Das Werk ist mir gewidmet. »Dem Jugendgenossen Walter Rohme« steht auf
dem Titel zu lesen, und das bin ich. Erregt es mich darum so besonders
tief? Vielleicht sagt sie Fremden wenig, diese »Sonate ~e-moll~ in
tiefer Lage«. Unter Claudias Händen singt der Flügel mit dunklen,
langsam aufstehenden Tönen ein finsteres Thema, weit gespannt, ein
Stückchen Nacht, das beinah spricht -- von Trostlosigkeit spricht,
hervorgebracht durch glockenhafte Klänge, einfach, steigend und die
zögern, sich wieder zu senken, stocken und sich neigen: vier gedehnte
Takte ohne jegliche Nebenstimme. Und das Cello hebt dieselbe Weise
an, das Lied vervielfältigt sich mit sehr zarten Harmonien zu einem
Zwiegesang der Schwermut, der manchmal in unverhofften Quinten und
Oktaven auseinander klafft als öffneten sich plötzlich schreiende
Durchblicke ins Leere der kahlen, kalten, unbegrenzten Trauer ... Aber
alsbald webt Alexander Sirmisch mit beschwichtigendem Bogen und den
vier zitternden Saiten einen tiefbraunen Schleier, sie mit einem Gewirk
gehaltener Klage und starr gemessener Trauer zu verhüllen -- bis an
einer Stelle, auf die ich mit immer neuem Zittern warte, der Flügel
alle Zahmheit abschüttelt und sehr laut, in Oktaven, ohne Schonung das
nackte Thema wie einen Schrei der letzten Verlassenheit ausstöhnt ...
Hier läuft mir, so oft ich die Sonate auch gehört habe, ein Schauern
von den Schultern zu den Lenden, ich strecke mich, lasse den Kopf
rückwärts sinken und gebe mich hin. Oswald, klagt es, Kamerad, alter
Kämpfer, daß es auch dich hinunter bekam! Mein Freund ... ich erinnere
mich, daß es Zeiten gab, in der Schule, noch auf der Universität, wo
mir das Leben, die Zukunft nicht wert schien erlebt zu werden, wenn
du sie nicht mit mir teiltest ... Vier waren wir -- zwei fielen ab;
du aber machtest dich davon, heimlich an einem Abend, als es regnete
und in der fremden Stadt nur fremde Gesichter vor dir auftauchten.
Da dachtest du noch an mich und schriebst mir. Aber die Grenze war
schon überschritten und deine Gestalt schon Bewohner des +anderen+
Reichs ... Und es ist mir, als müsse der tote Komponist wieder an
jenen Notenschrank gelehnt stehen, als müsse er lautlos über den
blauen Teppich gehen, mit vorgeneigtem Kopfe sich selbst an den Flügel
setzen, vor die Lichter, die so oft seinen Schatten riesengroß an die
Wände gemalt haben, zuckend vor Inbrunst, und die Musik seiner Klage
und Verzweiflung noch viel härter lautwerden lassen, viel anklagender,
viel erdrückender ... Ich schaue erschreckt in die dunkle Ecke: niemand
steht am Notenschrank. Ich schließe die Augen.
Ein vergrämtes Lächeln in den Sechzehnteln des staccatierenden Cellos,
beginnt das sinistre Scherzo und verändert die Stimmung, die uns alle
erfüllt. Die halbe Erlösung gestaltet sich körperlich in unseren
Bewegungen, ohne Anteil des Willens, wie ich von mir aus urteile: ich
richte mich auf, nehme ein wenig Haltung an und blicke um mich. Klaus
Manth, der Maler, erhebt sich leise und tritt an das Fenster, den
Vorhang zur Seite raffend; von Frau Eggeling kommt mir aus weiten Augen
durch die Dämmerung des Raumes ernst und glänzend ein langer Blick;
aber von Claudia sehe ich über dem Nacken nur das schwarze Haarhaupt
und ein Stückchen Wange, an der eine Strähne herniederhängt, und
Sirmisch, hinter seinem Instrument und dem schwarzen Notenpulte, neigt
mir die erhellte Stirn zu und trinkt mit gesenkten Lidern und leicht
geöffneten Lippen die Töne, die sein Bogen hervorholt. Sicherlich
hatte niemand von uns vorher gewollt, daß dieser erste Abend unseres
wieder vollständigen Trios -- Sirmisch war lange in Südfrankreich
herumgewandert -- ein Gedächtnisdienst für Oswald Saach werden sollte;
drei Monate sind eine lange Zeit für Menschen, und die Toten sterben
so schnell; aber sicher wissen wir alle fünf, daß jener Tote es ist,
der uns in der Dämmerung dieses Musikzimmers so schweigsam macht. Hat
nicht, von dem Augenblick an, der uns heute »vollständig beisammen«
fand, jeder nur an ihn gedacht, der fehlt, und der früher nahe oder
entfernter aber zu jedem von uns in bestimmter Ferne stand? Manth
hatte ihn gemalt, und bei dieser etwas lockeren Beziehung war es wohl
geblieben; doch schon Sirmisch war ihm als sehr musikalisch angenehm,
und zu Claudias alter Mutter zog ihn eine verständliche Verehrung,
die sie mit Güte und Beruhigung erwiderte. Ich aber blieb für ihn der
Klassenkamerad, ein Jugendgenosse, der ihm gern zuhörte, wenn er von
seiner Zukunft redete und als Junge auf einem alten Klavier wunderlich
wild fantasierte, und ich hatte auch ihn als letzten Lehrer zu Claudia
gebracht, zu dem Mädchen, das soeben mit von ihm gelernter Kunst sein
Werk, seine Seele tönen läßt, und das die meine ganz besitzt ...
Die Sonate dauert nicht lange. Du warst ein Künstler, Oswald Saach, und
hast das Maß gefunden, welches eine solche Stimmung angstgespannter
Trauer allein fassen und der Seele tragen helfen kann. Jetzt gibt
es noch diese fünf Variationen, in denen das Cello die Stimme der
Erinnerung ist und stets neu gewendet das stets gleiche Thema vorträgt,
am Ende ohne Bogen und gezupft, tönend wie eine umhüllte Glocke. Ja,
ein Mensch wühlt hier wie in Vergangenem, hebt mit beiden Händen
schmerzvolle Dinge empor ans Licht, prüft die längst abgetanen und
verwirft sie ohne Hoffnung: aber über diesem tief gegründeten Wissen
frohlockt in mir die Genußfähigkeit vor der Form, die Lust des Erratens
kunstvoller Maskerade, das Erblicken des Gleichen im Veränderten
und die Bewunderung des immer neuen Ausdrucks für diese eine, tief
wehmütige Angelegenheit. Noch einmal erhebt der Flügel seine Stimme
für das erste Thema, für die langsamen, schmerzlichen, jetzt ernst
harmonisierten vier Teile, läßt sie klingen, klingen und schweigt.
Niemand rührt sich, alle sinnen, wir an dem hellen Tische bestellt
mit japanischem Geschirr voller Rot und Gold und mit Astern in hoher
Vase, und die beiden anderen; nur die Lichter knistern über den Tasten,
Kerzenlicht, das allein ein lebendiges Wesen ist, nur bewegen sich
die Schatten an den Mauern, der Atem der Menschen rauscht leise, und
in den Schläfen singt mein verstörtes Blut. Claudia verharrt vor dem
Flügel, lautlos, sicherlich hat sie die Hände im Schoß gefaltet; der
Maler versinkt klein in einem weiten Sessel, und Frau Eggeling stützt
die Stirn mit einem noch im Dämmern weißen Arm auf das Seitenpolster
des Divans -- da legt, und wir alle erschrecken, der Cellist den Bogen
hart klappend auf das schwarze Notenpult, (empfindet er unser Schweigen
als peinliche Gemachheit?) erhebt sich brüsk und sagt schneidend in die
Stille hinein, während er sein edles Instrument behutsam in die Ecke
lehnt:
»Einer Bourgeoise wegen, nicht wahr? Hat man mich recht unterrichtet,
so ist eine Ehefrau die Ursache +davon+ geworden, eine Hausfrau, ein
sittsames Geschöpf, oder?« Ich wundre mich; auch lehne ich diesen Ton
ab.
