
In jedem Ding der Sinnenwelt sind stetig Lieb’ und Haß vermählt,
Die beiden sind des Weisen Feind; drum frön’ er nicht der
Sinnenwelt.
Und an anderer Stelle:
Dem Eifer geht das Wissen vor, dem Wissen die Beschaulichkeit,
Entsagung der Beschaulichkeit, und ihr die Unerregbarkeit.
Das ist nichts Apollinisches, Apollon ist der Gott des maßvollen
Lebens, er ist auch der Gott der schönen Sinnenwelt. Krischnas Lehre
hat im späteren Buddhismus ihre Höhe erreicht (S. 214 f.). Und wirklich
wird der Buddha als neunte Inkarnation Wischnus angesehen. Nach der
Meinung der Wischnuiten gibt es unzählige Buddhas, die jedesmal
erscheinen, wenn die Welt in Genuß, Sünde und Leiden versunken ist. Der
geschichtliche Buddha ist einer von ihnen. Und der Zweck der Lehre?
Nicht die Menschheit apollinisch zu immer höheren und höheren Idealen
zu führen, sie immer mehr dem Schönen und Guten zu unterordnen, sondern
ihr den Willen zum Leben zu nehmen, daß die Menschen nicht im Kreise
der Seelenwanderung wiederkehren, daß sie in das allgemeine Nirwana
-- Krischna, als das Allwesen, sagt: in ihn -- eingehen und aufgehen.
Davon später.
Andere Völker haben auch Gottheiten, die die Sitte wahren, wie die
~Germanen~ Freyr, Freia und Fricka, aber nicht ganz von der Bedeutung
und der Hoheit der behandelten. Bei manchen finden sich „Söhne“
der Gottheiten, wie Söhne des Rā in Ägypten, die Sonnensöhne des
Inkalandes, die Himmelssöhne des Reiches der Mitte, die Nachkommen
der Amaterasu in Japan. Dann haben diese als Fürsten und Herrscher
die Bedeutung ethischer Gottheiten, neben ihren sonstigen göttlichen
Eigenschaften. Ethos wird dann freilich meist von diesen Herrschern
definiert. Und wenn dabei Eigennutz, Grausamkeit, Schwäche und
Urteilslosigkeit mitspielen, so ist das Volk dieses auch von seinen
Gottheiten gewöhnt. Aber Ordnung schafft diese Anschauung. Und mitunter
in so bewunderungswürdiger Weise wie in Peru, da der Mensch über den
Menschen mehr unmittelbare Macht hat als die Gottheit, er also jeden zu
seinem willenlosen Sklaven zwingen kann. Später tritt das Gesetz als
diese Gottheit auf und die gesellschaftliche Sitte; die Gesamtheit ist
die Exekutive, oder Organe sind es, die bestellt sind. Keine höhere
Stufe aber gibt es, als wenn das sokratische Daimonion in uns wohnt,
wir das Ethos aus uns selbst schöpfen.
Wir kommen zu der letzten Klasse von Gottheiten, zu den
~Begriffsgottheiten~. Es versteht sich von selbst, daß je höher die
Gedanken von den Gottheiten steigen -- ohne daß diese Gottheiten in das
All selbst einverleibt werden, was der Pandeismus vollbringt, dessen
Betrachtung später folgt --, diese um so mehr der irdisch-menschlichen
Eigenheiten, Eigenschaften entkleidet werden. So nähern sie sich
stetig dem rein Begrifflichen, und das Persönliche macht sich nur
noch in der Art des Begrifflichen geltend, und darin, daß auch dem
Begrifflichen Wirkung zugeschrieben wird. Die Indier allein haben es
hier zur letzten Konsequenz gebracht. Ihre begriffliche Urgottheit ist
Tad, nichts weiter als Das ohne jede Eigenschaft; nicht einmal Sein
oder Nichtsein wird diesem reinen Begriff zugesprochen. Doch weil mit
einem solchen einzelnen Begriff absolut nichts anzufangen ist, haben
die Indier freilich noch andere Begriffsgottheiten eingeführt, wir
das Wort oder der Spruch oder der Gedanke, die Ordnung, das Opfer.
