9. ~Seele und Beseelung, Animismus, Fetischismus.~

Sobald der Mensch dazu gelangt ist, an sich selbst den Körper von der

Seele zu unterscheiden, wird er naturgemäß das gleiche auch für alle

anderen Lebewesen und für die von ihm lebend gedachten Wesen tun.

Wann der Mensch „seine Seele entdeckt“ hat, entzieht sich unserer

Kenntnis. Den Unterschied zwischen einem lebenden Tiere und einem

getöteten kennen anscheinend auch Tiere selbst. Der Mensch aber muß

zu irgendeiner Zeit diesen Unterschied tiefer aufgefaßt haben und so

zu einer Zweiteilung seines Ich gekommen sein. Gegenwärtig scheint

kein Volk zu existieren, das den Begriff der Seele nicht kennt. Und

man möchte auch glauben, daß, sobald der Mensch die Ursächlichkeit

hinreichend bewußt anzuwenden gelernt hat, er durch den Anblick des

Toten neben dem Lebenden zu der Ansicht gezwungen werden mußte,

jenem fehle etwas, das dieser besitzt und was, eben weil körperlich

der Tote zunächst sich vom Lebenden noch gar nicht unterscheidet,

das Leben bedingen muß. Der Tote hat also etwas verloren, das Leben

in ihm, wir sagen die Seele. Der Naturmensch faßt die Seele als

körperlich auf, namentlich als Atem. Das tut er ja mit dem Menschen

überhaupt, man denke an ψυχή, anima, bei den Griechen und Römern, die

ein „Wehen“ bedeuten, an ruach, nephesch bei den Hebräern, die das

gleiche aussagen. Das deutsche „Seele“ soll auch mit einer derartigen

Auffassung zusammenhängen, mit seîvan = sich bewegen, seivs = das Meer,

in Verbindung stehen. Mitunter wird die Seele auch als „Schatten“

bezeichnet und zwar nicht metaphorisch, sondern konkret, denn der

Naturmensch sieht den Schatten für ein Körperliches an, etwa wie die

Luft, und wir haben ja selbst Sagen, die von dem gleichen Gesichtspunkt

ausgehen. Der Teufel, erzählt Jakob Grimm, unterhielt in einer Gruft

zu Salamanca sieben Schüler mit der Bedingung, daß der siebente nach

Beendigung des Studiums das Gelag zahlen sollte. Als er seine Schule

entließ, wollte er den letzten Schüler zurückbehalten. Dieser aber

wies auf seinen Schatten, der wäre der letzte. Da mußte der Teufel den

Schatten nehmen, und der Schüler blieb ohne Schatten, wie -- Peter

Schlemihl. Sonst also ist die Seele etwas Luftartiges, und darum kann

sie auch den ganzen Körper durchdringen und überall in ihm sein,

während sie andererseits wie Luft nicht gesehen wird. Mitunter freilich

wird die Seele unmittelbar als ein Lebewesen betrachtet, entweder als

ein dem Menschen gleichendes Bild -- weshalb die Griechen sie auch

bildlich als εἴδωλον, kleines, den Verstorbenen, zuweilen sogar in

der Tracht, nachahmendes Menschlein darstellten --, oder noch derber

als Schmetterling, Wiesel, Vogel, am meisten als Schlange aufgefaßt.

Auf anderen Stufen wird die Seele auch als Pflanze betrachtet; Jakob

Grimm scheint in seiner deutschen Mythologie damit die Metamorphosen

verfolgter Menschen, namentlich Mädchen, wie Daphne und Syrinx, in

Verbindung zu bringen. „Ursprünglich,“ sagt er, „mag aber die Idee

eines unmittelbaren schnellen Übertritts der Seele in die Gestalt

der Blume (wofür er einige Beispiele aus deutschen, romanischen

und slawischen Sagen beiträgt) zugrunde liegen, wie aus bloßen

Blutstropfen, die nur einen kleinen Teil des Lebens enthalten, eine

Blume entspringt, im Blut hat die Seele Sitz, mit seinem Verströmen

flieht sie hin.“ Die Tschechen nennen die auf Sandgrabhügeln wachsende

Quendelblume „Mutterseelchen“. Aber da die Seele dem Körper Leben

verliehen hat, schreibt der Mensch ihr höhere Eigenschaften zu als der

Mensch als solcher besitzt.

