Die keusche Nacht

Das Gaslicht stach mit unerträglich grünem Glanz, und das Sofa, drauf

sie ausruhte, war mit blumigem Plüsch bezogen -- einem Stoff, der

kratzte, wenn man ihn wider den Strich berührte. Es war vielleicht nur

Nervensache, daß sie auch davon gequält wurde; das Schüttern der Fahrt

taumelte noch in ihrem Kopfe -- aber gleichviel, gleichviel ... sie

fand sich davon gemartert ... Sie preßte die Handflächen kühlend an

beide Schläfen. Früh das Standesamt, das Frühstück, darauf die Fahrt --

und nun stand noch +das+ bevor ...

Claudia fürchtete sich; Angst lag so atempressend auf ihrer Brust

... Was in ihr schrecklich bebte, war gar keine Spannung, gar keine

Erwartung -- am allerwenigsten freudige; es war auch keine Sehnsucht

nach innigster Einheit und kein verschwiegenes Drängen nach Hingabe und

nichts weniger als Liebe: es war einfach Angst -- Angst vor dem Manne,

die sich nicht beschwichtigen ließ, die unzugängliche Angst des Körpers

vor einer allzufremden Erfahrung ... Sie erinnerte sich ähnlicher

Ohnmacht, als sie, ein Kind, zum ersten Mal im kalten Flusse baden

sollte; denn ihr Verstand war keineswegs ausgeschaltet -- er arbeitete

vielmehr wie stets, hastiger nur und zerrissener, und nannte alles beim

Namen -- vielleicht etwas greller als sonst; und er lenkte nicht mehr.

Den Lenker machten heute die Sitte und der Leib; und ohne Auflehnung

beugte sich ihr geistiges Wesen unter diese Herrschaft äußerer Gewalt.

Ihr Körper, der sonst ihr gehörte, stand ihr heute fremd und herrisch

gegenüber, und sie fürchtete sich und fühlte sich ausgeliefert wie

irgendein kleines Mädel, das vor dem Lehrer zittert.

Sie ging hin und her, so daß die Lampenglocke klirrte, zerdrückte ein

Taschentuch in den Händen, die immer wieder feucht wurden, und erkannte

klar: als das Gräßliche erwiesen waren die Hemmungen. Genommen werden

war eine Gnade, sich geben können ohne Bräuche und Scham eine gleiche.

Aber der eheliche Apparat zeigte sich unerhört grausam. Man mußte sich

irgendwie dabei benehmen, denn durch die Aufmerksamkeit, die alle

darauf wandten, durch feierliches und verabredetes In-Szene-Setzen,

ging die unbefangene Geste der Liebe verloren, gerade für die Liebenden

mit vertieftem Gefühl -- aber nichts sagte einem, da Natur schwieg,

welche Gebärde sich dafür einstellen sollte; und man schritt ratlos

wie ein Verirrter und ganz so geängstigt, und blieb, halb sinnlos und

halb sich zu retten, vor den zufälligsten und gleichgültigsten Dingen

stehen, vor Blumen zum Beispiel, die in einem schwerfälligen Kruge

dufteten; ein ganzer Busch Flieder und gelber Rosen. Klaus Manth, der

gute, hatte ihr aus Lilien und roten Rosen einen Strauß geschenkt, den

sie alsbald im Kupee hatte liegen lassen; er war allzu gut gemeint ...

Sie zupfte die gelben Vorhänge zurecht, die die Fenster verschlossen:

aber sie hingen ohnehin in Ordnung ... und man fand sich abgeschmackt

und ungeduldig empört gegen sich selbst ... Warum er sie jetzt allein

ließ! Er hatte doch verstanden, weswegen sie nicht auf ihren Zimmern zu

Abend gegessen hatte! Er sollte kommen!

Er kam schon. Als er ihre Augen erblickte, ihre Hände und das

zerknüllte Tuch, verschwand das schwache Lächeln aus seinem Gesicht,

und er wurde sogleich ernst, so ernst wie ihm zumute sein mußte. Denn,

nicht wahr, daß er diese Angelegenheit vergnügt behandelte, das war

unmöglich. Er nahm ihre Finger in die seinen und glättete sie, führte

sie, die nun seine Frau sein sollte, zum Sofa und blieb vor ihr stehen;

die festgehaltenen Hände bildeten eine Kette von ihr zu ihm. Er machte

seine Stimme frei von Beengung, dann sagte er, mit dem gütigsten und

behutsamsten Klang, den er finden konnte:

»Mein kluges kleines Mädchen fürchtet sich.« Ihre Leiden strebten ihm

sogleich entgegen: »Ja, Walter, ja, ich fürchte mich ... Nicht vor

dir; vor dem Ganzen. Vielleicht gar nur vor dem Ritus.« Sie versuchte

zu scherzen, aber wie kläglich mißlang es! Ihre Stimme klagte hoch und

zitternd wie ein Kind, und ihre Augen, ganz schwarz geöffnet, zehrten

von seiner Miene. Er erwiderte mit einem Ton tief vor Zärtlichkeit:

»Ich wußte es. Wir wollen nur alles aussprechen, wie gute Kameraden,

nicht? oder soll ich still sein?« Niemals hatte sie seine Überlegenheit

tiefer gefühlt und inbrünstiger anerkannt. Sie zog in Dankbarkeit seine

Hände näher; seine Ruhe und Sicherheit tat ihr unendlich wohl und löste

die kalte Angst mit dem warmen Klang der Worte.

»Sprechen, Liebster. Sagen können wir uns alles, wie sonst. Ich fürchte

ja nur das Unbekannte; dumm macht es mich darum nicht ...«

»Das ist schön; und wozu eigentlich Angst?« Er setzte sich auf die

Sofalehne, legte ihr den Arm um die Schultern und neigte sich herab,

sie zu küssen; aber ihre Lippen zitterten kalt unter den seinen, und

so sprach er aufgerichtet: »Getrennte Zimmer waren unmöglich; diese

Pension hätte dich für mein Verhältnis genommen und so behandelt.

Wir müssen uns abfinden. Ich kann recht gut drinnen auf dem Divan

übernachten.«

»Das geht doch nicht,« meinte sie unsicher; in sich aber bejahte sie

diesen Vorschlag stürmisch: ach ja, bestehe darauf, Liebster, ich bitte

dich!

Er drang mit den Fingern behutsam in ihr Haar, blickte ins Zimmer, in

das durchschnittlich ausgestattete Wohnzimmer einer eleganten Pension

und sagte langsam: »Es ginge wohl.« Aber nach einer Pause: »Und doch

nicht, Kind. Es wäre reichlich lächerlich, nicht? Man verbringt nicht

diese Nacht fern von seiner Frau; einer Frau, die man immerhin lieb hat

... nicht wahr?« Später, dachte sie schweigend und gejagt; später wird

es lächerlich sein, heute wäre es ein Glück ... und daß er dies spätere

heute schon bedachte, war das peinlich? wars wundervoll? und daß sie's

gelten ließ?

»Nun also,« fuhr er fort. »Und dann wäre ja morgen und übermorgen

dasselbe Problem gestellt und wäre endlich nicht mehr zu umgehen.

Nur die Qual wäre verlängert. Ich denke, wir einigen uns so,« schloß

er gemütlich, fast heiter: »du legst dich zu Bett wie stets -- und

dann finde ich mich neben dir und wir reden noch eine Stunde im

Dunkeln. Nur reden, sonst nichts. Und so morgen und jede Nacht, bis

du dich an deinen Mann gewöhnt hast, und eine andere Stunde schlägt,

überraschend, Liebling. Denn was dich verstört, ist einfach das Wissen.

Nun?«

Sie sah ihn an und prüfte sein Gesicht:

»Ist dir das ernst?«

»Ja,« sagte er froh. Sie sah an seinen Augen wie er sich freute, daß

sie Mut faßte, und ihr Mut war dadurch selbstsicherer.

»Du versprichst, mich einmal zu überfallen?«

»Gewiß. Verzeih, daß ich lache. Aber du hast das mit so rührender

Hoffnung gesagt.« Sie lachte mit ihm, froh seiner Sorgfalt, sie möge

ihn in diesem Augenblick nicht mißverstehen ... Aber sie hatte noch

etwas Schweres zu fragen: »Und du glaubst, das ... würde gehen, heute?«

»Was? Ach, das? Ich bin erprobt, Liebling. Ich habe schon eine keusche

Nacht neben einem Mädchen verbracht. Da haben wir gleich etwas zur

Unterhaltung.«

»Gut,« sagte sie. Sie sah ihn mit langem Blicke an und verschwieg dabei

diesen Gedanken: was für ein seltsames und verstiegenes Gespräch wir

da gehabt haben, wir Eheleute! Und was taten wir eigentlich? Nichts,

als daß wir ein Gefühl ernst nahmen und gestanden, das man sonst

leugnet: Angst -- und redlich darüber beschlossen. Und alsbald schwand

es, wenigstens soweit, daß man frei genug wurde, den ganzen Vorgang

zu beurteilen. Ihr Herz ging leichter und die Freiheit und Zuversicht

machte sie fast scherzen: »Ich bitte um eine halbe Stunde.« Die Uhr

bereitete sich in diesem Augenblick surrend auf den Schlag vor; ein

Blick lehrte ihn, es sei halb zehn.

