Daß die gegenwärtigen und vergangenen Kulturvölker einst auf dem
Standpunkte der Naturvölker sich befunden haben, kann kaum einem
Zweifel unterliegen. Freilich treten uns die meisten Kulturvölker,
sobald ihre Geschichte beginnt, schon wie kulturfertig entgegen. Es
gehört zu den großen Rätseln der Menschenentwicklung, daß zum Beispiel
die Ägypter mit einem Schlage als das Volk dastehen, als welches sie
dann mehrere Jahrtausende die Geschichte kennt. Brugsch hat dieses für
ihr ganzes Religions- und Mythensystem nachgewiesen. Wir wissen es in
gleicher Weise für ihre Kunstfertigkeit, für staatliches und soziales
Leben. Und in dem Moment, da für uns die erste Hieroglyphe geschrieben
ist, steht sie bis auf Geringfügigkeiten, die nur die Ausführung
betreffen, vollendet da. Wie das Volk die Hieroglyphe gelernt hat, wie
seine Bauten, Einmeißelungen, Malereien, Einrichtungen des Staates und
des Lebens, Meinungen über Gott und Welt begonnen und sich entwickelt
haben, ist uns nicht bekannt. Wir müssen annehmen, daß die Ägypter
Tausende von Jahren gebraucht haben, ehe sie es zu der Stufe der Kultur
gebracht haben, von der aus die ersten und die letzten Kundgebungen
in fast gleicher Weise sprechen. Warum haben wir aus diesen Tausenden
von Jahren gar keine Mitteilung? Wir wissen es nicht. Das Volk steht
fertig da, als wenn es fertig plötzlich geschaffen wäre. Es könnte in
dem Moment, da der erste König herrschte, das erste Bauwerk errichtet
wurde, eben eingewandert sein. Davon aber wird nichts erzählt; im
Gegenteil, wir haben den Eindruck, als wenn Ägypten immer von Ägyptern
bewohnt gewesen sei, und finden auch sonst nirgends eine Spur, daß
diese etwa früher in anderen Ländern geweilt hätten. Und doch wissen
wir aus prähistorischen Funden auch in Ägypten, daß in grauer Zeit,
vielleicht vor zehn- oder zwanzigtausend Jahren, Menschen auf sehr
niedriger Kulturstufe im Niltale gelebt haben. Sind es die ältesten
Ägypter? Ähnlich geht es uns mit den Babyloniern, Phöniziern, Hebräern,
ja selbst mit den Griechen nach den Ergebnissen der Ausgrabungen der
letzten Jahrzehnte. Es ist, als wenn die Menschheit vor etwa fünf- bis
sechstausend Jahren auf einmal auf die Idee gekommen wäre, zu schreiben
und Denkmäler zu hinterlassen, so fest errichtet, daß sie sich bis auf
uns erhalten konnten. Ist das die Erfindung eines Mannes bzw. mehrerer
erleuchteter Männer? Oder wie sollen wir uns das sonst erklären? Max
Müller bringt einmal als Beweis dafür, daß die Schriften des Alten
Testaments nicht in sehr früher Zeit verfaßt sein können, die Tatsache
bei, daß eine der ältesten Inschriften in semitischer Sprache, die
wir besitzen, die bekannte des Edomiterkönigs Mesa, nur etwa in das
Jahr 900 v. Chr. hinaufreicht. Aber wenn ein König solche Inschriften
schon anfertigt, muß er doch voraussetzen, daß man sie allgemein auch
zu lesen versteht, muß die Schreibkunst doch schon fast Gemeingut
geworden sein. Und wie viele Jahrhunderte gehören dazu, nach Erfindung
der Schreibkunst! Aus unserer eigenen Erfahrung müssen wir sagen,
mindestens zehn, wenn nicht noch mehr.
Hiernach bleibt uns allerdings nichts übrig als anzunehmen, daß die
Kulturen solcher Völker weit über die geschichtliche Zeit hinaus
vorhanden waren, wenn wir auch keine Kunde von ihnen aus dieser
extrapolierten Zeit besitzen und auch nicht anzugeben vermögen, warum
wir sie nicht besitzen. Die Entwicklung der Menschheit ist mit einer
Formel zweifellos nicht abgetan. Einzelne stören offenbar den Gang
der Formel, und wohin dieser Gang Menschen erst in Jahrhunderten oder
Jahrtausenden bringen würde, dahin versetzt sie überzeugend oder
gewaltsam eben ein Einzelner. Dürfen wir aber auch nur im Durchschnitt
sprechen, so ist doch gleichwohl sicher, daß rohere Zustände und selbst
ganz rohe bestanden haben müssen, falls wir nicht jeden Gedanken
einer Entwicklung der Menschheit aufgeben wollen. Denn damit ein
einzelner erfolgreich wirken könne, dazu gehört schon eine gewisse Höhe
der Kultur. Und die Zeit dazu haben wir, wenn wir bedenken, daß die
Menschheit als solche, selbst wenn sie mit den jetzigen tiefststehenden
Wilden verglichen wird, schon seit mindestens zwanzigtausend Jahren,
wahrscheinlich sogar noch seit sehr viel längerer Zeit besteht, da
man bereits dem tertiären Menschen auf der Spur ist. Auch kennen wir
ja Völker, die sich zu Kulturvölkern entwickelt haben, wie Germanen,
Polen, Littauer usf.
Eine Grenze zwischen dem Naturmenschen und dem Kulturmenschen
aufzustellen, sind wir nicht in der Lage; die Naturperiode fließt wie
ein mehr und mehr an Fülle verlierender Strom in die Kulturperiode
hinein. Und man darf selbst sagen, daß dieser Strom unter eine gewisse
Fülle überhaupt nicht hinabsinkt, ja auch an Fülle wieder anwächst,
nachdem er schon stark abgenommen hat. Wir besitzen es mehr im
Gefühl als in Definitionen, welches ein Kulturvolk ist und welches
ein Naturvolk. Der Gesamteindruck entscheidet, im einzelnen können
reine Naturäußerungen im höchsten Kulturvolk vorhanden sein. Daher
wird der Naturforscher über Kultur anders denken wie der Philosoph
oder Theologe, oder Ökonom oder Literat usf., und wer Krieg und
Menschenvernichtung verabscheut, anders als der in seinem Kriegsleben
einzigen Ruhm und einziges Menschenwürdige sieht. Wir würden uns in ein
nicht zu entwirrendes Netz von widersprechenden Meinungen verstricken,
wollten wir ein Merkmal für Kultur aufstellen. Selbst das anscheinend
Selbstverständlichste: sittliche Höhe und Achtung vor Gottes Ebenbild
und Gottes Geschöpfen würde fehlschlagen, da wir größte Verkommenheit
und Nichtswürdigkeit durchaus mit dem, was wir Kultur nennen müssen,
vereinbar sehen, wie an den Höfen der ersten römischen Kaiser und
der drei Herrscher vor Ludwig XVI. in Frankreich. Auch genügt es für
unsere Zwecke, wenn wir als Kulturvölker die sonst als solche namhaft
gemachten annehmen. Es kommt für unsere Betrachtungen nicht darauf an,
ob wir ein Volk mehr oder weniger in den Kreis der Kultur einbeziehen.
Nur in einer Hinsicht müssen wir vorsichtig zu Werke gehen, in
historischer. Mißverstandener Nationalstolz und namentlich Eitelkeit
im Kreise wirklicher Kulturvölker hat einzelne Nationen verleitet,
den Anfang ihrer Kultur möglichst weit in die dunkelsten Zeiten
hinauszuschieben; ein Seitenstück zu dem wunderlichen Bestreben mancher
Herrschergeschlechter, die Abstammung wenigstens auf die Trojaner
zurückzuführen. Lippert ist der Ansicht, daß slawische Schriftsteller,
um ihrem Volk eine Art urarische Mythologie mit daran anknüpfenden
hohen Anschauungen zu retten, nicht einmal vor Korrigierung von
Urkunden zurückgeschreckt sind. Ich habe darüber kein Urteil. Aber
als ich das wohl umfassendste Werk über slawische Mythologie las, das
von Hanusch, mußte ich gleichfalls staunen, mit welcher Energie und
Kunst überall Beziehungen zu der altindischen Religion bis in die
Namen hinein gefunden wurden, während größte Gelehrte noch jetzt sich
damit plagen, einen oder zwei Götternamen als wenigstens dem größten
Teil der Arier überhaupt gemeinsam nachzuweisen. Ähnlich verhält es
sich mit den Ungarn, denen Monotheismus und alle schönen Tugenden
zugeschrieben werden zu einer Zeit, da sie als wildeste Wildenhorde
Deutschland, Italien, Frankreich mit Mord, Brand und Schändung
erfüllten. Auch wir Deutschen sind von solchem Chauvinismus nicht frei;
viel ist bei uns in bezug auf die alten Germanen gesündigt worden
und noch mehr wird gegenwärtig gesündigt. Aber wir haben doch einen
Tacitus als Kronzeugen. Wer über die Anschauungen der Völker schreiben
will, hat mit nationalistischen Übertreibungen sehr zu kämpfen, daß
er schließlich fast um jede kritische Beurteilung gebracht wird. Ein
seltsames Beispiel von fast verwunderlichem Chauvinismus bietet das
sonst geistvoll geschriebene Buch von Chamberlain, „Die Grundlagen der
Kultur des 19. Jahrhunderts“.
16. ~Allgemeine Religionsanschauungen bei den Kulturvölkern im Kreise
der Menschheit.~
Man ist früher von dem klassischen Polytheismus und dem Monotheismus
als von dem Normalfall menschlicher Religionsanschauung ausgegangen
und hat die Anschauungen der „Wilden“ mehr als Kuriosität oder helle
Verrücktheit angesehen. Aber mit der wachsenden Ausbildung der
Ethnologie und Anthropologie hat sich eine Wendung vollzogen, die
nicht wenige Forscher dahin führte, gerade die Anschauungen der Wilden
zum Ausgangspunkte der höheren Anschauungen zu wählen und diese aus
jenen abzuleiten. Das konsequenteste System nach dieser Richtung hat
Lippert aufgebaut. In mehreren Werken hat er nachzuweisen gesucht,
wie fast alle Kulturvölker noch in der Zeit, da schon die Geschichte
von ihnen spricht, im wesentlichen bewußtem oder unbewußtem Seelen-
und Ahnenglauben gehuldigt haben. Man kann sagen, die Tatsachen,
die dieser so bedeutende Forscher beigebracht hat, seine Ansicht zu
begründen, sind nach einer Richtung hin allerdings erdrückend. Es ist
ganz unmöglich, ihrer Beweiskraft, daß Seelen- und Ahnenglaube in
allen Religionen der Kulturvölker sich vorfinden und eine mehr oder
minder wichtige Rolle spielen, sich zu entziehen. Ich habe ja bereits
manches nach ihm selbst, nach Jakob Grimm und vielen anderen in den
vorstehenden Abschnitten vergleichend angeführt. Und dieses schon,
wenn auch nicht vollständig beigebracht, zeigt, wie die gleichen Ideen
sich auf der ganzen Erde verbreitet finden. Aber, wie bei Ausführung
einer jeden neuen Idee, gehen Lippert und seine Anhänger, wie ich
glaube, vielfach zu weit, wenn sie die Religionsanschauungen mit
Seelen- und Ahnenglaube für erschöpft halten, und alles weitere, was
die Menschen etwa noch gedacht haben, daraus hervorgegangen ansehen.
Die Frage spitzt sich zu der zweiteiligen zu: Kann Polytheismus sich
aus Seelen- und Ahnenglaube entwickeln? Kann Monotheismus auch nur
aus Polytheismus erwachsen? Ich werde mich mit dieser Doppelfrage
später beschäftigen. Lippert aber bemüht sich überall den Seelen- und
Ahnenkult nachzuweisen, entweder als allein bestehend, oder als einzige
Grundlage der weiteren Anschauungen, oder als neben diesen letzteren
Anschauungen fortdauernd und oft sie vertretend. Namentlich auf die
Folgen des Seelen- und Ahnenglaubens kommt es dabei an: auf die
Annahme von Seelenwesen (Geister, Nixen, Feen, Kobolde, Zwerge, Holde,
Unholde, Gespenster, Dämonen, Teufel usf.), von Mineral-, Pflanzen-,
Tier-, Menschenfetischen, von Orakeln, auf den Kult, der allem
Voraufgenannten gewidmet wird, einschließlich der Bestattungs- und
Grabgebräuche, und der Toten- und Seelenfeste, auf Menschenopfer und
Kannibalismus, einschließlich der Blutgebräuche. Schon diese Aufzählung
lehrt jeden, der Sagen, Märchen und Gebräuche der Völker kennt, daß
keine Kultur frei von dem einen oder anderen Naturmenschlichen sich
zeigt. Worauf es aber ankommt, ist der Nachweis des Ganzen, oder doch
alles Wesentlichen; letzteres, weil Sitte oder Vorteil manches mildert
oder entfernt, wie zum Beispiel Menschenopfer und Kannibalismus.
Gehen wir nun auf das einzelne ein, so wird von Lippert vielen
Kulturvölkern in ihrer geschichtlich heidnischen Zeit jeder andere
Glaube als Seelen- und Ahnenglaube überhaupt abgesprochen. Den
~Littauern~ soll ein eigentlicher Götterglauben fehlen; was von ihnen
erzählt wird, weise nur auf reinen Seelen- und Ahnenkult hin. Und es
sei nicht denkbar, daß, wenn ein Volk, das vor noch nicht sechshundert
Jahren zum Christentum bekehrt worden ist, eine Götterlehre besessen
hätte, diese ihm in so kurzer Zeit so ganz aus dem Gedächtnis hätte
schwinden können, und daß nicht einmal Chronisten und Missionare von
ihr berichtet hätten. Von den zwei bestimmt überlieferten Gottheiten,
Perkunas und Zemina, sei die erste wahrscheinlich nordgermanischen
Ursprungs und importiert, die andere zweifelhafter Qualität.
Von den Anschauungen der heidnischen ~Slawen~ hegt Lippert die gleiche
Ansicht. Hier ist besonders interessant, was er von dem bekanntesten
Slawenkult, dem des Swantewit auf Rügen, ausführt. Die genaue
Beschreibung, die Saxo Grammaticus von diesem Kult gibt, bietet ihm
selbst die Handhabe, im Swantewit nichts anderes zu sehen als einen
Ahnen, der in der Weise der Naturvölker verehrt wird, also nicht
etwa einen Himmels- oder Lichtgott, als der er nach der ersten Silbe
seines Namens, welches Licht, Welt bezeichnet, von andern gedeutet
worden ist. Diesen Namen erklärt er als „der der Swantower“, womit
ebensowohl eine Familie wie eine Familiengemeinschaft bezeichnet sein
konnte. Und eine Hauptstütze für seine Ansicht ist ihm das mit dem Kult
verbundene Orakel, bei dem ein Roß, Swantewits Roß, die Hauptrolle
spielt. Das Roßorakel ist auch bei den Germanen bekannt. Tacitus gibt
darüber eine Auseinandersetzung, wonach kein anderes Orakel bei ihnen
ein so großes Vertrauen genießt, denn sie halten sie (die Rosse) für
die „~Mitwissenden~ der Götter“. Hiernach wird das Roß für eine Art
Tierfetisch erklärt. Damit vergleiche man aber, was die slawischen
Mythographen lehren. Hanusch findet also in den Anschauungen der
Slawen Übereinstimmung mit indischen und eranischen höchsten Lehren.
