Menschenstimmen machten den Saal erbrausen, geübte und klare, ein
lobsingender Strom. Weißgekleidete Frauen standen in tiefen Reihen und
sangen mit weitem Mund, über ihnen türmten sich die Plätze der Tenöre
und Bässe, und das Orchester schnitt den ganzen Chor in Hälften und
schob sich dazwischen bis hinauf zu den blauen Fenstern, die die rote
Wand des Halbrunds teilten -- ein breiter schwarzer Streifen, über
dem die Bogen der Streicher rhythmisch stiegen und der vom Metall
der Hörner blitzte. Aber zwischen den hohen hellen Mauern, tief
unter der braunen Decke, von der summende Lampen milchig leuchteten,
saßen geduckt die Hörer, und über ihre Köpfe hin tobte die Wucht des
Gesanges, schlug schäumend an den Wänden empor, schien das Licht zu
verdunkeln und schüttelte, in die Körper aller der Menschen dringend,
ihre Herzen wie ein einziges großes Herz. Sie klangen wie Chaos,
diese Chöre, sie riefen in Verwirrung nach Donnern und Blitzen --
waren sie in den Wolken verschwunden, daß solches geschah? -- und
sie schrieen nach den Pforten der Hölle, damit sie sich öffne, den
Stifter des Unheils zermalmend zu verschlingen; Jesus war gefangen
worden, Judas hatte ihn verraten -- und der Chor empörte sich selbst
statt dieses allzulangmütigen Donnerers, er selbst raste wie Flammen in
den Höllentoren, Blitzen gleich gellten die Flöten und der Aufschrei
der Tenöre, und das rastlose Brausen der Stimmen, die einander
forttrieben, ihre kunstvolle Wildheit und die düstere Szene um den
gefangenen Heiland, welche die Worte malten, gaben die chaotische
Verzweiflung selbst, in der jedes Gesetz erloschen schien und jeder
menschliche Trost. Aber dies Chaos war von genialen Regeln erzeugt,
dieses Durcheinander von geführten Stimmen und tönenden Instrumenten
ordnete sich nach wenigen Gesetzen zu einem übersichtlichen Gebilde,
und die Rhythmen, die sich verwirrten und kreuzten, die Harmonien,
die sich bedrängten und auswichen, unterlagen dem unerbittlichen Maße
eines frommen Meisters und seiner unerhörten Kunst. Dort regte sich der
Dirigent: aus dem kleinen Herrn im Frack und mit dreieckiger Glatze
hatte sich das hundertjährige Werk ein Werkzeug geschaffen, um wieder
einmal zu entstehen, hatte einen Menschen aus Enge und Einzelsein in
die weiteste und leidenschaftlichste Hingabe entrückt, und leitete sich
selbst mit dessen bewegten Armen, zuckendem Körper und dem Geiste, ganz
in Musik gelöst; und durch ihn ließ es die Solisten, die vorn auf ihren
Stühlen saßen, aufstehen und singen mit dem Ganzen ihrer erlernten
Kunst, ließ es die Chöre zu einem metallenen Gusse zusammenschmelzen,
der aus jeder Kehle gespeist wurde, ließ es die Geigen saugend singen
und die Bässe tönen, tief und gesägt, und wirbelte die Hörenden, all
die ungezählten Einzelnen, in eine tief horchende, in Reihen geordnete
und namenlose Menge. Vor ihr erbaute sich die Matthäuspassion; eben
ging der erste Teil zu Ende.
Walter Rohme und Claudia saßen unter ihnen, auf Stühlen, die in einem
Gange standen, außer der Reihe, denn sie waren zufällig und spät
hierhergeraten und fremd in fremder Stadt; aber sie unterlagen dem
gleichen Banne. Claudias Kinn war auf die Brust geneigt, die sich
unter schillernder Seide langsam hob, grün und blau zerrinnend wie
eines Pfauen Brust; ihre Hände ruhten zusammengelegt im Schoße, und
die Wimpern der fest geschlossenen Augen breiteten sich auf der Haut
der Wangen wie elfische Fächer. Walters Ellbogen stützte sich auf den
Schenkel, und das Gesicht des Gebeugten lag in der flach gerundeten
Hand. So saß er und lauschte. Sein Wesen war vom Hören schwer wie
Metall und ganz an das Werk weggegeben. Das letzte Gefühl seiner
bewußten Person war jenes erlösende Danken gewesen, das er empfand,
als Claudia bei den Einsetzungsworten des Abendmahls endlich ihre
unfruchtbare kritische Haltung aufgegeben hatte und die Musik einfach
hinnahm, tief in sich geschmiegt, wie sie noch jetzt schien. Seither
hatte er nichts Deutliches mehr gedacht. Hin und wieder tauchten
Gesichte auf und zergingen, Bilder, die aus dem Inhalt des Werkes
erwuchsen; als der Evangelist vom Ölberg erzählte, lag auf einen
Augenblick in Finsternis und unter rauschenden Bäumen ein Mensch auf
der Erde, hingeworfen wie ein weißlicher Sack, und krümmte sich vor dem
Schicksal, und seine Helfer schliefen und hörten nicht auf zu schlafen.
