12. ~Zauberwesen.~

Nun können noch Seelen frei in der Luft leben oder in Bergen, Höhlen,

Wäldern, Gewässern, Wolken usf. Diese geben das Heer der ~Geister~,

~Gespenster~, ~Dämonen~, von denen es um den Naturmenschen wimmelt.

Nichts Unangenehmes kann vorgehen, daran nicht irgendein Geist schuld

ist. Deshalb ist dem Naturmenschen der Zauberer so unentbehrlich,

der es versteht, die Dämonen auszutreiben und zu bannen und sie auch

gegen die Feinde auszusenden. Manaia, so erzählt Grey in seiner

Polynesian Mythology, hatte die Schwester des Ngatoro-i-Rangi zur

Frau. Diese kochte ihm eines Tages schlechtes Essen. Da verfluchte er

ihren Bruder und entsandte so böse Geister gegen ihn und sein Volk.

Die Frau schickte sofort ihre Tochter aus, den Bruder zu warnen. Das

Mädchen kam hin und erzählte den Vorfall; darauf grub Ngatoro-i-Rangi,

nachdem er und seine Angehörigen sich durch Untertauchen in Wasser

gereinigt hatten, mit diesen eine Grube, und unter Beschwörungen

schaufelte er die gegen ihn ausgesandten bösen Geister in diese Grube

hinein, überschüttete sie mit Erde, stampfte diese fest und spannte

darüber beschwörte Gewänder und zuletzt ein Geflecht. So hatte er die

Dämonen vernichtet. Später zieht er mit seinen Leuten gegen Manaia

und gebraucht eine Kriegslist. Sie schlagen sich alle die Nasen wund

und legen sich für tot, die Waffen verborgen, auf die Erde. Priester

Manaias kommen und finden sie und meinen nicht anders, als ihre Geister

hätten sie getötet und hergebracht. Auf ihren Ruf strömt das Volk

hinzu. Aber während sie noch über die Verteilung der vermeintlich

Toten streiten, springen diese auf, fallen über sie her und erschlagen

alle. Dann -- fressen sie sie auf. Noch eigenartiger ist eine zweite

Erzählung Greys, gleichfalls aus Neuseeland. Zwei Zauberer, Purata und

Tautohito, besaßen in einer Festung einen holzgeschnitzten Kopf, der

auf Beschwörung Geister über Geister aussandte, die alles, was sich

der Festung nahte, töteten, so daß niemand mehr wagte, in die Gegend

zu kommen, die einem Leichenfelde glich. Da beschließt ein gewaltiger

Zauberer, Hakawau, hinzugehen und jenen Zauber zu vernichten. Zuerst

beruft er seine Geister und läßt sich von ihnen im Schlafe sein

Schicksal zeigen. Dieses ist günstig, denn er träumt, sein Haupt

berühre den Himmel und seine Füße ständen fest auf der Erde. Nun

macht er sich auf. Und wie er der Festung sich naht, schickt er mit

Beschwörung seinerseits Geister wider die feindseligen Geister. Es

entsteht eine förmliche Schlacht zwischen den zwei Geisterscharen. Die

Zauberer in der Festung schreien lauter und lauter auf den hölzernen

Kopf ein, der mehr und mehr Geister entsendet. Hakawau aber ist

kräftiger, und so siegt sein Geisterheer und erschlägt das feindliche.

Zuletzt dringt er in die Festung ein, indem er über den Zaun klettert,

und vernichtet den tödlichen Zauber vollends.

Anrufungen, Beschwörungen und Kulte der Geister und Dämonen wechseln

ständig miteinander, und so ist der Naturmensch auch der ständige

Sklave dieses Glaubens und lebt namentlich in der Nacht in jeglicher

Furcht vor den Schöpfungen seiner eigenen Phantasie, richtiger seiner

konsequenten, aber von falschen Voraussetzungen ausgehenden Schlüsse.

In geringerer Fülle, aber immer ja noch reichlich genug, ist der

Geisterglaube auch bei den Kulturnationen vorhanden. Und zuzeiten nimmt

er gar gewaltig überhand.

Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,

Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll.

Wenn auch ein Tag uns klar vernünftig lacht,

In Traumgespinst verwickelt uns die Nacht.

Wir kehren froh von junger Flur zurück,

Ein Vogel krächzt; was krächzt er? Mißgeschick.

Von Aberglauben, früh und spät umgarnt --

Es eignet sich, es zeigt sich an, es warnt --

Und so verschüchtert stehen wir allein

sagt Faust, bevor die Sorge ihn erblinden läßt, wohl mit Rücksicht

auf den gerade blühenden Weinsberger Geisterspuk des so bedeutenden

Dichters Justinus Kerner. Und was tut der Spiritismus gegenwärtig

anderes als eine Geisterwelt errichten, und auf demselben Stamme wie

die Naturvölker, nur, bei den ernsten Anhängern, in edlerer und

gedankenreicherer Form. Aber der Vampyrglaube der slawischen Völker

ist grauenvoll genug, daß er uns selbst in der Oper von Marschner noch

erschreckt. Und ähnliche Gespenster- und Dämonengestalten, wo sind sie

nicht zu finden? Tote geben überall Anlaß zu Furcht und Wahngebilden,

nicht minder tut es das Spiel der Natur an abgelegenem Ort oder zu

mitternächtlicher Stunde. Wir verdanken diesen Gebilden so herrliche

Dichtungen wie Bürgers „Leonore“ und unzählige Volksballaden. Das sind

„~Überlebsel~“ aus grauer Vorzeit, sagt man. Und in der Tat schwindet

bei uns im Volke der Geister- und Gespensterglaube mehr und mehr,

wogegen er freilich in der Gesellschaft und in einer ganzen Schule

von Psychologen in gleicher oder anderer Form stark anschwillt, trotz

der mitunter lächerlichsten Prozesse gegen betrügerische Beschwörer.

