Die Sonatine

Das nette rosige Dienstmädchen nahm so geräuschlos es anging, die

blonden Brauen hochgezogen und gleichsam auf den Fußspitzen, das

Geschirr des Abendessens vom Tisch, auf den von oben breit abspritzend

Licht fiel wie Wasser auf einen weißen Stein. Es seufzte von Zeit zu

Zeit in seinen sanften Busen, der nach Zärtlichkeit verlangte, und es

warf hurtige Blicke zu den beiden auf dem Sofa dort, dringliche Blicke,

hinter denen die Lider unschuldig herabfielen. Glücklicherweise -- sie

atmete wahrhaftig tief ein und ein Lachen sprang über ihr Kindergesicht

-- ließ der gnädige Herr das Blatt auf den Tisch fallen und sagte böse:

»Diese Zeitungen sind eine häßliche Sache. Man müßte dagegen

einschreiten.«

Die gnädige Frau nickte lebhaft: »Abbestellen, Walter ... Hast du die

Morde gezählt, die heute darin episch verwertet sind?«

»Vier,« sagte er, »vier. Mit dem Mordversuch des besiegten Schülers am

Mitschüler fünf. Willst du hören? es ist ungemein knapp zu sagen: ein

Schüler ohrfeigt den anderen vor der Klasse, sie prügeln sich und der

Geohrfeigte unterliegt: da zieht er ein kleines Terzerol und schießt

dem Sieger die Kugel auf zwei Schritte in die Seite.« »Genug, ich bitte

dich!« ... und nach einem Schweigen leise: »Furchtbar ...« und sie

zuckte sonderbar mit den Schultern.

»Daß man daraus eine Spalte macht, ist wirklich arg. Aber abbestellen?

Und welche dafür halten?«

»Gar keine halten. Wozu überhaupt Zeitung?«

»Und das Leben da draußen? Wie willst du davon unterrichtet sein?«

»Ach, das Leben,« sagte sie geringschätzig. »Ich vergaß, daß du es

damit hast. Ich meinerseits, du weißt, bin ohne dieses Bedürfnis« ...

Er schüttelte bedenklich lächelnd den Kopf, und sie bekräftigte: »doch«.

Das Mädchen warf ihr einen Blick zu, dem aber außer Hurtigkeit

noch eine bittende Verlängerung eigen war, und wurde langsam ganz

rot. »Else?« fragte die gnädige Frau und lachte ein wenig. Mit

niedergeschlagenen Augen und froh daß sie Teller in den Händen hatte,

brachte das Mädchen die Bitte heraus, noch ein bißchen spazieren gehen

zu dürfen, es sei so schöner Vollmond draußen.

Er ging indessen zweimal auf und ab in gefaßter Bestürzung. Es konnte

unmöglich so fortgehen. Wußte sie nicht, daß dieses ängstliche

Fliehen vor dem Wirklichen sie irgendeinmal von ihm trennen würde,

wenn sie es nicht überwand? Was dem Mädchen wohl anstand -- die

junge Frau mußte damit fertig werden können ... Er hörte sie fragen:

»Ist alles fertig für die Nacht?« und sah, sich wendend, eifriges

Nicken. »Dann können Sie gehen. Aber um elf sind Sie wieder da, Else,

hören Sie?« Sie bedankte sich, und der gnädige Herr, der am Fenster

stand ohne hinauszusehen -- er erkannte gerade: er mußte sie zu sich

hinüberziehen; Gelegenheit würde sich später finden -- drehte sich um

und neckte: »Sie müssen morgen zeitig heraus, zur Frühmesse; vergessen

Sie das nicht! Marienmonat!« Was ging den das an, er war ja ein Ketzer

und kannte die heilige Jungfrau gar nicht, dachte sie unmutig und

geschmeichelt, wurde ganz rot, bedankte sich nochmals und ging leise

schnell hinaus.

Walter Rohme trat zu Claudia, die noch auf dem Sofa saß und den Nacken

an die Rücklehne geschmiegt, soeben die Augen zu ihm hinwandte.

»James«, sagte er vergnügt, »der Mond heißt James und ist bei dir

bedienstet.« Sie lächelte mit den Mundwinkeln. Er bückte sich zu ihr

herab, nahm ihren dunklen Kopf in beide Hände, ganz langsam und sanft

und küßte ihre Lippen, die sanft geschlossen und blaßrot die seinen

erwartet hatten, da nunmehr das Dienstmädchen draußen war. Er richtete

sich endlich auf ohne die Umarmung zu lösen, hob sie so mit empor

und führte sie, die dicht an ihm schritt, zu der Schiebetür in das

Musikzimmer. Mit knapper Drehung löschte er hinter sich das Licht und

schob die Türen auseinander. -- Hinüberziehen? Claudia? Nein. Sie mußte

von selbst zu seinem Ufer kommen, nur die Brücke durfte er zeigen und

ihr die Hände hinhalten ... irgend einmal, nicht allzuspät.

»Da haben wir also den gemeldeten Mond,« sagte Claudia ... Der Raum

war bis in die Ecken von Licht gefüllt, von einem stofflosen Lichte,

das ohne Quelle schien: das Dach des Hauses über ihnen verdeckte schon

das Gestirn. Die Luft selber glomm weißlich, sanft, traumklar und

berauschend, man atmete sie ein und löste die Seelen der Glücklichen

sofort, wie ein stark milchiger Wein, unbekannt und beseligend. Sie

standen lange auf der Schwelle, die beiden, in einem Beieinander, das

inniger war als Küsse, und blickten in die lichte Nächtlichkeit des

vertrauten Raumes. Auf Beethovens marmorner Stirn glänzte ein silberner

Schein, und der warme Nachtwind bewegte langsam die Vorhänge der

geöffneten Fenster; aber der Flügel war ein Werkzeug aus Licht geformt,

und seine Decke blinkte wie der Spiegel eines Sees geschmolzener

Klänge, silbern, umrissen und leicht. Blüten dufteten vom Garten

herein: es war eine Nacht des Mai. Sie traten ein. Er führte die

geliebte Frau vor das Instrument, ohne den Arm von ihrer Schulter zu

nehmen, öffnete es: der Spiegel des Sees schwand hin, und auf hob sich

die schwarze Schwinge zum Flug in eine tönende Ferne. Claudia entblößte

dem singenden Drachen die Zähne, indem sie seine schwarze Oberlippe

zurücklegte; sie ließ den Ring vom Finger neben sich aufs Fenster

fallen und schlug einen hoch schwingenden Ton an, der sich dem Lichte

hold vermählte, zitternd und schwindend.

