Einmal fiel sie durch ihr zauderndes Stehnbleiben auf. Irgend ein

Straßenflaneur beugte sich vor, um sie deutlicher zu sehen --. Es war

mitten im Menschengetriebe unweit der Schmiedebrücke; Marianne durchquerte

den Fahrdamm, um in eine der stillern Seitenstraßen einzubiegen, als sie

zwischen den dahinhastenden Menschen Tomasows Gestalt erkannte.

Er schritt langsam neben irgend einem Bekannten. Als er Marianne auf sich

zukommen sah, verabschiedete er sich jedoch von ihm und ging ihr erfreut

entgegen.

Leise schob sie ihren Arm in den seinen.

»Danke!« sagte er lächelnd. »-- Offenbar auf Weihnachtswegen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich bin todmüde. Ich möchte irgendwo eintreten, wo ich etwas

essen könnte.«

»Sie wollen nicht erst den langen Weg nach Haus?« Er besann sich. »Gehen

wir zu Philippow? Oder ziehen Sie ein Restaurant vor?«

»Keins von beiden. Ueberall könnten Bekannte sein. Ich möchte dort in

der Seitenstraße in eine der kleinen billigen Theebuden, wo kein Mensch

hinkommt.«

Sie suchte ihn die paar Schritt weit hinzulenken.

»Aber, Ma! Da geht man mit einer Dame nicht hin.«

Marianne ließ geschwind seinen Arm los.

»-- Dann lassen Sie mich allein hingehen -- Ich nahm wirklich zu dem Zweck

Ihre Begleitung an,« sagte sie und blickte aus so sonderbar müden Augen

auf ihn, daß er sofort nachgab.

Er zuckte die Achseln.

»Nun es sei, also wie Sie wünschen,« meinte er zögernd und führte sie

dem kleinen Lokal zu, das mit einem breiten grellblauen Schild zum Eintritt

lud. »Schließlich ist es eine warme Ecke, wie eine andre, wenn sie auch

ein bißchen tief im Erdgeschoß drin liegt.«

Im Innern der Theestube hingen blendend saubere Leinwandvorhänge an den

niedrigen, fast quadratischen Fensterchen, und auch das weiße Holz der

simpeln Einrichtung sah so weiß und sauber aus, als müsse es

Seifengeruch ausströmen. Im ersten Raum dampften ein paar mächtige blanke

Kupfersamoware auf dem Schenktisch, und an den Wänden lagen bis hoch

hinauf unendlich viele Schwarzbrote aufgestapelt.

Doch gab es auf Wunsch auch helles Gebäck, sowie die volkstümlichen

Pastetchen mit Grützfüllung, und Tomasow bestellte davon, dessen sicher,

sie vorzüglich bereitet zu finden. Der bedienende Gehilfe im weißen

Leinwandkittel und hohen, dermaßen glänzend gewichsten Kniestiefeln, daß

man sich in ihnen beinahe hätte spiegeln können, brachte das Verlangte

in den schmalen Nebenraum, wo Marianne schon im Hintergrunde an einem der

länglichen ungestrichenen Holztische saß.

Nur zwei Frauen aus dem Kleinbürgerstande, mit bunten Kopftüchern und

kurzen Schaffellpelzen, tranken beim Fenster ihren Thee, wobei sie

die gefüllte Untertasse auf den gespreizten Fingern der rechten Hand

balancierten; schweigend, mit einer gewissen Feierlichkeit und ohne um sich

zu sehen, nahmen sie einen heißen Schluck um den andern.

»Hier ist es gut!« sagte Marianne.

Sie sah abgespannt aus, und dabei brannte ihr das Gesicht vom Winde. Die

Hitze, die der mächtige Kachelofen im geschlossnen Zimmerchen ausströmte,

machte es noch fühlbarer.

Marianne empfand wirklichen Hunger, er war ganz plötzlich und fast mit

Gier erwacht, als sie beim Eintreten das viele ringsum an den Wandborten

aufgeschichtete Brot sah. Aber wie nun ihr Frühstück vor ihr stand,

vermochte sie ebenso plötzlich nichts mehr zu essen.