Die Trimurti Brahma, Wischnu und Schiwa entsprechen ihm Piorun-Proven,
Radegast, Porenut (als gutes Prinzip, wie auch die Göttin Siva; die
Göttinnen Morana und Ubijica als verderbliches) als Triglav. Bei
den Preußen: Perkun, Potrimbo, Pikollo. Ja die Übereinstimmung gehe
so sehr ins einzelne, daß Piorun mit dem physischen, Proven mit dem
geistigen Brahma übereinkomme, Piorun-Proven die physische und geistige
Lichtgottheit darstelle, Radegast in gleichen Inkarnationen (Awatar)
erscheine wie Wischnu, und die welterhaltenden und weltzerstörenden
Eigenschaften Schiwas in entsprechenden Gottheiten nachgewiesen werden!
Die Gleichheit mit den eranischen Anschauungen soll durch Bjelboh und
Czernyboh gegeben sein; ersterer Ormuzd, letzterer Ahriman. Der Weiße
Gott und der Schwarze Gott sind allerdings slawische Gewalten, die dem
eranischen Dualismus entsprechen, aber nicht entfernt mit der hohen
Bedeutung wie Ormuzd und Ahriman; sie unterscheiden sich wenig von
gutem Geist und bösem Geist, immerhin ist die Kongruenz bemerkenswert.
Swatowit und besondere Kundgebungen von ihm wie Swenteboh, Witislaw,
Harowit, Rugiewit, Porewit, Jutreboh usf., die teils Friedensgötter,
teils Tages- und Tageszeitengötter, auch Morgen- und Abendsterngötter
sein sollen, emanieren von Belboh als dem Lichtgott; Wrag, Zlyboh von
Czernyboh. Das Zutreffende dieser Parallelisierung wird außer an den
Eigenschaften der Gottheiten auch an entsprechenden Festen der Eranier
und der Slawen zu erweisen gesucht. Nun wird noch behauptet, daß die
slawischen Anschauungen gewissermaßen die Verschmelzung der indischen
und der eranischen darstellen. Bei den ~Preußen~ und ~Littauern~ soll
Auschwe die Lichtgottheit, Puskaijtis die Finsternisgottheit bedeuten.
Und es werden noch die bekannten indischen Göttinnen mit littauischen
parallelisiert: Maja = Laima, Lakschmi = Lada, Parwati-Bhawani =
Liethva (slawisch Baba), Saraswati = Perkunatele, Kali = Niola.
Hanusch erkennt auch eigentlich slawische Elemente in der slawischen
Götterlehre an. Und diese sollen sich beziehen auf eine Übertragung
in die Natur der mehr abstrakten Begriffe, die ursprünglich jene
Gottheiten bedeuteten, also auf eine Art Vermaterialisierung der
altindisch-eranischen Anschauungen. „Das Äußere der Natur (ὕλη) war
im Bewußtsein der Slawen das eigentliche Sein und wurde belebt von
einem allgemeinen Geiste, der in den einzelnen äußeren Individuen als
individueller Geist erschien. Doch war dieser Geist nichts anderes
als eine Personifikation des Lebensprozesses, den man der Analogie
nach zum Unbelebten hinzudachte.“ Das klingt fast wie im Geiste des
Animismus gesprochen. Und hierher gehört auch das Zugeständnis von
irdischen (und unterirdischen) Gottheiten neben oberirdischen und
das der Anthropomorphisierung der Gottheiten (der Sonne, des Mondes,
der Gestirne, des Wetters usf.), welche letztere in unzähligen
Sagen und Liedern eine oft recht anmutende Rolle spielt. Das Ganze
kommt auf einen Naturdienst heraus, mit mehr oder weniger wuchtigen
Naturgewalten und mit einem unübersehbaren Heer von guten und bösen
Geistern, dem sich ein Dienst von Schutzgeistern für alle Verhältnisse
und Tätigkeiten des Lebens anschließt. Aber das alles liegt doch weit
ab von dem Seelen- und Ahnenglauben, den Lippert den Slawen allein
zugestehen will. Seelen Verstorbener als Gespenster und Dämonen
kannten die Slawen auch nach Hanusch. Auch behandelten sie die Seelen
mitunter wie die eigentlichen Naturvölker, gaben ihnen Grüße an früher
Verstorbene mit, empfahlen ihnen geselliges Betragen gegeneinander
usf. Ihre Gottheiten aber sind weder Seelen noch Ahnen. Ich weiß
den Widerspruch nicht zu lösen; wieviel Unzutreffendes und gewaltsam
Hineininterpretiertes auch in den Bearbeitungen der slawischen
Mythologie durch slawische Schriftsteller vorhanden sein mag, ~alles~
kann unmöglich erfunden sein. Dagegen spricht schon, daß gegen den
Dualismus Belboh-Czernyboh sich nichts einwenden läßt, er ist zu gut
durch Schriftsteller und noch vorhandene Sagen und Lieder bezeugt.
Hanusch hat zu wenig vom Kult (und den Gebräuchen), Lippert zu wenig
von der Mythologie gesprochen. Bei Berücksichtigung beider, des Kultes
und der Mythologie, wird man wohl den heidnischen Slawen und Littauern
mehr die Anschauungen der Naturvölker zuschreiben, jedoch mit nicht
wenigen höheren Ideen. Ob die letzteren ein Überrest der früheren
Verbindung mit Indiern und Eraniern sind, wie Hanusch will, oder ob sie
sich später ausgebildet haben, läßt sich nicht sagen.
Noch schwieriger ist es natürlich mit den ~Germanen~. Cäsar hat im 21.
Kapitel des VI. Buches seines „Bellum Gallicum“ eine sehr wegwerfende
Bemerkung über ihre Religionsanschauung gemacht. „Deorum numero eos
solos ducunt quos cernunt et quorum aperte opibus juvantur, Solem
Vulcanum et Lunam, reliquos ne fama quidem acceperunt.“ Also nur was
sie sehen: Sonne, Feuer, Mond, und aus dessen Macht sie offensichtlich
Nutzen ziehen, verehren sie. Das wäre freilich rein der Standpunkt
des Naturmenschen, der auch alles nur körperlich auffaßt und es nur
beschenkt, wenn ihm eine größere Gegengabe geleistet wird. Tacitus
denkt aber über die Germanen erheblich besser. Er schreibt freilich
150 Jahre später, als die Germanen schon vieles an Kultur angenommen
hatten. Allein er bringt auch sehr altes und einheimisches Material
bei, da er wenigstens einigemal germanische Bezeichnungen benutzt. Er
sagt nun im zweiten Kapitel seiner „Germania“, die Germanen feierten
in alten Liedern „Deum Tuisconem, terra editum, et filium Mannum
originem gentis conditoresque“, und erzählt nun wie Mannus drei Söhne
hatte, aus denen die bekannten drei deutschen Hauptstämme seiner
Zeit hervorgingen. Also jedenfalls sind die Germanen Nachkommen von
Tuisco und Mannus. Von Mannus meint Jakob Grimm: „Kein Name kann
deutscher klingen“. Aber was er ideell bedeutet, darüber besteht schon
Streit. Der große Mythologe schreibt ihm einen tieferen Sinn zu: als
„ein denkendes, seiner bewußtes Wesen“ bezeichnend. „Mannus aber ist
der erste Helde, der Gottessohn und aller Menschen Vater“, und er
parallelisiert ihn mit dem indischen Manus, der nach einer Version, auf
Brahmas Geheiß, alle Geschöpfe, Götter, Asuren und Menschen schaffen
sollte und alle Welten, Bewegliches und Unbewegliches. Dann wäre also
der germanische Mannus etwas sehr Hohes. Aber wie paßt der Vater Tuisco
dazu, der selbst aus der Erde hervorgegangen, also eine Art Erdgeist
ist? Der Name ist nicht sicher, es bestehen infolgedessen auch viele
Deutungen für den Gott. Die höchste geht auf den Himmel und setzt
den Gott, dem Sinn und der Stellung nach, dem Uranos, dem Namen nach
(Tivisco, Tuisco) dem Zeus an die Seite. Die Erde spielt dann die Rolle
der Gaia, die auch Uranos und Pontos geboren haben soll. Die niedrigste
wählt natürlich Lippert. Eine mögliche Lesart ist nämlich auch
Tiusco. Grimm stellt sie mit Tivisco zusammen, was eben jene höchste
Bedeutung ergibt. Lippert findet etymologisch als Bedeutung „Geist“
angemessener. Und indem Mannus einfach als „Mann“ erklärt wird, ist Tiu
sein Schutzgeist, und somit der aller Germanen, und Tiusco bedeutet ein
„Geistwesen“, wie Mannisco ein „Mannwesen“, ein „Mensch“. Damit wären
wir wieder auf den Ahnen und dessen Seele gekommen.
Tacitus sagt ferner: „Deorum maxime Mercurium colunt.“ Es wäre eine
ganz anmutende Hypothese des genannten Forschers, daß dieser Merkur
ein Viehschutzgeist ist, da ein Teil der Germanen noch nomadische
Viehzucht betrieb, und dieser Deutung von seiten der griechischen und
römischen älteren Mythologie keine Schwierigkeiten entgegenstehen.
Aber Cäsar erzählt auch von den Kelten, daß ihr höchster Gott Merkur
gewesen sei, und die Kelten waren keine nomadischen Viehzüchter.
Herodot teilt mit, daß die Thrakerkönige am meisten Hermes verehren
und von ihm abzustammen behaupten. Auch hier wird man Viehzucht als
Motiv nicht annehmen können. Indessen gibt vielleicht Cäsar selbst
die Erklärung: „Hunc omnium inventorem artium ferunt, hunc viarum
atque itinerum ducem, hunc ad quaestus pecuniae mercaturasque habere
vim maximam arbitrantur“. Und da Tacitus zur Einführung Merkurs bei
den Germanen genau derselben Formel sich bedient wie Cäsar zu der bei
den Kelten (nur deorum statt deum), so wird er wohl auch an Cäsars
Erklärung gedacht haben. Bekanntlich wird seit Paulus Diaconus Wotan
für Merkur genommen, und auf diesen paßt Cäsars Erklärung einigermaßen,
die sich auf einen Erfindungs-, Wege- und Handelsgott bezieht. Tacitus
mag auch noch gewußt haben, daß Wotan auch Tote (erschlagene Helden)
in sein Reich geleitet, also als Psychopompos wirkt, und weiter,
daß er auch Sturmgott ist, wie Hermes bei den Griechen ursprünglich
einen Windgott bedeutete. Und daß Wotan der größte Gott war, würde
auch stimmen; dem Merkur namentlich sollen Menschenopfer gebracht
worden sein, wie Tacitus erzählt. Gleichwohl braucht darum Lipperts
Ansicht noch nicht unrichtig zu sein, daß es sich um einen Ahnengott
handelt, denn alles was aufgezählt ist, als in das Bereich dieses
Merkur fallend, übertrifft nicht, was auch ein Naturmensch einem
höchsten Fetisch zuschreibt. Ja, wenn wir sehen, wie Jakob Grimm mit
so vielen Beispielen belegt hat, daß die Deutschen noch im Mittelalter
die Neigung hatten, den „Wunsch“, in der umfassendsten Bedeutung, zu
personifizieren, und daß Wotan auch Wunschgott ist, so wird man noch
mehr auf die Seite Lipperts zu treten geneigt sein. Es kommt also
darauf an, ob die Germanen dem Wotan-Merkur noch andere Eigenschaften
zugeschrieben haben, die in das Hohe gehen und aus dem einfachen
Seelen- und Ahnenglauben nicht mehr erklärt werden können.
Einmal bemerkt nun Tacitus, die Germanen „schlössen weder die Götter
zwischen Wände ein, noch stellten sie sie in menschlicher Gestalt
dar, ~wegen der Größe der Himmlischen~; Lichtungen und Haine heiligen
sie ihnen. Und mit der Götter Namen nennen sie jenes Geheime, das sie
nur mit Ehrfurcht (oder Scheu) sehen“. Ist das gesperrt Gedruckte aus
dem Sinne der Germanen gesprochen, so muß der Streit als entschieden
gelten. Allein es ist schon von vielen vermutet worden, daß Tacitus,
was er hier von den Göttern sagt, aus ~seinen~ Ansichten geholt hat.
Was wir sonst von den germanischen Götteranschauungen kennen, spricht
nicht immer für so hohe Begriffe. Auch wissen wir, daß mindestens
später die Germanen sehr wohl Bildnisse ihrer Gottheiten von Holz,
Stein oder Metall besaßen; dafür sind sehr viele Zeugnisse vorhanden.
