Das Album

Man sollte sein Herz nicht an Menschen hängen. Sie gehen fort und man

bleibt ganz allein, wenden sich nach kurzem Weh ab und lassen uns

hinter sich, im Dunkelkalten ... Der Park hatte bald keine Gestalt

mehr, Wiesen und Wege vereinte der Schnee zu einer bleichen Fläche,

auf die mit Kohle Baumgruppen genau gezeichnet und Strauchreihen

hingewischt waren -- der endlos fallende Schnee. Auch Kinder hielten

nicht stand. Zuerst vermögen sie nicht zu leben, wenn man nicht dicht

bei ihnen ist -- und eines Tages machen sie sich auf ... Und sehr

grauenvoll, daß niemand sieht, wie ungeheuerlich dergleichen; daß es

allen für natürlich gilt -- und man glauben muß, man sei von Sinnen

mit seinem Gram. Ein Kind stirbt; nun wohl. Aber eine lebende Tochter

verläßt die Mutter um willen eines Fremden ... so etwas gab es ...

jeden Tag ...

Eine Tür ist hinter ihr geöffnet und geschlossen worden, eine Person

mag eingetreten sein ... Man soll sie nicht stören! Man soll ihr

vielmehr Ruhe lassen! Aber die Gewohnheit, die den Menschen vertiert,

zwingt sie, gegen ihren innersten Willen sich umzusehen. Die Köchin

Klara steht da und macht eine unglückliche Figur, weil sie stören muß.

Was die gnädige Frau zum Abendbrot wünsche.

»Liebe Klara, geben Sie was Sie denken.«

»Aber der Doktor Sirmisch sei für heute angesagt ...«

»Ich glaube ja, daß Sie verläßlich sind. Verschonen Sie mich heute,

Klara. Sie wissen doch Bescheid ...«

Die Stimme der alten Dame tönte so ungeduldig abweisend aus dem weiten

Sessel vom Fenster her, daß die Köchin die Achsel hob, ihre Schürze

glattstrich und ging. Und Frau Eggeling wandte den aufgestützten Kopf

wieder dem Fenster zu, vor dem reichliche Flocken einen graugetupften

Vorhang unaufhörlich niederließen, weiß und tanzend. Manchmal warf ein

Wind Falten hinein, aber seine Kraft, hinter doppelten Scheiben schwach

heulend, bewirkte nichts, er ging vorüber, und siegreich fiel der kalte

Vorhang, schräg tanzend und weiß.

Das Andere, Frühere würde also fortgehen? Unfaßbar. Und dennoch,

mußten die Freunde ihrer Tochter nicht wie immer kommen, Sirmisch heute

abend, andere ein andermal? Man würde wie sonst vor einem blinkenden

Tische sitzen und freundlich miteinander speisen -- um zwei vermindert

zwar, ein wenig stiller vielleicht, und mit einem neuen Gesprächsstoff

versehen: man würde lächelnd von den beiden Abgereisten sprechen,

von den Glücklichen, den eben Vermählten ... Unfaßbar -- und schwer

erträglich ... Sie stand auf und hob an, einen Weg durch alle ihre

Räume zu wandern, diesen, den sie heute schon -- wie oft -- gegangen

war: vom Wohnzimmer in das grüne Speisezimmer, durch die dichten

Schiebtüren ins Musikzimmer; dort kehrte sie um, zurück und weiter

ohne Halt in den Empfangsraum und weiter durch das kleine Boudoir ins

Schlafzimmer, und wieder zurück ... Sie ließ alle Türen offenstehen,

sie ging mit leisen Tritten von einem Teppich auf den anderen, die

Möbel schütterten kaum, so leicht war der Gang der einsamen alten

Frau; nur die großen Holzperlen der Kette, an der das Lorgnon hing,

klapperten mit leisem Knattern, und der Saum des Kleides wehte schwach

hinter ihr her wie ein hörbarer Schatten. Was sollte sie tun, großer

Gott, damit diese entsetzliche Öde um sie wich? Die lange Wohnung lag

leer und schweigend vor ihr. Sie kam von warmen Räumen in solche voll

kalter Luft, und trat in andere, die ihr danach lau zu atmen waren,

weil ja in den heute ungeheizten Öfen noch gestern Flammen flatterten.

Aber alle, die hellen und die dunkelwandigen, die kostbaren und die

täglich bewohnten drohten stumm und leer, leer. Es war etwas aus ihnen

herausgeschnitten, sie standen da wie hohle Gehäuse, deren Wände noch

glänzen auch wenn die Muschel gestorben, die sie belebte, sie klafften

tot, schienen kahl und geweitet und seelenlos: denn Claudia hatte sie

verlassen und würde sie lange nicht mehr mit dem Klange ihrer Stimme

beleben, Claudia, die sich von dem fremden Manne hatte wegführen lassen

-- Claudia Eggeling, die aufgehört hatte, zu sein ...

»Claudia Rohme.« Die Mutter sprach den Namen laut in die Dämmerung des

Musikzimmers hinein. War das ihre Tochter? Sie senkte zitternd den

Scheitel, sie mußte sich besinnen. Ihre Nerven schienen ihr heiß und

ganz ermüdet, ihr Körper leicht, irgendwie schwebend und geschwächt vom

Weinen, ihr Denken aber sonderbar verlangsamt und maßlos abgelenkt. Laß

sehen: Doktor Walter Rohme ... ja, ja ... als sie das Kind nicht aus

den Armen hatte lassen mögen, in Tränen, die vor Scham noch brennender

flossen -- was hatte er da doch ... Tröstendes gesagt? »Sie haben doch

jetzt einen Sohn, ein Kind mehr, Mama!« Dieser gelehrte Narr! Er sollte

sie nicht Mutter nennen! Da hatte sie nun einen Sohn ... Sie blickte zu

Boden. Das schwärzliche Blau des Teppichs ließ den Sammet ihres Kleides

blasser erscheinen, ein grauer Silberhauch lag auf seinem rötlichen

Violett ... kränklich sah das aus ... sie strich mit den Fingerspitzen

über den zarten Stoff. Welker Flieder, behaucht von Spinnweben ...

wie drollig der junge Sirmisch verglich und spaßte; und wie war doch

der Name des Teppichs? Sie +wollte+ sich darauf besinnen, es war ein

Abweg, ein neuer Gedanke und der nicht schmerzte: von Sommer ging's,

von blauem Himmel -- nein, »Teppich des schwarzen Himmels« (was sollte

ihr nur der Firlefanz?), »blau wie der Himmel, der sich im Ebenholz

des Flügels spiegelt« -- dieses Flügels schwarz glänzende Decke, die

Claudia so oft aufgestellt hatte, wie eine Schwinge zum Fluge in eine

tönende Ferne ... Ihre Claudia! und der Abweg mündete mit unvermuteter

Wendung in die schlimme Straße dieses Tages, die durch alle Zimmer

führte, über alle Teppiche und durch alle offenen Türen ... Und Eva

Eggeling beschritt sie gebeugt und ratlos und mit rechts und links

irrenden Augen. »Großer Gott,« sagte sie, »großer Gott« ...