»Und was?« fragte sie mit dunkler Stimme unterhalb des Klingens wie

Dämmerung um Licht. Ein Flämmchen riß aufblitzend ein gelbes Loch

in die Nacht und hinterließ einen kleinen roten Kreis, der duftend

rauchte. »~Cis-moll~,« sagte der Mann endlich und atmete Rauch ein.

»Natürlich,« warf sie neckend hin, »ich wußte es vorher.« Aber er

schwieg einfach, und als er hinter ihrem Rücken in einem großen Stuhle

ruhte, begann sie.

Die zartfließende Dreiteilung, auf- und abrollend, in leichter

Feierlichkeit ohne Trübe, dieser köstlich wehende Schleier aus Klang,

über dem die Melodie aufglänzte, wie mit silbernen Sternen darein

gestickt -- was war in ihn verwoben, das ein so eindringendes Glück

geben konnte, ein inniges Angerührtsein nahe am Herzen? Träumen,

träumen. Hingeben und sich verlieren, wohin der unbesonnte Strom der

Empfindungen strudeln will. Ja, denke deiner Jugend, Walter Rohme, da

es in dir so will, frage nicht, warum sie sich heute meldet, vergiß

die Spur, die du von dem mordenden Schüler jenes Zeitungsblattes zum

gegenwärtigen Augenblicke führen siehst ... Ja, du bist es, der hier

sitzt, und du bist auch jener Knabe, den der Mond über stille Wiesen

hin nach dem schwarz ängstigenden Walde lockte, den er auf einer

Lichtung hinwarf, und dessen Tränen er zu weißem Silber zauberte ... du

bist es! Damals hat dir niemand so unirdisch zugesungen wie es jetzt

eine tut -- und die Krämpfe deiner Seele entluden sich nicht anders als

in langem Laufen, in Träumen und auf den ärmlichen vier Saiten deiner

gelben Geige, die alle deine brennenden Phantasien heiser aussprechen

mußte ... Jetzt aber -- bist du nicht jetzt erst jung? Wohin ist der

häßliche Bart, der dein Gesicht alterte, wohin sind die Gruben unter

deinen Augen und die hohen Kragen, die dich einengten und versteiften?

Ein verjüngtes Gesicht hebt sich auf schlankem Halse aus dem niedrig

umlegten Kragen, bartlos, und deine Augen blicken frei und zärtlich zu

ihr hin, die dich entzauberte. Sie weiß freilich nicht, wovon sie dich

erlöste, auch ahnt sie nichts von den Niederungen, aus denen du dich zu

ihr erhobst -- soll sie nie davon wissen? -- aber höre sie: sie sendet

dir ihre Töne; und was du mit den mondlichtvermählten einatmest, ist

ihre ganze hingegebene fromm machende Liebe.

Sie schwieg und sah vor sich hin mit jenem Ausdruck, der ihr ganzes

Gesicht veränderte und es entlehnt scheinen ließ in einer Welt, die

ihre Augen noch schauten, dort, jenseits der Mauern. Walter Rohme

liebkoste sie mit Blicken wie mit langen Wimpern, deren Bewegung

auch er selbst beglückt fühlte: da erklang, wie dicht an seinem Ohre

gespielt, aber doch nur in seinem Innern, ein Stückchen Geigenmusik,

ein schüchternes Thema von leichtfüßiger Melancholie: nach einer

Stufe ebene Schritte, kleine Sprünge und ein hüpfend sanftes Auf

und Ab -- fast nichts. Klavierklänge vorher ... aber als er sich der

Erscheinung zuwandte, war sie sogleich wie nicht gewesen. Eine leichte

Verwirrung entstand, dauerte und mündete in die Frage: woher kam diese

phantastisch deutliche Musik? Es antwortete nach einer Pause: aus den

jungen Tagen, als du gerade spielen konntest: rate; Haydn? Mozart?

mußte es nicht Mozart sein?

Und plötzlich, als bedeute diese kurze Stille ein Ende, und nicht nur

die Vorbereitung des ~andante~, erhob er sich unter einem inneren

Befehl. Er ging leise zum Notenschrank und öffnete ihn, dann nahm er

den Geigenkasten herab, der oben lag. Claudia sah ihm schweigend,

staunend zu. Offenbar will er geigen; er war heute also im Hören

nicht stark. Hätte er nicht doch das Ende der Sonate erwarten sollen?

Sie fühlte sich eher geneigt, allein zu spielen und nur aus sich zu

schöpfen und zu strömen; die Noten würden sie nicht wenig beengen

... aber da er wollte -- -- Sein Betragen war ungewöhnlich und

hatte sicher ein starkes Motiv -- was trieb ihn nur? Er kniete vor

dem offenen Schrank und las, mit einem Streichholz leuchtend, in der

Tafel, die seinen Inhalt angab; sie saß ruhig in ihrem Stuhl, die

Hände im Schoß gefaltet, und betrachtete in wortlosem Warten, wie er

die Kerzen zweier breitfüßiger Leuchter entzündete, von denen jeder

zwei auf ausgebreiteten Armen über seinen kurzen Rumpf erhob; die

Flammen glichen Lanzenspitzen und scheuchten die Dunkelheit in die

Ecken des Raumes; und als er sie vorn auf den Flügel stellte, wich die

Nacht vom Fenster zurück. Ehe er die Decke des Instrumentes herabließ,

streichelte er rasch einmal ihren Scheitel; dann holte er die Geige

und das grüne Heft. Sie war neugierig, seine Wahl zu wissen. Würde es

Brahms sein oder Bach?

»Schubert,« las sie halblaut und verwundert, »Sonatinen, ~opus~ 137?«

»Willst du, Liebling? Mich überfiel da plötzlich eine Erinnerung:

wie stark, siehst du an meiner Ungezogenheit. Das ist hier die erste

Sonate, die ich als Junge spielte; sie ist freilich ganz leicht und

du langweilst dich am Ende dabei. Aber das +will+ heute gespielt

werden ... ich hatte es allzulange vergessen ...« Du Gütiger, dachte

sie glücklich und gab ihm statt aller Antwort den Grundton und die

Quinten an; er stimmte, und die sanften lauten Doppelstimmen klangen im

Flackern der Kerzen.