Auch sprach es in ihm einmal den Namen Klaus Manths mit einem tief
verächtlichen Ausdruck, und als beim letzten Nachtmahl die Stimme des
Sängers und der schwebende Gesang der Geigen zu einer unbegreiflichen
Einheit und unirdischen Herrlichkeit zusammenbrannte, hatten seine
Lippen den Namen des Meisters geflüstert: »Bach, o Bach!« weil er das
Glück nicht ertragen konnte. Aber sonst war der Mensch, der erzählte
Vorgang und die Musik im lodernden Erleben zu einem formlosen Ding
eingeschmolzen. Es war +sein+ Geschick, dem all das Klingen vorne galt,
und er selbst war darein verflochten und nicht verwandelter als in
einem Traum. Er hatte die unvergängliche Schwermut gefühlt, mit der
diese Worte gesprochen wurden: »Wahrlich, ich sage euch, einer unter
euch wird mich verraten,« und sogleich war er vertauscht in einen
derer, die in Verstörung fragten: »Herr, bin ich's?« und einer der
ratlosesten, entsetzt, daß in ihm vielleicht dennoch ein Dämon hauste,
der den Geliebten verriet -- denselben, um den seine Seele vor Erbarmen
schauderte, als er klagend ausrief: »Ach wollt ihr nun schlafen und
ruhen? ... Siehe, er ist da, der mich verrät.« Dann hielt ihm die Angst
den Atem an, wie der Jünger den Meister küßte, und jener, der alles
Zukünftige von Anfang schaute, ihn traurig fragte: »Mein Freund, warum
bist du kommen?« und auch von dieser geisterhaften Gelassenheit und
Güte eines schon Abgeschiedenen zu wissen war ihm gewährt, nach dem
Grauen der Verzweiflung von Gethsemane. Er hatte sein Ich im Zauber
der Klänge, die durch alle Poren in ihn eindrangen, ausgestreut wie
in Wind und erntete dafür die beengende Seligkeit, in der er dumpf
ruhte. Alles, was er fühlte, jeder Augenblick der Stunde war mit schwer
tropfendem Glück getränkt, das wie Honig duftete -- wäre er je dafür
offen gewesen, wenn nicht Claudia neben ihm gesessen hätte, unter all
den fremden Leuten? Einmal, als vorhin in Gethsemane die Stimme des
ganz einsam Leidenden seinem Herzen allzu nahetrat, wandte er einen
hilflos greifenden Blick beiseite, völlig ohne es zu merken, und
verspürte tiefe Beruhigung, als er die ganz in sich versenkte Frau
reglos neben sich gewahrte. Getragen vom Wissen um die Verbundenheit
mit ihr und um die Gemeinsamkeit dieses Fluges hatte er sich glücklich
lachend in das Werk geworfen wie ein Habicht in den Wind, der ihm unter
den Flügeln steht, und die brausendsten Fittiche sollten sie beide
hineintragen, miteinander und einander grüßend, zum ersten Male als
Mann und Frau in die Erhabenheit der letzten Größe und Kunst.
Musik band ihn ganz -- hatte er doch das Glas abgelegt, um nur zu
hören -- und so entging ihm, daß er sich täuschte. Claudia war nicht
in Lauschen versunken, sondern in Schlaf; sie schlummerte inmitten
allen lauten und bewegten Singens wie ein Schiffsjunge im Mastkorb
wenn es stürmt. An ihr rächte sich die Anstrengung des Tages.
Trotz mehrerer Reisestunden folgten die Heimkehrenden einem froh
aufspringenden Verlangen, die Matthäuspassion zu hören, die nach
Aussagen Mitreisender am Abend in einer der nächsten Städte aufgeführt
wurde. Sie stiegen aus, ließen ihren Zug unbekümmert weiterfahren
und verwanderten die beiden freien Stunden in dem alten Städtchen,
übermütig in ihrer Fremdheit und Ungebundenheit und spitzbübisch
entzückt von dem Abenteuer, das sie sich bereiteten. Aber kaum in dem
warmen Saale und unter allzu vielen Menschen, fiel Claudia so jäh
in Müdigkeit, daß nicht einmal der starke Kaffee, den sie getrunken
hatten, den Schlaf vertrieb; zumal sie noch mancherlei besondere
Gründe hatte, sich schwer zu fühlen. So hatte sie anfangs ohne jede
Freude vor der Aufführung gesessen, hatte kritisch und kundig alle
ihre Unvollkommenheiten ausgespürt -- fehlte doch selbst die Orgel im
alten Saale, während drei oder vier alte Kirchen wundervollen Raum
und sicherlich große Orgeln boten! -- war endlich eingeschlafen und
schlief noch. So hatte sie geruht und hastig fliehende Träume gehabt,
während um sie Choräle gesungen wurden, in denen eine ganze Gemeinde
ihre Sünden büßte oder sich dem Heiland weihte, während Arien von
Frauenstimmen klangen, begleitet von zwei Flöten, zwei Oboen oder
Geigen, gleich und verschieden wie die nebeneinander ausgestreckten
Arme eines Mädchens, daß sie sang, und so kunstvoll und rein wie alte
kristallene Becher; Frauenstimmen hatten sich vermählt, Männerstimmen
sie getrennt; der Heiland sagte mild und wie fernglänzend seine Worte,
und Chöre waren darauf erschallt, denen, wie dem letzten, der strenge
Kanon von acht verschobenen oder gemeinsam brausenden Stimmen eine
Größe und Wucht verlieh, die sich nur mit Worten von Psalmen sagen
läßt. Selbst als die stille Stimme des Evangelisten nach der lauten
Erregung zu berichten fortfuhr, mit maßvoller Melodik in epischer
Schlichtheit, wie der gefangene Jesus dem schwertfrohen Jünger wehrte,
regte sie nur leise die eine Hand und erwachte nicht.
Und der Herr redete. Walter Rohme hob den Kopf, atmete tief und trank
die Stimme des Sängers, aus dem der Heiland sprach. Sie war mild und
süß und hatte einen Ton von unbefleckbarer Hoheit und Reinheit, als
käme sie von weit her, wo Menschen ihr nichts mehr antun konnten.