»Lieber Sirmisch,« antwortet eine sanfte Stimme langsam und ganz
einfach, »die Mutter zweier Kinder.« Und ich freue mich zunächst
über diese Abwehr. Ich habe, +was+ er sagte, noch nicht aufgenommen,
plötzlich begreife ich's und es schlägt wie eine Kugel durch meine
Brust.
Claudia wendet sich auf ihrem drehbaren Schemel und sieht mich
befremdet an, aus der halbdunklen Tiefe des Zimmers her. Ich verstehe
jetzt wieder einmal alle diese Menschen, die einander gernhaben und
doch eben jetzt kämpfend einander entgegenstreben (und das ist kein
Vergnügen, sondern eine Qual, mit Verlaub): die Mutter, die mit diesem
Worte ihr letztes gesagt zu haben scheint, und, daß Sirmisch sich
damit nicht zufrieden geben kann -- er hat ja erst vor Wochen von dem
Ende des Freundes Kenntnis erhalten und diesen Schuß gleichsam selbst
empfangen, ganz allein in Paris, unverhofft, ohne jede Vorbereitung
-- aber auch Claudias Blick: Schweigen wir nicht? und selbst den
neugierigen Anteil des Malers an Sirmischs erregtem Gesicht; und
weiß doch, hier zwingt es einen Mann zu Worten, und keine Ablenkung
fruchtet. Ich fühle mich sehr unruhig; ich bin zu Untätigkeit gezwungen
und möchte doch, wie er jetzt antwortet, das Tempo seiner Worte dreimal
schneller haben um ganz zu wissen, was vorgeht.
»Ich verstehe, gnädige Frau. Aber ich bin keineswegs der Meinung, ganz
und gar nicht, daß zwei Bürgerkinder das Ende eines solchen Künstlers
rechtfertigen. Mir ist jammervoll zumute ... Das da« -- er schlägt die
Handfläche auf die Notenseite -- »ist ja lange nicht sein Bestes. Wir
haben noch seine Klaviersonaten, seine Lieder, das Quintett; und seine
Entwürfe, die Skizzen, die Sinfonie -- gnädige Frau!« Seine Stimme
zittert beschwörend. Ich erschrecke für ihn: Bürgerkinder ... es geht
mit ihm durch; aber ich lehne es nicht mehr ab ... Um so ruhiger klingt
die Antwort -- und ich weiß, warum ich das bewundere.
»Ich bin kein Musikant, das ist wahr, ich verstehe wenig von Musik, ich
fühle mein Teil dabei, und das ist leider Gottes alles. Aber ich hatte
Saach gern, ich auch, lieber Sirmisch, und ich hörte ihn eben reden
und sah ihn, während ihr musiziertet. Mag sein, ich war nicht ganz
aufmerksam. Trotz alledem: es waren zwei Kinder, es war eine Familie;
und überdies ist ganz gewiß, daß Frau Doktor ... daß diese Dame ihm
nicht im geringsten zugetan war.«
Leider, denke ich, und: dann säße er heute hier anstatt zu faulen; und
mich schüttelt's.
»Aber das ist es ja! Da haben wir's ja! Weswegen klage ich sie an?
Wofür mache ich sie verantwortlich? Doch für ihre Stumpfheit, doch
wegen des Unvermögens ihrer Seele! Sie hätte wissen müssen, wie es
um ihn stand, wenn sie ihn drei Monate lang wöchentlich dreimal sah!
Was brauchte er anders um genial zu werden, reif zu werden, als das
beglückende Anschmiegen dieser Frau? Sehen wir doch klar hin: um
schaffen zu können benötigte er ein erträgliches Dasein, und weil
er zart war, konnte ihm das nur von der Frau gegeben werden, die er
liebte. Mochte das immer irgendeine sein, geliebt aus erstbestem Grunde
-- sie war, sie allein, dazu befähigt, sobald er sie liebte. Davon hat
diese Dame nichts geahnt, wie? Sie hat ihn standhaft abgewiesen, nicht
wahr? Sie war honett, ihrem Männchen treu, die Teilnahme aller Bürger
gebührt ihr, weil sie durch diesen taktlos sterbenden Künstler in den
Mund der Leute kam und der Nachwelt dazu, die sonst von ihr keinesfalls
Notiz genommen hätte ... Sind Sie mir böse, gnädige Frau? Aber ich kann
nicht ausdrücken, wie sehr ich sie verachte, diese zahmen Puten, dieses
Geflügel ohne Hirn und Seele, gackernd und eierlegend -- nein, gnädige
Frau, daß einer wie Oswald Saach um +so eine+ fortgehen mußte ... das
ist ein bißchen widerlich ...«
Welch ein Ausbruch! Ich betrachte Sirmisch mit ungehemmter, etwas
bissiger Neugierde. So sehr liebte er ihn? So nahe ist er dem Toten
gewesen? Oder greift er in eigener Sache an, in der Verteidigung des
Künstlers? Das würde einiges verändern, nicht? Wohl keiner von uns
gibt ihm gänzlich recht, vermutlich sehen alle -- ich gewiß --, an
die verhängnisvolle Tatsachenreihe gewöhnt, mit gerechteren Augen
auf die gescholtene Frau; aber wir wissen auch, hier geht es nicht
um Gerechtigkeit, sondern um Freundschaft; +wenn+ es um Freundschaft
geht. Ich stutze vor diesem Zweifel und finde erbleichend, daß ein
unliebsamer Neid ihn heraustreibt; ich will der einzige sein, der
einen Freund verloren hat; ich schäme mich; zugleich bemerke ich,
wie Frau Eggeling -- ist ihre Überlegenheit nicht staunenswert? --
die Augen gütig auf den Sprecher richtet, ihre mütterlichen Lippen
öffnet, bewegt und dann zum Schweigen schließt -- da geschieht das
Überraschende.
»Von den Toten nur Gutes, meinetwegen; aber das +ertrage+ ich nicht
länger!«
Diese Worte sind eingerahmt von völliger Stille. Wer sprach sie?
Claudia? Kann in ihrer tiefen Mädchenstimme so Auflehnung und
Entrüstung beben? Aber da steht sie schon auf, eilt mit drei heftigen
Schritten zum Fenster und läßt den Vorhang zur Seite fahren, indem sie
ungestüm an der Schnur zerrt. Man sieht sie an, will ich meinen! Tue
ich's etwa nicht? Sie verbirgt sich beim Flügel und löscht mit zornigem
Atem beide Kerzen aus. Ich vermerke ohne viel Wachheit, daß der Saum
ihres Kleides rot und heftig hinter ihr herfährt. Was ist das? frage
ich mich -- +was+ ist das? und meine Frage ist so ratlos, daß sie einem
Erschrecken gleicht -- übrigens ist es wirklich Schreck -- und jede
andere Regung für Sekunden aus meiner Seele drängt: ich stelle mit
Klirren meine halbvolle Tasse hin, die fünfte, die siebente? Ich war
von Anfang an nicht ganz gleichmütig heute Abend ... Aber ehe sie die
Lichter ausblies, habe ich, -- und erst jetzt wird es mir bewußt, -- im
Umdrehen ihr Gesicht erhascht: ihren Mund, in einem dünnen Mondbogen
geschlossen, und ihre Augen, die uns haßten, schwarz mit großen
Pupillen. Ich begreife nichts, ich bin gewiß, niemand begreift. Sie
fängt meinen Blick und antwortet, als wäre er eine Rede:
»Ihr habt ihn ja nicht gekannt, auch du nicht, Walter, ob du's auch
nicht glaubst, aber ich!« und eine besondere Heftigkeit entlädt sich
im letzten Wort. Ihre gute Mutter, unverstehend wie ich, die aber vor
allem empfindet, daß dieser Ausbruch für Sirmisch und Klaus Manth
fremdartig und zuguterletzt peinlich sein muß, hebt ihr schwarz
gestieltes Glas an die Augen und sagt scherzhaft, während sie sie
forschend ansieht:
»Mein sanftes Kind? Sagen Sie doch, armer Walter, wieviel Jahre kannten
Sie Oswald Saach, ehe Sie ihn zu meiner psychologischen Tochter
brachten?« sagt's mit drolliger hilfloser Stimme. Aber noch ehe ich
auf ihren klugen Spaß eingehen kann, was ich verpflichtet bin zu tun,
obwohl mir anderes näher im Sinne liegt, sozusagen, ruft Claudia aus
dem Dunkel:
»Was ist die Zeit dabei? Ein Exponent für die Dauer der Verkenntnis.