Ist die Welt vorhanden, so können diese Dinge als weltregierende
Prinzipe angesehen werden, die Prinzipe sind vergottheitet. Mußte die
Welt jedoch erst geschaffen werden, so ist den Begriffen eine tätige
Macht zuzuschreiben. Davor sind die Indier nicht zurückgeschreckt, sie
sind konsequenter gewesen als Platon, zwischen dessen Ideen und den
Dingen eine unüberbrückbare Kluft besteht. Die Begriffe wirken wie
der Logos, λόγος, von dem wir noch zu sprechen haben, und sie werden
auch so persönlich gefaßt wie dieser λόγος. Andeutungen einer solchen
Begriffsanschauung finden sich bei den Indiern schon in frühester Zeit.
So heißt es in den Vedânta-Upanishaden: Am Anfang war das Sat. Max
Müller übersetzt Sat mit das Seiende, τὸ ὄν; an einer anderen Stelle
wird gesagt: Am Anfang war das Asat, also das Nichtseiende, τό μὴ ὄν.
Wie in einer Polemik gegen diese sich anscheinend widersprechenden
Angaben wird in der Bhagavad-Gîtâ behauptet: „Das anfangslose Brahma
heißt nicht Sein noch Nichtsein“. Daher auch andere Formeln vorhanden
sind wie: „Im Anfang war das Selbst“, was wohl Tad bedeutet. Oder
~Tad twam asi~: „~Das Selbst bist du.~“ Es ist ganz natürlich, daß
so abgrundtief-abstrakte Auffassungen dem Ausdrucke, der doch immer
an dem Materiellen hängt, widerstreben, und daß darum selbst noch so
weitgehende Umschreibungen doch immer an Materielles erinnern. Aber
freilich kommt hinzu, daß, indem aus dem Immateriellen Materielles
folgen soll, ersteres selbst auf der höchsten Stufe unwillkürlich
Materialität gewinnt und so zu dem äußersten Seienden wird, das
alles umfaßt. Hier nun verschmilzt die Begriffsanschauung einerseits
mit dem Deismus und Pantheismus, sowie mit der Theosophie und dem
Emanismus, die bald zu besprechen sind. Andererseits geht sie in den
Materialismus insofern über, als, sobald sie materialistisch ist,
sie in die Anschauung einer Allmaterie führt, oder zu etwas, das in
der materiellen Welt wahrgenommen wird. So heißt es in denselben
Upanishads, die von dem Selbst als von dem Urding sprechen, auch: Am
Anfang war Finsternis; und gar: Am Anfang war Wasser; auch: Am Anfang
war Pragâpati, der Herr alles Geschaffenen.
Sehr nahe den Begriffsreligionen scheint der von Lao tsse (etwa um
600 v. Chr.) bei den ~Chinesen~ weitergebildete (S. 122) „Taoismus“
zu stehen. Das Urwesen ist Tao, ein absolutes Sein und absolutes
Wissen, also etwa wie das indische Tad mit Tapas vereint. Zu diesem
Tao kommt Yin, das gebärende weibliche Prinzip, und Yang, das tätige,
gestaltende männliche. Ihnen gesellt sich das Khi, eine Art Eros. Damit
sind neben Tao noch drei kosmogonische Prinzipe gewonnen. Die ganze
Welt, bis ins einzelne, existiert von je in Tao. Durch jene drei,
wohl auch in ihm gedachte Prinzipe, kommt sie zur Wirklichkeit. Und
so ist Tao auch der höchste Gott, dem aber als abstraktem Wesen weder
Opfer, noch Gebet, noch Geschenk frommt, sondern nur ein tadelloses
Leben (S. 122). Eine solche geistige Lehre konnte für die Chinesen so
wenig bedeuten, wie die entsprechenden hohen Lehren anderen Völkern.