Der Naturmensch faßt die Sache rein materiell auf, wie die beiden

Beispiele, die durch hunderte zu vermehren keinen Zweck hätte, lehren.

Die Geister sind für ihn zwar irdisch, sogar vernichtbar. Aber daß sie

nicht wahrzunehmen sind, das füllt ihn mit banger Furcht vor stetem

und verderblichem Angriff und zwingt ihn zu steter Abwehr. Unfall,

Krankheit und Tod sind dem Naturmenschen nicht natürlich, sondern

Durchbrechung der Natur und immer auf Rechnung böser Geister zu setzen,

die von selbst oder von irgendeinem Feind gesandt, den Menschen

befallen. Und so hat er sich ständig zu wahren und zu wehren, und der

Zauberer muß bald die günstigen Geister zur Hilfe herbeirufen, bald

die bösen durch Beschwörung und Tanz und Rasseln mit allen möglichen

Dingen vertreiben und wenn möglich zurück auf den Feind lenken. Wie

schon der Römer halb Sklave seiner dies fasti und nefasti, seiner

Träume und Ahnungen, aller Vorfälle und Erzählungen war, so ist das in

noch viel höherem Grade der Naturmensch. Überall sieht dieser die Hand

unheimlicher Mächte. Das gilt vielleicht nicht für alle Naturmenschen,

aber sicher weitaus für die meisten. Selbst Beduinen sind der Ansicht,

daß Menschen von Geistern im Traume erschlagen werden können. Und

„von bösen Geistern Besessene“ kennt das Altertum, das ganze

Mittelalter und ein gutes Stück der Neuzeit. Dieses zu besprechen ist

unerquicklich, und um so unerquicklicher, als beim Naturmenschen alle

Mittel angewendet werden, den Besessenen zu heilen, vom bösen Geist zu

befreien, bei uns aber, in unsinnigem Aberglauben, zuletzt die Heilung

in Ertränken und Verbrennen der Unglücklichen gesehen wurde.

13. ~Höhere Anschauungen bei Naturvölkern; Naturreligionen,

Naturmythen.~

Indem der Naturmensch alles mit Geistern erfüllt, läßt er auch Himmel,

Sonne, Mond, Gestirne, Erde, Meer, Flüsse, Quellen, Wolken, Wälder

nicht von Geistern frei. Diese besonderen Geister aber haben für ihn

nur zeitweise perniziöse Bedeutung, im allgemeinen jedoch spenden sie

ihm Wohlleben. Sie treten so nun aus der Reihe der übrigen Geister

heraus. Und sie sind es, aus denen sich allmählich die ~Naturreligion~

entwickelt. Vor allem der Himmel, als der Ort der Himmelskörper, dann

Sonne, Wetter und Erde gewinnen mehr und mehr an Bedeutung. Und indem

sie für ganze Völker und Länder entscheidend sind und auf lange Zeiten,

werden sie mit den vornehmsten Geistern bevölkert. Aber dieser Prozeß

geht langsam vor sich. Und eigentlich muß der ~Pandämonismus~ schon

bis zu einem gewissen Grade abgeklungen sein, wenn jene höheren Mächte

hervortreten sollen. In der Tat haben sie auch bei dem Naturmenschen

bei weitem geringere Bedeutung als die unmittelbaren Geister und

Dämonen, zumal sie ja ständig sichtbar bleiben und der Mensch so an

ihren Anblick gewöhnt ist. Mit ihnen aber beginnt der eigentliche

~Götterglaube~ und die ~Mythologie~, die sich dann zuletzt zum

~Gottglauben~ steigert. Es ist oft gefragt worden, ob die Wildenstämme

schon im Besitz solcher höheren und höchsten Ideen sind. Ich habe

schon hervorgehoben, daß bei ihnen keineswegs nur eine Anschauung

herrscht, daß ihr Sinnen und Meinen sich vielmehr nach allen möglichen

Richtungen wendet. Und so ist es schon zu erwarten, daß, wenn nicht

alle, doch einige Stämme außer den unmittelbaren Geistern und Dämonen

auch die höheren anerkennen werden, vielleicht den höchsten Geist. Das

wird auch vielfach behauptet und durch Beispiele zu erweisen gesucht.

Aber es ist mitunter recht schwer, einzusehen, daß dem wirklich so

ist. Meist handelt es sich um einen Namen, ohne besondere Angabe der

Qualitäten, höchstens unter Bezugnahme auf Schöpfung. Wenn man bedenkt,

wie halbselbstverständlich dem Wilden das Wunder ist, begreift man

auch, wie wenig die Schöpfung intellektuell für ihn zu bedeuten hat.