»Ich finge eigentlich gern mit dem zweiten Satze an,« sagte er, die

Geige schon unterm Kinn; »aber mein Gewissen ...«

»Dein Gewissen hat sehr recht.«

»Obwohl mich nur das ~andante~ besucht hat?« ... Der Bogen hing schräg

herab, mit der Spitze in den Teppich gebohrt.

»Und wenn das Kind noch netter bittet und das Stimmchen oben schweben

läßt: erst das ~allegro~, und das ~andante~ als Belohnung.«

»Welche Mutter! Ich wünsche unsern Kindern Glück ...«

»Still! hast du Mamas Brief gelesen?«

»Vorhin. Ich bin froh, daß sie sich mit Kalderns wohlfühlt, und daß

Sirmisch bei ihr ist. Ich habe ihr gegenüber das schlechteste Gewissen

von der Welt. Erst entführe ich dich, und dann überläßt sie uns das

ganze Haus und reist, die alte Dame.«

»Welch ein Gewissen, das deine! Ich gestehe -- nun, du warst nicht zehn

Jahre lang mit ihr allein ... Ich brächte übrigens zum Plaudern nicht

nur die Geige in Spiellage, sondern auch den Bogen ...«

Er lachte und setzte ihn an: »Also?« Und sie begannen: ein freundlich

auf und ab eilendes Motiv, einstimmig hingestellt, ein Motiv wie eine

kleine Welle, frisch, grün und ganz klar; dann kräuselte sich die

Oberstimme des Klaviers zu spielenden Schaumketten, die Unterstimme

verspätete das Thema um einen Takt -- und im Vorwärtsdringen der Geige,

mit Veränderung, Wiederholung und Tausch der Führung baute sich der

Satz auf, ganz einfach in den Mitteln, ganz schlicht in der Ordnung,

aber von einer Klarheit und verjüngenden Bewegtheit, daß Claudias

Lippen von einem leisen Lächeln getrennt wurden, und ihre weiten

schwarzen Augen, die die Kerzenflammen gespiegelt enthielten, sanft

glänzend und erfreut am Blatte hingen. Sie hatte das noch nie gespielt.

Walter Rohme dagegen fühlte seine Aufmerksamkeit beständig abirren und

spielte endlich in traumgleichem Abseits von sich. Er beobachtete die

sonderbaren Erscheinungen dieser Wiedergabe nach so langem Vergessen:

da wußte er noch das Ganze auswendig, Noten, Pausen, Betonungen! Er sah

einem Andern zu, der für ihn spielte, einem Ich, das die Form eines

Knaben mit glücklichen Augen über mageren Backen annahm, sowie er die

Augen schloß; er vermerkte die Muskelgefühle des Bogenführens, die

gestreckte Geradheit des Arms von der Schulter zur Fingerspitze, wenn

der Bogen herabging ... das allmähliche Sich-Einkrümmen beim Aufstrich

wie die Kolbengelenke eines Dynamos ... das präzise Auffallen und

rasche Hinaufschlüpfen der Finger über den Geigenhals -- diese ganze

geübte und zweckvolle Mechanik, die während seiner Abwesenheit einer

lenkte und bewußt machte, der auch Er war, nur nicht sein innerster

Kern -- jetzt summte er ein Stückchen den Rhythmus mit, und »~cis~«

rief Claudia, während sie einen Lauf in Sechszehnteln auffliegen ließ,

»~cis~! du spielst schon zum zweiten Male ~c~.«

Er erschrak, brach ab und lachte befangen. »Diesen Fehler habe ich als

Junge eingeübt, er kommt wieder mit.«

»Dein Strich hat keine Seele heute, scheint mir; bist du müde, Lieber?«

»Ach nein; nur abwesend. Dahinten, ganz vorne vielmehr, bei dem kleinen

Rohme. Aber laß nur, beim zweiten Satze ...« »Ich bestehe trotzdem

auf dem Schluß des ersten. Bitte noch einmal die drei Halben vor dem

Lauf. Ich finde es entzückend.« Er begann gehorsam, und während sie den

Satz zu Ende führten, wunderte er sich im Herzen über die Leichtigkeit

dieser Musik ... Ja, der kleine Walter hatte Fehler eingeübt, für ihn

war das eine Eroberung gewesen, eine schwere ... War er ihr nicht

schuldig, von alledem zu reden, was mit den Klängen auferstand? ... Da

wäre schon die Gelegenheit? -- Gefährlich! rief es ihm zu, zu nahe an

dir, an ihr ... Sie schlossen.

Er trat zum Fenster und beugte sich hinaus: welcher Friede! Auf jedem

Blatte stand mit Mondschein geschrieben »Glück der Gegenwart«. Die

Dankbarkeit, mit der er vom Winde atmete, der seine Haare bewegte, hob

seine Brust und breitete in ihm Arme aus, umfangende. Oh Glück der

Gegenwart, errungen nach sehr ätzenden Erschütterungen, verdient nach

dem Sieg über die Jugend, über diese Zeit der zerfressenden Qualen! ...

Er wandte sich, im innersten Ring seines Wesens aufgeregt, und bettete

sein Gesicht küssend in Claudias Haar, das wie Nachtblumen duftete.

Blüte meines Glücks, sagte er in sich mit Zärtlichkeit, die in ihrer

Fülle starb, Blüte du meines Glücks ... oh Claudia ... die Tränen waren

ihm nahe. Sie bewegte den Kopf nicht, sie ließ die Liebkosung glücklich

über sich hinrieseln; erst als er sich aufrichtete, wandte sie das

Antlitz seitwärts und sagte ernsthaft:

»Ich glaube, ich war es, die vorhin das ~andante~ nicht erwarten

konnte.«

»Kleine Lügnerin,« antwortete er mit liebkosender Stimme.

