Diese sind bald erledigt. Für sie ist alles, wie es sich den Sinnen
darstellt. Weder über das Wesen noch über die Ursache des Vorhandenen
wird nachgedacht. Es wird alles so genommen wie es geboten ist, und
Kenntnisse und Gesichtsweite richten sich nach dem Wahrgenommenen.
Damit verbunden ist die Beziehung jeglichen Gegenstandes und Vorganges
auf die eigene Person. Es ist ein rein anthropozentrischer Standpunkt,
indem das Ich der entscheidende Inhalt der Welt ist, und Gut und
Böse sind, was dem Ich dient oder dem Ich schadet. Von vornherein
werden die Himmelskörper als Gegenstände gleich denen der Erde oder
gar der nächsten Umgebung angesehen, so als gewöhnliche Körper,
Menschen oder Tiere oder Früchte. Der Kulturmensch, der die Gelehrten
sich den Kopf über die Welt zerbrechen läßt, wird die Himmelskörper
schon als das betrachten, was aus der Wissenschaft auch gegen seine
Absicht ihm zur Kenntnis gelangt ist. Aber bei Naturvölkern ist es
eine Selbstverständlichkeit, daß die Welt einheitlich der irdischen
gleicht. Naiv wird angenommen, was die Forschung mit vieler Mühe,
wenn auch in ganz anderem Sinne, zum Teil erst erweist. Nichts ist
charakteristischer als die Anschauung vom Himmel und von dem darüber
Befindlichen, die wir bei so vielen Naturvölkern vorfinden. Der Himmel
ist ein Zeltdach, am Horizont an die Erde durch Stricke, Ranken und
ähnliches befestigt, oder von Bergen, Felsen, Bäumen, Menschen, Tieren
getragen. So kann ein Mensch auch einfach in den Himmel gelangen.
Tawhaki, ein neuseeländischer Heros und später Halbgott, hat ein
dem Himmel entstiegenes Weib Tanga-Tanga oder Hapai und von ihr ein
Töchterlein. Wie in unseren Märchen verschwindet das Weib jeden Tag mit
Morgengrauen, bis sie aus Liebe gänzlich bei ihm bleibt. Eines Tages
aber beleidigt er sie in dem Kind, das er als übelriechend bezeichnet,
und sie entflieht mit dem Kind in ihre himmlische Heimat. Nun sucht
er einen Weg, in den Himmel zu gelangen, um sie zurückzuholen. Nach
einigen Abenteuern gelangt er dahin, wo die Befestigungsseile des
Himmels die Erde treffen. Dort findet er eine alte Tante von ihm, und
die gibt ihm den Rat, an dem festgemachten Seil emporzuklettern. Sein
Bruder Karibi, der ihn begleitet hatte, nimmt ein zu loses Seil und
wird nun von den Winden Ost und West hin und her geschleudert. Tawhaki
selbst aber ist vorsichtig, klettert sicher und kommt so in den Himmel.
Menschen, die auf irgendeine Weise in den Himmel gelangt sind und zur
Erde zurückwollen, machen ein Loch, binden ein Tau an und lassen sich
an dem Tau herab. Oder es schießt jemand einen Pfeil in die Höhe, der
im Himmel stecken bleibt, dann schickt er einen zweiten in den ersten,
einen dritten in den zweiten usf. So gewannen die Söhne Ajelens in
Nordamerika eine Pfeilleiter, in den Himmel zu klettern, und einer so
entstandenen Pfeilleiter bediente sich der polynesische Heros Quat. In
Australien wirft ein Mann seine Lanze, an die ein Seil gebunden ist,
gegen den Himmel, die Lanze bleibt dort stecken und er hat so einen
Weg. Noch einfacher macht es Kasimbaha in Celebes, er benutzt die
Rottangranke, nachdem die Feldratte ihre Dornen abgenagt hat, um in
den Himmel zu gelangen. Wenn die Höhe eines Baumes nicht reicht, wird
ein Zauber angewendet, ihn rasch wachsen zu lassen. Ein Kannibale,
Quasawara, stellte dem vorhin erwähnten Quat (Banks-Inseln) und seinen
Brüdern nach. Alle flohen auf die Spitze eines Kasuarinenbaumes. Der
Verfolger kletterte hinter ihnen her, aber Quat machte den Baum immer
höher wachsen. Zuletzt reichte dieser bis zum Himmel. Da bog Quat den
Baum zur Erde, stieg rasch mit seinen Brüdern herab, indem er die
Spitze festhielt, und als sie alle unten waren, ließ er die Spitze los,
der Baum schnellte auf und der zurückgebliebene Quasawara zerschlug
den Kopf an dem Himmel. Wer sich über so kindliche, fast kindische
Anschauungen verwundern sollte, der denke, daß ja für den Augenschein
der Himmel in der Tat nicht sehr fern ist, je nach Beschaffenheit der
Luft und der Vergleichsgegenstände vielleicht 20 bis 80 Meter. Der
Naturmensch folgt diesem Augenschein und läßt den Himmel über Bergen
sich entsprechend wölben, mitunter auch die Berge in den Himmel ragen.
