Gehen wir nun zu den einzelnen Religionsformen über, so scheint
in der Tat die von Max Müller angenommene physische Religion die
ursprünglichste zu sein, jedoch in ganz niedriger Bedeutung. Über die
Stufe der stumpfen Selbstverständlichkeit erhoben, wird der Mensch in
allem, was ihn umgab, etwas gesehen haben, das wir allerdings am besten
unbestimmt als Agens, Tätiges, Handelndes, Wirkendes bezeichnen können.
Namentlich in den Vorgängen wie Flamme, Sturm, Gewitter, Regen usf.
wird dieses zunächst geschehen sein, dann auch in den Gegenständen.
An den Tieren war eine derartige Betrachtung selbstverständlich,
ihre Ausdehnung auf Bäume, Blumen, Gräser konnte folgen. Dann mögen
fließende oder wogende Gewässer und zuletzt Berge, Felsen, Steine
an die Reihe gekommen sein. Es ist mißlich, solche Serien ex post
aufzustellen, da bei besonderen Völkern vieles von ihrer besonderen
Umgebung abhängig gewesen sein wird. Dazu ist zu beachten, daß auf
Menschen, wie übrigens auch auf Tiere, Gegenstände besonderer Art und
unter besonderen Umständen auch eine besondere Wirkung ausüben, wie
überhängende Felsen oder Steine in ebener Gegend, Bäume gewundener
oder übermäßiger Gestalt, Dämpfe aus der Erde aufsteigend usf. Kein
Hund hält einer Selterwasserflasche stand, die man vor ihm aufknallen
läßt, und überhängende oder fast schwebende Steinplatten sind selbst
einem beherzten Manne ungemütlich. Also mögen gewisse tote Gegenstände
viel eher mit dem Etwas versehen gedacht worden sein, als harmlose
Sträucher. Es ist vieles erzählt worden, woraus man schließen möchte,
daß die Feuerländer sich auf dieser Stufe der Weltanschauung befinden,
in der in allem ein Etwas Tätiges gesehen wird, ohne daß dieses Etwas
schon mit dem, was im Menschen das Tätige ist, identifiziert wird.
Wenn der Mensch unter solchen Anschauungen seine Meinung bestimmter zu
fassen lernt, so wird er in dem in den Gegenständen Handelnden etwas
Lebendes sehen, sei es, daß die Gegenstände selbst leben, sei es, daß
etwas in ihnen vorhanden ist, das lebt. Beides finden wir, aber das
erstere kann offenbar nicht von weitem Umfange sein, da Lebloses von
Lebendem zu unterscheiden selbst dem Tiere leicht fällt. Max Müller hat
ein sehr lehrreiches Beispiel auf das sorgfältigste untersucht, die
Bedeutung Agnis in der altindischen Religion. Wie wir sahen, scheint
ihm „Agni den Begriff der lebhaften Bewegung ausgedrückt zu haben.
Am nächsten verwandt würde lateinisch ag-ilis sein“. Im Lateinischen
haben wir ignis, im Altslawischen ogni, im Littauischen ugnì. Das würde
noch auf der ersten Stufe stehen. Aber nun kommen Namen, die offenbar
einen tätigen Gegenstand ausdrücken: Dahana = der Brenner, An-ala
= der Blaser (mit der Wurzel An, die auch in animus, anima, ἄνεμος
enthalten ist und hauchen, wehen bedeutet). Max Müller führt noch
andere Namen auf, die gleichfalls einen tätigen Gegenstand betreffen.
Und er sagt allgemein: „Wenn dieser Schritt einmal getan war, wenn das
Wort Agni, Feuer, einmal geprägt war, so war die Versuchung groß, ja
fast unwiderstehlich, wie Agni als Agens aufgefaßt worden war, so auch
ihn als etwas aufzufassen, das den einzigen anderen aktiven Subjekten,
die den Menschen bekannt waren, glich, als tierischen und menschlichen
Agens.“ Und darin kann man ihm lediglich beistimmen. So führt er denn
auch an, daß im Rigveda von der Zunge oder den Zungen Agnis gesprochen
wird, von seinen Zähnen, seinen Kinnbacken, seiner brennenden Stirne,
seinem flammenden Haar, seinem goldenen Bart. Diese Sprechweisen als
metaphorisch aufzufassen, würde möglich sein, wenn der erste Begriff
des Agni ein höherer wäre. So aber möchten sie kaum anders als ad
verbum genommen werden, als Beschreibung Agnis als eines lebenden Etwas
(s. jedoch S. 25). Ich habe schon erwähnt, daß die Polynesier die Sonne
auch als Ungetüm betrachten, die Eskimo nehmen Sonne und Mond als
Mädchen und Knaben, wie südamerikanische Völker und wie, umgekehrt,
die Australier als Mann und Frau. Algonkinindianer, die den Mond für
die Frau der Sonne ansehen, erklären sogar die Finsternis dadurch,
daß diese Gestirne zuweilen ihr Kind (das also dunkel sein muß) in
den Armen vor sich halten. Daß man die Arme nicht sieht, kommt daher,
daß sie ständig einen Bogen gespannt vor sich halten. Hübsch ist eine
Sage bei den Mexikanern, die Tylor in seinem vorzüglichen Buche „Die
Anfänge der Kultur“ mitteilt. Die alte Sonne war ausgebrannt und die
Welt in Finsternis begraben. Da sprang ein Held in ein riesiges Feuer
und stieg, zum Gott geworden, als Tonatiuh strahlend im Osten als
neue Sonne auf. Nach ihm sprang ein zweiter Held in das Feuer. Aber
dieses war schon matt, und so kam er nur als Mond, Metztli, empor. Hier
sind also Sonne und Mond zwei Männer. Doch steht diese Sage für das
Gegenwärtige schon zu hoch. Mehr paßt hierher, daß bei den Alëuten der
Mond mit Steinen nach denen wirft, die ihn beleidigen. Man bedenke,
daß man in der Tat früher vielfach geglaubt hat, daß die Meteorsteine
Auswürflinge des Mondes seien. Auch die Sterne werden für Lebewesen,
Menschen oder Tiere, gehalten, wohl auch für Teile von Lebewesen. Ich
will nicht die griechischen Katasterismen anführen, die in so schönen
Sagen erzählt werden und noch in der so späten Zeit der Ptolemäer zu
der Versetzung des prachtvollen Haares der Berenike an den Himmel
geführt haben. Aber in Afrika ist die Milchstraße ein Zug Vögel.
