8. ~Allgemeine Belebung.~

Gehen wir nun zu den einzelnen Religionsformen über, so scheint

in der Tat die von Max Müller angenommene physische Religion die

ursprünglichste zu sein, jedoch in ganz niedriger Bedeutung. Über die

Stufe der stumpfen Selbstverständlichkeit erhoben, wird der Mensch in

allem, was ihn umgab, etwas gesehen haben, das wir allerdings am besten

unbestimmt als Agens, Tätiges, Handelndes, Wirkendes bezeichnen können.

Namentlich in den Vorgängen wie Flamme, Sturm, Gewitter, Regen usf.

wird dieses zunächst geschehen sein, dann auch in den Gegenständen.

An den Tieren war eine derartige Betrachtung selbstverständlich,

ihre Ausdehnung auf Bäume, Blumen, Gräser konnte folgen. Dann mögen

fließende oder wogende Gewässer und zuletzt Berge, Felsen, Steine

an die Reihe gekommen sein. Es ist mißlich, solche Serien ex post

aufzustellen, da bei besonderen Völkern vieles von ihrer besonderen

Umgebung abhängig gewesen sein wird. Dazu ist zu beachten, daß auf

Menschen, wie übrigens auch auf Tiere, Gegenstände besonderer Art und

unter besonderen Umständen auch eine besondere Wirkung ausüben, wie

überhängende Felsen oder Steine in ebener Gegend, Bäume gewundener

oder übermäßiger Gestalt, Dämpfe aus der Erde aufsteigend usf. Kein

Hund hält einer Selterwasserflasche stand, die man vor ihm aufknallen

läßt, und überhängende oder fast schwebende Steinplatten sind selbst

einem beherzten Manne ungemütlich. Also mögen gewisse tote Gegenstände

viel eher mit dem Etwas versehen gedacht worden sein, als harmlose

Sträucher. Es ist vieles erzählt worden, woraus man schließen möchte,

daß die Feuerländer sich auf dieser Stufe der Weltanschauung befinden,

in der in allem ein Etwas Tätiges gesehen wird, ohne daß dieses Etwas

schon mit dem, was im Menschen das Tätige ist, identifiziert wird.

Wenn der Mensch unter solchen Anschauungen seine Meinung bestimmter zu

fassen lernt, so wird er in dem in den Gegenständen Handelnden etwas

Lebendes sehen, sei es, daß die Gegenstände selbst leben, sei es, daß

etwas in ihnen vorhanden ist, das lebt. Beides finden wir, aber das

erstere kann offenbar nicht von weitem Umfange sein, da Lebloses von

Lebendem zu unterscheiden selbst dem Tiere leicht fällt. Max Müller hat

ein sehr lehrreiches Beispiel auf das sorgfältigste untersucht, die

Bedeutung Agnis in der altindischen Religion. Wie wir sahen, scheint

ihm „Agni den Begriff der lebhaften Bewegung ausgedrückt zu haben.

Am nächsten verwandt würde lateinisch ag-ilis sein“. Im Lateinischen

haben wir ignis, im Altslawischen ogni, im Littauischen ugnì. Das würde

noch auf der ersten Stufe stehen. Aber nun kommen Namen, die offenbar

einen tätigen Gegenstand ausdrücken: Dahana = der Brenner, An-ala

= der Blaser (mit der Wurzel An, die auch in animus, anima, ἄνεμος

enthalten ist und hauchen, wehen bedeutet). Max Müller führt noch

andere Namen auf, die gleichfalls einen tätigen Gegenstand betreffen.

