Die Bedeutung des Wortes Religion wollen wir hier im allerweitesten
Sinne fassen; also dazu auch Meinung, Erzählung, Sage, Mythe rechnen,
sofern sie sich auf nicht jedem zur Verfügung stehende Kräfte und
Äußerungen beziehen. So weit müssen wir gehen, wenn wir von der
Religion der Naturvölker sprechen.
Religion entstammt dem Ursächlichkeitsbegriff des Menschen, das heißt
der Eigenheit der Seele, alles notwendig als die Folge eines anderen
anzuschauen. Es kann einen Ursächlichkeitsbegriff ohne Religionen
geben, aber keine Religion ohne diesen Ursächlichkeitsbegriff.
Das gilt auch für geoffenbarte Religionen, da um eine Offenbarung
aufzufassen schon der Ursächlichkeitsbegriff vorhanden sein muß,
indem ohne diesen nichts mit einem anderen verknüpft werden kann.
Wahrscheinlich gibt es kein Lebewesen ohne den Ursächlichkeitsbegriff,
wie dunkel er in manchen Lebewesen auch sein mag. Aber außer diesem
Ursächlichkeitsbegriff dürfte auch der Lebenstrieb ein Großes zur
Entstehung von Religionen beigetragen haben. Und da dieser Trieb
sich vornehmlich äußert in Begehren und Fürchten, so werden schon
am Ursprung der Religionen diese Empfindungen für ihre Richtung
entscheidend sein. Wie, wann und wo die Religionen ihren Ursprung
nahmen, darüber bestehen bei den Forschern noch gegenwärtig unendlich
viele Meinungen. Einige sehen die Religionen als Folgeerscheinung der
Sprache an. Da auch Tiere in ihrer Weise sprechen können, und wir
diesen doch nicht gerne religiöse Anschauungen zuschreiben möchten,
muß es sich schon um eine Sprache handeln, die den Menschen vom Tiere
unterscheidet. Leider wissen wir nicht recht, wo der Unterschied
beginnt. Will man aber von uns selbst rückwärts schließen, so wird
man meinen, daß Namen- und Begriffsbildung die entscheidenden
Momente in der Sprache waren. Max Müller, der diesen Standpunkt
mit größter Konsequenz vertritt, bezeichnet es als Tatsache, daß
dazu die Wortwurzeln dienten, allein dienen konnten, und -- was das
Wesentlichste ist -- daß diese Wurzeln, „infolge der Art und Weise,
in der sie zuerst ins Dasein traten, ~Handlungen~ ausdrückten, die
gewöhnlichen Handlungen, die auf einer früheren Gesellschaftsstufe
vollführt wurden. Der Himmel war der, der bedeckt, die Sonne die, die
wärmt, der Mond der, der mißt, die Wolke die, die regnet“ usf. Sah nun
der Mensch z. B. das Feuer, das für ihn eine so eminente Bedeutung
hat, so fiel ihm namentlich die Ruhelosigkeit dieses Elementes auf,
das Flammen, Zucken, Züngeln, Springen usf. Er bezeichnete es also
mit der Wortwurzel in „bewegen“, in den indogermanischen Sprachen
mit AG. Da aber diese Wurzel ein Handeln des Menschen ausdrückt,
eben das „Bewegen“, so kam er allmählich zu der Anschauung, daß in
der Flamme etwas Bewegendes, ein Agens sei, zu ihrer Natur gehöre,
„Beweger hier“, „Beweger da“, im sanskritischen AG-ni-s, damit wäre
zum Beispiel in Sanskrit der Agni gewonnen, der „Beweger“. Im Laufe
der Jahrhunderte trat dann eine immer weitergehende Vergeistigung
ein, erst ein beseelter Beweger, wie ein Mensch, dann ein göttlicher
Beweger usf., bis zuletzt bei einigen Sekten Agni zum höchsten Gott
und Schöpfer hinaufidealisiert ward. Diese Theorie des großen Sprach-
und Religionsforschers hat zweifellos etwas sehr Bestechendes. Man
bedarf nicht einmal der wirklichen Sprache; es genügt ja völlig, wenn