Sie wird ja oft Menschen übertragen. Frobenius sagt, die afrikanischen

Götter hätten dreierlei Ursprung: Geister als vergötterte Ahnen und

Herrscher, letztere nicht selten noch zu ihren Lebzeiten. Mystische

Gottheiten, die zum Menschen gleichgültig stehen. „Sie entsprossen

dem Gefühl, daß neben den von den Afrikanern so sorgsam beobachteten

Ausnahmeerscheinungen eine noch unerkannte Regelmäßigkeit in der Natur

herrscht; sie sind gleichsam die Personifikation des Rhythmus in

der Natur.“ Götter der hohen Mythologie, wie Sonnengötter usf. Eine

strenge Scheidung soll es zwischen diesen drei Gruppen nicht geben,

sie sollen ineinander übergreifen. Die erste Gruppe kennen wir. Was

man mit der zweiten Gruppe anfangen soll, ist nicht recht ersichtlich,

zumal sie sich nicht weiter entwickelt hat, wenn wir nicht in die

Naturwissenschaft übergreifen wollen. Möglicherweise soll aber auch

diese zweite Gruppe gerade zu den Höchstbegriffen führen, dann wäre die

dritte Gruppe an die erste anzufügen. Einstweilen können wir in ihr

nichts weiter als ein dunkles Fühlen und Ahnen sehen, ohne Namen und

Sage, fast die Götter der Mysterien. Ich bekenne, daß ich für diese

Götter bei den Naturvölkern keinen rechten Anhalt gefunden habe. Aber

Geheimbünde bestehen bekanntlich bei ihnen in reichlicher Zahl, und es

ist nicht ausgeschlossen, daß sie Mysterien pflegen wie die Griechen

und andere Völker. Wir finden solche Bünde in Nordamerika, Westafrika,

den ozeanischen Inseln, in Australien usf., von den Kulturvölkern zu

schweigen. Was man von ihrem Tun und Treiben liest, ist freilich kaum

geeignet, höhere Begriffe von ihren Geheimnissen einzuflössen; das

meiste liegt auf dem Gebiete egoistischer Herrschsucht und der Raub-

und Mordgier, auch des bösen Kannibalismus, und ist bei weitem mehr

Plage als Wohltat, selbst wenn eine Art Rechtsüberwachung (ähnlich

der Fehme) stattfindet. Keineswegs sind diese Mysterien mit den

griechischen zu vergleichen, von denen alle alten Schriftsteller mit so

hoher Achtung sprechen. Also über die zweite Gruppe weiß ich nichts zu

sagen, vielleicht weiß ein anderer mehr.

Die dritte Gruppe wird von Frobenius in mehreren Beispielen behandelt.

Aber hier bedarf es mitunter sehr weitgehender Deutungen, um zu

höheren Ideen zu gelangen. Nehmen wir einige davon. Schango, bei den

Yoruba an der Nigermündung, ist Gott des Donners, Blitzes und Feuers.

Er ist Sohn des Meeres (Yemaja); Oschumare, der Regenbogen, ist sein

Diener und trägt Wasser von der Erde in seinen Wolkenpalast. Ara, das

Donnergrollen, ist sein Bote, Biri, die Finsternis, sein Gefolge.

Er hat drei Frauen, die ihm Schnur, Bogen und Schwert tragen. Das

alles klingt sehr schön und ganz wie ein hoher Naturmythos. Aber

das ist nicht der einzige Mythos von Schango. Nach anderen Mythen

stammt er von sterblichen Menschen. „Er war Herrscher in Oyo, der

Hauptstadt Yorubas. Er war so grausam, daß Häuptlinge und Volk ihm

eine Kalebasse voll Papageieneier schickten mit der Botschaft, daß

er durch die Regierungsgeschäfte müde sei und schlafen gehen solle.“

Darüber entsteht ein Krieg; er muß fliehen, alles verläßt ihn, selbst

sein Weib. Da hängt er sich auf. Nun erschrecken alle, sie suchen

seinen Leichnam und finden eine Kette aus der Erde ragend. Darunter

aber hören sie Schangos Stimme. Jetzt bauen sie darüber einen Tempel

für Schango als Gott. Und wie Zweifler sagen, Schango sei doch tot,

da kommt dieser in einem Gewittersturm und erschlägt die Ungläubigen.

Hier ist nichts mehr von hohen Ideen, die Geschichte verläuft richtig

fetischmäßig. Noch andere Mythen von Schango stehen nicht viel höher,

zumal, wenn man beachtet, was auf S. 16 ff. über die Weltauffassung

der einfachsten Naturmenschen gesagt ist. Höchstens eine Art Herrentum

nach Art von Mauis erkennt man noch. Eine andere Gottheit ist Hubeane

bei den Basuto, hier fehlt eine hohe Sage ganz. Sein Vater war

Modimo, „der alles gut erschaffen, nur nicht den Menschen, welcher

bald dem Verderben und dem Tode verfiel.“ Hubeane ergeht sich in

Nichtswürdigkeiten diesem seinem Vater gegenüber und schlägt ihn sogar.

Nun will ihn dieser töten und versucht es mit vergiftetem Brei, durch

Meuchelmörder usf. Allen Nachstellungen entzieht sich Hubeane, und

zuletzt muß der Vater fliehen. Nach einer anderen Mythe ist Hubeane

Sohn eines Weibes, das allein noch übrig blieb, nachdem alle Menschen

von einem Ungeheuer verschlungen sind. Er zieht, plötzlich erstarkt,

zum Kampf gegen dieses Ungeheuer, wird aber auch verschlungen. Doch

weiß er sich zu helfen, denn er schneidet ein Loch durch den Leib des

Ungeheuers und schlüpft heraus, hinter ihm her kommen alle Menschen

ans Tageslicht. Diese Sage ist in einer anderen, wo Hubeane von einem

Schmuck, den er bei der Geburt am Halse schon mitbringt, Litaolane

heißt, genauer ausgeführt; namentlich in den Verfolgungen, die er

von den durch ihn befreiten Menschen erfährt. So flieht er einmal

und verwandelt sich an einem Fluß in einen Stein. Seine Verfolger

ergreifen den Stein und werfen ihn an das andere Flußufer hinüber.