Er genoß sie mit inbrünstigem Entzücken; im zweiten Teil würde sie
wenig mehr erklingen, sie und die langgedehnten hellen Harmonien, die
sie umgaben, so unbeweglich und leuchtend, wie ein Heiligenschein um
den Kopf seines Trägers schwebt. Er wünschte dringlich, daß der Herr
die Legionen Engel riefe, von denen er sprach, denn es war schwer
erträglich, so viel Güte und Adel in den Händen eines Volkes zu wissen,
das nach Kreuzen schreien würde ... Und er begriff, daß die Jünger
flohen vor dieser nicht mehr menschlichen Fremdheit gegen eigenes
Leid ... Die Stimme schwieg und der Evangelist; und die spielenden
und dennoch leidvollen Seufzer von Oboe und Flöte stiegen auf, die
den Schlußchoral des ersten Teiles einleiteten. Er hörte, wie sie
nebeneinander in kleinen Schritten aufstiegen, jäh um ganze Oktaven
fielen und von neuem beginnen mußten, um jäh zu fallen oder mählich
abzusteigen mit kurzem Hinundher und Trillern auf manchem Ton; dann
begann der Sopran langsam den altertümlichen Choral, in langen
gleichen Noten einer Melodie, die sich kaum hob und senkte: »O Mensch,
bewein' dein' Sünde groß« ... Walter Rohme war vom genauen Studieren
des Werkes damit vertraut und hörte den Anfang mit Genuß, aber die
tiefe Befangenheit und Verzauberung war verschwunden. Die rauhe und
simple Theologie des Textes hallte in ihm nicht wider, wenn er auch die
alten Zeilen und ihr barsches Deutsch sehr liebte: »den'n Toten er das
Leben gab und legt dabei all Krankheit ab bis sich die Zeit herdrange
...« Die drei anderen Stimmen drängten sich ineinander und spielten
beweglich und ernst um den langsamen Sopran und seine von der Last der
Sünden schweren Schritte. Vor allem aber war das Ende zu fürchten.
Nach dem letzten Tone würde der Beifall losbrechen, ein wohlverdienter
Beifall zweifellos, der aber alles Zarte und Nachhallende, die
schwebende und undeutliche Süßigkeit der ersten Minuten nach dem Werk
ohne Gnade zerschlug -- das Feinste des Genusses und das Ehrfürchtigste
der Stimmung. Walter Rohme haßte ihn sehr; er litt körperlich unter
dem tierischen Knallen der aufeinandergeschlagenen Bürgerhände. Welchen
Tumult würde man nachher feiern! und das zu Ertragende näherte sich
jeden Augenblick:
»daß er für uns geopfert würd,
trüg unsrer Sünden schwere Bürd« ...
Widerwärtig, daß der süßtönende Reichtum von Verschiebungen der
Rhythmen, von Harmonien, die sich flüchtig berührten, schnitten und
durchdrangen, von kontrapunktischem Gegenströmen und Ineinanderfließen
ungenossen bleiben mußte! Doch je näher der Choral dem Ende zustrebte,
desto quälender ward die Angst. Seine Seele krümmte sich frierend ein:
der tobende Lärm würde sie wie Hagel treffen. Er wünschte inständig,
was jetzt gesungen wurde, möge nicht die vorletzte Zeile sein. Aber
köstlich und unabwendbar schloß sich die letzte an: »wohl an dem Kreuze
lange.« Der Dirigent nahm den Stab zu den hingedehnten Noten des
Schlusses hoch: der Sopran hielt mit schwellendem Atem den Schlußton
lang, lange, während der Baß sich zu einer auf und ab steigenden Figur
rüstete -- dann winkte die linke Hand, und die Stimmen schwiegen wie
abgeschnitten. Walter Rohme verhielt die Luft in der Brust und machte
sich stark, indem er sich von dem Gedanken an das nahe Getöse abhärten
ließ; die Bläser liefen in Sechzehnteln aufwärts, setzten noch einmal
tief ein, stiegen schräg auf in den endenden Akkord -- und der Dirigent
ließ Stab und Hand müde fallen.
Ein Augenblick lautlosen Schweigens trat ein.
»Jetzt,« sagte Walter Rohme zitternd.
Die Leute erhoben sich und verließen stumm den Saal. Sie gaben sich
Mühe, geräuschlos zu gehen.
Er begriff erst nicht; dann wurden seine Augen rund in fassungsloser
Überraschung, die wie ein stürmisches Glück in ihm aufsprang, und ein
Schauer von Erlösung erkältete ihn, während sein Herz hart pochte. Sie
kannten Ehrfurcht. Ihre erhobenen Seelen wollten schwer und schwebend
entrückt bleiben. Ihr Gefühl verbot ihnen die billige Erleichterung,
mit der sie sonst jede Erhebung in Geräusch umsetzten. Sie fühlten
edler und zarter als er gedacht hatte. Und er bat sie inbrünstig um
Verzeihung wie für eine Kränkung. Man strebte stumm nach den Türen;
in allen Augen hing noch der Glanz des klingenden Traumes und schloß
alle Lippen. Nur vom Gerüst des Chores herab schallte das unbekümmerte
Schwatzen abgehärteter Sängerinnen, und die vielen Schritte der
Ermüdeten dröhnten auf dem hohlen Holze. Walter verzieh auch ihnen. Er
fühlte sich wie jung vor Dankbarkeit gegen all diese Unbekannten, daß
sie sich gutgesittet zeigten, vor dem großen Werke sich beherrschten,
und wandte sich stürmisch zu Claudia, damit sie seine Freude teilte.
