10. ~Schamanismus, Totemismus, Seelen-, Ahnenkult.~

Da die Seele eine gewisse Freiheit vom Körper genießt, so kann sie sich

mitunter aus diesem auch bei Lebzeiten entfernen. Und so glaubt der

Naturmensch, daß Gestalten, die er im Träumen sieht, entweder Seelen

dieser sind, die sich von ihnen gelöst haben und nun zu seiner Seele

gekommen sind, oder daß seine Seele aus seinem Körper gegangen ist und

jene Seelen aufgesucht hat. Dabei bieten die leblosen Gegenstände keine

Schwierigkeit, denn diese werden ja auch beseelt gedacht. Es kann nicht

meine Absicht sein, das unheimliche Kapitel der Träume zu behandeln;

ich habe nur das hervorzuheben, was für die Anschauung von Bedeutung

ist. Wie sehr es in der Natur des Menschen liegt, sich mit seinen

Träumen zu plagen, kann selbst der Vorurteilsfreieste an sich gewahren.

Und alle Aufklärungen der Physiologen und Biologen nützen nur wenig

dem, der von einem bösen Traum betroffen ist; er liegt ihm den Tag

über in allen Gliedern; der Träumer ist froh, wenn dieser Tag vorüber,

da seltsamerweise im allgemeinen der Wert eines Traumes auf die Zeit

zwischen Nacht und Nacht beschränkt wird. Nicht wenige Ethnologen und

Anthropologen sind geneigt, die Seelen- und Religionsanschauungen

überhaupt aus den Traumerscheinungen abzuleiten. Indessen träumen

auch Tiere. Etwas Besonderes muß also beim Menschen wohl hinzukommen,

ihm die Reflexion oder den Einfall aus jenen Anschauungen zu

erwecken. Manchen Menschen wird die Fähigkeit zugeschrieben, ihre

Seele nach gewissen Vorbereitungen, die meist auf Hervorrufung einer

Ekstase oder dumpfen Betäubung abzielen, beliebig aus ihrem Körper

nach bestimmten Orten hinauszusenden, um dort Erkundigungen über

Diebstähle, Feindespläne, Heilmittel, Schicksale von Menschen und

Tieren einzuziehen. Der betreffende Mensch liegt gleich einem Toten,

seine Seele geht inzwischen, wohin er sie entsandt hat. Nachdem sie das

Gewünschte erfahren, kehrt sie in ihn zurück, er erwacht und weiß nun

alles. Unzählig sind die Mitteilungen von solchen Seelenentsendungen

und den wunderbaren Erfolgen, namentlich bei den Völkern Nordasiens,

Nordeuropas und Nordamerikas, und auch Afrikas. Und manche davon sind

so auffallend, daß sie selbst unter gebildeten Reisenden Glauben

gefunden haben. Die Leute mit solcher Macht über ihre Seele gehören

meist zur Klasse der Priester und Zauberer, oder, wie wir sie gemeinhin

heißen, weil sie auch Krankheiten heilen und für alle möglichen

Fälle Mittel besitzen und verabreichen, „Medizinmänner“. Bei den

verschiedenen Völkern führen sie verschiedene Namen. Der bekannteste

ist der der ~Schamanen~ (aus dem indischen Çramana), und in Verbindung

mit gewissen Geisterkulten sprechen wir von ~Schamanismus~ als einer

Religionsäußerung.

Solche Ansichten kennen auch die arischen Völker. Odhin soll mitunter

schlafen und dabei soll seine Seele als Vogel, Fisch oder Schlange die

Welt durchstreifen, um dem Herrn, was sie erkundet, mitzuteilen. Eine

seltsame Erzählung hat uns der Geschichtschreiber der Langobarden,

Paulus Diaconus, aufbewahrt, die ich nach Jakob Grimm (Deutsche

Mythologie) wiedergebe. „König Gunthram (der bekannte Frankenkönig)

war im Wald ermüdet auf dem Schoß eines treuen Dieners entschlafen.

Da sieht der Diener aus des Herrn Munde ein Tierlein, gleich einer

Schlange, laufen und auf einen Bach zugehen, den es nicht überschreiten

kann. Jener legt sein Schwert über das Wasser, das Tier läuft darüber

hin, und jenseits in einen Berg. Nach einiger Zeit kehrt es auf

demselben Wege in den Schlafenden zurück, der bald erwacht und erzählt,

wie er im Traum über eine eiserne Brücke in einen mit Gold erfüllten

Berg gegangen sei.“ Schlangen gehören zu den auf der ganzen Erde

verbreiteten Bildern und Verkörperlichungen der Seele. Die Schlange

also war König Gunthrams Seele. Paulus Diaconus teilt übrigens noch

mit, daß man an der betreffenden Stelle nachgegraben und in der Tat

viel verstecktes Gold gefunden habe. Die Seele hat also das Richtige

ermittelt. Von dem Gold ließ der König einen Kelch machen, den er dem

heiligen Marcellus in seiner Residenz Châlons widmete, wo der König

selbst begraben wurde.

Auch fremde Seelen vermag der Kundige zu senden, wohin er will. Die

Könige von Dahome, so oft sie den Rat eines Gottes einholen wollten,

töteten einen Menschen, dessen Seele zum Gott ziehen und von ihm

das Nötige in Erfahrung bringen sollte, um es dem Zauberer dann zu

offenbaren. Ähnliches erzählt bekanntlich Herodot von den thrakischen

Goten: „Alle fünf Jahre wählen sie einen von ihnen durch das Los, den

schicken sie als Boten an Zalmoxis und tragen ihm ihr jedesmaliges

Anliegen auf.“ Die Entsendung geschieht, indem drei Leute Wurfspieße

halten und der zu Sendende hochgeworfen wird, daß er auf die Spieße

fällt. Ist er gleich tot, so wird das als gnädiges Zeichen des Gottes

betrachtet, sonst wird ein anderer Bote in gleicher Weise entsandt.