Dort wird der Stein wieder zu Litaolane, und dieser lacht seine Gegner

aus. Die Auslegung, die Frobenius der ersten Sage gibt, meint, Hubeane

wird verschlungen = Sonnenuntergang, er kommt wieder ans Tageslicht

= Sonnenaufgang. Alle Menschen folgen ihm = erwachen im Schimmer der

Morgensonne. Das ist aus Analogien erschlossen. Und alles andere,

die Verfolgung durch die Menschen? Man wird gestehen, es ist nicht

viel Besonderes an solchen Mythen. Und dabei sagt Frobenius: „Mit

Schango und Hubeane haben wir den ganzen Vorrat der unverfälschten

Sonnengötter des negerischen Afrika erschöpft.“ Er erzählt dann von

dem hottentottischen Heitsi-Eibib, Tsui-Goab, Kauna. Ich kann in allen

diesen Erzählungen nur mehr oder weniger törichte Märchen sehen und

vermag den Deutungen von Frobenius nicht zu folgen. Nur in einigen

Zügen läßt sich etwas Bedeutenderes blicken, wie, daß Heitsi-Eibib

durch ein Wasser flieht, das sich vor ihm spaltet, über seine Verfolger

aber zusammenschlägt (S. 13), daß Tsui-Goab in einem weißen Himmel über

dem blauen Himmel wohnt, und dieser sich, die Menschen zu schützen,

vorschiebt, so oft Tsui-Goab zürnt.

Ein Beispiel eines echten Fetischscheusals ist der weiter behandelte

O-dente von der Goldküste. Der in einer Höhle bei Date wohnende

Geist, er hieß zuerst Konkom, war „ein Mann mit nur einem Auge, einem

Arm, krebszerfressener Nase und voller Schwären“. Dieser anmutigen

Erscheinung immer zu opfern, ohne sie zu sehen, wurden die Leute müde

und bei einem Opferfeste griffen beherzte Männer, als ein Arm aus der

Höhle sich streckte, die Fleischstücke in Empfang zu nehmen, diesen Arm

und zogen trotz allen Wimmerns die Gestalt nach. Aber entsetzt liefen

alle davon unter dem Rufe: „Es ist kein gemeiner Mann, in der Tat, es

ist ein Gott.“ Völlig entsprechend dem Standpunkte des Naturmenschen!

Deshalb unterhandelten sie mit ihm. Er zeigte sich versöhnlich und

legte ihnen als Buße auf, alle Früchte auf dem Felde und im Hause zu

verbrennen, sie sollten jegliches hundertfältig zurückerhalten. Die

Leute taten’s, da war Konkom gerächt, denn er floh von ihnen und eine

Hungersnot brach aus. Er begab sich nach Krakye, wurde dort O-Dente

genannt, und die Einwohner behielten ihn gerne. Er zog sich wieder

in eine Höhle zurück und Krakye wuchs mächtig. Indessen gefiel es

ihm dort nicht, er wollte nach Date zurück. Da erstand in diesem Ort

ein Weib Koko, das von ihm, O-Dente, besessen wurde und den Datern

alles mögliche verhieß, wenn sie O-Dentes Befehle erfüllten. Der Gott

zöge dann selbst wieder zu ihnen. Der Gott verlangte Stiere und Rum,

verbot dunkelblaues Zeug zu tragen. Ferner sollte niemand nachts mit

einem Licht über die Straße gehen, „er könnte vielleicht eines der

Kinder O-Dentes sehen, die im Donner und Windesrauschen gekommen, bei

Nacht die Stadt durchwandern, sie zu bewachen.“ Nun geschieht ein

Menschenopfer, das ich in seiner Scheußlichkeit nicht erzählen mag, und

über diesem Opfer wird ein Altar in Gestalt eines Kegels errichtet. Und

das geschah nicht etwa vor Jahrhunderten, sondern in unserer Zeit.

Die anderen ähnlichen Gottheiten darf ich übergehen, sie sind übrigens

alle unilateral. Woraus zu entnehmen ist, daß sie Sonnengottheiten

bedeuten, kann man nicht immer erfahren. Die Angaben bei den

Afrikastämmen sind sehr verschieden. Die Namaqua sehen die Sonne für

eine Scheibe Speck an, wovon man sich sogar ein Stück abschneiden kann.

Demgegenüber nehmen die Madagassen die Sonne als einen strahlenden

Körper an. „Sie betrachten sie als die Quelle des irdischen Besitzes,

Genusses und aller Fruchtbarkeit.“ Bei den Ewara an der Guineaküste ist

Lisa der Sonnengott, seine Frau ist Gleti, der Mond. Sie haben viele

Kinder, davon sind die Töchter die Sterne, welche Gleti stets folgen.

Wenn Lisa Gleti schlägt, wird diese dunkel, daher die Mondfinsternisse.

Carl Peters in seinem Werke „Im Goldlande des Altertums“ behauptet von

den Makalanga einen Sonnendienst gleich demjenigen des semitischen

Baal. Er sieht bekanntlich im Makalangadistrikt das biblische Ophir.

Max Müller hat nachgewiesen, daß dem Sonnendienst vielfach parallel ein

Feuerdienst geht. In Afrika scheint dieser jedoch nicht sehr häufig und

wesentlich auf die südlichen Stämme beschränkt zu sein. Die Hereros

sollen ein heiliges Feuer, Ukuruo, unterhalten, das von einer Tochter

des Häuptlings, die den Titel Ondangere führt, gepflegt wird. Also

eine Art Vestalinnendienst, der auch ganz dem römischen gleicht. Den

Prometheus spielt ein alter König. Das Feuer erhält auch Opfer, und es

dient auch um böse Geister zu verjagen.

Bei den Indianern scheint von höheren Ideen etwas vorhanden zu sein,

das Frobenius’ zweiter Gruppe der afrikanischen Gottheiten entspricht.

Ratzel, in seiner Völkerkunde, sagt: „Wo sich ein hinreichend

abstrakter Begriff (nämlich für Gott) findet, deckt er sich doch nur

mit ‚Seele‘, ‚Geist‘, ‚schalten‘ oder einfach ‚wunderbar‘. Manitus

(der Algonkins) sind zahllose Geister von bekannter Herkunft, die die

ganze Natur bevölkern und bald feindlich, bald wohlwollend dem Menschen

begegnen.“ Gleichwohl kennen einige Stämme einen höchsten Weltschöpfer,

einen Lichtgott, der die Welt für die Lichtmänner geschaffen hat. Die

entdeckenden Europäer wurden für diese gehalten. Sonnenkult haben alle

amerikanischen Stämme; Ratzel meint, soweit der Ackerbau reicht (wohl

soweit Nutzpflanzen gedeihen). Manche verehren auch Mond und Gestirne.