Sie stutzte, stockte, ward langsam aufmerksam: was sagte sie da? Man

ging sonst an diesem Worte vorüber wie an jedem anderen, brauchte es

ohne Hinsehen; heute, in dem sonderbaren Fieber, das ihr allerlei

gewohnte Dinge entrückte, besah sie es wie einen neuen Gegenstand ...

welch fremdartiges Wort, Gott! Sie wiederholte: Gott ... und es schien

ihr nur noch Klang ohne Sinn. Es gab viele Menschen, die, wie ihre

Mädchen, bei diesem sonst so plausiblen Worte erschauerten und sich

beugten; und Trost von ihm holten, wenn sie alle ihre Sorgen vor ihn

hingebreitet hatten -- vor ihn, denn ein männliches Wesen stand für

jene hinter dem Wort, alt, stark und gütig. Dann war ihnen leicht und

frei zu Mute, und sie gingen mit erhobenem Nacken von dem himmlischen

Vater. -- Welch ein Unsinn, »Himmel«. Sehr seltsam -- wie doch diese

gut daran waren! Ihr war das nicht gegeben; nein, nein, nicht erst

darnach fragen, das ist sinnlose Komödie. Ihr Vater, die Luft von

Haus und Schule, nachher die Gesellschaft, ihr Gatte hatte einmütig

dafür gesorgt, daß ihr nun, wo sie darauf blickte, die Existenz

solcher Menschen rätselhaft unverständlich war, die für Gott und

Jenseits irgendwelchen Sinn, ein Gefühl, eine dumpf glühende Hingabe

mitbrachten. Mußte man nicht darüber den Kopf schütteln? Sie, gewiß,

hatte an der Stelle dieser Erlebnisse einen stumpfen schwarzen Fleck.

Sie hatte ihn nie gefühlt; heute bemerkte sie ihn, und ein vages

trauriges Brennen stellte sich ein. Man hatte etwas in ihr erstickt

und nichts dafür aufgebaut ... Sie war aufgeklärt. Niemals hatte sie

gefunden, daß sie damit ärmer sei als andere, im Gegenteil. Aber

dennoch -- heute spürte sie etwas in sich ... wie leicht hatten es die

anderen ... man sollte den Menschen nicht noch schwächer machen ...

Die große Uhr des Speisezimmers nannte mit sanft singenden Tönen die

vierte Stunde. Dämmerung begann zu werden, Neujahr war kaum vorüber.

Kam Sirmisch früh, so kam er um halb sieben -- und sie erschrak vor

den vielen Minuten, die folternd, langsam und regelmäßig auf ihre

Stirn tropfen sollten. Aber das konnte niemand ertragen! Es mußte eine

Ablenkung geben, irgendeine Beschäftigung, die festhielt, erleichterte,

tröstete. War sie so allein gelassen? Was sollte sie tun? Schlafen --

aber es wäre Spott gewesen, auf den Schlaf zu warten ... er kam nicht,

nicht einmal des Nachts, er überließ das Dunkel unaufhörlichen Qualen,

halb Bilder und halb Reden, innen gesehen und gehört zu gleicher Zeit

und doch weder ganz sichtbar noch ganz vernehmlich, und die alle

+einen+ Sinn hatten ... Was sollte sie tun? In eine Sofaecke wie in

eine Zuflucht geschmiegt blickte sie mit weiten leeren Augen in die

dunkelnde Luft des Raumes. Das Kind war ja gegangen, unwiderruflich

fern und auf immer. Wenn sie nur schreien könnte, sich zu Boden werfen,

in die Ecke des Teppichs beißen -- wenn sie nur noch weinen könnte!

Ihr Inneres zitterte wund, brennend und verschlossen. Erkranken und

sterben -- ja, sterben, das verhieß Erlösung. Sie wollte nicht mehr

leben: wie denn? mit wem, für wen? Niemand ertrug, allein weiter zu

leben, herumzugehen, dies und das zu tun -- Jämmerlichkeit und Ekel

insgesamt. Mit niemand mehr sprechen wie sie miteinander sprachen;

niemals mehr spüren wie glücklich es machte, Bewegung und Lächeln

dieses Mädchens, dieses wundervollen Kindes auch nur zu sehen, ihre

fragenden Augen, ihren spottenden Mund! Sie nicht mehr besitzen,

ihre Ausdrücke und Gedanken und ihr ganzes reines Fühlen ... Und wenn

sie wiederkam? Höhnisch dachte sie: ach nein. Sie wollte nicht teilen

müssen. Sie wollte sich nicht mit einem Eckchen begnügen, wo sie vorher

alles innehatte, allein. Sie wollte, sie konnte nicht mit ansehen, daß

nun der fremde Mensch ihre Tochter besaß -- und +wie+ besaß! daß er

nun in ihr lebte und sie in ihm! Nicht daran denken, vergessen; still,

verdecken, ersticken, mit Vorhängen und Mauern ... Was sollte sie tun?

Ach, sie hatte alles getan!

Von glänzenden Konsolen und aus gläsern verschlossenen Schränken hatte

sie köstliche Gefäße gehoben, vormittags, nancyer Vasen in rauchigen

Tinten, die sich vor dem Licht belebten, holländische, dänische,

und Krüge aus China, auf denen Stieglitze durch rosenzartes Gezweig

von Apfelblüten schlüpften, erlesenes Gut -- und hatte sie wieder

fortgestellt, nach teilnahmslosem Betrachten. Die Mappen mit ihren

liebsten Holzschnitten waren aufgeblättert und eilig wieder geschlossen

worden -- denn die Apokalypse stieß sie heute ab, das Marienleben

widerte sie heute an: hatten diese sinnlos wütenden Figuren, diese

albernen Tiere mit vielen lächerlichen Köpfen, diese bieder platten

Wochenstuben und Klageweiber sie wirklich früher zu ehrfürchtigem

Genusse entzücken können? Man mußte hinnehmen, daß es dieselben Blätter

geblieben seien, die sie von jeher liebte, und später vermutlich wieder

lieben würde. Aber heute, heute starrten sie allesamt wie gestorben,

ohne Kraft, Sinn und Wert, heute wo man ihnen inbrünstig gedankt

hätte für eine winzige Viertelstunde Bezauberung, Vergessens und der

Erlösung. Und ebenso ungeduldig vor Qual hatte sie alle ihre liebsten

Dichtungen wieder fortlegen müssen, Bettinens Briefe, den Nachsommer,

die Seldwyler und den Divan, nach kurzem Blättern; nichts war stark

und beseelt genug, ihr heute Gesichte zu spenden und aufgebaute

Wirklichkeit, an der sie sich aufrichten konnte, abseits von dem Grauen

des ganz Verlassenseins. Da saß sie nun, vorgeneigt, und ballte die

blasse Damenhand auf der Lehne des Sofas zu einer ohnmächtigen Faust:

Haß krümmte ihre Finger. Sie haßte jetzt alle diese Werke, die ihr

lange Liebe so übel vergalten ... Sie stand hastig auf, entfloh, begann

zum dritten Male die Wanderung, mit einem Stöhnen, das ihrem Jammer

einen schauerlich sanften Ausdruck gab: »Großer Gott«. Aber das blieb

nur ein Laut, kein Wort, in ihrem Innern antwortete nichts auf solche

Anrufung.