Geht mir damit, ja? Es kommen Augenblicke, die ganz gerade in einen
Menschen hineinreißen, mitten hinein in einen Strudel, den Sie in der
Seele erregen. Ich liebe sie nicht, im ganzen; aber diesem hier bin ich
heute fast verpflichtet.«
Ich weiß gut, warum sie dabei einen Blick zu Klaus Manth
hinüberschießt, der sich schweigsam verhalten hat, wie er es am
liebsten tut. Sein rotblonder, von Sommersprossen gelb getupfter Kopf
wird von dem schwarzen Kreuz des Fensters überragt, vor dem ich ihn
sitzen sehe, und durch dessen Scheiben mein ratloser Blick zu dem
nächtlichen Herbsthimmel fliegt. Ablenkung, gestehe ich mir. Und warum
nicht? ich erlaube sie mir nun gerade; ich trotze sie mir ab. Der Mond
steht verschleiert inmitten sehr heller runder Wolkenschollen, die
einander unausgesetzt reiben, drängen und zerstoßen, in beständigem
Fließen. Es ist ohne Widerrede ärgerlich, seine eigene Nervosität
am Himmel wiederzufinden. Etwas Ruhiges gibt es schließlich dort
und beglückt mich, als ich es finde, wie Einatmen kalter Luft: das
schwarze Blau der frühen Nacht trennt streng und feierlich die Ränder
zweier Wolkenfelder; Sterne brennen darin. Der kleine Maler begnügt
sich indessen damit, erstaunt auszusehen. Du bist angeredet, rufe
ich mir zu, entgegne. Antworten: worauf und was? Aber Alexander
Sirmisch überholt meine Erwägungen zu meinem stillen Danke und läßt
mich weiter auf den Wind horchen, der soeben beginnt, weich an die
Scheiben zu stoßen wie ein pelziges Tier. Denn so wunderbar ist mein
Zustand, daß die Gespanntheit meiner Seele sich als eine Art nervöser
Unaufmerksamkeit zu äußern gedenkt. Unterdessen öffnet sich's tief
innen, lauernd, staunend, schwarz und drohend -- ein unheimliches Auge,
das Claudia ansieht.
»Zeit oder nicht, gnädige Frau -- was können wir vorläufig sagen? Wenn
Fräulein Claudia ausgeredet hat, werden wir wissen. Ich warte; und
bitte um eine fernere Tasse, wenn ich darf.« Claudia tritt zu unserm
kleinen Tische. Zwei Minuten höchstens sind es her, daß sie einem
befremdlichen Gefühl nachgegeben hat, einer vielleicht ihr selbst
unerklärlichen Leidenschaft -- und jetzt schon, in diesem Augenblicke,
der ihr die zartbunte Teekanne in die Hand gibt, bedauert sie unsäglich
ihre Aufwallung. Ich sehe ihre Brauen verstört zucken, ich fühle in mir
die Pein der Bereuenden und höre die inbrünstige Hoffnung des Rückzuges
hinter diesen sehr abweisenden Worten, die sie ins Klirren des Gerätes
hineinsagt:
»Ich habe nichts mehr zu reden.« -- Es ist für meine Ohren ein
feines liebliches Geräusch, dieses Singen silberner Löffel auf
zartem Porzellan, aber ich habe keine Zeit dafür. Ich bin gezwungen,
unausgesetzt an das zu denken, was sie verschweigen will. Nicht weil es
um Oswald geht. Ich muß wissen, was dieses Mädchen so heftig erregt.
Dieses erregte Mädchen kenne ich nicht; und wie es scheint, habe ich
etliche Gründe, es kennen zu müssen. Der Dichter sieht sie nicht
an; er betrachtet unhöflich, wie der dampfend goldene Teestrahl die
weiße Höhle seiner hingereichten dünnen Tasse füllt, und sieht sehr
abwesend und nicht gerade geistvoll drein; dann sagt er mit sachlich
beherrschter Kälte, während er das Getränk durchwühlt, um den Zucker
zu lösen und sich -- irre ich nicht? -- Mühe gibt, den kleinen Finger
dabei nicht abzuspreizen:
»Verzeihung, Fräulein Claudia, wenn mir das nicht genügt. Sie werden
nicht umhin können, uns von Ihrer Kenntnis mitzuteilen. Sie haben
sich allzu weit vorgewagt; ein solcher Rückzug ist nicht angängig.«
Und dann bläst er auf die heiße Flüssigkeit mit lächerlich gespitztem
Munde. Wie er sie ausgekundschaftet hat! Er setzt seine Worte gemessen
feindselig; spräche er mit einem Manne, so wäre das nächste Ereignis
eine Forderung, ein Duell junger Herren; und ich lächele still über die
imaginäre Komik eines Einfalls, als müsse ich mit ihr beleidigt und ihr
Beschützer sein ... dies gibt den Grund dafür, daß er mir soeben winzig
und belustigend vorkommt. Aber zugleich gebe ich ihm recht. Hatte sie
sich nicht in einen Angriff jagen lassen, aus dem man nur nach vorwärts
flüchten konnte? Jagen lassen -- wovon? Ich vermag mir kein Bild mehr
von ihrer Seele zu machen, die ich doch so lange als eine geliebte
Landschaft besonnt und blumig gesehen habe ... Finden sich da -- ich
frage nicht sehr kalt, meiner Treu -- Abgründe, Dickichte und schwarze
Wälder, in denen es sich schlängelt und ballt, und daraus eines
Augenblicks solche Überraschungen hervorbrechen?
»Erlaßt ihr mirs nicht? Erlaßt mir es doch!« Sie bittet und senkt die
Stimme; »es ist so wenig erfreulich, und ich bedaure so sehr ...« Sie
blickt mich an, dessen Herz schmerzhaft süß ihr entgegendrängt, dann
die anderen, läßt zuletzt die schwarz fordernden Blicke auf Sirmischs
Gesicht ruhen; und ich nicke und gewähre. Wie, ich? Gibt's einen
hier, der dringlicher auf ihrer Erzählung bestehen sollte, als ich?
Einen, der ebenso atemlos auf die Offenbarung ihres aufgewirbelten
Wesens wartet? Keinen; und dennoch verzichte ich. Das ist eine fast
physiologische Antwort auf ihre Art zu bitten, auf Blick und Ton --
mein Herz übertölpelt mich, und mein Geist läßt es zu. Er kann es
ohne Scheu, denn es kommt nicht auf mich an. Aller Reiz und wieviel
Liebenswertes geht von diesem schönen Mädchen aus -- dennoch bewegt ihr
Gegner langsam verneinend den Kopf. Er sagt sanft, mit der peinlichen
Sanftmut des sicheren Mannes:
»Nein, Claudia, es geht nicht. Um meinetwillen? Was könnte ich
verweigern, wenn Sie so bitten ... aber ich sitze hier nicht in eigner
Sache.«
Sehr geschickt, und geschmackvoll gesagt ... Sie hat ein lebhaftes
Gefühl für seelische Verpflichtung, diese junge Dame, und wird nicht
zögern, sich zu rechtfertigen. Ich werde also hören und setze mich
zurecht.