Und er sagt allgemein: „Wenn dieser Schritt einmal getan war, wenn das

Wort Agni, Feuer, einmal geprägt war, so war die Versuchung groß, ja

fast unwiderstehlich, wie Agni als Agens aufgefaßt worden war, so auch

ihn als etwas aufzufassen, das den einzigen anderen aktiven Subjekten,

die den Menschen bekannt waren, glich, als tierischen und menschlichen

Agens.“ Und darin kann man ihm lediglich beistimmen. So führt er denn

auch an, daß im Rigveda von der Zunge oder den Zungen Agnis gesprochen

wird, von seinen Zähnen, seinen Kinnbacken, seiner brennenden Stirne,

seinem flammenden Haar, seinem goldenen Bart. Diese Sprechweisen als

metaphorisch aufzufassen, würde möglich sein, wenn der erste Begriff

des Agni ein höherer wäre. So aber möchten sie kaum anders als ad

verbum genommen werden, als Beschreibung Agnis als eines lebenden Etwas

(s. jedoch S. 25). Ich habe schon erwähnt, daß die Polynesier die Sonne

auch als Ungetüm betrachten, die Eskimo nehmen Sonne und Mond als

Mädchen und Knaben, wie südamerikanische Völker und wie, umgekehrt,

die Australier als Mann und Frau. Algonkinindianer, die den Mond für

die Frau der Sonne ansehen, erklären sogar die Finsternis dadurch,

daß diese Gestirne zuweilen ihr Kind (das also dunkel sein muß) in

den Armen vor sich halten. Daß man die Arme nicht sieht, kommt daher,

daß sie ständig einen Bogen gespannt vor sich halten. Hübsch ist eine

Sage bei den Mexikanern, die Tylor in seinem vorzüglichen Buche „Die

Anfänge der Kultur“ mitteilt. Die alte Sonne war ausgebrannt und die

Welt in Finsternis begraben. Da sprang ein Held in ein riesiges Feuer

und stieg, zum Gott geworden, als Tonatiuh strahlend im Osten als

neue Sonne auf. Nach ihm sprang ein zweiter Held in das Feuer. Aber

dieses war schon matt, und so kam er nur als Mond, Metztli, empor. Hier

sind also Sonne und Mond zwei Männer. Doch steht diese Sage für das

Gegenwärtige schon zu hoch. Mehr paßt hierher, daß bei den Alëuten der

Mond mit Steinen nach denen wirft, die ihn beleidigen. Man bedenke,

daß man in der Tat früher vielfach geglaubt hat, daß die Meteorsteine

Auswürflinge des Mondes seien. Auch die Sterne werden für Lebewesen,

Menschen oder Tiere, gehalten, wohl auch für Teile von Lebewesen. Ich

will nicht die griechischen Katasterismen anführen, die in so schönen

Sagen erzählt werden und noch in der so späten Zeit der Ptolemäer zu

der Versetzung des prachtvollen Haares der Berenike an den Himmel

geführt haben. Aber in Afrika ist die Milchstraße ein Zug Vögel.

Anderweitig sind die Sterne Menschen, welche in den Himmel geklettert

sind und nun nicht herabkönnen. In Ozeanien werden die Sterne auch als

Augen berühmter Häuptlinge ausgegeben, so daß diese letzteren großen

Wert im Leben auf möglichst glänzende Augen legen und die ihnen von

Natur verliehenen dadurch zu verbessern suchen, daß sie anderen die

Augen ausreißen und sie verzehren. Daß der Regenbogen ein lebendes

Ungetüm ist, das sogar Menschen frißt oder sie vergiftet, wird in

Polynesien erzählt. Der Gott Perkun soll in Littauen auch den Donner

selbst bedeutet haben. Stürme werden personifiziert; so sind bei den

Indianern, von denen Hiawatha erzählt, Wabun, Schawondasee, Kabibonda

Lebewesen, die Ostwind, Südwind und Nordwind bedeuten, deren Vater,

der allgemein Sturm, Mudjeekewis, heißt. Bei den Polynesiern finden

wir ähnlich personifizierte Winde, die Verwandte sind von Göttern.

Der Hauptwindgott Tawhiri-matea, der den Schimpf, der seinem Vater

und seiner Mutter, Himmel und Erde, durch ihre gewaltsame Scheidung

geschehen ist (S. 12), rächen will, läßt seine Kinder, die Stürme,

auf Meer und Land los, und er selbst wütet in ihrer Mitte, so daß die

Wälder, die Kinder Tane Mahutas, gestürzt, die Länder überschwemmt

und die Meere durchwühlt werden. „Den niederen Menschenstämmen,“ sagt

Tylor in seinem genannten Werke, „werden Sonne und Gestirne, Bäume und

Flüsse, Wind und Wolken persönliche, belebte Geschöpfe, welche ein nach

Analogie des menschlichen oder tierischen gedachtes Leben führen und

ihre besonderen Aufgaben im Universum mit Hilfe ihrer Gliedmaßen wie

Tiere erfüllen.“ Und er weist mit Recht auf das Verhalten der Kinder

hin, die zuerst gleichfalls alles beleben. Wie das Kind „schlägt der

Wilde Brasiliens den Stein, über den er gestolpert ist, oder den Pfeil,

der ihn verwundet hat.“ Tylor teilt noch andere Beispiele mit. So wird

bei gewissen südasiatischen Stämmen der Baum gefällt und zu Spänen

zerhackt, von dem jemand tödlich herabgefallen ist. Entsprechende

Beispiele finden sich sogar bei Kulturvölkern, ich darf an die Gerichte

erinnern, die bei den Athenern über leblose Gegenstände gehalten

wurden, durch die ein Mensch umgekommen war, an die Geißelung des

Hellesponts durch Xerxes und an anderes aus dem Altertum und selbst aus

dem Mittelalter Bekannte. Fast möchte man an die „Tücke des Objekts“

erinnern, die Friedrich Vischer in seinem Roman „Auch einer“ so launig

beschreibt. Es war früher eine Sitte in Deutschland, wenn der Hausherr

gestorben war, es allem im Hause mitzuteilen, selbst dem Ackergerät und

den Vorräten. Wir dürfen uns darum nicht wundern, daß der Naturmensch

tatsächlich Gegenstände für lebend hält, die ihm doch tot scheinen

sollten, und sich so überall von Leben umgeben fühlt, dessen Natur er

nicht kennt, und das ihn infolgedessen beängstigt und bedrückt. Diese

Allbelebung, der wir auf niedrigster Kulturstufe begegnen, findet sich

von allem Groben geklärt in höchsten philosophischen Spekulationen

wieder, wie wir sehen werden. Für die Wildenstufe hat Tylor sie als

„Animismus“ bezeichnet, diesem Worte jedoch noch eine weitere Bedeutung

verliehen.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 59 / 108 题