Sie bückte sich über ihr Theeglas, aus dem dicht vor ihrem Gesicht der

Dampf in die Höhe stieg, und folgte mit dem Blick gedankenlos seinen

Windungen. Dieses Gefühl von sich nachgebender Schwäche war merkwürdig

angenehm.

Tomasow betrachtete sie aufmerksam.

»Sie gefallen mir ganz und gar nicht!« äußerte er; »aber eigentlich

hätt ich mir das ja schon vorgestern selbst voraussagen können --«

Marianne hob verwundert den Kopf.

»Was denn --?« fragte sie zerstreut.

»Daß der erste Kraftaufwand nicht vorhalten, -- daß die Stimmung

zunächst sinken würde --. Sie haben sich seelisch bis zum äußersten

anspannen müssen, und jetzt kommt der Rückschlag.«

Marianne rührte mit ihrem Löffel im Thee herum. Ihr fiel ein, daß

Tomasow ja so gar nichts vom gestrigen Tage wußte. Ueberhaupt nichts

von der heimlichen Hoffnung, die sie ja allein so tapfer hatte erscheinen

lassen, -- noch auch von der großen Bitterkeit hinterher.

Es war etwas ganz Ungewohntes für sie, daß er nicht vollen Bescheid

wußte und dementsprechend urteilte. Aber nur nicht davon erzählen! Sogar

ihm nichts! Was konnt es denn helfen?

Tomasow stützte einen Arm auf, und sich näher zu Marianne hinwendend, mit

dem Rücken gegen das Fenster, bemerkte er halblaut: »Frau Marianne,

jetzt ist es an der Zeit, daß Sie mir mehr Machtvollkommenheit geben --.

Vollmacht, Sie ganz anders als bisher in Obhut zu nehmen, zu pflegen,

abzulenken, zu beaufsichtigen, -- kurz: um Sie zu sein --«

Sie faßte seine Worte nur ungenau auf, in ihre Kümmernisse klangen sie

aus solcher Ferne herein, daß sie keinerlei verborgenen Sinn hinter ihnen

vermutete.

»Ich weiß, Sie sind immer gut!« sagte sie nur freundlich.

»-- Gut --?! Nein, Marianne, mit meinem Gutsein hört es nun auf. Glauben

Sie nur, es ist mir nicht immer leicht gefallen ›gut‹ gegen Sie zu

sein, Ihr guter Freund zu sein -- alle die Jahre. Jetzt aber, wo Sie allein

bleiben, wo sich Ihre Töchter ihr eignes Leben bauen, da will ich ein

andres Recht, als das der Güte: das Recht, auch ein Leben aufzubauen --

Ihnen und mir.«

Er sprach noch immer halblaut, jedoch rasch und bestimmt, und in seiner

Stimme vibrierte tief gedämpft ein Ton, den er Marianne gegenüber noch

nie angeschlagen hatte.

Sie schrak aus ihrer Müdigkeit auf, ihr Blick streifte Tomasow wie

erwachend und noch verständnislos erstaunt; als sie jedoch dabei seinen

fest auf sie gerichteten Augen begegnete, geriet sie in Verwirrung.

Tomasow sagte fast gütig: »Es ist schlecht von mir, daß ich Sie so

überfalle, Ma --. Aber es hilft nun nichts mehr: bei Ihnen zu Hause bin

ich mit Ihnen tausendmal weniger allein als hier, -- und im nächsten

Augenblick stehn Sie wieder lächelnd und gewappnet da, -- in jeden

Arm hineingeschmiegt eins Ihrer Kinder. -- -- Sie sollen mir auch nicht

antworten müssen, Ma. Heute nicht und selbst morgen nicht, wenn Sie

wollen. Nur wissen, -- wissen, daß Sie keineswegs so selbstherrlich

allein dastehn werden, wie Sie wohl glauben, -- -- weil ich Sie mir nunmehr

nehme --«

Marianne sah nicht auf. Die Röte auf ihren Wangen hatte sich vertieft,

als ob sie wieder den Wind draußen um sich sausen fühle. Sie sprach sich

innerlich die Worte vor, die sie Tomasow jetzt zweifellos sagen mußte, --

sie nahm sich vor, den Kopf zu heben und ihn einfach zu bitten, -- ja,

zu bitten, er möchte doch wieder, ganz so wie bisher, gegen sie »gut«

sein --.