Nun, da ich sicher bin, sogleich alles zu wissen, bricht die Spannung
und eine tiefe Ruhe breitet sich durch mich. Ich bedaure Claudia; aber
wenn sie gesprochen haben wird, werde ich sie noch inniger lieben. (Ich
werde doch hoffentlich?)
Sie weicht langsam, ihr Widerstreben beugt sich besiegt; sie neigt
das Haupt, ihre Brauen zucken zweimal -- dann tritt sie wortlos nach
hinten, aus dem Lichtkreis der Lampe, und indem sie uns alle noch
einmal anblickt, ihre Mutter an die Polster der Sofalehne geschmiegt,
Sirmisch aufgerichtet neben dem Tische, den Maler, der in seinem Sessel
verschwindet, zuletzt mich, dessen gesenktes Gesicht das Licht erhellen
mag, grell hervorquellend unter dem grünen Seidenschirm, mahnt sie noch:
»Aber seht nicht auf mich, irgendwohin,« und beginnt darauf, mit nur
halb verwendeter Stimme, während sie hinten im Raume, an uns vorüber
einen fernen Blick haften läßt, der mir nicht schmerzfrei scheint: »Er
hörte sehr bald auf, mein Lehrer zu sein, und was sich Menschliches
zwischen uns ergab, außerhalb des Unterrichts, war mir immer sonderbar.
Freundschaft? Ach nein. Er war anziehend, aber mein Freund? Eruptive
Menschen wie er, die in beständigem Pathos leben, sind für mich nichts;
ich fürchte den Ausbruch, und dem war Oswald Saach stets nahe. Er wußte
das. Er war bewußten Geistes so, daß er hinter her stets merkte und auf
eine peinliche Art auch aussprach, wenn er Unangebrachtes getan hatte
und wie er's hätte vermeiden sollen; hinterdrein, ohne Verpflichtung
für das nächste Mal. Es haftete einfach auf immer an ihm, daß er von
unten gekommen war.«
Ich nickte still. Ich hatte vergessen (während meine Seele gierig
harrte, daß Claudia, meine Braut, sich mir neu, unverhofft darbieten
sollte), wovon die Rede war: von meinem Freund. Nun sinke ich in tiefes
Sinnen: da ist er. Ich sehe ihn auf halbgeschlossenen Lidern wie ein
Bild: Fäuste, die durch die Luft auf unsichtbare Gegner fallen, graue
Augen, weit offen vor Glanz, eigentümlich hell in der Röte bräunlicher
Wangen und unter stets kurzen blonden Haaren, und mitten aus dem
Gesicht aufsteigend, von vulkanisch sich werfenden Lippen, der Schwall
der Worte, begeistert, empört, befehlend -- immer glühend und gleichsam
emporbrechend aus einem Erdinnern. So tobt er vor mir auf und ab,
dieser Gütige, der stets entbrannt war und sich so bald verzehrt hatte
... Unterdes höre ich Claudia:
»Ich liebte ihn nicht sehr, willkürlich und salopp wie er umherging,
innerlich wie außen. Aber ich gab mir nach den ersten Stunden zu,
daß er bedeutend und berechtigt war, im Pathos zu leben. Nun, er
wußte bald, daß ich das Große in vielen Formen schätzen konnte, und
außerdem verliebte er sich in mich.« -- In mir klappt etwas zu: eine
Falle, die mit eisernen Zähnen diese Worte festhält. Ich sitze starr;
mir ist als fiele ich rapid und senkrecht ins Grundlose. Warum haben
sie davon zu mir geschwiegen? warum lächelt sie jetzt nicht? --
»Nicht lange, nicht ernsthaft,« höre ich aus einer summenden Ferne,
»ich brauchte nicht davon Notiz zu nehmen; ich dachte, daß solchen
jungen Leuten derartiges unvermeidlich sei, wenn sie zum erstenmal zu
gepflegten jungen Damen kommen. Nach unseren Stunden gingen wir oft
in der alten Allee auf und ab, damals im späten Herbst, in dem ich
meinen Garten so sehr liebe, und er fuhr mit den langen Füßen in die
braunen Kastanienblätter, daß es zischte -- und die Augen immer am
Boden oder bei den großen goldenweißen Wolken im Blauen hinter den
geleerten Wipfelnetzen, sprach er von sich, immer von sich. Daß man
einen Menschen seiner Art nicht lieben +könne+, daß man ihn als Zugabe
hinnehme zu seinen Händen und seinem Musikerhirn, daß er sich nach
nichts so sehne, als einfach geliebt zu werden, wo er selbst liebe, ja,
daß er um diesen Preis mit jedem wohlangezogenen Dummkopf zu tauschen
bereit sei, und im Überschwung der Dankbarkeit sein ganzes Talent nebst
seiner verfluchten und anrüchigen Person gegen gutes Im-Sattel-Sitzen
und leidliches Tanzen hingeben könnte. Ich sagte dann irgendein
Scherzwort, etwa über meinen Zweifel an seiner Willigkeit zu tauschen,
und er lachte mit; aber meine Abneigung gegen all das übertriebene,
schamlose und doch unechte Gerede ward dadurch nicht gemildert. Und
nur von diesem Menschen lernte ich die Apassionata spielen, nur er
ließ mich solche Sonaten +erleben+, nur er schuf sie gleichsam noch
einmal und erleichterte mir, sie nachzuschaffen, nur er hatte beides,
den glühenden Anlauf +und+ die vollendete Einsicht: und wenn er gar
einmal zu phantasieren begann, so hörte ich, ja ich +hörte+ die
brennende Sehnsucht, die leidvolle Größe dieser zwiespältigen Seele,
gemischt aus Feinheit und Plumpheit, aus Adel und Miseren. In einer
dieser Dämmerungen entstand vor meiner hingerissenen Seele die Urform,
die starke und noch wirre Grundweise dieser ›Sonate in tiefer Lage‹.
Damals erkannte ich ihn so tief, daß ich mir zugab: es mag trotz allem
sehr schön sein, von ihm geliebt zu werden -- es kann vielleicht, für
gewisse Menschen, noch schöner sein, ihn zu lieben ...«
Sie hält inne, nicht lange, atmet tief und fragt mit ganz anderem Ton
kalt, zu kalt:
»Habt ihr noch nicht genug davon?«
Niemand antwortete, sie sind alle »im Bann«, wie man zu sagen pflegt;
dunkel bewegt von dem, was nun ausgesprochen werden soll. Ich nehme
an, daß ich einen untadeligen Anblick biete. Ich sitze still und
aufmerksam da, allzu steif vielleicht; akademisch, wie man das nennt.
Klaus Manth räuspert sich; die Augen der beiden anderen verlassen
nicht den beleuchteten Tisch; es ist erschreckend still. Ich versuche
aus der raumlosen Ferne, in die ich geworfen bin, durch die Helle,
hinter der ich sitze, nach jener Dunkelheit zu blicken, in der ein
roter Schein und zwei lichte Flecke Claudias Dasein anzeigen: Gewand,
Gesicht und die Hände. Ich zittere, ja. Es ist mir unmöglich, meinem
Rücken, den Knieen und Händen das infame Vibrieren zu verbieten. Ich
bin nicht unbeträchtlich erregt, ich fürchte mich vor den nächsten
Minuten ... klang ihre Stimme -- ihre Mutter kennt sie nicht besser
als ich -- nicht tiefer und innerlichst bewegt, als täte sie sich
Gewalt an, Härte und Bitterkeit daraus zu bannen? Dann hatte sie ihre
Absicht schlecht gestaltet; ich habe es gehört ... Ich kann mich
irren, selbstverständlich. Ich bin imstande, das zu wünschen. Aber
vielleicht hat sie ihn dennoch geliebt, trotz aller Zergliederung,
die von hinterdrein stammen kann. Dies ist möglich; geliebt auch nur
für die halbe Stunde, als er das Gesicht und die Hände von den Tasten
hob, an einem dunkelblauen Herbstabende? Dann mag Zorn, Erregung und
Ausbruch einfach erzwungen sein von Erinnerung nach dieser Musik: denn
es gibt Liebe, die nur Stunden währt -- und einiges Rätselhafte wäre
gedeutet. Gleichgültiges wäre gedeutet. Und warum gerate ich denn außer
mir? Wegen etlicher empörter Worte? Wegen einer halben Stunde Liebe? Du
guter Gott -- ich bin nicht einfachen Geistes genug, um zu fordern, daß
eine solche Frau ihr erstes Fühlen aufbewahre, bis ich gelegen komme,
es zu empfangen. Nein, sondern: daß sie es bis heute verschwiegen hat,
und daß ich selbst stumpf und taub einhergegangen bin, ohne dergleichen
zu ahnen: das ist's! Ich habe gut mir Ruhe predigen und: warte ab! und:
du hörst es gleich -- ich fürchte mich; ich fürchte mich ...