der Mensch in sich selbst die Handlungen auffaßt, wenn er es auch
nach außen nicht zum Ausdruck bringt. Er wird dann innerlich das
Feuer so betrachten, wie er es mittelst der Sprachwurzeln nach außen
kundgibt. Aber bedeuten auch die ersten Sprachwurzeln nur Handlungen
des Menschen, ist das auch der Fall mit den ersten bestimmten inneren
Denkregungen? Werden auch diese sich nur auf Handlungen beziehen? Fast
möchte man es glauben, da das Leben des Menschen in Handlung aufgeht
und die Natur ja auch in stetem Geschehen sich befindet. Dinge also,
die ruhen, würden keinen Anlaß zur Entstehung religiöser Begriffe
geben. Diesen Schluß zieht auch Max Müller, da er von dem bekannten
Fetischismus, Animismus und der Personifikation als Grundelemente
der Religion nichts wissen will. Es ist schwer auf einem Gebiete wie
dieses, wo jede Tradition und jede Erfahrung mangelt, etwas Bestimmtes
zu sagen; unter den Völkern, die wir kennen, befindet sich und befand
sich keines mehr im Ursprung der Religionsbildung, alle hatten und
haben ein schon ziemlich kompliziertes System religiöser Ansichten. Am
Kinde aber zu beobachten, wie bei ihm religiöse Anschauung entsteht
und wächst, würde nur ersprießlich sein können, wenn man es als
Wilden, gesondert von allem kulturmenschlichen Verkehr, aufwachsen
ließe. Elterliche Brutalität bringt es manchmal zuwege, daß ein Kind in
dieser Weise aufwachsen könnte, wenn die Kultur es nicht an sich von
allen Seiten umgäbe. Und seit dem alten Ägypterkönig, von dem Herodot
erzählt, daß er, um zu erfahren, welches die eigentlich menschliche
Sprache sei, ein Kind vom ersten Tage gegen jeden menschlichen
Verkehr abgeschlossen habe, ist das Experiment nicht wieder gemacht
worden. Also, es fehlt an Mitteln zur Entscheidung. Nur das, glaube
ich, muß man sagen, daß es nicht die ~äußere~ Sprache war, die die
Religionen schuf, sondern die ~innere~, und diese wird der ~äußeren~
weit vorausgegangen sein. Wenn Max Müller nur die äußere Sprache
versteht, dann ist meines Erachtens seine Theorie nicht haltbar.
Begehren und Furcht, ich wiederhole es, sind die Grundpfeiler für
religiöse Anschauungen. Und wahrscheinlich Furcht zuerst, dem Begehren
sich später erst anschließt. Die meisten Forscher greifen, wenn
es sich um religiöse Regungen oder gar Anschauungen handelt, viel
zu hoch. Man muß, wenigstens wenn man Religion in so weitem Sinne
faßt, wie es der Anthropolog zu tun gezwungen ist, unter Abstraktion
von aller ursprünglichen Offenbarung, tief herabsteigen. Sind die
Menschen aus der Reihe der Lebewesen durch fortschreitende Entwicklung
hervorgegangen und haben sie ihre seelischen Fähigkeiten allmählich
erreicht, so wird man in dem Auftreten religiöser Regungen gar nicht
weit genug zurückgehen können. Und bekanntlich behaupten manche
Naturforscher, daß Tiere wohl auch etwas haben möchten, was einer
Religionsanschauung -- im weitesten Sinne des Wortes -- entspricht.
Sicher ist ja, daß manche Tiere sich vor ungewohnten Dingen und
Bewegungen fürchten, daß sie unter Umständen Gespenster sehen usf.
Haben doch sogar manche gemeint, daß der Hund im Menschen eine Art
göttliches Wesen (göttlich vom Standpunkte des allertiefststehenden
Wilden) sehe, was freilich mit der Tatsache, daß der Hund jeden anderen
als seinen Herrn auch ohne Grund anbellt und anfällt, nicht recht
harmonieren will.