»Wir werden beide gut schlafen. Die Eisenbahn hat sich um uns verdient

gemacht. ~Au revoir~,« sagte er lustig, als sie die Tür öffnete.

Sie schloß sie kaum hinter sich -- da schüttete er schon Wasser in

ein Glas, seine Hand, die die Karaffe hochhielt, zitterte so, daß es

die Tischdecke näßte, und er trank gierig. Sie hatte nichts gemerkt,

nichts, nichts. Er atmete tief und preßte die Luft in den Lungen, ehe

er sie ausstieß. Nichts! Sie hatte ihm die Ruhe, die Sicherheit und

Heiterkeit geglaubt -- welches Glück! Nun war sie drinnen, soweit als

möglich beruhigt, nun konnte er sich gehen lassen und ruhen, bis die

neue Qual begann. Er ging in das Zimmer nebenan, das den Erker nach dem

See hinaus hatte, das Wohnzimmer, und legte sich auf den Divan, die

Hände unter dem Nacken und den Blick zurück gerichtet, in den hellen

Raum, den er eben verlassen hatte. Es fiel ihm ein, er werde nachher

dort durchgehen und die Tür zum Schlafzimmer öffnen müssen; dann

durfte dort kein Licht brennen; im Dunkeln war es allein erträglich,

möglich. Er stand auf und löschte mit einem gezogenen Kettchen das

brodelnde Gas, kehrte zurück und legte sich wieder hin, zur Besinnung.

Das dreigeteilte Fenster des Erkers lockte vergebens, tintenblau mit

scharf funkelnden Sternen. Er forderte Rechenschaft von sich. Er hatte

gewußt, daß es schwer sein würde, aber erst in diesen Stunden hatte

sich die ganze Qual, die Unmöglichkeit der Gegenwart aufgetan. Hier

konnte er sich nicht in Zynismus retten, wie früher, auch das Pathos

oder die lachende Überraschung waren ausgeschlossen, die ihn, als er

noch jünger war, wie schäumende oder durchsichtig blaue Wellen über

solche Stunden hinweghoben -- es galt vielmehr, die schärfste Zügelung

jedes Wortes, jeder Geste durchzuhalten: denn bedenke, mit wem du es

zu tun hast, mit Claudia, deiner Frau -- und was alles von dieser

Nacht abhängt: alles. Diese Nacht und die nächsten konnten ein Unheil

anrichten, das nie mehr gut zu machen war. Nie? doch nicht; solange

man lebt, ist nichts endgültig. Aber Leiden, Fremdheit, Mühsal konnte

ihnen heute nacht ebenso anfangen, wie letzte Innigkeit und ein Glück,

das bestand. Heute hatten die Körper sich zu erkennen wie vordem die

Seelen. War es nicht Zeit, sich zu entkleiden? Nein; Ruhe. Sie wollte

eine halbe Stunde und er wußte, daß sie Muße brauchte. Er zitterte vor

Erregung -- vor einer erregten Angst, wohl zugegeben. Sie fürchtete

sich nicht allein. Sie hatte es leichter, wahrhaftig; sie brauchte nur

zu warten und genoß das Glück der Passivität. Er aber hatte zu handeln,

und unter welchen Erschwerungen ... Seine Hände waren leichenkalt. Das

war die Rache der Kultur, die bis hierher drang -- bis hierher, wo die

Seele eigentlich nichts zu tun hatte und hemmte, erschwerte und quälte.

Wie einfach der Sachverhalt zu umschreiben war: sie legt sich zu Bett;

er legt sich in ein Bett nebenan, damit ist er bei ihr, und dann ist

es geschehen. So brutal das klang, es war dennoch keine Befleckung der

Geliebten, es zu denken. Der nackte Ernst duldete keinen verhüllten

Ausdruck, und nicht ein Gran kalten Spottes wehte ihn an. So sah, kraß

und durchsichtig wie ein Skelett, der Vorgang aus, wenn man ihn dachte.