Interessant ist, was Tacitus selbst von der Göttin Nerthus, die er
als Mutter Erde bezeichnet, erzählt. Ihr Kultort (er wird in der
Nähe von Rügen gesucht) ist ein jungfräulicher Hain, den niemand
betreten darf außer dem Priester. Dort sei ein Wagen ganz mit einem
Gewande (veste!) bedeckt. Der Priester glaubt, daß die Göttin sich
darin befände. An ihrem Feste wird der Wagen von Kühen in Prozession
herumgeführt, dann herrscht Freude und Friede ringsum, wohin die
Göttin gelangt. Zuletzt führt der Priester die „vom Verkehr mit den
Sterblichen gesättigte“ Göttin nach ihrem Tempel zurück. Dort werden
alsbald „der Wagen, die Gewänder (vestes!) und, wenn du es glauben
willst, die Gottheit selbst in einem geheimen See abgewaschen. Diener
bedienen, die sofort der See verschlingt“. Hiernach muß der Wagen
ein Kultobjekt enthalten, in dem die Göttin selbst weilt, da sie mit
den Sterblichen verkehrt (konversiert, sagt sogar Tacitus) und davon
ermüdet. Dieses Objekt erklärt Lippert für einen Fetisch. Daß hier ein
weibliches Wesen in Betracht kommt, würde zwanglos aus der auch den
Germanen früher bekannten Mutterfolge sich ergeben. Außerdem nahmen
die Germanen in die Schlacht effigies et signa mit. Das sind nach
Jakob Grimm figurierte Gegenstände, nach Lippert Seelenfetische und
Gegenstände, die den Fetischen gehören. Von den von Tacitus ferner
noch genannten Gottheiten finden sich Mars und Herkules überall, wo
Krieg und Heldengeist herrscht, und Kastor und Pollux vertreten,
vielleicht irgendein bemerkenswertes Brüderpaar. Doch weiß man mit
diesem letzteren allerdings nichts anzufangen. Auch die Isis wird
als von einem Teil der Sueven verehrt angeführt. Der Römer meint, ihr
Dienst sei importiert, weil wie bei Isisfesten ein Schiff herumgeführt
wird. Aber Jakob Grimm hat schon nachgewiesen, daß Umzüge mit Schiffen
in Deutschland noch im Mittelalter geschahen, und er vermutet in Isis
eine deutsche Göttin und in dem Schiff etwas Ähnliches wie im Wagen der
Nerthus. Lippert weist noch auf das Totenschiff hin (S. 75). Gleichwohl
kann man sich der Ansicht Jakob Grimms nicht verschließen, daß, da
Tacitus so oft und bedeutend von Gott und Göttern der Germanen spricht,
teils allgemeinen teils vaterländischen und häuslichen, dieses,
zusammengehalten mit sonstigen Überlieferungen und Überlebseln, bloß
einen Naturmenschenglauben nicht erlaubt. „Wie läßt sich,“ sagt er,
„alles andere, was wir von der Sprache, der Freiheit, den Sitten und
Tugenden der Germanen wissen, hinzugenommen, der Gedanke festhalten,
sie hätten, in dumpfen Fetischismus versunken, sich vor Klötzen und
Pfützen niedergeworfen und ihnen rohe Anbetung erwiesen?“ So niedrig
meint es Lippert ja auch nicht, der Seelen- und Ahnenglaube kann sehr
wohl mit einer geläuterten Ansicht von Welt und Leben bestehen. Und
der Götterdienst der Germanen und die Totenbräuche bei ihnen waren
keineswegs sehr harmlos; und letztere sind durchaus, wofür Jakob Grimm
selbst viele Beispiele beibringt, auf naturmenschliche Anschauungen
von der Seele begründet. Also werden wir wenigstens einen Einschlag
von Seelen- und Ahnenglauben, und auch von Fetischismus (Lippert
führt mehrere Beispiele an von Bäumen, denen selbst Opfer dargebracht
wurden), in der Religion der Germanen nicht von der Hand weisen
können. Wir wissen ja, daß z. B. die Franken, selbst nach Annahme
des Christentums, noch Menschen beim Übergang über den Po geopfert
und in diesen Fluß gestürzt haben, und ähnliche aus dem Seelen- und
Fetischglauben fließende Greuel werden noch manche erzählt.
Von dem großen ~nordisch-germanischen~ Göttersaal ist nicht
gesprochen. Daß er zum Teil auch den eigentlichen Germanen bekannt
gewesen ist, darf nicht mehr bezweifelt werden, obwohl die Erzählungen
der Edda sehr deutliche Spuren fortgeschrittenerer Kultur und
Weltkenntnis, sowie des Einflusses des Christentums an sich tragen. Die
nordischen Mythen verstärken den Eindruck, daß die Gesamtgermanen zwar
eine höhere Naturreligion gehabt haben, etwa im Sinne der Griechen und
Ägypter, daß aber auch viel Naturmenschliches vorhanden war. Von den
Menschenopfern bei den Skandinaviern erzählt Adam von Bremen (elftes
Jahrhundert) nach den Mitteilungen eines Swen Ulfsson, der sich zwölf
Jahre an dem Hofe des Schwedenkönigs aufgehalten hat. Im Hain am Tempel
zu Upsala, der Odin, Thor und Freyr geweiht war, hingen mitunter 70 und
mehr geopferte Menschen neben Hunden und anderen Tieren. Von diesem
Hain sagt der Genannte: „is enim locus tam est sacra gentilibus, ut
singulae arbores ejus ex morte vel cibo immolatorum divinae credantur.“
Also man hielt die Bäume wegen der Opfer oder der Opferspeise für
göttlich (geheiligt). Die Götter wurden mit Blut versöhnt, die
Priester hießen auch selbst Götter: Goda, Dior, Asar, Anses; gleich
lebenden Fetischen. Heilige Haine gab es überall, wie auch sonst auf
der Welt, einzeln und in der allerverschiedensten Zusammensetzung.
Der feste Glaube der Skandinavier, nach tapferem Leben in Walhall das
freudigste Dasein bei Trunk, Speise und Waffenspiel fortzusetzen, ist
bekannt. Doch muß auch ein Leben der Toten in den Gräbern angenommen
worden sein. In dem Harbardslied der älteren Edda, in dem Thor vom
Fährmann Harbard (Graubart) so sehr verspottet wird, fragt Thor seinen
Quälgeist, woher er solche Spottreden habe, und Harbard antwortet: „Ich
lernte sie bei Männern, bei jenen uralten, die in den Heimatshügeln
wohnen.“ Da höhnt Thor: „Wie gibst du den Gräbern anmutige Namen, daß
du sie Heimatshügel nennst.“ Totenbeschwörung wurde viel geübt. Im
Hyndlalied ruft Freia die Vala Hyndla aus dem Grabe hervor, daß sie
ihr wahrsagen solle. Richard Wagner hat daraus wohl den Gedanken zu
der stürmisch-gewaltigen ersten Szene des dritten Aktes von Siegfried
geschöpft. Zauberei und Hexerei blühten in Skandinavien mehr noch
als in Deutschland und müssen sich zuzeiten zu wahrer Kalamität
ausgewachsen haben, da mehrere Könige Hunderte von Menschen, die diesen
Gewerben nachgingen, verbrennen ließen. Wälder, Berge, Wasser, Höhlen
wimmelten von Geistern und Dämonen. Meist waren diese bösartiger
Natur. Doch hatte jeder Skandinavier auch einen Schutzgeist (Vätten),
einen „Führer“, Fylgior, dessen Bedeutung der des Mannes entsprach.
Gleichwohl war das Volk auffallenderweise höchst fatalistisch
gesonnen: „gegen sein Schicksal kann sich niemand bewahren“ wird in
Liedern unzählig variiert. Das ist nicht naturmenschlich gedacht.
Als naturmenschlich aber wiederum muß es bezeichnet werden, wenn
die Götter, wie es so oft geschieht, kaum höher gestellt werden
als machtvollere Menschen. Odin spricht von sich im Runenliede des
eddischen Havamal im gleichen Tone, wie ein Runenzauberer reden würde.
Er führt sich ein, wie er an einem Baume (wohl an der Weltesche
Yggdrasil) neun Nächte hing, ohne Speise und Trank. Da lernte er Runen
und fiel herab. Und dann zählt er alles auf, was er mittelst dieser
Runen zu vollbringen weiß: Hilfe gegen Sorgen und Seuchen, feindliche
Waffen stumpfen und weichen, Freiheit dem Gefesselten, Leben dem
Getöteten usf. Und welch eine Fülle von menschlich Verkommenem unter
den Asen und Asinnen enthält das Schmählied Lokis, die Lokasenna in
der Edda. Da erscheinen die Götter und Göttinnen niedriger noch als
im Nibelungenring; Wagner hat sie noch veredelt. Es scheint, als
wenn die südlichen Germanen doch höhere Ideen von ihren Gottheiten
besessen haben als ihre nordischen Brüder. Doch hat man oft Lieder
wie die Lokasenna als bewußte Begründung zu der so hochtragischen
Götterdämmerung angesehen.
Von den ~Kelten~ ist nicht viel überliefert. Cäsar sagt, daß die
Druiden das Volk lehren, die Seele gehe nicht unter, sondern fahre
nach dem Tode des Menschen in einen anderen Körper. Diodor aus
Sizilien erzählt das gleiche, fügt aber noch hinzu: „Daher kommt es,
daß bei ihren Leichenbegängnissen einige Leute Briefe, die sie an
ihre verstorbenen Väter, Mütter oder Verwandte geschrieben haben,
in das Feuer werfen, in der Meinung, daß die Toten diese Briefe
lesen würden.“ Cäsar erzählt auch, daß bei Leichenbegängnissen nicht
bloß Gegenstände und Tiere, sondern auch Sklaven und Schutzbefohlene
mitverbrannt wurden. Die Gallier liehen auch Geld, mit Bezahlung
im Jenseits, wo sie also wie im Diesseits lebten. Lucanus, in der
Pharsalia, spricht letzteres auch deutlich aus:
... Ihr lehret dawider, daß nimmer die Schatten
Wollen zum schweigenden Erebus hin, auch sähen sie nimmer
Plutos dämmerndes Land, es beherrsche die Glieder derselbe
Geist noch in anderer Welt: es steht -- wenn euer Gesang wahr --
In eures Lebens Mitte der Tod. -- --
Das alles ist sicher rein naturmenschlich. Daß die Welt von drei
Druiden geschaffen oder aus der Tiefe, auch aus dem Meere heraufgeholt
sei, gehört ebenfalls hierher. Was es mit den Gottheiten Teutates,
Hesus, Cermunus, Taranis, Belis oder Belenus, Ogmius, Andrate und
vielen anderen für eine Bewandtnis hatte, können wir nicht sagen.
Cäsar teilt mit, die Gallier verehrten Merkur, Apollo, Mars, Jupiter,
Minerva. Damit ist für unsere Zwecke nichts anzufangen. Doch wissen
wir, daß sie die Gottheiten aus der Materie hervorgegangen ansahen,
und daß sie auch Flüssen, Quellen, Bergen, Bäumen opferten. Und ihr
Götterdienst war von solchen Greueln erfüllt, daß Kaiser Claudius,
nachdem alle Mittel, ihn zu mildern, gescheitert waren, ihn ganz
unterdrücken mußte. Gleichwohl werden die Gallier wenigstens in der
Kultur ziemlich hoch gestanden haben, da Cäsar und andere so viel von
ihren Städten, Tempeln, Schulen und Kenntnissen mitteilen. Von dem,
was die altgälischen Barden erzählen und was wir im Ossian lesen, hat,
wegen der mindestens zweifelhaften Originalität, abgesehen werden
müssen. Einiges ist übrigens von mir an anderer Stelle vorgetragen.
Wir sind gezwungen, die Runde durch die Kulturvölker fortzusetzen.
Die ~griechische~ Religionsanschauung ist nach allen Richtungen
durchforscht. Merkmale des Seelen- und Ahnenglaubens, auch des
Fetischismus, sind in ihr, namentlich in früherer Zeit und bei
abgelegeneren Stämmen zweifellos vorhanden. Bei Homer führt die Seele
ganz das Leben wie bei den Naturvölkern; sie entflieht eilig aus der
klaffenden Wunde, sie zieht wie dampfender Hauch unter die Erde, sie
erscheint im Traume, um für den Körper Begräbnis zu erflehen, damit
sie selbst Ruhe finde, sie trinkt Blut und gewinnt dadurch irdisches
Gedächtnis und Kraft, sie bekommt Gaben und Menschenopfer. Kleidung,
Schmuck, Waffen wurden den Toten noch bis in die letzte Zeit ins Grab
getan.
Deinem Weibe trägt die Dienerschar
Den Schmuck in Händen, dessen sich die Toten freun
sagt der Chor in der Alkestis des Euripides zu Admetos. Und eine
eingehende Schilderung aller Gaben teilt Atossa in den Persern des
Aischylos mit. Lukianos noch spottet darüber, daß man den Toten soviel
mitgebe oder mit ihnen soviel verbrenne, als ob sie sich dessen im
Jenseits bedienen könnten. Und die überhaupt durch überwältigendes
Unglück zweifelsüchtig gewordene Hekabe sagt in den Troerinnen des
Euripides, da sie ihrem so grausam hingemordeten Enkel Astyanax die
Totenfeier richtet, zu den Dienern:
Geht, übergebt den Toten seinem düstern Grab;
Denn Totenkränze hat er ja, wie’s ihm gebührt.
Und wenig kümmert’s, mein’ ich, die dort unten sind,
Ob einem hier ein reiches Totenopfer wird;
Das ist nur eitler Übermut der Lebenden.
Und doch glaubt dieselbe Hekabe, daß in der Unterwelt der Vater,
Hektor, die Wunden des Sohnes heilen wird. Soviel Inkonsequenz herrscht
bei einer ja ungewissen Sache.
In Ausnahmefällen geschah auch den Gräbern Verehrung. Was der Chor in
dem vorgenannten Drama Alkestis bei der ergreifenden Totenfeier noch
spricht:
Nicht wie das Grab anderer sei deiner Gemahlin Grab
Angesehn; zu ihm wie zu den Göttern,
Betend ehr’ es der Wanderer!
Und mancher, die Pfade seitwärts wandelnd, redet das Wort:
„Sie starb, den Gemahl zu retten;
Nun ward sie selige Göttin.
Heil, Holde, dir! Glück gewähr uns!“
ist nicht bloß dichterische Empfindung. Der gleiche Chor ruft der
toten Alkestis nach: Κούφα σοῖ χθὼν ἐπάνωθεν πέσοι, sit tibi terra
levis, Leicht sei dir die Erde! wie wir noch jetzt sagen. Von dem
Seelenphantom, dem εἴδωλον, und den Seelenvögeln habe ich bereits
gesprochen (S. 73 f.). Daß die Griechen Seelen auch in Schlangen sahen
und verehrten, wissen wir aus Pausanias. Daß auch Fetische bekannt
waren, sehen wir aus den vielen Verwandlungen von Menschen in Bäume,
Sträucher und Felsen. Außerdem ist es hinreichend bezeugt, wie in
frühen und späten Zeiten Steine und Pfosten Sinnbilder von Göttern
waren, denen auch Opfer gebracht wurden. Was aber den Ahnenkultus
anbetrifft, so hat schon Euemeros den ganzen griechischen Götterglauben
auf ihn zurückgeführt. Und das haben bekanntlich mehr oder weniger
vollständig viele vor ihm und nach ihm gleichfalls getan. Zu solchen
Übertreibungen haben die Griechen selbst beigetragen, indem jedes
Fürstengeschlecht und jedes Völkchen möglichst von einer Gottheit,
mindestens aber von einer Halbgottheit abstammen wollte, indem von den
Göttern gar zu menschlich erzählt worden ist, und endlich, indem den
Mächtigen auf Erden nicht selten göttliche Ehren erwiesen wurden. Dazu
kommen die noch bis in sehr späte Zeit vorgefallenen Menschenopfer, die
jeder wahrhaft höheren Gottheitsanschauung so sehr widerstreben. Und
wenn ein Themistokles oder gar ein Cäsar solche Opfer vollziehen, so
kann man sich das zwar dadurch erklären, daß sie dem Drängen des Volkes
(oder Heeres) nachgegeben haben. Aber auf dem Volke bleibt es doch
haften. In der unheimlichen ersten Szene der Hekabe des Euripides sagt
der Geist des Polydoros:
Denn über seinem Grab erschien der Thetis Sohn,
Der Fürst Achilleus hielt Achajas Heer zurück,
Das nach der Heimat schon die Meeresruder schwang;
Und meine Schwester fordert er, Polyxena,
Als teures Grabesopfer sich und Ehrenlohn.