Unwillkürlich denkt man an Astolfs Fahrt mit dem Apostel Johannes zum
Monde, um Rolands Verstand, der dort in einer Flasche aufbewahrt wird,
herabzuholen, nach Ariostos Dichterphantasie. Auf dem Monde
Da gibt es andre Flüsse, andre Seen,
Als sie in unsrer Welt, und andre Auen;
Da kann er andre Täler, andre Höhen
Mit ihren Städten, ihren Schlössern schauen,
Und Häuser, groß, wie er sie nie gesehen,
Zuvor noch, noch hernach auf Erden bauen;
Auch weite gibt’s, einsame Waldreviere,
Allwo die Nymphen jagen ihre Tiere.
Diese Verse führe ich des Folgenden wegen an. Der Naturmensch nimmt
das gleiche an. Im Himmel ist nämlich für ihn alles wie auf der Erde:
Wälder, Seen, Berge, selbst Menschen und Häuser. Und die Menschen
unterscheiden sich an sich in nichts von den Erdenmenschen, nur daß
man sie, da sie den Himmel bewohnen, etwas höher einschätzt. Tawhaki
findet zuletzt sein Weib und sein Kind und bleibt bei ihnen, er spielt
die Rolle eines Gewittergottes, indem es von seinen Fußtritten donnert
und blitzt. Noch naiver ist die Erzählung von Rupes Himmelaufstieg. Er
sucht seine Schwester und will darüber seinen Ahnen Rehua befragen. Der
aber wohnt im zehnten Himmel -- es wird also eine Vielzahl von Himmeln
angenommen, wie auch anderweitig. -- Rupe durchklettert alle Himmel,
wie, wird einfach nicht gesagt. In allen ist es wieder genau wie auf
der Erde. Endlich gelangt er in den zehnten Himmel und findet dort auch
den gesuchten Rehua. Und wie gemein irdisch es da zugeht, wird fast
mit Humor geschildert. Rupe verlangt zu essen. Da schüttelt der uralte
Rehua die Locken, und es fallen eine Menge Vögel heraus, die gebraten
werden. Auf Rupes verwunderte Frage, warum die Vögel in seinem Haar
nisten, sagt Rehua, er hätte dort eine so große Menge von -- Insekten,
daß alle Vögel auf seinem Haupte ihre Nahrung suchen. Ja, Rupe findet,
daß Rehuas Sklaven diesen schändlich behandelt haben, und muß seine
Wohnung vom gräßlichsten Schmutz säubern. Und das im zehnten Himmel!
zu dem der Hochgott der Ozeanier, Tane, die Wege besonders versperrt
haben soll. In Borneo steigt ein Mann auf die Plejaden und bekommt dort
Reis vorgesetzt, den er so kennen lernt. Fast gleiche Auffassungen
finden wir in Australien und in Afrika, bei den Eskimo und bei anderen
Völkern. Daß die Indianer Jagdgründe im Himmel erwarten, wissen wir
ja schon aus Coopers Romanen. Aber folgende indianische Sage ist noch
deutlicher, die ich nach Frobenius, gekürzt, gebe. Der Coyote hatte
einen Sohn und dieser besaß zwei Frauen, von denen der Coyote eine für
sich wünschte. Er wollte ihn töten und veranlaßte ihn, um einen Vogel
zu fangen, auf einen Baum zu klettern. Nun ließ er den Baum höher und
höher wachsen, bis dieser den Himmel berührte, daß sein Sohn sich
an der Feste den Kopf einschlage. -- Man vergleiche dazu die vorhin
mitgeteilte Erzählung von Quat und Quasawara auf den Banks-Inseln.
Aber der Sohn sprang vom Baum in den Himmel hinein. Was er da findet
entspricht genau der ozeanischen Auffassung, Männer und Frauen, die
Holz fällen. Von einem Mann und einer Frau wird er aufgenommen. Wie
er Sehnsucht nach der Erde bekommt, spinnt ihm die Frau ein Seil und
läßt ihn in einem Korb zur Erde nieder. Es will schon viel sagen, wenn
einmal ein Held sich in den Balg eines Vogels tut und in den Himmel
fliegt. Meist ist der Himmel so nahe und so irdisch, daß sogar Menschen
ihn zurückschieben, wie in Ozeanien und Australien an vielen Orten
erzählt wird. Zugleich ist er so derb solide, daß, wenn er herabstürzt,
er alles zerschlägt und die Menschen tötet. Von einem Herabstürzen des
Himmels wissen aber afrikanische, ozeanische und australische Stämme
manches zu erzählen.