Behutsam tupfend, mit kunstvoll beherrschten Händen ließ sie das Thema

sich austönen, während die Geige schwieg, diese leichte Melancholie,

aufhüpfend, schreitend und hinab -- und dann lauschte sie lächelnd

und beglückt dem durchsichtigen Spiel der getragenen Töne. Was

hieran hieß denn schön, was war denn zauberisch in der schlichten

Verbindung einfacher Terzen und Oktaven, was gab es denn Unerhörtes

in diesem sachten Strömen von Stimmen, die miteinander gingen oder

sich symmetrisch auswichen, was sprach denn so süß zu ihrem Herzen,

während sie hier ihre Hände ausbreitete und schloß und mit denkenden

Fingern Tasten sprechen ließ? Wie das einfach hinging, wie sanft und

klar, und nicht trauriger als eine Nacht wie diese, beglänzt und voll

von Glück ... Ah, nun sang die Geige, sang sich aus mit einer Stimme

über Menschenstimmen ... fast zerbrach ihre sehnsüchtige Trauer, ihre

von den Noten gefesselte Schwermut, die in sich vibrierte wie man

ein Weinen verhält, fast zerbrach dieses mühsam in Maß gezwungene

Ausdrücken den zarten Gang des Ganzen ... Man mußte die eignen Töne

ehrfürchtig dämpfen ... Ja, das war die Seele, die tönte, und der

Bogen ging nicht anders über die Saiten hin, die unter ihm zitterten,

wie über die Seele das Glück ... Nun kam es an sie, zu antworten --

und wie sich der Gesang der Saiten in ein murmelndes Gerank verlor,

sprach sie und redete zu ihm in den weinhellen, weinsüßen Harmonien,

die geschrieben standen. »Schubert,« dachte sie, und dachte »Walter«

und dachte »ich liebe dich« und dachte »mein Glück --« alles in diesem

einen Namen.

Das ist das Ende -- schon; leider. Nun noch die beiden Akkorde,

die alles lösten und gelind in die Stille entließen, in das tiefe

wundervolle Schweigen, durchsungen von nachhaltenden Saiten ... Ein

Klappern von Holz auf Holz, laut und jäh, schreckte sie auf, noch

ehe sie hinsah war ihr deutlich, daß Walter Geige und Bogen heftig

fortgelegt hatte ... Da stand er am Tisch, die Arme gespannt, die

Fäuste geballt, tief einatmend, hart ausstoßend: von seinem Gesicht

löste sich eine Qual ab, die es verzerrt hatte: »Was hast du,

Liebster!« fragte sie angstvoll. Er antwortete, schnell gesammelt,

sanft, indem er wieder zu ihr trat: »Nichts mehr, Liebling, oder

wenigstens nicht viel.« ... Sie hörte nicht auf, in den Augen ein

dringliches und banges Fragen zu haben, und er sprach weiter: »Es

sind nur die Erinnerungen. Ich weiß wohl, warum ich diesen kindlichen

Mordversuch aus dem Druckpapier drinnen nicht los wurde, warum ich

mich im Mond ergriffen fand und wie sich darauf diese Musik da meldete

-- oh, ich weiß wohl! Vergangenheit ist ein scherzhaftes Wort! Jetzt,

neben dir stehend, erwachsen und gesichert, war mir wieder wie dem

Knaben zumute, der sich aus seinen Peinigungen, aus den Wirrnissen

seiner Seele, die sich nicht verstand, hierher rettete, zur Musik.

Denn wenn ich phantasierte und versuchte, ohne Noten aus der Geige zu

reden, wurde ich so schwermütig, so voll von pressender Angst und Not,

als erdrücke einer mein Herz langsam mit harten Händen ... dann brach

die kümmerliche Melodie ab, und ich saß stumm im Dunkeln, in einem

Grade unglücklich, vor dem mir jetzt schaudert ... Dann kam alles das,

womit ich rang, alles das in mir, was ich schlecht und böse nannte,

das Lasterhafte und Dunkle, das ich aus mir herausschaffen wollte, all

das, dem ich untertan war und gegen das ich mich fruchtlos empörte, und

machte mich verzweifeln. Dies hier aber« -- er schlug auf die Noten --

»und dergleichen tröstete mich« ... Er schwieg tief befreit. Wie das

aus ihm quillt ... Du Zarter, dachte sie, du Guter, was für winzige

Erlebnisse mögen dich damals aufgeregt haben! Erinnerst du dich ...

als du mir von dem Pakete erzähltest, das nach so kuriosen Schicksalen

zur Post kam? »Was quälte dich denn so, damals? Wie alt warst du,

vierzehn, fünfzehn?« Es lag ein Lachen in ihrem Ton, ein zärtliches,

schelmisches, ein verliebtes. Die Kerzen flackerten im Winde und

tropften in weißen Wülsten. »Fünfzehn, glaub ich. Was mich quälte? Ich

sagte es: ich fand mich schlecht; und befahl mir vergebens, gut, rein,

fehllos zu werden. Ich peinigte mich. Ich wünschte Katholik zu sein

und einem Priester beichten zu dürfen, einem nicht mehr menschlichen

Wesen, das strafen durfte, aber auch mit Kräften begabt war, zu

verzeihen -- mit lebendiger Gnade zu verzeihen. Wir hatten einen

Geistlichen an der Schule, einen strengen, sanften und musikalischen

Priester, klug, geschult und behutsam; er hätte mich verstanden. Unser

eigener »Religionslehrer«? Gott, der Mensch war manchmal betrunken und

versah außerdem den Turnunterricht« ...

Claudia lachte hell und mit einem Übermut, den sie aus ihrer ganzen

Freude an ihm aufschießen fühlte, nicht aus der Drolligkeit, von der

er sprach. »Beichte mir,« sagte sie. »Kniee vor mir und beichte. Ich

will streng und gnädig sein, beides. Ich lösche die Lichter aus« --

und sie blies in die Flammen, »nun rede, Sündiger«. Wie Flut brach die

Mondnacht durch die Fenster ein, schlug empor und füllte das Zimmer wie

vorher still mit durchsichtiger Bläue. Er sah sie, ganz weiß in dem

neuen Lichte, mit weiten Augen an, allzu ernsthaft für dies Spiel; er

nickte, kniete vor dem Klaviersessel hin, umfaßte ihre Hüften und, ehe

er den Kopf auf ihre Knie legte, sandte er noch einmal diesen Blick

hinauf, ihr, die froh zu ihm hinabsah, mitten in die Lider und in das

erschreckende Herz. Mondlicht schwimmt in seinen Augen ... was wird er

sagen? ist's dennoch etwas Ernsthaftes? Ach nein, dich schreckt die

Stille, der Mond, das ungewisse Licht ...

