7. ~Über den Ursprung der Religionen, Vorläufiges.~

Die Bedeutung des Wortes Religion wollen wir hier im allerweitesten

Sinne fassen; also dazu auch Meinung, Erzählung, Sage, Mythe rechnen,

sofern sie sich auf nicht jedem zur Verfügung stehende Kräfte und

Äußerungen beziehen. So weit müssen wir gehen, wenn wir von der

Religion der Naturvölker sprechen.

Religion entstammt dem Ursächlichkeitsbegriff des Menschen, das heißt

der Eigenheit der Seele, alles notwendig als die Folge eines anderen

anzuschauen. Es kann einen Ursächlichkeitsbegriff ohne Religionen

geben, aber keine Religion ohne diesen Ursächlichkeitsbegriff.

Das gilt auch für geoffenbarte Religionen, da um eine Offenbarung

aufzufassen schon der Ursächlichkeitsbegriff vorhanden sein muß,

indem ohne diesen nichts mit einem anderen verknüpft werden kann.

Wahrscheinlich gibt es kein Lebewesen ohne den Ursächlichkeitsbegriff,

wie dunkel er in manchen Lebewesen auch sein mag. Aber außer diesem

Ursächlichkeitsbegriff dürfte auch der Lebenstrieb ein Großes zur

Entstehung von Religionen beigetragen haben. Und da dieser Trieb

sich vornehmlich äußert in Begehren und Fürchten, so werden schon

am Ursprung der Religionen diese Empfindungen für ihre Richtung

entscheidend sein. Wie, wann und wo die Religionen ihren Ursprung

nahmen, darüber bestehen bei den Forschern noch gegenwärtig unendlich

viele Meinungen. Einige sehen die Religionen als Folgeerscheinung der

Sprache an. Da auch Tiere in ihrer Weise sprechen können, und wir

diesen doch nicht gerne religiöse Anschauungen zuschreiben möchten,

muß es sich schon um eine Sprache handeln, die den Menschen vom Tiere

unterscheidet. Leider wissen wir nicht recht, wo der Unterschied

beginnt. Will man aber von uns selbst rückwärts schließen, so wird

man meinen, daß Namen- und Begriffsbildung die entscheidenden

Momente in der Sprache waren. Max Müller, der diesen Standpunkt

mit größter Konsequenz vertritt, bezeichnet es als Tatsache, daß

dazu die Wortwurzeln dienten, allein dienen konnten, und -- was das

Wesentlichste ist -- daß diese Wurzeln, „infolge der Art und Weise,

in der sie zuerst ins Dasein traten, ~Handlungen~ ausdrückten, die

gewöhnlichen Handlungen, die auf einer früheren Gesellschaftsstufe

vollführt wurden. Der Himmel war der, der bedeckt, die Sonne die, die

wärmt, der Mond der, der mißt, die Wolke die, die regnet“ usf. Sah nun

der Mensch z. B. das Feuer, das für ihn eine so eminente Bedeutung

hat, so fiel ihm namentlich die Ruhelosigkeit dieses Elementes auf,

das Flammen, Zucken, Züngeln, Springen usf. Er bezeichnete es also

mit der Wortwurzel in „bewegen“, in den indogermanischen Sprachen

mit AG. Da aber diese Wurzel ein Handeln des Menschen ausdrückt,

eben das „Bewegen“, so kam er allmählich zu der Anschauung, daß in

der Flamme etwas Bewegendes, ein Agens sei, zu ihrer Natur gehöre,

„Beweger hier“, „Beweger da“, im sanskritischen AG-ni-s, damit wäre

zum Beispiel in Sanskrit der Agni gewonnen, der „Beweger“. Im Laufe

der Jahrhunderte trat dann eine immer weitergehende Vergeistigung

ein, erst ein beseelter Beweger, wie ein Mensch, dann ein göttlicher

Beweger usf., bis zuletzt bei einigen Sekten Agni zum höchsten Gott

und Schöpfer hinaufidealisiert ward. Diese Theorie des großen Sprach-

und Religionsforschers hat zweifellos etwas sehr Bestechendes. Man

bedarf nicht einmal der wirklichen Sprache; es genügt ja völlig, wenn

