14. ~Seele und Jenseits bei den Naturvölkern.~

Wir müssen zu den ursprünglichen Seelenansichten zurückkehren. Die

Seele bedingt das Leben des Körpers, außerhalb des Körpers kann sie

also nicht anders existieren, denn als lebend. Folglich lebt sie,

solange der Mensch oder ein anderes Wesen es zuläßt. Der Mensch kann

sie vernichten, indem er sie mit der Behausung, in der sie sich

befindet, etwa dem Blut, dem Herzen, der Niere, dem Auge usf. verzehrt.

Sie ist dann ganz in ihn aufgegangen, mit seiner Seele verschmolzen

oder auch von seiner Seele verzehrt. Aus dieser Ansicht haben viele

die Menschenfresserei erklären wollen, entweder, um seine eigene Seele

zu stärken, sich zum Fetisch einer verwandten Seele zu machen, oder

um schädliche und gefürchtete Seelen aus der Welt zu schaffen. Ein

zweites Verfahren beruht auf Vernichtung des Körpers durch tiefes

Vergraben oder Verbrennen, solange die Seele noch in ihm weilt, wenn

auch nicht mehr aktiv. Ein drittes endlich läßt Seelen verkommen,

indem ihnen die Bedürfnisse nicht gereicht werden, deren sie nicht

entbehren können, wie Behausung, Speise und Trank. Die Umkehrung

bedeutet die Konservierung der Seele, indem für ihre Bedürfnisse

ständig gesorgt wird. Die harmlose Form ist, wenn ihr Behausung, Speise

und Trank geboten werden. Und wir wissen, daß diese Form, vollständig

oder unvollständig, bewußt oder unbewußt, bis weit in hohe Kulturen

hinein zur Anwendung gelangt, bei den Naturvölkern aber jeder Seele,

die erhalten werden soll, oder die man sich geneigt machen will,

unmittelbar geboten wird. Noch klingt es harmlos, wenn dem Toten Gerät

und Schmuck in das Grab getan wird, zum Gebrauch für seine Seele, und

wenn man die Behausung seiner Behausung auf Erden anpaßt, in Form

einer Höhle, einer Hütte, eines Palastes, eines Tempels, wie eben die

Seele, da der Körper noch lebte, es gewohnt war. Beispiele sind auf

der ganzen Erde verbreitet, von niedrigen Löchern und Hütten bis zu

den Prunkbauten und Prunkeinrichtungen bei den Etruskern, Ägyptern,

Chinesen u. a. Nun aber wird dem Toten auch Lebendes beigegeben,

dessen seine Seele im Leben bedurfte, und hierin kennt die Konsequenz

des Naturmenschen keine Grenze, außer dem Egoismus, der ihn hindert,

alles fortzugeben. Tiere, Sklaven, Frauen, gefangene Feinde werden,

lebend oder vorher getötet, mit begraben oder auf dem Scheiterhaufen

mit dem Toten verbrannt. Je höherstehend der Verstorbene, desto

umfangreicher diese Gaben; bei dem Tode eines Häuptlings wird Jagd nach

Menschen gemacht, um die Gabe so groß als möglich zu gestalten. Mit

einer armen Polyxena wie Achill würde sich ein Dahomeerhäuptling nicht

begnügt haben, hier ging die Zahl der Schlachtopfer in die Hunderte

und mehr. Und wie entsetzlich klingt, was Herodot von den Totengaben

bei den Skythen erzählt und was wir auch von Germanen, Slawen, Kelten

u. a. wissen. Die Seele sollte möglichst viele Seelen zum Genuß, zur

Bedienung und als Gefolge bekommen.