Vor den Fenstern flog blaue Dämmerung heran. Die Scheiben standen

als mehrfarbene Vierecke durchsichtig in den finsteren Mauern der

unerleuchteten Zimmer, durch die eine Fiebernde schritt, reich

gekleidet, mit rötlich erhitzten Wangen, das vorher wohlfrisierte graue

Haar aus der Ordnung gebracht und mit brennenden Augen, die schwere

Lider halb verdeckten und die sich gerne ganz schlossen. Ihr Kopf tat

weh vom Denken -- oder war das hinter ihrer Stirn, beides, der pulsende

Schmerz und der immer gleitende Gedanke, nur Anzeichen für etwas

drittes? Unaufhörlich wurden da innen Worte geflüstert und zugleich

als stechender Druck gefühlt ... Das war die Kunst, ihr Trost und

ihre Macht ... Übte sie sie nur auf Gleichmütige aus, auf Glückliche,

deren Seelen nicht jammerten unter der Kante einer Last? Wozu +war+ sie

dann nütze, sie, an die sie so viel Liebe gewendet hatte, all diese

Jahre hindurch? Oder war vielleicht in ihr ein Mangel auch hier? Es

sollte Menschen geben, die sich, wenn das Liebste von ihrer Seite und

Seele gerissen wurde, in ein Meisterwerk einschließen konnten wie in

eine eisige Grotte, deren Wände kristallen schimmerten. Vielleicht

zerfiel nur ihr jedes Werk in Trümmer, und es war Unrecht, die Kunst

zu schelten. Vielleicht war ihr Geist zu alt geworden, um noch den

Künsten zu erliegen, so gerne er mit ihnen spielte. Jungen Menschen

mochten sie immerhin die Adern wieder mit Hoffnung füllen; vielleicht

auch solchen, die irgendwie tätig, schaffend an ihr teilhatten. War's

nicht Sirmisch, der einmal erzählte, daß in der bestimmten gefährlichen

Zeit der Vierundzwanzig, wo die Angst des Verzweifelnden und eigener

Talentlosigkeit Gewissen ihm Tage und Nächte furchtbar vergiftete,

nur die Begier, Musik und immer mehr Musik zu hören, ihm das Leben

behaltenswert machte? Und gab es nicht in Claudias Kindheit einen

ganzen Monat, der erfüllt war vom leidenschaftlichen Gram um die

Entfernung eines geliebten Knaben? Damals saß die Dreizehnjährige

Nachmittag um Nachmittag an ihrem braunen Klavier, bewegte das

Pedal mit den ungelenken Füßen, die lang aus kurzen Kleidern kamen,

und ließ mit heißen Augen, brennenden Wangen und von Leidenschaft

gelösten Zöpfen durch das Haus tönen, fehlerhaft, unrein und voll

maßlosem Pathos, was ihr von Beethovens Wildheit, von Bachs Herbheit

damals zugänglich war. Sie +sah+ sie greifbar vor sich, den Kopf

zurückgeworfen und wieder vornüber gebeugt, den breiten roten Mund halb

offen und Tränen in den Augen ... Ja, damals war ihr Musik vertrauter

als die Mutter, vor der sie verstummte und der sie scheu auswich,

mit gesenktem Blicke; bis freilich eines Abends, als das Kind nicht

einschlief, die Mutter sich zu ihm auf den Rand des Bettes setzte und

ohne ein Wort ihm die Stirn und das glühende Gesicht liebkoste, mit

glühenden sanften Händen -- und wartete, worauf aus dem Mädchen ein

Schluchzen brach und mit Stößen von Tränen all ihr Jammer sich an der

mütterlichen Schulter ausschüttete ... Jene Nachtstunde, wie war sie

eingehüllt in Glück!

Sie stand jäh, an den Türrahmen gelehnt, tief überrascht: wie? Hatte

sie nicht auf Augenblicke vergessen, daß das Kind von ihr gegangen war?

Hatte sie es nicht eben noch an ihrer Brust gefühlt? Sich erinnern

war also keine Qual, sondern ein sanftes Vergessen! Torheit also, von

abseitigen Dingen Vergessenheit ablesen zu wollen, mit Linien und

Druckzeilen -- sie strömte vielmehr wie ein wohltätiges Gas aus jeder

kleinen Tatsache, die ihr die Tochter als Kind, als Mädchen, gleichviel

ob spielend oder trauernd wiedergab! Sie atmete tief auf, ein

Gespanntes löste sich in ihr, und die Lippen, bisher fest verschlossen,

gingen ein wenig auseinander. Sie führte ihre Hand mehrmals über die

Stirn bis in den Augenwinkel und blickte in das Wohnzimmer, das nur

die Dämmerung für die verwöhnten Augen mit finsterem Blau erhellte.

Sie staunte: alle Türen standen offen und die unverhängten Fenster

sogen Dunkel und Kälte herein. Ihren Augen nicht wehe zu tun, wandte

sie dem Zimmer den Rücken und drehte, auf der Schwelle stehend, den

kleinen Schalter: hinter ihr schlug das Licht allgegenwärtig an Wände

und Decke. Man muß sich also erinnern, dachte sie dringlich; schnell

und tief in Gedanken tauchen. Von dieser Erleuchtung ging Wärme

aus, Trost, atembar leichte Luft -- beruhige dich! und sie ging mit

aufrechteren Schritten durch die Wohnung, schloß überall die Türen, so

daß der helle Raum abgesondert, vollkommen und heimlich wurde, und ließ

die Vorhänge vor die beiden Fenster fallen. Wie rief sie am eiligsten

Erinnerung herauf? Briefe? Mutter und Tochter pflegten sich selten

zu trennen, es waren wenige da. Sollte sie die Kleider herausnehmen,

eins nach dem anderen, die in den Schränken hängen geblieben waren,

und dabei die Zeit wieder herstellen, Tag um Tag, in der sie von

Claudia belebt und ausgefüllt wurden? Nein; weder die letzten noch

die frühsten dieser schönen Hüllen waren ihr zuhanden, die einen

hatte man mitgenommen, die anderen waren alle verschenkt ... Aber das

Album war hiergeblieben, voll von Photographien, das alte Album, das

niemand beachtete! Claudias Bildnisse würden alles erzählen, würden die

Entfernte gegenwärtig machen; in allen Gestalten mußte sie sogleich

durchs Zimmer schreiten -- wo, wo war das zauberische Buch?

