Wir müssen zu den ursprünglichen Seelenansichten zurückkehren. Die
Seele bedingt das Leben des Körpers, außerhalb des Körpers kann sie
also nicht anders existieren, denn als lebend. Folglich lebt sie,
solange der Mensch oder ein anderes Wesen es zuläßt. Der Mensch kann
sie vernichten, indem er sie mit der Behausung, in der sie sich
befindet, etwa dem Blut, dem Herzen, der Niere, dem Auge usf. verzehrt.
Sie ist dann ganz in ihn aufgegangen, mit seiner Seele verschmolzen
oder auch von seiner Seele verzehrt. Aus dieser Ansicht haben viele
die Menschenfresserei erklären wollen, entweder, um seine eigene Seele
zu stärken, sich zum Fetisch einer verwandten Seele zu machen, oder
um schädliche und gefürchtete Seelen aus der Welt zu schaffen. Ein
zweites Verfahren beruht auf Vernichtung des Körpers durch tiefes
Vergraben oder Verbrennen, solange die Seele noch in ihm weilt, wenn
auch nicht mehr aktiv. Ein drittes endlich läßt Seelen verkommen,
indem ihnen die Bedürfnisse nicht gereicht werden, deren sie nicht
entbehren können, wie Behausung, Speise und Trank. Die Umkehrung
bedeutet die Konservierung der Seele, indem für ihre Bedürfnisse
ständig gesorgt wird. Die harmlose Form ist, wenn ihr Behausung, Speise
und Trank geboten werden. Und wir wissen, daß diese Form, vollständig
oder unvollständig, bewußt oder unbewußt, bis weit in hohe Kulturen
hinein zur Anwendung gelangt, bei den Naturvölkern aber jeder Seele,
die erhalten werden soll, oder die man sich geneigt machen will,
unmittelbar geboten wird. Noch klingt es harmlos, wenn dem Toten Gerät
und Schmuck in das Grab getan wird, zum Gebrauch für seine Seele, und
wenn man die Behausung seiner Behausung auf Erden anpaßt, in Form
einer Höhle, einer Hütte, eines Palastes, eines Tempels, wie eben die
Seele, da der Körper noch lebte, es gewohnt war. Beispiele sind auf
der ganzen Erde verbreitet, von niedrigen Löchern und Hütten bis zu
den Prunkbauten und Prunkeinrichtungen bei den Etruskern, Ägyptern,
Chinesen u. a. Nun aber wird dem Toten auch Lebendes beigegeben,
dessen seine Seele im Leben bedurfte, und hierin kennt die Konsequenz
des Naturmenschen keine Grenze, außer dem Egoismus, der ihn hindert,
alles fortzugeben. Tiere, Sklaven, Frauen, gefangene Feinde werden,
lebend oder vorher getötet, mit begraben oder auf dem Scheiterhaufen
mit dem Toten verbrannt. Je höherstehend der Verstorbene, desto
umfangreicher diese Gaben; bei dem Tode eines Häuptlings wird Jagd nach
Menschen gemacht, um die Gabe so groß als möglich zu gestalten. Mit
einer armen Polyxena wie Achill würde sich ein Dahomeerhäuptling nicht
begnügt haben, hier ging die Zahl der Schlachtopfer in die Hunderte
und mehr. Und wie entsetzlich klingt, was Herodot von den Totengaben
bei den Skythen erzählt und was wir auch von Germanen, Slawen, Kelten
u. a. wissen. Die Seele sollte möglichst viele Seelen zum Genuß, zur
Bedienung und als Gefolge bekommen.