Aber nach den Sagen z. B. der Tlinkitindianer, an der Küste von

Nordwestamerika, die Krause in seinem Buche über diese Stämme mitteilt,

haben sich Sonne, Mond und Gestirne in drei Kästen befunden, die ein

Häuptling, der Onkel Yelchs, besaß. Dieser letztere, als Knabe, setzte

es durch, nacheinander mit allen drei Kästen zu spielen, öffnete sie,

trotz des Verbots des Onkels, und so flogen erst die Gestirne, dann

der Mond, zuletzt die Sonne an den Himmel. Und Yelch, wenn auch die

Indianer sagen: „So wie Yelch handelte und lebte, so müssen auch wir

handeln und leben“, war keine hohe Gottheit. In den vielen Mythen, die

Krause von ihm mitteilt, ist die Hauptsache, daß er als Rabe Streiche

über Streiche machte. Ob er Rabe war oder nur ein Rabengefieder trug,

er fliegt jedenfalls wie ein Rabe und benimmt sich auch ähnlich. Bei

anderen Stämmen sind es andere Tiere, die Yelch vertreten, wie Bär,

Schildkröte, Spinne. Es ist also doch eigentlich nur höherer Totemismus

und Ahnenglaube, der unter dem Einfluß des Christentums eine neue, mehr

aufs Ideale gehende Färbung erhalten hat. Der Indianer unterscheidet

sich in dieser Hinsicht vorteilhaft vom Neger. Und nun gar die

Kulturvölker des alten Amerika; ich möchte nicht wiederholen, was ich

in meinem Buche „Die Entstehung der Welt“ ausgeführt habe, und verweise

darauf.

Unter den Ozeaniern haben es die Polynesier, trotz der sonstigen auf

Fetisch- und Seelenglauben beruhenden Ansichten, zu einigen hohen

Ideen gebracht. Die große Begeisterung, die andere ihren Sagen und

Mythen entgegenbringen, teile ich nicht, weil selbst in den besten

Kindischheit und Barbarei durchscheinen. Gleichwohl ist nicht zu

leugnen, daß manches auf der Höhe griechischer Schöpfungen gleicher

Art steht. Schon das Ehepaar Rangi und Papa, so materiell sie

aufgefaßt werden, sind doch als höhere, besondere Wesen, Himmel und

Erde, gekennzeichnet. Sie sind zuerst eng aneinander geschmiegt, so

daß allgemein Finsternis besteht und ihre Kinder von Licht nichts

wissen. Die so vergehenden Zeiten, nach Dekaden gerechnet, werden

als Wesen aufgefaßt, Po. Jene Kinder heißen Tangaroa, Rongo-ma-tane,

Haumia-tiki-tiki, Tane-mahuta, Tawhiri-ma-tea, Tu-matauenga. Von der

gewaltsamen Trennung Rangis und Papas habe ich schon gesprochen. Sobald

sie getrennt sind, ist es Licht. Von Sonne und Gestirnen wird nichts

gesagt. Aber auch die Bibel kennt Licht ohne Sonne, es ist das erste,

was Gott schafft. Nun sollte man erwarten, daß die Kinder Rangis und

Papas etwas ganz Besonderes sind. Aber nein, sie sind rein irdisch.

Grey, dem ich hier folgen darf, als dem wohl bedeutendsten Kenner

polynesischer Mythologie, sagt: „Tangaroa bezeichnet (signifies) Fisch

jeder Art, Rongo-matane bezeichnet Kartoffel und alles vegetabilisch

als Nahrung Kultivierte, Haumia-tiki-tiki bezeichnet Farnwurzel und

alles wildwachsende Eßbare, Tane-mahuta bezeichnet Wälder, Vögel und

Insekten, die darin wohnen, und alle Dinge, die aus Holz gemacht

werden, Tawhiri-ma-tea bezeichnet Wind und Stürme, Tu-matauenga

bezeichnet Mensch.“ Damit ist nicht viel anzufangen. Der Realismus

geht noch weiter. Der Wind und Sturm ist mit der Gewalttat, die gegen

Himmel und Erde, auf Veranlassung des ersten Menschen, verübt ist,

nicht einverstanden und rächt Vater und Mutter, indem er seine Brüder

überfällt. Alles unterliegt ihm. Nur Tu-matauenga widersteht allein

ohne Hilfe seiner Brüder. Nun zieht er über diese her und zehrt alles

von ihnen, was irgend eßbar ist, also vom Wald alles Getier, vom Meer

die Fische usf., auf. Zuletzt macht er noch Beschwörungsformeln, um sie

zu zwingen, den Menschen immer zur Nahrung zu dienen. Und so wird der

erste Mensch als Gott bezeichnet, der die Menschen diese Beschwörungen

lehrte. Außer diesem Tu-matauenga läßt nur noch Tawhiri-ma-tea, das

Wetter, göttlichere Eigenschaft erkennen. Anderweitig ist Tangaroa

ein Hauptgott. Die Nachkommen des ersten Menschen sind die Menschen

überhaupt. Sie erst haben Menschengestalt, die vier ersten Geschöpfe

gleichen Menschen nicht. Rangi und Papa aber bleiben bis jetzt

getrennt. Und wenn Papa voll Sehnsucht seufzt, steigen die Seufzer

als Nebel zum Himmel, und wenn Rangi um die Geliebte weint, fallen

die Tränen als Tau zur Erde; ein wunderschönes Bild. Rangi und Papa

sind auch die Wohltäter der Menschen, indem Rangi Hauche, Menschen und

Pflanzen zu kühlen, sendet, und Nebel, Tau und Regen und klares Wetter,

damit die Pflanzen wachsen. Papa aber läßt die Pflanzen aus ihrem Schoß

hervorgehen. Das tun sie, daß ihre Kinder zu essen haben.