Der Himmel wird entweder oben gehalten oder, wie schon mitgeteilt ist,
als Zelt an die Erde mit Stricken, Ranken befestigt. Bei den Wanyamwesi
soll, nach Stuhlmann, eine Riesin, Fumyahólo, den Himmel gleich Atlas
stützen. Ihr Gatte, Niamtitinwa, gleichfalls ein Riese, hält die Erde
auf einer Seite, die andere Seite der Erde ruht auf einem Berg Lugula
oder Lugiya. Wenn dieser Riese zu seiner Frau geht, bebt die Erde.
Andere Afrikaner lassen die Erde auf einem Horn einer Kuh ruhen. Beben
entsteht, wenn die Kuh die Erde auf das andere Horn umlegt. Ozeanier
stellen sich die Erde vor als auf ein Netz aufgeschüttet, das im Meere
schwimmt, oder als Klumpen, den der Held Maui mit einem Netz aus dem
Meere emporgezogen hat. Weit verbreitet ist die Annahme, daß Erde
und Himmel von Säulen gestützt werden. Im übrigen wird nicht viel
nachgedacht, wir wissen ja auch, wieviel Kopfzerbrechen es den klügsten
Menschen im Altertum gekostet hat, eine Stütze für die Erde zu finden,
und welch ungetümliche Zurüstungen die geistig so hochstehenden Indier
getroffen haben, die Erde halten zu lassen (S. 176). Und ich darf
auch auf mein Buch „Die Entstehung der Welt und der Erde in Sage und
Wissenschaft“ verweisen. Hier zitiere ich noch nach Max Müller einen
Vers aus dem Rigveda, bekanntlich dem ältesten Schriftdenkmal der
Indier: „Ungestützt, nicht befestigt, wie bringt er es fertig, nicht zu
fallen, wenn er sich erhebt?“ „Er“ ist die Sonne.
Was die Himmelskörper anbetrifft, so werden auch diese rein irdisch,
oft menschlich oder tierisch aufgefaßt. Ich habe auch dafür in
meinem obengenannten Buche Beispiele gegeben, die ich nur durch
einiges ergänzen darf. Bei manchen Indianern werden Sonne und Mond
so menschlich angesehen, daß sie Kinder haben. Ein Held gelangt
auf dem bekannten Wege in den Himmel und in das Haus der Sonne und
heiratet dort eine Tochter der Sonne. Mit seiner Frau in einem Korb
herabgelassen, muß er sie in einer Hütte versteckt halten, weil
sie zu stark leuchtet. Der Mond kann in Ozeanien von einem Adler
verschlungen werden. Aber das Verschlungenwerden von Sonne und Mond
bei Finsternissen ist ja fast in allen Erdteilen Erzählung und Glaube.
Und bekannt ist der furchtbare Lärm, den viele Völker gegen den Himmel
machen, um den Drachen, die Schlange, oder was es für ein Tier sein
mag, von seinem Opfer zu verscheuchen. In Polynesien ist die Sonne
selbst ein Ungetüm. Maui, der Herkules oder Simson der Polynesier,
dem sie zu heiß ist und zu rasch läuft, lauert ihr am Aufgangsorte
auf, wirft ihr eine Schlinge um den Hals, mit der er sie drosselt,
während er ihr zugleich mit seiner Keule Wunde über Wunde schlägt. Da
verliert das Ungetüm durch die Wunden den größten Teil der Hitze und
von Siechtum matt schleicht sie nun langsam ihres Weges. Daß der Mond
ein gewöhnliches Licht, eine Lampe, ist, findet sich oft erwähnt, noch
öfter ist er eine alte Frau. Wunderschön klingt es, liegt aber doch auf
gleichem Gebiet, wenn amerikanische Indianer die Dämmerröte für den
Widerschein der Fittige eines roten Schwanes erklären:
Kann’s die Sonne sein, sich neigend
Überm flachen Wasserspiegel?
Kann der Schwan es sein, der rote,
Fließend, fliegend, wundgeschossen
Mit dem Pfeil, dem Zauberpfeile,
Rings die Flut mit Purpur färbend,
Mit dem Purpur seines Herzbluts,
Rings die Luft mit Glanz erfüllend,
Mit dem Glanze seiner Federn?
singt Longfellow im „Hiawatha“ nach einer Sage der Odjibwä-Indianer (in
Freiligraths Übersetzung).