Sie eilte zum Bücherschrank und brachte es herbei, mit beiden Händen

faßte sie den mächtigen Band, dessen Decken aus erhaben gepreßtem

Leder sich in die Haut eindrückten, und dessen goldgeschnittene

Blätter aus dickem Karton von einer breiten gravierten Silberschließe

zusammengehalten wurden; sie trug ihn wie eine Trophäe vor sich her,

irgendwie triumphierend über den Feind: die Qual. Sie öffnete so

dringlich, daß sie sich an der Schließe fast verletzte, und wandte

hastig die ersten Seiten um, voller ganz alter Photographien. Alsbald

stieg ein Dunst von Erinnerungen auf und schwebte im Zimmer wie

fremdartiger Duft; sie sog ihn ein, indem ihre Augen diese toten

Bildchen wahrnahmen, und es war ihr, als würde sie selbst auf ungewisse

Art vag und mehr in Vergangenheit lebend als in dieser gegenwärtigen

Stunde ... Da schrak sie auf und fühlte sich wieder besonnen: wo

fand sie Claudia? Man mußte das Buch von rückwärts durchblättern,

mußte die letzten Seiten zuerst durchsuchen und so langsam in das

Gewesene hineinschreiten, wie jemand zögernd den Weg zurückgeht, den

er mühselig kam. Welches war das neueste Bild? Es hatte keines der

üblichen Brautstandbilder gegeben, wie auch keine Hochzeitfeier voll

bürgerlicher Üppigkeit veranstaltet worden war -- niemandem lag daran

außer Walters Eltern, die ihrer kleinbürgerlichen Verwandtschaft gar

zu gern die vornehme Braut des Sohnes vorgewiesen hätten -- somit

war das letzte vor dreiviertel Jahren gemacht worden, für die alten

Rohmes, Claudia die Dame darstellend, in großem Hute und dem schlanken

Kostüm der Straße. Ein schönes verschlossenes Mädchengesicht sah unter

dem Hutrand hervor, die Lippen lagen abweisend aufeinander und die

Augen richteten sich gleichmütig auf den Beschauer. Das war Fräulein

Eggeling, ein wohlerzogenes Mädchen -- das nächste aber enthüllte

Claudia. Es war keine gewöhnliche Photographie, nicht nach dem Leben

abgenommen, sondern nach dem großen Bild, das Klaus Manth gemalt hatte.

War das ihre Tochter? und dennoch war sie es, die im Profil am Flügel

saß, leicht nach vorne geneigt, die Hände noch auf den Tasten. Das

geschlossene Instrument zog eine gerade, schwarz glänzende Fläche bis

an den Rand des Gemäldes, und hinter dem Kopfe des Mädchens öffnete

sich das Fenster, licht und weit; sie glaubte das sonnige Blau des

Herbsthimmels mit weißen Wolken farbig zu sehen. Aber der Kopf war

seitwärts gewendet, aus dem Bilde heraus, und zwei übergroße Augen

sprachen den Betrachtenden erschüttert an, über einem empfindlich fest

geschlossenen Munde, der schmalen Beugung der Nase und dem dunkel über

die Ohren gelegten Haar. Der Hinterkopf ließ in seiner Verkürzung

eine makellose Form erraten. Claudias Schönheit, banal betrachtet,

ging aus diesem Bilde nicht hervor, aber ... anderes redete um so

deutlicher. Mein Kind, flüsterte sie, du mein Kind ... »Sind Sie's,

Fräulein Claudia?« hatte der Maler gefragt, als sie das fertige Werk zu

vieren betrachteten. »Ja, Herr Manth, ich +bin's+. Sie werden das nicht

ausstellen, nicht wahr? Ich möchte nämlich nicht, daß die Leute das

sehen.« Da hatte er gelacht und gesagt, es sei eigentlich schade darum,

denn ein besseres Frauenbild habe er nie gemacht. Aber wenn sie nicht

wolle ... »Nein, offen heraus, es wäre mir sehr peinlich. Lassen Sie's

bei sich hängen und verschweigen Sie meinen Namen. Ich bin zu eitel für

Öffentlichkeit. Später einmal, wenn ich alt bin; aber nicht bald, wie?«

Und die Angelegenheit war erledigt.

Die Tennisbilder ... sie lehnte sich zurück, sie lächelte geschlossenen

Auges -- das tat wohl ... Heißer Junihauch weht sie an; Turniertag im

Klub; gute Gesellschaft lacht und plaudert unendlich sympathisch um

sie her ... Schlanke Jugend, weißgekleidet, vor brennend blauer Luft.

Helle Quadrate auf rotgewalztem Boden, der glüht; springend weiße

Bälle, jeder mit seinem bläulichen Schatten. Sie legt den Arm aufs

Geländer der Tribüne, ihr Sonnenschirm macht das Licht grün; an den

weißen Straußenfedern des Hutes zerrt der heiße Wind. Frau von Kaldern

wendet ihr das fröhliche Gesicht zu und begeistert sich an Claudias

Erfolgen. Wie sie stolz war, und wie gelassen sie das verheimlichen

konnte -- ein kitzelnder Spaß außerdem. Erhitzte Spieler, rotgesichtig,

in weißen Flauschmänteln, seidne Tücher am Hals, neigen ihr Haar dem

Wind entgegen und kommen sich ausruhen; Claudia dabei, Breithoff,

Kaldern. Englische Rufe fliegen mit den Bällen durch die ritternde

Luft: neue Spieler; und die Schiedsrichter hocken huhngleich oben auf

gelben Gestellen. Claudia lehnt ganz erhitzt außen an der Tribüne und

raucht eine Zigarette, die Hände in den Manteltaschen; sie macht die

Burschikose sehr anmutig; Breithoff, der Gegner, spricht achtungsvoll

zu ihr. Sie wendet sich mit Neckerei an Doktor Rohme, der halb hinter

Frau Eggeling sitzt und bisher ganz stumm dreinsah, und er antwortet

etwas Überlegtes, mit anfangs unfreier Stimme ...