Sie saß noch immer reglos wie vorhin. Um sie her stand alles auf
und begann halblaut zu reden, eine Frau drehte sich um und streifte
ihre Schulter mit der Robe. Darauf bewegte sie leicht den Kopf und
die eine Hand; von einem brüsken Verdachte geschleudert warf er sich
vorwärts, ihr ins Gesicht zu blicken -- und in dem Augenblicke ihres
Erwachens merkte er, daß sie geschlafen hatte. Er empfing einen Hieb
quer übers Herz. Er richtete sich auf, er lächelte noch, aber starr
und mit leerer Miene, aus der Sinn und Leben entwichen war. Sie hatte
geschlafen. Sie hatte die ganze Zeit geschlafen. Während er sie an
seiner Seite spürte, glücklich, weil sie sein Glück teilte, flog ihre
Seele abseits und lautlos umher, fledermausbeschwingt, taumelte durch
dunkle Atmosphären und vermummte sich in Gestalten von Träumen. Und
doch war ihre Freude, neben ihm diese Musik zu hören, ein Versprechen
gewesen. Sie hatte es nicht gehalten -- sollte er nicht unglücklich
sein über diesen Betrug und entdeckten Verrat? Aber er war es; Trauer
erfüllte ihn, die schon beschattet war von noch fernem Zorn. Er wußte
nicht, was in ihm, von dieser Überraschung verletzt, nun litt: Leid
um die aufgehobene Gemeinsamkeit, nach der seine Liebe strebte, aber
auch Eitelkeit des Mannes, dessen Botmäßigkeit jemand unversehens
entschlüpfte, Enttäuschung, als hätte er sie überschätzt -- und auch
hierin der Stachel: du konntest überschätzen! und vor allem die
Pedanterie, die ihm sagte: man hört in Konzerten zu und schläft im
Bette ... er überließ sich seinem Gefühl mit gutem Gewissen, wies es
ganz seiner Liebe zu und saß ohne Fassung, ohnmächtig sich zu erheben
oder sie ganz zu wecken, fühlte sein Herz bitter schlagen und blickte
vor sich hin. Sie hatte diese Stunde Seligkeit dumpfschlafend verwehen
lassen ... Sie öffnete die Augen, blinzelte vor dem Licht, lächelte wie
ein müdes Kind und sagte mit hellem verwunderten Stimmchen: »Ich habe
geschlafen!« Er antwortete nicht und besah den Fußboden. Sie entdeckte,
daß die Leute hinausgingen und schrak auf: »Es ist doch nicht schon
aus?« Sie zog schnell die kleine Uhr: »Nein,« antwortete sie sich; »der
erste Teil.« Und dann strengte sie sich an, ein Gähnen zu verstecken.
»Allerdings,« sagte er mit abwesender Stimme, »du hast geschlafen.«
Darauf hob er endlich die Augen und erschrak über ihr von Müdigkeit
zerstörtes Gesicht: es schien ganz verfallen, gelblich und farblos, und
um die Augen wanden sich tiefe braune Schatten. Er begriff erbleichend,
daß sie nicht hierbleiben durfte; die Erkenntnis hob sich zwar erst in
äußere Schichten seines Wissens, drang aber unabweislich mit jedem
Herzschlag tiefer in ihn ein. Er wußte: wenn sie nicht verlangte
wegzugehen, mußte er sie dazu auffordern; so befahl seine klar
dastehende Pflicht.
»Ich wurde plötzlich müde, Liebster,« sagte sie mit schuldigem Gesicht,
»ich bin's noch immer; das ist doch erst die Pause, nicht wahr?«
Er überhörte die Hoffnung in ihrer Stimme nicht, das Gegenteil zu
vernehmen, auch bemerkte er flüchtig, wie rührend ihre Haltung
eigentlich sei, aber jetzt schüttelte und verhärtete ihn der jäh
genahte Zorn. Er mußte den zweiten, den schönsten Teil der Passion
opfern, der die gewaltigen Chöre und seine liebsten Arien enthielt,
mußte alle Erwartung, alle Erhobenheit und Entzückung glatt streichen
und weggehen, weil sie schlafen mußte. Er grollte ihr dafür und gab
sich diesem Grolle rücksichtslos hin, kaum daß er versuchte, ihn nicht
in den Ton fließen zu lassen, mit dem er aufstehend sagte: »Für uns
ist's der Schluß.« Und nach einer winzigen Pause -- es wurde ihm gar
zu schwer: »Du mußt zu Bett.« Das war gesagt. Nun würde sie sich
sträuben, und auch das durfte er nicht gelten lassen. Sie tat es: »Aber
du? Nein, bleiben wir. Ich verderbe dir den Abend.« Da konnte er sich
nicht enthalten zu erwidern -- und er war nicht stark genug, einen
freundlicheren Klang zu erzwingen: »Glaubst du, daß ich zu irgendeinem
Genusse komme, wenn du dich nebenan quälst und einschläfst?« Er
wußte, das wog als Anklage, in solchem Tone gesprochen, und wie
sollte sie das nicht fühlen. Aber er bereute es nicht, noch kam er
sich niedrig vor. Sie stand schweigend auf und ging gesenkten Kopfes
hinter ihm hinaus. Sie wollte nicht weinen, und es gelang ihr. Er sah
das nicht; ihr Schuldgefühl konnte ihn nicht versöhnen. Er war ganz
bitter vor zielloser Wut; er verließ sie, drängte ohne Rücksicht,
denn alle Vorräume waren voller Menschen, die sich unterhielten, zur
Garderobe -- irgendwie mußte er sich entladen -- warf der Bedienung
unfreundlich die Nummer hin und beschwerte sich in ausdrücklicher
Mühsal mit den Überkleidern. Ach was, Manieren, dachte er. Sie war ihm
entgegengekommen, damit er den Weg spare, nahm ihm eilig den kleinen
Hut ab, schlüpfte in die lange Jacke aus Pelz und wartete, bis er
angezogen war, während jedermann sie erstaunt anblickte.
Im äußersten Eingang stand ein junger Mensch ohne Hut im Gespräch mit
einem Mädchen. »Jawohl,« sagte er, während er ihnen Raum gab, »aber
die größten kommen erst.« Nein, Sie Esel, sagte Walter in sich zornig,
für mich kommen sie nicht! Er erriet, es war von Chören die Rede oder
von Arien. Und während Claudia schwer an seinem Arme ging, quer über
die Straße und unter Bäumen fort, hielt er sich vor, was er alles
versäumte: da waren die Chöre, in denen das Volk nach Barrabas schrie
und »Kreuzige«, wie aus Urgründen des Irrsinns heraus: die Chöre des
Hohns unterm Kreuz und die harten Choräle der verlassenen Gläubigen, da
waren Duette von Frauenstimmen und die ergreifend leidvolle Gefaßtheit
des erzählenden Evangelisten; da waren von allen anderen Arien die
nach den Worten »Am Abend da es kühle war,« und jene beiden von einer
Sologeige begleiteten. Er hätte sie, vom Schlafe geweckt, spielen
können, die für Alt rhythmisch verschmitzt und sanft, die Baßarie
heiter über die Reue des Sünders und bei aller Einfachheit viel
Einsicht erfordernd ... Er hörte nie oft genug ihren triumphierenden
Gang: »Gebt mir meinen Jesum wieder« ... Und heute stand er auf und
mußte vor ihr davongehen.