Übertrug nun der Mensch die Entdeckung an sich auch auf die anderen

Lebewesen und auf die ihm belebt scheinenden Gegenstände, so gewann

er rings um sich Seelen, die er im allgemeinen seiner Seele ähnlich

achten mußte. Und so wurden die Tiere wie er beseelt und füllten

sich Sonne, Mond, Gestirne, Bäume, Berge, Felsen, Meer, Flüsse und

Naturerscheinungen mit Seelen. Max Müller sagt zwar: „Ich kann nicht

umhin, es vernunftwidrig zu nennen, wenn man uns weismachen will,

daß zu irgendeiner Zeit in der Geschichte der Welt ein Mensch so

einfältig gewesen sei, daß er nicht imstande war, zwischen leblosen

und belebten Wesen zu unterscheiden, eine Unterscheidung, bei der

selbst die höheren Tiere kaum jemals fehlgehen; oder gar, daß sich

der Mensch darin gefiel, der Sonne und dem Mond, Bäumen und Flüssen

Leben oder eine Seele zuzuschreiben, obwohl er sich dessen vollkommen

bewußt war, daß sie weder Leben noch Seele besäßen.“ Aber gerade dieses

letztere kann angesichts der außerordentlichen Zahl von Tatsachen

nicht zugegeben werden. Der Mensch war sich eben nicht bewußt, daß

die Gegenstände weder Leben noch Seele besäßen, er hat eben gerade

das Gegenteil angenommen. Und man kann sagen, daß die Entdeckung der

Seele als eines Sonderdinges ihm geholfen hat, die Schwierigkeiten,

die sich aus der offensichtlichen Leblosigkeit vieler Gegenstände

ergeben, zu verringern. Denn er sah an sich, daß er zu Zeiten -- im

Schlaf -- gleichfalls wie leblos erscheint. Da konnten die Seelen der

Gegenstände ähnlich sich in Schlummer oder Halbschlummer befinden. Er

sah, daß Menschen leblos sind, sobald die Seele aus ihnen schwindet;

das konnte auf die Gegenstände gleichfalls Anwendung finden, wo etwa

der Augenschein gegen ein Leben allzusehr sprach.

Mit der Einführung der Seele als Sonderding und Lebensprinzip, was

selbstverständlich nur sehr allmählich geschah, nahmen nun die

Religionen eine neue Wendung. Sie geht nach verschiedenen Richtungen.

Wir unterscheiden zunächst Fetischglaube, Seelenglaube, einschließlich

Schamanismus, Ahnenglaube, einschließlich Totemismus, Geister- und

Dämonenglaube, Götterglaube. Man darf nicht annehmen, daß es sich hier

um nacheinander entstandene oder -- wenigstens gegenwärtig -- auch nur

getrennte Religionsgebiete handelt. Alles geht durcheinander, und wir

haben ein solches Gewirr von Angaben und Meinungen, daß es kaum möglich

ist, zu sagen, was bei diesem oder jenem Volke das Wesentliche ist.

Daher auch die sich oft widersprechenden Definitionen und Ergebnisse

der einzelnen Forscher und die Verschiedenheiten in der Bedeutung, die

sie, je nach Ansicht, den besonderen Anschauungsformen beimessen. Nur

allgemeine Grundzüge lassen sich feststellen.

Es entspricht, wie schon bemerkt, der Natur des Menschen, daß

ungewohnte, neue oder seltene Gegenstände seine besondere

Aufmerksamkeit erregen. Tritt die Beseelung hinzu, so kann Furcht

oder Erwartung an diese Gegenstände sich knüpfen. Sie werden als

zauberkräftig im Schlimmen oder Guten angesehen, und der Mensch sucht

sie durch Gaben zu versöhnen oder sich günstig zu stimmen. Darauf

etwa beruht der ~Fetischismus~, wie die Portugiesen ihn in Afrika

zuerst kennen gelernt und aus ihrer Sprache (feitiço, Zauber) benannt

haben. Hiernach kann alles Fetisch sein oder werden: Töpfe, Steine,

Holz, Haar, Geflecht usf. Charakteristisch ist eine Erzählung aus

Afrika. Es wurde ein Anker gefunden, ein jedenfalls ungewohntes oder

gar unbekanntes Ding. Einer brach ein Stück davon ab und starb kurze

Zeit darauf. Sofort heißt es, der Anker wäre ein Fetisch, und der Mann

hätte sterben müssen, weil er durch Verletzung diesen Fetisch gekränkt

hätte. In Ozeanien sollen chinesische Töpfe als Fetische verehrt

werden. Tausende sind der Beispiele, die für den Fetischglauben aus

allen Teilen der Welt beigebracht und Tausende auch die Fetische, die

in unsere Museen und Sammlungen versetzt sind. Orte, wo üble Fetische

sich befinden, werden gemieden und nur zu Kulthandlungen aufgesucht.

Gute Fetische nimmt man nach Hause oder tut sie in besondere Hütten.