Schwer kann das mit einer Ansicht verbunden werden, daß die Seele
immer auf Erden verbleibt und im Grabe Hof hält oder in der Luft
umherschwirrt oder gar in einen Fetisch fährt. Und so sehen wir in
der Tat die Naturvölker, wenn auch einige wirklich glauben, die
Seelen blieben auf der Erde so lange, bis diese selbst untergeht, im
allgemeinen doch auch zu Aufenthaltsorten für Seelen greifen, die
nicht der Erde selbst angehören. Und dazu eigneten sich vor allem
Sonne und Mond und dann die Gestirne. Es ist daher ganz richtig, wenn
gemeint wird, daß auch diese Himmelskörper als Fetische betrachtet
und entsprechend verehrt werden (S. 39 ff.). Hier dürfen wir schon
von einem „Jenseits“ sprechen. Aber Naturvölker kennen ein Jenseits
überhaupt, entweder als Totenstadt, oder als Unterwelt, oder als Welt
hinter dem Horizont, oder über dem Himmel. Totenstädte haben z. B. die
Dajaks auf Borneo. Die Erweiterung wären Totenländer. Und Frobenius
sagt: „Das Totenland liegt nicht nur sehr oft da, woher einst der
Stamm kam, sondern die Ereignisse auf der Seelenreise entsprechen den
Vorgängen der einstigen Wanderung. So ziehen die Seelen dieser Völker
(der Ozeanier), die einst zu Boot über den Ozean kamen, im Kahne über
das Wasser hin in das Land der Seligen.“ Darum, meint der Genannte,
werden in Ozeanien die Toten häufig in Kanoes bestattet, was übrigens
auch von Indianern bekannt ist. Grimm führt in seiner „Deutschen
Mythologie“ an, daß die Asen „Balders Leiche auf ein Schiff brachten,
in dem Schiff den Scheiterhaufen errichteten, anzündeten und so der
flutenden See überließen.“ Und die Nordgermanen verbrannten noch im
zehnten Jahrhundert ihre toten Seehelden auf dem Schiffe. Auch bei
den Russen wird von einem Falle erzählt, wo ein Vornehmer in einem
Kahne verbrannt wurde, und mit ihm, außer Pferden und Hunden, auch
Mädchen verbrennen mußten. Ein unruhiger Störenfried, ein lästiger
Geist wird von den Nikobaren im Geisterkorbe eingefangen, dieser auf
ein Geisterschifflein gelegt und in die See hinausgerudert. Charons
Totenkahn und das ägyptische Totenschiff sind ja bekannt. Indessen
werden Seelen in das Jenseits namentlich auch von Vögeln befördert, ein
Glaube, der auch den Griechen bekannt war, deren Harpyien und Sirenen
Totenvögel (oder Seelenvögel) sind, wie selbst der Hahn bei ihnen
Totenvogel sein kann. Die Griechen haben den Totenvogel allmählich zum
Teil vermenschlicht, indem sie ihm zuerst menschliche Extremitäten,
später umgekehrt einen menschlichen Kopf, mitunter von wunderbarer
Schönheit, gaben. Die Naturvölker sind bei der einfachen Vogelgestalt
geblieben, indessen doch oft unter Beimischung von etwas Menschlichem.
Ist Yelch, der Rabe, ein Totenvogel der Nordwestamerikaner, wie
Frobenius meint, so kann es auch ein Mensch in Vogelkleidung sein
(S. 62). Andererseits holt Maui die Seelen der Vornehmen in die
Sonne. Er wird aber mit Vögeln in Verbindung gebracht, da er sich
auf seinen Fahrten so oft in einen Vogel, wie in ein anderes Tier,
verwandelt. Ich stelle zwei Abbildungen nebeneinander, eine griechische
„Harpyie“ oder „Sirene“ mit einer Seele als εἴδωλον auf dem Arme und
einen nordwestindianischen Totenvogel, einen Mann und dessen ihm aus
dem Munde entfliehende Seele tragend. Die Seele ist auf letzterer
Darstellung als Schlange (S. 45) wiedergegeben, die aus dem Munde des
Mannes gleitet. Totenkähne sind auch in Afrika bekannt. Nach der Sage
der Ewe an der Nordguineaküste werden die Toten von Fährgeistern über
den Fluß Volta gesetzt. Auf Totenvögel dagegen kann man nur aus den
Opferungen von Hahn und Henne bei allen Totenfesten und bei manchen
Fetischfeiern schließen. Den Australiern ist die Krähe Totenvogel, vom
Totenkahn wissen sie gleichfalls einiges. Übrigens bringt Frobenius
Totenkahn und Totenvogel in Verbindung, indem er nachweist, daß
Totenkähne nicht selten mit Vogelschnäbeln und Vogelattributen versehen
sind.
[Illustration]
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Allein, wo ist das Totenland des Jenseits? Frobenius meint, die Seele
zieht der Sonne nach, wie bei den Ägyptern. Demnach wäre das Jenseits
im Sonnenuntergangsland. Aber wie erwähnt, ist auch die Sonne selbst
Seelenaufenthalt, so nach der Sage der Tahitier und Buschmänner.