»Gut, ich beichte. Der Beichtstuhl ist ein Altar und der Priester

ein Gott -- was wird er sagen? Gleichviel. Höre gut hin, nimm es

nicht allzuleicht und überlege, ehe du mich lossprichst. Ich log, um

anzufangen. Nicht mehr als jeder Junge, aber ich litt hinterher und

bereute -- bis zum nächsten Mal. Ich bestahl meine Eltern, indem ich

naschte. Die Leckereien waren nicht verschlossen, aber ich +wußte+,

daß ich stahl. Ich stahl auch Bücher; kleine wertlose Heftchen; aber

ich entwendete sie. Noch als Student, im ersten Semester, stahl ich in

einem Antiquariat einen Descartes, 1650, Elzevir. Ich tat das, weil ich

ihn nicht kaufen konnte, weil die Leute sorglos waren und leichtsinnig

-- aber ich stahl und behielt ihn. Er steht zwischen den anderen

Büchern.« Er holte tief Atem; war es nicht möglich, der Stimme diese

Schwere zu nehmen? Claudia saß ohne Regung; er wollte ihr Gesicht nicht

sehen -- dann: »Ich mordete auch. Nicht Tiere; auch starben die nicht,

die ich mordete; denn ich war ohnmächtig und meist feige. So blieb es

dabei, daß ich denen den Tod wünschte, glühend, rasend wünschte, daß

ich zu Gott darum betete, er möge sie krepieren lassen, Lehrer, bei

denen ich nichts gekonnt hatte, Kameraden, die mich überwunden hatten,

meine Eltern, wenn sie mich hinderten, meinem Willen zu folgen. Es

tobte in mir von Mordlust, von Gier nach blutigem, grausamem Töten.

Nur die Hemmungen trennten mich von der Tat. Und wie leicht fielen

sie! Ich erinnere mich, als geschähe es eben: ich habe ein leichtes

Fieber, entzündeten Zahn oder so. Mein bester Freund kommt mich

besuchen. Wir unterhalten uns, ich auf dem Sofa, er am Ofen stehend,

wir disputierten, streiten, er wird recht behalten: da faßt mich

Raserei und ich ... gieße ihm ein Glas Wasser ins Gesicht, das neben

mir steht! Wer wagt zu sagen, daß ich ihn nicht erschossen hätte, wäre

mir eine Pistole in die Hand gekommen, wie dem Jungen in der Zeitung?

Ich liebte ihn sehr, es war mein Freund -- und dennoch! ... Aus

Herrschgier, weil ich unterlag! Nachher bat ich ihn um Verzeihung« ...

Er fühlte mit tiefem Staunen: was geschah hier? Wer schrie so

leidenschaftlich aus ihm, aus Walter Rohme, dem Dreißigjährigen? Wessen

Gesicht glühte hier vor Erregung und wer büßte hier, büßte mit heißer

Stirn und zuckendem Herzen? Und was lag hier vor, daß er sich schämte,

offen schämte, zu enden? Claudias Finger lagen so still in seinen

Haaren, und erst hatten sie ihn gestreichelt ...

»Zu enden: da war noch ein Junge, ein hübscher bräunlicher Knabe. Wir

gingen zusammen baden, ins Schwimmhaus; eine nützliche Stiftung; ja.

Und dort teilten wir die Zelle. Und wenn wir gebadet hatten, trockneten

wir einander ab. Und dann blieben wir nackt. Ja. Und dann besahen wir

uns, und berührten uns und küßten uns. Dann befahl einer, und der

andere legte sich auf die harten Holzlatten, zur Peinigung. Und der

erste ...«

Claudia stand auf, mit einem Ruck, der den Sessel umwarf. Sie hielt

die Hände zwischen sich und ihren Gatten, mit einer Gebärde gelähmter

Abwehr, und ging hinaus -- das Gesicht abgewendet, mit ganz großen

schwarzen Augen, blinkte im Mondlicht steinweiß -- ging durch die Tür,

durch alle Türen, durch alle Räume bis ins Schlafzimmer, und drehte den

Schlüssel um, zweimal.

Sie hielt an und blickte starr in den lichten Raum, dessen weiße

Wände die Helligkeit verdoppelten. Er lag ganz still, nur die Möbel

knarrten noch von dem jähen Eintritt. Ihr Herz rührte sich in

regellosen Schlägen langsam. Ihr Körper zitterte schrecklich, wie von

elektrischen Strömen geschüttelt. Sie sah sich in dem großen Spiegel

des Waschtisches, steif und erstarrt, in dem gelblichen Kleid, das der

Mond ganz hell machte ..., dann schlug sie die Hände auf die Brust, aus

der ein Stöhnen brach. Frostschauer durchdrangen sie. Sie schüttelte

schnell und entsetzt den Kopf: nicht mich ansehen! Die Kniee wurden

ihr schwach, sie taumelte zum Fenster und auf einen Stuhl. Dann legte

sie das Gesicht in die Hände und weinte laut.

Sie fühlte nichts mehr von sich: so ganz ausgefüllt war sie von

wirbelnder Verstörung, die umschwang wie schwarzes Wasser im Trichter

eines Strudels, die sie eisig lähmte, und die von der riesengroßen Woge

hinterlassen war, mit der das Entsetzen in sie hereinbrach, vorhin, bei

diesem furchtbaren Gestehen ... Im Erinnern versagte ihr der Atem, sie

keuchte leise. Er, er! das war in ihm, so sah er aus, ohne Kleider ...

Es war ihr, als müßte sie wieder aufspringen und weiterlaufen, laufen

bis sie niederfiel, in einem Gebüsch, in Sicherheit, meilenfern von

ihm ... War sie hier sicher? Sie sprang auf, lief zur Tür; ja, sie war

verschlossen, doppelt -- aber noch den Riegel vorschieben: den Schrank

davor stellen, wenn sie es gekonnt hätte! Der Blick, den sie durch

die Tür und alle Räume auf den Knieenden schoß, enthielt nichts als

Furcht und Abscheu ... Dann lief sie lautlos zu ihrem großen Stuhle

zurück, verkroch sich in seinen Lehnen und sah mit trostlosen, schon

versiegten Augen vor sich hin, ins Leere.

Zwischen langem, von wirrer Stille erfüllten Nicht-Denkenkönnen erhoben

Gefühle ihre Häupter und redeten. Er hätte schweigen müssen, schrie

es, schweigen! Nein, er hätte das alles nicht in sich haben dürfen,

wenn er mir so nahe kommen wollte. Er hat mich unerhört betrogen ...

Sie jammerte leise, und ihre Finger, ineinandergeschlungen, wanden

sich ruhelos in schmerzender Verklammerung. So nahe! Ihr Blick zuckte

scheu zu den Betten hinüber und fiel tot zu Boden ... entsetzlich

... Aber mindestens schweigen mußte er, nicht auch sie beschmutzen

und zerrütten, damit auch sie heillos und erniedrigt sei ... Welche

Entblößung ... und die Scham, die ihn hätte zügeln müssen, brannte in

ihr, in ihrem Gesicht. Ja, sie hatte sich zu schämen, es war in der

Ordnung: war sie ihm nicht ganz nahe verbunden, von Mensch zu Mensch,

innerlich unlöslich an ihn geknüpft ... Mußte sie nicht verzweifeln?