Nun unterscheidet Max Müller allerdings drei Stufen der
Religionsanschauung: physische, anthropische (Max Müller scheut sich
vor dieser Wortbildung und sagt anthropologische, ich sehe aber nicht
ein, warum, um einer ungewohnten und freilich auch anfechtbaren
Wortbildung zu entgehen, man zu einer anderen, bereits in anderem
Sinne vergebenen greifen soll) und psychologische. Diese Stufen sind
sicher für die allgemeine Entwicklung treffend gewählt, sie umfassen
aber nicht alles. Man darf ferner Lippert in seinem Hauptsatze im
allgemeinen beistimmen, daß Religion ohne einen gewissen, wenn auch
noch so niedrigen, rohen und selbst gemeinen Kultus, nicht verstanden
werden kann. Allein dieser Satz hilft nur die etwaige Religion des
Tieres von der des ~fortgeschrittenen~ Menschen unterscheiden,
wenn nicht vielleicht gewisse Tierklassen, wie die bekannten
Ameisengattungen, auch Kultus besitzen. Die Entwicklungslehre kann
aber nicht anders als annehmen, daß zuerst die religiösen Anschauungen
des Menschen sich gar nicht von denen der Tiere unterschieden haben,
aus welchen er hervorgegangen ist, und daß diese Anschauungen
allmählich zu Höherem aufstiegen, indem sich gleichzeitig alle Greuel
entwickelten, die den Namen Religion entweihten und entweihen. Wir
wissen nicht, ob die geistigen Kräfte des Menschen zunahmen, weil seine
animalischen Ausrüstungen mehr und mehr verloren gingen, oder ob das
umgekehrte stattfand, daß seine animalische Ausrüstung zurückging,
weil die geistigen Fähigkeiten stiegen. Der bequemste Ausweg wird
sein, wenn wir annehmen, daß beides gleichzeitig stattfand, indem
immer eins das andere nach sich zog. Dann mußte einerseits die
Einsicht wachsen, andererseits der Trieb der Selbsterhaltung; und es
scheint, daß zunächst die ganze zunehmende Einsicht in den Dienst
der Selbsterhaltung gestellt worden ist. Deshalb hat sich der Mensch
zunächst soviel furchtbarer als das furchtbarste Tier entwickelt, und
seine Religionsanschauung ging keineswegs die stillen Wege, die viele
so gerne annehmen, indem sie alle Greuel auf „Aberglauben“ schieben.
Wir mögen über den Aberglauben des Kulturmenschen lachen, der auf die
Türschwelle oder den Türpfosten seiner Behausung ein Hufeisen nagelt,
wir mögen lachen, wenn gleichfalls Kulturmenschen sich vor dem 13ten
und dem Freitag fürchten, und was der so zahlreichen Albernheiten noch
mehr sind. Glauben die betreffenden Leute an sie, so haben sie zu der
bekannten Religion noch eine andere. Verhalten sie sich neutral, so
treiben sie all den Unfug aus Affennachahmung, „nützt es nicht, so
schadet es nicht“. Glauben sie nicht daran, so machen sie sich eines
Vergehens gegen den geistig schwächeren Teil der Menschheit schuldig.
Aber dem Naturmenschen ist „Aberglaube“ seine eigentliche Religion, und
was man bei ihm noch Mystisches und Höheres etwa findet, hat für ihn
gar keine oder nur Erzählungsbedeutung.
Andere haben den Urgrund aller religiösen Anschauungen in dem Gefühl
der Schwäche gesucht, das der Mensch der ihn umgebenden Natur gegenüber
hat. Er soll eine Macht über sich empfinden und diese allmählich
höher und höher einschätzen lernen. Der Trieb der Selbsterhaltung
würde ihn dann zur Verehrung und Anbetung dieser Macht durch Worte
und Taten führen. Irregeleitet, würde der Mensch zunächst nicht eine
Macht annehmen, sondern viele Mächte, und sie in dem lokalisieren,
was für ihn besondere Bedeutung hat, also in Sonne, Mond, Feuer,
Sturm, Gewitter, Strom, Meer u. a. Man kann sehr vieles für diese
weitverbreitete Ansicht vom Ursprung der Religion beibringen. Das
Gefühl einer Übermacht über sich ist schon im Tierreich vorhanden;
ein kleines schwaches Mädchen kann den stärksten Hund zum hündischen
Gehorsam zwingen, wie wir ja zu unserm Vergnügen oft genug sehen;
der Hund hat ein Gefühl von der Übermacht des Menschleins. Dahin
gehören auch solche Tatsachen aus dem Tierleben, die mit ihrem
eigenen Gesellschaftsleben zusammenhängen, wenn einem Individuum
selbstverständlich die Übermacht zuerkannt wird, wie bei den Bienen.