der Mensch in sich selbst die Handlungen auffaßt, wenn er es auch

nach außen nicht zum Ausdruck bringt. Er wird dann innerlich das

Feuer so betrachten, wie er es mittelst der Sprachwurzeln nach außen

kundgibt. Aber bedeuten auch die ersten Sprachwurzeln nur Handlungen

des Menschen, ist das auch der Fall mit den ersten bestimmten inneren

Denkregungen? Werden auch diese sich nur auf Handlungen beziehen? Fast

möchte man es glauben, da das Leben des Menschen in Handlung aufgeht

und die Natur ja auch in stetem Geschehen sich befindet. Dinge also,

die ruhen, würden keinen Anlaß zur Entstehung religiöser Begriffe

geben. Diesen Schluß zieht auch Max Müller, da er von dem bekannten

Fetischismus, Animismus und der Personifikation als Grundelemente

der Religion nichts wissen will. Es ist schwer auf einem Gebiete wie

dieses, wo jede Tradition und jede Erfahrung mangelt, etwas Bestimmtes

zu sagen; unter den Völkern, die wir kennen, befindet sich und befand

sich keines mehr im Ursprung der Religionsbildung, alle hatten und

haben ein schon ziemlich kompliziertes System religiöser Ansichten. Am

Kinde aber zu beobachten, wie bei ihm religiöse Anschauung entsteht

und wächst, würde nur ersprießlich sein können, wenn man es als

Wilden, gesondert von allem kulturmenschlichen Verkehr, aufwachsen

ließe. Elterliche Brutalität bringt es manchmal zuwege, daß ein Kind in

dieser Weise aufwachsen könnte, wenn die Kultur es nicht an sich von

allen Seiten umgäbe. Und seit dem alten Ägypterkönig, von dem Herodot

erzählt, daß er, um zu erfahren, welches die eigentlich menschliche

Sprache sei, ein Kind vom ersten Tage gegen jeden menschlichen

Verkehr abgeschlossen habe, ist das Experiment nicht wieder gemacht

worden. Also, es fehlt an Mitteln zur Entscheidung. Nur das, glaube

ich, muß man sagen, daß es nicht die ~äußere~ Sprache war, die die

Religionen schuf, sondern die ~innere~, und diese wird der ~äußeren~

weit vorausgegangen sein. Wenn Max Müller nur die äußere Sprache

versteht, dann ist meines Erachtens seine Theorie nicht haltbar.

Begehren und Furcht, ich wiederhole es, sind die Grundpfeiler für

religiöse Anschauungen. Und wahrscheinlich Furcht zuerst, dem Begehren

sich später erst anschließt. Die meisten Forscher greifen, wenn

es sich um religiöse Regungen oder gar Anschauungen handelt, viel

zu hoch. Man muß, wenigstens wenn man Religion in so weitem Sinne

faßt, wie es der Anthropolog zu tun gezwungen ist, unter Abstraktion

von aller ursprünglichen Offenbarung, tief herabsteigen. Sind die

Menschen aus der Reihe der Lebewesen durch fortschreitende Entwicklung

hervorgegangen und haben sie ihre seelischen Fähigkeiten allmählich

erreicht, so wird man in dem Auftreten religiöser Regungen gar nicht

weit genug zurückgehen können. Und bekanntlich behaupten manche

Naturforscher, daß Tiere wohl auch etwas haben möchten, was einer

Religionsanschauung -- im weitesten Sinne des Wortes -- entspricht.

Sicher ist ja, daß manche Tiere sich vor ungewohnten Dingen und

Bewegungen fürchten, daß sie unter Umständen Gespenster sehen usf.

Haben doch sogar manche gemeint, daß der Hund im Menschen eine Art

göttliches Wesen (göttlich vom Standpunkte des allertiefststehenden

Wilden) sehe, was freilich mit der Tatsache, daß der Hund jeden anderen

als seinen Herrn auch ohne Grund anbellt und anfällt, nicht recht

harmonieren will.