Barotse sollen Livingstone einen Hof um die Sonne folgendermaßen
erklärt haben: „Die Bavimo (Seelen) halten ein Pitscho (Versammlung)
ab; siehst du nicht den Herrn (die Sonne) in der Mitte?“ „Wenn
Sonnenschein von Regen begleitet wird, sagen die Dahomeer, die Seelen
zögen zu Markte.“ Nach den Ewe soll das Totenland eine Sandebene am
Flusse Volta sein. Manche Indianerstämme setzen das Totenland weit im
Westen an. Jede Seele wird an der Grenze von ihren Verwandten und
Stammesgenossen erwartet und findet im Lande reichlich Wild zum Jagen
und Flüsse zum Fischen. Andere wieder lassen die Seelen als Vögel
die Milchstraße entlang ziehen, und nehmen ihren Aufenthalt über dem
Himmel an. Die Melanesier nennen das Totenland Mbulu und beschreiben
die Schicksale der Seele auf ihrer Wanderung dahin. Die Damen wird
es interessieren, daß die Seelen Unverheirateter es ganz besonders
schlecht dabei haben; ein Totengeist Nangga-Nangga hebt sie hoch und
schleudert sie gegen einen Felsen, daß sie zerschellen. Aber weniger
angenehm wird es sie berühren, daß darum auf den Fidschiinseln die
Witwe erdrosselt wurde, damit sie sogleich mit ihrem Manne gehen
konnte. Der Mann, wenn seine Frau starb, gab ihr als Beweis der
Frauenschaft einen Teil seines Bartes unter die Achselhöhle mit. In
das eigentliche Jenseits gelangt die Seele durch Schwimmen oder in
einem unsichtbaren Kahn. Doch gelingt dieses fast nur den Seelen der
Vornehmen, die der misera plebs gehen auf dem langen gefahrvollen
Wege unter oder kehren zurück zur Erde, um hier planlos herum zu
irren. Auch bei germanischen Stämmen geht es ins Jenseits über ein
Wasser. Jakob Grimm führt mehrere Beispiele dafür in seiner „Deutschen
Mythologie“ an. Eine schwedische Volkssage weiß von einem goldenen
Schiff, das in Runemad beim Schlüsselberge versenkt liege, und auf
dem Odhin die Erschlagenen von Bravalla nach Walhall geführt haben
soll. Ein Unbekannter nimmt Sinfiöltis, Siegmunds Sohn, Leiche in
einen Kahn und fährt davon. Franken glauben, daß das Totenland im
(jetzigen) Britannien liegt, wohin die Seelen der Verstorbenen von den
Uferanwohnern übergefahren werden, die dafür von allen Abgaben befreit
sind. Die Fährleute sehen niemand, merken nur ihre Kähne voll, wenn sie
um Mitternacht abstoßen. Angekommen fühlen sie die Kähne allmählich
entlastet und hören eine Stimme jedem einzelnen Namen und Vaterland
abfragen. Derartige Sagen müssen auch bei den Kelten bekannt gewesen
sein, da noch gegenwärtig anklingende Erzählungen in der Bretagne in
Umlauf sind. Aus dem keltischen Artuskreise bittet im Lanzelot vom See
die Demoiselle d’Escalot „que son corps fût mis en une nef, richement
équippée, que l’on laisserait aller au gré du vent sans conduite.“ Ich
habe dieses gleich hier angeführt, weil ich mich später darauf berufen
will. Die griechische Sage von der Überfahrt auf Charons Nachen gehört,
glaube ich, nicht ganz in diesen Kreis, da die Überfahrt schon in der
Unterwelt, wenn auch noch vor dem Seelenaufenthalt, geschieht.
Ganz abweichend davon, aber wiederum mit anderen weitverbreiteten
Anschauungen über den Seelenaufenthalt in den großen Zügen in Einklang
stehend, ist was Bastian von dem Jenseits der Maori erzählt, und was
sich fast wie eine abgekürzte Dantische Höllenbeschreibung liest.
Die Erde besteht, wie schon bemerkt, aus zehn Schichten. Die oberste
Schicht ist die Erde selbst. Die folgende Schicht gehört dem Reiche
der Wurzeln und Knollen. Mit der dritten Schicht, Reinga, wo auch die
Nachtgöttin Hine-nui-te-po weilt, hebt das eigentliche Totenreich an.