... Da fragte es plötzlich; unlöslich? Eine schreckliche Pause ...

dann sah sie hin und stellte fest: -- ja. Sie atmete tief und wußte

nicht, warum. Ist das Verzweiflung? Wirre Stille übertäubte die Antwort.

Sie erhob sich und stand am offenen Fenster, blickte zum Himmel auf

und sah den Mond, der sich gesenkt hatte, in fast erfüllter Rundheit

und unsäglichem Glanze. Sie setzte sich auf das Fensterbrett, schräg,

den Rücken an Mauer und Rahmen gelehnt; das gelbliche Kleid floß

wie ein Lichtbrei ins Zimmer zurück, und ihr Blick zog sich fest an

dem Gestirn, dem sie eine Seele lieh. Ein maßloses Mitleid mit sich

drang in sie ein und löste ihr Unglück in neuen, nun sanften Tränen.

Wie war sie so ganz allein! Wo lebte jemand verlassen wie sie ...

Tropfen um Tropfen rann über ihre Wangen und glitt salzig in die

Winkel des in Schmerzen abwärts gerundeten Mundes. Hilflos litt sie,

hatte nicht einmal einen Namen, ihn zu flüstern wie bisher -- denn

der diesen Namen trug, der machte sie leiden. Was war von dem Zauber

der Nacht geblieben? Was geblieben von dem blauen Glanze in der Luft

und dem Lichte, mit dem man Liebe atmete? Liebte sie ihn denn noch?

Auch jetzt? später wieder? Sie wußte es nicht, sie hatte keinen Rat,

und ihrem Unglück antwortete er nicht, der Zauber des nächtlich

blauen Himmels, der doch ihrem Glück ein Echo gewesen. Dort draußen

hatte sich nichts geändert, die riesenhaften Leuchter der blühenden

Kastanien drohten noch immer, mit bleichen Flammen besteckt, die im

Winde schwankten, von den gerundeten Akazien her schwammen auf der

Luft Duftwellen heran, Fliedergeruch sonderte sich davon wie von der

sanfttönenden Klarinette der singende Klang der Oboe, und wie helle

Flötentriller sandte das Hyazinthenbeet, farblos im bleichenden Lichte,

seine Düfte empor. Da unten atmete ihr lieber Garten -- warum blieb er

schön, reich und böse, da alles andere sich zerstörte? Denn es war doch

alles zerstört und zu Ende -- und niemand so verlassen und unglücklich

wie sie ... Niemand? Nicht auch einer in ihrer Nähe, dort im Zimmer,

nebenan? Saß da nicht einer, der litt, und bitterlich litt? ...

Sie strich mit beiden Händen ihr Haar entlang, von der Stirn nach

dem Nacken, wo es sich zum Knoten schürzte, und kreuzte unter ihm die

Finger. Ein nachdenkliches Schweigen breitete sich aus. Besinne dich,

sagte es in ihr, besinne dich ... und wie in plötzlichem Entschluß

fragte sie sich: was ist überhaupt geschehen? Es schrie: etwas

Entsetzliches, Unerhörtes, eine Beleidigung und Verletzung, ein Hieb

ins lebendige Fleisch! -- Ruhe jetzt und Kälte, Claudia; du warst

im Recht, aber nun lege es dar. Ein Mann -- wer? Dein Gatte, dein

Geliebter, Claudia; Walter erzählt dir gewisse Erlebnisse der Jugend,

die fünfzehn Jahre zurückliegen, spricht davon auf deinen Wunsch

und weil sie ihn plötzlich peinigen, unausgesprochen wie sie in ihm

begraben lagen. Zugegeben, daß sie besser verschwiegen blieben. Denn

du fürchtest von jeher alles, was erniedrigt, Claudia, dein Leben war

immer darauf gestellt, jenes andere, das man auch »Leben« nennt, zu

verschweigen, nicht zu wissen -- du wolltest stets in Reinheit deinen

Weg gehen, du brauchtest das, weil du zart bist und wenig Waffen gegen

das Grauen und die Hilflosigkeit hast, die dich vor allem befällt, was

du das Gemeine nennst ... du weißt es. Nun dringt, von unvermuteter

Seite, das »Leben« auf dich ein, du siehst den Mann, der neben dir

schläft und dem du -- wie gerne! alles gabst: du siehst ihn vom Leben

gefangen; und was tust du? Du fliehst! Du läufst davon, als hättest du

nicht längst, seit jener Nacht, das Leben ganz eng an dich herankommen

lassen; du bist unselig, quälst dich und vergißt, daß er es ist, er,

von dem es dir kam, und läßt ihn zurück, allein.

Sie glitt von ihrem Sitze herab und ließ Wasser in das Waschbecken

rinnen, kühlte die Hände und das heiße Gesicht -- wie wohltuend fühlte

sie all die Frische! trocknete sich mit sanftem Tuche und kehrte

zurück, am Fenster zu stehen, die Nachtluft zu atmen und das Geschehene

im Mondlicht zu überdenken. Und plötzlich überflutete sie Verwirrung:

was war doch gleich so Widerliches und Gemeines aufgedeckt worden? Sie

konnte es noch denken, aber sie +fühlte+ es nicht mehr ... Sie war

geflüchtet, denn sie saß jetzt hier, bei verschlossenen Türen -- warum

nur? ... Es mußte ein Grund dafür gewesen sein, ein triftiger überdies.

Sie besann sich auf ihn -- vergebens. Er hatte stark gewirkt, und

dennoch war er ihr nicht mehr gegenwärtig. Worin bestand das Schlimme,

und was in ihr hatte sich so jäh dagegen erhoben? Sicherlich: wenn sie

sich des Geständnisses erinnerte -- nein, wenn dieses Geständnis ihr

eben jetzt gemacht würde: eben jetzt würde sie gewiß nicht fliehen.

Das wußte sie scharf, klar und staunend. Warum fliehen? Als Mädchen,

ja, damals hätte sie nichts anderes tun können. Aber hatte nicht

in diesen drei Monaten Ehe so vieles eine andere Farbe gezeigt --

alles eigentlich? Sie merkte erst jetzt, wie fremd sie sich geworden

war, sich von damals. Daß es süß war, ganz erkannt zu sein, daß man

Glück fühlen könne, den eigenen Willen einem anderen zu unterwerfen;

daß aus trivialen Verrichtungen der Häuslichkeit Heiterkeit in die

Seele strömen könne, wenn sie für ihn geschahen -- hätte sie früher

nicht einfach gelacht, wenn man ihr dergleichen vorausgesagt hätte?