Aber nach seiner Bemerkung, daß er keine Antwort erwarte, beugte sie

den Kopf nur noch tiefer, und mit einem seltsamen Gefühl von Beklemmung

erließ sie sich alles, um was sie bitten wollte.

Denn bei dem Ton seiner Stimme, da quoll langsam, unvermutet und betäubend

eine wunderseltsame Gemütswallung in ihr auf -- --. Und machte sie

zaudern, und ließ sie verwirrt den Blick Tomasows meiden, wie wenn eine

geheime Sehnsucht etwas ganz andres ersehnt habe, als alle jemals bewußt

gewordenen Gedanken in ihr.

-- -- Es war grade, als risse Tomasow mit ein paar gewaltsamen Griffen den

Vorhang von irgend einer fremden Landschaft zurück, sodaß ihr plötzlich

bewußt werden sollte: nur ein Vorhang scheide sie davon --.

Sie meinte noch nie durch diese Landschaft gewandelt zu sein und wußte

doch auf einmal: nur ganz durchsichtig verhangen war sie ihr gewesen,

und immer da war sie gewesen, dicht vor ihr. Und blitzschnell, zu neuem,

verwirrendem Wiedererkennen, drängte sich plötzlich vor ihrem Auge Bild

auf Bild daraus. Minuten, Momente aus ihrem Verkehr mit Tomasow sah sie

vor sich, -- oft unterbrochen durch Monate und weit länger, oft einander

rascher folgend in feinen, unmerklichen Sensationen, -- auf die sie mit

dem Finger hätte weisen können: da -- und da -- und da, -- ja, war sie

da seinen Wünschen nicht, ohne es zu wissen, ganz nah gewesen, -- ganz nah

einem weiblichen, eignen Glücksverlangen --?

Marianne saß regungslos und noch immer im Bann der leichten Mattigkeit,

die sie heute umfing. Allmählich vermischte sichs ihr ganz, wo und wozu

sie sich hier befand, tief benommen von der Gemütsbewegung, die Macht

über sie gewann. Sie fühlte sich wie jemand, der ganz unvermutet geweckt

wird und in völlig irreführender Gegend zum Erwachen kommt. -- --

Tomasow war ebenfalls verstummt. Nur sein Blick ruhte immer wieder auf

Marianne und mochte ihm einiges von dem enträtseln, was in ihr vorging.

Ohne daß sie miteinander sprachen, ohne daß sie einander auch

nur anschauten, leitete sich zwischen ihnen eine Verwandlung ihres

gegenseitigen Verhältnisses ein: das nahm er mit allen Nerven wahr.

Und auch er überließ sich einem Hinträumen, das ihn weit fort

entführte -- --.

Das Blut stieg ihm in die Schläfen, und seine Augen bekamen einen

eigentümlichen starken Glanz.

Ganz still war es in dem kleinen heißen Zimmer. Ein einziges Mal ging

draußen im Vorraum kreischend die Außenthür, ein paar schwere Tritte,

kurze Frage und Antwort, Papierknistern, und wieder wurde alles still.

Die beiden Frauen am Fenster hatten sich erhoben, rückten ihre Kopftücher

zurecht und gingen auf knarrenden Schuhen mit wortlosem Gruß hinaus.

Da blickte Marianne auf, fast verstört. Unmittelbar darauf erhob sie sich

schon. Die dumpfe, schwere Ofenluft benahm ihr den Atem.

»-- Sie wollen gehn?« fragte Tomasow und half ihr in den Pelz.

»-- Wollen Sie nichts weiter genießen?«

Marianne schüttelte stumm den Kopf. Sie schien zu meinen: jetzt an die

freie Luft draußen gelangen, das hieße zugleich, den ganzen Bann und

Druck abschütteln. Diese heiße Stubenschwüle war allein schuld --.