Auch das Verhalten der Blattläuse gewissen Ameisenarten gegenüber
dürfte auf dem Gefühl einer Übermacht beruhen; denn ohne Widerstand zu
leisten und ohne einen Fluchtversuch selbst dann zu machen, wenn sie
beflügelt sind, lassen sich diese Insekten von den Ameisen in deren
Heim schleppen und tragen, wo sie, wie bei den Menschen das Vieh,
gehegt und aufgezehrt werden. Fast denkt man an das Verhältnis des
Volkes zu wilden Häuptlingen oder sinnlosen Despoten. Ist das Gefühl
der Übermacht beim Menschen nur auf dem der Furcht gegründet, so würde
es sich wenig von dem der intelligenteren Tiere unterscheiden. Aber
beim Menschen soll noch hinzukommen, daß er auch Hoffnung auf Gutes
und Erwartung von Gutem für sich auf diese Übermacht gründet. Und das
wäre freilich etwas, das im Tierreiche wohl nur selten gefunden wird.
Die Beispiele von Hunden, die allerhand Künste vollführen in Erwartung
einer Belohnung, von Vögelchen, die auf den Ruf eines, der ihnen Samen
oder Bröckchen bietet, ihm beliebig auf Hand und Schulter fliegen,
dürfen, glaube ich, hier nicht angeführt werden. Es sind Erfahrungen,
denen die Tiere, namentlich im Zustand der Domestikation, folgen.
Auf dem Wege zur spiritualistischen Ansicht von der Entstehung der
Religionen treffen wir die Behauptung, daß religiöse Anschauung
überhaupt zur Eigenheit des Menschen gehöre, gewissermaßen apriorisch
eine Kategorie, ein Regulativ seines inneren und äußeren Lebens bilde.
Einen energischen Vertreter dieser Ansicht finden wir in Benjamin
Constant, der sie schon im ersten Kapitel seines großen Werkes „De la
réligion“ feststellt. Sofern die religiöse Anschauung in der Kategorie
der Ursächlichkeit beruht, und diese allerdings eine unumgängliche
Vorbedingung unseres inneren und äußeren Lebens bedeutet, könnte man
letzteres auch von der religiösen Anschauung annehmen. Daß indessen
der Begriff der Ursächlichkeit für sich nicht hinreicht, den Trieb zur
religiösen Anschauung zu erklären, darf wohl als sicher hingestellt
werden. Es ist zwar richtig, daß die religiöse Anschauung ein Regulativ
unseres Lebens ist. Aber es spielt bei ihr noch etwas mit, das
durchaus dem Bereiche des Fühlens angehört und für das wir im Begriff
der Ursächlichkeit keinen adäquaten Ausdruck finden. Auch die Tiere
und selbst die Pflanzen müssen den Begriff der Ursächlichkeit bewußt
oder unbewußt (instinktiv, wie wir sagen) besitzen, sonst existierten
sie nicht. Aber religiöse Anschauung schreiben wir ihnen doch nicht
zu. Ferner gibt es zweifellos Menschen, die jedes religiösen Gefühls
gänzlich bar sind, nicht einmal einem Aberglauben huldigen. Soll also
religiöse Anschauung in der Tat eine Eigenschaft der Menschenseele
sein, so muß sie außer in der Ursächlichkeit noch in anderem eine
Wurzel haben, oder nur in diesem anderen. Dieses ist wohl auch die
Meinung von Wilhelm Wundt, daß nämlich die Ursächlichkeit für eine rein
psychische Entstehung einer religiösen Anschauung nicht hinreicht. Nun
haben wir schon früher Furcht und Begehren als die Haupttriebfedern
für religiöse Annahmen hervorgehoben. Von diesen Menscheneigenschaften
soll aber, als unwürdig, gerade abgesehen werden. Dann würde freilich
nichts übrig bleiben als die religiöse Anschauung als ~eigene~
Kategorie zu betrachten, wogegen doch sehr vieles spricht, was bei
der Vorführung der einzelnen Religionsanschauungen hervortreten wird,
wo wir den allerniedrigsten Meinungen begegnen, die jeder Kultur und
jeder Menschlichkeit ins Gesicht schlagen. Soll sich aber jene Ansicht
auf ~unsere Idee~ von Religion beziehen, so ist eben der Begriff
Religion viel zu eng gefaßt, und wir brauchen darüber hier noch nicht
zu diskutieren.