Aber das Verwirklichen war eine Vergewaltigung der Seele, des eigenen

Geistes, der jede Handlung mit Wachheit belud und in eine ätzende

Helle hob. Die ganze Handhabung enthüllte Unmöglichkeit. Gesittung,

die dergleichen hervorbrachte, war Barbarei. Man konnte Pferde zur

bestimmten Stunde aufeinander loslassen; Menschen zu verheiraten wurde

zur Schändung, heute, wo Liebe und Ehe als Dinge der lebendigen Seele

die Körper beherrschen sollten. Denn hier konnte nur Natürlichkeit

retten, schamlos reine Natur, und das verfeinerte Gefühl, das

Bewußtsein, das nie erlosch, die unermüdliche Scham erhitzten sich im

Kampfe mit der Begierde, die plötzlich vom Geheiß der Sitte legitimiert

wurde, zu einer Qual, die den Geist zerfraß wie chemische Säure. Und

die Rettung, die anderen blieb, die überraschende Vereinigung vor der

Trauung, in irgendeiner übermütig und harmlos beginnenden Stunde, wo

sich plötzlich, mitten in einem heiteren Beieinander die Begierde und

Hingabe wie eine Grube unter dem Wege öffnete und sie verschlang --

was anderes machte sie unmöglich als diese selbe Zucht und Scham, die

Gesittung und Zügelung der Gefühle? Claudia Eggeling, die sich nehmen

ließ -- das gab es nicht. Wahrhaftig, die Seelen waren den Bräuchen

voraus, und schleppten sie am Fuße nach, und Kugel und Kette zerrissen

das Fleisch.

So lag der glückliche Bräutigam im Finstern auf einem Divan und ließ,

auch er, dieselbe Not in dieselben Formeln gerinnen.

Jetzt war es Zeit. Er zündete eine Kerze an und holte aus dem flachen

braunen Koffer das lederne Besteck, das in vernickelten Büchsen, deren

jede die Lichtflamme spiegelte, die Bürsten und Flaschen enthielt, die

zur Toilette nötig waren. Er hatte, während er sie vorhin allein ließ,

Handtücher und ein Waschbecken aus dem Schlafzimmer hierher getragen,

indem er den Korridor benutzte; es stand auf einem Stuhl nahe beim

Spiegel und mußte morgen früh zurückgeholt werden, damit die Bedienung

nicht rede. Er legte den Schlafanzug über einen Stuhl; der Spannbügel,

der hernach die Beinkleider aufzunehmen hatte, klirrte in seinen

zitternden Händen. In der Küche wachte gewiß noch jemand; und während

er mit verzweifelter Geste alle Überlegung von sich warf, entschlossen,

die Handlungen vom Augenblick bestimmen zu lassen und nichts vorher zu

ordnen, ging er zur Tür, unten warmes Wasser zu erbitten, zur Reinigung

der Zähne.