Herodot fügt hinzu: „Sie geben ihm aber den Auftrag, wenn er noch

lebt“. So gleichen sich Anschauungen in voneinander so fernen Landen

und so weit abstehenden Zeiten, zum Beweise wie gleichartig die

Menschen denken, schließen und handeln!

Die Anerkennung der Obergewalt mancher Menschen über sich führt

dazu, daß deren Seelen besonders hoch bewertet werden. An den

Seelenglauben knüpft sich so der ~Ahnenglaube~ als das Natürliche und

der ~Übergeordnetenglaube~ als das oft Aufgezwungene. Den Ahnenglauben

finden wir fast auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten verbreitet.

Vielleicht mangelt er selbst denjenigen Völkern nicht, die ihre alten

Väter und Mütter aussetzen oder gar töten. Es liegt ja nahe, daß der

Ernährer der Familie eine eigene Stellung einnimmt und seine Seele

besonders geachtet wird. Offenbar wird sie besonders geneigt sein,

den Zurückgebliebenen die gleichen und mehr Wohltaten zu erweisen

wie im Leben. Da der Wilde absoluter Realist ist, sucht er sich ihre

Zuneigung zu wahren. Und dieses hat zu einem eigenartigen ~Seelen~-

und ~Ahnenkultus~ geführt, der sich überall vorfindet und, wie zu

anmutenden Gebräuchen, so auf der Wildenstufe zu den schändlichsten

Grausamkeiten geführt hat, die in den merkwürdigsten Formen vertreten

sind. Alles dieses steigert sich ins Ungemessene, wenn es sich um

die Seele eines mächtigen Zauberers oder eines Häuptlings handelt,

so daß hier deren Tod ein wahrer Jammer in des Wortes bösester

Bedeutung für ein ganzes Volk werden kann. Wir haben schauerliche

Funde aus prähistorischen Zeiten, und entsetzenvolle Erzählungen aus

Vergangenheit und Gegenwart. Indessen ist es nicht meine Aufgabe, die

Kulte zu besprechen, nur die Anschauungen gehören hierher. Diese aber

führen, wie man sieht, zu einer Stufung in den Seelen. Der niedrige

Sklave hat eine niedrige Seele, die nichts vermag, der Ahne, Priester

und Häuptling besitzen bedeutende Seelen. Und je höher der Rang,

je größer die Gewalt, desto mächtiger auch die Seele im Guten und

namentlich im Bösen. Diese Differenzierung ist von großer Wichtigkeit;

sie hat zu Theorien geführt, wonach die Religionen überhaupt aus

Seelen- und Ahnenglaube (wenn wir unter Ahnen allgemein Übergeordnete

verstehen) hervorgegangen seien. Ich komme darauf später zu sprechen.

Die Tiere erachtet der Naturmensch als von sich nicht verschieden,

er verleiht ihnen Seelen, der seinigen gleich. Sprechen doch manche

afrikanische Stämme davon, daß gewisse Menschen beliebig als Menschen

oder als wilde Tiere leben können. Und wenn Polynesier von Leuten

erzählen, die sich beliebig in Raubtiere, Vögel, Fische oder Schlangen

verwandeln, so meinen sie das nicht nach Art unserer Sagen und Fabeln,

sondern rein reell. So hat sich neben einem Menschenseelenglauben

auch ein Tierseelenglaube ausgebildet und daran ein Tierseelenkult

angeschlossen, der ~Totemismus~. Und wunderlich berührt es, wenn als

Ahnenseelen auch Tierseelen angenommen werden, wie das namentlich

bei den Indianern der Fall ist, wo nicht bloß Familien, sondern auch

ganze Stämme irgendein Tier: Bär, Rabe, Schlange, Schildkröte, Spinne

usf. als Urahnen bezeichnen. Wenn ich Lippert recht verstehe, will er

freilich nicht die Tierseele als die Ahnenseele anerkennen, sondern

eine Menschenahnenseele annehmen, die in das Tier gefahren ist, in

ihm ihren Wohnsitz aufgeschlagen hat. Damit würde übereinstimmen, daß

Ahnentiere in der Regel nicht getötet und nicht gegessen werden dürfen,

aber wiederum nicht dazu passen, daß bei gewissen Festen gerade solche

Tiere verzehrt werden müssen. Indessen besteht über den Totemismus

überhaupt keine rechte Sicherheit. Manche wollen in den Ahnentieren

nichts weiter als Wappenbilder sehen, und zweifellos machen solche

auch vielfach diesen Eindruck. Oder sie erklären sie lediglich durch

Tiernamen menschlicher Ahnen, die durch Mißverstand zur Annahme von

Tieren als Ahnen geführt haben. Das eine oder das andere wird in vielen

Fällen zutreffen. Sicher aber ist, daß Tierseelen mitunter nicht

mindere Bedeutung haben wie Menschenseelen und gleichfalls Verehrung

genießen. Familie und Stamm halten ihr Totem (der Name stammt von den

Algonkinindianern her, „Dodaim“) hoch und nennen sich nach ihm Bär,

Wolf, Hirsch usf.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 61 / 108 题