Claudia schmiegte sich bittend an ihn und atmete begierig von der
reinen feuchten Nachtluft, während sie noch immer unter Bäumen
hingingen: »Wie wundervoll!« sagte sie, »atme doch, Walter. Ich glaube,
nur die Luft war schuld da drinnen. Die vielen Menschen!« und nach
einigen Schritten fügte sie hinzu: »Ich werde ganz munter, wirklich,
Lieber. Wollen wir zurückgehen? Wenn wir schon Zimmer hätten, müßtest
du bleiben, ich bestände darauf. Aber ich traue mich nicht allein in
ein fremdes Hotel.«
Diesmal fühlte er stark, wie rührend und demütig sich ihr Wesen gab;
aber was sie anbot, nahm er nicht an -- außer allen anderen Gründen
hätte die Wollust des opfernd Leidenden das nicht gestattet. Aber
er sagte nur, und er sagte es sanft: »Und drinnen hättest du wieder
die Luft und die vielen Menschen.« Sie neigte sich im Gehen vor, um
ihm dankbar ins Gesicht zu lächeln und fügte sich: »Sie haben mich
eigentlich gräßlich gestört und sind an allem schuld,« meinte sie
nachdenklich. »Sie und ... und noch anderes. Dich nicht auch?« »Nein,«
antwortete er. »Was anderes?« Sie schwieg, und er fragte nicht weiter.
Er hatte ihren Blick bis tief im Herzen gespürt und fühlte wieder, wie
sehr er sie liebte. Er schämte sich seiner Unbeherrschtheit, schämte
sich alles Grolls und selbst des Bedauerns um die verlorene Musik.
Er hatte nicht einmal den Willen gehegt, diese fremden, häßlichen
Gefühle gegen sie aus seiner Seele zu schaffen, gegen sie, die er zu
innerst zu lieben glaubte, und hatte sich vom Ärger vergiften und
erniedrigen lassen! Er hatte sie mißhandelt. Er war sich verächtlich
geworden und bereute sehr. Er schuldete ihr Abbitte und noch viel mehr,
er mußte irgendetwas in sich finden, das er ihr anvertraute, etwas
Zartes und ihm Zugehöriges, damit er in seinem Urteil wieder ein wenig
gerechtfertigter dastand. Sein ganzer Geist erglühte in Scham, Reue und
Liebe; er drückte ihren Arm eng, ganz eng an seine Brust und machte vor
Erregung größere Schritte. »Nicht so schnell, Lieber«, bat sie sanft.
Sie wanderten schon auf der Straße im grünen Lichte des Gases: das
Pflaster war feucht von Regen und von Kote schlüpfrig; dahin deutete er
jene Worte. »Gehen wir denn richtig?« fragte sie. »Ich denke, Liebling.
Wir sind bald da; jetzt ganz geradeaus, und das letzte Haus auf der
rechten Seite sei das Hotel. Sagte der Schutzmann nicht so?« »Ja. Ich
will nicht schlafen, ich möchte nur liegen.«
Er hielt an und hob ihr beschattetes Gesicht in die Helle der Laterne:
»Du siehst so müde aus, Liebste« ... Zärtlichkeit drängte ihr entgegen
und erstickte seine Stimme; er küßte den Handschuh über ihrer Hand und
nahm ihren Arm; sie schmiegte die Schulter leise an die seine, und so
gingen sie schweigend geradeaus. Er dachte nur an sie und fühlte, wie
schmerzlich er sie liebte, und wie er bereute.
Sie überschritten die Hauptstraße der engen Stadt, über der rötliche
Bogenlampen in langer Schnur wie aufgereihte Sönnchen schwebten und
setzten ihren Weg fort. Die Töne einer leisen Drehorgel wehten ihnen
plötzlich beginnend entgegen; sie spielte den Hohenfriedberger Marsch
hinreichend verstimmt und näselnd, aber gar nicht widerwärtig. Walter
summte mit: »Auf Ansbach-Bayreuth, nimm um deinen Degen und rüste dich
zum Streit ...« Der sanfte Klang gab der kriegerisch schreitenden
Musik eine zierliche Farbe. Claudia lachte plötzlich: »Und vorhin hat
uns die Orgel gefehlt!« Er belachte ihren Einfall befreit und selig
und mit seinem ganzen Herzen, glücklich über ihre Heiterkeit, sehr
glücklich: sie schien nicht mehr betrübt! Er suchte in seiner Börse,
und als sie an dem Leiermann vorübergingen, der sich, ein dunkler Umriß
vor Dunkelheit, sitzend ans Geländer einer kleinen Brücke lehnte, warf
er ihm ein Geldstück in den Hut, das auf die andern fallend nach
Silber klang. Claudia freute sich, daß er nicht kleinlich gab, sah ihn
aber dennoch fragend an. »Ein Opfer,« sagte er froh, »ein Sühnopfer.
Und ist der Hohenfriedberger nicht sogar Gold wert?« »Du brauchst
nicht zu opfern,« lächelte nun sie, und er meinte ernsthaft: »Doch.«
Sie näherten sich dem Hotel; vor der steinernen Treppe flüsterte sie
hastig: »Nimm bitte zwei Zimmer, ja, Walter? Ich sage nachher, warum.«
Er erstaunte: »Selbstverständlich« ... Und indem eine bange Frage in
ihm aufging, traten sie ein. Vielleicht war sie dennoch nicht versöhnt?
Aber er hatte mit dem Portier zu verhandeln, und als er sie die Treppe
hinaufbegleiten wollte, wehrte sie ab: »Bleib unten, Lieber, und iß.
Nimm dir Zeit, denn ich kann dich jetzt nicht brauchen,« und sie
lächelte dazu.