Dennoch war es so. Und nun stand es überraschend da: ein früheres

Ich, das Mädchen Claudia Eggeling, hatte sich ihrer bemächtigt und sie

fortgetragen -- und Claudia Rohme sah sich in dieses Schicksal und

seine Qualen verwickelt, sich und ihn.

Sie blieb noch einen Augenblick mit angehaltenem Atem -- dann machte

sie sich an ein unruhiges Auf- und Abgehen, oft stehenbleibend und

manchmal bis zu Worten ins Getümmel der Empfindungen hineingerissen.

Er? litt er denn? Ja, er leidet, du weißt es. -- So möge er; ich litt,

ich auch, vielleicht mehr als er. Mehr -- nein, nicht einmal ebenso

sehr. Denn den Gedanken, Claudia wehe getan zu haben -- er wird ihn

schwer ertragen, und Reue wird ihn überdies vergiften ... Hätte er

doch geschwiegen! Kannte er sie denn nicht? Mußte er nicht wissen, daß

sie sich entsetzen werde? Er wußte es und hatte dennoch geredet ...

Hatte er vielleicht einen Zweck damit verfolgt und in gewisser Absicht

gesprochen? Es schien fast so ... Doch gleichviel: das Schlimme blieb

ausgesprochen und die Welt auf immer verändert. Aber -- sie hielt an

und ihre Stirn spannte sich -- mußte man nicht zusehen, gleichwohl

weiter in ihr zu leben, miteinander, über dem neuen Wissen und aller

Vertauschung? Sie hatte so viel Veränderung unmerklich hingenommen:

immer einen Mann neben sich zu sehen -- warum nicht auch diese? »Komme

ich darüber hinweg?«

Aber ein jäher Zorn sprang sie an: wer war sie denn! kam es ihr zu,

diese Frage zu stellen, oder mußte nicht vielmehr er zu ihr kommen,

er ihr die Hände entgegenhalten und ihr +helfen+? Er hatte es nicht

so eilig, wahrhaftig! Er saß jetzt irgendwo herum und ... Was tat er

denn jetzt! Er versuchte ja nicht einmal, sich mit ihr zu verständigen,

hereinzukommen, zu erklären, zu bessern! -- Aber sie verwehrte sich

diese Flucht in ungerechten Groll: nein, so töricht sollte sie nicht

denken. Er durfte jetzt nicht hierher kommen, in diesen Raum mit den

beiden Betten, er wußte das. Er blieb fern, aus Zartheit: gib das

zu, Claudia. Ja, er hatte recht, es wäre eine Verfolgung gewesen und

hätte alles verschlimmert. Wie schwer das war ... Aber dennoch: sie

mußte allein damit fertig werden. Sie mußte diese Nacht für sich

haben, und morgen würde man sehen. -- Morgen? Beim Lichte eines

neuen Tages voreinander stehen? aber das bedeutete ja, eine Mauer

aufrichten zwischen sich und ihm, die abzutragen lange Zeit bedurfte

... eine ganze einsame Nacht, mit ruhelosem Grübeln und spätem Schlafe?

Zwei fremde Menschen würden morgen vor einander umschattete Augen

niederschlagen! Hier stand sie vor Unmöglichem. Sie blickte auf die

verschlossene Tür und stöhnte. Wenn er doch käme, wenn er es doch

wagte! Aber sie wußte, es blieb ihm verboten -- und wie eine Verirrte,

die im Dunkeln nach einem Ausgang tappt, machte sie ratlose Schritte,

die sie ans Fenster führten.

Sie ließ die Blicke hinausgehen, Gleichgültiges zu sehen, eine kleine

Weile Atem zu holen, zu ruhen. Der weite Garten lag weiß im Mondlicht,

Wege wanden sich wie Dämme durch lichtes Wasser, und ganz schwarz

ballten sich die Schattenmassen der großen Allee. Zwei junge Menschen

traten daraus hervor, und Claudia wich zurück: Else und James. Der

junge Diener, in Hemdsärmeln, die Hände in den Taschen und die kurze

Pfeife rauchend -- sie sah sogar das Aufglimmen des Tabaks und den

leichten Rauch -- ging neben dem Mädchen her, auf das Haus zu, einen

kurzen Weg, der sich alsbald gabelte. Sie hielten einen Augenblick an;

augenscheinlich wußten sie nicht, welchen wählen; dann beschritt er den

rechten, der zu der hinteren Tür führte, nach der Rückseite des Hauses.

Sie blieb stehen -- »sie will über die Vordertreppe« -- machte auf dem

anderen zwei trotzige, zwei zögernde Schritte, hielt an, wandte sich

und eilte ihm nach; er nickte.

Claudia lächelte spöttisch: »natürlich;« dann empörte sich etwas in

ihr so heiß, als ginge sie das da irgendwie an. Dann hob sie das

Gesicht: ein plötzlicher Ernst weitete ihre Augen. Sie glitt langsam

mit beiden Händen ihr Haar entlang, von der Stirn zu den Schläfen und

die Wangen hinab. Sie drehte sich um, ging leise zur Tür, schob leise

den Riegel zurück, schloß ganz leise auf, öffnete geräuschlos, hob mit

vorgestreckter Hand den Vorhang zur Seite und stand starr: da lag er,

ausgestreckt, dicht an ihrem Fuß, quer über ihrer Türschwelle.

Claudia sah, zwischen den Falten des Vorhangs umdunkelt, in einer

ungeheuerlich seligen Überraschung auf ihn hinunter: in einem Blicke

erfaßte sie sein Gesicht: gealtert, von Schmerz zerrüttet, die Augen in

Schatten, der Mund gepreßt und die Linien der Stirn wie nachgehöhlt.