Claudia lag schon zu Bett. In der Rastlosigkeit, mit der sie sich,

allein, wiederfand, hatte sie sich entkleidet so rasch als möglich, und

versuchte nun, durch Denken die Lage vertrauter zu machen. Daß sie

sich ganz ohnmächtig, und nicht, wie sonst so oft, die Geschehnisse

beherrschend, sondern fast gebunden und jedenfalls ausgeliefert

hier ausstreckte, in der unerhörten Lage, den Besuch eines Mannes

zu erwarten, das war's, was sie begreifen wollte. Zwar beruhigte

sie sein Versprechen, dem sie unbedingt vertraute, aber doch noch

blieb Fremdartiges genug in der Stunde, sie tief zu erregen. Das

gleichgültige Bett, dessen weiche Federkissen ihr wie eine halbflüssige

Masse um die Glieder klebten, war viel niedriger als das ihre daheim,

und sie begriff nicht, warum ihr das einen so fühlbaren Unterschied

bedeutete. Liegen ist doch liegen, dachte sie; nun störte sie die Nähe

des Fußbodens, wie wenn sie zu ihm noch andere Beziehungen hätte, als

daß das Bett mit seinen vier Füßen darauf stand, und ebenso das leere

nebenan ... Da liege ich nun in einem fremden Bett ... Sie erinnerte

sich einer ähnlichen Wachheit und desselben fremdartig deutlichen

Fühlens ihres eigenen Körpers aus einer Nacht, ehe sie mit leisem

Fieber eingeschlafen war: die Entfernung ihrer Zehen, in denen

das Blut fühlbar pulste, von dem Kopfe, der das abmaß, schien ihr

übermäßig groß; sie empfand sich wie einen geographischen Gegenstand,

einen Kontinent, der sich selbst dachte. Die Füße, Beine und Schenkel

strebten wie halbinselig ausgedehnte Gebirge zum Rumpfland zurück, das

den Schoß hinaufsteigend sich zu einer flachen Schale wölbte; zwischen

den Brüsten senkte sich ein Paß, und der Hals war der Isthmus, der

zu dem felsigen und bewaldeten Gebirge führte, in dem die Gedanken

vulkanisch kochten; sie öffnete die Augen, damit sie Bergseen wären,

und lag ganz still, ein Erdbeben zu verhüten. Die Arme, rechts

und links, waren vorgelagerte Halbinseln, sie bildeten Fjorde und

beschützten das Land vor den Wellen des ungeheuren dunkeln Meeres, das

draußen brandete, unzugänglich jedem Messen und nur den Augen ringsum

sichtbar; ein stiller Ozean, der an den Zimmerwänden nicht endete,

sondern durch zahllose Poren frei flutete und sie in Einheit schloß

mit Bäumen und Sternen, die er umspülte wie sie. Sie verhehlte sich

nicht, daß sie bei diesem Erleben ihrer verwandelten Gestalt gern

verweilte, um nichts anderes zu denken; endlich aber erlosch der Zauber

und sie kreuzte die Arme über der Brust. Sie versuchte ein anderes

Spiel, spannte und entspannte die Muskeln der Arme und Schenkel, die

von Tennis und Reiten hart und geübt sich zu elastischen Strängen

und Knollen spannten; und ließ es wieder, ungeduldig und ruhelos ...

Manchmal, wenn sie auf Asaphs Rücken durch die Alleen des Großen

Gartens trabte, innerlich jauchzend im Rausch der Kraft und des Eilens,

hatte sie an die Stunde gedacht, wo sie sich ihrem Liebsten geben

würde: nackt nach einem Bade mitten in der Sonne, oder nackt, daheim,

im feierlichen Pathos einer Nacht, die von Leidenschaft funkelte -- und

nun lag sie hier im fremden Raum, unbeweglich, vom Hemd verhüllt bis

an die Knöchel und an den Hals, während in Räumen dicht nebenan fremde

Menschen atmeten, und ihr Herz pochte alsbald vor Furcht wie ein Tier,

das den Kopf an die Wand des Käfigs schlägt.

Es blieb sterbend stehn: die Tür.

Es war ihr unmöglich zu schweigen: »Walter?« fragte sie und stieß sich

vom Kissen ab, halb sitzend.

Seine Stimme antwortete, tief und zitternd: »Liebling ... wer sollte es

denn sein?« Und schon verriet das Seufzen des Bettes, daß er lag: er

hatte sich mit drei Schritten hineingestürzt, blind wie in eine Gefahr.

Sie ließ sich zurückfallen, aufatmend und von irgendetwas erlöst: »Ich

bin ganz rasend dumm ... ich weiß nicht ...«

»Hab ich dich erschreckt? Ich hätte klopfen sollen; aber es schien mir

lächerlich, daß du dann ›herein‹ zu rufen hättest« ... Er mußte eine

Pause machen. Die Worte konnten verraten wie er bebte, ehrfürchtig und

angstvoll vor der Schwere der Stunde. Aber sie konnte die Erregung

mißdeuten, und er +mußte+ ruhig scheinen. »Gib mir die Hand,« sagte er.

»Es ist nur, daß du mich fühlst,« fügte er hinzu, »es beruhigt dich

vielleicht.«

Eine Hand betupfte ihm Bart und Mund; er ergriff sie und küßte sie.

»Wohin hab ich denn getastet? Doch nicht ins Auge?« fragte sie

besorgt. »Man hat gar keine Richtung in der Finsternis ...«

Er antwortete nicht, er küßte den Rücken der Hand und die Knöchel der

Finger, wendete sie behutsam und küßte auch das Innere; ein schwacher

Blumenduft haftete daran. »Nicht«, sagte sie schwach, und versuchte

sie ihm zu entziehen. Er hielt sie fest. Ein Trieb befahl ihm das, und

er folgte. Nur küßte er sie nicht mehr und begnügte sich, sie zwischen

seinen beiden zu liebkosen. Er war froh, zu liegen; jeder Fortschritt

ins Ungewöhnliche hinein nahm der Stunde etwas von ihrer Schwierigkeit

und war ein Sieg, den man erleichterter genoß. Diese Hand hier schlug

einen Steg in das dunkle Nebenan. Wenn er nur soweit kam, daß sie

heute einschlief, den Kopf an seiner Schulter, so war er glücklich. Er

würde die ganze Nacht wach liegen. Er würde ihrem Atem zuhören und ihr

Haar küssen. Die Stunden würden feierlich an ihm vorüberziehen und der

Morgen ihre Liebe grüßen, die der Begierde nicht bedurfte.

Wer ihm gesagt hätte, daß er darauf aus war, seine Frau zu verführen,

der hätte ihn sehr verwundert, vielleicht empört.

Eine ganz seelische, übermäßig heftige Zärtlichkeit für das Mädchen

neben ihm erstickte sein Herz. Er gedachte eines Sommertags, eines

goldenen und blauen, wo er rauchend im Grase saß, unter endlosen

Tannen, und ein Mädchen bewachte, das unter seinem Mantel schlummerte.

