Da die Seele eine gewisse Freiheit vom Körper genießt, so kann sie sich
mitunter aus diesem auch bei Lebzeiten entfernen. Und so glaubt der
Naturmensch, daß Gestalten, die er im Träumen sieht, entweder Seelen
dieser sind, die sich von ihnen gelöst haben und nun zu seiner Seele
gekommen sind, oder daß seine Seele aus seinem Körper gegangen ist und
jene Seelen aufgesucht hat. Dabei bieten die leblosen Gegenstände keine
Schwierigkeit, denn diese werden ja auch beseelt gedacht. Es kann nicht
meine Absicht sein, das unheimliche Kapitel der Träume zu behandeln;
ich habe nur das hervorzuheben, was für die Anschauung von Bedeutung
ist. Wie sehr es in der Natur des Menschen liegt, sich mit seinen
Träumen zu plagen, kann selbst der Vorurteilsfreieste an sich gewahren.
Und alle Aufklärungen der Physiologen und Biologen nützen nur wenig
dem, der von einem bösen Traum betroffen ist; er liegt ihm den Tag
über in allen Gliedern; der Träumer ist froh, wenn dieser Tag vorüber,
da seltsamerweise im allgemeinen der Wert eines Traumes auf die Zeit
zwischen Nacht und Nacht beschränkt wird. Nicht wenige Ethnologen und
Anthropologen sind geneigt, die Seelen- und Religionsanschauungen
überhaupt aus den Traumerscheinungen abzuleiten. Indessen träumen
auch Tiere. Etwas Besonderes muß also beim Menschen wohl hinzukommen,
ihm die Reflexion oder den Einfall aus jenen Anschauungen zu
erwecken. Manchen Menschen wird die Fähigkeit zugeschrieben, ihre
Seele nach gewissen Vorbereitungen, die meist auf Hervorrufung einer
Ekstase oder dumpfen Betäubung abzielen, beliebig aus ihrem Körper
nach bestimmten Orten hinauszusenden, um dort Erkundigungen über
Diebstähle, Feindespläne, Heilmittel, Schicksale von Menschen und
Tieren einzuziehen. Der betreffende Mensch liegt gleich einem Toten,
seine Seele geht inzwischen, wohin er sie entsandt hat. Nachdem sie das
Gewünschte erfahren, kehrt sie in ihn zurück, er erwacht und weiß nun
alles. Unzählig sind die Mitteilungen von solchen Seelenentsendungen
und den wunderbaren Erfolgen, namentlich bei den Völkern Nordasiens,
Nordeuropas und Nordamerikas, und auch Afrikas. Und manche davon sind
so auffallend, daß sie selbst unter gebildeten Reisenden Glauben
gefunden haben. Die Leute mit solcher Macht über ihre Seele gehören
meist zur Klasse der Priester und Zauberer, oder, wie wir sie gemeinhin
heißen, weil sie auch Krankheiten heilen und für alle möglichen
Fälle Mittel besitzen und verabreichen, „Medizinmänner“. Bei den
verschiedenen Völkern führen sie verschiedene Namen. Der bekannteste
ist der der ~Schamanen~ (aus dem indischen Çramana), und in Verbindung
mit gewissen Geisterkulten sprechen wir von ~Schamanismus~ als einer
Religionsäußerung.
Solche Ansichten kennen auch die arischen Völker. Odhin soll mitunter
schlafen und dabei soll seine Seele als Vogel, Fisch oder Schlange die
Welt durchstreifen, um dem Herrn, was sie erkundet, mitzuteilen. Eine
seltsame Erzählung hat uns der Geschichtschreiber der Langobarden,
Paulus Diaconus, aufbewahrt, die ich nach Jakob Grimm (Deutsche
Mythologie) wiedergebe. „König Gunthram (der bekannte Frankenkönig)
war im Wald ermüdet auf dem Schoß eines treuen Dieners entschlafen.
Da sieht der Diener aus des Herrn Munde ein Tierlein, gleich einer
Schlange, laufen und auf einen Bach zugehen, den es nicht überschreiten
kann. Jener legt sein Schwert über das Wasser, das Tier läuft darüber
hin, und jenseits in einen Berg. Nach einiger Zeit kehrt es auf
demselben Wege in den Schlafenden zurück, der bald erwacht und erzählt,
wie er im Traum über eine eiserne Brücke in einen mit Gold erfüllten
Berg gegangen sei.“ Schlangen gehören zu den auf der ganzen Erde
verbreiteten Bildern und Verkörperlichungen der Seele. Die Schlange
also war König Gunthrams Seele. Paulus Diaconus teilt übrigens noch
mit, daß man an der betreffenden Stelle nachgegraben und in der Tat
viel verstecktes Gold gefunden habe. Die Seele hat also das Richtige
ermittelt. Von dem Gold ließ der König einen Kelch machen, den er dem
heiligen Marcellus in seiner Residenz Châlons widmete, wo der König
selbst begraben wurde.
Auch fremde Seelen vermag der Kundige zu senden, wohin er will. Die
Könige von Dahome, so oft sie den Rat eines Gottes einholen wollten,
töteten einen Menschen, dessen Seele zum Gott ziehen und von ihm
das Nötige in Erfahrung bringen sollte, um es dem Zauberer dann zu
offenbaren. Ähnliches erzählt bekanntlich Herodot von den thrakischen
Goten: „Alle fünf Jahre wählen sie einen von ihnen durch das Los, den
schicken sie als Boten an Zalmoxis und tragen ihm ihr jedesmaliges
Anliegen auf.“ Die Entsendung geschieht, indem drei Leute Wurfspieße
halten und der zu Sendende hochgeworfen wird, daß er auf die Spieße
fällt. Ist er gleich tot, so wird das als gnädiges Zeichen des Gottes
betrachtet, sonst wird ein anderer Bote in gleicher Weise entsandt.