Und dieses Opfer ward ihm ja, Achills Seele erhielt die Braut.
Gleichwohl überhebt uns einer weiteren Untersuchung die Tatsache,
daß, so menschlich oft die Götter an Leben, Betragen, Fühlen und
Leidenschaften sich auch geben, sie doch wirkliche Götter darstellen,
keineswegs potenzierte Menschen, wie man oft behauptet hat. Namentlich
aber nicht Ahnen, wogegen schon die allgemeine Verehrung, die sie
genießen, spricht. Wenn auch gefabelt wurde, Zeus sei König in Kreta
gewesen, sei dort gestorben und liege dort begraben -- nichts in dem
Zeus, wie wir ihn kennen, erinnert daran. Apollon und Artemis sind
Götter trotz ihrer Geburt von einem sterblichen Weibe. Das hängt mit
der Entstehung der Mythen und Sagen zusammen, die nicht immer von
religiösen Anschauungen veranlaßt ist. Ein Teil wird aus Vorgängen
zwischen Menschen, namentlich in Fürstenhäusern, stammen, die zuerst
bewußt und später, nachdem die Personen vergessen sind, unbewußt, auf
Gottheiten übertragen wurden. Einen anderen Teil verdankt man der
dichterischen Erfindung des Volkes und Einzelner. Noch ein anderer
ist aus Personifizierung von Naturerscheinungen hervorgegangen.
Sodann spielt eine große Rolle die Deutung der Gottheitennamen, die
Volksetymologie, indem aus richtiger oder unrichtiger Übersetzung und
Umschreibung des Namens Tätigkeiten und Wirkungen abgeleitet werden,
an die sich naturgemäß Erzählungen anschließen. Weiter werden manche
Sagen mehr oder minder geistreiche Redeblüten und erkünstelte Allegorie
sein. Zuletzt dürften recht viele als Erklärung von Gebräuchen im Leben
und im Kult, deren Ursprung und Bedeutung dem Gedächtnis entschwunden
sind, und andere zur Begründung von Ansprüchen auf Menschen und Besitz
erfunden sein. Wir haben in den griechischen Sagen und Mythen für alles
Beispiele und ebenso in den Sagen und Mythen anderer Völker. Bei so
großer Vielartigkeit des Entstehungsgrundes kann man nicht erwarten,
ein einheitliches Bild zu bekommen. Und so enthalten die griechischen
Sagen Schönes und Anmutendes neben Häßlichem und Abstoßendem, Hohes
neben Niedrigem und Tieferdachtes neben Törichtem und Aberwitzigem.
Bei Vielem aber tut man dem Volk mehr Ehre an, wenn man es aus
naturmenschlichen Anschauungen ableitet als aus Allegorien oder
Naturerklärungen, und wenn man davon absieht, von uns nicht mehr zu
verstehende Weisheit zu behaupten, wie es früher Mode gewesen ist und
auch gegenwärtig mitunter noch beliebt wird.
Bei den ~Römern~ liegt der Seelenglaube noch offener als bei den
Griechen. Die Inferi, in besonderer Bezeichnung Manes oder Lemures,
sind ganz naturmenschlich gedachte Seelen Verstorbener, die unter
der Erde weilen. Als Larven fügen sie dem Menschen Böses zu, als
Lares familiares sorgen sie für die betreffende Familie. Bekanntlich
schrieben die Römer allem, also auch Menschen, jedem einen Genius
zu, der im Laufe der Zeit mehr und mehr Funktionen bekam und zuletzt
alles vorstellte, wodurch der Mensch zu seinem Tun und Lassen im Leben
bewegt wurde. Es war etwas Göttliches in diesen genii, und sie wurden
demgemäß auch im Familienkreise oder, wenn es sich um die genii der
Götter, der Machthaber oder die des Staates, der Stadt, des Ortes usf.
handelte, öffentlich verehrt, und bei ihnen wurde auch geschworen. Ob
man die Seelen der Menschen mit den genii zu identifizieren hat, weiß
ich nicht; von manchen Forschern geschieht es. Jedenfalls haben wir
es mit einem ausgedehnten Glauben und Kult zu tun, der, ob er sich
auf die genii, inferi, manes, larvae, lares und welche Namen noch in
Gebrauch sein mochten, bezog, sich dem allgemeinen Seelenglauben und
Seelenkult eng anschließt. Die Seelen mußten im Tode versöhnt werden,
was durch ganz bestimmte Zeremonien und Gaben geschah; sie hatten ein
Anrecht auf fortgesetzte Verehrung -- Cicero spricht von manium jura,
den Rechten der Manen, -- seitens der Angehörigen. Geschah das nicht,
so irrten sie ruhelos auf der Erde umher und sannen und taten Böses.
An drei Tagen im Jahre: 24. August, 5. Oktober und 8. November öffnete
man den Seelen absichtlich die Pforte der Unterwelt, den mundus, das
war ein in der Mitte der Ortschaft befindliches rundes Loch, mit einer
Kuppel überwölbt, die eine mit einem Steine bedeckte Öffnung hatte. In
diesen mundus tat man auch die allgemeinen Gaben für die Seelen, in ihn
wurden auch Menschen gestürzt, „die zu Schutzgeistern der Stadt werden
sollten.“ Da man einmal vergessen hatte, den Toten ihre Spenden zu
geben, verließen sie ihre Gräber und man hörte sie durch die Straßen
der Stadt und der Umgebung schwirren, bis man ihnen die Gaben an die
Gräber brachte, erzählt Ovid. Und so konnten Zauberer auch die Seelen
in die Oberwelt beschwören, wovon ja auch die Griechen soviel wußten.
Gleichfalls an Naturmenschliches erinnert die Verehrung des Feuers auf
dem häuslichen Herde, das wie lebend behandelt wurde und Opfergaben
empfing. Überhaupt hatte der Römer einen häuslichen Kultus -- seinen
Penaten, das sind eben die Seelen und das häusliche Feuer, gewidmet --
der den öffentlichen an Bedeutung weit überragte und einen Kultus des
Naturmenschen darstellte. Und gleiches gilt wohl auch von den Griechen.
Wie rührend klingt das von der Sklavin mitgeteilte Gebet der zum
Sterben bereiten Alkestis vor dem Herdfeuer als Göttin, um Schutz für
die zu hinterlassenden Waisen:
Laß nicht, wie ich nun, ihre Mutter, enden muß,
Sie vor der Zeit hinsterben, sondern hochbeglückt
Im väterlichen Lande laß froh ihr Leben fliehn.
Die römische Religion ist ungemein zusammengesetzt: himmlische
Götter, Feld-, Berg-, Wald-, Baum- und Quellgötter, Götter der
Unterwelt, Götter fast für jedes Ereignis und für jede Handlung
im Leben des Einzelnen und der Gesamtheit. Dazu die unzähligen
Seelen- und Ahnengötter, denn die manes sind dii und können sogar
den Himmel erreichen, wie die von Romulus und der Kaiser. Kaum
ein Volk -- vielleicht mit Ausnahme der Indier und Japaner -- hat
einen so gefüllten und so bunten Göttersaal. Und aus allem spricht
eine Art Kindlichkeit und Natürlichkeit, wie aus einem veredelten
Naturmenschenglauben. Wäre nicht so manches Kindische dabei und so
manches Rohe, so mutete sie uns vielleicht mehr an als die glanzvolle
griechische Mythe.
Wie vorsichtig man bei den ~Ägyptern~, wegen ihrer Unart, ihren Worten
allerlei mystische Bedeutungen zu geben, mit Behauptungen sein muß, hat
Brugsch in seiner „Religion und Mythologie der alten Ägypter“ erwiesen.
Man kann die höchsten Ideen herauslesen, wo gar keine vorhanden sind,
weil ein hohes Wort steht, das gleichwohl in gewöhnlichster Bedeutung
benutzt ist. Und auch das Umgekehrte wird der Fall sein. Ein zweiter
Umstand, der die Beurteilung der ägyptischen Anschauungen so sehr
erschwert, ist die verblüffende Vorliebe für tierische Merkmale.
Götter werden mit Frosch-, Schlangen-, Widder-, Schakal-, Katzen-,
Sperber-, Falken- usf. -kopf, oder ganz tierisch als Käfer, Affen,
Krokodile usw. dargestellt, mitunter sogar in Kombination mehrerer
Tiere, wie Râ einmal in derselben Gestalt als Mensch, Frosch und Affe.
Und das geschieht nicht bloß in Bildern, sondern auch in Texten: die
Seele des Osiris ist der Bock von Mendes, die Seelen der Götter sind
Krokodile, heißt es in einer Inschrift des Königs Seti I. Der Erdgott
Qeb sagt von sich: ich pfeife wie der Falke und ich gackere wie die
Gans. Vieles, vielleicht das meiste, wird symbolisch aufzufassen sein
aus den Eigenschaften der Tiere oder auch aus ihrem Verhalten gegen
die Naturerscheinungen. Manches muß aber auf theromorphe Anschauungen,
auf Totemismus beruhen, da ja die Ägypter tatsächlich gewissen
Tieren, nicht bloß dem bekannten Apis, Verehrung dargebracht und sie
nach dem Tode mit Feierlichkeit begraben haben. Herodot, der sehr
eingehend davon erzählt, weiß warum, aber er sagt es nicht aus Furcht
vor den göttlichen Dingen. Einmal, wo er sich gehen läßt, teilt er
ein höchst albernes Märchen über den Widderkopf des Amun (Zeus) mit:
Zeus hätte ihn vorgesteckt, um sich nicht Herakles, der ihn durchaus
sehen wollte, in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Wir können kaum
etwas anderes annehmen als naturmenschliche Anschauung. Nach Brugsch
aber müssen die Ägypter einen sehr hohen Gottesbegriff gehabt haben.
Die Texte, die er anführt, sind entscheidend. Wir kommen später auf
sie zurück. Daneben besaßen sie eine kosmogonische, schon Herodot
bekannte, männlich-weibliche Vierheit, von der ich schon in meinem
mehrmals genannten Buche gesprochen habe. Sodann eine Hauptgottheit
und eine Neunheit von Göttern, die den eigentlichen Gegenstand
der Verehrung bildeten: Râ (auch Tum, Ptah, Amun), Chon, Tafnut,
Qeb, Nut (auch Hathor), Osiris, Isis (auch Mut), Set, Nephthys,
Horus. Jede der Gottheiten wurde noch vielfach gespalten nach ihren
besonderen Verrichtungen oder Erscheinungen, wie die Gottheit Sonne
als Morgensonne, Mittagsonne, Abendsonne, Sommersonne, Wintersonne.
Umgekehrt übernahm fast jeder Gott auch die Verrichtungen und
Erscheinungen aller anderen Götter und vereinigte sie sogar in sich,
so daß er dann „Gott“ wurde. Aber eigenartig ist, daß die Neunheit
auch als eine Folge von vorhistorischen Königen Ägyptens aufgefaßt
wurde, also von Ahnen der Königsgeschlechter. Wie ja umgekehrt den
Königen Göttlichkeit zugeschrieben wurde, nicht bloß formell, sondern
mit entsprechenden Folgen. Freilich erzählten die ägyptischen Priester
Herodot, daß diese Götter-Könige nicht mit den Menschen zusammengelebt
hätten.
Was aber den Totenkult anbetrifft, so ist bekannt, wie minutiös
ausgebildet er in Ägypten gewesen ist und wie notwendig er für die
Fortdauer der Seele nach dem Tode erachtet wurde. Seelen konnten
zugrunde gehen, wenn ihnen die nötigen Kulte mangelten. Lippert führt
Beweise dafür an, daß noch nach mehr als dreitausend Jahren nach
ihrem Tode die ältesten ägyptischen Könige Seelenpfleger hatten.
Und solche Seelenpfleger schafften sich viele und erhielten viele
durch Stiftungen. So stiftete Ramses II. seinem Vater Seti einen
vollständigen königlichen Haushalt, „mit Äckern, Viehweiden, Geflügel,
Herden, Schiffen, Zinsen aller Art, mit Handwerksleuten, Knechten
und Mägden.“ Sich selbst stiftete er sogar eine Bibliothek in seinem
Grabtempel. Und jeder Sohn war verpflichtet, einen Teil der Habe auf
den Kult seiner Eltern zu verwenden. Der Tote brauchte im Jenseits
alles, was er im Leben nötig hatte. Ich kann mich nicht enthalten,
hier schon einen Text aus Brugschs genanntem Werke mitzuteilen. Der
Tote wendet sich an Osiris und andere Götter mit dem Gesuche „zu
gewähren: das Leuchten am Himmel, das Vermögen auf der Erde und das
Wahrwerden der Stimme in der Unterwelt, das Gehen und Kommen nach
meinem Hause, meine Abkühlung in seinem Schatten, meine Stillung des
Durstes mit Wasser aus meinem Teiche zu jeder Zeit, das Wohlergehen
aller meiner Gliedmaßen, das Geschenk des Niles und Hülle und Fülle
frischen Gemüses der Jahreszeit für mich, meinen Spaziergang am Rande
meines Teiches zu jeder Zeit, das nicht fehlende Ruheplätzchen für
meine Vogelseele auf dem Aste des Baumes, den ich gepflanzt habe,
meine Abkühlung im Schatten meiner Sykomoren, meine Nahrung von ihren
Früchten, meine Sprache, in welcher ich rede, gleich wie die Diener
des Horus, meinen Ausgang gen Himmel, meine Rückkehr nach der Erde --
ohne Hindernisse auf dem Wege, ohne Bereitung von Fallstricken für
meine Person, ohne Absperrung meiner Seele -- meine Anwesenheit in der
Schar der Gebenedeiten unter den Hochwürdigen, meine Betauung meines
Feldes in dem elyseischen Gefilde von Aru, mein Dasein im Friedefeld
und meine Erscheinung mit Opferkannen und Brotspenden vor dem Gotte
Onnophris.“ Völlig Leben und Freuden eines Grundherrn, statt der Seele
eines Toten! Die letztere macht sich bemerkbar in der „Vogelseele“ und
in der Furcht bei der Rückkehr auf die Erde, durch Hindernisse und
Fallstricke verloren zu gehen. Die Vogelseele gemahnt an Fetische. Sehr
charakteristisch ist ein schönes Zwiegespräch eines Menschen mit seiner
Seele, das wohl vor viertausend Jahren gehalten worden ist. Die Seele
mahnt zum Ausharren im Leben. Ganz nach dem Grundsatz des Herakles in
der Alkestis -- „dem Sterblichen geziemt es, sterblich nur gesinnt zu
sein“ -- sagt sie ihm nach manchen Ausführungen über Gestorbensein:
„Folge dem frohen Tag, vergiß die Sorgen.“ (Noch genauer ausgeführt ist
dieser epikureische Gedanke in dem etwa aus Ramses II. Zeit stammenden
sogenannten Harfnerlied S. 188). Der Mann aber zählt in einer Unzahl
von Strophen alle Trübsale des Lebens und alle Schlechtigkeiten der
Menschen auf und schließt mit den Worten (Greßmann, Altorientalische
Texte):
Der Tod steht heute vor mir ...