»Habt ihr noch immer nicht genug davon? -- An jenem selben Abende,
weil er fühlte, wie wir uns heute näher waren als je (vielleicht hatte
er's meinen Augen angesehen), teilte mir der Unbegreifliche etwas mit,
ein seelisches Faktum, ein kleines Erlebnis, offenbarte mir's als wäre
seine Seele taub. Er war eine winzige Sache, ein Vorgang mit einem
blonden Mädel und einem fallenden Stern. Wie war's doch nur,« sagt sie
halblaut und hält an, nicht wie einer, der sich auf etwas besinnt,
sondern wie um die knappste Anordnung zu finden, die schlagendste Form,
die unsere Neugier und Teilnahme gleichsam mit einem Wurfe erledigt
-- denn trotz jener Frage und allen Anteils erzählt sie zweifellos
mit Lust am dargestellten Ereignis, mit langsamer, zögernder Wortzahl
und ohne Schonung, in unpersönlichem Drang, die Tatsache ganz in uns
zu beleben; und wie ich dies erwäge, finde ich es geeignet, mich sehr
zu trösten -- »ja, ungefähr auf diese Art: er kannte vor einiger Zeit
hier in der Stadt ein wunderhübsches Mädel, eine Hamburgerin, schlank
und grauäugig, von der er mit Rührung und Zärtlichkeit sprach, kein
Licht, aber eine holde Seele. Sie hatte ihn von Herzen gern, sagte
er, und hing an ihm mit aller Glut, deren sie fähig war, nicht um
seiner Kunst willen, denn davon verstand sie nichts, auch nicht des
Ruhmes wegen, denn er war damals noch ganz ungekannt, sondern um
des Menschen willen; und er hatte für sie die ganze beunruhigende
Zärtlichkeit eines Ungeliebten für das Lichte, Einfache, Liebliche. Er
machte sie zu seiner Geliebten, diese Tochter eines kleinen Beamten
und nichts als Gouvernante, er hatte ihre strengen und sittsamen
Grundsätze endlich über den Haufen geredet, ihre Neugierde endlich
durch die Fremdartigkeit seiner Zigeunerwelt geweckt und ihre Sinne
durch seine Küsse und Kühnheiten; und weil sie demütig sein mit Wucht
entfaltetes Anderssein als Bessersein empfand, weil sie selber arm und
vereinsamt war, und weil die unbedingte Herrschaft über ihn und seine
Liebkosung sie beglückte, gab sie ihm endlich nach, mit schüchterner
Glut und einer stets keuschen, stets anmutigen Hingabe. Wundert ihr
euch, daß ich unterrichtet bin? Ich habe manchmal an sie gedacht, und
er gab mir die Mittel dazu: sagte mir ihre Worte, erzählte ihre Listen
sich freizumachen und die kleinen Gebärden ihrer Liebe -- er lieferte
mir das Mädchen aus, vollständig, und betrunken von der holdesten
Erinnerung.«
Auch ich erinnere mich, ich habe sie gekannt, gut gekannt. Nicht wahr,
zu Zeiten ist ein solches Sich-Erinnern nützlich, das Hervorholen
gegenständlicher Vorstellungen ein kleines Glück ... Wie manchen Abend
habe ich bei den beiden verbracht und mich von Lisbeth verwöhnen
lassen, in Oswalds großem Zimmer, von dessen kahlen Mauern Beethovens
Maske über ein gemietetes Klavier einsiedlerisch hinwegblickte ...
Wie hieß sie? Lisbeth -- weiter fällt mir nichts ein ... Sie hatte
das sanfteste Lächeln ... Ich sehe die Geste, mit der sie mir die
geschälte Birne auf der Spitze des Messers bietet, über den Tisch
hinüber ... Sie schälte Früchte, ohne die Haut zu zerreißen, und
warf das lange Band scherzhaft orakelnd hinter sich ... Ah, Ohlsen
heißt sie, Lisbeth Ohlsen: einmal formte sich ein ungefähres O aus
der gelblichgrünen Fruchthaut, und Oswald lachte bei ihrem Jubel:
das ist dein O, nicht meins. -- Und dies alles hat Claudia an sich
herankommen lassen? Wo bleibt ihr Widerwille gegen deutliches Wissen
um solche Beziehungen? Mit welcher Miene mag sie ihm zugehört haben?
Und sie hatte nicht Schweigen geboten! Ruhig, mein Herz! Meine Hände
zittern immer noch ... Bin ich denn vom Tee vergiftet? »Eines Tages
kamen die Ferien ihrer Zöglinge, und das Mädchen fuhr heim, zu ihren
alten Eltern, zu Eisenbahnsekretärs Ohlsen in Hamburg; und als sie
wiederkam, ergab sich unwiderleglich, daß ihre Briefe ihn mit Grund
beunruhigt hatten. Sie hatte sich von ihm befreit. Ja, sie hatte in
der strengen und anständigen Luft der elterlichen Wohnung die Kraft
gefunden, sich zu besinnen, und ihre Lebensart mit ihm zu verwerfen;
sie hatte erkannt (ohne ihm Vorwürfe zu machen und ohne ihn einen
Augenblick weniger zu lieben) wohin er sie geführt hatte -- auf einen
Boden, zu schwankend für ihre festen Schritte; sie hatte unter argen
Qualen gesehen, daß sie in ein ehrenfestes, solides, der Pflicht und
den Sitten unterworfenes Reich gehöre, und nicht in die von sogenanntem
Eigenleben durchschwärmte Luft der Künstler und Komödianten. Urteilt,
wie verwirrt, unbegreifend, schreckensstarr er vor dieser Umkehr stehen
mußte, wie er vor Zorn und Trauer wütete, wie er grimmig schalt und,
als sie weinend bat, ihr's nicht zu erschweren, höhnisch lachte.«
Ich sehe Sirmisch an, Frau Eggeling -- sie hören allzueifrig, niemand
achtet meiner, und das ist ein Glück. Ich wische mir den Schweiß von
der Stirn, unbemerkt ... Ich muß sehr blaß aussehen ... Wie oft, wie
unausgesetzt hat Claudia über alles das nachgedacht!