Unter den Nachkommen befindet sich der bekannte Maui, mit vollem

Namen Maui-tiki-tiki-a-Taranga. Er ist eine Frühgeburt und von seiner

Mutter Taranga in die See geworfen (S. 12). Nach polynesischer Ansicht

sollte er verderblicher Geist werden und die Menschen quälen, denn

Frühgeburten müssen unter Beschwörungen vergraben werden. Er ist

es nicht, zeigt aber in seinem Charakter in der Tat auch bösartige

Eigenschaften. So tötet er ohne Grund ein junges Mädchen und macht

ganze Ernten verdorren. Seinen Schwager verwandelt er aus Neid über

dessen Erfolg beim Fischen in einen Hund, so daß seine Schwester aus

Gram sich ins Meer stürzt. Er ist an sich ein Heros, der sich vor den

Göttern fürchtet, aber er vollbringt Taten, die göttlich scheinen. Wie

er die Sonne zwingt, langsam die Welt zu umgehen und nicht brennend zu

strahlen, ist schon erwähnt. Seine zweite Haupttat ist das Heraufziehen

der Nordinsel von Neuseeland an einem Kiefer als Angelhaken, aus dem

Meere. Er ist aber darum doch nicht Erdschöpfer, da die Erde schon vor

ihm bestand; er bewohnt schon ein Land mit seinen vier Brüdern. Die

Insel aber zieht er wie zufällig, beim Fischen mit diesen Brüdern, in

Gestalt eines Fisches empor. Die dritte Tat, wegen deren man ihn mit

Prometheus verglichen hat, betrifft den Raub des Feuers. Indessen ist

Feuer längst schon vorhanden, Maui kommt es mehr darauf an, das Feuer

seiner Ahnin Mahu-ika zu zerstören. Er löscht aber vorher alles Feuer

auf der Erde aus. Warum, ist nicht ersichtlich, da er kein anderes

mitbringt, wenn’s nicht ist, daß er indirekt die Feuergöttin veranlaßt,

den Rest ihres Feuers in Bäumen zu bergen, denen es die Menschen durch

Reiben entlocken können. Er treibt mit der Feuergöttin, trotz der

Warnung seiner Mutter, Spott. Er verlangt von ihr Feuer, sie läßt es

aus einem Fingernagel hervorsprühen und gibt es ihm. Da löscht er es

aus und bittet um neues, um es abermals auszulöschen. So fährt er fort,

bis Mahuika die Kraft aller Finger- und Zehennägel verbraucht hat,

außer der des Nagels einer großen Zehe. Diesen stampft sie -- da sie

sich betrogen erkennt -- voll Wut auf den Boden. Alles gerät in Brand,

Erde, Feld und Wald. Maui flieht als Adler und kann sich zuletzt doch

nur retten, indem er seinen Vorfahr Tawhiri-ma-tea um Regen anfleht.

Die Göttin aber behält von ihrem ganzen Feuer nur einige Funken, die

sie sammelt und mit denen sie verfährt wie angegeben. Wenn diese Mythe

nicht sinnlos sein soll, so muß die Feuergöttin irgendeinen bösen Dämon

bedeuten, oder es ist in der Sage etwas verloren gegangen. Anderweitig

wird der Mythos denn auch anders erzählt, so in Tonga, wo Maui mit

dem Erdbebengott ringt, ihn überwältigt und das Feuer, an dem er sich

gewärmt hatte, den Menschen bringt. Noch anders holt er das Feuer als

Vogel. Sein letztes Abenteuer bringt ihm den Tod und den Tod auch der

Menschheit. Eine Ahnin von ihm wohnt am Himmelshorizont, Hine-nui-te-po

ist ihr Name, „große Frau Nacht“. Maui zieht zu ihr, begleitet von

vielen Vögeln, die seine Genossen sind. Er findet sie schlafend und

beschließt, in sie hineinzukriechen, sie ganz zu durchziehen und erst

aus ihrem Munde sie zu verlassen. Er bittet die Vögel, nicht zu lachen,

bis er wieder heraus ist, damit die Furchtbare nicht erwacht, und

begiebt sich in sie hinein. Die Vögel verbeißen krampfhaft das Lachen

über die Szene, aber das kleine Vögelchen Tiwakawaka vermag nicht

an sich zu halten und lacht plötzlich auf. Da erwacht Hinenui-te-po,

springt auf und tötet Maui. Hierin ist zweifellos der Sonnenuntergang

geschildert, zumal Grey festgestellt hat, daß der Vogel Tiwakawaka in

der Tat nur bei Sonnenuntergang sich hören läßt. Kommt noch dazu, daß

Mauis Eltern in der Unterwelt leben, und er bei ihnen weilt und von

Zeit zu Zeit emporsteigt, daß er Kraft über die Sonne Tama-nui-te-Ra

übt, um verständlich zu machen, daß er als Sonnenheros angesehen wird.