Sie ist bald in Verfall geraten und hat sich der staatlichen Religion
gegenüber nicht halten können. Die ~Griechen~ sind spät erst zu
Abstrakten als kosmogonischen Prinzipen gelangt, wie δύναμις, νοῦς,
ἀνάγκη, πιστίς; Schaffenskraft, Vernunft, Notwendigkeit, Glaube und
Ähnliches. Die ~römischen~ Begriffsgottheiten darf man nicht hierher
rechnen; die Indigetes sind allmählich ersonnene, Tätigkeiten und
Geschehnisse darstellende, und darum ihnen vorstehende Gewalten, die
der Römer auf Schritt und Tritt vor sich fand, und die nichts mit den
höheren Fragen der Menschheit zu tun hatten, sondern nur mit ihren
Verrichtungen und den Vorgängen in ihrem Leben. Es sind vergeistete
Begriffe; jeder einem engen Gebiet angehörend und insgesamt, trotz der
sehr großen und beliebig zu vermehrenden Zahl, für die Weltanschauung
nicht bedeutender als die Geister selbst. Das sieht man an solchen
Vergeistungen wie Adeona (für die Rückkehr der Kinder), Afferenda (für
die Zubringung der Mitgift), Fabulinus (für das Sprechen der Kinder),
Mutunus Tutunus (für die Begattung und Befruchtung) usf. Nicht wenige
im Heer der Indigetes sind überhaupt Erscheinungen, wie der berühmte
Aius Locutius, die mächtige Stimme, welche dem Plebejer M. Caedicius
in der Nacht verkündete, daß die Gallier auf Rom rückten, und andere.
Von weiteren Völkern ist in dieser Hinsicht noch weniger zu sagen,
sofern es sich um Anschauungen im Gebiete des Religiösen handelt.
Erst in einer monotheistischen Anschauung finden wir eine Bezeichnung
Gottes, die ganz der begrifflichsten der Indier entspricht. Da Mose
in der Szene am Dornbusch Gott um seinen Namen fragt, um sich dem
Volke gegenüber darauf berufen zu können, wird ihm zur Antwort: Eheje
ascher Eheje, „Ich werde sein, der ich sein werde“, so solle er dem
Volke sagen. Wie das indische „Tad twam asi“ klingt dieses. Und der
Name, den wir Jehova lesen, steht ja auch mit Sein in Verbindung. Und
auch darin ist viel Ähnlichkeit zwischen den in Religionsanschauungen
von allen Ariern am weitesten gekommenen Indiern und den in gleicher
Weise unter allen Semiten am meisten sich auszeichnenden Hebräern, daß
neben dem Abstraktesten als Gottheit auch so Konkretes aufgefaßt und
ausgesagt wird, nur daß hier das Konkrete bei anthropomorphistischer
Redeweise endet, dort darunter noch tief hinabgeht. Namentlich aber
fehlt den Hebräern die Mehrheit der Begriffsgottheiten, die sich bei
den Indiern in Tad, Tapas, Om, Ritam, Satyam, Brahman, Purusha, Sat,
Asat usf. kundtut und eben dem Polytheismus angehört, im Gegensatz zum
Monotheismus.
Die religiösen und die mit ihnen zusammenhängenden Weltanschauungen
im Polytheismus haben sich noch nach anderer Richtung hin entwickelt,
nach der des ~Henotheismus~. Ich muß aber hier eine Bemerkung,
die ich über diese Heraushebung einer gewissen Erscheinung in den
Religionsansichten in meinem Buche „Die Entstehung der Welt“ gemacht
habe, zurücknehmen. Ich halte jetzt den von Max Müller betonten
Unterschied zwischen Henotheismus und Monotheismus für durchaus
berechtigt, ja notwendig. Bekanntlich hat man früher dazu geneigt, der
Menschheit den Monotheismus als das Ursprüngliche, den Polytheismus
als das Spätere zuzuschreiben. Der lange und heftig darüber geführte
Streit ist im Grunde wesenlos. Wenn ein Mensch mit dem Begriff Gottheit
nicht das verbindet, was wir damit verbinden, sondern nicht mehr als
was der Naturmensch darunter versteht, oder höchstens die Annahme
einer besonderen Übermacht, so ist es ziemlich gleichgültig, ob er
mehrere Götter setzt oder nur einen Gott. Indessen müssen wir doch
auch sagen, daß der Naturmensch praktisch sicher sich niemals mit
einem Gott begnügt. Die Idee, die er von Gott hat, ist so ganz auf
ihn und seine Bedürfnisse zugeschnitten, daß er immer eine große Zahl
von Gottheiten braucht. Wie er, wenn er steigern will, einfach die
Worte wiederholt, zum Beispiel viel-viel für mehr, ferne-ferne (vgl.