Wie ein Mensch sein Haus zu sehen wünscht,
Nachdem er viele Jahre in Gefangenschaft verlebt hat.
Wer dort ist, wird ja ein lebender Gott sein,
Der die Sünde straft an dem, der sie tut.
Wer dort ist, wird ja im Sonnenschiff stehen
Und das Auserlesenste daraus an die Tempel geben lassen.
Wer dort ist, wird ja ein Wissender sein, dem nicht gewehrt
worden ist
Und der zu Ra betet, wenn er spricht.
Die Seele ist nun überzeugt und sagt:
Dein Leib gelangt zur Erde.
Ich will mich niederlassen, nachdem du ruhst --
Laß uns zusammen eine Stätte haben.
Also bleibt die Seele und läßt sich an der Stätte des Toten nieder,
oder -- wie man wohl nach den Worten des Menschen schließen muß -- sie
ist immer bei dem Toten, wohin er geht.
Fetische sollen den Ägyptern, nach Lippert, sehr vertraut gewesen sein.
Auf einem Block, der späterhin als Mühlstein verwendet wurde, und
der eine Inschrift aus der Zeit von etwa 712 v. Chr. trägt, die sich
jedoch als Erneuerung einer alten Schrift, die „seine Majestät (König
Schabaka) als ein Werk der Vorfahren gefunden habe, von Würmern ganz
zerfressen“, gibt, und die nur noch teilweise lesbar ist, deren Inhalt
also jedenfalls sehr alt sein muß, heißt es: „Ptah war zufrieden,
nachdem er alle Dinge geschaffen hatte. Er hatte die Götter gebildet,
die Städte gemacht, die Gaue gegründet. Er hatte die Götter in ihre
Heiligtümer gesetzt, ihre Opferbrote gedeihen lassen, ihre Heiligtümer
gegründet, ihre Leiber ähnlich gemacht zu ihrer Zufriedenheit.
~Die Götter zogen ein in ihre Leiber aus allerlei Holz, kostbaren
Steinen, aus allerlei Metall und allen Dingen, die wachsen, woraus
sie entstanden waren.~ Er fügte zusammen alle Götter und ihre Seelen
im Ptah-Tempel, dem Besitze alles Lebens, in dem das Leben der beiden
Ägypten gemacht war.“ Das klingt stark fetischistisch, namentlich das
Unterstrichene läßt schwer andere Deutung zu. Gleichwohl glaube ich,
daß man doch zu weit geht, wenn man die Gestirne, und namentlich die
Herrscher unmittelbar als Fetische bezeichnet. Mögen auch die Herrscher
Söhne der Sonne oder Sitz eines Gottesgeistes gewesen sein, Fetische
im Sinne des Naturmenschen waren sie nicht. Als Götter bezeichnen sie
sich nach ihrem Ableben. Aber im Sinne der Ägypter können alle Toten
Götter sein, sie kehren in Gott zurück, wie wir später sehen werden.
Die Hofsprache muß von der Anschauung unterschieden werden. Unsere
Herrscher sind auch von Gottes Gnaden, und niemand hält sie für etwas
anderes als fehlende, im wesentlichsten machtlose Menschen, obwohl
manche vom Gottesgnadentum wirklich überzeugt sind. Tiere sind gewiß
Fetische gewesen, wie der berühmte Apis, wie Schlangen, Krokodile,
Katzen, Vögel, der Skarabäus usf. Sodann hat man auch Standbilder als
Aufenthaltsgegenstände von Seelen angesehen. Wie bei uns Heiligen-
und Marienbilder von Ort zu Ort und von Haus zu Haus geführt werden,
um ihre Wunderkraft zu spenden, sind schon im grauesten Altertum
Götterbilder durch weite Lande zu gleichem Zweck versandt worden.
Wir besitzen Berichte darüber, einen aus der Zeit Ramses II. über
die Versendung „Chons des Gebieters“ nach Bechten (Baktrien?), um
eine Prinzessin vom bösen Geist zu befreien, wie Griechen Palladien
raubten, Römer Götterstandbilder und Embleme entführten. Da aber in der
späteren Zeit den lebenden Seelen die Wahl des Aufenthaltes freistand,
mögen allerdings noch mehr Gegenstände als Fetische angesehen worden
sein, als wir nachweisen können. Belebung toter Dinge ist dem Ägypter
durchaus geläufig. Ein Text, den Brugsch aus dem 125. Kapitel des
Totenbuches, den der Tote ins Grab (in die Brusthöhle) bekam, läßt in
24 Versen Pfosten, Schwelle, Schloß, Schlüsselloch, Getäfel, Türflügel,
Friesstücke usf. des Totengerichtssaales den Toten nach ihren Namen
fragen. Er muß sie angeben, bevor er weiter kann. Und diese Namen
sind zum Teil ganz persönlich lebenbedeutend, wie die linken Pfosten
„Ausführer dessen, was wahr ist“, die Friesstücke „Schlangenbrut der
Göttin Ranut“, das Schlüsselloch „Lebensauge des Gottes Sebek“ heißen.
Kaum wird man hier Allegorien oder tiefsinnige Mystik sehen können. Und
wem fällt nicht das erste Wunder ein, das Mose vor Pharao vollbringt
und dessen Zauberer sofort nachahmen, die Verwandlung von Stäben in
Schlangen? Bei den Ägyptern hat sich der Seelen- und Ahnenglaube
(wenn letzterer vorhanden gewesen sein sollte) nie zu den Greueln
entwickelt, die wir anderweit so oft gefunden haben. Herodot sagt:
„Denn die kein Tier opfern dürfen außer Schweinen, Stieren und Kälbern,
nämlich die da rein sind, und Gänse -- wie werden die denn Menschen
opfern?“
Wir wenden uns zu den ~Hebräern~. Es ist bereits von Vielen
hervorgehoben worden, wie wenig dieses Volk, trotz seines so langen
Aufenthaltes unter den Ägyptern, von diesen an Anschauungen angenommen
habe. Der Gott, den Mose das Volk lehrte, war absolut verschieden
selbst von dem höchsten Gott Ägyptens, denn dieser gehörte so ganz zur
Materie, daß man den Ägyptern nicht mit Unrecht eine Art Pantheismus
zugeschrieben hat. Der Gott Mose steht aber ganz außerhalb der Materie.
Gleichwohl bezeugt es die Bibel selbst, daß den Hebräern vor dem Exil
dieser Gott nur selten genügte, daß sie sich Götzen schufen, auf Höhen
opferten und besondere Hausgötter (Theraphim) besaßen und verehrten.
Das ist so bekannt, daß ich darauf nicht einzugehen brauche. Eine
andere Frage aber ist, ob die Hebräer auch dem Seelen- und Ahnenglauben
und dem Fetischglauben huldigten. Lippert hat in Konsequenz seiner
Theorie das in vollem Umfange bejaht. Aber ich glaube doch, daß der
Einwand dagegen, über den er zu leicht hinweggeht, entscheidend
ist. In der Bibel wird nämlich so wenig von dem Leben nach dem Tode
gesprochen, daß oft und von vielen der Schluß gezogen worden ist, die
Hebräer hätten ein solches Leben überhaupt nicht gekannt. Ist auch
dieser Schluß übereilt, so bleibt doch die Tatsache bestehen: die
Bibel spricht nicht von dem Leben nach dem Tode, oder nur in ganz
dunklen Ausdrücken (S. 193). Daß die Verfasser und Redaktoren der
Bibel, um den ägyptischen Seelenkult auszumerzen, absichtlich alle
Hinweise darauf ferngehalten hätten, wie Lippert annimmt, kann nicht
zugegeben werden, denn sie hätten mehr Grund und Anlaß gehabt, den
Götzen- und Theraphimdienst zu übergehen, und das haben sie nicht
getan. Wie in der Antike, spricht die Bibel überall objektiv von
ihren Menschen, sie verhehlt nicht einmal bei ihren Lieblingen selbst
das Schlechteste in ihrem Beginnen. Einen Seelenglauben wird man
hiernach bei den Hebräern nicht annehmen können. Daß ein Ahnenglaube
nicht bestand, ist wohl am besten dadurch erwiesen, daß weder einer
der Patriarchen, noch der Führer -- und Abraham und Mose waren doch
gewiß verehrungswürdige Gestalten -- irgend einen Kult, auch nur den
allereinfachsten, geschweige göttlichen, empfingen. Es bleiben also
noch die Fetische. Diese verlieren eigentlich ohne Seelenglauben ihre
besondere Bedeutung. Sie werden kleine bequem im Hause aufzubewahrende
und auf Reisen mitzunehmende Götzenbilder gewesen sein, wie etwa
die Heiligenbilder, mit denen Ludwig XI. von Frankreich seinen Hut
gespickt hatte und zu denen er betete, indem er den Hut vor sich
hinstellte, wenn er eine seiner bekannten Unternehmungen beabsichtigte
oder ausführte. Mitunter handelte es sich auch um große Götzenbilder,
wie in Davids Hause und bei Micha. Will man dieses alles Fetische
nennen, so mag das sein. Aber ich glaube, daß das goldene Kalb und
die ehernen Schlangen die einzigen Tierfetische sind, die man als
solche bestimmt deuten kann. Die Stiftshütte mit ihren Einrichtungen
hält Lippert für eine Fetischbehausung mit zugehörigen Spenden. Als
was sie in der Bibel gedeutet werden, weiß jeder. Indessen überall,
wo wir Opfer finden, werden wir auf anthropomorphische Auffassungen
gestoßen. Daher die Propheten von diesem ganzen Dienst nichts wissen
wollten. Geisterbeschwörung, Zauberei und Wahrsagung kannten und übten
die Hebräer in reichem Maße. Man denke an die Beschwörung für den
tragischen König Saul. Man darf aber wohl wieder auf die Propheten und
Seher verweisen, um darzutun, daß hier im ganzen doch ein anderer Geist
herrschte als bei rohen Naturvölkern und selbst als bei den umgebenden
Kulturvölkern. Was noch aus den Weissagungen geschlossen wird, aus der
Beschneidung usf., kann aus einem Seelenglauben gerechtfertigt werden.
Dann aber bezieht sich -- wie doch nun einmal die Bibel zu dem Leben
nach dem Tode sich verhält -- dieser Glaube allein auf das Lebende
und hat mit dem eigentlichen naturmenschlichen Seelenglauben, wie er
geschildert ist und der gerade auf den Tod sich bezieht, nichts zu tun
und ist von ihm so weit verschieden, wie die Blutsbrüderschaft von dem
Totenopfer, obwohl beide Ansichten von der Seele betreffen.
Die ~Phönizier~ müssen noch in sehr später Zeit einen ziemlich
ausgedehnten Fetischglauben, neben ihrer Astral- und Naturreligion
gehabt haben. Berge werden als Baal genannt und verehrt, wie
Baal-Hermon, Baal-Libanon, und auch Bäume tragen diese Auszeichnung,
wie der Baal-Thamar, die Palme. Steine wurden als Beth-el, Heim
(Aufenthaltsort) der Gottheit (βαίτυλος) angesehen und empfingen, wo
Phönizier waren und hinkamen, Opfer. Heliogabal war, ehe er Kaiser
wurde, Priester eines schwarzen Steines zu Emesa, wahrscheinlich eines
Meteorsteines, da er vom Himmel gefallen sein sollte. Astarte wurde zu
Byblos als konischer Stein verehrt, eine hier abgebildete Münze aus der
Zeit des Kaisers Macrinus zeigt ihren Tempel mit Altar und diesem Stein
im Säulenhofe. Doch wurde sie freilich meist in menschlicher Figur
dargestellt. Wir wissen von den Anschauungen der Phönizier zu wenig,
wenn wir auch ihren blutigen und menschenmordenden Molochskult kennen.
Aus Inschriften in Gräbern und auf Sarkophagen muß man schließen, daß
die Phönizier sehr besorgt um Erhaltung ihrer sterblichen Reste waren.
Aber es finden sich auch Verwahrungen dagegen, daß die Toten Schätze
besäßen, König Eschmunazar sucht sich in dieser Weise gegen Grabräuber
zu schützen.
[Illustration]
Den ausgesprochenen Fetisch- und Seelenglauben der ~Araber~ habe
ich bereits in meinem genannten Buche geschildert. Wie es mit den
~Babyloniern~ und ~Assyriern~ in dieser Beziehung steht, läßt sich nur
vermuten. Ihre Religion, wesentlich eine Astralreligion, sollen sie
von dem so rätselhaften Volke der Sumerer überkommen haben; sie steht
in vieler Beziehung hoch genug. Daß aber bei ihnen Wahrsagekunst,
Traumdeuterei, Zauber- und Beschwörungswesen, Magie jeder Art,
Astrologie in höchster Blüte standen, weiß man sicher. Sie hatten
Geister und Dämonen in reicher Zahl, wie die sieben Hauptdämonen, von
denen es in einer Legende heißt (Greßmann, Altorientalische Texte):
Anstürmende Wetter, böse Götter sind sie,
Schonungslose Dämonen, die auf dem Himmelsdamm geboren wurden, sind
sie usf.
Der Himmelsdamm soll der Tierkreis sein. Vielleicht ist es aber der
Horizont, wohin es, wie überall, zur Unterwelt geht. Jene Dämonen
sind Sturm-, Finsternis- und Wettergeister, sie verschlingen auch
Sin, den Mond. Andere Dämonen in besonders großer Menge bringen Pest,
Not und alle Krankheiten. Ihre Darstellung ist tierisch und oft
grotesk-furchtbar; Drachen und Greife spielen eine Hauptrolle, aber
auch Hunde, Skorpionen, Schlangen, Panther, Wölfe usf. Soviel ich
jedoch sehen kann, findet sich keine Angabe, die auf eine Beziehung
zu Seelen Abgeschiedener deutete, wiewohl Hexen und Verhexungen sehr
bekannt und gefürchtet sind; schon das zweite Gesetz Hammurabis
behandelt Zauberer und solche, die der Zauberei bezichtigt werden.
Ein Gottesurteil, Werfen in den Strom, entscheidet. Ein Leben nach
dem Tode wird durchaus angenommen, und zwar wie bei Naturmenschen
mit den Bedürfnissen des Diesseits. Gilgames (Jzdubar), der Held des
gleichbenannten Epos, hat seinen Freund Eabani durch Tod verloren.