Sie neigte sich zu den Bildern und sah lange zu ihnen hinab. Wie das

alles auflebte, farbig und voll sprechender Gebärden, anläßlich dieser

fünf, sechs Bildchen! Es waren Momentbilder von Claudias Endspiel

gegen Assessor Breithoff, behend erhaschte Stellungen voll letzten

Ausdruckes und einer schrankenlosen Hingegebenheit an das spielende

Ringen der Techniken. Hier schoß sie schräg aufwärts, den Ball von oben

niederzuschlagen, gerade gestreckt von der Fußspitze bis zum Rakett

wie ein Wasserstrahl; hier duckte sie sich nahe dem Boden, den Arm

mit dem Schläger stracks rückwärts geschleudert, den Kopf seitwärts

gedreht, so weit, daß man erschrak; auf diesem hier, wo vermutlich ein

Ball von links zu nehmen war, spannte sich der Körper elastisch wie ein

gedrehtes Seil: denn die rechte Schulter fuhr nach der bedrohten Seite

herum -- backhand? dann war Claudia dafür berühmt -- auf einem vierten

verkroch sie sich ganz hinter dem mit beiden Händen gefaßten Schläger,

nichts als Erwartung des Balles; und hier schwebte sie ganz in der

Luft, dicht am Netz, ein Bein gerade, eins im Winkel und den Kopf in

den Nacken geworfen, bacchantisch und zugleich zweckvoll ... Das war

jener ziemlich applaudierte Schlag, der den Ball in die linke Ecke des

Platzes sandte, während Breithoff ihn rechts erwartete, Claudia gewann

vielleicht das Spiel, und ging damit als Erste aus dem Turnier ...

Doch in den letzten Runden +spielte+ Breithoff -- und siegte. Trotzdem

war Claudia überaus heiter, und mit Grund, als sie im Auto saßen,

um, Mutter, Tochter und Doktor Rohme, nach Hause zu fahren; und dann

geschah das kurze eigentümliche Gespräch während des Fahrens ... sie

würde es nicht vergessen. Wie begann es doch? so, nicht wahr: Claudia

gestand, sie habe mittendrin den Assessor gehaßt, aber wirklich gehaßt;

darauf Rohme, er verstehe das, solche Spiele barbarisierten nämlich

immer. Barbarisierten, sagte er zu der Siegerin. Sie fand das nicht

sehr geschickt, wollte mildern und ihm einen Rückzug machen; aber

er ging mit einer Art unterdrückter und leidender Heftigkeit weiter:

das sei beweisbar. Wenn er Fräulein Claudia morgen bäte, mit ihm Duo

zu spielen, etwa Brahms ~op.~ 108, so ginge das einfach nicht. Arme

und Hände hätten alles verlernt außer dem »vergleichsweise primitiven

Schlägerschwingen,« sie müßten das erst vergessen, ausruhen, und so.

-- Damals war ihr diese Vermengung von Dingen nur komisch, heute, beim

Erinnern, widerlich ... Aber Claudia sagte, nach zwei Tagen Massage

sei alles wieder zahm und zu seiner Verfügung ... »Zahm und zu Ihrer

Verfügung,« sagte sie böse, und Tennis sei wundervoll und höchst nötig

zu Zeiten. Und dann die sonderbaren Worte: »Aber ich weiß, was Sie

haben. Es ist ganz sinnlos; Sie sind ja gar nicht ausgeschlossen.

Ranküne, Doktor? Warum verkleinern Sie sich?« Er errötete hastig,

atmete und sagte nichts. Solchen Unterhaltungen pflegte sie nicht zu

folgen, dazu war sie zu alt. Aber obwohl sie eifrig dem durcheilten

Boden beim Kreisen zusah, merkte sie doch und zum ersten Male ein

wortloses Einvernehmen der beiden. Damals freute sie sich ...

Bilder zu Pferde, Bilder im Auto. Das war schon einige Jahre her.

Gleich dabei ein Gruppenbild von acht jungen Mädchen, Claudia unter

ihnen, hier, schwer kenntlich; das Bild war mäßig und diese vielen

Mädchenköpfe ähnelten einander. War das nicht Else Dominik, die

sich beim Präparieren an einer Leiche vergiftet hatte und ein Jahr

nach diesem Bilde schon tot war? Denn es stellte die Mädchen dar,

welche mit Claudia die Reifeprüfung am Königsgymnasium machten, nach

gemeinsamen Vorbereitungskursen. Und hier auf der anderen Seite

unten war der Kopf der Abiturientin Claudia festgehalten: das Haar

gescheitelt und aus der Stirn gestrichen, die breit und klug das schon

hübsche Mädchengesicht abschloß. Sie nickte erheitert drüber hin: vor

dieser unerschrockenen Stirn war der Geheimrat zurückgewichen, der

die Prüfung abgenommen hatte. Nachdem alles vorüber war, lobte er,

die besonderes geleistet hatten und fragte schließlich erstaunt:

»Sie sind die einzige, Fräulein Eggeling, die nicht studieren wird --

warum nur? Ihre Begabung für Mathematik scheint mir ungewöhnlich.«

Da hatte ihm die junge Dame unschuldig ins Gesicht geblickt und ganz

laut erklärt: »Danke, Herr Geheimrat, nein, ich studiere nicht. Ich

wünsche nicht, eine gnädig tolerierte Person zu sein mit Rechten

zweiter Klasse ...« was ziemlich boshaft war, weil der errötende

Herr, wie jeder Anwesende wußte, durchaus seinen Teil daran hatte,

daß Mädchen noch immer nicht gleichberechtigt zum Studium zugelassen

waren. Die siebzehnjährige Keckheit, dachte die Mutter damals zärtlich

und schalt laut ... Nach einem Jahr entschloß sie sich übrigens doch

zum Studium; eines Tages entdeckte sie den Dozenten Rohme, der ein

kunsttheoretisches Kolleg las. -- Auf dem nächsten Bild stand eine

Konfirmandin von dreizehn, mit einem halshohen Kleide, zwei Zöpfen

und einem goldenen Kreuzchen. In den Zwischenjahren hatte sie sich

gegen das Abbilden wütend gewehrt, sie fand sich zu häßlich dafür, und

in der Tat war dieses Kindergesicht mit einer großen Nase, breitem

Munde und übergroßen Augen völlig ohne Verhältnisse und kindliche

Anmut geformt. Im nächsten Jahre noch, erinnerte sich die Mutter,

kam sie eines Tages völlig verstört und krampfhaft weinend aus der

Schule und war nicht mehr zu bewegen, in dieses öffentliche Institut

zurückzukehren: man hatte, modern wie man war, daselbst klassenweise

sexuell aufgeklärt ... sie erhielt Unterricht daheim. Frau Eggeling

hob den Kopf von den mit kleinen Bildern besteckten Blättern und

blickte in die dunkle Zone, die sich an den lichten Kreis um die Lampe

schmiegte. Das Pendel der hohen Uhr ging in hörbaren Rucken hin und

her, und in der großen sanften Stille schien sein Geräusch laut und

langsam. Wie viele Dinge in der Seele des Menschen begraben lagen,

Zeiten lang! Das alles war vergessen gewesen, ohne Erwähnung und ohne

Dasein. Und bei so geringem Anlaß wie diesen Bildchen sprang es heraus

und stand da, unzerstört, unverändert ... Nichts ging verloren, und

diese lebendige Tochter, dieser gegenwärtige Mensch sollte ihr verloren

gehen? Wie hatte sie sich +darüber+ grämen können! Blieb nicht alles

wie vorher? Wenn Claudia zurückkam, war sie wieder ihr Kind -- wie

oberflächlich und nebenhin mußten diese neuen Erfahrungen vorübergehen,

denen sie jetzt ausgesetzt war, verglichen mit der unveränderlichen

Tiefe aller Gemeinsamkeit zwischen ihnen beiden, Tochter und Mutter,

die sie verband und durchströmte in magnetischem Sprühen, und von der

jener dritte auf immer ausgeschlossen war! Oh Buch der Befreiung, oh

gesegnetes gnadenvolles Buch des Trostes! ... und ihre Hände wandten

fast in Ehrfurcht das nächste Blatt.

Kinderbilder. Sie suchte, ob noch eines Claudia allein zeige, und es

fand sich: ein ganz kleines, nacktes Kindchen lag großäugig in einem

Sessel. Aber auf drei oder vier anderen sah man sie in Gemeinschaft mit

ihrem kleinen Bruder, der so bald starb, mit dem Vater -- eine Gabe

für die Mutter, die damals in Elster eine Kur gebrauchte -- (wie jung

Eggeling hier aussah), mit beiden Eltern. Es waren häßliche glatte

Photographien mit albernen Staffagen von Geländern und Tischen, mit

gemalten Hintergründen, Felsen oder einer waldähnlichen Pinselei,

mit künstlichen Palmen und sinnlosen Geräten, Trompeten oder kleinen

Schaufeln ... Nichts war an ihnen fesselnd -- warum doch mußte sie

so unverwandt diese Abgeschmacktheit ansehen? Wer war die Frau

hier? Unmöglich, sich zu täuschen ... Das war Eva Eggeling, diese

altfränkisch gekleidete junge Frau in der langen Taille, mit hohen

Achselpuffen und Rüschen überall?

Das Staunen, das sie befiel, war fast ein Schreck und benahm die Luft.

Ihr Blick verlängerte sich, wurde starr und dunkel, in Wesenloses

gerichtet, so daß sie nichts mehr sah. Dann, jäh zu sich kommend,

schüttelte sie den Kopf -- eine Haarnadel fiel auf den Teppich -- und

ihre Augen ergriffen mit Wachheit. Hier saß sie nochmals, allein mit

der kleinen Tochter, ganz dunkel gekleidet, bis ans Kinn verhüllt,

ein und ein halbes Jahr nach Eggelings Ende. Ihr Atem ging schwer und

ihre Hände zitterten. Das stellte sie dar, sie selbst ... Sie warf

die schweren Blätter um, so daß sie klatschend aufeinander fielen,

sie überflog die Seiten, die schon betrachtet waren: hier, und hier

noch einmal! und dieses auch ... Sie hatte es vorhin übersehen,

begreiflicherweise; sie holte nun nach, wandte weiter Blatt um Blatt,

in die frühere Zeit zurück, ehe noch Claudia lebte: da als junge

Frau, da mit ihrem Gatten, hier war ihr Verlobungsbild, diese beiden

mußten sie als Mädchen zeigen, es fand sich sogar ein gelblich blasses

Kinderbildchen vor, mit Höschen, die ihre Spitzenkante unter dem

Röckchen vorzeigten, und das, das war die Mutter mit der Schwester und

ihr! -- -- Sie erhob sich rasch, ging eilend nach ihrem Schlafzimmer

und tastete im Dunkel mit bebenden Fingern, bis sie einen Handspiegel

fand; sie nahm ihn ins Wohnzimmer, zur Lampe, und die Brauen gefaltet,

die Lippen aufeinandergedrückt prüfte sie drohend das hellbeleuchtete

Gesicht, das er zeigte, ihr Gesicht.

Das waren noch dieselben Züge, die die Bilder enthielten: die

leicht gebogene Nase, der Mund schmal und fest umrissen, dieselben

wagerechten Brauen, ein unverändertes Kinn! Die Haut war ein wenig

schlaff geworden, körniger und von Linien durchfurcht, von leise

gezogenen Falten an den Augen, am Munde; es war auch voller und nicht

mehr ganz so fest wie früher, trotz aller Pflege -- aber es war

dasselbe Gesicht, das dieses kleine Mädchen auch schon hatte! Sie

blickte zwischen den Bildern und dem Spiegel hin und her, und immer

deutlicher schälte sich aus den Veränderungen der Jahre das Wesen

heraus, das geblieben war, sie, Eva Eggeling ... Eine fiebrige Folge

von inneren Gesichten stürmte heran, halb gesehen, halb gedacht oder

gefühlt -- -- sie spürte sie nicht nur hinter der Stirn sondern auch im

Herzen, als beängstigende Stöße, die mit ihrem Blute herangeschwemmt

wurden. Diese so unwesentliche Umgestaltung, diese winzigen Züge da

von Reifen, Altern und Verfallen war ihr Leben! Ein Entsetzen fiel

auf ihre Brust wie eine Schlinge, die man zuzog. Ihr Leben! Sie hatte

es gehabt ohne zu zaudern, die Gegenwarten hatten es geformt, und sie

hatte es hingenommen, hatte es nie geprüft, nie zerlegt; niemals hatte

es sie in Staunen geworfen. Entschlüsse waren zu fassen: sie waren da,

wenn man sie brauchte, Folgen waren zu tragen: man trug sie -- dem

Augenblick ward das seine ... und nun war sie alt und begriff nicht

wie sie's geworden war. Denn da sah sie ja noch alles, was einmal Eva

Maurer gewesen war, in aufblitzenden Gesichten: ihre Puppe hatte ein

rotes Kleid; ihr Hund hieß Barry. Die Mutter quälte sie jeden Tag mit

bösen Kleinigkeiten. Im Dämmern, im Garten zog ein Junge ihren Kopf

an den Zöpfen rückwärts, mit umarmender Hand ... und küßte sie blind

ins Gesicht ... sie rührte sich nicht und atmete hastig. Sie tanzte

mit jungen Leuten, ihr Fächer war mit Röschen bestickt, einer der

Tänzer war der Herr Eggeling. Dann lag sie acht Stunden geschüttelt

von gräßlichem Stoßen und Zerreißen in ihrem Innern, das ihr den Leib

zersprengte; ein Mädchen war's ... Einmal stand sie auf Notre Dame,

und unter ihr blitzte die Seine durch Paris wie ein geschlängelter

Dolch, durch Paris -- und man trug ihren kleinen Sohn aus dem Hause,

eingesargt ... Und als Klaus nach drei Tagen, im Bett verbracht, tot

war, als ihr's die Ärzte ›schonend‹ beibrachten, da fühlte sie nichts

als ein ungeheures wortloses Erstaunen, das sich in ihr wie eine Luft

ausdehnte. Dann saß sie bei der Leiche und sah dem Manne ins Gesicht,

in das kluge etwas harte Totenantlitz, und begriff nichts: weder daß

man tot sein könne, noch, was das war, noch daß dieser da nicht einfach

aufstehen könne und die Hände auf dem Rücken im Zimmer umhergehen, wie

er pflegte, noch daß er überhaupt je gelebt; nur sah sie, daß Totsein

mehr war als Nichtmehrleben (aber +was+ mehr, fand sie nicht).