das griechische Tar-Taros) für sehr ausgedehnt, so nimmt er zwei und
mehr Gottheiten, um sein Ziel desto sicherer zu erreichen. Und da die
Gottheiten auch so beschränkt sind, wie er selbst sich fühlt, bedarf er
für jeden besonderen Fall auch eine besondere Gottheit. Ich habe schon
erwähnt, daß oft in Hütten unzählige Gottheiten vorgefunden werden, und
daß dem Wilden und dem nicht unterrichteten Volke überhaupt die ganze
Welt mit Geistern aller Art erfüllt ist. Es mag sein, daß manches Volk
schon in sehr frühen Kulturzuständen eine reinere Religionsanschauung
besitzt. Curtius spricht in diesem Sinne von den Pelasgern und ihrem
Dienst zu Dodona, der sich wesentlich nur auf ein Götterpaar, Zeus und
Dione, bezogen haben soll. Allein Religionen entwickeln sich in der
Regel mit steigender Kultur zu immer höheren Anschauungen und immer
reineren Diensten. Wenigstens von dem Moment ab, wo letztere mit vollem
Bewußtsein geübt werden; während vorher, da der ursprünglich so rohe
Dienst fehlt, anscheinend, eine edlere Religion besteht, die aber
bewußt überhaupt noch nicht vorhanden ist, sondern nur dumpf gefühlt
oder geahnt wird. Es verhält sich mit solchen Religionsanschauungen,
die also als Menschen-Gemeingut sich einstellen, wie mit der Kultur
selbst.
Anders ist es mit den anormal von Einzelnen den Menschen verkündeten
und ihnen aufgedrängten Lehren. Deren Hoheit freilich geht mit den
Stiftern zugrunde, oder erhält sich nur kurze Zeit nach ihnen. Und die
Anschauungen sinken mitunter in erschreckender Weise, bis Propheten
und Reformatoren kommen, die ihnen für einige Zeit den ursprünglichen
Sinn wieder verleihen oder wieder zu verleihen sich mühen. An solchen
Fall des Geistes nur zu denken ist widerwärtig, geschweige darüber
zu schreiben, zumal in unserer Zeit, wo Menschen und Völker sich
in Erfindungen überbieten, sich gegenseitig zu vernichten, ganz im
Gegensatze zu den edelst gemeinten Religionslehren. Von vorgetragenen
Anschauungen ist aber noch nicht die Rede, sondern von den spontan
auftretenden. Auch bei diesen ist es möglich, daß die Zahl der
Gottheiten steigt, statt ständig abzunehmen. Wenn Stämme sich friedlich
vereinigen, tun sich auch ihre Gottheiten zu einer Gesellschaft
zusammen. Brugsch hat das für die Ägypter klar erwiesen, deren
Gaugottheiten, nach Vereinigung der Gaue, alle zu Landesgottheiten
geworden sind. Selbst wenn Stämme oder Völker durch das Übergewicht
eines Stammes oder Volkes gewaltsam in eine Herrschaft gezwungen
werden, gehen ihre Gottheiten im allgemeinen nicht verloren, sobald der
Zwang nicht eben aus Religionsanschauungen heraus geübt worden ist.
Die bezwungenen Gottheiten bleiben geduldet, meist sogar anerkannt
und zu denen der Eroberer kollegial, vielleicht in niederer Stellung,
gesellt. Welchen Synkretismus haben nicht die Römer geübt! Und gleiches
zeigt sich bei den Indiern, Mexikanern u. a. Die Hebräer sind in dem
Lande Kanaan sogleich tief von den Lehren Mose gesunken, indem sie die
Gottheiten der unterdrückten ersten Besitzer dieses Landes aufnahmen.
Auch durch einfachen Import können die Götter sich vermehren, wie,
wahrscheinlich, bei den Griechen aus dem Verkehr namentlich mit den
semitischen Völkern (Phöniziern, Lydern, Assyrern) und mit Ägyptern,
sicher bei den Römern; man denke an die einfach aufgenommenen, ja
herbeigeholten griechischen Gottheiten und an den Isisdienst.