Er denkt nun voll Furcht auch an seinen Tod, und nachdem ihm sich
unsterblich zu machen oder wenigstens das Jenseits zu schauen
mißlungen, muß Nergal, der Totengott, auf Eas Befehl ein Loch in der
Erde öffnen, durch das Eabanis Geist emporsteigen kann. Gilgames
befragt ihn nun. Wir besitzen nur den Schluß, aber er entscheidet.
Eabani sagt:
Wer den Tod des Eisens starb -- sahst du einen solchen? -- Ich sah
ihn --
Auf dem Ruhebett liegt er und trinkt klares Wasser.
Wer in der Schlacht getötet ist -- sahst du (einen solchen)? -- Ich
sah (ihn) --
Sein Vater und seine Mutter halten sein Haupt und sein Weib (beugt
sich) über ihn.
Dessen Leichnam aufs Feld geworfen ist -- sahst du (einen solchen)?
-- Ich sah (ihn).
Sein Geist findet keine Ruhe in der Erde.
Dessen Geist keinen Pfleger hat -- sahst du (einen solchen)? -- Ich
sah (ihn) --
Im Topf Zurückgebliebenes, Bissen, die auf die Straße geworfen, ißt
er.
Das entspricht völlig uns schon bekannten Ansichten. In dem furchtbaren
Fluch, den Hammurabi auf denjenigen herabbeschwört, der seine
Gesetze mißachten sollte, findet sich auch: „Unten in der Unterwelt
möge er (Samas, „der große Richter Himmels und der Erde“) seinen
Totengeist nach Wasser schmachten lassen!“ Vielleicht ist dieses
Wasser das Wasser des Lebens, das die Richter der Unterwelt, die
Anunnaki, in Verwahrung hielten (S. 197). Daß die Geister auch einen
Kult hatten, sieht man aus den vier letzten Versen des angeführten
Textes. Daß die Götter Fetische waren, möchte ich nicht behaupten,
trotz solcher Ausdrücke wie im zweiten Gesetz Hammurabis: „Er (der
bezichtigte Zauberer) soll zum Stromgott gehen und in den Stromgott
eintauchen.“ Lippert aber ist naturgemäß dieser Ansicht und erklärt
den Gestirndienst für Fetischdienst. Es spricht einstweilen dagegen
der Mangel von Seelengeistern. Die Sitten, mögen sie zum Teil noch so
sehr „afrikanisch“ sein, haben damit nichts zu schaffen. Was es aber
mit dem auf assyrisch-babylonischen Denkmälern so oft wiederkehrenden
heiligen Baum naturmenschlich für eine Bewandtnis hat, kann ich
nicht sagen. In den Mythen ist der Baum hinreichend bekannt und als
Weltgegenstand auf der ganzen Erde verbreitet. Als das möchte ich den
assyrisch-babylonischen nicht ansehen, wegen der Anbetungen und Opfer,
die ihm sogar von Göttern und Genien dargebracht werden. Doch sei auf
das schöne Buch des Pfarrers Alfred Jeremias „Das Alte Testament im
Lichte des alten Orients“ verwiesen.
Sehen wir von dem eigentlichen Zoroastrismus der ~Eranier~ ab, der
einer anderen Betrachtung angehört, so wissen wir nicht viel von den
sonstigen Anschauungen dieser Völker, um mehr behaupten zu können,
als daß Seelen- und Fetischglauben bei ihnen wahrscheinlich bekannt
und gehegt worden ist. Reste finden wir in den Zarathustrischen
Lehrwerken. Als der Urstier starb, heißt es im Bundehesh: „Gosurun, das
ist die Seele des einzigerschaffenen Stieres, ging aus dem Leibe des
Stieres hervor und stand vor dem Stiere. So stark wie tausend Menschen,
wenn sie zugleich ihr Geschrei erheben, klagte Gosurun dem Ahura.“ Die
Klage bezieht sich auf durch Ganamino (Ahriman) in die Welt gebrachte
Übel. Von Ahura auf die Zukunft verwiesen, klagt die Stierseele weiter
dem Sternenkreis, dem Mondkreis, dem Sonnenkreis. Nun zeigt ihm Ahura
den Frohar des Zarathustra. Dieser ~Frohar~ ist aber allgemein die
Seele, die also präformiert besteht (von Ahura geschaffen, Kap. II) und
selbständig lebt. An einer anderen Stelle (Kap. VI) treten die „Frohars
der Krieger und Reinen“ beim Kampf Ahuras gegen Ahriman mit Keulen und
Lanzen in der Hand auf, also wie die Menschen selbst (S. 43). Und so
sind überhaupt anscheinend alle Frohars (Seelen) zuvor schon in Ahuras
Reich vorhanden, etwa wie Platons Ideen. Und selbst die Welt hat einen
solchen Frohar; lange bevor sie Welt wird, besteht sie schon im Himmel.
Und auch die höchsten Götter besitzen Frohars. Ahura sagt ausdrücklich
(Kap. XV): „Die Seele ist zuerst geschaffen und der Leib wurde hernach
für sie geschaffen, und sie wurde in den Leib gelegt“ (ähnlich Kap.
XVII). Die Seele wird auch das „Selbsttätige“ genannt.
Weiter wissen wir von wunderbaren Vögeln; wie Karsapt, der dem
Urmenschen und Paradiesherrscher Yima die mazdaijaçnische Lehre
von Ahura überbrachte, von Varaghna der demselben Yima, da er die
Unwahrheit gesagt hatte, die drei Gnaden entnahm, von dem auch aus
Märchen bekannten Simorg und vielen anderen. Manche von ihnen kämpfen
gegen die bösen Nachtgebilde, wie, ganz naturgemäß, der Hahn. Auch
sind Dämonen, Geister, Gespenster usf. in unendlicher Zahl bekannt,
gute (Yazatas) und böse (Dêvs), menschlich und tierisch geformte,
wie der furchtbare Dahâka, dem Yima erliegt, und der teuflische
Vernichter Aesna daeva, den man mit dem Asmodeus verglichen hat. Die
Vorbedingungen für Seelen- und Fetischkult sind hiernach allerdings
gegeben. Gleichwohl kann ich nicht ersehen, daß ein solcher Kult in
der historischen Zeit stattgefunden hat. Zwei Stellen finde ich in
Windischmanns „Zoroastrische Studien“, die unmittelbar auf Berg- und
Baumkult sich beziehen, und beide betreffen das unsterblichmachende
Haoma: „Anrufen will ich den Berg Hukairya, den ganz reinen,
goldenen, von welchem herabfließt Ardviçura Anâhita, tausend
Männer hoch besitzt sie Majestät wie alle Wasser, die auf der Erde
hervorfließen.“ Die Ardviçura Anâhita ist das Lebenswasser, in ihm
wächst der (weiße) Haoma-Baum Gaskerena (S. 175 f.). Und es heißt:
„Wir rufen Gaskerena, den starken, von Mazda geschaffenen, an.“ Selbst
dieses als Fetischismus anzusehen, möchte ich zaudern; es fehlt das
Charakteristische, da ja die Gegenstände nur vorgestellt sind, nicht
in Körperlichkeit angebetet werden. Außerdem sind es Lebensspender.
Auf das irdische Homa, das bei Opfern dienende gelbe Homa, bezieht
sich die Anbetung nicht. Lippert schreibt dem Fetischismus unter den
Eraniern eine viel größere Bedeutung zu und rechnet hierher auch
die Anbetung des Feuers. Der Zarathustrismus verleiht dem Feuer an
sich keine göttliche Bedeutung; die Erklärungen, die ich darüber im
Bundehesh aufgesucht habe (von den fünf und den drei Feuern) sind rein
physisch. Gleichwohl findet eine wirkliche Feuerverehrung bekanntlich
in so ausgedehntem Maße statt, daß sie vielfach als das Wesentliche
der „Religion der Magier“ angesehen wurde. Möglich, daß dabei auch
an einen Geist gedacht ist. Strabo erzählt, die Götter nähmen von
den Opfern nur die Seele, alles Körperliche werde von den Priestern
und Opfernden verzehrt. Aber dem Feuer wird Fett und Öl unmittelbar
gespendet, das eben das Feuer anfacht, wie wenn es einen von der Spende
sich ernährenden Geist enthielte. Auch dem Wasser wird geopfert, hier
aber nach Strabos Bericht in der Weise, daß alles ~neben~ dem Wasser
geschieht, dieses selbst nichts erhält, damit es nicht verunreinigt
werde. Etwas Bestimmtes läßt sich für die historische Zeit nicht
behaupten; diese ist zu spät, in Anbetracht der langen Vergangenheit,
die das Volk schon vor seinem Eintritt in die Geschichte gehabt hat.
In dieser Vergangenheit aber wird es wohl viel Naturmenschliches
gedacht und gewirkt haben.
Wir suchen das am besten bei den Indiern auf, deren Anschauungen sich
vielfach mit denen der Eranier decken, wie sie ja wahrscheinlich mit
diesen am längsten zusammengelebt haben. Seit den Auseinandersetzungen
Carus Sternes (Ernst Krause) neigt man von mehreren Seiten der Ansicht
zu, daß die Wiege der Arier in (Nord-)Europa gestanden hat, die
~Indier~ der am weitesten nach Osten verschlagene Stamm sind, und
demgemäß die urarischen Anschauungen nicht bei ihnen zu suchen sind,
sondern eher an ihrem westlichen Gegenpol. Es läßt sich gegenwärtig
nicht viel darüber sagen. Nur wäre es sehr merkwürdig, wenn in der
Heimat noch mehr als tausend Jahre tiefe Barbarei herrschte, da bei
den östlichst ausgewanderten Stämmen schon hohe eigene, nicht etwa
von Fremden angenommene, Kultur strahlte. Kein Volk hat eine so
merkwürdige Reihe von Religionsanschauungen entwickelt wie die Indier.
Alles ist in diesen Anschauungen vertreten, des Wilden Ansichten,
des Polytheisten, des Monotheisten und des höchstdenkenden, völlig
abstrakten Philosophen. Und das Übel ist, daß das meiste nebeneinander
hergeht, das Absurdeste mit dem Großartigsten sich nahe verträgt.
Gleichwohl müssen wir annehmen, daß das Naturmenschliche an sich allem
voraufgegangen ist und sich später neben dem Höheren noch erhalten
hat, mitunter auch in einer Kraft, daß es dieses Höhere völlig
überwallt. Als die Indier ihr jetziges Land von Iran aus erwarben
und in allmählichem Vordringen in Besitz nahmen, was wohl vor mehr
als viertausend Jahren geschah, fanden sie schon eine, nichtarische,
Bevölkerung vor, wir nennen sie Dravida, die noch gegenwärtig
wesentlich auf dem Standpunkte des Naturmenschen sich befindet. L.
~Feuth~ in seiner interessanten Sammlung „Aus dem Lande der Nibelungen“
schreibt den Dravida weite Verbreitung, bis nach Persien hin, und
bedeutende Kultur zu. Ich vermag ihm aber in seinen Argumenten nicht
zu folgen. Fetisch- und Seelenglaube waren vorherrschend, und böse und
gute Geister erfüllten das All und wohnten in allen Gegenständen,
namentlich in Tieren (Schlange), doch auch in Bäumen, Pfählen, Steinen.
Sollte die Seele eines Verstorbenen in einen Gegenstand einziehen,
so wurde dieser auf das Grab gesetzt und mit Öl bestrichen. Das
Priestertum war ein Schamanentum.
Die Indier haben manches von diesen Anschauungen und Kulten angenommen,
wenn sie es nicht schon selbst mitgebracht haben sollten. Die Schlange
(Nâgaa) spielt bei ihnen eine große Rolle, sogar als Gewitter- und
Sturmerregerin. Krischna sieht seines Bruders Râma Seele „als Schlange
aus seinem Munde hervorgehen und in das Meer gleiten, wo sie von den
Schlangengöttern mit großen Ehren empfangen wurde“. Das entspricht
völlig dem, was auf S. 45 gesagt ist. Und so wurde auch den Schlangen
ein erheblicher Kult gewidmet. Ein anderer Fetisch ist der „weiße
Elefant“, der mit dem Apis der Ägypter verglichen werden darf und
der als Regenmacher dient. Gubernatis hat über die Tiere in der
indogermanischen Mythologie ein umfangreiches Buch verfaßt, auf das
verwiesen werden muß. Die Deutungen auf Naturerscheinungen, wie Wolken,
Morgenröte, Blitz, Donner usf., lehnt Lippert ab. Für die Urzeit, wie
ich glaube, durchaus mit Recht; später haben die betreffenden Tiere in
der bilderreichen Sprache des Indiers allerdings zur Allegorisierung
der vergötterten Naturerscheinungen gedient. Auch die Ägypter nannten
trotz ihres Apis sehr viele Götter „Wildstier“. Und nicht selten ist
die allegorische Bedeutung völlig vergessen und tritt das Tier an
Stelle der Erscheinung, wie die Kuh für die Morgenröte, oder Kühe
für Wolken, das Roß in Vertretung Indras als Sonnen- und Wettergott
(auch Poseidon wandelt sich in ein Roß), wie ferner die Schlange
als Wolkenungetüm, das die Wasser zurückhält und von Indra mit dem
Donnerkeil erschlagen werden muß, bevor die Wasser befreit sind und
auf die Erde strömen können. Der weiße Elefant wird sogar gewürdigt,
sich in den Schoß der Prinzessin Maja zu begeben und von ihr als
Buddha geboren zu werden. Die Seelen bedürfen in der Unterwelt der
Nahrung. Sie empfangen sie aus den Opfern, den Geschenken, die sie im
Leben an die Priester der Unterweltsgottheit Yama gespendet haben.
Lippert erzählt, daß Fürsten Hunderte von Dörfern und ganze Länder an
Brahmanen vergeben hätten, um dadurch im Jenseits standesgemäß versorgt
zu sein. Überhaupt soll das „Gib, auf daß ich gebe“ ein Grundzug der
alten indischen Indrareligion sein; was dem entsprechen würde, was
von Naturmenschen zu erwarten ist (S. 39 f.). Indessen konnten doch
arme Leute sich dadurch den Unterhalt im Jenseits sichern, daß sie
sich auf Erden besondere Entbehrungen und Kasteiungen auferlegten.
In dem als Bhagavad-Gîtâ (Gottheit-Lied) bezeichneten Zwiegespräch
des Epos Mahâbharâta, das man schon mit der Ilias verglichen hat,
das aber gedanklich so viel höher steht als diese, als sie im ganzen
künstlerisch von ihm übertroffen wird, will der Pandu-Held Ardschuna
nicht gegen seine Verwandten, die Kuruiden, kämpfen. Er sagt zur
Begründung (Übersetzung von R. Boxberger):
Wie sollten wir, die Wissenden, nicht scheuen diese Freveltat,
Da auf Geschlechtesuntergang ein zahllos Heer von Übeln naht?
