Ein unmittelbares Kind des Seelenglaubens ist der ~Geister~- und
~Dämonenglaube~. Geister und Dämonen sind die Seelen abgeschiedener
Menschen oder Tiere. Ist es gelungen, diese Seelen an Gegenstände, tote
oder Lebewesen, zu bannen, so hat man die Fetische, die um so wichtiger
sind, je bedeutender die Seele. Häuptlinge und Priester können
erklären, in den und den Gegenstand sei eine besonders wichtige Seele
gefahren oder gebannt. Der Gegenstand ist dann ~Tabu~, unberührbar
und unnahbar, die bekannte Plage der ozeanischen Stämme. Gegenstände,
namentlich menschliche Figuren, aber auch Tiere und tierische Figuren,
werden besonders gerne zum Sitz einer Seele genommen, und ist die Seele
von einiger Bedeutung, so haben wir ein ~Götzenbild~ als Fetisch.
Götzenbilder sind räumlich und zeitlich außerordentlich verbreitet
und finden sich selbst gegenwärtig sogar bei den Kulturnationen. Sie
entstammen aber der menschlichen Eigenheit, alles materiell zu fassen.
Und es mag noch so oft gesagt werden, Männer und Frauen in katholischen
Ländern sollen durch bekleidete und gekrönte Marien- und Heiligenbilder
nur an die hohe Gottesmutter und an Menschen frommsten Lebenswandels
erinnert werden, so faßt das einfache Volk die Sache doch anders auf,
wenn auch nicht so wie der Neger oder der Gesellschaftsinsulaner,
der sein Götzenbild absolut sich dienstbar erachtet und es mit einer
rohen Seele versieht, die unter Umständen gezwungen werden muß,
Dienste zu leisten, aber doch immerhin beseelt. Wie sollten sonst die
Wunderbilder, die als solche Wunder tun oder die gar Lebensäußerungen
von sich geben, wie Weinen, Zunicken, Blutschwitzen zu erklären
sein, von den Hostien, deren Lebensäußerungen so unendlich vielen
unschuldigen Menschen den qualvollsten Tod gebracht haben, zu
schweigen, die nicht einmal menschliche Figur nachahmen. Es kann kaum
anderes angenommen werden, als daß für den Unaufgeklärten in allen
diesen Dingen sich mindestens die Kraft der Gottheit oder des Heiligen
kundgibt, zumal es sich ja immer um ~besondere~ solche Dinge handelt,
nicht um alle. Anhänger der Lehre, daß alle Religion aus dem Seelenkult
in Verbindung mit Fetischglaube hervorgegangen ist, würden sogar
sagen, daß angenommen wird, die Kraft ~stecke~ in den betreffenden
Dingen. Das geht sicher zu weit, selbst für das Mittelalter; es handelt
sich nur um eine Manifestation, nicht um Götzendienst im Sinne des
Naturmenschen. Ob aber der Molochdienst der Phönizier und Karthager,
der Çiva- und Kalidienst der Indier, der ursprüngliche Götterdienst
der Griechen und Römer, der Tierdienst der alten Ägypter, der Baum-
und Bilderdienst der alten Germanen, Kelten, Littauer, Preußen, Slawen
von jenem Götzendienst sehr weit entfernt gewesen ist, darf mit Recht
bezweifelt werden. Tylor macht darauf aufmerksam, wie trotz der
allgemeinen Verbreitung der Götzendienst doch manchen Völkern fehlt,
während die ganze Umgebung ihm huldigt. Das bekannteste Beispiel ist
das der Hebräer, denen ja selbst die Anfertigung eines Götzenbildes
verboten war. Aber wie sehr Fetischgötzendienst im Blute des Menschen
liegt, sehen wir ja gerade an den Hebräern. Was haben die gewaltigen
Seher und Propheten predigen und eifern müssen, um das Volk vom
Götzendienst abzuhalten, und wie viele Rückfälle in diesen Dienst sind
zu verzeichnen! Die lebhafteste Schilderung haben wir im Buch der
Richter vom Götzendienst im Hause des Micha, der sogar einen Leviten
zum Priester der Götzenbilder anstellt, sodann in der Anbetung des
goldenen Kalbes mit ihrem so verhängnisvollen Ergebnis für das Volk.
