Sobald der Mensch dazu gelangt ist, an sich selbst den Körper von der
Seele zu unterscheiden, wird er naturgemäß das gleiche auch für alle
anderen Lebewesen und für die von ihm lebend gedachten Wesen tun.
Wann der Mensch „seine Seele entdeckt“ hat, entzieht sich unserer
Kenntnis. Den Unterschied zwischen einem lebenden Tiere und einem
getöteten kennen anscheinend auch Tiere selbst. Der Mensch aber muß
zu irgendeiner Zeit diesen Unterschied tiefer aufgefaßt haben und so
zu einer Zweiteilung seines Ich gekommen sein. Gegenwärtig scheint
kein Volk zu existieren, das den Begriff der Seele nicht kennt. Und
man möchte auch glauben, daß, sobald der Mensch die Ursächlichkeit
hinreichend bewußt anzuwenden gelernt hat, er durch den Anblick des
Toten neben dem Lebenden zu der Ansicht gezwungen werden mußte,
jenem fehle etwas, das dieser besitzt und was, eben weil körperlich
der Tote zunächst sich vom Lebenden noch gar nicht unterscheidet,
das Leben bedingen muß. Der Tote hat also etwas verloren, das Leben
in ihm, wir sagen die Seele. Der Naturmensch faßt die Seele als
körperlich auf, namentlich als Atem. Das tut er ja mit dem Menschen
überhaupt, man denke an ψυχή, anima, bei den Griechen und Römern, die
ein „Wehen“ bedeuten, an ruach, nephesch bei den Hebräern, die das
gleiche aussagen. Das deutsche „Seele“ soll auch mit einer derartigen
Auffassung zusammenhängen, mit seîvan = sich bewegen, seivs = das Meer,
in Verbindung stehen. Mitunter wird die Seele auch als „Schatten“
bezeichnet und zwar nicht metaphorisch, sondern konkret, denn der
Naturmensch sieht den Schatten für ein Körperliches an, etwa wie die
Luft, und wir haben ja selbst Sagen, die von dem gleichen Gesichtspunkt
ausgehen. Der Teufel, erzählt Jakob Grimm, unterhielt in einer Gruft
zu Salamanca sieben Schüler mit der Bedingung, daß der siebente nach
Beendigung des Studiums das Gelag zahlen sollte. Als er seine Schule
entließ, wollte er den letzten Schüler zurückbehalten. Dieser aber
wies auf seinen Schatten, der wäre der letzte. Da mußte der Teufel den
Schatten nehmen, und der Schüler blieb ohne Schatten, wie -- Peter
Schlemihl. Sonst also ist die Seele etwas Luftartiges, und darum kann
sie auch den ganzen Körper durchdringen und überall in ihm sein,
während sie andererseits wie Luft nicht gesehen wird. Mitunter freilich
wird die Seele unmittelbar als ein Lebewesen betrachtet, entweder als
ein dem Menschen gleichendes Bild -- weshalb die Griechen sie auch
bildlich als εἴδωλον, kleines, den Verstorbenen, zuweilen sogar in
der Tracht, nachahmendes Menschlein darstellten --, oder noch derber
als Schmetterling, Wiesel, Vogel, am meisten als Schlange aufgefaßt.
Auf anderen Stufen wird die Seele auch als Pflanze betrachtet; Jakob
Grimm scheint in seiner deutschen Mythologie damit die Metamorphosen
verfolgter Menschen, namentlich Mädchen, wie Daphne und Syrinx, in
Verbindung zu bringen. „Ursprünglich,“ sagt er, „mag aber die Idee
eines unmittelbaren schnellen Übertritts der Seele in die Gestalt
der Blume (wofür er einige Beispiele aus deutschen, romanischen
und slawischen Sagen beiträgt) zugrunde liegen, wie aus bloßen
Blutstropfen, die nur einen kleinen Teil des Lebens enthalten, eine
Blume entspringt, im Blut hat die Seele Sitz, mit seinem Verströmen
flieht sie hin.“ Die Tschechen nennen die auf Sandgrabhügeln wachsende
Quendelblume „Mutterseelchen“. Aber da die Seele dem Körper Leben
verliehen hat, schreibt der Mensch ihr höhere Eigenschaften zu als der
Mensch als solcher besitzt.