Bis dahin sind die Seelen noch lebens- und empfindungsfähig und können
zur Erde zurück und dort noch viel Unheil anrichten. Aber nun beginnen
die Kräfte mehr und mehr zu schwinden. In der fünften schon kann die
Seele zu einem bleichen Schatten geworden sein, alsdann fällt sie der
rachsüchtigen Göttin Rohe, ursprünglich Mauis Gemahlin, zur Beute und
wird getötet. Kann sie noch entkommen, so gelangt die Seele mit immer
weiter abnehmenden Kräften in die sechste, siebente Schicht. Wenige
taumeln in die achte Schicht, wo sie zum Teil vom Gotte Meru vernichtet
werden, noch weniger in die neunte, um von da in die letzte Schicht
Meto = Verwesungsgestank zu stürzen, wo alles endet. „Das waren die
Aussichten nach dem Tode, also noch trauriger als sie Odysseus bei
seinen Waffengefährten im Hades fand“, sagt Bastian. Der Eingang zu
dieser Unterwelt befand sich auf der Nordinsel von Neuseeland, im
Nordkap, der Weg soll wieder westwärts führen. Freundlicher sehen
selbst die Australier das Jenseits an, die Guten ziehen zu den guten
Geistern, die Bösen zu den bösen. Oder die Seelen sitzen auf Bäumen
oder weilen in einer Höhle. Bei den unkultivierten Malayen führt der
Weg in das Jenseits über oder unter Meer, und sie müssen mit Waffen und
Gefolge und mit Bestechungsmitteln ausgerüstet sein, um die Gefahren
von Geistern und Höllenhunden besiegen zu können, ehe sie in das
Paradies gelangen. Oder, die eines natürlichen Todes sterben, gehen
nach Norden und bleiben dort in einem Walde, „dessen Bäume sich beim
Einbruch der Dunkelheit in Hütten verwandeln.“ Dort leben sie „aus den
unsichtbaren Bestandteilen der Tiere, aus Reis und den Opfergaben der
Verwandten“, letzteres wie überall. Die eines unnatürlichen Todes, im
Kampfe oder während der Entbindung Gestorbenen kommen zu den Göttern.
Fassen wir die Frage vom Schicksal der Seele nach dem Tode ethisch
auf, so muß es auffallen, wie verschieden die Antworten sind. Dem
absolut Hoffnungs- und Freudlosen der Maori steht das fast Vergnügliche
der Indianer gegenüber. „Soviel scheint festzustehen,“ sagt Spieß in
seinem umfangreichen Werke „Vorstellungen vom Zustande nach dem Tode“,
„daß alle Elemente von Schrecken oder Furcht vor der anderen Welt der
ursprünglichen Religion der Indianer fremd waren. Nur einzelne Spuren
einer notwendigen oder vermutlichen Reinigung und Vergeltung finden
sich. Meist aber besteht der Unterschied zwischen Guten und Bösen
nur darin, daß jene ohne alle Schwierigkeit über den See oder Fluß
gelangen, welchen man vor dem Betreten der anderen Welt passieren muß,
diese entweder in dem Wasser untergehen oder bis zum Kinn in das Wasser
sinken, wo sie in alle Ewigkeit vergeblich das nahe lockende Gestade
zu erreichen sich abquälen, oder aber, daß sie erst nach schwerem
Ringen an das Gestade kommen.“ Also das Ausbleiben des Gewinnes ist die
Strafe (Tantalusqual!). Im übrigen hat schon Schiller in Nadowessiers
Totenlied treffend das indianische Jenseits geschildert. Dazwischen
liegen vermittelnde Ansichten, wie bei den Eskimo, daß die Seelen
der Guten in die warme Erde, die der Bösen in den eisigen Himmel
gelangen. Eine höchst interessante Umkehrung unserer Ansichten, die
aus der Natur des Landes sich erklärt, das die Eskimo bewohnen, und
Carus Sternes (Ernst Krauses) Warnung durchaus bestätigt, Mythen ohne
Rücksicht auf die Lebensverhältnisse zu erklären. Eine entsprechende
Umkehrung hat man bei den früheren Negersklaven in Amerika beobachtet.
Während der freie Neger in Afrika das frohe Jenseits im Westen sucht,
besteht für den amerikanischen Negersklaven dieses Jenseits im Osten,
in Afrika, und viele haben sich bei zu drückendem Joche getötet, um
nach Afrika zurückzugelangen und dort frei als Seelen zu leben (S. 43).