Tomasow zahlte, und sie entfernten sich. Der Ostwind blies ihnen auf der

Straße scharf, förmlich wehethuend entgegen, er weckte fast ein Gefühl

unwillkürlichen Sichbergenwollens.

»Wohin nun?« fragte Tomasow, »muß es schon heimwärts gehn?«

Marianne nickte zögernd.

»Den Kreml durchqueren,« meinte sie, »das ist wohl der nächste Weg.«

»-- Und wärs auch nicht der nächste! Denn allzu kurz darf er nicht

geraten,« bemerkte er lächelnd.

Beim Ueberschreiten des Fahrdamms, zwischen den durcheinander sausenden

Schlittengespannen, hatte er Marianne den Arm gegeben und führte sie mit

der sichern Haltung dessen, bei dem sie sich von nun an bergen sollte. Oder

empfand nur sie es so, als ob alles um eine Nuance verändert sei, als

ob in allem schon eine stillschweigend anerkannte Zueinandergehörigkeit

betont liege --.

Eben begann Tomasow Marianne von seiner Liebe zu reden, da traten sie

schon in das Erlöserthor ein, das in den Kreml hineinführt. Die Fuhrwerke

mäßigten den Schritt, die Menschen entblößten ihr Haupt, und Tomasow,

der mechanisch seinen Hut abnahm, konnte in der um sie eingetretenen Stille

nicht recht weitersprechen.

Dann kamen sie auf den weiten Platz hinaus, vorüber an den Kathedralen

und dem alten Facettenpalast. Er schaute hin, und ihm fiel eine kleine

Zeichnung von Rjepin zu dessen Gemälde »Die Brautwahl« ein, -- ja, so

hätte er um Ma freien mögen: inmitten der Pracht der alten Palasträume,

der niedrigen Wölbungen russischer Terems, als der alten Fürsten

einer --. Und er dachte zurück: noch sein Großvater hatte sich

seine Bäuerin vom Feld in die Hütte geführt, und die geschmückten

Dorfmädchen tanzten zur Hochzeit. Ja, Hütte oder Palast, das war fast das

gleiche: in beiden Fällen ward der Mann der Fürst, der Herr vor seinem

Weibe, das von ihm sein Leben empfing.

Vor Tomasows unruhig umherblickenden Augen erhob sich der Uspenski-Dom in

der energischen Schlichtheit seiner männlich gedrungenen Architektur,

die grauen Kuppeln gleich Heldenhelmen auf Heldenhäuptern, ohne andern

Schmuck, andre Farbe, als die verwitterten Bilder unter dem dunkeln

Bleidach über dem Thor. Und davor, wie in sich selbst zusammengeschmiegt,

in festlicher Anmut, die reizende Verkündigungskirche, die Vielkuppelige,

die aussieht, als bildete die Gliederung ihrer Mauern nur eben soviele

Vorwände, um eine stillleuchtende Kuppel nach der andern über sich

emporzuhalten. Wie Weib und Mann standen die beiden in Tomasows Phantasie

zusammen, die überall Symbole dessen schaute, wovon sie aufgeregt erfüllt

war.

Den Kopf gesenkt, ging Marianne neben ihm, ihren Blick immer auf den

flimmernden Schnee am Boden gerichtet, wie wenn sie mit geblendeten Augen

was ablese von dem weißen Geglitzer mit seinen bläulichen huschenden

Schatten und Lichtern.

Ihre Hand ruhte im Arm Tomasows; ein wenig zu ihr vorgebeugt, unterhielt er

nun Marianne mit halber Stimme. Unruhevoll schweiften ihre Gedanken um das,

was er zu ihr sprach. Kaum vermochte sie es aufzunehmen in den

einzelnen Sätzen, in den verhaltenen Worten, so stark wirkte es seiner

Grundbedeutung nach auf sie --. Ihr ward beklommen wie in der kleinen

dumpfen Gaststube vorhin; die Schwüle blieb -- --.

