11. ~Geister- und Dämonenglaube, Götzendienst.~

Ein unmittelbares Kind des Seelenglaubens ist der ~Geister~- und

~Dämonenglaube~. Geister und Dämonen sind die Seelen abgeschiedener

Menschen oder Tiere. Ist es gelungen, diese Seelen an Gegenstände, tote

oder Lebewesen, zu bannen, so hat man die Fetische, die um so wichtiger

sind, je bedeutender die Seele. Häuptlinge und Priester können

erklären, in den und den Gegenstand sei eine besonders wichtige Seele

gefahren oder gebannt. Der Gegenstand ist dann ~Tabu~, unberührbar

und unnahbar, die bekannte Plage der ozeanischen Stämme. Gegenstände,

namentlich menschliche Figuren, aber auch Tiere und tierische Figuren,

werden besonders gerne zum Sitz einer Seele genommen, und ist die Seele

von einiger Bedeutung, so haben wir ein ~Götzenbild~ als Fetisch.

Götzenbilder sind räumlich und zeitlich außerordentlich verbreitet

und finden sich selbst gegenwärtig sogar bei den Kulturnationen. Sie

entstammen aber der menschlichen Eigenheit, alles materiell zu fassen.

Und es mag noch so oft gesagt werden, Männer und Frauen in katholischen

Ländern sollen durch bekleidete und gekrönte Marien- und Heiligenbilder

nur an die hohe Gottesmutter und an Menschen frommsten Lebenswandels

erinnert werden, so faßt das einfache Volk die Sache doch anders auf,

wenn auch nicht so wie der Neger oder der Gesellschaftsinsulaner,

der sein Götzenbild absolut sich dienstbar erachtet und es mit einer

rohen Seele versieht, die unter Umständen gezwungen werden muß,

Dienste zu leisten, aber doch immerhin beseelt. Wie sollten sonst die

Wunderbilder, die als solche Wunder tun oder die gar Lebensäußerungen

von sich geben, wie Weinen, Zunicken, Blutschwitzen zu erklären

sein, von den Hostien, deren Lebensäußerungen so unendlich vielen

unschuldigen Menschen den qualvollsten Tod gebracht haben, zu

schweigen, die nicht einmal menschliche Figur nachahmen. Es kann kaum

anderes angenommen werden, als daß für den Unaufgeklärten in allen

diesen Dingen sich mindestens die Kraft der Gottheit oder des Heiligen

kundgibt, zumal es sich ja immer um ~besondere~ solche Dinge handelt,

nicht um alle. Anhänger der Lehre, daß alle Religion aus dem Seelenkult

in Verbindung mit Fetischglaube hervorgegangen ist, würden sogar

sagen, daß angenommen wird, die Kraft ~stecke~ in den betreffenden

Dingen. Das geht sicher zu weit, selbst für das Mittelalter; es handelt

sich nur um eine Manifestation, nicht um Götzendienst im Sinne des

Naturmenschen. Ob aber der Molochdienst der Phönizier und Karthager,

der Çiva- und Kalidienst der Indier, der ursprüngliche Götterdienst

der Griechen und Römer, der Tierdienst der alten Ägypter, der Baum-

und Bilderdienst der alten Germanen, Kelten, Littauer, Preußen, Slawen

von jenem Götzendienst sehr weit entfernt gewesen ist, darf mit Recht

bezweifelt werden. Tylor macht darauf aufmerksam, wie trotz der

allgemeinen Verbreitung der Götzendienst doch manchen Völkern fehlt,

während die ganze Umgebung ihm huldigt. Das bekannteste Beispiel ist

das der Hebräer, denen ja selbst die Anfertigung eines Götzenbildes

verboten war. Aber wie sehr Fetischgötzendienst im Blute des Menschen

liegt, sehen wir ja gerade an den Hebräern. Was haben die gewaltigen

Seher und Propheten predigen und eifern müssen, um das Volk vom

Götzendienst abzuhalten, und wie viele Rückfälle in diesen Dienst sind

zu verzeichnen! Die lebhafteste Schilderung haben wir im Buch der

Richter vom Götzendienst im Hause des Micha, der sogar einen Leviten

zum Priester der Götzenbilder anstellt, sodann in der Anbetung des

goldenen Kalbes mit ihrem so verhängnisvollen Ergebnis für das Volk.