Und dann hatte sie ihre Tochter, die Tochter ihres Mannes mit seiner

Stirn und seinem Geiste -- aber noch immer war sie's, Eva, die groß und

wichtig im Vordergrunde stand: und jetzt saß sie hinten geblieben! Wie

war denn das gekommen, daß sie's nicht gemerkt hatte? Wie hatten sich

denn über Eva Maurers braunes Haar die weißen Strähnen gelegt? Wo war

es denn hin, und wie war es durch sie hindurch geglitten, das, was

zwischen jung und alt lag, das Leben?

Die Augen schlossen sich, und ihr Kopf fiel mit dem Kinn auf die

Brust; der Atem ging kurz und gebrochen, und hinter der Stirn drückte

ein dumpfer Schmerz. So saß sie, regungslos, während sie das Pendel

die Zeit zerteilen hörte, und suchte etwas Deutliches zu denken, aber

ein schwarzes Nichts lähmte ihren Geist. Sie fand das Leben nicht,

das sie dennoch einmal gewesen war. Nach den Blitzen, die sie vorher

durchzündet hatten, war nichts geblieben als Dunkel oder Asche. Sie

hatte geküßt, vor dem Manne gebebt, Lust gehabt und den Mann ertragen

-- war das überhaupt wahr? war's gestern? Und heute erlebte das ihre

Tochter: Küsse, Angst, Lust und den Mann ... Das Herz schlug ihr und

hatte immer geschlagen. Ihre Ohren hörten, und immer hatten sie gehört.

Aber von Eva Maurer war nichts mehr da, wenig von Eva Eggeling, die

in Schauern empfing und Kinder säugte; etwas war von ihr gewichen,

unmerklich, das sie nie vermißt hatte, es war einzig an Wert und

Bedeutsamkeit, aber sie konnte es nicht benennen, es fand sich nicht

mehr vor und sie wußte nicht, wohinein es verdunstet war ... Sie hob

endlich die schweren Lider und sah vor sich hin, erst ohne zu sehen

und als hätten die Augen keinen Glanz mehr. Dann merkte sie, daß

ihre Hand vor ihr lag, ihre rechte Hand, die sie zahllose Male vor

Augen hatte, tätig und lebendig wie nichts sonst an ihrem Körper.

Aber eben lag, fast vom Körper gelöst, diese Hand wie ein fremdes

Ding vor ihr, das ihr neu war und nur unbestimmt zugehörig. Hatte

sich dieses erstaunliche, fünfstrahlige Wesen da, schlank, weiß und

ausdrucksvoll gegliedert, nicht aus der winzigen täppischen Faust eines

kleinen Kindes gezaubert, hatte sich langsam gedehnt und zugenommen,

ohne jemand zum Aufmerken zu bringen, ungesehen vor allen Augen --

bis es das da geworden war, das Greifding, mit vielfach zerteilter

Haut umkleidetes Fleisch, das bläuliche Adern enthielt, Muskeln

und unsichtbare Nerven, getragen und gehalten von einem knöchernen

Skelett ...

Sie würde einmal sterben. In nicht sehr vielen Jahren.

Sie erschrak nicht, sie staunte. Sie vermochte den Tod nicht zu

fürchten, ehe er da war -- sie konnte sich bei seinem Namen noch immer

nichts Sichtbares vorstellen. Sie herrschte sich an: vorwärts, denke

nach! Sieh hin! Man wird eine kraftlose Alte, gut, die ohne Hilfe

nicht mehr vom Stuhl aufsteht. (Ihre Augen schmerzten vor Aufmerken,

unter den geschlossenen Lidern.) Eine Kranke liegt zu Bett, auf dem

Nachttische Fläschchen mit roten Zettelschwänzen auf den Köpfen, es

riecht nach Arznei. Ja, Ärzte kommen. Dann wehrt man sich gegen das

Sterben; man stirbt -- das ist irgendwie dumpf grausig ... aber +dabei

lebt man noch+. Dann liegt man weiß da, ist tot. Dazwischen schneidet

ein Riß, ein undenkbar schmaler -- aber ein ebenso tiefer. Kein Gedanke

wollte ihn ihr füllen. Laß ab.

Sie würde also sterben ... was blieb dann von ihr? Was war von ihrer

Mutter geblieben? Das böse Gedächtnis, das gelegentlich auftauchte --

denn meist war sie vergessen -- und sie, die Tochter. Und so würde

von ihr nichts bleiben als diese Tochter und das Gedächtnis -- ein

gutes, denn sie hatte das Kind voller Schonung und Liebe aufwachsen

lassen, hatte es immer gestützt und nie behindert und sich in die

fremdesten Wege gefunden, die zu dem bewußten Sein, dem Denken und

der Kunst führten. Aber dennoch würde sie ebenso vergessen werden und

gelegentlich auftauchen. Und diese Albumbilder würden bleiben, bis sie

zerbrachen oder sich verloren. Gestern aber hatte sich ihre Tochter

aus ihren Armen gelöst, nur schwerer, wie sie sich einmal aus denen

ihrer Mutter löste, und war mit dem Manne gegangen. Und nun stand vor

jener dasselbe Geschick, das eben Eva Eggelings Nacken beugte. Betty

Maurer, Eva Eggeling, Claudia Rohme -- wie würde das nächste Haus

heißen? Denn Häuser waren sie, die eine Zeitlang Leben herbergten und

es weitersandten. Aus einem Schoße empfingen sie's wie durch ein Tor,

das aus namenlosem Dunkel mündet, und nach einiger Zeit gaben sie es

dahin an ein Unbekanntes, das aus ihrem Schoße ging: denn ein dunkles

Tor waren sie selbst geworden und das Namenlose hinter ihnen. Sie waren

Mütter.