Führte er sie nicht hinauf auf einen Berg und zeigte ihr der Welt

Herrlichkeit, -- jene Herrlichkeit, die man zu eignem Genießen haben kann,

in der man sich selbst leben kann, sich sättigen in allem Angenehmen

und Erfreulichen des Daseins? Führte er sie nicht hinweg aus der

Alltagsniederung mit ihrer einseitigen, bittern Mühsal, mit den armseligen

paar Aufgaben, die ihre Kraft aufgesaugt, sie gedemütigt und unfähig

gemacht hatten zu eigner, breiterer Entfaltung? -- -- Und wieder schaute

sie bei Tomasows Worten wie in lockende Weiten, in eine Landschaft hinein,

seltsam fremd, seltsam vertraut, in der sie sollte ausruhen dürfen an

labendem Glück, sich gehn lassen in süßer Ermattung, -- und seine Stimme

verhieß ihr fort und fort: wolle nur, und all dies ist dein --.

Sie überschritten grade den Platz, als ein erster tiefer Glockenklang mit

überwältigender Gewalt die Luft durchhallte. Unmittelbar darauf setzte

das Geläute von mehreren großen Glocken ein. Es that den Menschen kund,

daß die Feierzeit nahe, daß sie das Werkzeug niederlegen möchten und die

Seele öffnen, auf daß auch sie feiere.

Und in Mariannens Seele wiederhallte es in einer lauten Bejahung: sie

sehnte sich, zu feiern --.

Aber gleichzeitig klangen mit den Glockenklängen ganz andre Stimmungen als

zuvor in ihr an, sie kam heim von ihren ungewiß schweifenden Träumereien,

zurück in die Gegenwart ihres wirklichen Lebens, und -- wie zwei, die

sie gewaltsam hatte vergessen wollen, -- schauten ihr die Gesichter ihrer

beiden Kinder fragend daraus entgegen --.

Fragend, -- so wie heute morgen: Sophiens Gesicht dabei ein wenig

verschmitzt, voll pfiffiger Erwartung, beinahe wie sie auch als kleines

Kind ausgesehen hatte, wenn die Heimlichkeiten um Weihnachten begannen.

Citas Augen fragten nicht mehr kindlich: bringst du mir auch was Schönes

mit? Sie hatte sorgenvoll vor sich hingeblickt, -- zweifelnd fast, -- sie

war beunruhigt durch das Benehmen der Mutter. Und wenn sie jetzt erfuhr, --

Cita --

Mariannens Herz that plötzlich einen starken, harten Schlag. Sie blieb

stehn, wie atemlos: wenn Cita erfuhr -- und auch Sophie -- --, sie sah mit

einem Schlage die beiden Gesichter verwandelt, bestürzt, ungläubig --,

sie fühlte mit unwiderleglicher Deutlichkeit: dann erst entfremdeten sich

ihr die Kinder ganz --.

Alles Entfremden bisher bedeutete, dagegen gehalten, noch wenig, -- wie weh

es auch thun mochte, es mußte machtlos bleiben, solange die Mutter selbst

nur ihren Mädchen dieselbe blieb. Auch wenn sie Tausende von Meilen weit

fort von ihr gingen: sie entfernten sich weniger weit, als durch einen

einzigen Schritt, den sie selber fort von ihnen that.

»-- Die Kinder --!« sagte Marianne unwillkürlich, mitten in Tomasows

Worte hinein, und sie hob zum erstenmal den Blick zu ihm, -- ratlos,

hilfeheischend. War er doch da, ging er doch neben ihr, -- er, der immer

alles entschieden, bei allem helfend eingegriffen hatte.

Voll Zuversicht schaute sie zu ihm auf.