Walter Rohme saß noch einen Augenblick müßig im Speisezimmer; Claudia
hatte sich eine Kleinigkeit in ihrem Zimmer servieren lassen. Er sog an
seiner Zigarre; wenn eine der vielen Fragen, die ihn nicht verließen,
einen Augenblick schwieg, vernahm er in der Stille ein Konzert von
bruchstückhaften Melodien: die fröhliche Geigenstimme der Baßarie
begann und brach nach einem Triller ab, der Hohenfriedeberger schob
seinen Marschtakt ein, und immer wieder sang die Stimme Christi klagend
und fern: Ach wollt ihr nun schlafen und ruhn? Er schmeckte den süßen
Rauch mit dem Gaumen und entließ ihn durch die Nase als dampfe der Atem
eines großen Tieres; aber weder die Fragen noch die Melodien vermochte
er fortzublasen wie ihn. Er wußte nicht, ob Claudia etwa krank war oder
ob sie ihm zürnte; er begriff nicht, wie er sich hatte so gehen lassen
können, noch was in dem stummen Sich-Erheben der Menge so tiefe Wirkung
auf ihn geübt hatte, daß er sie alle sah, wenn er die Augen schloß,
immer nur diese lautlose Geste des Sich-Erhebens. Wenn das aber nur die
Kraft des Stoffes wirkte, der biblischen und heiligen Gestalten, denen
von Jugend auf Ehrfurcht geboten wurde? Und wenn dem so war, änderte
das den Wert jener großen Gebärde? Und wie?
Er fand, daß er hier keine Ruhe zum Antworten habe, es gab Abendgäste,
und der Kellner lief frackwedelnd hin und her: vor allem aber
vibrierte in ihm die angstvolle Ungewißheit um Claudia, schrill und
quälend wie eine dünne Saite. Er beschloß, oben zu Ende zu rauchen,
und fragte nach der Nummer seines Zimmers: neun, im ersten Stock,
und erstieg die mit grauen rotgekanteten Läufern belegte Treppe so
abwesend, daß er, oben angelangt, das Bein allzuhoch hob, als sei
da noch eine Stufe, und heftig aufstoßend niedersetzte. War Claudia
wirklich krank oder nur zornig? Er trat in sein Zimmer; hinter
den offenen Fenstern blaute tief der nächtliche Himmel; aber halb
mechanisch schaltete er das Licht ein, und es fiel von der Decke wie
ein weißer Block, der den Raum ganz füllte. Er musterte ihn, indem er
wünschte, endlich daheim zu sein, der Gasthäuser ledig; nahe an einem
Fenster stand der Tisch vor einem halbrunden Sofa, ihm gegenüber ging
die Tür zu Claudia, die er hatte aufschließen lassen, und sein Bett
streckte sich weiß an der dritten Wand nahe den Birnen; man sparte das
Nachtlicht. Er ließ sich schwer in das Sofa sinken, welches erklang,
und blinzelte dem Rauche nach, der im nun dunklen Blau verströmte.
Jetzt, wo er der Geliebten ganz nahe weilte und die Antwort jeden
Augenblick holen konnte, ward die gellende Saite langsam schlaff wie
wenn eine Hand sie abspannte, und die Ungeduld verstummte. Er wollte
ihr ein Zeichen geben: er sei nebenan, und pfiff die ersten Takte
des Hohenfriedbergers; dann wartete er, daß sie ihn rufe. Die Stille
sickerte ihn ein, die allenthalben schwebte wie draußen die leuchtende
Farbe, die nirgends haftete und dennoch da war. Und kaum wartete er
so einige Minuten und lauschte in sich, da vernahm er auch leise
Antworten, erst halbklar, dann ganz verstanden: und sie lauteten so
überraschend, daß er in Staunen aufstand und vor sich hinsah, und ein
seltsames Glück darüber verspürte: Ehrfurcht war es und Sehnsucht ...!
Claudia rief, durch die Tür gedämpft: »Walter!« Endlich! Er legte
schnell die Zigarre hin. Sie lag zu Bett und lächelte ihm zu, in der
Helligkeit, die das Licht in breiten Streifen einbrechend auch dort
verbreitete wo es nicht hinreichte. Er zog einen Stuhl heran und saß,
halb über ihr Gesicht gebeugt und besorgt blickend. »Du rauchst,« sagte
sie, »und ich störe dich.« Die innigste Zärtlichkeit stieg auf: »Bist
du noch böse, kleines Mädchen? Ich war sehr unartig, es ist wahr« ...
»Aber ich verdarb dir den Abend! Du hattest Recht auf Wut. Und
schließlich hast du mich ja nicht geprügelt« ... Er neigte sich über
ihren Kopf, sie lag verhüllt bis ans Kinn, und küßte die lachenden
Lippen und die Augen, die ihn grüßten. Nein, das klang nicht nach
Groll, sie hatte ihm verziehen, diese Gütige, und blickte ihn klaren
Herzens an: welches Glück! und ihre Stimme klang weder müde noch
krank ...
»Gib mir die Hände,« bat er, »ich muß sie ohne Handschuh küssen.«
»Laß, sie fühlen sich schlecht an.«
»Unwohl, Liebling?« fragte er sofort. »Bist du etwa krank?«
»Krank? bewahre; nicht einmal mehr müde. Ich will nur liegen.« Sie sah
im Halbdunkel, wie er ratlos die Arme hob, lachte ganz übermütig und
rief: »Oh Walter, nun hast du eine Frau, und man merkt, du hattest
keine Schwester.« Endlich begriff er; es traf ihn wie ein leichter
Schlag, und dann dankte er, daß es dunkel war, denn er errötete bis
in die Stirn. Er bewunderte sie; wie ganz und frei sie war, und wie
einfach sie heimlichen Dingen jede Schwere nehmen konnte! Er küßte
behutsam ihre Stirn. Er wollte ihr seine Entdeckung sagen, damit auch
er vor ihr nichts verberge; wenn es stimmte, daß der Mann seine Seele
so schamhaft behütete wie die Frau ihren Leib, so gab er gleiches für
gleiches; aber er gab es schwerer.