Schwer kann das mit einer Ansicht verbunden werden, daß die Seele

immer auf Erden verbleibt und im Grabe Hof hält oder in der Luft

umherschwirrt oder gar in einen Fetisch fährt. Und so sehen wir in

der Tat die Naturvölker, wenn auch einige wirklich glauben, die

Seelen blieben auf der Erde so lange, bis diese selbst untergeht, im

allgemeinen doch auch zu Aufenthaltsorten für Seelen greifen, die

nicht der Erde selbst angehören. Und dazu eigneten sich vor allem

Sonne und Mond und dann die Gestirne. Es ist daher ganz richtig, wenn

gemeint wird, daß auch diese Himmelskörper als Fetische betrachtet

und entsprechend verehrt werden (S. 39 ff.). Hier dürfen wir schon

von einem „Jenseits“ sprechen. Aber Naturvölker kennen ein Jenseits

überhaupt, entweder als Totenstadt, oder als Unterwelt, oder als Welt

hinter dem Horizont, oder über dem Himmel. Totenstädte haben z. B. die

Dajaks auf Borneo. Die Erweiterung wären Totenländer. Und Frobenius

sagt: „Das Totenland liegt nicht nur sehr oft da, woher einst der

Stamm kam, sondern die Ereignisse auf der Seelenreise entsprechen den

Vorgängen der einstigen Wanderung. So ziehen die Seelen dieser Völker

(der Ozeanier), die einst zu Boot über den Ozean kamen, im Kahne über

das Wasser hin in das Land der Seligen.“ Darum, meint der Genannte,

werden in Ozeanien die Toten häufig in Kanoes bestattet, was übrigens

auch von Indianern bekannt ist. Grimm führt in seiner „Deutschen

Mythologie“ an, daß die Asen „Balders Leiche auf ein Schiff brachten,

in dem Schiff den Scheiterhaufen errichteten, anzündeten und so der

flutenden See überließen.“ Und die Nordgermanen verbrannten noch im

zehnten Jahrhundert ihre toten Seehelden auf dem Schiffe. Auch bei

den Russen wird von einem Falle erzählt, wo ein Vornehmer in einem

Kahne verbrannt wurde, und mit ihm, außer Pferden und Hunden, auch

Mädchen verbrennen mußten. Ein unruhiger Störenfried, ein lästiger

Geist wird von den Nikobaren im Geisterkorbe eingefangen, dieser auf

ein Geisterschifflein gelegt und in die See hinausgerudert. Charons

Totenkahn und das ägyptische Totenschiff sind ja bekannt. Indessen

werden Seelen in das Jenseits namentlich auch von Vögeln befördert, ein

Glaube, der auch den Griechen bekannt war, deren Harpyien und Sirenen

Totenvögel (oder Seelenvögel) sind, wie selbst der Hahn bei ihnen

Totenvogel sein kann. Die Griechen haben den Totenvogel allmählich zum

Teil vermenschlicht, indem sie ihm zuerst menschliche Extremitäten,

später umgekehrt einen menschlichen Kopf, mitunter von wunderbarer

Schönheit, gaben. Die Naturvölker sind bei der einfachen Vogelgestalt

geblieben, indessen doch oft unter Beimischung von etwas Menschlichem.

Ist Yelch, der Rabe, ein Totenvogel der Nordwestamerikaner, wie

Frobenius meint, so kann es auch ein Mensch in Vogelkleidung sein

(S. 62). Andererseits holt Maui die Seelen der Vornehmen in die

Sonne. Er wird aber mit Vögeln in Verbindung gebracht, da er sich

auf seinen Fahrten so oft in einen Vogel, wie in ein anderes Tier,

verwandelt. Ich stelle zwei Abbildungen nebeneinander, eine griechische

„Harpyie“ oder „Sirene“ mit einer Seele als εἴδωλον auf dem Arme und

einen nordwestindianischen Totenvogel, einen Mann und dessen ihm aus

dem Munde entfliehende Seele tragend. Die Seele ist auf letzterer

Darstellung als Schlange (S. 45) wiedergegeben, die aus dem Munde des

Mannes gleitet. Totenkähne sind auch in Afrika bekannt. Nach der Sage

der Ewe an der Nordguineaküste werden die Toten von Fährgeistern über

den Fluß Volta gesetzt. Auf Totenvögel dagegen kann man nur aus den

Opferungen von Hahn und Henne bei allen Totenfesten und bei manchen

Fetischfeiern schließen. Den Australiern ist die Krähe Totenvogel, vom

Totenkahn wissen sie gleichfalls einiges. Übrigens bringt Frobenius

Totenkahn und Totenvogel in Verbindung, indem er nachweist, daß

Totenkähne nicht selten mit Vogelschnäbeln und Vogelattributen versehen

sind.

[Illustration]

[Illustration]

Allein, wo ist das Totenland des Jenseits? Frobenius meint, die Seele

zieht der Sonne nach, wie bei den Ägyptern. Demnach wäre das Jenseits

im Sonnenuntergangsland. Aber wie erwähnt, ist auch die Sonne selbst

Seelenaufenthalt, so nach der Sage der Tahitier und Buschmänner.