Anderweitig sind die Sterne Menschen, welche in den Himmel geklettert
sind und nun nicht herabkönnen. In Ozeanien werden die Sterne auch als
Augen berühmter Häuptlinge ausgegeben, so daß diese letzteren großen
Wert im Leben auf möglichst glänzende Augen legen und die ihnen von
Natur verliehenen dadurch zu verbessern suchen, daß sie anderen die
Augen ausreißen und sie verzehren. Daß der Regenbogen ein lebendes
Ungetüm ist, das sogar Menschen frißt oder sie vergiftet, wird in
Polynesien erzählt. Der Gott Perkun soll in Littauen auch den Donner
selbst bedeutet haben. Stürme werden personifiziert; so sind bei den
Indianern, von denen Hiawatha erzählt, Wabun, Schawondasee, Kabibonda
Lebewesen, die Ostwind, Südwind und Nordwind bedeuten, deren Vater,
der allgemein Sturm, Mudjeekewis, heißt. Bei den Polynesiern finden
wir ähnlich personifizierte Winde, die Verwandte sind von Göttern.
Der Hauptwindgott Tawhiri-matea, der den Schimpf, der seinem Vater
und seiner Mutter, Himmel und Erde, durch ihre gewaltsame Scheidung
geschehen ist (S. 12), rächen will, läßt seine Kinder, die Stürme,
auf Meer und Land los, und er selbst wütet in ihrer Mitte, so daß die
Wälder, die Kinder Tane Mahutas, gestürzt, die Länder überschwemmt
und die Meere durchwühlt werden. „Den niederen Menschenstämmen,“ sagt
Tylor in seinem genannten Werke, „werden Sonne und Gestirne, Bäume und
Flüsse, Wind und Wolken persönliche, belebte Geschöpfe, welche ein nach
Analogie des menschlichen oder tierischen gedachtes Leben führen und
ihre besonderen Aufgaben im Universum mit Hilfe ihrer Gliedmaßen wie
Tiere erfüllen.“ Und er weist mit Recht auf das Verhalten der Kinder
hin, die zuerst gleichfalls alles beleben. Wie das Kind „schlägt der
Wilde Brasiliens den Stein, über den er gestolpert ist, oder den Pfeil,
der ihn verwundet hat.“ Tylor teilt noch andere Beispiele mit. So wird
bei gewissen südasiatischen Stämmen der Baum gefällt und zu Spänen
zerhackt, von dem jemand tödlich herabgefallen ist. Entsprechende
Beispiele finden sich sogar bei Kulturvölkern, ich darf an die Gerichte
erinnern, die bei den Athenern über leblose Gegenstände gehalten
wurden, durch die ein Mensch umgekommen war, an die Geißelung des
Hellesponts durch Xerxes und an anderes aus dem Altertum und selbst aus
dem Mittelalter Bekannte. Fast möchte man an die „Tücke des Objekts“
erinnern, die Friedrich Vischer in seinem Roman „Auch einer“ so launig
beschreibt. Es war früher eine Sitte in Deutschland, wenn der Hausherr
gestorben war, es allem im Hause mitzuteilen, selbst dem Ackergerät und
den Vorräten. Wir dürfen uns darum nicht wundern, daß der Naturmensch
tatsächlich Gegenstände für lebend hält, die ihm doch tot scheinen
sollten, und sich so überall von Leben umgeben fühlt, dessen Natur er
nicht kennt, und das ihn infolgedessen beängstigt und bedrückt. Diese
Allbelebung, der wir auf niedrigster Kulturstufe begegnen, findet sich
von allem Groben geklärt in höchsten philosophischen Spekulationen
wieder, wie wir sehen werden. Für die Wildenstufe hat Tylor sie als
„Animismus“ bezeichnet, diesem Worte jedoch noch eine weitere Bedeutung
verliehen.