»Begreift ihr, daß er nicht von ihr ließ, daß er sie nicht einfach
gehen ließ, in Anständigkeit hinein in ihren Frieden? Oh, er wußte
ja, wo er sie zu fassen hatte, um der Geliebten wehzutun! Er hatte
ja in ihrer Seele an Erinnerungen und Zärtlichkeiten, Sehnsucht und
Liebesschmerz ebensoviele Bundesgenossen, er kannte sein Mädchen ja
so völlig -- hatte sie ihm doch vor dem Leibe ihr ganzes einfaches
Herz gegeben ... Sie schrieb ihm Briefe, ich habe sie gelesen, gewiß,
er hat sie mir zum Lesen gebracht, er nannte das Vertrauen,« -- und
sie nickt mehrmals, schwer beschuldigend -- »in denen sie ihm rührend
tapfer auch Freundschaft abschlug, auch Kameradschaft, weil sie ihrer
nicht sicher war; und aus denen doch allzubald erhellte, daß sie es
sich noch nicht begreiflich machen konnte, wie man ohne ihn leben
sollte ... Aber der Kampf begann im letzten Ernste erst hier, in dieser
gefährlichen und versucherischen Stadt, wohin sie die Verpflichtung
und der Zwang der Dinge zurückführten. Sie weigerte ihm jeden Kuß,
jede Liebkosung, ja, eigentlich auch das Wiedersehn. ›Sie dachte, sie
könnte mir so entwischen, einfach wie einem Jungen,‹ sagte er und
lachte; denn er konnte ein Zusammensein erzwingen, da er mit allen
ihren Gewohnheiten und Pflichten vertraut war -- und das tat er: und
als sie seine Verzweiflung sah, vermochte sie nicht, es zum Äußersten
kommen zu lassen. So ging sie neben ihm auf einsamen Wegen des Großen
Gartens; und oft hat sich mir während seiner Erzählungen die Einbildung
aufgeprägt, als geschähe das alles vor mir, als wäre ich unsichtbar
anwesend und wüßte: der Abend zwischen den Baumreihen und in den
kleinen Gehölzen hallt wider von der unbedacht lauten Leidenschaft
seiner Anklagen, Beschwörungen und Bitten, der warme Wind trägt wehend
ihre sanfte Stimme, mit der sie abwehrt, verteidigt und ihre Liebe
verleugnet, und er trinkt und trocknet vielleicht die Tränen beider.
Denn daß sie ihn weiter liebte, trotz allem, sehr entsagend und sehr
sehnsüchtig, das war bald gewiß; auch, daß sie im entferntesten nicht
eine Heirat erpressen wollte, wie er erst argwöhnend angenommen hatte.
Eine Ehe ohne Mittel, mit einem ganz unbekannten Maler -- denn das
alles begab sich zur Zeit, da er noch ganz im Dunkeln saß, noch gar
keinen Schatten warf, sich schwer und spärlich ernährte -- sie war
viel zu vernünftig, nicht alle Schrecken darin zu sehen, wenn sie
auch vielleicht anfangs davon geträumt hatte; war sie doch auch nur
ein Mädchen und jung. Und wenn er auch kein Ende fand des bitteren
und höhnischen Staunens darüber, daß die Vergangenheit über eine Frau
keine Gewalt habe, und vorhanden sein könne wie ein gleichgültiges
Ding, das die Seele nicht verpflichtete, wo doch ein Mann nicht
aufrechtstehen könnte unter solcher Last des Erinnerns -- sie hat, wie
die Folge zeigte, die niederziehende Kraft des Erlebthabens dennoch
stets gespürt, und die Stärke, mit der die Tapfere dem Knäuel von
Versuchung, Vergangenheit, Sinnlichkeit und Liebe widerstand, schien
mir bewundernswert -- und scheint mir heute noch bewundernswert.«
Welchen Nachdruck ihre letzten Worte erhalten, dadurch, daß sie nach
ihnen schweigt, innehält, ich weiß nicht warum, und nach ihrem Haar
langt, als hätten sich dort Nadeln gelockert ... In mir, -- gebe
ich mich wieder einmal zu viel mit mir ab? -- ist diese ganze Weile
erfüllt von ätzend hellen jagenden Vorstellungen: sie taumeln kalt,
mir schwindelt. Wie unmöglich ist das alles: zu verstehen, daß Claudia
Eggeling sich verbündet und eins weiß mit Lisbeth Ohlsen: ich versage
vor dieser Aufgabe. Claudias Scheu vor jeder eindringenden Wirklichkeit
-- und dieses Mädchen, das sich ohne Ehe hingibt! Auf nur eine Weise
kann sie zu Oswald Saachs Geliebten einen Zugang finden: und so albern
bin ich, daß mir vor diesem Wissen schaudert. Erkläre, daß sie bisher
davon geschwiegen hat; zweierlei steht zur Wahl: das Verdrängen einer
Bagatelle? oder einer Seelensache! Wähle, mein Sohn. Schwer, nicht
wahr? Oh ja. -- Wenn Sirmisch nicht von den Tatsachen gefangen ist ...
(sind sie ihm neu? Laß sehen: ja, woher sollte er sie wissen? er kannte
Oswald damals nicht) vielleicht ist Claudia vor ihm noch nicht verraten
... Und wüßte ich nur, wohin sie damit will! Vielleicht ist diese ganze
Qual verfrüht, sinnlos! vielleicht erklärt das Ende alles ... und Ruhe,
Ruhe; Herrschaft, Haltung, wenn ich dich bitten darf ... Du darfst gut
bitten, mein Alter.
Da beginnt sie wieder, und ich erstaune; sie setzt mehrfach an,
schluckt, verbessert sich: ihre Stimme hat etwas wie Schwingen
verloren, und vorher hat sie sich niemals um Worte mühen müssen. »Ich
habe das Wichtigste vergessen -- warum zwingt ihr mich auch, eine alte
Historie heraufzuholen! Wißt ihr, erinnerst du dich, Walter, daß Oswald
Saach sich in gewissem Sinne abhängig fühlte von unbekannten Gewalten?
... Habt ihr je bemerkt, daß er, einfach heraus, abergläubisch war?«
Ich muß kurz lachen, Heiterkeit überrascht mich. Wie an einer Schnur
von Gummi schnellt sie mich heute durch alle Gefühle, auf und ab
... Sie findet Oswald abergläubisch? Aber Claudia verachtet den
Aberglauben ... Und was soll das jetzt, und hier? In mir atmet etwas
auf: Unseresgleichen kann nicht den lieben, an dem er Verächtliches
sieht, unseresgleichen, die wir liebend dem Sehnen nach Vollkommenheit
folgen, das andere zu Heiligen macht oder zu Künstlern. Da meldet sich
Frau Eggeling, zum ersten Male. Während die Tochter sprach, hat sie das
rückwärts gelehnte Haupt im Dunkeln die Zimmerdecke betrachtet; jetzt
führt sie mit einer sinnlosen Bewegung, denn es gibt oben nichts zu
prüfen, das schwarzgestielte Glas an die Augen, um es sofort wieder in
seine Kette von braunen Holzperlen fallen zu lassen und sagt, ohne sich
sonst zu rühren:
»Abergläubisch? Liebes Kind, du fantasierst ...« mit einer Stimme, die
sie schweben läßt. Sirmisch sieht sie spähend an: »Erklären Sie doch
das Wort, bitte.«
Claudia dreht ungeduldig den Kopf hin und her (quälen sie dich,
Liebling? Einen Augenblick ertrinkt mein Herz in brennendem Erbarmen).
»Ihr dürft glauben, daß ich nicht meine, er weigere sich am Freitag
zu reisen, ein Haus Nummer sieben zu beziehen, zu dreizehn bei Tische
zu sitzen; oder daß er den bösen Blick gefürchtet habe. Sondern für
ihn bewegten sich um Seele, Schicksal, Innen und Außen des Menschen
und seiner Geschicke wie eine dunkle Flüssigkeit dumpfe Gefühle,
Ahnungen, unnahbare Einflüsse gestaltloser Mächte; und er hat mir oft
entgegnet, daß er durchaus nicht gelaunt oder fähig sei, all das durch
Betrachtung zu erhellen und durch Denken zu reinigen. Seit er nicht
mehr an die Hölle glaube, mit der die Kirche seine Jugendjahre verstört
und verängstigt hatte, und die Dreieinigkeit nebst allen Heiligen ihm
gleichgültig geworden sei, seien diese Gefühle sein einziger Glaube,
und er danke für sogenannte Philosophie und allen Skeptizismus und
wolle ein Musiker bleiben.«
»Das ist mir noch nicht klar,« sagt unvermutet Klaus Manth von seinem
Sessel her. Er hat sich aufgerichtet und sieht sehr aufmerksam aus; mir
aber in meiner eben gewonnenen Leichtigkeit des Herzens ist das feine
Singen der metallenen Federn in seinem Sessel unendlich fesselnder als
alle Einwürfe: sie nennt ihn abergläubisch! Sie, Claudia, die hell und
scharf zu denken gewohnt ist, ja diese Helligkeit nach Art der Frau
überschätzt -- hat sie sie doch eben erst gewonnen; -- und sie nun
von jedem fordert, den sie anerkennen soll! Wie selig, wie übermütig,
wie glücklich macht diese drollige Ursache -- sie kitzelt mich süß
in der Brust, ich möchte ganz laut lachen und höre nur mühsam, was
Sirmisch fragt: »War Saach denn ein mystischer Mensch?« Mag sie dem
Freunde vorwerfen, was sie wolle ... je ungerechter sie ihn schilt,
um so froher darf ich sein. Ich glaube ja kein Wort von Oswalds
»Aberglauben« ...