Herodot fügt hinzu: „Sie geben ihm aber den Auftrag, wenn er noch
lebt“. So gleichen sich Anschauungen in voneinander so fernen Landen
und so weit abstehenden Zeiten, zum Beweise wie gleichartig die
Menschen denken, schließen und handeln!
Die Anerkennung der Obergewalt mancher Menschen über sich führt
dazu, daß deren Seelen besonders hoch bewertet werden. An den
Seelenglauben knüpft sich so der ~Ahnenglaube~ als das Natürliche und
der ~Übergeordnetenglaube~ als das oft Aufgezwungene. Den Ahnenglauben
finden wir fast auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten verbreitet.
Vielleicht mangelt er selbst denjenigen Völkern nicht, die ihre alten
Väter und Mütter aussetzen oder gar töten. Es liegt ja nahe, daß der
Ernährer der Familie eine eigene Stellung einnimmt und seine Seele
besonders geachtet wird. Offenbar wird sie besonders geneigt sein,
den Zurückgebliebenen die gleichen und mehr Wohltaten zu erweisen
wie im Leben. Da der Wilde absoluter Realist ist, sucht er sich ihre
Zuneigung zu wahren. Und dieses hat zu einem eigenartigen ~Seelen~-
und ~Ahnenkultus~ geführt, der sich überall vorfindet und, wie zu
anmutenden Gebräuchen, so auf der Wildenstufe zu den schändlichsten
Grausamkeiten geführt hat, die in den merkwürdigsten Formen vertreten
sind. Alles dieses steigert sich ins Ungemessene, wenn es sich um
die Seele eines mächtigen Zauberers oder eines Häuptlings handelt,
so daß hier deren Tod ein wahrer Jammer in des Wortes bösester
Bedeutung für ein ganzes Volk werden kann. Wir haben schauerliche
Funde aus prähistorischen Zeiten, und entsetzenvolle Erzählungen aus
Vergangenheit und Gegenwart. Indessen ist es nicht meine Aufgabe, die
Kulte zu besprechen, nur die Anschauungen gehören hierher. Diese aber
führen, wie man sieht, zu einer Stufung in den Seelen. Der niedrige
Sklave hat eine niedrige Seele, die nichts vermag, der Ahne, Priester
und Häuptling besitzen bedeutende Seelen. Und je höher der Rang,
je größer die Gewalt, desto mächtiger auch die Seele im Guten und
namentlich im Bösen. Diese Differenzierung ist von großer Wichtigkeit;
sie hat zu Theorien geführt, wonach die Religionen überhaupt aus
Seelen- und Ahnenglaube (wenn wir unter Ahnen allgemein Übergeordnete
verstehen) hervorgegangen seien. Ich komme darauf später zu sprechen.
Die Tiere erachtet der Naturmensch als von sich nicht verschieden,
er verleiht ihnen Seelen, der seinigen gleich. Sprechen doch manche
afrikanische Stämme davon, daß gewisse Menschen beliebig als Menschen
oder als wilde Tiere leben können. Und wenn Polynesier von Leuten
erzählen, die sich beliebig in Raubtiere, Vögel, Fische oder Schlangen
verwandeln, so meinen sie das nicht nach Art unserer Sagen und Fabeln,
sondern rein reell. So hat sich neben einem Menschenseelenglauben
auch ein Tierseelenglaube ausgebildet und daran ein Tierseelenkult
angeschlossen, der ~Totemismus~. Und wunderlich berührt es, wenn als
Ahnenseelen auch Tierseelen angenommen werden, wie das namentlich
bei den Indianern der Fall ist, wo nicht bloß Familien, sondern auch
ganze Stämme irgendein Tier: Bär, Rabe, Schlange, Schildkröte, Spinne
usf. als Urahnen bezeichnen. Wenn ich Lippert recht verstehe, will er
freilich nicht die Tierseele als die Ahnenseele anerkennen, sondern
eine Menschenahnenseele annehmen, die in das Tier gefahren ist, in
ihm ihren Wohnsitz aufgeschlagen hat. Damit würde übereinstimmen, daß
Ahnentiere in der Regel nicht getötet und nicht gegessen werden dürfen,
aber wiederum nicht dazu passen, daß bei gewissen Festen gerade solche
Tiere verzehrt werden müssen. Indessen besteht über den Totemismus
überhaupt keine rechte Sicherheit. Manche wollen in den Ahnentieren
nichts weiter als Wappenbilder sehen, und zweifellos machen solche
auch vielfach diesen Eindruck. Oder sie erklären sie lediglich durch
Tiernamen menschlicher Ahnen, die durch Mißverstand zur Annahme von
Tieren als Ahnen geführt haben. Das eine oder das andere wird in vielen
Fällen zutreffen. Sicher aber ist, daß Tierseelen mitunter nicht
mindere Bedeutung haben wie Menschenseelen und gleichfalls Verehrung
genießen. Familie und Stamm halten ihr Totem (der Name stammt von den
Algonkinindianern her, „Dodaim“) hoch und nennen sich nach ihm Bär,
Wolf, Hirsch usf.