Barotse sollen Livingstone einen Hof um die Sonne folgendermaßen

erklärt haben: „Die Bavimo (Seelen) halten ein Pitscho (Versammlung)

ab; siehst du nicht den Herrn (die Sonne) in der Mitte?“ „Wenn

Sonnenschein von Regen begleitet wird, sagen die Dahomeer, die Seelen

zögen zu Markte.“ Nach den Ewe soll das Totenland eine Sandebene am

Flusse Volta sein. Manche Indianerstämme setzen das Totenland weit im

Westen an. Jede Seele wird an der Grenze von ihren Verwandten und

Stammesgenossen erwartet und findet im Lande reichlich Wild zum Jagen

und Flüsse zum Fischen. Andere wieder lassen die Seelen als Vögel

die Milchstraße entlang ziehen, und nehmen ihren Aufenthalt über dem

Himmel an. Die Melanesier nennen das Totenland Mbulu und beschreiben

die Schicksale der Seele auf ihrer Wanderung dahin. Die Damen wird

es interessieren, daß die Seelen Unverheirateter es ganz besonders

schlecht dabei haben; ein Totengeist Nangga-Nangga hebt sie hoch und

schleudert sie gegen einen Felsen, daß sie zerschellen. Aber weniger

angenehm wird es sie berühren, daß darum auf den Fidschiinseln die

Witwe erdrosselt wurde, damit sie sogleich mit ihrem Manne gehen

konnte. Der Mann, wenn seine Frau starb, gab ihr als Beweis der

Frauenschaft einen Teil seines Bartes unter die Achselhöhle mit. In

das eigentliche Jenseits gelangt die Seele durch Schwimmen oder in

einem unsichtbaren Kahn. Doch gelingt dieses fast nur den Seelen der

Vornehmen, die der misera plebs gehen auf dem langen gefahrvollen

Wege unter oder kehren zurück zur Erde, um hier planlos herum zu

irren. Auch bei germanischen Stämmen geht es ins Jenseits über ein

Wasser. Jakob Grimm führt mehrere Beispiele dafür in seiner „Deutschen

Mythologie“ an. Eine schwedische Volkssage weiß von einem goldenen

Schiff, das in Runemad beim Schlüsselberge versenkt liege, und auf

dem Odhin die Erschlagenen von Bravalla nach Walhall geführt haben

soll. Ein Unbekannter nimmt Sinfiöltis, Siegmunds Sohn, Leiche in

einen Kahn und fährt davon. Franken glauben, daß das Totenland im

(jetzigen) Britannien liegt, wohin die Seelen der Verstorbenen von den

Uferanwohnern übergefahren werden, die dafür von allen Abgaben befreit

sind. Die Fährleute sehen niemand, merken nur ihre Kähne voll, wenn sie

um Mitternacht abstoßen. Angekommen fühlen sie die Kähne allmählich

entlastet und hören eine Stimme jedem einzelnen Namen und Vaterland

abfragen. Derartige Sagen müssen auch bei den Kelten bekannt gewesen

sein, da noch gegenwärtig anklingende Erzählungen in der Bretagne in

Umlauf sind. Aus dem keltischen Artuskreise bittet im Lanzelot vom See

die Demoiselle d’Escalot „que son corps fût mis en une nef, richement

équippée, que l’on laisserait aller au gré du vent sans conduite.“ Ich

habe dieses gleich hier angeführt, weil ich mich später darauf berufen

will. Die griechische Sage von der Überfahrt auf Charons Nachen gehört,

glaube ich, nicht ganz in diesen Kreis, da die Überfahrt schon in der

Unterwelt, wenn auch noch vor dem Seelenaufenthalt, geschieht.

Ganz abweichend davon, aber wiederum mit anderen weitverbreiteten

Anschauungen über den Seelenaufenthalt in den großen Zügen in Einklang

stehend, ist was Bastian von dem Jenseits der Maori erzählt, und was

sich fast wie eine abgekürzte Dantische Höllenbeschreibung liest.

Die Erde besteht, wie schon bemerkt, aus zehn Schichten. Die oberste

Schicht ist die Erde selbst. Die folgende Schicht gehört dem Reiche

der Wurzeln und Knollen. Mit der dritten Schicht, Reinga, wo auch die

Nachtgöttin Hine-nui-te-po weilt, hebt das eigentliche Totenreich an.