»Abergläubisch war er, weiter nichts! Mystiker! Ich habe ihm das Ganze
damals analysiert und ausgesprochen, denn wir waren in dauernder
Zwietracht darüber -- wissen Sie, was Sie tun? fragte ich, und ich
war vielleicht sehr ungeduldig dabei -- am Ende und im Grunde suchen
Sie nichts als Zeichen, um sich Mut zu machen, Symbole, die Ihnen
Gefühle und Wünsche, Befürchtungen, Abneigungen und Handlungen stärken
sollen, rechtfertigen, ausdrücken, glaublicher machen; Sie suchen
Prophezeiungen. Er war erheiternd überrascht, verwirrt, er war darauf
nie verfallen; er leugnete: aber er fuhr fort, und ich hörte nicht auf,
darüber zu spotten, nach dem Dilettanten von Bayreuth alles öffentliche
Unheil den Juden zuzumessen, die ihm gar gefährlich schienen, und
alles private einem Rothaarigen, Buckligen oder Einäugigen, der ihm
etwa begegnet war; er gelobte weiter -- für sich, nicht bei einem
Heiligen -- bestimmten Bettlern Almosen zu geben, damit eine Arbeit
glücke, schrieb den guten Ausgang dem Gelübde zu und hielt peinlich
auf Erfüllung; er befragte das Los, das er sich mit Karten oder auf
sonstige Art orakelnd warf -- ob er je zu einer Wahrsagerin schlich,
weiß ich nicht, doch scheint es mir sehr möglich -- und so glaubte er
mit besonderer Neigung an die wunscherfüllende Magie fallender Sterne.«
Sie hat es erreicht, mich nachdenklich zu machen; nebenbei aber ist
sie mir ganz rätselhaft geworden. Verwirrung umdrängt mich wie ein
gläsernes Netz; nur durch eine äußerste Anstrengung gelingt es mir,
innen kalt und still zu bleiben und nicht angstvoll und atemlos um
mich kämpfend die Herrschaft zu verlieren über diese furchtbare und
wichtige Materie. Wie klar und spottvoll spricht sie das! Ich habe
Oswalds Neigung, mit der Zukunft ratend zu spielen, immer als harmlos
belächelt; sieht sie schärfer? Ja. Warum? Sie kann als Schülerin
einfach ihren Lehrer ausgespäht haben; oder ihre Worte können gehässig
sein aus Abneigung gegen die Schwäche, die sein menschliches Bild trübt
-- und (jäh befällt mich neuer Schrecken) wiederum aus Neigung für
ihn, den sie gerne makellos sähe ... Ja, ich bin ins Netz geraten und
gefangen außerhalb der Zeit. Ich altere in diesem Netz; durch seine
Maschen stürzt das innere Geschehen als Katarakt, zehnmal schneller
als es sonst rieselt. Mir ist, Claudia habe vor zwei Stunden ihre
ersten Worte gesprochen.
»Sind Sie ein Aufklärer?« äußert Klaus Manth, und Sirmisch prüft
langsam: »Machen Sie Undurchsichtiges nicht allzu leicht hell? Sie
leugnen das Dunkle durch Ihre viel zu einfache Klärung. Ich finde, das
alles wurzelt tiefer und vielfältiger in der Seele ...«
»Ich hasse das Trübe. Ich weigere mich, solange bekannte Größen
ausreichen um die Aufgabe zu lösen, Unbekannte einzusetzen -- das ist
alles. Es scheint mir nicht gewissenhaft, alle Rechenschaft der Zahl x
aufzubürden, die den Beruf hat, Auskünfte zu verweigern. Genug, genug:
Saach war abergläubisch, wie ich's erläutert habe: und übrigens hat
Walter Rohme noch mit keinem Worte widersprochen. Fühle dich nur nicht
veranlaßt, jetzt noch zu fechten ...«
Ich hebe schweigend die Achseln. Ich besinne mich, ob mir ein
solcher Zustand fiebernder Erregtheit dieses Mädchens jemals
vorstellbar gewesen. Wo bleibt ihre kühle Stimme, ihre schweigsame
Entschiedenheit, ihr abwehrender Spott? Ich versinke immer tiefer in
ein Staunen, das eisig zittern macht. Sie aber atmet auf wie von einer
Bürde befreit und ruft: »Endlich ist man soweit, endlich! Nun hört
noch den Schluß, und dann nur noch Musik: an einem der Tage, an denen
Lisbeth gegen Abend frei von Pflichten ist, holt er sie ab, und bald
sind sie im Großen Garten; denn sie hat Kopfweh und hält außerdem die
Weigerung, sein Zimmer auch nur flüchtig zu betreten, streng aufrecht,
während er doch geglaubt hatte, seine lebendige Gegenwart werde alles
umwerfen, was ihre Briefe sich vorgenommen hatten. Ich sehe sie, ja
ich sehe sie unaussprechlich deutlich vor meinen geschlossenen Augen,
als wär' ich je und je bei ihnen gewesen: sie gehen im Dämmern und
bald im Dunkeln durch laubige Wege, über denen der Himmel immer tiefer
blaut, den die ersten Sterne durchdringen wollen; Oswald Saach hat wie
stets den breiten Hut unordentlich auf die Haare gedrückt, und der
leichte Wind faltet im Gehen seinen graugrünen Wetterkragen und macht
ihn flattern. Lisbeths Anzug ist ganz weiß, ihr großer Hut aus hellem
Stroh wird vom Winde gebogen. Ganz zart und hilflos wirkt sie an der
Seite des Trotzigen, Aufgeregten, Faltenumflatterten; und doch ist sie
die Stärkere. Ihre Gesichter sind beide bleich, sie sehen einander
nicht an; sie sind glücklich unglücklich, froh des Beieinander, des
Tons der geliebten Stimme, des Schimmers ihrer Augen und der Berührung
ihrer Hände, die er in einem fort ergreift, um sie immer von neuem
wegzuschleudern -- aber schmerzvoll durchpulst von der Fremdheit, die
sie in sich entdeckt haben, erschüttert von der Ungemeinsamkeit, die
sich ihrer bemächtigt hat, und von der Unmöglichkeit, sich zu lieben
wie einst und sich nicht mehr, jetzt schon nicht mehr zu lieben wie
sie es erzwingen will. Ihm werfen Schmerz und Unglaube Sprungbäche
von Worten aus dem Munde; bittere, drohende, anklagende und verwirrte
Reden überwältigen ihn, die schneidende Verzweiflung macht ihn toll.
Sie weint lautlos, das Taschentuch, das sie an die Augen führt, ist
kaum weißer als ihr Gesicht. Das Leid des Geliebten und ihr eigenes
läßt sie weinen; sie hat kaum Bitten, keine Abwehr, nur Tränen. Er ist
noch immer nicht im mindesten bereit, den ruhigen und reinen Gefühlen
nachzugeben, um die sie ihn seit Wochen bittet; er hat noch immer
keinen anderen Gedanken als den Kampf, ihre Unterwerfung, Rückkehr und
Bekenntnis zur Vergangenheit. Jetzt ist er erschöpft, er schweigt und
schreitet neben ihr hin, ohne sie zu berühren. Sie ist bemüht, das
Haar zu ordnen, das sich im Weinen gelöst hat, Strähnen hängen ihr
ins Gesicht, Nadeln sind verloren worden. Sie gehen den See entlang.