Bastian, in seinem Buche „Die heilige Sage der Polynesier“, teilt aber

noch viel höhere Anschauungen aus den Maorisagen mit. Vor Rangi und

Papa haben schon andere Dinge bestanden, die zum Teil wesentlich als

~Begriffe~ aufzufassen sind. Er zählt deren 17 auf. Zuerst Te-Kore,

das Nichts, dann Te-Po, die Urnacht, hierauf Te-Rupunga, das Sehnen,

sodann Empfindung, Ausbreitung, das Luftschnappen, Gedanke usf.,

zuletzt Hau-Ora, Lebensatem, und Atea, Weltall, gespalten in Rangi und

Papa. Das geht freilich sehr hoch und weit, und Bastian vergleicht die

Reihe mit ähnlichen Reihen in buddhistischen Anschauungen. Von Rangi

und seiner zweiten Liebe Atatuhi (Dämmerungsstrahlen) sollen Mond,

Sterne, Tagesgrauen, Tag, von ihm und seiner dritten Liebe Werowero

(Hitzgezitter), Ra, die Sonne, stammen. Papa mit verschiedenen Männern

bringt hervor Blitzesglanz, Donnergeroll, die Hinenui-te-po, sodann

Inseln. Hier haben wir eine Kosmogonie in Form einer Theogonie. Noch

andere Götter werden aufgeführt, deren Nachkommenschaft immer ihrer

Funktion entspricht. So, wenn Tawhiri-ma-teas Geschlecht Erdbeben,

Regenbogen, Hagel, Regen, Eis, Sturm, Kälte usf.; Tangaroas Aale,

Muscheln, Hai, Walfisch, Seevögel usf. ist. Tu-mata-uenga, in Tiki als

Mensch reproduziert, hat Rangis Tochter Kau-ata-ata zur Frau, das wäre

also Eva, und von ihr zwei Kinder. Dann entwickelt sich das Geschlecht

der Menschen weiter, und es findet sich darunter ein Matuika, Vater des

Feuers, ein Fliegengott, ein Gott der Felssteine, ein Trawaru, Vater

der Hunde. Die ganze Welt soll aus zehn Himmeln übereinander und zehn

Erdschichten untereinander bestehen. In jenen sollen die Götter und

Geister thronen -- im höchsten weilt Rehua (für Rangi?) -- im neunten,

achten und siebenten die vergötterten Seelen in der Stufenfolge ihrer

Bedeutung. Dann kommen die Untergötter, die Atua, zu denen auch Tawhaki

(S. 17) gehört, die Halbgötter. Im vierten Himmel ist ein Lebensquell

für Embryonen, im dritten (Nga-Roto) das Wasser über dem Firmament,

im zweiten Regen und Sonnenschein. Der erste Himmel ist der feste

und das Reich Tawhiri-ma-teas. Wie sich das mit dem auf S. 19 f.

Mitgeteilten vereinen soll, kann ich nicht sagen. Auf die Schilderung

der Erdschichten kommen wir zurück.

Fast noch verblüffender ist, was Bastian uns von der hawaischen

Mythologie erzählt. Er hat auf Hawai in der Bibliothek des Königs

(Kalakaua) ein aus dem Beginn des vorigen Jahrhunderts stammendes

Manuskript „He Pule Heiau“ entdeckt, dessen Wortlaut er mitteilt und

das ein Schöpfungsbild enthält. Die Welt ist mehrmals geschaffen.

Die jüngste Schöpfung ging in acht Perioden vor sich. Bis zum Schluß

der achten Periode herrscht Po, Finsternis, jedoch mit abnehmender

Stärke, indem ein Schimmer stetig wächst. Erst dann tritt Ao,

Licht, ganz hervor. Innerhalb dieser Perioden aber erscheinen erst

Intelligenz, dann Abgrund (männlich und weiblich). Hierauf entstehen

die Lebewesen, von unten nach oben sich entwickelnd. Zugleich füllt

sich der Abgrund mit Erde, bis der Abgrund ganz verschwunden ist.

Nun, in der achten Periode kommen der Mensch, als Urweib Lalai,

indem sie „hervorwächst gleich einem Blatt“, und die persönlichen

Götter. Das Weib verbindet sich erst mit den Urkräften, dann mit dem

Sonnengott und mit Kane und Kii und anderen Göttern, woraus zuletzt

das Heroen- und Menschengeschlecht hervorgeht. Das ganze ist eine

Entwicklungsgeschichte, wobei immer zuerst das Geistige und dann das

zugehörige Materielle entsteht, und sie wird bis in die historische

Zeit hingeführt. Als Probe führe ich nach Bastian die zweite Strophe

des Gedichtes an:

Geboren in Nacht.

Geboren Kumuligo, aus der Nacht als männliches,

Geboren Poele, aus der Nacht als weibliches,

Geboren die Milben im Gewimmel,

Geboren das Gewimmel in Reihen,

Geboren die Würmer, die Grabenden, die Erde aufwerfend,

Geboren ihre Mengen mit Nachkommenschaft,

Geboren die im Schmutz sich windenden,

Geboren ihre zuckenden Reihen,

Geboren Seeeier ohne Zahl,

Geboren ihre streifige Nachkommenschaft in Reihen.

Die interessante einleitende Strophe dieser seltsamen Dichtung lautet:

Hier dreht der Zeitumschwung zum Ausgebrannten der Welt,

Zurück der Zeitumschwung nach aufwärts wieder,

Noch sonnenlos die zeitverhüllten Lichter,

Und schwankend nur im matten Mondgeschimmer;

Aus Makaliis mächtigem Wolkenschleier

Durchzittert schattenhaft das Grundgebild künft’ger Welt.

Des Dunkels Beginn aus den Tiefen des Abgrunds,

Der Uranfang von Nacht in Nacht,

Von weitesten Fernen her, von weitesten Fernen,

Weit aus den Fernen der Sonne, weit aus den Fernen der Nacht.

Noch Nacht ringsumher.

Sehr klar ist das nicht. Es soll aber besagen, daß die neue Welt

beginnt, nachdem die frühere zugrunde gegangen ist, daß dieses in

tiefer, nur schwach durchschimmerter Finsternis geschieht, daß durch

das Plejadengestirn (Makalii) die zukünftige Welt ideell durchleuchtet.