»Was ist denn mit den Kindern?« fragte er etwas brüsk, aus der Stimmung

gerissen; seine Augen begegneten den ihren mit eigentümlichem, flackerndem

Leuchten, »-- es handelt sich jetzt doch gar nicht um die Kinder.«

Mariannens Blick glitt rasch, betroffen von ihm ab. Wer half ihr von nun an

in allen Fragen und Kämpfen? Er nicht mehr! Er half ihr nicht mehr gegen

ihre eignen Schwächen. Bisher konnte er sich ihr so geben, wie sie ihn

brauchte, um sich als Mensch hoch und höher emporzuringen. Jetzt, ohne

alle Zurückhaltung, brauchte er sie selbst, brauchte sie ohne die Kinder.

Wie weit, -- weit standen ihm da ihre Herzenssorgen --!

Irgend etwas in Marianne, irgend ein eben erst entfachtes, eben erst

wiedererwachtes Sehnen des Weibes in ihr verschüttete sich wieder und

wollte zagend erlöschen --.

Tomasow fühlte sofort, daß er einen Fehler begangen habe.

»Alles hat seine Zeit!« sagte er schnell und bestimmt. »Auch die Kinder

haben ihre Zeit gehabt, wo Sie sich ihnen ausschließlich widmeten. Nun

ist es endlich Zeit geworden, in diesem Punkt vernünftig umzulernen.

Schließlich muß man eben wählen, ob man einander leben will und dem

Glück, oder ob man von ihrem unreifen Willen abhängen will.«

Und mit größerer Dringlichkeit als vorher sprach er auf sie ein, indessen

sie weitergingen im hallenden Glockengeläut, vorbei an den weißgoldenen

Mauern der zahllosen Kirchen und Kathedralen. Und je länger er redete,

desto mehr wurde es eine Apotheose des sorglosen Feierns und Genießens,

wozu er sie einlud. Er suchte alles hervor, was er ihr schenken könnte,

und alles ward immer wieder Genuß und Fest. Aber Mariannens Hand lag nur

ganz leicht in seinem Arm, sie stützte sich nicht mehr auf ihn, sie

sah unruhig aus, und aus ihrem Gesicht war die gläubige Zuversicht

geschwunden.

Und Tomasow überfiel plötzlich eine zornige, bittere Ungeduld wider

alles, was er da selbst zu Marianne sprach. Alle die Worte von Glück und

Freude erschienen ihm unwahr und schal. Er begriff plötzlich, daß er,

an Mariannens Seite, doch immer nach einem suchen würde, nach eben dieser

emporschauenden Zuversicht, nach eben dieser gläubigen Anlehnung an ihn,

als an einen Stärkern, Ueberlegenen, -- an den Herrn. Glück mit ihr

genießen, das konnte nur heißen: ihr im Leben selber so hoch und stark

als Mensch überlegen sein, wie er ihrs in einzelnen Stunden durch Verstand

und Rat gewesen war --.

Tomasow verstummte.

Und Marianne merkte es kaum. Wie sie so an seinem Arm hinging, schienen ihr

jetzt die Glocken über ihr mit den weithin hallenden Feierklängen nicht

mehr dieselbe Sprache zu sprechen, wie die dringliche Stimme dicht an ihrem

Ohr, -- aus einer andern Welt schienen sie zu reden, als dies halblaute

überredende Raunen von Feiertagsglück und abgeworfenen Sorgen --. Und

immer mächtiger wurden die Glockenklänge und immer verhaltener die

zuredende Stimme, und endlich vernahm sie nur noch Glocken, -- Glocken

allein -- --.

»-- Leben Sie wohl, Ma!« hörte sie unvermittelt Tomasow sagen, der stehn

blieb. »Ich habe Ihre Antwort schon, noch ehe Sie eine Antwort in Worten

gefunden haben. Und lassen Sie mich bekennen: Sie haben recht --«

»Tomasow,« fiel Marianne tief bewegt ein, »-- warum wollen Sie so -- --!

-- Sie sind immer und immer mein bester, einziger, liebster Freund --«

»-- Gewesen!« ergänzte er rasch mit einem unmerklichen Lächeln, und

dann, sich umsehend, trat er zur Seite. Es kam jemand von hinten her an

ihnen vorbei und zog grüßend den Hut.

Hugo Lanz war es, der desselben Weges ging und Marianne hocherfreut

begrüßte. Marianne mußte ihn Tomasow vorstellen.