Die Innigkeit, die er damals spürte, war blaß gegen seine Liebe zu

Claudia, die jetzt neben ihm lag, und niemals seit jenen fernen Tagen

hatte er so tief verstanden, wie keusch Jünglinge lieben, und wie

glücklich sie sind.

Als er spürte, daß sie ihm die Hand gewährte, legte er sie sich auf

die Stirn. Sie streichelte ihm gern Stirn und Schläfen; ob sie's auch

jetzt tat? Aber er erschrak -- die Hand entfloh. Es war ihm, als

würde ihm ein Eigentum entrissen und ein Trost. »Da, nimm diese,«

sagte sie, »es war so unbequem,« und eine Hand war wieder nahe, mit

leichtem Rauschen des bewegten Linnens, legte sich selbst wieder auf

die Stirn, blieb dort warm und lebendig liegen, schlüpfte in sein Haar

und grub sich ein. Eine Zeit verfloß, die er nicht messen konnte;

es waren gewiß nur wenige Minuten, aber sie schienen ihm sehr lang.

Er war ratlos und wußte nichts zu tun, und jeder Augenblick fiel

vermehrend in das Schweigen und überschwemmte ihn mit Verzweiflung:

denn die innere Stille, die er neben ihr liegend erwartet hatte zu

fühlen, dieses tief beruhigte Einsinken in Glück blieb aus; etwas in

ihm drängte den Zustand zu verändern, wollte weiter, litt im Bleiben:

und doch schien kein Weg gebaut und kein Geländer aufgerichtet, sich

daran weiterzutasten. Er hatte in seinem Körper einen blinden Drang, in

der Brust, den Leib herab, in den Schenkeln und bis in die Zehen, dem

ihren nahe zu sein, sie ganz zu fühlen, sie an sich zu reißen und mit

Küssen und Bissen unter sich zu ersticken. Aber keine Möglichkeit kam

dem sehnsüchtigen Trieb zu Hilfe, und einen Entschluß daraus zu machen,

ohne Gelegenheit wie ein Tier über sie herzufallen, war unausführbar.

So lag er ganz still und grämte sich und stöhnte lautlos im Pochen des

Blutes.

Sie rührte sich in ihren Kissen: »Ich nehme die Hand weg, ja, Walter?

Es ist sehr unbequem.« »Quälen sollst du dich nicht, kleine Claudia,«

antwortete er, froh, daß ihre Stimme ruhig war. Er irrte; die Stimme

war kalt und die Unbequemlichkeit ein Vordergrund. Er sollte nicht

fühlen, daß die ungewohnten Betten sie, Claudia, erhitzten. Er hätte

es mißdeuten können und vielleicht meinen, daß die Küsse, mit denen er

die erste Hand liebkoste, diese Unruhe und dies peinlich süße Brennen

in ihr entzündet hatte. Sie lag ganz steif, weil sie sich am liebsten

fiebrisch hin und her gedreht hätte, sprach sehr kalt, und hielt sich

fest wie an gespannten Seilen; so liegt ein Boot in starker Strömung

reglos und strafft seine Taue wie Saiten. Er war ja so sicher und

überlegen; welche Beschämung, wenn er sie dennoch mißdeutete! Man

mußte wirklich eine alltägliche Situation daraus machen. Das war das

leichteste: und man konnte es, denn von ihm kam keine Gefahr. Hatte

sie sich eigentlich schon einen Augenblick geschämt? Nein, antwortete

sie sofort, Scham war heute noch nicht vorgekommen, und zwar bei ihr,

Claudia Eggeling ... Aber das Erstaunen schwand sogleich: Warum denn

schämen? Errege ich jemandes Aufmerksamkeit? Bin ich das Ziel von

Blicken oder ... Wünschen? Ich liege hier, im Finstern, im Bette,

sittsam bekleidet bis zu den Knöcheln von Hand und Fuß -- und der Mann

nebenan ... bewahre! sie hatte sich wirklich umsonst geängstigt ... und

es war ihr ganz unbegreiflich, daß plötzlich eine Art Übermut und --

Spottlust in ihr tanzte; einen unruhigen und ungesunden Tanz.