Stirbt ein Geschlecht, so höret alsbald auf der Manenopfer Pflicht,
Und ruhlos wird der ganze Stamm, wenn Ahnenkultus ihm gebricht ...
Dann gehen Stammesmörder samt dem ganzen Stamm zur Unterwelt,
Denn aus dem Himmel stürzt der Ahn, sobald das Manenopfer fehlt.
Der Ahn darf also nur so lange im Himmel bleiben, als er Opfer
empfängt, sobald dieses aufhört, muß er in die Unterwelt. Auch die
Gottheit Krischna (Wischnu), die eben mit Ardschuna das Zwiegespräch
hält und die so außerordentlich hohe Ideen vertritt, lehrt:
Zu Göttern geht, wer sie verehrt; zu Ahnen, wer diese ehret, ein;
Zu Larven, wer die Larven ehrt; zu mir, wer mich verehrt allein.
Und er stellt auch fest, daß der Mensch nach dem Tode mit dem
vereint wird, woran er im Sterben denkt. Völlig wildenmäßig mutet
es an, wenn in dem Atharvaveda zu dem Toten gesagt wird: „Kehre
nicht zurück auf den Götterpfaden, dort bleibe, wache bei den
Vätern“, und namentlich, wenn den Toten die Fessel angelegt wird:
„Die Kudifessel, die man den Toten anlegt, die Hemmerin der Füße“
(S. 42). Selbst der große Sanskritkenner Max Müller gibt das
Naturmenschliche in den Anschauungen der Indier zu, aber doch nur in
den allerursprünglichsten. Indem er jedoch den Gang dieser Anschauungen
an einem Gott, an Agni, dem Feuergott, darlegt, sagt er: „Sie werden
sehen, daß wir im Veda diesen Gott des Feuers beobachten können lange
bevor er überhaupt ein Gott ist, und auf der anderen Seite werden wir
seine weitere Entwicklung bis dahin zu verfolgen imstande sein, wo er
nicht bloß ein Gott des Feuers, sondern ein höchster Gott, ein Gott
über allen anderen Göttern, Schöpfer und Lenker der Welt ist.“ Dann
erzählt er, wie Agni in den Veden oft menschlich und tierisch aufgefaßt
wird. Dêva wird er zunächst, rein physikalisch, der „Glänzende“,
genannt, bis dieser Name höhere und höhere Bedeutung gewinnt und
Gottheit überhaupt bezeichnet. Dabei bleibt das Bewußtsein von der
eigentlichen Natur des Agni: „Du, o Agni, wirst geboren, zu erstrahlen
wünschend, du wirst geboren aus den Himmeln, du aus den Wassern, du
aus dem Steine, du aus dem Holze, du aus den Kräutern, du, o König
der Menschen, der reine“, heißt es in einem Lied des Rigveda. Daraus
aber ergibt sich, daß für Max Müller Agni auch in der ursprünglichsten
Auffassung nicht ein Fetisch im Sinne des Naturmenschen ist. Aus
solchen Rigvedaversen an Agni, wie: „Du bist dem Menschen immer Vater
und Mutter“, „Agni halte ich für meinen Vater, ich halte ihn für meinen
Verwandten, meinen Bruder und meinen beständigen Freund“, könnte Agni
als Ahn in Anspruch genommen werden, aber dem stehen unzählige andere
Verse unmittelbar entgegen. Alles was von Agni gesagt wird, er lecke
mit Zungen, er esse mit scharfen Kinnbacken, er zerkaue und strecke
nieder die Wälder, er tue den Bäumen Gewalt an, er mache die Pflanzen
zu seiner Speise, er schere das Haar der Erde, er springe aus dem
Holz hervor usf., klingt theromorph und anthropomorph, kann aber kaum
anders denn als sehr prägnante dichterische Ausdrucksweise angesehen
werden (s. jedoch S. 33 f.). Wenn es dann an einer anderen Stelle des
Rigveda heißt: „Agni, unser Priester, wird beim Opfer herumgeführt,
ein Roß seiend“, so könnte man freilich wie bei Swantewit an einen
Tierfetisch als Vertreter Agnis denken. Max Müller lehnt es aber ab
und hält auch dieses für bildliche Ausdrucksweise, und nach allem, was
sonst der Rigveda von Agni sagt, wohl mit Recht. Agni ist freilich kein
ursprünglicher Gott, der Urgott der Indier scheint Indra zu sein, der
später von seiner Höhe herabsank, immerhin aber stets Bedeutung hatte,
während er bei den Eraniern sich nur noch als Geist findet. Der gleiche
Forscher führt als weiteres Beispiel die Stürme (Marut) an, von denen
auch im Rigveda ganz persönlich gesprochen wird. Sie schütteln Himmel
und Erde, gleich dem Saum eines Gewandes, sie erscheinen glänzend auf
ihren Wagen mit Speeren, Dolchen, Ringen, Äxten und Peitschen, die
sie in der Luft klatschen lassen, sie schießen Pfeile und schleudern
Steine, sie haben goldene Kopfbinden rings um den Kopf, sie werden auch
als Musikanten Sänger, Pfeifer und Tänzer, mitunter auch als Vögel und
als wilde Eber mit Hauern dargestellt. Man kann nicht irdischer und
dramatischer sprechen, und weniger fetischmäßig. Wie es sich mit dem
Soma als Gottheit, als Opfer und als berauschendes Getränk verhält, ist
nicht ganz klar, so wenig wie bei dem entsprechenden Haoma der Eranier.
Ursprünglich als höchst bedeutungsvoll, ja Unsterblichkeit verleihend,
dargestellt, gepriesen und empfohlen, wurde es später verpönt und
verboten, wahrscheinlich infolge zu großer Anwendung als berauschendes
Getränk. Einen Fetisch werden wir in der betreffenden Pflanze, die also
von Soma bewohnt gewesen sein sollte, kaum sehen können.
Nach allem möchte ich glauben, daß zwar die Indier des Rigveda und der
folgenden Zeiten die Seele und ihr Leben naturmenschlich aufgefaßt
haben. Dafür spricht schon die angenommene Seelenwanderung, von der
später die Rede sein wird. Daß sie selbst Götter naturmenschlich als
mit menschlichen Bedürfnissen und Schwächen behaftet sich dachten. Daß
aber der Fetischglaube sich nur in vereinzelten Erscheinungen, die für
das Ganze bedeutungslos waren, geltend machte, selbst wo Tiere wie
Stier, Schlange, Elefant und der berühmte Affe Hanumann in Betracht
kommen. Im einfachen Volk und bei Einzelnen wird natürlich, wie ja
auch bei den höchsten Kulturnationen, sehr viel Fetischismus vorhanden
gewesen sein. Aber die Religionsanschauungen der Indier nehmen eine so
merkwürdige Richtung, einerseits in das rein Abstrakte, andererseits
in das rein Ethisch-Anthropopathische, daß so niedrige Ansichten
wie die des Fetischismus nicht in ihnen als Wesentliches existiert
haben können, trotz aller heiligen Tiere und verehrten Erscheinungen.
Der Fetischismus stellt sich sonst überall mit einer gewissen
Selbstverständlichkeit dar -- er ist ja dem Naturmenschen in der Tat
selbstverständlich --, die gegenständliche Ausdrucksweise der Indier
ist aber meist so dunkel und verstiegen, daß wir uns zu Allegorien
und Symbolen retten müssen, wenn wir nicht reinen Unsinn und absurdes
Geschwätz bei einem doch so tief veranlagten, so hoch denkenden und so
dichterisch empfindenden Volke annehmen wollen. Höchstens furchtbaren
Dämonenglauben und ins äußerste gegen sich und gegen die Mitmenschen
getriebene Konsequenz gewisser Götter- und Kultlehren müssen wir bei
einzelnen Sekten zugestehen, und Leichtgläubigkeit gegenüber von
Behauptungen anerkannter und nicht anerkannter Priester und Zauberer,
und endlich einen verblüffenden, spitzfindigen, kleinlichen, das ganze
Leben wie ein eisernes Gespinst durchziehenden Formalismus gegen die
höheren Mächte, von denen selbst der so freie Buddha das Volk nicht
hat lösen können. Solche Ausdrücke wie in dem Rigveda: „Indra hilft
dem, der reichlich schenkt und opfert; eine heilige Handlung hat keine
Wirkung, wenn die entsprechende Dakschina nicht gereicht wird“, und
„Indra wendet sich ab von Dürftigkeit und Hunger“, dazu Verwünschungen
von Werkfeindlichen und Nichtopfernden, sind freilich schlimm. Dieselbe
Ansicht findet sich sogar in der Bhagavad-Gîtâ. Krischna sagt daselbst:
Als einst der Herr die Welt erschuf, setzt’ er den Opferdienst auch
ein,
Durch diesen pflanzt euch fort, er soll des Vaterfluches Ruh euch
sein.
Durch ihn ernährt die Götter all, daß sie erhalten diese Welt;
Nur so gelanget ihr zum Heil, wenn eins das andere erhält.
Erwünschtes Gut gewähren sie, wer ihnen Opferdienst gewährt;
Ein Dieb ist, wer, den Göttern nichts entgeltend, ihr Geschenk
verzehrt.
Wer von des Opfers Überrest sich nährt, wird frei von Sündenqual,
Doch ihr verfällt, der nur für sich bereitet hat das Festesmahl ...
Dabei steht die Bhagavad-Gîtâ im bewußten Gegensatz zu den „heiligen
Schriften“, also wohl den Veden und ihren Opferkommentaren. Noch
schlimmer sind die Witwenverbrennungen und gar die tückischen
Menschenopfer an die Zerstörungsgöttin Kali. Auch zeigen sich
die bildlichen Darstellungen der Gottheiten meist aufs höchste
abenteuerlich-grotesk und nicht selten rein götzenhaft. Wir haben aber
bei den Indiern in Anschauung, Literatur und Kunst eine wunderliche
Mischung von Edelstem und Rohestem, Schönstem und Abstoßendstem, wie
kaum bei einem anderen Volke. Das erschwert die richtige Einschätzung
außerordentlich. Denn wer hört und liest, daß Götterbilder gebadet
werden sollen, daß Götterbilder mit Leben begabt und des Lebens beraubt
werden, wird gewiß geneigt sein, in diesen Götterbildern Fetische zu
sehen. Wer aber an die unglaublichen geistigen Leistungen des Volkes
denkt, wird jenes auf gleiche Stufe stellen mit dem entsprechenden bei
der Athene, bei unseren Marien- und Heiligenbildern und bei unseren
Kirchen, wo ebenfalls Weihung und Entweihung stattfindet, und es mit
dem Bedürfnis so vieler Menschen erklären: woran sie sich wenden,
gegenständlich vor sich zu haben, und dieses dann mit Verehrung zu
behandeln; und der Verehrung zu entkleiden, sobald es profanem Zwecke
übergeben wird oder übergeben werden muß.
Man hat die ältere Indierreligion, die sich an die Namen Indra, Rudra,
Yama, Agni, Varuna, Mitra u. a. anschließt, als die ~Vedareligion~
bezeichnet, die jüngere, um die Trimurti: Brahma, Wischnu, Çiva, mit
den zugehörigen Frauengestalten, sich bewegende, als ~Hindureligion~.
Brahma gehört beiden Religionen. Für die jüngere Linie gilt
hinsichtlich unseres Themas nichts anderes als für die ältere. Die
Gottheiten sind nur konzentrierter und machtvoller und darum -- bis
auf Brahma, von dem als von einem Abstraktum nachher zu sprechen ist
-- um so furchtbarer; Çiva gehört zu den grauenvollsten Schöpfungen
der menschlichen Phantasie. Die dritte und vierte, mit dem Hinduismus
parallele Religionsanschauung: der höhere ~Brahmaismus~ und der
~Buddhismus~ gehen schon über eigentliche ~Religions~anschauungen
hinaus und führen in die philosophische Theosophie und das ethische
Menschentum. Wir werden ihre Hauptlehren aber gleichwohl noch,
wenigstens teilweise, mit in diesem Buche behandeln.
Die ~Chinesen~ machen uns die Arbeit leicht, ihre konfuzianischen
Anschauungen, die der Staatsreligion angehören, sind so völlig
auf Seelen- und Ahnenglaube begründet, wie kaum selbst bei einem
Naturvolke. Wie die ganze Welt durch das Zusammenwirken von Yang
(Wärme, Licht, Männlichkeit) und Yin (Kälte, Finsternis, Weiblichkeit)
entstanden ist, besteht auch die Seele aus zwei Teilen: einem guten
Teil, Schen, und einem bösen, Kwei. Nach dem Tode gibt jener Teil
die guten, dieser die bösen Geister. Der Tote bedarf der Wartung und
stetiger Gaben. Letztere werden ihm jetzt meist in Attrappen aus Papier
gereicht, das gilt namentlich von Geld, Menschen und Tieren. Im Hause
sind auf einem Tisch Seelentafeln aufgestellt, die Namen und Rang der
Ahnen enthalten, vor ihnen Opfer an Speisen und Trank. Seelentafeln
besitzen auch die Tempel und Altäre der Götter, Kaiser, Heiligen,
großen Männer und der Naturgegenstände (Flüsse, Berge, Sterne, Sonne,
Mond, Himmel usf.), welche verehrt werden. Es wird angenommen, daß
die Seelen sich zeitweilig in diese Tafeln (oder auch Bilder) begeben
und von den Opfern genießen. Selbst die höchstverehrten Gegenstände,
Himmel und Erde, werden als Seelen verehrt. Der Kaiser, „der Sohn des
Himmels“, ist die Seele des Himmels auf Erden. So durchdringt der
Seelenglaube und Seelenkult die ganze Staats- und Volksreligion, und
wie das Volk allen möglichen Seelen opfert, so geschieht es auch vom
Staat, vom Kaiser und den Mandarinen an bestimmten Tagen, einzeln
und kollektiv. Seelen, welche sich bewähren, indem sie die Wünsche
erfüllen, erhalten die ausschweifendste Verehrung; ihnen werden
Kapellen und Tempel errichtet, das Volk strömt in Massen mit Geschenken
aller Art herbei. Bleibt die Erfüllung der Wünsche aus, so geraten die
Seelen in Verruf und werden verlassen. Priester und Priesterinnen sind
imstande Seelen in sich aufzunehmen und von Ort zu Ort zur Anbetung
zu transportieren, sie sind lebende und wandelnde Fetische. Indessen
scheint es, als ob gegen das Verfahren des Wilden der umgekehrte Weg
eingeschlagen ist. Dieser entnimmt die Seele dem Menschen oder Tiere
und versetzt sie in die Gegenstände. Die Chinesen dagegen glauben, daß
die Seele der Lebewesen aus der Seele von Gegenständen, nämlich aus
der des Himmels (als Schen) und der der Erde (als Kwei) stammt. So
werden auch folgerichtig Krankheiten daraus abgeleitet, daß Schen den
Körper ganz oder zum Teil verläßt, und besteht die Kunst des Arztes
nicht darin, einen bösen Geist aus dem Körper zu bannen, sondern den
guten in den Körper zurückzuführen. Es ist also nicht richtig, wenn
die Anschauungen der Chinesen denen der Naturvölker gleichgesetzt
werden, vielmehr gehören sie eigentlich dem Pandeismus statt dem
Pananimismus, an, und zwar einem dualistischen. Das Naturmenschliche
tritt in der Verselbständigung der Seelen hervor und in den materiellen
Eigenschaften, die den Seelen zugeschrieben werden. Deshalb freilich
unterscheiden sich selbst die höchsten Seelen, die von Himmel (Tien)
und Erde (Ki) und die der Kaiser nur graduell von den naturmenschlichen
Seelen, und können allerdings sie und alle beseelt gedachten
Gegenstände als Fetische bezeichnet werden. Die ganze Natur besteht aus
solchen Fetischen. Der Gang der Natur, das Tao, das durch den Planeten
Jupiter (Tai-sui) geregelt wird, bestimmt den Gang des Menschen; der
Mensch hat sich genau diesem Gang anzuschließen, und wo er ihn nicht
ohne weiteres erkennt, durch Orakel ihn zu ermitteln. Kombinationen
ganzer und gebrochener Linien, die schon von dem 2300 v. Chr. gelebt
haben sollendem Fohi herrühren, und denen, indem sie für Gottheiten,
wie Himmel, Erde, Gewässer, Berge, Wind, Donner usf. stehen, dieser
Gottheiten Seele innewohnt, dienen dazu; und die Enträtselung
geschieht durch Priester. Die hierher zu rechnenden Lehren, die das
ganze Leben und alle Handlungen des Chinesen, vom Niedrigsten zum
Höchsten, regeln, hat Konfuzius im Yih-King gesammelt. Es war dem
Menschen die Möglichkeit geboten, ganz in die Natur aufzugehen, ein
Tschen-sjen zu werden und so mit der Welt einig zu leben. Indessen
bestand ein Mittel, zum Ziele zu gelangen, doch auch darin, möglichst
viele Schen in sich zu vereinigen; und das geschah ganz naturmenschlich
durch Verschlucken von möglichst vielen Gegenständen, die man beseelt
glaubte. Eine ganz andere Auffassung des Taoismus behandeln wir später
(S. 143, 220).