»Dann kann ich also noch bleiben und zu dir reden?«
»Ich bitte dich darum. Es ist so langweilig, gleich zu schlafen. Vorhin
habe ich lauter dumme Sachen geträumt, du weißt schon wann. Eine
fällt mir ein, die ganz besonders weise ist: du legtest einen kleinen
schwarzen Birnenkern in die Kiste, wo ich meine Puppen aufbewahrte und
wolltest zaubern, zähltest dreimal bis drei, und wie Mama die Kiste
aufmachte, lag eine große Birne drinnen, und ich klatschte in die
Hände.« Er lächelte, aber nur leer, weil er schon mit seinem Erlebnis
beschäftigt war: »Ist das kein netter Traum? Übrigens -- ich blieb dir
vorhin eine Antwort schuldig, oder gab sie nur flüchtig, das heißt
falsch. Du fragtest, ob mich die Leute nicht gestört hätten; erinnerst
du dich? und ich sagte nein.«
Der fast befangene Ton, in dem er sprach, machte, daß sie ihn
erwartungsvoll ansah: »Ich erinnere mich, es war noch vor der Laterne.
Nun?«
Er stand auf und begann hin und her zu gehen; wenn er die Lichtbahn
durchschritt, glänzte sein Haar rötlich, und sein Schattenriß mit dem
dicken Schnurrbart schnitt sich scharf in die weiße Helle. Er sagte
zögernd und halblaut: »Nein, sie störten mich nicht nur nicht; sondern
in einem bestimmten Augenblick erhöhten sie sogar mein Erlebnis. Das
war, als sie so still aufstanden und ohne Applaus hinausgingen. Da
fühlte ich irgendeine tiefe Gemeinschaft mit diesen fremden Leuten.
Oder besser, ich sehnte mich, eine tiefe Gemeinschaft mit ihnen zu
haben; so etwa. Ich hatte Ehrfurcht vor ihnen, weißt du.« Ob sie durch
die tastenden Worte das Gemeinte zu fassen vermochte? Was würde sie
entgegnen? Sie schwieg einen Augenblick lang, dann kam es staunend: »Du
scherzest nicht, das ist klar. Du sehntest dich? Du hattest Ehrfurcht
vor diesen Menschen und ihrer mangelhaften Aufführung?«
Sie verstand nichts.
»Du verstehst mich nicht,« meinte er tief atmend. »Ich sehnte mich
nicht gerade nach diesen Leuten, sondern nach Leuten überhaupt, nach
dem Volk, kann man sagen. Die Aufführung war mangelhaft, ganz sicher.
Aber war sie nicht auch rührend, in dem kahlen Saale? So wie Kinder
oder Bauern Gott loben, in einem Hofe oder einer leeren Dorfkirche?
Aber ich meinte gar nicht die Aufführung oder dergleichen. Ich könnte
auch sagen: ich hatte Ehrfurcht vor Gott, oder eher, sehnte mich vor
ihm Ehrfurcht zu haben, ihn zu fühlen wie diese da. Weißt du, was ich
meine?«
Vielleicht war es ganz aussichtslos, sich verständlich zu machen? Ihn
befiehl eine körperliche Angst davor. Wenn sie ihn auch hier allein
ließ?
»Du drückst dich allzu sibyllinisch aus. Ich glaube, ich weiß jetzt,
was du meinst. Aber wie es zu +dir+ kommt, und gerade heute, das ist
mir, ich gestehe, schleierhaft.« Er versuchte es noch einmal -- weil
der Mensch ein hoffendes Tier war.
»Wenn es klar zu sagen wäre, wäre es dir auch leichter zu empfinden.
Ich will es erst negativ abgrenzen: ich sehne mich natürlich nicht
nach ihrer Art zu fühlen oder nach ihrem Glück und Leben, ich danke
nicht ab. Aber wiederum sind sie in einer Schicht reicher als ich,
und davor habe ich Ehrfurcht. Sie sind miteinander in einem gewissen
Gefühl verbunden, in dem Gefühl zu Gott; und darin wachsen sie zu einem
Wesen zusammen mit einem Pulse. Diese ganze gemeinsame Erlebnisquelle
ist uns verschlossen, die wir immer einer sind und bestenfalls zwei
-- wie wir beide.« Er zögerte vor den letzten Worten, denn sie logen
jetzt. »Ein Mann, siehst du, erhält sein letztes Leben erst dadurch,
daß er mit einem Volke fühlt, wie ihr Frauen erst, wenn ihr mit einem
Kinde fühlt. Das geht vielen von uns ab, und darum sind wir ärmer.
Das Gegenteil davon, so kam mir vor, machte alle diese Menschen still
aufstehen, ohne den gewohnten Lärm. Als Einzelne sind sie vielleicht
öde Bürger, zusammen aber handelten sie vornehm, als Gemeinde, als
Volk. Und nun habe ich dir gepredigt und dich müde gemacht.« Er fühlte,
noch nicht am Ende, schon die Unmöglichkeit eines Widerhalls, und
alsbald lehnte sie kopfschüttelnd ab:
»Politik, soviel ich verstehe. Ich habe das alles nicht in mir. Müde?
Es geht. Ich werde sehen, daß ich schlafe. Wir fahren doch morgen früh?«
»Gegen elf. Gute Nacht, Liebling, schlaf wohl.« Er trat an ihr Bett und
neigte sich, sie zu küssen. Sie holte die Arme hervor, schlang sie um
seinen Hals und hielt ihn eine Weile auf ihren Lippen fest. Dann ließ
sie ihn halb frei und sagte, dicht an seinem Gesicht: »Wir sind heute
nicht ganz beieinander, wie? Aber ich lerne schon noch. Gute Nacht;«
küßte ihn nochmals und ließ ihn von sich.
Er strich über ihre Stirn und ging.