Mit derartigen Anschauungen verbindet sich ein naiver Wunderglaube,
der das Wunder des Wunderbaren entkleidet. Wie selbstverständlich
öffnen sich Felsen auf ein Gebot sogar eines Tieres, wachsen Bäume bis
in den Himmel hinein, bleibt die Sonne auf Wunsch stehen, beleben
sich Klötze und Häuser. Man wird sagen, das sind Märchen -- und
solche kann man von den Negern in schöner Auswahl in dem hübschen
Buche des Fräulein von Held und in sehr vielen Reisebeschreibungen
und anthropologischen Werken lesen --, aber das Märchen hat für den
Naturmenschen, wenn es nicht direkt behufs Erzählens erfunden ist,
die Bedeutung, die es für das Kind besitzt, oder richtiger besaß, ehe
noch der hypermoderne Realismus das Kind in den Märchen Unsinn zu
sehen lehrte. Dazu kommt noch ein Umstand, auf den in einem folgenden
Abschnitt einzugehen ist, und der derartigen „Märchen“ ein ganz anderes
Aussehen verleiht und sie mit Mythe und Religion in Verbindung bringt.
Aber diese Selbstverständlichkeit des Wunders bei den Wilden ist
eines der größten Hindernisse für die Verbreitung des Christentums
unter den Naturvölkern ohne Gewalt, denn für die höheren Lehren hat
der Wilde nur selten Verständnis. Der Kampf ums Dasein und der naive
absolute Egoismus beschäftigt sein ganzes Leben, Tun und Trachten. In
den Erzählungen, die die Reisenden uns mitteilen, kommen zwar auch
Züge von Großmut vor, jedoch nur selten, und solche von Menschenliebe,
wie die Kulturreligionen sie verstehen, existieren kaum, selbst
bei Naturvölkern, die schon in Berührung mit der Zivilisation sich
befinden. Diese Tugend scheint der Mensch zu allerletzt zu lernen. Sie
ist freilich die schwerste von allen, nicht allein, weil sie absolute
Überwindung des Egoismus erfordert, sondern auch weil der Gegenstand
der Liebe sich nur sehr selten in liebenswürdiger Gestalt gibt, wo
nicht zugleich das Mitleid mitspricht. Und die Naturvölker haben
keine rechte Gelegenheit, von uns auch nur aus Mitleid, geschweige
aus Fühlen Liebe zu lernen. Gestalten wie Livingstone sind einzig.
Indessen ist die Gewalttätigkeit, vielfach Roheit und Brutalität, mit
der die Naturvölker so oft behandelt wurden, allerdings nicht der
eigentliche Grund für ihren Mangel an unseren Haupttugenden. Die rein
egoistische Grundlage ihres Wesens ist noch jedem, der mit ihnen in
Berührung kam, aufgefallen, nicht bloß Fremden gegenüber, sondern
auch gegen ihre nächsten Angehörigen. Es fehlt ihnen die Schule,
die bei den Kulturvölkern nun schon Tausende von Jahren dauert, und
namentlich drückt auf sie unwiderstehlich ihre Umgebung. Ein Wilder,
der in eine Umgebung versetzt wird, die nach jenen hohen Lehren
lebt, kann diese sehr wohl annehmen und auch in sich aufnehmen, wie
die Erfahrung ja hinreichend erwiesen hat. So aber verbietet zum
Beispiel ein Negerhäuptling, weil es ihm so gefällt (car tel est notre
plaisir), seinem ganzen Volke den Anbau des notwendigsten Getreides auf
mehrere Jahre, herrscht bei ganzen Stämmen die Sitte, die Alten und
Kranken auszusetzen oder zu töten, bildet bei noch anderen die Zahl
der gemordeten Menschen, in Schädeln, die auf einer Schnur gereiht
getragen werden, den höchsten Ruhm des Helden, und was der Greuel noch
mehr sind, an die man nicht denken mag und die man schon als Knabe in
Coopers Romanen mit einem gewissen Grausen gelesen hat, während sie in
der Wirklichkeit, wegen des Mangels eines jeden edleren Beweggrundes,
noch viel entsetzlicher wirken würden. Wenn nicht auch hier ein Motiv
vorhanden wäre, das in der ganzen Welt bekannt ist, in der ganzen
Welt zu den abscheulichsten Taten geführt hat, noch jetzt bei den
Kulturnationen in schönstem Flor steht, hier vielfach mit dem Fluch der
Lächerlichkeit begabt, aber beim Naturmenschen dessen ganzes Leben und
Tun erfüllend und lenkend -- der Aberglaube. Hier verflicht sich unsere
Betrachtung mit der für die nächste Klasse der Anschauungen. Diese
müssen wir durch eine Sonderbetrachtung einleiten.