Nun unterscheidet Max Müller allerdings drei Stufen der

Religionsanschauung: physische, anthropische (Max Müller scheut sich

vor dieser Wortbildung und sagt anthropologische, ich sehe aber nicht

ein, warum, um einer ungewohnten und freilich auch anfechtbaren

Wortbildung zu entgehen, man zu einer anderen, bereits in anderem

Sinne vergebenen greifen soll) und psychologische. Diese Stufen sind

sicher für die allgemeine Entwicklung treffend gewählt, sie umfassen

aber nicht alles. Man darf ferner Lippert in seinem Hauptsatze im

allgemeinen beistimmen, daß Religion ohne einen gewissen, wenn auch

noch so niedrigen, rohen und selbst gemeinen Kultus, nicht verstanden

werden kann. Allein dieser Satz hilft nur die etwaige Religion des

Tieres von der des ~fortgeschrittenen~ Menschen unterscheiden,

wenn nicht vielleicht gewisse Tierklassen, wie die bekannten

Ameisengattungen, auch Kultus besitzen. Die Entwicklungslehre kann

aber nicht anders als annehmen, daß zuerst die religiösen Anschauungen

des Menschen sich gar nicht von denen der Tiere unterschieden haben,

aus welchen er hervorgegangen ist, und daß diese Anschauungen

allmählich zu Höherem aufstiegen, indem sich gleichzeitig alle Greuel

entwickelten, die den Namen Religion entweihten und entweihen. Wir

wissen nicht, ob die geistigen Kräfte des Menschen zunahmen, weil seine

animalischen Ausrüstungen mehr und mehr verloren gingen, oder ob das

umgekehrte stattfand, daß seine animalische Ausrüstung zurückging,

weil die geistigen Fähigkeiten stiegen. Der bequemste Ausweg wird

sein, wenn wir annehmen, daß beides gleichzeitig stattfand, indem

immer eins das andere nach sich zog. Dann mußte einerseits die

Einsicht wachsen, andererseits der Trieb der Selbsterhaltung; und es

scheint, daß zunächst die ganze zunehmende Einsicht in den Dienst

der Selbsterhaltung gestellt worden ist. Deshalb hat sich der Mensch

zunächst soviel furchtbarer als das furchtbarste Tier entwickelt, und

seine Religionsanschauung ging keineswegs die stillen Wege, die viele

so gerne annehmen, indem sie alle Greuel auf „Aberglauben“ schieben.

Wir mögen über den Aberglauben des Kulturmenschen lachen, der auf die

Türschwelle oder den Türpfosten seiner Behausung ein Hufeisen nagelt,

wir mögen lachen, wenn gleichfalls Kulturmenschen sich vor dem 13ten

und dem Freitag fürchten, und was der so zahlreichen Albernheiten noch

mehr sind. Glauben die betreffenden Leute an sie, so haben sie zu der

bekannten Religion noch eine andere. Verhalten sie sich neutral, so

treiben sie all den Unfug aus Affennachahmung, „nützt es nicht, so

schadet es nicht“. Glauben sie nicht daran, so machen sie sich eines

Vergehens gegen den geistig schwächeren Teil der Menschheit schuldig.

Aber dem Naturmenschen ist „Aberglaube“ seine eigentliche Religion, und

was man bei ihm noch Mystisches und Höheres etwa findet, hat für ihn

gar keine oder nur Erzählungsbedeutung.

Andere haben den Urgrund aller religiösen Anschauungen in dem Gefühl

der Schwäche gesucht, das der Mensch der ihn umgebenden Natur gegenüber

hat. Er soll eine Macht über sich empfinden und diese allmählich

höher und höher einschätzen lernen. Der Trieb der Selbsterhaltung

würde ihn dann zur Verehrung und Anbetung dieser Macht durch Worte

und Taten führen. Irregeleitet, würde der Mensch zunächst nicht eine

Macht annehmen, sondern viele Mächte, und sie in dem lokalisieren,

was für ihn besondere Bedeutung hat, also in Sonne, Mond, Feuer,

Sturm, Gewitter, Strom, Meer u. a. Man kann sehr vieles für diese

weitverbreitete Ansicht vom Ursprung der Religion beibringen. Das

Gefühl einer Übermacht über sich ist schon im Tierreich vorhanden;

ein kleines schwaches Mädchen kann den stärksten Hund zum hündischen

Gehorsam zwingen, wie wir ja zu unserm Vergnügen oft genug sehen;

der Hund hat ein Gefühl von der Übermacht des Menschleins. Dahin

gehören auch solche Tatsachen aus dem Tierleben, die mit ihrem

eigenen Gesellschaftsleben zusammenhängen, wenn einem Individuum

selbstverständlich die Übermacht zuerkannt wird, wie bei den Bienen.