Übertrug nun der Mensch die Entdeckung an sich auch auf die anderen
Lebewesen und auf die ihm belebt scheinenden Gegenstände, so gewann
er rings um sich Seelen, die er im allgemeinen seiner Seele ähnlich
achten mußte. Und so wurden die Tiere wie er beseelt und füllten
sich Sonne, Mond, Gestirne, Bäume, Berge, Felsen, Meer, Flüsse und
Naturerscheinungen mit Seelen. Max Müller sagt zwar: „Ich kann nicht
umhin, es vernunftwidrig zu nennen, wenn man uns weismachen will,
daß zu irgendeiner Zeit in der Geschichte der Welt ein Mensch so
einfältig gewesen sei, daß er nicht imstande war, zwischen leblosen
und belebten Wesen zu unterscheiden, eine Unterscheidung, bei der
selbst die höheren Tiere kaum jemals fehlgehen; oder gar, daß sich
der Mensch darin gefiel, der Sonne und dem Mond, Bäumen und Flüssen
Leben oder eine Seele zuzuschreiben, obwohl er sich dessen vollkommen
bewußt war, daß sie weder Leben noch Seele besäßen.“ Aber gerade dieses
letztere kann angesichts der außerordentlichen Zahl von Tatsachen
nicht zugegeben werden. Der Mensch war sich eben nicht bewußt, daß
die Gegenstände weder Leben noch Seele besäßen, er hat eben gerade
das Gegenteil angenommen. Und man kann sagen, daß die Entdeckung der
Seele als eines Sonderdinges ihm geholfen hat, die Schwierigkeiten,
die sich aus der offensichtlichen Leblosigkeit vieler Gegenstände
ergeben, zu verringern. Denn er sah an sich, daß er zu Zeiten -- im
Schlaf -- gleichfalls wie leblos erscheint. Da konnten die Seelen der
Gegenstände ähnlich sich in Schlummer oder Halbschlummer befinden. Er
sah, daß Menschen leblos sind, sobald die Seele aus ihnen schwindet;
das konnte auf die Gegenstände gleichfalls Anwendung finden, wo etwa
der Augenschein gegen ein Leben allzusehr sprach.
Mit der Einführung der Seele als Sonderding und Lebensprinzip, was
selbstverständlich nur sehr allmählich geschah, nahmen nun die
Religionen eine neue Wendung. Sie geht nach verschiedenen Richtungen.
Wir unterscheiden zunächst Fetischglaube, Seelenglaube, einschließlich
Schamanismus, Ahnenglaube, einschließlich Totemismus, Geister- und
Dämonenglaube, Götterglaube. Man darf nicht annehmen, daß es sich hier
um nacheinander entstandene oder -- wenigstens gegenwärtig -- auch nur
getrennte Religionsgebiete handelt. Alles geht durcheinander, und wir
haben ein solches Gewirr von Angaben und Meinungen, daß es kaum möglich
ist, zu sagen, was bei diesem oder jenem Volke das Wesentliche ist.
Daher auch die sich oft widersprechenden Definitionen und Ergebnisse
der einzelnen Forscher und die Verschiedenheiten in der Bedeutung, die
sie, je nach Ansicht, den besonderen Anschauungsformen beimessen. Nur
allgemeine Grundzüge lassen sich feststellen.
Es entspricht, wie schon bemerkt, der Natur des Menschen, daß
ungewohnte, neue oder seltene Gegenstände seine besondere
Aufmerksamkeit erregen. Tritt die Beseelung hinzu, so kann Furcht
oder Erwartung an diese Gegenstände sich knüpfen. Sie werden als
zauberkräftig im Schlimmen oder Guten angesehen, und der Mensch sucht
sie durch Gaben zu versöhnen oder sich günstig zu stimmen. Darauf
etwa beruht der ~Fetischismus~, wie die Portugiesen ihn in Afrika
zuerst kennen gelernt und aus ihrer Sprache (feitiço, Zauber) benannt
haben. Hiernach kann alles Fetisch sein oder werden: Töpfe, Steine,
Holz, Haar, Geflecht usf. Charakteristisch ist eine Erzählung aus
Afrika. Es wurde ein Anker gefunden, ein jedenfalls ungewohntes oder
gar unbekanntes Ding. Einer brach ein Stück davon ab und starb kurze
Zeit darauf. Sofort heißt es, der Anker wäre ein Fetisch, und der Mann
hätte sterben müssen, weil er durch Verletzung diesen Fetisch gekränkt
hätte. In Ozeanien sollen chinesische Töpfe als Fetische verehrt
werden. Tausende sind der Beispiele, die für den Fetischglauben aus
allen Teilen der Welt beigebracht und Tausende auch die Fetische, die
in unsere Museen und Sammlungen versetzt sind. Orte, wo üble Fetische
sich befinden, werden gemieden und nur zu Kulthandlungen aufgesucht.
Gute Fetische nimmt man nach Hause oder tut sie in besondere Hütten.