Ihre Rechte, in den schweren Stoff verklammert, hielt den vorgeneigten

Körper. Er gewahrte sie sogleich, fuhr auf und hob, sitzend, auf

die Hände gestützt, ihr das bleiche Gesicht entgegen und Augen, die

mit Ungewißheit und ergreifendem Ernste fragten. So blickten sie

aufeinander und harrten stumm. Das Herz der Frau schüttete in groben

Schlägen Wellen von Zärtlichkeit durch ihr Blut, Wellen, in denen sie

ertrank. Sie stand zu ihm gebeugt als werfe sie sich in höchstem Leid

oder höchstem Glück über einen geliebten Körper, zur Umarmung, aber die

Hand ließ den Vorhang nicht; so schwebte sie über seinem aufsaugenden

Antlitz wie die Göttin eines Brunnens: und aus ihren Augen strömte

Liebe. Er sah, erriet, zweifelte: dann löste Glauben die Spannung

seiner Züge, und mit hörbarem Atem trank er die Erlösung, die sie

über ihn ergoß. Grenzenlos schwermütige Zärtlichkeit glitt langsam in

seinen dunklen Blick und umhüllte ihr bemondetes Gesicht, das ihm in

Liebe zugewendet war, die der Ernst schmerzend machte. Sie schwiegen

sich zu einander in einer Stille, unterhalb derer das Schlagen ihrer

erschütterten jungen Herzen in das ferne, sanfte Zischeln der bewegten

jungen Blätter floß und ins Wehen des Windes. Endlich sank Claudia in

die Knie und war ihm nahe. Und er begann zu reden, mit einer tiefen,

ganz leisen Stimme aus der innersten Brust:

»Kannst du mir wirklich verzeihen?«

Und sie flüsternd: »Und du mir? Daß ich dich allein ließ statt dir zu

helfen? Wie eine Unmündige davonlief und töricht war?«

»Schilt dich nicht, Liebste! Zurückzuweichen, das war deine Waffe und

dein Gesetz. Meins hätte geheißen: Schweigen.«

»Schweigen! mich außerhalb zu lassen, alles immer allein zu tragen!«

»Ja ich hätte dich schonen müssen. Wußte ich nicht, daß dein Leben

hinweggehen will über alles das unterhalb des Menschen? Ich tat es

trotzdem« ...

-- »Und es war gut. Es +mußte+ gesagt werden, einmal, irgendwas. Konnte

ich noch länger so nebenher gehen? Einmal wäre es aufgebrochen, und je

später, um so schrecklicher. Nein, Walter, ich sehe es jetzt, es war

+sehr+ gut.«

»Siehst du es? Du siehst es also? Laß dir die Hände küssen ... Du

sagtest: beichte. In diesem Augenblick erwog ich, ob ich es dir sagen

solle, und antwortete: ja. Aber nachher, als du gingst und mein Herz

zerriß und die Verzweiflung in mir so tobte, daß ich meine Adern

aufschneiden wollte, um sie herauszuspülen, nachher fand ich: mich

trieb nicht, daß dein Leben falsch und künstlich sei, auch nicht, daß

du von mir wissen solltest -- mich trieb nichts als der eigensüchtige

Wunsch des Befreitseins von dem, was ich nun 15 Jahre mit mir trage,

von dem Bewußtsein, daß du mich gar nicht kanntest. Jetzt erkenne ich,

mich bewegten alle diese Triebe zugleich. Und ich beschloß, vor deiner

Schwelle zu warten, und morgen früh deine ersten Schritte in die

Versöhnung hineinzuziehen -- oder in mein Ende. Denn ich kann nicht

leben ohne dich -- das habe ich grell gesehen da ich elender war als je

zuvor.«

-- »Aber mein Leben +war+ falsch und künstlich. Ich wußte vom Dasein,

aber ich hatte es nie geschaut, vor Augen gehabt wie ich dich jetzt

schaue, meinen Liebsten. Und wie ich sein Glück schaute, durch dich

Liebster. Es ist frevelhaft, das Unglück zu verleugnen und das

Grauenhafte nicht zu sehen. Ich fragte mich vorhin: komme ich darüber

hinweg? Aber wo ist hier etwas, darüber hinwegzukommen? Ein Mann ist

geprüfter als ich dachte, das Leben ist härter als ich dachte, -- nur

härter? Nicht auch allgegenwärtiger? Nicht auch sanfter? Wie sinnlos,

vor ihm zu bangen, da ich doch von ihm umspült bin wie von Luft, da es

doch in mir enthalten ist wie eingeatmete Luft.«

Er erhob sich und zog sie sanft empor. Sie standen nebeneinander, im

silbernen Lichte, Hand in Hand, und ihre Schatten mischten sich zu

einem, der als Brücke ins Dunkel des Raumes reichte und ihrem Dastehen

einen Sockel gab und das Festgegründete von Statuen.

»Ich sehe, das Leben wird von neuem beginnen. Daß du stark bist über

dich, wußte ich seit dem Abend, an dem du mir die Hand reichtest über

ein Geständnis hinweg, das ich aus Pflicht und Liebe zwischen uns

gestellt hatte wie einen Abgrund: das Eingeständnis meiner Schwäche.

Aber du nahmst es leicht, du senktest eine Brücke und wir fanden uns

-- Fremde im Grunde. Und als du Oswald Saach vor uns anklagtest, den

Toten, den du geliebt hattest, -- da sah ich dich, eine Unbekannte.

Heute jedoch -- wie stark bist du denn, da du so fruchtbar zu leiden

weißt?«

-- »Und wie stark du, da du dich heraushobst aus solchem Dunkel und so

viel Wirrnis? Das Leben, das du mir heute als gangbar zeigtest, ich

bin entschlossen, es zu beschreiten, aber ich bin schwach und neu.

Ich zittere wie auf Eis, ich bin ängstlich und du mußt mich stützen,

Nachsicht haben. Mit dir traue ich mich überall hin.«

»Du wirst es wagen? Aber wenn das Heutige nur ein Anfang war? Wenn

von nun an mehr solche Ereignisse vor dich hintreten, und vielleicht

schwerere? Kleine Claudia, was dann?«

-- »Ich werde zittern, und werde wegsehen wollen. Aber dann wirst du

bei mir stehen und mich anblicken. Ich glaube, dann werde ich vieles

können.«

»Wir wollen uns festhalten aneinander. Man kommt allzuleicht und

fortwährend auseinander, man muß sich ansehen und sich finden wollen

und einander allezeit die Hände hinhalten.«

Er legte die Arme um ihren Leib und zog sie an sich; sie legte ihre

Hände wie eine Schale um sein Gesicht, dem sie das ihre ganz näherte.

So durchdrangen sich ihre Blicke, tief und selig, so berührten sich

ihre Körper in völliger Liebkosung, Claudias Lider fielen, und die

Lippen sanken aufeinander im Kusse.

Die Novellen um Claudia · 第 17 / 18 题