Der ~Buddhismus~, der als Foismus in China so weite Verbreitung
gefunden hat, mußte sich solchen Volksansichten fügen und hat sich
dem Seelenkultus angeschlossen, freilich auf eine ihm eigene, mehr
geistige Weise, indem der Kultus durch Vorlesen seiner heiligen Bücher
und Anrufen von Buddhas Namen geschieht. Doch kommt zur Abwendung
von Unheil auch das Hersagen von Zaubersprüchen und das Opfern von
Gegenständen in Frage, was ganz den Sinn der Geisterversöhnung hat.
Gleiche Mittel dienen bei den Seelenmessen, die Seelen zu befreien, sie
in den Zustand der buddhistischen Seligkeit zu versetzen. Wie aber hier
die indische Tüftelei hineinspielt, zeigt sich an der Bedeutung des
Gedankens. Es genügt oft schon, wenn ein Heiliger sich ganz in Wünsche
für den Toten versenkt, um diesem die Seligkeit zu verschaffen. Wie
auch in gleicher Weise ein Mensch sich selbst in den Heiligenzustand
aller Grade versetzen kann, bis zum höchsten des Buddha, wenn er den
Ordnungen des Hinayana und des Mahayana, die bekanntlich auch so vieles
Edle und Ideale in sich vereinigen, nachstrebt. Der Buddhismus hat in
Tibet und einem Teil der Mongolei als ~Lamaismus~ eine beherrschende
Machtstellung gewonnen. Aber das Volk ist dabei leer ausgegangen. Es
hat früher einem vollständigen Seelen- und Fetischglauben gehuldigt,
war ganz dem ~Schamanentum~ ergeben, und jetzt sind Menschen seine
Götter, die Lama, welche als inkarnierte buddhistische Intelligenzen
angesehen werden; die beiden Höchstgestellten, der Dalai Lama und der
Tasi Lama, als inkarnierte Boddhisattwen (historisch und geistig), die
Unzahl der anderen als inkarnierte buddhistische Heilige vergangener
Zeiten. Die Inkarnationen sind eine indische Erfindung; Wischnu zählt
deren, Awatare, eine erhebliche Zahl. Der verkommene Buddhismus hat
sich ihrer bemächtigt, um Menschenfetische aus einem der größten und
edelsten Männer aller Länder und Zeiten zu schaffen. Neben den hohen
Lehren des Meisters, die sich ja nicht verlieren können, wuchert
greulichster Aberglaube und einfältigster Heiligenkult.
Von den Anschauungen der ~Japaner~ habe ich schon bei anderer
Gelegenheit gesprochen. Ihre primitive Religion aber, mit
einigen Änderungen jetzige Staatsreligion, ist der ~Shintoismus~
(chinesisch: Pfad der Götter, japanisch: Kami no Michi). Beseelung
alles möglichen spielt wie in China eine Hauptrolle. Dazu die
Vergöttlichung und der Kult von Herrschern und anderen Menschen
(für Kriegskunst, Schreibkunst, Sittenlehre usf.) und die Verehrung
von Tieren, wie Fuchs, Hirsch, Schildkröte Schlange, wesentlich
wegen ihrer schädlichen Eigenschaften, sowie von gewissen Bäumen
(Sakaki und Hinoki). Die Sanktuarien der Shintotempel enthalten als
„Stellvertreter des erlauchten Geistes“, Mitamaschiro (auch Shintai),
irgendeinen Gegenstand, einen Metallspiegel (in einem Spiegel hat
die Sonnengottheit Amaterasu ihr Antlitz bewundert), ein Schwert u.
a., die in Beutel oder Truhen verschlossen sind und als Fetische
angesprochen werden könnten. Ähnliche Götterembleme in Schreinen haben
auch die einzelnen Familien in ihrer Behausung auf einem „Göttersims“,
neben Krügen oder Flaschen mit Maiswein und Vasen mit Zweigen der
heiligen Bäume oder mit Blumen. Auch Familienahnendienst besteht in
ausgedehntem Maße, und mitunter ebenfalls im Hause selbst, wo auf dem
„Sims der erlauchten Seelen“ Seelentäfelchen stehen. Die Toten bekommen
Gebrauchsgegenstände mit. Weiter an naturmenschliche Anschauungen
erinnert die Furcht des Shintoisten, sich rituell zu verunreinigen.
Blut, Tod und Geburt verunreinigen am meisten und nachhaltigsten, und
wie der Neger die gebärende Frau absperrt, tut es auch der Shintoist.
Auch Atem verunreinigt. Kein Verunreinigter darf einen Tempel besuchen.
Und die Priester mußten mit vorgehaltenen Masken opfern, ganz wie Saxo
Grammaticus von den Priestern des Swantewit erzählt, die im Tempel des
Gottes nicht atmen durften, sondern zum Atmen jedesmal hinausgehen
mußten. Lippert meint, da im Atem die Seele sei, solle eine Beleidigung
der Gottheit, durch aufdringliche Vermischung der Menschenseele mit
ihrer Seele, verhindert werden. Bei allem ist die vielfach sehr schöne
Mythologie bemerkenswert, die sich auf Naturgottheiten bezieht.
Der Shintoismus hat sich später mit dem Buddhismus vereinigt; die
Gottheiten, Kami, wurden mit den Buddhas, ~Hotoke~, gleichgesetzt,
sie sollen die Satzungen Buddhas bewahrt haben. Karl Florenz („Die
Religionen der Japaner“, in dem B. G. Teubnerschen Sammelbuche „Die
Orientalischen Religionen“), dem ich in obigem zum Teil gefolgt bin,
sagt: „Die Shintogottheiten werden angerufen in Verbindung mit allem
Günstigen, Freudigen, Glückverheißenden; Buddha aber in Verbindung mit
den Kümmernissen des Lebens und beim Tode“. Das letztere entspricht ja
völlig dem Charakter der Buddhalehre, wie das erstere dem Charakter
des Shinto (eigentlich des Volkes) angemessen sein wird. Der reine
Buddhismus soll in Japan eine höhere Stufe einnehmen als in China oder
Tibet und sich mehr den Lehren des Meisters anschließen. Gleichwohl
wird das Pantheon des japanischen Buddhismus als das riesenhafteste
der Welt bezeichnet, wie Japan als das tempelreichste. Doch gehört die
weitere Schilderung nicht mehr hierher.
Indem wir nun noch ganz über den Stillen Ozean wandern, gelangen wir zu
den ~amerikanischen Kulturvölkern~. In Amerika überhaupt scheint der
Sonnenkult besonders verbreitet zu sein; seine größte Ausbildung hat er
jedoch eben unter den Kulturvölkern dieses Erdteils erfahren. Bei den
~Mexikanern~, wo der Sonnengott zugleich Kriegsgott (Huitzilopochtli)
war, nahm dieser Kult die grauseste Form durch die Massenmenschenopfer
an, die mit Kannibalismus verbunden waren. Blut mußten die Menschen
den Gottheiten bei jeder Gelegenheit als Gabe bringen; war es nicht
das eines Opfers, so war es das eigene Blut durch Schlitze in der
Brust, den Ohren, der Zunge, den Lippen. Im Blut wohnt die Seele, wie
wir wissen. Die ~Mayavölker~ übten ähnliche Gebräuche, wenn auch nicht
entfernt in der rücksichtslosen Furchtbarkeit wie die Mexikaner. Und
bei den ~Peruanern~ hat der Sonnenkult schon einen bedeutenden Adel
erreicht, der nur selten von Menschenopfern unterbrochen wurde. Die
Inka waren Sonnensöhne und vertraten die Sonnengottheit auf Erden.
Vertreter der Gottheit waren auch die Herrscher Mexikos; sie legten
einen Eid ab, bewirken zu wollen, „daß die Sonne ihren Lauf gehe,
daß die Wolken regnen, die Flüsse fließen und die Früchte reifen.“
Wir kennen ähnliche Verpflichtungen der Herrscher auch bei anderen
Völkern, und ein König der Norweger hat sich selbst zum Opfer bringen
müssen, als es unter seiner Herrschaft nicht gelang, die Götter dem
Volke günstig zu stimmen und eine Hungersnot abzuwenden. In Mexiko
wie in Peru erhielten die Herrscher schon bei Lebzeiten Gottesdienst
und Opfer, die nach ihrem Tode fortgesetzt wurden. Menschliche
Schutzgeister fanden sich überall. Zum Teil waren es die Geopferten
selbst, die man dann schon bei Lebzeiten vor ihrer Opferung mit
göttlichen Ehren behandelte und mit allen Gaben beschenkte, um sie sich
günstig zu stimmen. Andere Geister gewann man durch Vermauern oder
Vergraben von Menschen, namentlich von Kindern. Sonnensäulen und Huacas
-- ein Wort, das auch Geister bedeuten soll -- sind Mäler solcher
Schutzgeister, oder auch Steine, die sich an den Orten befinden. Viel
verbreitet in Mexiko war auch die Sitte, Götter selbst zu essen. „Am
dritten Jahresfeste des Huitzilopochtli verfertigen die Priester ein
Bild des Gottes, zusammengebacken aus allerlei Sämereien mit dem
Blute der geopferten Kinder. Nach diesem Bilde schoß ein Priester
einen Pfeil und durchschoß den Gott. Dann nahm ein Priester an ihm
die Handlungen vor wie an einem Menschenopfer. Er öffnete die Brust,
brachte ein Herz hervor und reichte es dem Könige, der es aß. Den
Leib des Bildes aber verteilte er so an die Quartiere der Stadt, daß
jeder Einwohner ein Teilchen davon erhalten konnte. Dieses nannte man
Teocualo, der Gott, den man ißt.“ So erzählt Lippert. Die Handlung läßt
verschiedene Deutung zu; die einfachste und naheliegendste scheint mir
doch die zu sein, daß das Bild den Gott darstellte und jeder, aus einer
Opferhandlung an ihm, einen Teil von ihm in sich aufnehmen wollte.
Nach dem Genannten wären die Tempel hier, in Peru, und übrigens auch
anderweitig, lediglich Begräbnisstätten für einen vergötterten Ahnen.
Zu all diesem Naturmenschlichen kommen nun noch die Tierfetische,
die Totems. In Mexiko gelten als solche Kolibri, Reiher, Adler,
Schlange, Bär usf. Und die Götterbilder erhielten sie als Symbole,
wie aus nebenstehender Darstellung einer Gottheit zu ersehen ist. Im
Haupttempel wurde sogar eine lebende Klapperschlange gehalten und
verehrt. In Peru kommt der Kondor hinzu. Wir besitzen durch John L.
Stephens (Reisen in Zentralamerika, Reisen in Yucatan) eine große Zahl
von Darstellungen mittelamerikanischer Gottheiten und Kulthandlungen.
Auf dem seltsamen Kreuz zwischen den beiden anbetenden Figuren im
Tempel zu Palenque steht ein Hahn oder ein Reiher, die Arme des Kreuzes
enden wohl in stilisierten Schlangen. Tiere, Alligatoren, Vögel, Affen,
kommen auf den Bildwerken Mittelamerikas oft vor, nicht selten auch
Menschen mit eigenartigen Tierköpfen.
[Illustration]
Ich schließe damit die wohl etwas ermüdende Aufzählung. Das
Naturmenschliche ist für eine Betrachtung der Welt- und
Lebenanschauungen von außerordentlicher Bedeutung, weil es das
Allgemeinmenschliche darstellt. Es verleugnet sich zu keiner Zeit und
bei keinem Volke, selbst nicht bei uns, von denen nicht besonders
gesprochen zu werden brauchte. Und wo es nicht offen zutage tritt,
weil mehr Erfahrungen und bessere Einsichten zu anderen Anschauungen
geführt haben, da wirkt es versteckt durchaus noch mit und lenkt
die Ansichten weit mehr, als stolze Kultur zugestehen mag. Es ist
materiell verfeinert und ethisch gehoben worden, aber im Wesen findet
es sich nicht sehr verändert. Und eigentlich sind es nur der absolute
Materialismus und absolute Energismus, die aber, wie sich später zeigen
wird, zu absolutem Zwangssystem führen, sowie der Spinozismus, die das
Naturmenschliche äußerlich ganz abgestreift haben. Demnach werden wir
auch in der Folge noch oft an die bisherigen Darlegungen zu erinnern
haben.