Erfüllen solche Fetische die Erwartungen nicht, oder zeigen sie

sich unwirksam, so werden sie mitunter wohl gezüchtigt, und wenn das

nichts nützt, fortgeworfen, als gänzlich leblos erkannt. Fetische

können von selbst wirken und ihrem Besitzer Glück und Gesundheit

bringen und erhalten -- solche haben wir ja in Unzahl ebenfalls z.

B. in den ~Amuletten~. Oder sie reagieren nur auf Anrufung durch

einen Sachverständigen. Daraus ergibt sich nun der ganze Unfug des

Zauberwesens und der Zauberer, der überall auf der Erde sich findet

und überall die gleichen Züge trägt. Betrügende Betrüger und betrogene

Betrüger spielen da ihre verhängnisvolle Rolle. Bei der Beurteilung

darf man nicht vergessen, daß der Wilde so wenig Mittel gegen

Krankheit, Hungersnot, Tiere usf. besitzt und darum naturgemäß zu allem

greift, davon er irgend glauben kann, daß es ihm nützen möchte. Wir

finden das gleiche auch bei uns, wo der Mensch von bessern Hilfsmitteln

verlassen ist und irgendwelche Beispiele ihm bekannt sind, daß dieses

oder jenes, wenn auch noch so Absurde, irgendwo und wann geholfen hat.

Wir sehen aber, daß der Fetischglaube rein auf Furcht und Egoismus

gebaut ist, und dementsprechend ist der Kult der Fetische eingerichtet.

Mit dem guten Fetisch wird wie mit einem Liebling verkehrt; er erhält

Gaben an Essen und Getränk, Sitz und Lager. Manche schaffen sich

Hunderte und Tausende von Fetischen an; Steine, über die sie stolpern,

Blätter, die zu ihren Füßen geweht werden, Holzstücke, die ihnen

auffallen, Figuren usf. Und sie sitzen mitunter in der großen Masse

von solchen Gegenständen und bitten sie schmeichelnd und verehrend,

ihre Kraft ihnen zu weihen. Gefürchtete Fetische können zu furchtbaren

Götzen sich auswachsen, die nur durch blutige Opfer zu versöhnen

sind, wozu namentlich auch Menschenopfer gehören. Der Fetischismus

wird vielfach, so von Comte, Lippert, Schultze u. a. in viel weiterem

Sinne aufgefaßt, was später noch zur Sprache kommt. Ich habe die

beschränktere Umgrenzung gewählt, um nicht bei einer allgemeinen

Untersuchung sogleich ins Uferlose zu geraten. Gibt es doch auf der

anderen Seite Forscher, welche von einem Fetisch~glauben~ überhaupt

nichts wissen wollen.

Der Seelenglaube erschöpft sich nicht in dem Glauben an eine Seele,

sondern er geht auch auf die Beschaffenheit und Eigenheit der Seele

ein. Sie kann ihre Behausung überall nehmen, hält sich jedoch am

liebsten am gewohnten Orte auf. Da sie immerhin unheimlich wirkt,

sucht man sie entweder zu bannen oder man überläßt ihr ihren gewohnten

Aufenthalt. So wird oft ein Topf oder ein Korb hingestellt und die

Seele des Gestorbenen gebeten, darin ihren Platz zu nehmen. Dem Körper

entsprechend, den sie bewohnt hat, zieht sie Nachbildungen aus Holz

oder Ton oder Stein vor. Hat sie sich in eine solche Nachbildung

begeben, so kann letztere Fetisch werden und darum haben so viele

Fetische Menschen- und Tiergestalt. In anderen Fällen sucht man sie den

gewohnten Eingang in die Behausung vergessen zu machen und greift zu

so kindlichen Mitteln, daß man den Toten rennend mehrmals um die Hütte

herumträgt, oder daß man den Toten nicht durch die Türe, sondern durch

ein zu diesem Behufe gemachtes Loch hinausschafft, das nachher wieder

geschlossen wird.

Lippert erzählt eine tragikomische Geschichte aus unserer eigenen

Zeit (1879) und unserem eigenen Vaterlande, die ebensogut in Afrika

hätte passieren können. In einem Dorfe bei Zittau hatte sich ein

Militärmusiker entleibt. Der Hauswirt gestattete unter keinen Umständen

die Hinausbeförderung der Leiche durch den gewöhnlichen Ausgang, weil

„in diesem Falle die Seele des Selbstmörders im Hause bleibe und darin

spuke“. Die Träger mußten fort und kamen, da es spät war, erst am

nächsten Tage mit den Gensdarmes wieder. Wie erstaunt waren sie, die

Leiche vor dem Hause in einer hölzernen Kiste zu finden. Der Hauswirt

hatte sie in der Nacht mit Hilfe einiger Freunde in die Kiste getan und

an einem Strick durch das Fenster hinabgelassen. Wie es bei uns auch

von Spukgeschichten wimmelt, brauche ich kaum hervorzuheben.