Bei allem aber geht nebenher das unbewußte Bestreben, die Gottheiten
zu zentralisieren. Daraus erwächst zunächst die Heraushebung gewisser
Gottheiten als Mittelpunkte, um die sich die anderen Gottheiten
gruppieren. Gehören diese anderen Gottheiten dem Stamme selbst an, so
kommt dieses in der Weise zum Ausdruck, daß sie als Söhne, Töchter,
Enkel, Brüder, Schwestern usf. jener Gottheiten aufgezählt werden.
Daher die Theogonien. Sind sie feindlichen oder niedergeworfenen
Stämmen entnommen, so spielen sie die Rollen böser Geister oder
gestürzter Götter. Die Beispiele bei den Griechen sind jedem Leser
bekannt. Gesellt sich noch zu den Anschauungen der Kult, so zwingt
auch dieser zu einer gewissen Ökonomie und Hervorhebung. So kann
zuletzt ein Volk, ein Stamm, ein Gau, eine Stadt, eine Familie, bei
voller Anerkennung aller anderen noch vorhandenen Gottheiten, die
Verehrung auf eine einzige Gottheit beschränken, und damit haben wir
den ~Henotheismus~. Dem allein verehrten Gott werden dann naturgemäß
auch alle Eigenschaften zugeschrieben, die auf alle Gottheiten verteilt
sind. Er nimmt die Stelle des Oberherrschers im Gottheitenkreise ein,
die zur absoluten werden kann, wenn die anderen Götter nur noch die
seinen Willen ausführenden Mächte sind, wie die Engelscharen Gottes.
Einen solchen äußersten Henotheismus hat es nie und nirgends gegeben,
die Gottheiten haben stets überall ihre persönliche Bedeutung behalten.
Nicht Zeus, noch Marduk, Rā, Indra, Huitzilopochtli, Wuotan usf.
konnten je eine solche Stellung in der Religionsanschauung erreichen,
trotz ihrer Übermacht. Der Henotheismus ist also keine vollendete
Anschauung, sondern eine solche, der sich Völker mehr oder weniger
genähert haben, von philosophischen Ansichten natürlich abgesehen.
Dabei waren freilich die Ideen dem Kult voraus, wie immer. Der
Grieche mochte also an sich Zeus als den Weltherrscher und Weltlenker
in der Idee anerkennen. Daneben verehrt hat aber der Athener seine
herrliche Stadtgöttin Pallas Athene, die Demeter, Dionysos und viele
andere; der Spartaner seinen Apollon und Herakles usf. Immerhin
kommt der Henotheismus dem Monotheismus ganz nahe. Am nächsten
vielleicht ist er ihm bei den Ägyptern, unter dem so seltsamen König
Amenhotep IV (um 1370 v. Chr.) gekommen, der einzig die Sonne, Rā, als
Gottheit anerkannt wissen wollte. Wir besitzen aus seiner Zeit eine
außerordentlich schöne, dem Amenhotep-Echnaton (als Totem) in den Mund
gelegte Hymne an die Sonne, von der ich es bedaure, daß ich sie wegen
ihrer Länge nicht wiedergeben kann (in Greßmann, Altorientalische
Texte, S. 189 ff.). Darin wird Rā als der glänzende Gott gefeiert,
der alles geschaffen hat, Welt, Menschen, Gebirge, Flüsse, Städte,
Dörfer, Wege, alles Getier, bis zum niedrigsten Wurm, und der über
alles machtvoll herrscht. Warum der Henotheismus in Monotheismus nicht
übergehen kann, und auch nicht übergegangen ist, werden wir im nächsten
Abschnitt sehen.
Zuletzt müssen wir noch eine sehr bedeutungsvolle Anschauung
hervorheben, die als ~dualistische~ bezeichnet wird, hier aber
da sie auf der Annahme von zwei ~Gegengottheiten~ beruht, als
antagonistische darzustellen ist. Daß gute und böse Geister geglaubt
und verehrt werden, ist schon hervorgehoben und ausgeführt worden.