Aber nach dem Exil finden wir keine Spur von Götzendienst mehr vor, und

wie zuwider und verhaßt dieser Dienst dem Volke war, sehen wir an der

Heldenzeit der Makkabäer in der Empörung selbst gegen den veredelten

Bilderdienst der Griechen. Und unmittelbar neben diesem Hebräervolk

sitzt das ihm doch verschwisterte und dabei götzendienerischeste Volk

der Phönizier und im Süden hausen die tatsächlich Fetische anbetenden

Araber und im Osten die, trotz unserer Babylonier, götzendienerischen

Mesopotamier. Als zweites Beispiel werden die Götzendiener der

Gesellschaftsinseln und die vom Götzendienst freien Bewohner der

Tonga- und Fidschiinseln genannt. Selbst Religionen, die überhaupt

nicht auf Götterverehrung basieren, wie der Buddhismus, haben zuletzt

doch zu ~Idolatrie~ und Fetischismus geführt, sobald sie zu Völkern

gelangten, die die hohen Lehren nicht begriffen und nur das aufnahmen,

was ihrem, ich möchte fast sagen, Wildeninstinkt entsprach. So ist

die edle Lehre Gotamas bei Tibetanern und Mongolen zu einem elenden

Götzendienst herabgesunken, mit Geister- und Hexenwesen und allem

möglichen Beschwörungsunfug. In China ist ein Götze nach einem Prozeß

gegen ihn aus einer Provinz ausgetrieben worden, weil er einem Mädchen

durch seinen Priester Heilung versprach und das arme Wesen dennoch

starb. Mir fällt ein amüsantes Histörchen aus Herodot ein. Der joviale

Vater der Geschichte erzählt, die Männer von Kaunos, der Vaterstadt des

großen Malers Protogenes, hätten von ihren Göttern manches erfleht,

aber es nicht erhalten. Da seien sie mit Lanzen und Schwertern in

den Tempel gestürzt und hätten mit Schreien und Herumstechen in der

Luft die Götter aus dem Tempel gejagt, seien in gleicher Weise hinter

ihnen her gerannt, bis sie sie über ihre Grenze gescheucht hätten.

Dann hätten sie neue Götter in den Tempel geladen. Als es aber unter

diesen nicht besser wurde, hätten sie auch diese hinausgetrieben

und ihre alten Götter zurückgeholt. Völlig negermäßig! Und ähnliche

Beispiele gibt es in großer Zahl bei Griechen, Römern und anderen

Völkern, wenn auch nicht so ganz naturnaiv. Sehr lehrreich ist, was

Curtis in seinem lesenswerten Buche „Ursemitische Religion“ von den

mohammedanischen Stämmen in Syrien und den angrenzenden Gebieten

erzählt. Bei vielen dient Mohammeds Lehre kaum als Deckmantel für einen

Heiligen-Fetischglauben. Die Heiligen, Weli, können in Gräbern -- die

große Zahl solcher in allen mohammedanischen Ländern ist ja bekannt

-- leben, aber auch in Bäumen, Felsen, Steinen, Quellen, Wassern

usf. „Theoretisch,“ sagt der genannte Verfasser -- und er beruft sich

auch auf den bekannten Palästinaforscher Conder -- „werden sie in

Verbindung mit Gott verehrt; tatsächlich jedoch kennen viele Leute

keinen anderen Gott als sie. Sie sind die Gottheiten, welche das Volk

fürchtet, liebt, verehrt und anbetet.“ Ein frommer Moslem erzählte,

sein Schutzpatron sei in einen in Asâl befindlichen Stein gefahren. Und

Steine als Aufenthalt scheinen überhaupt bei den Weli nicht unbeliebt

zu sein, namentlich irgend bemerkenswerte, wie Pfeiler, Denksteine usf.