Aber nach dem Exil finden wir keine Spur von Götzendienst mehr vor, und
wie zuwider und verhaßt dieser Dienst dem Volke war, sehen wir an der
Heldenzeit der Makkabäer in der Empörung selbst gegen den veredelten
Bilderdienst der Griechen. Und unmittelbar neben diesem Hebräervolk
sitzt das ihm doch verschwisterte und dabei götzendienerischeste Volk
der Phönizier und im Süden hausen die tatsächlich Fetische anbetenden
Araber und im Osten die, trotz unserer Babylonier, götzendienerischen
Mesopotamier. Als zweites Beispiel werden die Götzendiener der
Gesellschaftsinseln und die vom Götzendienst freien Bewohner der
Tonga- und Fidschiinseln genannt. Selbst Religionen, die überhaupt
nicht auf Götterverehrung basieren, wie der Buddhismus, haben zuletzt
doch zu ~Idolatrie~ und Fetischismus geführt, sobald sie zu Völkern
gelangten, die die hohen Lehren nicht begriffen und nur das aufnahmen,
was ihrem, ich möchte fast sagen, Wildeninstinkt entsprach. So ist
die edle Lehre Gotamas bei Tibetanern und Mongolen zu einem elenden
Götzendienst herabgesunken, mit Geister- und Hexenwesen und allem
möglichen Beschwörungsunfug. In China ist ein Götze nach einem Prozeß
gegen ihn aus einer Provinz ausgetrieben worden, weil er einem Mädchen
durch seinen Priester Heilung versprach und das arme Wesen dennoch
starb. Mir fällt ein amüsantes Histörchen aus Herodot ein. Der joviale
Vater der Geschichte erzählt, die Männer von Kaunos, der Vaterstadt des
großen Malers Protogenes, hätten von ihren Göttern manches erfleht,
aber es nicht erhalten. Da seien sie mit Lanzen und Schwertern in
den Tempel gestürzt und hätten mit Schreien und Herumstechen in der
Luft die Götter aus dem Tempel gejagt, seien in gleicher Weise hinter
ihnen her gerannt, bis sie sie über ihre Grenze gescheucht hätten.
Dann hätten sie neue Götter in den Tempel geladen. Als es aber unter
diesen nicht besser wurde, hätten sie auch diese hinausgetrieben
und ihre alten Götter zurückgeholt. Völlig negermäßig! Und ähnliche
Beispiele gibt es in großer Zahl bei Griechen, Römern und anderen
Völkern, wenn auch nicht so ganz naturnaiv. Sehr lehrreich ist, was
Curtis in seinem lesenswerten Buche „Ursemitische Religion“ von den
mohammedanischen Stämmen in Syrien und den angrenzenden Gebieten
erzählt. Bei vielen dient Mohammeds Lehre kaum als Deckmantel für einen
Heiligen-Fetischglauben. Die Heiligen, Weli, können in Gräbern -- die
große Zahl solcher in allen mohammedanischen Ländern ist ja bekannt
-- leben, aber auch in Bäumen, Felsen, Steinen, Quellen, Wassern
usf. „Theoretisch,“ sagt der genannte Verfasser -- und er beruft sich
auch auf den bekannten Palästinaforscher Conder -- „werden sie in
Verbindung mit Gott verehrt; tatsächlich jedoch kennen viele Leute
keinen anderen Gott als sie. Sie sind die Gottheiten, welche das Volk
fürchtet, liebt, verehrt und anbetet.“ Ein frommer Moslem erzählte,
sein Schutzpatron sei in einen in Asâl befindlichen Stein gefahren. Und
Steine als Aufenthalt scheinen überhaupt bei den Weli nicht unbeliebt
zu sein, namentlich irgend bemerkenswerte, wie Pfeiler, Denksteine usf.