Geht man ganz nachsichtig vor, oder hat man besondere Gründe, so wird

der Tote in der Hütte oder unter dem Eingang der Hütte begraben. Im

ersteren Fall wird die Hütte wohl auch von den Angehörigen verlassen,

damit die Seele ungestört bei ihrem Körper verweilen kann. Oder es wird

der Seele eine besondere Hütte gebaut, in der eben der Tote beigesetzt

wird. Dieses letztere berührt sich zwar mit Kulturgepflogenheiten,

hat aber einen anderen Sinn, lediglich den, der Seele einen festen

Aufenthaltsort zu geben, ohne sie zu kränken. Endlich werden Tote auch

unter Bäumen und Felsen oder in Höhlen beigesetzt. Ihr Gebiet geht

dann, soweit der Schatten des Baumes, Felsens oder der Höhle reicht.

Nach mohammedanischem Glauben bleibt die Seele des Abgeschiedenen noch

eine Nacht bei ihm. Wilde verlängern die Zeit beliebig. Damit die

Seele nicht herauskomme, werden dem Toten alle körperlichen Öffnungen

verstopft, oder es werden die Teile, in denen man die Seele vermutet,

wie Hirn, Herz und namentlich Niere herausgenommen und vernichtet, oder

als „Medizin“, als Zaubermittel gegen Unfälle und für Stärkung der

eigenen Kräfte verwendet. Namentlich Feinden gegenüber, wie Raubtieren

und menschlichen Feinden, wird so verfahren, wenn die Feinde nicht

ganz aufgezehrt werden, um ihre Seele in sich aufzunehmen. Der Drang

nach solcher Medizin ist so groß, daß, wo der Glaube herrscht, die

Seele gehe mit der Leichenflüssigkeit ab, selbst dieser widerliche

Saft getrunken wird. Frobenius, der davon als vom ~Fananybrauch~

spricht, teilt mehrere Beispiele aus Afrika und Polynesien mit. Nicht

selten führt der Glaube zu gemeinen Mordtaten, und der Mörder hat nur

den Wunsch, etwa die Niere des Getöteten zu verschlingen; er hat dann

zwei Seelen, ist also kräftiger und darf auf längeres Leben hoffen.

Auch der Glaube scheint zu bestehen, daß man die Seele verhindern

kann, mit dem Toten zurück ans Tageslicht zu kehren, wenn man der

Leiche Hände und Füße bindet. Der Brauch scheint uralt zu sein, denn

auch in prähistorischen Gräbern Europas hat man Skelette mit Fesseln

an Händen und Füßen gefunden. Wie sehr die Körperlichkeit der Seele

ein Grundgedanke des Naturmenschen ist, ergibt auch die Ansicht, daß

die Seele in der Form ganz dem Körper folgt. Fehlt einem Menschen ein

Glied, so besitzt auch die Seele dieses Glied nicht. Daher schneiden

Wilde den Toten den Daumen der rechten Hand ab, damit die Seele nicht

nach ihnen ihre Geschosse schleudern kann. Es wird erzählt, daß, als

auf einer Plantage viele Neger Selbstmord begingen, um im Jenseits als

freie Seelen zu leben, der Besitzer zuletzt den Leichen Hände und Füße

abschlagen ließ. Das wirkte: die Neger fürchteten nun, ihr jenseitiges

Dasein so verstümmelt verbringen zu müssen. Daher die Vernichtung der

Seele durch absolute Zerstückelung oder besser durch Verbrennen des

Körpers (S. 71). Die Seele krankt und altert sogar mit dem Körper, und

darum fürchten so manche Wilde bei Siechtum oder Alterschwäche, im

Jenseits nicht mehr imstande zu sein, von den dort gebotenen Freuden

hinreichend genießen zu können. Daraus hat man die grausame Sitte so

mancher Naturvölker erklären wollen, die Alten und Siechen zu töten;

man will sie dem Jenseits noch in einiger Kraft erhalten. Eine Sitte,

die auch bei Germanen, Kelten und Slawen sich nachweisen läßt.

Eine Seele kann auch Ummauerungen nicht durchdringen. Daher muß, wo der

Körper von einem Grabhügel umschlossen ist, an diesem Hügel ein Loch zu

ihm gelassen werden, damit Speise und Trank der Seele zugeführt werden

können; die neben das Grab getane würde die Seele nicht erreichen.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 60 / 108 题