Curtis erinnert daran, daß auch im Alten Testament Steine mitunter eine

besondere Rolle spielen, wie der Stein Jakobs, auf dem sein Haupt bei

dem schönen Traum geruht hatte und den er salbte und ein Haus Gottes

nannte. Auch Bäume sind in obigem Sinne heilig. „Offenbar sind nach

dem Volksglauben heilige Bäume Stätten der Offenbarung von Geistern.“

„In solchen Bäumen wird Fleisch aufgehängt, gleichsam die Nahrung für

die darin wohnhaften Geister.“ Besonders seltsam sind die Gewässer,

in denen Heilige wohnen. Sie werden namentlich von Frauen aufgesucht,

welche unfruchtbar sind und glauben, daß wenn sie sich dem Wassergeist

ergaben, sie fruchtbar werden. Sie legen sich darum in den Wasserlauf

und lassen die Fluten über ihren Schoß spülen. Daß es sich hier um

etwas anderes handelt als Baden, erhellt aus folgender sonderbaren

Erzählung Curtis’. Ein reicher Moslem in Damaskus hatte seine Frau im

Zorn verstoßen und die dreifache Scheidung ausgesprochen. Bald tat

es ihm leid, er konnte sie aber nach dem Gesetz nunmehr nicht wieder

heiraten, bevor sie nicht mit einem anderen vermählt gewesen und von

ihm geschieden war, oder bevor sie nicht wenigstens einem anderen sich

hingegeben hatte. Die mohammedanischen Ulemas wußten ihm nicht zu

helfen. Aber der Patriarch (!) gab ihm den Rat, die Frau sollte sich

in den Rásadafluß niederlegen, „sich vom Wasser umspülen lassen und

so eine Ehe vollziehen; dann könne er sie wieder heimführen. Damit

erklärten sich auch die Ulemas einverstanden.“ Einen viel anderen

Rat als hier erste Priester zweier hoher Religionen gaben, würde ein

Medizinmann Afrikas auch nicht gegeben haben. Selbst die Bestechung

fehlt hier nicht, wobei es ganz handelsmäßig zugeht, indem dem

Heiligenbild mehr und mehr geboten wird, wenn es anscheinend nicht in

der Laune ist, den Wunsch zu gewähren.

Je bedeutender die Seele, desto höher wertet, wie bemerkt, der

Fetischgötze, in dem sie wohnte. Und so konnten Häuptlingsseelen Götzen

für ein ganzes Volk abgeben, so daß manche Volksgötzen nach Häuptlingen

benannt sind, wie auch umgekehrt Häuptlinge nach Götzen. So müßte die

Bevölkerung des Olymps der Naturmenschen ins Ungemessene wachsen, wenn

nicht durch Vergessen oder absichtliches Entfernen für Abgang gesorgt

würde. Es ist bekannt, daß der Messenier Euemeros zur Zeit Alexanders

behauptete -- was übrigens andere schon vor ihm angenommen hatten --,

die griechischen Götter seien lediglich vergötterte Fürsten und Helden.

Er ist wegen dieser öden Ansicht viel angefeindet worden und wird, mit

bezug auf die griechischen Götter, die wir kennen, auch im Unrecht

sein. Daß aber Götter ursprünglich solche Fetischgötzen von Häuptlingen

sein können, wird man kaum bezweifeln dürfen, und die griechischen

Sagen tragen selbst viel dazu bei, ihren Göttern Menschenursprung

zuzuschreiben. Bei den Naturvölkern aber sind solche Vergötterungen

selbstverständlich. Der Häuptling ist der mächtigste im Stamm, er kann

zu Lebzeiten Gutes und Übles, und namentlich letzteres, zufügen. Also

muß seine Seele der gleichen Art sein, und der Gegenstand, in dem sie

wohnt, ein Menschenbild, ein Tierbild oder auch ein lebendes Tier,

durch sie besondere Kraft besitzen, gleichfalls Gutes und namentlich

Übles anzustiften, und muß durch Opfer, oft sogar Menschenopfer,

bei guter Laune erhalten werden. Selbst in Menschen kann die Seele

einziehen, dann fallen diese in Raserei. So erzählt Stuhlmann von den

Waganda. Er erwähnt auch, daß, wenn ein Priester stirbt, bald sich

jemand zu seinem Nachfolger aufwirft, indem er behauptet, jenes Seele

sei in ihn gefahren.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 62 / 108 题