Erfüllen solche Fetische die Erwartungen nicht, oder zeigen sie
sich unwirksam, so werden sie mitunter wohl gezüchtigt, und wenn das
nichts nützt, fortgeworfen, als gänzlich leblos erkannt. Fetische
können von selbst wirken und ihrem Besitzer Glück und Gesundheit
bringen und erhalten -- solche haben wir ja in Unzahl ebenfalls z.
B. in den ~Amuletten~. Oder sie reagieren nur auf Anrufung durch
einen Sachverständigen. Daraus ergibt sich nun der ganze Unfug des
Zauberwesens und der Zauberer, der überall auf der Erde sich findet
und überall die gleichen Züge trägt. Betrügende Betrüger und betrogene
Betrüger spielen da ihre verhängnisvolle Rolle. Bei der Beurteilung
darf man nicht vergessen, daß der Wilde so wenig Mittel gegen
Krankheit, Hungersnot, Tiere usf. besitzt und darum naturgemäß zu allem
greift, davon er irgend glauben kann, daß es ihm nützen möchte. Wir
finden das gleiche auch bei uns, wo der Mensch von bessern Hilfsmitteln
verlassen ist und irgendwelche Beispiele ihm bekannt sind, daß dieses
oder jenes, wenn auch noch so Absurde, irgendwo und wann geholfen hat.
Wir sehen aber, daß der Fetischglaube rein auf Furcht und Egoismus
gebaut ist, und dementsprechend ist der Kult der Fetische eingerichtet.
Mit dem guten Fetisch wird wie mit einem Liebling verkehrt; er erhält
Gaben an Essen und Getränk, Sitz und Lager. Manche schaffen sich
Hunderte und Tausende von Fetischen an; Steine, über die sie stolpern,
Blätter, die zu ihren Füßen geweht werden, Holzstücke, die ihnen
auffallen, Figuren usf. Und sie sitzen mitunter in der großen Masse
von solchen Gegenständen und bitten sie schmeichelnd und verehrend,
ihre Kraft ihnen zu weihen. Gefürchtete Fetische können zu furchtbaren
Götzen sich auswachsen, die nur durch blutige Opfer zu versöhnen
sind, wozu namentlich auch Menschenopfer gehören. Der Fetischismus
wird vielfach, so von Comte, Lippert, Schultze u. a. in viel weiterem
Sinne aufgefaßt, was später noch zur Sprache kommt. Ich habe die
beschränktere Umgrenzung gewählt, um nicht bei einer allgemeinen
Untersuchung sogleich ins Uferlose zu geraten. Gibt es doch auf der
anderen Seite Forscher, welche von einem Fetisch~glauben~ überhaupt
nichts wissen wollen.
Der Seelenglaube erschöpft sich nicht in dem Glauben an eine Seele,
sondern er geht auch auf die Beschaffenheit und Eigenheit der Seele
ein. Sie kann ihre Behausung überall nehmen, hält sich jedoch am
liebsten am gewohnten Orte auf. Da sie immerhin unheimlich wirkt,
sucht man sie entweder zu bannen oder man überläßt ihr ihren gewohnten
Aufenthalt. So wird oft ein Topf oder ein Korb hingestellt und die
Seele des Gestorbenen gebeten, darin ihren Platz zu nehmen. Dem Körper
entsprechend, den sie bewohnt hat, zieht sie Nachbildungen aus Holz
oder Ton oder Stein vor. Hat sie sich in eine solche Nachbildung
begeben, so kann letztere Fetisch werden und darum haben so viele
Fetische Menschen- und Tiergestalt. In anderen Fällen sucht man sie den
gewohnten Eingang in die Behausung vergessen zu machen und greift zu
so kindlichen Mitteln, daß man den Toten rennend mehrmals um die Hütte
herumträgt, oder daß man den Toten nicht durch die Türe, sondern durch
ein zu diesem Behufe gemachtes Loch hinausschafft, das nachher wieder
geschlossen wird.
Lippert erzählt eine tragikomische Geschichte aus unserer eigenen
Zeit (1879) und unserem eigenen Vaterlande, die ebensogut in Afrika
hätte passieren können. In einem Dorfe bei Zittau hatte sich ein
Militärmusiker entleibt. Der Hauswirt gestattete unter keinen Umständen
die Hinausbeförderung der Leiche durch den gewöhnlichen Ausgang, weil
„in diesem Falle die Seele des Selbstmörders im Hause bleibe und darin
spuke“. Die Träger mußten fort und kamen, da es spät war, erst am
nächsten Tage mit den Gensdarmes wieder. Wie erstaunt waren sie, die
Leiche vor dem Hause in einer hölzernen Kiste zu finden. Der Hauswirt
hatte sie in der Nacht mit Hilfe einiger Freunde in die Kiste getan und
an einem Strick durch das Fenster hinabgelassen. Wie es bei uns auch
von Spukgeschichten wimmelt, brauche ich kaum hervorzuheben.