»Wo bist du eigentlich?« fragte sie kühn und erschreckend über ihre

Keckheit; »ich sehe noch immer nichts.«

»Hier, ganz dicht bei dir.«

Ihre Frage hatte ihn aus seinem Gram gerissen; ohne irgendeine

Überlegung, von einer blitzenden Klugheit gestoßen, benutzte er sie und

schnellte sich an die Kante, mit der die Betten aneinander grenzten. Er

lag jetzt wirklich ganz in der Nähe; der Ruck hatte ihn fast in ihr

Bett getrieben. Er atmete tief: und der Duft ihres Haares drang ihm bis

tief ins Herz. »Laß mich dein Haar küssen,« bat er, und, wieder klüger

als er wußte, wartete er nicht auf Erlaubnis oder Abwehr, neigte sich

hinüber und atmete in ihren Haaren.

»Nein,« wehrte sie erschrocken, »nein« ... Ihre Keckheit und Sicherheit

und aller Spott waren dahin; sie fürchtete sich und wagte doch nicht,

sich rühren zu wollen. Er küßte ja immer ins Haar, redete sie sich zu

und entschuldigte die Duldung ... Ihr Atem ging wie zerschnitten, und

kurze rastlose Wellen schlugen gegeneinander und an die Ufer ihres

Geistes -- sie verlor das Steuer und sah nicht mehr wohin ... Und nun

sagte er plötzlich: »Weißt du was? Ich komme zu +dir+,« und er +kam+

zu ihr ... »Nein,« rief sie, »nein!« und das Hämmern ihres Herzens

zerschlug ihr die Stimme.

Aber er war da. Er wußte nicht, wer es ihm gesagt hatte; er hatte

einfach ausgeführt, was man ihm befahl. Er erschrak tief über sich,

er lag ganz still und versuchte sich zu fassen; aber die Wärme ihres

geliebten Leibes hatte sich diesen Kissen mitgeteilt, eine Decke lag

über ihnen beiden, und sie war es, Claudia, deren Haar hier noch eben

gelegen hatte. Das Glück, das in ihm stromgleich wirbelte, stürzte über

Katarakte von Lachen und Rausch -- und daß er sich noch berauschen

konnte, daß es noch Augenblicke gab, die er nicht leitete, das

verstärkte widerhallend sein Glück.

Sie hatte sich ganz bleich an die äußerste Kante des Bettes geschmiegt

und schwieg; sie wußte nichts von dem was sie fühlte, ein blinder

Wirbel sauste in ihr um, nur blitzte mittendrin auf, daß sie

hinausfallen werde und daß das Bett niedrig sei ... und daß sie ganz

gelähmt lag, eine Beute, das wußte sie. Das Blut sang ihr in den Ohren

und ihr Atem ging sehr laut und schnell.

»Liebling,« sagte er sanft und leise, »warum fürchtest du dich? Ich

will ja nur dir nahe sein, ich will nur dein Gesicht ahnen, deine Hände

halten, von deinem Haare atmen. Vertraust du mir nicht?« Er folgte der

Technik geübter Eroberer, die verdächtige Taten mit wohlklingenden

Worten begleiten und damit durchaus Vertrauen gewinnen, nur erfand er

sie im Augenblick, wußte von nichts und glaubte ehrlich -- sein erstes

Opfer war er selbst. Nach einer Pause sagte sie: »ja« mit einem hohen

atemlosen Stimmchen.

Wie von einem kleinen Mädchen kommend hörte sich das an. Als wäre seine

kluge und überlegene Claudia ein ganz kleines Mädchen, irgendeines,

das hier schutzlos zitterte. Die Rührung, die ihn überwältigte,

tränkte heiß und selig sein ganzes Glück; er lächelte im Finstern und

flüsterte: »Darf ich nicht wieder deine Hände haben?«

»Ja.«

Wie irgendeine sagte sie's ... Lisbeth Ohlsen, die kleine Gouvernante,

mit der sie sich einmal eins gefühlt hatte, konnte zu Oswald Saach,

ihrem Liebsten, nicht anders »ja« gesagt haben als seine Claudia zu ihm

... Er tastete nach ihrer Hand, ganz, ganz behutsam, und fand beide.

Sie lag auf der Seite und streckte ihm beide Hände hin, damit er nicht

näher käme. Er nahm sie, küßte sie beide, küßte sie oft und hielt

sie. Er dachte nichts, endlich genoß er das Glück des Augenblicks,

das ihm die kleine Uhr zumaß, die atemlos lief. Er fühlte ihre Hände

zittern. Warum zitterst du, meine Liebste? Was soll ich tun um dich zu

beruhigen? Soll ich gehen? Soll ich mein Bett nehmen und vor deiner

Schwelle schlafen? Ich will ja nur, daß du glücklich bist, nichts

sonst! ... du sollst dich nicht ängstigen während mich Seligkeit hebt

... Er preßte ihre Hände und küßte sie, aber sie zitterten. Er mußte

etwas finden sie zu beruhigen, sie durfte nicht länger leiden. Die

Anekdote fiel ihm ein, die er ihr versprochen hatte; sie würde sie

ablenken und ihr Ruhe geben. Und er machte sich einen leichten Ton:

»Soll ich dir nicht die Geschichte von damals erzählen? Du wirst sehen,

du brauchst nicht zu beben, Liebling. Ich habe als Student einmal die

ganze Nacht neben einer Freundin geschlafen; Kollegin, Mediziner. Ich

arbeitete mit ihr und hörte sie Anatomie ab; ich wußte darauf fast alle

Knochen des Kopfes auswendig ... Ja, wir machten also eine Fußtour

im Schnee, in den Weihnachtsferien. Wundervoll, im Tirolergebirge.