Auch das Verhalten der Blattläuse gewissen Ameisenarten gegenüber

dürfte auf dem Gefühl einer Übermacht beruhen; denn ohne Widerstand zu

leisten und ohne einen Fluchtversuch selbst dann zu machen, wenn sie

beflügelt sind, lassen sich diese Insekten von den Ameisen in deren

Heim schleppen und tragen, wo sie, wie bei den Menschen das Vieh,

gehegt und aufgezehrt werden. Fast denkt man an das Verhältnis des

Volkes zu wilden Häuptlingen oder sinnlosen Despoten. Ist das Gefühl

der Übermacht beim Menschen nur auf dem der Furcht gegründet, so würde

es sich wenig von dem der intelligenteren Tiere unterscheiden. Aber

beim Menschen soll noch hinzukommen, daß er auch Hoffnung auf Gutes

und Erwartung von Gutem für sich auf diese Übermacht gründet. Und das

wäre freilich etwas, das im Tierreiche wohl nur selten gefunden wird.

Die Beispiele von Hunden, die allerhand Künste vollführen in Erwartung

einer Belohnung, von Vögelchen, die auf den Ruf eines, der ihnen Samen

oder Bröckchen bietet, ihm beliebig auf Hand und Schulter fliegen,

dürfen, glaube ich, hier nicht angeführt werden. Es sind Erfahrungen,

denen die Tiere, namentlich im Zustand der Domestikation, folgen.

Auf dem Wege zur spiritualistischen Ansicht von der Entstehung der

Religionen treffen wir die Behauptung, daß religiöse Anschauung

überhaupt zur Eigenheit des Menschen gehöre, gewissermaßen apriorisch

eine Kategorie, ein Regulativ seines inneren und äußeren Lebens bilde.

Einen energischen Vertreter dieser Ansicht finden wir in Benjamin

Constant, der sie schon im ersten Kapitel seines großen Werkes „De la

réligion“ feststellt. Sofern die religiöse Anschauung in der Kategorie

der Ursächlichkeit beruht, und diese allerdings eine unumgängliche

Vorbedingung unseres inneren und äußeren Lebens bedeutet, könnte man

letzteres auch von der religiösen Anschauung annehmen. Daß indessen

der Begriff der Ursächlichkeit für sich nicht hinreicht, den Trieb zur

religiösen Anschauung zu erklären, darf wohl als sicher hingestellt

werden. Es ist zwar richtig, daß die religiöse Anschauung ein Regulativ

unseres Lebens ist. Aber es spielt bei ihr noch etwas mit, das

durchaus dem Bereiche des Fühlens angehört und für das wir im Begriff

der Ursächlichkeit keinen adäquaten Ausdruck finden. Auch die Tiere

und selbst die Pflanzen müssen den Begriff der Ursächlichkeit bewußt

oder unbewußt (instinktiv, wie wir sagen) besitzen, sonst existierten

sie nicht. Aber religiöse Anschauung schreiben wir ihnen doch nicht

zu. Ferner gibt es zweifellos Menschen, die jedes religiösen Gefühls

gänzlich bar sind, nicht einmal einem Aberglauben huldigen. Soll also

religiöse Anschauung in der Tat eine Eigenschaft der Menschenseele

sein, so muß sie außer in der Ursächlichkeit noch in anderem eine

Wurzel haben, oder nur in diesem anderen. Dieses ist wohl auch die

Meinung von Wilhelm Wundt, daß nämlich die Ursächlichkeit für eine rein

psychische Entstehung einer religiösen Anschauung nicht hinreicht. Nun

haben wir schon früher Furcht und Begehren als die Haupttriebfedern

für religiöse Annahmen hervorgehoben. Von diesen Menscheneigenschaften

soll aber, als unwürdig, gerade abgesehen werden. Dann würde freilich

nichts übrig bleiben als die religiöse Anschauung als ~eigene~

Kategorie zu betrachten, wogegen doch sehr vieles spricht, was bei

der Vorführung der einzelnen Religionsanschauungen hervortreten wird,

wo wir den allerniedrigsten Meinungen begegnen, die jeder Kultur und

jeder Menschlichkeit ins Gesicht schlagen. Soll sich aber jene Ansicht

auf ~unsere Idee~ von Religion beziehen, so ist eben der Begriff

Religion viel zu eng gefaßt, und wir brauchen darüber hier noch nicht

zu diskutieren.