Bis dahin sind die Seelen noch lebens- und empfindungsfähig und können

zur Erde zurück und dort noch viel Unheil anrichten. Aber nun beginnen

die Kräfte mehr und mehr zu schwinden. In der fünften schon kann die

Seele zu einem bleichen Schatten geworden sein, alsdann fällt sie der

rachsüchtigen Göttin Rohe, ursprünglich Mauis Gemahlin, zur Beute und

wird getötet. Kann sie noch entkommen, so gelangt die Seele mit immer

weiter abnehmenden Kräften in die sechste, siebente Schicht. Wenige

taumeln in die achte Schicht, wo sie zum Teil vom Gotte Meru vernichtet

werden, noch weniger in die neunte, um von da in die letzte Schicht

Meto = Verwesungsgestank zu stürzen, wo alles endet. „Das waren die

Aussichten nach dem Tode, also noch trauriger als sie Odysseus bei

seinen Waffengefährten im Hades fand“, sagt Bastian. Der Eingang zu

dieser Unterwelt befand sich auf der Nordinsel von Neuseeland, im

Nordkap, der Weg soll wieder westwärts führen. Freundlicher sehen

selbst die Australier das Jenseits an, die Guten ziehen zu den guten

Geistern, die Bösen zu den bösen. Oder die Seelen sitzen auf Bäumen

oder weilen in einer Höhle. Bei den unkultivierten Malayen führt der

Weg in das Jenseits über oder unter Meer, und sie müssen mit Waffen und

Gefolge und mit Bestechungsmitteln ausgerüstet sein, um die Gefahren

von Geistern und Höllenhunden besiegen zu können, ehe sie in das

Paradies gelangen. Oder, die eines natürlichen Todes sterben, gehen

nach Norden und bleiben dort in einem Walde, „dessen Bäume sich beim

Einbruch der Dunkelheit in Hütten verwandeln.“ Dort leben sie „aus den

unsichtbaren Bestandteilen der Tiere, aus Reis und den Opfergaben der

Verwandten“, letzteres wie überall. Die eines unnatürlichen Todes, im

Kampfe oder während der Entbindung Gestorbenen kommen zu den Göttern.

Fassen wir die Frage vom Schicksal der Seele nach dem Tode ethisch

auf, so muß es auffallen, wie verschieden die Antworten sind. Dem

absolut Hoffnungs- und Freudlosen der Maori steht das fast Vergnügliche

der Indianer gegenüber. „Soviel scheint festzustehen,“ sagt Spieß in

seinem umfangreichen Werke „Vorstellungen vom Zustande nach dem Tode“,

„daß alle Elemente von Schrecken oder Furcht vor der anderen Welt der

ursprünglichen Religion der Indianer fremd waren. Nur einzelne Spuren

einer notwendigen oder vermutlichen Reinigung und Vergeltung finden

sich. Meist aber besteht der Unterschied zwischen Guten und Bösen

nur darin, daß jene ohne alle Schwierigkeit über den See oder Fluß

gelangen, welchen man vor dem Betreten der anderen Welt passieren muß,

diese entweder in dem Wasser untergehen oder bis zum Kinn in das Wasser

sinken, wo sie in alle Ewigkeit vergeblich das nahe lockende Gestade

zu erreichen sich abquälen, oder aber, daß sie erst nach schwerem

Ringen an das Gestade kommen.“ Also das Ausbleiben des Gewinnes ist die

Strafe (Tantalusqual!). Im übrigen hat schon Schiller in Nadowessiers

Totenlied treffend das indianische Jenseits geschildert. Dazwischen

liegen vermittelnde Ansichten, wie bei den Eskimo, daß die Seelen

der Guten in die warme Erde, die der Bösen in den eisigen Himmel

gelangen. Eine höchst interessante Umkehrung unserer Ansichten, die

aus der Natur des Landes sich erklärt, das die Eskimo bewohnen, und

Carus Sternes (Ernst Krauses) Warnung durchaus bestätigt, Mythen ohne

Rücksicht auf die Lebensverhältnisse zu erklären. Eine entsprechende

Umkehrung hat man bei den früheren Negersklaven in Amerika beobachtet.

Während der freie Neger in Afrika das frohe Jenseits im Westen sucht,

besteht für den amerikanischen Negersklaven dieses Jenseits im Osten,

in Afrika, und viele haben sich bei zu drückendem Joche getötet, um

nach Afrika zurückzugelangen und dort frei als Seelen zu leben (S. 43).