Natürlich war der Schnee zu hoch, und wir mußten mitten in der Etappe

übernachten. Das Wirtshaus hatte eine vermietbare Stube mit zwei

Betten; wir nahmen das Zimmer, und sie schrieb sich als meine Schwester

ins Fremdenbuch; sie hatte auch rote Haare wie ich. Das Zimmer ließ

sich nicht heizen und wir waren beide durchfroren; die Betten aber

kalt wie Schnee; scheußlich. Wie ich schon warm war -- ich hatte einen

Grog getrunken -- schlug sie mit den Zähnen noch Trommelwirbel. Darauf

erklärte ich, sie werde krank werden, legte mich zu ihr, hielt sie fest

-- sie wollte wirklich aus dem Bett und ich mußte wie ein Kater fauchen

bis sie still war -- und wärmte sie. Und dann waren wir müde, nicht?

und schliefen wie Bruder und Schwester.«

Er lachte in sich hinein und schwieg; dann schloß er: »Du wunderst dich

hoffentlich nicht. Erstens ist man diszipliniert, und zweitens machte

ich mir nichts aus ihr. Ich hatte sie gern, sonst nichts.«

Er hatte sie in der Tat abgelenkt, aber auf einen gefährlichen Weg:

sie empörte sich gegen den vergnügten Ton der Erzählung, gegen die

Blindheit, die diese und jene Nacht auf eine Ebene stellte, gegen

die ganze Behaglichkeit, die sie an ihm wahrzunehmen glaubte. Sie

fand ihn frivol und sich mißhandelt, ja wahrhaft beleidigt und im

tiefsten gekränkt ... Vielleicht war zwischen ihr und jener doch eine

Gleichheit? Vielleicht liebte er sie ebenso wenig -- schien es nicht

so? Ihre Vernunft war gestorben und alles schien ihr möglich, auch daß

sie verschmäht sei.

Er hörte sie atmen (gekränkt, aber das wußte er nicht), hörte die

Uhr ticken und den langsamen glücklichen Schlag seines Herzens; dann

schwoll die Sehnsucht, mit seinem ganzen Leib ihren Mädchenkörper an

sich zu fühlen, durch das Erinnern an jene entfacht, wie ein Blutstrom

in ihm hoch; da sagte sie:

»Ach so, du machtest dir nichts aus ihr,« sagte es mit klarem Hohn und

versuchte, ihm ihre Hände zu entziehen.

Der Klang traf ihn wie ein Pfeil. Erst begriff er nichts; einen

Augenblick tappte er wie ein Geblendeter; dann brach es in ihm auf:

Lisbeth Ohlsen! Sie fühlte sich verschmäht, wie irgendeine, wie jedes

törichte Mädchen fühlte Claudia sich verschmäht! Er riß sie an den

Händen nahe und wollte sich über sie werfen: sie hielt ihn mit steifen

Armen von sich, sodaß er über ihr schwebte: »Walter!« schrie sie.

Dann schlug sie die Arme auseinander und wie eine Welle über ihm

zusammen, als er auf sie herabfiel. Seine Küsse erstickten ihr im

Munde etwas, das ein Stöhnen sein konnte und auch ein jauchzendes

und triumphierendes Gelächter: eins, das aus tiefsten Gründen und

Dickichten hervorsprang, ein Elf. Es lachte über alle Ängste und alle

Schwierigkeit, über Claudia und Walter, über den ganzen Geist und alle

Scheidungen und Hemmnisse; es lachte über die ganze Seele.

Ans Fenster stieß der Wind. Er flog von Berg zu Berg unter der

schwarzen Brücke des sternfunkelnden gewölbten Himmels und rührte das

ebene Wasser des See's zu kleinen Wellen auf. Sie liefen an den Strand

mit hellem Klickern, das wie Gezwitscher klang, und schaukelten sacht

ein Boot und die Herden stiller Fische, die im schwarzen Wasser standen

und schliefen.

Die Novellen um Claudia · 第 15 / 18 题