Endlich die rein spiritualistische Ansicht selbst sieht die Religion

als von höchster Macht geoffenbart an. Das kann, ~absolut genommen~,

eigentlich nur von der einzigen wahren Religion gemeint sein, denn

es ist ja ausgeschlossen, daß eine Offenbarung in mehrerer Gestalt

erfolgen kann. Kein Mensch weiß, welches diese einzige wahre Religion

ist, jeder gibt die seinige dafür aus. Und irgendein Kriterium zur

Entscheidung haben wir nicht. Vergangene und gegenwärtige Geschichte

der Religionen schneiden uns dazu jede Möglichkeit ab. Die beliebte

Ausrede, daß die Menschen die Offenbarung verdorben hätten, hilft hier

nichts, sondern schadet nur. Denn was eine ~absolute~ Offenbarung ist,

muß mit zwingender Gewalt die Menschen leiten und kann sie nicht zu so

furchtbaren Taten führen, wie die religiösen Verfolgungen sie gezeitigt

haben. Anders hat eine absolute Offenbarung gar keinen Sinn, denn dem

Besten im Menschen widersprechend wird man sie doch nicht gestalten

wollen.

Gibt man den Standpunkt des Absoluten auf, so läßt sich über

Offenbarung eher reden. Dann wären die Religionen Inspirationen

einzelner Menschen oder einzelner Völkerschichten und dürfen darum

unvollkommen sein. Die Offenbarung verliert dadurch freilich die

Bedeutung, wegen deren sie eigentlich angenommen ist: die absolute

Richtigkeit jener betreffenden Religionsanschauung unwidersprechbar zu

machen. Sie geht auf den Standpunkt eines jeden menschlichen Einfalls

oder Erdenkens oder Fühlens zurück. Dafür haben wir ja allerdings

Beispiele, und darunter solche gewaltigster Wirkung und edelster

Lehren. Viele aber auch, die absurd und höchst schädlich sich erwiesen

haben.

Was ist nun das Ergebnis dieser Betrachtungen? Ich glaube, daß man

bei der Untersuchung der Entstehung der Religionsanschauungen, wie

in so vielen anderen Fällen, überhaupt nicht rigoros auf diesem

oder jenem Standpunkt bestehen kann. Wie die Elektrizität in einem

Gewitter aus allen möglichen Vorgängen entstanden sein kann und

tatsächlich entsteht, so werden auch die Religionsanschauungen aus

den verschiedensten Ursachen hervorgegangen sein. Der Mensch hat

ein reichliches Kapital an Eigenschaften und Trieben in seinem

Inneren, um sie bald so, bald anders zu kombinieren und in neue

Werte umzusetzen. Mitunter ist eines, mitunter ein anderes für seine

Ansicht entscheidend. Religionen werden aus allen den vorgenannten,

vielleicht aus noch manchen anderen Quellen hervorgegangen sein. Die

Entwicklung, die die Religionen genommen haben, weist schon darauf

hin, daß sie nicht wohl auf ~einen~ Ursprung zurückgeführt werden

können, sondern daß bei ihnen verschiedene und mitunter mehrere

Momente wirksam gewesen sind. Auch haben sich viele Religionsforscher

gezwungen gesehen, einerseits niederen Anschauungen auch höhere Momente

zuzugestehen, andererseits in höheren auch niedrige anzuerkennen. Eine

wirkliche „Philosophie der Religion“ müßte alle Momente in Betracht

ziehen und ihren Einfluß in den einzelnen Religionen verfolgen. Aber

dazu mangeln uns nur allzusehr die Kenntnisse, sobald wir aus der

geschichtlichen Kulturwelt heraustreten. Es ist nicht Aufgabe dieses

Buches, hierauf genauer einzugehen, auf einzelnes und auf andere

Theorien wird jedoch noch oft genug hingewiesen werden.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 58 / 108 题