Geht man ganz nachsichtig vor, oder hat man besondere Gründe, so wird
der Tote in der Hütte oder unter dem Eingang der Hütte begraben. Im
ersteren Fall wird die Hütte wohl auch von den Angehörigen verlassen,
damit die Seele ungestört bei ihrem Körper verweilen kann. Oder es wird
der Seele eine besondere Hütte gebaut, in der eben der Tote beigesetzt
wird. Dieses letztere berührt sich zwar mit Kulturgepflogenheiten,
hat aber einen anderen Sinn, lediglich den, der Seele einen festen
Aufenthaltsort zu geben, ohne sie zu kränken. Endlich werden Tote auch
unter Bäumen und Felsen oder in Höhlen beigesetzt. Ihr Gebiet geht
dann, soweit der Schatten des Baumes, Felsens oder der Höhle reicht.
Nach mohammedanischem Glauben bleibt die Seele des Abgeschiedenen noch
eine Nacht bei ihm. Wilde verlängern die Zeit beliebig. Damit die
Seele nicht herauskomme, werden dem Toten alle körperlichen Öffnungen
verstopft, oder es werden die Teile, in denen man die Seele vermutet,
wie Hirn, Herz und namentlich Niere herausgenommen und vernichtet, oder
als „Medizin“, als Zaubermittel gegen Unfälle und für Stärkung der
eigenen Kräfte verwendet. Namentlich Feinden gegenüber, wie Raubtieren
und menschlichen Feinden, wird so verfahren, wenn die Feinde nicht
ganz aufgezehrt werden, um ihre Seele in sich aufzunehmen. Der Drang
nach solcher Medizin ist so groß, daß, wo der Glaube herrscht, die
Seele gehe mit der Leichenflüssigkeit ab, selbst dieser widerliche
Saft getrunken wird. Frobenius, der davon als vom ~Fananybrauch~
spricht, teilt mehrere Beispiele aus Afrika und Polynesien mit. Nicht
selten führt der Glaube zu gemeinen Mordtaten, und der Mörder hat nur
den Wunsch, etwa die Niere des Getöteten zu verschlingen; er hat dann
zwei Seelen, ist also kräftiger und darf auf längeres Leben hoffen.
Auch der Glaube scheint zu bestehen, daß man die Seele verhindern
kann, mit dem Toten zurück ans Tageslicht zu kehren, wenn man der
Leiche Hände und Füße bindet. Der Brauch scheint uralt zu sein, denn
auch in prähistorischen Gräbern Europas hat man Skelette mit Fesseln
an Händen und Füßen gefunden. Wie sehr die Körperlichkeit der Seele
ein Grundgedanke des Naturmenschen ist, ergibt auch die Ansicht, daß
die Seele in der Form ganz dem Körper folgt. Fehlt einem Menschen ein
Glied, so besitzt auch die Seele dieses Glied nicht. Daher schneiden
Wilde den Toten den Daumen der rechten Hand ab, damit die Seele nicht
nach ihnen ihre Geschosse schleudern kann. Es wird erzählt, daß, als
auf einer Plantage viele Neger Selbstmord begingen, um im Jenseits als
freie Seelen zu leben, der Besitzer zuletzt den Leichen Hände und Füße
abschlagen ließ. Das wirkte: die Neger fürchteten nun, ihr jenseitiges
Dasein so verstümmelt verbringen zu müssen. Daher die Vernichtung der
Seele durch absolute Zerstückelung oder besser durch Verbrennen des
Körpers (S. 71). Die Seele krankt und altert sogar mit dem Körper, und
darum fürchten so manche Wilde bei Siechtum oder Alterschwäche, im
Jenseits nicht mehr imstande zu sein, von den dort gebotenen Freuden
hinreichend genießen zu können. Daraus hat man die grausame Sitte so
mancher Naturvölker erklären wollen, die Alten und Siechen zu töten;
man will sie dem Jenseits noch in einiger Kraft erhalten. Eine Sitte,
die auch bei Germanen, Kelten und Slawen sich nachweisen läßt.
Eine Seele kann auch Ummauerungen nicht durchdringen. Daher muß, wo der
Körper von einem Grabhügel umschlossen ist, an diesem Hügel ein Loch zu
ihm gelassen werden, damit Speise und Trank der Seele zugeführt werden
können; die neben das Grab getane würde die Seele nicht erreichen.