Ein sich bewußt bekämpfendes Götterpaar haben aber die Eranier
geschaffen. Ormuzd als Prinzip des Guten, des Lichtes, und Ahriman
als Prinzip des Bösen, der Finsternis, bilden dieses Paar. Sie sind,
sobald Ahriman die Welt des Lichtes entdeckt, in Kampf und bleiben in
Kampf. Ormuzd schafft alles Gute, Ahriman vernichtet es oder sucht es
zu vernichten und schafft alles Böse. Gutes und Böses sind eben in
der Welt vorhanden und ringen miteinander; Zarathustras Anschauung
ist eine Übertragung in das Göttliche. Die Welt stammt von Ormuzd,
von ihm ressortieren alle guten Gottheiten und guten Geister. Die
Unterwelt ist das Werk Ahrimans, und ihm gehorchen alle Dämonen aller
Krankheiten und Übel. Der Kampf aber soll mehr und mehr zum Siege des
Guten führen, und dazu sind die Menschen hervorgebracht. Das folgt
schon aus der geistigen Höhe der Eranier und mehr wohl noch aus der
des Zarathustra. Der Entwicklungsgang zeigt, daß erst das Böse so sehr
überwiegt, daß das Gute kaum in Betracht kommt, wie auch viele Völker
nur dem bösen Prinzip opfern und schmeicheln, aus Furcht. Dann gewinnt
das gute Prinzip mehr und mehr an Boden und Einfluß. Es stehen aber
noch beide Prinzipe indifferent nebeneinander, gute Geister und böse
Geister wirken getrennt. Im weiteren Verlaufe beginnt der Kampf und das
Übergewicht des Guten. Ich darf aber nicht unterlassen hervorzuheben,
daß nach anderen Anschauungen Ormuzd und Ahriman nicht als getrennte
Gottheiten aufzufassen sind, sondern daß die höchste Gottheit, nennen
wir sie Ormuzd, zwei Prinzipe in sich vereinigt, nämlich als Vohu manô,
der „gute Geist“, der alle Wirklichkeit und Güte hervorbrachte, und
als Akem manô, der „böse Geist“, aus dem alles Unwirkliche und Üble
entstanden ist. Und diese Prinzipe sind auch im Menschen vereinigt,
wie in Ahuramazda. Bei letzterem treten sie als sein Çpenta mainyu,
sein „wohltätiger Geist“, und als Angra mainyu, sein „schädlicher
Geist“, auf. Das soll die eigentliche Lehre Zarathustras gewesen sein.
Dann wäre freilich ihr Dualismus kein Antagonismus, sondern Gott
wäre so dualistisch in seinem Wirken aufgefaßt wie der Mensch. Dem
Naturmenschlichen liegt dieses sicher bei weitem näher. Max Müller,
der ebenfalls Zarathustras Lehre so deutet, weist darauf hin, daß oft
Eigenschaften der Gottheiten von ihnen getrennt und zu besonderen
Gottheiten gemacht werden; so sei es später mit dem Angra mainyu
geschehen, und mit allen besonderen Eigenschaften Ormuzds. Jenes wurde
zum Ahriman, diese gaben das Heer der weiteren Götter und der Engel.
Wie Ormuzd sei dann auch der von ihm abgetrennte Ahriman gespalten
und so mit einem Heer von Unterweltgeistern und Dämonen versehen
worden. Das sind Ideen, die schon oft geäußert und auch auf andere
Religionsanschauungen angewendet worden sind, wir begegnen ihnen noch
in der Emanationslehre. Ahriman ist oft als der gefallene Engel, aus
dem Satan hervorgegangen ist, der Widersacher, gedeutet worden. Es kann
kaum einem Zweifel unterliegen, daß ein Teil der persischen Lehren in
das alexandrinische Judentum und in das Christentum eingedrungen ist.
In der Tat trägt auch Satan alle Züge des Ahriman. Es ist aber dieser
Satan nicht der im Hiob, welches ja als eines der ältesten Bücher der
Bibel, vielleicht das älteste, angesehen wird, vorkommende, da der
letztere nicht als Prinzip des Bösen auftritt, sondern lediglich als
eine Art Mephistopheles, ein Ankläger. Gott fragt ihn, ob er schon
einen so gerechten Mann wie Hiob gesehen habe. Da antwortet er, Hiob
sei ja mit allen Glücksgütern gesegnet. Wenn Gott ihm diese nähme, so
würde er ihm schon absagen. Auch erscheint dieser Satan im Kreise der
„Göttlichen“ vor Gott. Ich darf auf den Prolog im Himmel zum Faust
verweisen. Die Sage von dem gefallenen „Engel“ ist höchst dunkel und
unbefriedigend. Man sieht, daß sie eigentlich eine Art Erklärung für
ein angenommenes Fremdes bieten soll, und weder Milton noch Klopstock
haben im Grunde das Fremde von dieser großartigen Figur des Luzifer
abstreifen können. Ich habe mich selbst mit ihr beschäftigt und sie
mir verständlich zu machen versucht; was ich darüber erdichtet habe,
kann ich aber hier nicht vortragen, ich wills in einem Drama „Adam und
Lilith“ veröffentlichen.