Die letzten vier Verse, wenn sie nicht die Herkunft des Dunkels und der

Nacht schildern sollen, verstehe ich nicht. Aber Bastian gibt selbst

die Übersetzung mit dem größten Vorbehalt. Andere Erzählungen stimmen

bis auf die Götterzugabe mit biblischen Angaben. Bastian freilich und

Achelis erklären es lediglich aus der übereinstimmenden Denkweise der

Menschen. Ich glaube aber nicht, daß das bei so speziellen Angaben, wie

die Entstehung des Weibes aus der Rippe des Mannes, zulässig ist. Doch

sei wenigstens hervorgehoben, daß eine Göttertrias, Kane, Ku, Lono,

vorhanden ist, die alles schafft, Himmel, Erde, Sonne, Mond, Sterne

und Lebewesen. Anderweitig ist Tangaroa oder Taaroa der Weltschöpfer,

von dem bei den Marquesasinsulanern das von Moerenhout aufbewahrte

Gedicht die höchsten Gedanken äußert:

Es weilet hier, Taaroa sein Name, in des Raumes unendlicher Leere;

Keine Erde noch, kein Himmel noch, keine See war da, keine Menschen.

Von oben herab Taaroa ruft, in Neugestaltungen wandelnd,

Taaroa, er als Wurzelgrund, als Unterbau der Felsen,

Taaroa als der Meeressand, Taaroa in weitester Breitung.

Taaroa bricht hervor als Licht,

Taaroa waltet im Inneren, Taaroa im Umkreis, Taaroa hienieden.

Taaroa die Weisheit,

Geboren das Land Hawaii.

Und dabei die doch zweifellosen Fetische, Götzen und Geister (Atua).

Man muß annehmen, daß neben der Volksreligion, die, wie überall, im

rein Konkreten haftet, auch eine höhere Anschauung vorhanden ist, die

wenigen zugehört. Auch ist bekannt, daß oft die höheren Stände eine

andere Religion haben als die niederen, sogar andere Fetische und

Götzen. Und im übrigen stehen die sonstigen Sagen von jenen Göttern

keineswegs auf sehr hoher Stufe. Selbst die Sage von Taaroa oder

Tangaroa endet nicht sehr hoch. Wie es um ihn hell wurde, rief er

den Sand der Küste zu sich. Dieser konnte aber nicht zu ihm fliegen.

Dann rief er die Felsen zu sich. Auch diese vermochten es nicht, da

sie festgewurzelt seien. Nun steigt er selbst zur Erde, und aus der

Muschelschale, in der er bisher gehaust, macht er die Inseln, darauf

zeugt er aus seinem Rücken die Menschen, wandelt sich in ein Boot

und schwimmt auf dem Meere. Dort verspritzt er im Sturme sein Blut,

worauf sich das Meer und die Wolken färben. Zuletzt wird sein Gerippe,

„das Rückenbein oben, auf dem Boden liegend, eine Wohnung für alle

Götter und zugleich das Vorbild für den Tempel.“ „Tangaroa wurde zum

Himmel“, sagt Ratzel in seiner Völkerkunde. Man kann das zugeben,

wenn man den Himmel nicht so anschaut wie wir es tun, und wenn man

über alle Inkonsequenzen hinwegsieht, da ja ohne Tangaroa schon Land,

Meer und Wolken vorhanden sind und man nicht recht begreift, wie

dieser Gott da noch zum Himmel werden konnte. Auf Neuseeland ist

Tangaroa recht indifferent als Gott der Meere, eigentlich der Tiere

darin, und anderweit erscheint er auch als böser Geist, wie der ihm

entsprechende Kanaloa. Auf die anderen besonderen Lehren einzugehen ist

nicht nötig, nachdem wir die Höhen und die Tiefen kennen gelernt und

gesehen haben, wie naiv große Gedanken mit skurrilsten Torheiten bei

demselben Naturvolk bestehen können, was wir ja von uns selbst auch

rühmen müssen. Auch habe ich weiteres Material schon in meinem mehrmals

genannten Buche mitgeteilt.

Können wir nun sagen, daß die Naturvölker sich bis zu dem Gedanken

eines Gottes in unserem Sinne durchgerungen haben, auch wenn wir ihre

sonstigen Anschauungen beiseite lassen? Ich glaube, nein! Sie mögen

bis zu einer Ahnung von etwas sehr Hohem und Übermächtigem gelangt

sein. Einige unter ihnen mögen auch, namentlich unter fremdem Einfluß,

bestimmtere Begriffe davon gefaßt haben. Aber im ganzen sind sie nicht

einmal zu einem Polytheismus, wie ihn Ägypter oder Griechen hatten,

gekommen. Der Omnanimismus und Pandämonismus ist die Grundlage ihrer

Anschauungen, und das Bedeutendste ist eine ~Monolatrie~ innerhalb

jener und innerhalb einer ~Polylatrie~. Bastian selbst, der am

meisten geneigt scheint, wenigstens den Polynesiern hohe Begriffe

von Gott und Welt zuzuschreiben, meint, daß es sich bei ihnen nicht

um Schöpfungen handelt, sondern um Aufblühen von Vorhandenem. Und

der ganze Kult, den sie geübt haben und üben, mit allen Albernheiten

und Grausamkeiten, ist ein greller Widerspruch gegen jeden höheren

Begriff. Man hat zuerst die Anschauungen der „Wilden“ nicht hoch

genug stellen können, dann nicht niedrig genug, und jetzt scheint man

sie wieder erheblich zu überschätzen. Das erste kam aus Unkenntnis

und theologischer Voreingenommenheit, das zweite aus Enttäuschung

angesichts der Wirklichkeit, das letzte scheint auf Übertragung

des Verhaltens des Naturmenschen unter dem Einfluß der Kultur oder

unter dem Auge des Kulturmenschen auf Verhältnisse des isolierten

Naturmenschen zu beruhen.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 63 / 108 题