Die Uhr schlug sechs, da saß sie noch und staunte. Sie besann sich,

überlegte, erhob sich und ging in ihr Zimmer; sie klingelte dem

Mädchen, sah seine verweinten Augen, sagte nichts und ließ sich

frisieren. Sie hieß ein dunkles Kleid bringen, wählte Schmuck und gab

an, daß man den Tisch decken sollte, und auf welche Art. Dann fragte

sie die Köchin, was sie bereit gemacht habe. Darauf erinnerte sie sich,

daß in Claudias Zimmer Vasen voller Blumen stehen müßten und sagte

zu der Zofe: »Im Zimmer des gnädigen Fräuleins sind Blumen, Else.

Stellen Sie eine Vase auf den Tisch.« Das Mädchen lief hinaus, und

Frau Eggeling hörte, daß es, kaum auf dem Gange, laut aufschluchzte.

Sie wiegte den Kopf hin und her. So sehr liebte man das Kind, da

draußen ...? Wie das weinen konnte, offen und genußreich ... Doch

keinen Augenblick verlor sie das Gefühl eines ungeheuren Ernstes, der

in ihr ruhte und sich wohl auch in ihrem Gesichte zeigen mochte,

denn das Mädchen hatte sie sonderbar behutsam und scheu bedient. Und

eine Spannung hing ihr im Innern, der jede Regung verhängnisvoll und

entladend kommen mußte. Ihr war, als sei sie innen ein großes, mühsam

geknebeltes Tier.

»Gnädige Frau, Herr Doktor Sirmisch.« -- »Ich bitte.«

Der junge Mann trat ein. Er verbreitete frische Luft und Kälte um sich,

wie er da aus dem kalten Winterabend in die allzu lang geschlossenen

Zimmer trat, seine Augen waren hell und sein Gesicht leicht gerötet;

und Frau Eggeling rief, wie er auf sie zukam, alle ihre Fassung zu

Hilfe. Sie hatte diesen hitzigen feinen Menschen lieb, und sie sehnte

sich so sehr nach Zuneigung und Trost ... Sie hieß ihn willkommen

und er neigte sich über ihre Hand. »Ich habe wirklich nicht gewußt,

gnädige Frau, ob es richtig war, heute zu kommen; aber ich mochte

nicht telefonieren. Bin ich unangebracht? Ich bitte herzlich, sagen

Sie mir's, dann gehe ich.« »Lieber Sirmisch! ich wüßte ja nicht,

was ich anfangen sollte ohne Sie ... Ich muß mich doch erst daran

gewöhnen ...« Sie stockte. Ihre Hand glitt unaufhörlich an den Perlen

der Holzkette auf und ab. »Ich dachte mir so etwas, liebe gnädige

Frau.« Er blickte auf diese ruhelosen Finger, und ein unendliches

Mitleid überkam ihn. »Wollen wir diese Blumen in einer Ihrer hübschen

Vasen unterbringen?« »Wie schön! Wo haben Sie das gefunden? Lange

elfenbeinweiße Kelche, so schmal geformt und mit so zarten Blättern?

Ich kenne sie nicht; wie heißt die Blume?« »Ich weiß es auch nicht. Ja,

sie sind ziemlich apart. Ich fand sie in dem Fenster eines Ladens und

erlöste sie aus einer Umgebung von Alpenveilchen und Immergrün. Was für

ein Gefäß wollen Sie dafür wählen?« Die schlanken Stiele zitterten in

der kranken Hand. »Ich suche schon ... hier? nein, das ist zu bunt ...

Wie fänden Sie sie hierin?« und sie hielt jenen chinesischen Krug hin,

mit Stieglitzen, die durch Zweige rosenzarter Apfelblüten schlüpften.

Er stimmte zu, und sie sagte: »Dann bitte ich um Urlaub für zwei

Minuten, ich hole nur Wasser und Salz; hineinstellen dürfen Sie sie

selber.« Sie nickte ihm zu und ging. Er wanderte einmal auf und ab ...

wo war Claudia jetzt? Kleine Claudia, sagte er zärtlich in sich und

hielt inne. Da waren ihre Bücher; er trat zum Bücherschrank und sah das

Album offen auf dem Lesetisch liegen. Zerstreut musterte er die Bilder

der aufgeschlagenen Seiten, er kannte niemand; lauter alte lächerliche

Bildchen mit Krinolinen, die das Bild unten völlig erfüllten; und er

wollte eben umblättern, als er die Hausfrau eintreten hörte. Sie sah,

was er betrachtete, fühlte sich jäh erblassen und stellte die Vase

klappernd aus der Hand, in unverständlichem Schreck. Er drehte sich

um: »Was haben Sie hier für ein drolliges Buch, gnädige Frau? Diese

Trachten ...« Warum war sie denn so bleich?

Sie näherte sich langsamen Ganges, jeder Schritt war von Schwäche

gehemmt, schloß das Buch mit einem klatschenden Laut, und sagte,

während sie mit fliegenden Fingern die Schließe zudrückte: »Ja. Ich

hatte es vorhin vor, man weiß so gar nicht was tun ... Es ist unser

Album. Ihnen scheint es dumm, natürlich. Aber ich ... mir hat es

erzählt--« hier brach ihre Stimme, und Laute der Qual verstummten,

die er in seinem Leben noch nie gehört hatte. Die alte Dame schloß die

Lippen eng, kämpfend mit der herzbrechenden Klage um sich, um ihre

Verlassenheit, Vergänglichkeit, Vergebenheit, mit dem Elend des alten

Menschen -- jähe Röte schoß ihr ins Antlitz, dann verzog sich ihr Mund

in unsäglichem Schmerz, und mit lautem Schluchzen brachen die Tränen

aus ihren Augen. Sie wandte sich und ging langsam hinaus, von Weinen

geschüttelt, das dem Hörer atemnehmend ins Herz biß.

Alexander Sirmisch sah vor sich hin, die Hände in den Taschen, ratlos

von Schreck und Mitleid. Wars nicht besser zu gehen? Vielleicht war es

Claudias Mutter peinlich, ihm nachher das Gesicht zu zeigen, das eben

noch feucht war von solchen Tränen. Es wäre unerträglich, wenn sie

verlegen wäre ... aber dann ließe sie's ihm gewißlich sagen. Bleiben

war im tieferen Sinne der rechte Takt. Diese alte Frau! was fühlte

er für sie? Es war ihm peinlich da zu sein, er schämte sich seines

machtlosen Dabeistehens, und zugleich hatte er Lust, sich vor ihr zu

verneigen.

Sie trat ein, die Augen ganz groß und ernst auf ihn gerichtet. Da ging

er ihr entgegen, ergriff wortlos ihre Hände und küßte sie.

Die Uhr schlug einmal: halb, und füllte den stillen Raum mit sanftem

Klingen.

Die Novellen um Claudia · 第 14 / 18 题