Indessen ist der Kampf zwischen Gut und Böse so sehr Menschengemeingut,
daß selbst monotheistische Anschauungen unwillkürlich auch ein
Prinzip des Bösen einführen; man denke an die Schlange der Bibel.
Ja, polytheistische Anschauungen können ein Prinzip des Bösen mehr
entbehren als monotheistische. Denn da ihre Gottheiten beschränkt in
der Macht sind, vermögen sie schon von selbst nicht alles aus der Natur
der Dinge und Menschen fließende Böse und Schlimme zu verhindern. Fast
naiv sagt Zeus gleich im Beginn der Odyssee:
Wunder, wie sehr doch klagen die Sterblichen wider die Götter!
Nur von uns sei Böses, vermeinen sie; aber sie selber
Schaffen durch Unverstand, auch gegen Geschick, sich das Elend.
und bezieht sich dann darauf, daß selbst er mit den Warnungen, die
er durch Hermes hinabsandte, den Aigisthos nicht verhindert habe,
Klytemnästra zu ehelichen und Agamemnon zu töten. Wenn die Menschen
außerdem noch das passiv wirkende Schicksal nehmen und Gottheiten,
die nach Laune entscheiden, so wird eine besondere Gottheit für das
Schlimme entbehrlich. Bei den Griechen und Römern zeigt sich dieses am
deutlichsten. Dann bei den Babyloniern, den Germanen (denn Loki ist
nicht eigentlich das Prinzip des Bösen, nur Wagner hat ihn dazu in
dem genialen Loge gemacht) u. a. Die Ägypter haben im Set ein solches
Prinzip, aber nicht entfernt von der Großartigkeit und Bedeutung des
Ahriman. Er ist auch nicht das Prinzip des moralisch Bösen, eher das
des Naturverderblichen, wie sein Verhalten gegen Osiris zeigt. Auch der
Indier Çiva und ihre Kali sind wie Set mehr Prinzipe der Vernichtung
als des Bösen, und Çivas Natur ist keineswegs eine entschiedene,
sie zeigt sich auch schaffend, wie Wischnu-Krishna Schöpfer und
auch Vernichter ist. Überhaupt müssen wir das Vernichtende von dem
eigentlich Bösen scheiden. Ahriman ist vernichtend und böse, die
entsprechenden Gottheiten anderer Völker, wo solche vorhanden, sind
nur oder fast nur vernichtend. Sie sind nicht einmal immer oder nicht
ausschließlich Unterweltsgottheiten wie Ahriman, sie stehen nur mit
der Unterwelt in Verbindung. Die Eranier haben das böse Prinzip mit
als Gottheit anerkannt, weil sie den Monotheismus des guten Prinzips
nicht durchzuführen wußten. Und sie sind wenigstens konsequent darin
gewesen, indem sie ihm fast die Größe und Macht gegeben haben wie dem
guten Prinzip. Unberührt davon bleibt ihr sonstiger Polytheismus,
der teils die Naturerscheinungen betrifft (Sonne, Wetter, Himmel
usf.), teils mehr begriffliche Dinge und Dinge der Anschauung, wie
in den Amesha Çpenta: Herrschaft, Weisheit, Unsterblichkeit usf.;
Raum, Zeit, Kraft, Stoff usf. Die Bedeutung des Kampfes zwischen Gut
und Böse wird uns aber später noch viel beschäftigen. Denn auf einer
anderen Stufe, auf der das Böse in das „Fleisch“ verlegt wird, tritt
das Leben in Kampf mit der Materie, und die Anschauung gewinnt ein
philosophisch-naturwissenschaftliches Gepräge, trotz ihrer Bedeutung
für das Ethische, und sie geht auf das All, seinen Zweck, seine
Entwicklung und sein Ende.