Auf seinem Tische fand er die Zigarre zu zwei Dritteln unverbrannt;
er entzündete sie und prüfte sich. Er fühlte eine Weite und Kühle in
sich wie eine Wiese nach Regen, dabei aber weder sehr betrübt noch
etwa hoffnungslos gestimmt. Nein, sie waren nicht beieinander; nun,
so würden sie zu tun haben. Diese Art Ehe ist ein Anfang und noch
nichts mehr, urteilte er tapfer; Gemeinsamkeit erkämpfen, hieß es, sie
wurde nicht geschenkt. Er hatte an sich zu feilen und genug Brutales
noch auszumerzen, und sie würde auch Arbeit finden ... Das ist ein
weites Feld, sagte er sich bald heiter. Nun, man hatte Jahre vor sich,
vorausgesetzt, daß man nicht bald starb. Und wie eine zuversichtlich
frohe Marschmusik in diese Weise hinein klang ihm plötzlich wieder der
friedericianische Marsch in die Ohren, ganz fein und leise, aber so,
als spielte ihn eine große, sehr ferne Regimentsmusik: er hörte das
Glockenspiel klingen, die Trommeln tobten kriegerisch, und am Ton der
Trompeten hörte man, daß sie in der Sonne blitzten ...
Von einer fernen Kirche schwebten runde Töne herüber: er zählte, die
Uhr schlug neun. Er wunderte sich, daß es noch so früh war, aber
das Konzert hatte um halb sieben begonnen, es stimmte. Andere Uhren
antworteten, er trat ans Fenster, sie zu hören, und sah die Sterne im
tiefen Blau des Märzabends; schon hob sich Orions funkelnde Gestalt
aus dem letzten Licht. Es wird alles gehen, dachte er aufatmend, hilf
mir. Seine Augen hingen lange an dem großen Gestirn. Er fühlte sich
wach und nach Tätigkeit verlangend; es gab viele Gedanken festzuhalten,
zu ordnen und dann zu prüfen. Er beschloß noch einen nötigen Brief
abzufassen und verließ das Fenster. Aber zum Schreiben genügte die
Lampe an der Decke nicht. Nach kurzem Zögern ging er hinaus und kam
bald mit Briefpapier und mit einer golden brennenden Petroleumlampe
zurück, mit einem Bassin aus grünem Glase und einer weißen Glocke, die
im Tragen leise klirrte. Als er das elektrische Licht löschte, blieb
ein warmer Kreis um den Tisch hell, und das fremde Zimmer zog sich
zurück.
Er saß auf dem Sofa und schrieb, wann sie heimkämen, an den Verwalter
des Eggelingschen Hauses -- Claudias Mutter reiste mit Sirmisch und
Kalderns, nachdem sie die Umänderungen angegeben hatte, die darin
vorzunehmen waren -- und daß er die Arbeiten beschleunigen solle.
Ohnedies blieb soviel als möglich unverändert; ein neues Arbeitszimmer
kam dazu und die Schlafzimmer ... Der Zigarrenrauch schickte bläuliche
Fäden in die Höhe, die sich zu Bändern verbreiterten. Sie hielten
etliche große Stechmücken ab, die von einem nahen Wasser dem Scheine
nachgingen.
Aber er war froh, als er den Halter weglegen und nachdenklich leer auf
das weiße Blatt schauen durfte. Das unzugängliche Geheimnis schwang ihm
im Sinne, das sich in der schlafenden Frau da drüben vollzog; und die
Stirn auf die Hand gelehnt, mit ehrfürchtig schlagendem Herzen sann
er ihm nach. Sie empfand nicht mehr, wie fremdartig pflanzenhaft und
entrückt sie dadurch wurde, denn ihr war eine Gewohnheit, was ihn scheu
und ernst stocken ließ. Hier war ihm eine heilige Grenze gesetzt, die
er ehrte.
Sein Blick haftete auf dem grünen Glasbassin der Lampe, erst abwesend,
dann aufmerksamer; einige Mücken lagen darauf. Der Tanz um den heißen
Brenner hatte sie betäubt dorthin geworfen, aber sie konnten, obwohl
unversehrt, nicht mehr aufstehen. Die ganz winzige Schicht Öl, die
sich beim Füllen darüber ausbreitete, genügte, um ihre zarten Organe
zu durchtränken. Eine klebte tot mit dem Kopfe darauf, eine andere
zitterte wie trunken auf den Füßen; eine dritte aber, die rücklings
gefallen war, haftete mit beiden schmalen Flügeln ausgebreitet auf dem
gefetteten Glase. Ihr schlanker Leib krümmte sich in fruchtlosem Mühen
aus und ein -- vielleicht litt sie wenig Schmerz, aber der Anblick
ihres schlagenden Körpers hatte den Ausdruck grausamer Qual. Und mit
einem durchzuckenden Schreck erkannte Walter Rohme: hier krümmte
sich ein Wesen am Kreuz. Der Anblick war ganz unerträglich, und mit
zitternden Fingern entfernte er sie mit einem Streichholz und tötete
sie. Er wußte nicht, ob er Gott lästerte oder ihm diente. Er löschte
die Lampe und ging zu Bett, noch lange wach und von vielen huschenden
Einfällen bestürmt, zwischen deren bruchstückhaftem Lautwerden schwarze
Pausen zum Besinnen Zeit schufen: ein ununterbrochenes Auseinander
dieser ganze Abend ... Sie schläft und er genießt -- er zürnt ihr
während sie bereut; sie fühlt nicht mit seinem Erlebnis -- und er errät
nicht, +kann+ nicht erraten, was sie ermüdet, entfremdet: der weibliche
Leib, der an eine andere Welt grenzt ... Man war trotz allem ziemlich
allein -- und wenn einer alle Mücken kreuzigte, wie ungeheuer wäre das
Leid der Welt vermehrt ... Das verständliche Denken verfiel in ein
Vernehmen undeutlich geredeter Worte, Melodien schalteten sich ein, und
im Einschlafen noch hörte er eine Stimme, mild und aus menschenferner
Verlassenheit: »Ach, wollt ihr nun schlafen und ruhn? ... Siehe, er ist
da, der mich verrät.« Nebenan lächelte Claudia im Schlummer.