Endlich die rein spiritualistische Ansicht selbst sieht die Religion
als von höchster Macht geoffenbart an. Das kann, ~absolut genommen~,
eigentlich nur von der einzigen wahren Religion gemeint sein, denn
es ist ja ausgeschlossen, daß eine Offenbarung in mehrerer Gestalt
erfolgen kann. Kein Mensch weiß, welches diese einzige wahre Religion
ist, jeder gibt die seinige dafür aus. Und irgendein Kriterium zur
Entscheidung haben wir nicht. Vergangene und gegenwärtige Geschichte
der Religionen schneiden uns dazu jede Möglichkeit ab. Die beliebte
Ausrede, daß die Menschen die Offenbarung verdorben hätten, hilft hier
nichts, sondern schadet nur. Denn was eine ~absolute~ Offenbarung ist,
muß mit zwingender Gewalt die Menschen leiten und kann sie nicht zu so
furchtbaren Taten führen, wie die religiösen Verfolgungen sie gezeitigt
haben. Anders hat eine absolute Offenbarung gar keinen Sinn, denn dem
Besten im Menschen widersprechend wird man sie doch nicht gestalten
wollen.
Gibt man den Standpunkt des Absoluten auf, so läßt sich über
Offenbarung eher reden. Dann wären die Religionen Inspirationen
einzelner Menschen oder einzelner Völkerschichten und dürfen darum
unvollkommen sein. Die Offenbarung verliert dadurch freilich die
Bedeutung, wegen deren sie eigentlich angenommen ist: die absolute
Richtigkeit jener betreffenden Religionsanschauung unwidersprechbar zu
machen. Sie geht auf den Standpunkt eines jeden menschlichen Einfalls
oder Erdenkens oder Fühlens zurück. Dafür haben wir ja allerdings
Beispiele, und darunter solche gewaltigster Wirkung und edelster
Lehren. Viele aber auch, die absurd und höchst schädlich sich erwiesen
haben.
Was ist nun das Ergebnis dieser Betrachtungen? Ich glaube, daß man
bei der Untersuchung der Entstehung der Religionsanschauungen, wie
in so vielen anderen Fällen, überhaupt nicht rigoros auf diesem
oder jenem Standpunkt bestehen kann. Wie die Elektrizität in einem
Gewitter aus allen möglichen Vorgängen entstanden sein kann und
tatsächlich entsteht, so werden auch die Religionsanschauungen aus
den verschiedensten Ursachen hervorgegangen sein. Der Mensch hat
ein reichliches Kapital an Eigenschaften und Trieben in seinem
Inneren, um sie bald so, bald anders zu kombinieren und in neue
Werte umzusetzen. Mitunter ist eines, mitunter ein anderes für seine
Ansicht entscheidend. Religionen werden aus allen den vorgenannten,
vielleicht aus noch manchen anderen Quellen hervorgegangen sein. Die
Entwicklung, die die Religionen genommen haben, weist schon darauf
hin, daß sie nicht wohl auf ~einen~ Ursprung zurückgeführt werden
können, sondern daß bei ihnen verschiedene und mitunter mehrere
Momente wirksam gewesen sind. Auch haben sich viele Religionsforscher
gezwungen gesehen, einerseits niederen Anschauungen auch höhere Momente
zuzugestehen, andererseits in höheren auch niedrige anzuerkennen. Eine
wirkliche „Philosophie der Religion“ müßte alle Momente in Betracht
ziehen und ihren Einfluß in den einzelnen Religionen verfolgen. Aber
dazu mangeln uns nur allzusehr die Kenntnisse, sobald wir aus der
geschichtlichen Kulturwelt heraustreten. Es ist nicht Aufgabe dieses
Buches, hierauf genauer einzugehen, auf einzelnes und auf andere
Theorien wird jedoch noch oft genug hingewiesen werden.