Es läßt sich nicht leugnen, daß manche Naturvölker strenge Bestrafung

der Bösen im Jenseits oder auf dem Wege dahin allerdings annehmen, und

Belohnung der Guten. Aber sie definieren Gut und Böse nach ihrer Art.

Und das kommt, wenn es wohl geht, auf tapfer und feige heraus, wie bei

den Germanen. Meist steht es mit dem „Gut“ nach unseren Begriffen sehr

übel. Dazu rechne man noch die selbstverständliche Bevorzugung der

Vornehmen auch im Jenseits, wovon eine Spur auch im Homer noch erhalten

ist, wo Achill im Hades, wenn auch Schatten, doch Übergeordneter der

Schatten ist, um Paradies und Hölle der Naturmenschen von denen der

Kulturmenschen erheblich zu scheiden. Doch kommt es gedanklich darauf

nicht an; die Idee entscheidet hier, nicht ihre Übereinstimmung mit

dem, was wir meinen.

Viel weniger als um das Schicksal der Seele nach dem Tode ist der

Naturmensch bekümmert um ihr Weilen vor dem Leben. Was mit der

Seelenwanderung zusammenhängt, werden wir später besprechen, da eine

solche bei den Naturvölkern nur so weit vorhanden ist, als die Seelen

an sich beliebig sich von einem Körper in einen anderen begeben können.

Aber selbst das genügt schon, um zu überzeugen, daß sie schon früher

auf Erden gewesen sind und nun zurückgekehrt seien. Darum erzählen

viele Sagen von Menschen, die im Jenseits geweilt haben, und dann

wieder zur Erde gelangt, eine vollständige Beschreibung des Jenseits

geben konnten. Manche solcher Beschreibungen verlaufen wie die von

Orpheus und Eurydike; so eine sehr anmutige Geschichte von einem

Indianer, der, da seine Geliebte starb, ihr in das Jenseits folgte,

aber durch den großen Geist wieder auf die Erde geschickt wurde. Und

irgendwo habe ich gelesen, daß es einem Europäer, der ein Negermädchen

zur Frau nahm, auf keine Weise gelang, ihr auszureden, sie sei nicht

schon früher unter gleichem Namen und unter gleichen Verhältnissen auf

der Erde gewesen. Das ist nicht die bekannte Metempsychose, sondern

eine dem Naturmenschen mehr passende ~Resurrektion~. Indessen kommen

die Seelen auch in anderer Weise zur Erde. Und zwar nach dem, was

Frobenius das Gesetz der Umkehrung nennt. Dieselben Mittel, die die

Seele ins Jenseits befördern, bringen sie auch auf die Erde. Also

sind namentlich Vögel zugleich Seelenbringer. Bei den Tonganern und

Samoanern bringt Tuli als Vogel die Seelen in die Menschenkörper, ja

sogar in Würmer. Die Neuseeländer erzählen, daß einst ein gewaltiger

Vogel sich auf das Meer senkte und dabei ein Ei fallen ließ; aus dem

kamen „ein alter Mann und eine alte Frau, ein Knabe und ein Mägdlein

mit Hund und Schwein in einem alten Kanoe hervor und landeten an der

Küste Neuseelands.“ Soviel lebende Kraft wohnt den Vögeln inne, daß

aus einem Vogel die ganze Erde samt allem Lebenden auf ihr hergestellt

wurde, erzählen Malaien auf Sumatra. Hierher gehört auch eine Sage bei

den Australiern, daß die Sonne ursprünglich ein Emuei gewesen sei.

Ein kleiner Vogel richtete es her und warf es in die Luft, da wurde

es hell. Darum dienen Vögel und ihr Blut zu Opfern und symbolischen

Handlungen, wo es sich um Belebung und Befruchtung handelt, so daß

sogar Fetischbilder, durch Versenken eines Huhnes in ihr Inneres, oder

durch Bestreichen mit Vogelblut -- man erinnere sich, daß im Blut

die Seele wohnt -- oder selbst durch Umwinden mit Vogelfedern belebt

werden. Brautleute werden in Afrika mit Vogelblut bestrichen, um sie

fruchtbar zu machen, und in Felder werden Vogeleier versenkt, daß sie

möglichst ertragfähig werden. Und an unseren Freund Storch darf nur

erinnert werden.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 64 / 108 题