Er muß in dieser Stunde der eben stark gewordenen Nacht ganz dunkel
daliegen, ohne gewisse Farbe aber ganz dunkel, da und dort von feinen
Schimmern zitternd und von unsichtbaren Vögeln oder einem jagenden
Fisch aufgeregt. Es ist sehr still, kaum daß eine Ente schreit oder
ein stöberndes Tier die Sträucher erschüttert, nicht einmal ein Wind
zischt in den Wipfeln, und ziemlich tief hängt der nicht mehr halbe
Mond. Da, in diesem Augenblick des stummen inbrünstigen Kampfes zweier
Liebenden, löst sich ein Stern aus dem reinen Schwarz, gleitet langsam
in einer lichten Linie abwärts und erlischt in der Luft, plötzlich,
ohne Laut, in einfacher Schönheit. Der Musiker gewahrt ihn sogleich,
und ohne Zögern wird in ihm ein Wort gesprochen, ganz stumm und ganz
deutlich, ohne daß er auch nur die Zunge rührte; ein Wort, das einen
brennenden Wunsch bedeutet, zu dessen Erfüllung der fallende Stern
ein gnädiges Wahrzeichen sei -- und wie heißt die allgegenwärtige
Begier des Mannes, der soeben dagegen kämpft, daß ihm der erste Mensch
entgleitet, der ihn um seiner selbst willen liebt? +Ruhm!+ rief es in
Oswald Saach.«
Ruhm! sie wirft das Wort wie einen Speer über unsere Köpfe hin, fast
mit einer Geste, und schweigt, schweigt als habe es getroffen und alles
sei zu Ende. Ich habe dabei einen knappen Ruck in mir gespürt, ich
leugne nicht, und Alexander Sirmisch hat sich sogar von seinem Sessel
erhoben, ist plötzlich aufgestanden, sieht zu ihr hinüber und beginnt,
zu leisem Klirren des Teetisches auf dem Teppich hin und her zu gehen.
Man spricht nicht; jeder formt und vervollständigt wohl das Gehörte
zu Beweis und Ausdeutung jener ersten erregten Worte, die das Ganze
verursacht haben. Ich für meine Person bin noch kurze Weile mit meiner
eigenen Angelegenheit beschäftigt, in mir ist eine Unruhe, die auf eine
zusammenfassende Überlegung hindrängt. Er hat ihr unglaublich viel
von sich gestanden, vielleicht ohne ganz zu sehen, wieviel. Welches
Vertrauen muß er für sie empfunden haben -- und wie wenig kannte er
sie! Er hat dabei sicher nicht geahnt, was ich geradezu körperlich
fühle, wie sie seine Offenheit ablehnt, während er erzählt, wie sie
sich verschließt, innerlich abwendet, peinlich betroffen, ratlos und
verstört ... Ich bedauere Oswald sehr, und dennoch frohlockt etwas in
mein Mitleid hinein: wie gut das ist, wie sehr, völlig, übermäßig gut
das für mich ist ... Nein nein, das besteht nicht, was ich befürchtet
habe, meine Qual ist vorüber, ich atme frei, ich lächele Claudia zu,
als sie ganz bleich ins Licht des Tisches tritt, um ihre kleine kalte
Teetasse leer zu trinken. Mein Lächeln schwindet und erstarrt in
Schreck: das Gesicht ist wie zerstört von einer tiefen Erregung: ein
Erlebnis hat darin gehaust, die Augen umschattet, den Mund bitter
gebogen und schmal gemacht, von den Nasenflügeln herab Linien gehöhlt!
Ich sehe dieses neue Gesicht unverwandt an; ich tue nichts als es
abtasten mit meinen Augen. Das also ist Claudia -- auch das. Die Hand
zittert, mit der sie das Gerät hebt und hält. Sirmisch bleibt vor ihr
stehen, er hat sich von dem Eindruck ihrer Erzählung durch Zergliedern
befreit und betrachtet sie mit leicht spöttischem Gesicht: »Sie stiften
also eine Verbindung zwischen jenem betend und dem späteren Geschick,
eine Art Schicksalswahl? Wie kühn, wie unbedenklich ... sind Sie auch
abergläubisch, Claudia, wie?«
»Warum wollen Sie mich falsch hören? Ich sage nur das: ihm geschah, was
er selber wählte. Im Augenblick, wo er am tiefsten zu lieben vorgab,
begehrte er am heißesten den Ruhm --«
»Er war ein Künstler, Claudia!« -- »Vortrefflich. Nur verriet er dabei
zwei Seelen, die seine und die einer Liebenden; denn er fing das
Mädchen hernach doch wieder ein. Schmäht also eine Frau nicht, die
ihm mißtraute und neben ihm kalt blieb. Kann einer, dem es damals mit
der Liebe so wenig ernst war, in Anderen Liebe wecken und schaffen?
nein, scheint mir. Ihr hättet mich nicht reizen sollen und alles
wäre verschwiegen geblieben, oder ein andermal zu Worten gekommen,
versöhnlicher, gerechter. Aber berühmt ist er gestorben.« Mir fällt
wieder ein, daß dieser berühmt Verstorbene mein Freund war ... war.
»Hätte er den Stern also um Liebe gebeten -- Fräulein Claudia, Sie
erzählen Märchen.«
Sie bedenkt Manth mit einem kühlen Blicke und macht sich daran, die
Kerzen des Flügels und an dem doppelten Pulte zu entflammen. Ich sehe
zu, wie ihr schönes Antlitz am goldenen Glanz der Lichter Farbe, Wärme
und Leben bekommt. Ich werde langsam tieftraurig. Denn die Überzeugung
dringt in mich ein, daß auch ich sie nicht kenne. Ich liebe dich,
Liebste, aber ich weiß nicht, wer du bist. Werde ich es einst wissen?
Und ist das dieses Abends letzter Schluß? Da höre ich ihre alte Mutter
vom Divan her bedeutsam sagen:
»Hat hier nicht schließlich, alles in allem, einfach ein Mädchen ein
anderes, verratenes, verteidigt?«
Und aus ferner Ecke hinter mir spricht Sirmisch:
»Wir wissen es, eifersüchtig sind sie alle und hassen das Werk, die
Kunst und die Einsamkeit des Schöpfers.« Er weiß nichts, auch nicht
Manth, Frau Eggeling sieht still und ahnungslos daran vorbei -- und
nur ich habe damit fertig zu werden ... Aber das ist schließlich eine
Art Glück ... Eben gibt das Klavier ein ~a~ an, ungeduldig, hämmernd,
eine Aufforderung und wiederholte Mahnung, Versäumtes nachzuholen:
unsere Noten liegen schon weiß aufgeschlagen da, und Claudia stellt
gerade mit gereckten Armen die schwere Decke des Flügels auf, wie eine
glänzend schwarze Schwinge geformt, zum Fluge in eine sanftere Fremde
halb gelüftet und bereit. Sirmisch sitzt schon, auch Claudia, ich
beeile mich mit meiner Geige, fühle eine müde Freude, des Nachdenkens
enthoben zu sein, und sage halblaut zu Frau Eggeling, indem ich mich
niederlasse und die Noten erkenne: »Opus 70, zwei, in ~d~.« »Das
Geistertrio?« Sie erhält keine Antwort. Wir setzten alle drei sehr
stark ein, zu einem stufenweise stürmenden Anlauf; das Cello hält
allein einen sanften Ton lang an und fließt vibrierend in das Thema
über, eine kurze stille Melodie, vom Flügel her wellig begleitet; dann
kommt sie an mich und ich verliere mich dumpf erlöst und ganz der Sache
hingegeben an meine Geigenstimme, die nur Teil einer höheren Einheit
ist, mein Ich aufsaugt und mein Denken entrückt, daß es irgendwo hinten
schimmert, blaß, klein und unnütz.