Es läßt sich nicht leugnen, daß manche Naturvölker strenge Bestrafung
der Bösen im Jenseits oder auf dem Wege dahin allerdings annehmen, und
Belohnung der Guten. Aber sie definieren Gut und Böse nach ihrer Art.
Und das kommt, wenn es wohl geht, auf tapfer und feige heraus, wie bei
den Germanen. Meist steht es mit dem „Gut“ nach unseren Begriffen sehr
übel. Dazu rechne man noch die selbstverständliche Bevorzugung der
Vornehmen auch im Jenseits, wovon eine Spur auch im Homer noch erhalten
ist, wo Achill im Hades, wenn auch Schatten, doch Übergeordneter der
Schatten ist, um Paradies und Hölle der Naturmenschen von denen der
Kulturmenschen erheblich zu scheiden. Doch kommt es gedanklich darauf
nicht an; die Idee entscheidet hier, nicht ihre Übereinstimmung mit
dem, was wir meinen.
Viel weniger als um das Schicksal der Seele nach dem Tode ist der
Naturmensch bekümmert um ihr Weilen vor dem Leben. Was mit der
Seelenwanderung zusammenhängt, werden wir später besprechen, da eine
solche bei den Naturvölkern nur so weit vorhanden ist, als die Seelen
an sich beliebig sich von einem Körper in einen anderen begeben können.
Aber selbst das genügt schon, um zu überzeugen, daß sie schon früher
auf Erden gewesen sind und nun zurückgekehrt seien. Darum erzählen
viele Sagen von Menschen, die im Jenseits geweilt haben, und dann
wieder zur Erde gelangt, eine vollständige Beschreibung des Jenseits
geben konnten. Manche solcher Beschreibungen verlaufen wie die von
Orpheus und Eurydike; so eine sehr anmutige Geschichte von einem
Indianer, der, da seine Geliebte starb, ihr in das Jenseits folgte,
aber durch den großen Geist wieder auf die Erde geschickt wurde. Und
irgendwo habe ich gelesen, daß es einem Europäer, der ein Negermädchen
zur Frau nahm, auf keine Weise gelang, ihr auszureden, sie sei nicht
schon früher unter gleichem Namen und unter gleichen Verhältnissen auf
der Erde gewesen. Das ist nicht die bekannte Metempsychose, sondern
eine dem Naturmenschen mehr passende ~Resurrektion~. Indessen kommen
die Seelen auch in anderer Weise zur Erde. Und zwar nach dem, was
Frobenius das Gesetz der Umkehrung nennt. Dieselben Mittel, die die
Seele ins Jenseits befördern, bringen sie auch auf die Erde. Also
sind namentlich Vögel zugleich Seelenbringer. Bei den Tonganern und
Samoanern bringt Tuli als Vogel die Seelen in die Menschenkörper, ja
sogar in Würmer. Die Neuseeländer erzählen, daß einst ein gewaltiger
Vogel sich auf das Meer senkte und dabei ein Ei fallen ließ; aus dem
kamen „ein alter Mann und eine alte Frau, ein Knabe und ein Mägdlein
mit Hund und Schwein in einem alten Kanoe hervor und landeten an der
Küste Neuseelands.“ Soviel lebende Kraft wohnt den Vögeln inne, daß
aus einem Vogel die ganze Erde samt allem Lebenden auf ihr hergestellt
wurde, erzählen Malaien auf Sumatra. Hierher gehört auch eine Sage bei
den Australiern, daß die Sonne ursprünglich ein Emuei gewesen sei.
Ein kleiner Vogel richtete es her und warf es in die Luft, da wurde
es hell. Darum dienen Vögel und ihr Blut zu Opfern und symbolischen
Handlungen, wo es sich um Belebung und Befruchtung handelt, so daß
sogar Fetischbilder, durch Versenken eines Huhnes in ihr Inneres, oder
durch Bestreichen mit Vogelblut -- man erinnere sich, daß im Blut
die Seele wohnt -- oder selbst durch Umwinden mit Vogelfedern belebt
werden. Brautleute werden in Afrika mit Vogelblut bestrichen, um sie
fruchtbar zu machen, und in Felder werden Vogeleier versenkt, daß sie
möglichst ertragfähig werden. Und an unseren Freund Storch darf nur
erinnert werden.