Curtis erinnert daran, daß auch im Alten Testament Steine mitunter eine
besondere Rolle spielen, wie der Stein Jakobs, auf dem sein Haupt bei
dem schönen Traum geruht hatte und den er salbte und ein Haus Gottes
nannte. Auch Bäume sind in obigem Sinne heilig. „Offenbar sind nach
dem Volksglauben heilige Bäume Stätten der Offenbarung von Geistern.“
„In solchen Bäumen wird Fleisch aufgehängt, gleichsam die Nahrung für
die darin wohnhaften Geister.“ Besonders seltsam sind die Gewässer,
in denen Heilige wohnen. Sie werden namentlich von Frauen aufgesucht,
welche unfruchtbar sind und glauben, daß wenn sie sich dem Wassergeist
ergaben, sie fruchtbar werden. Sie legen sich darum in den Wasserlauf
und lassen die Fluten über ihren Schoß spülen. Daß es sich hier um
etwas anderes handelt als Baden, erhellt aus folgender sonderbaren
Erzählung Curtis’. Ein reicher Moslem in Damaskus hatte seine Frau im
Zorn verstoßen und die dreifache Scheidung ausgesprochen. Bald tat
es ihm leid, er konnte sie aber nach dem Gesetz nunmehr nicht wieder
heiraten, bevor sie nicht mit einem anderen vermählt gewesen und von
ihm geschieden war, oder bevor sie nicht wenigstens einem anderen sich
hingegeben hatte. Die mohammedanischen Ulemas wußten ihm nicht zu
helfen. Aber der Patriarch (!) gab ihm den Rat, die Frau sollte sich
in den Rásadafluß niederlegen, „sich vom Wasser umspülen lassen und
so eine Ehe vollziehen; dann könne er sie wieder heimführen. Damit
erklärten sich auch die Ulemas einverstanden.“ Einen viel anderen
Rat als hier erste Priester zweier hoher Religionen gaben, würde ein
Medizinmann Afrikas auch nicht gegeben haben. Selbst die Bestechung
fehlt hier nicht, wobei es ganz handelsmäßig zugeht, indem dem
Heiligenbild mehr und mehr geboten wird, wenn es anscheinend nicht in
der Laune ist, den Wunsch zu gewähren.
Je bedeutender die Seele, desto höher wertet, wie bemerkt, der
Fetischgötze, in dem sie wohnte. Und so konnten Häuptlingsseelen Götzen
für ein ganzes Volk abgeben, so daß manche Volksgötzen nach Häuptlingen
benannt sind, wie auch umgekehrt Häuptlinge nach Götzen. So müßte die
Bevölkerung des Olymps der Naturmenschen ins Ungemessene wachsen, wenn
nicht durch Vergessen oder absichtliches Entfernen für Abgang gesorgt
würde. Es ist bekannt, daß der Messenier Euemeros zur Zeit Alexanders
behauptete -- was übrigens andere schon vor ihm angenommen hatten --,
die griechischen Götter seien lediglich vergötterte Fürsten und Helden.
Er ist wegen dieser öden Ansicht viel angefeindet worden und wird, mit
bezug auf die griechischen Götter, die wir kennen, auch im Unrecht
sein. Daß aber Götter ursprünglich solche Fetischgötzen von Häuptlingen
sein können, wird man kaum bezweifeln dürfen, und die griechischen
Sagen tragen selbst viel dazu bei, ihren Göttern Menschenursprung
zuzuschreiben. Bei den Naturvölkern aber sind solche Vergötterungen
selbstverständlich. Der Häuptling ist der mächtigste im Stamm, er kann
zu Lebzeiten Gutes und Übles, und namentlich letzteres, zufügen. Also
muß seine Seele der gleichen Art sein, und der Gegenstand, in dem sie
wohnt, ein Menschenbild, ein Tierbild oder auch ein lebendes Tier,
durch sie besondere Kraft besitzen, gleichfalls Gutes und namentlich
Übles anzustiften, und muß durch Opfer, oft sogar Menschenopfer,
bei guter Laune erhalten werden. Selbst in Menschen kann die Seele
einziehen, dann fallen diese in Raserei. So erzählt Stuhlmann von den
Waganda. Er erwähnt auch, daß, wenn ein Priester stirbt, bald sich
jemand zu seinem Nachfolger aufwirft, indem er behauptet, jenes Seele
sei in ihn gefahren.