»Ich eilte grade zu Ihnen, gnädige Frau,« bemerkte Hugo Lanz, »um Ihnen

eine für mich freudige Nachricht mitzuteilen --«

»Das trifft sich in der That gut,« meinte Tomasow etwas heiser, »daß

ich mithin die gnädige Frau in Ihrer Begleitung lassen kann. Mein Weg

führt hier leider nach andrer Richtung.«

Marianne reichte Tomasow die Hand, zögernd, fast zitternd.

»-- Aber doch auf Wiedersehen sehr bald --?« fragte sie mit nicht ganz

beherrschter Stimme.

»Gewiß, gnädige Frau: sobald sich einmal gute Bekannte bei Ihnen

versammeln, dann gestatten Sie mir vielleicht, auch dabei zu sein,«

entgegnete er mit leichter Betonung dieser Antwort, beugte sich über

ihre Hand, grüßte Hugo Lanz und entfernte sich, in die nächste Straße

einbiegend.

Marianne ging statt vorwärts wieder zurück, ohne recht zu wissen und

zu sehen, wo sie ging. Ein Angstgefühl umklammerte sie dumpf: sie konnte

nicht fassen, daß das ein Abschied für das Leben gewesen war.

Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, um sich Hugo Lanz zuzuwenden,

dessen offnes Gesicht von Freude geleuchtet hatte, der aber jetzt ernst und

still aussah, weil er sie so seltsam ernst vor sich hin gehn sah.

Er erzählte dennoch froh: »Soeben erst hab ich die Erlaubnis ausgewirkt,

den nächsten Winter noch ganz frei zu bleiben, -- und ich werde ihn hier

zubringen. Meine Verwandten haben mich aufgefordert, bei ihnen zu wohnen.

Und schon die Aussicht, Sie und Ihre Familie besuchen zu dürfen --«

»Das freut mich innig,« bemerkte Marianne leise, »doch werden Sie im

nächsten Winter nur noch mich wiederfinden, -- nicht mehr meine Töchter.

Auch Sophie geht fort, folgt der Schwester ins Ausland.«

Hugo Lanz blickte Marianne mit aufrichtigem Schreck ins Gesicht. Die

kleine Familienscene, der er beigewohnt hatte, stand vor ihm, Mariannens

strahlendes Glück zwischen ihren Kindern, -- auch dessen, was ihm Sophie

mitgeteilt hatte, entsann er sich.

»-- Ganz allein bleiben Sie --?« entfuhr es ihm voll Mitleid und in

unwillkürlichem Unwillen.

Marianne wiederholte mechanisch: »-- Allein --,« und sie nickte bejahend.

Aber das dumpfe Angstgefühl in ihr verstärkte sich dabei, als risse es

sie mit jedem Schritt gewaltsamer hinein in etwas Endloses, Grenzenloses,

-- wie in eine leere, gähnende Unermeßlichkeit, wo ihre Kinder und der

Freund und alles, was ihr lieb gewesen war, alles Warme, alles Trostvolle,

alles Hilfreiche, weiter und immer weiter zurückwich, -- unerkenntlich

geworden schon, -- unaufhaltsam, unerreichbar -- --.

Und mit dunkelm Grauen stieg in ihrer Seele eine Erinnerung auf an

abgrundtiefe Einsamkeit, aus der sie doch nur die Hand des Freundes und

der Blick ihrer Kinder gerettet hatte, -- und sie fühlte, daß das dunkle

Grauen nahe und näher über ihrer Seele zusammenschlug, -- als würde sie

unbarmherzig dahinein gestoßen von derselben Hand, von denselben Blicken,

die sie einst rettend festhielten, -- und als fände sie diesmal nie mehr,

-- nie mehr hinaus --.

Marianne nahm nichts mehr deutlich wahr, die Dinge ringsum schienen ihr

langsam zu entschwinden, sich in sich selbst aufzutrinken, unterzugehn in

einem chaotischen Nebel. Einförmig nur und erschütternd laut hallten fort

und fort die Glocken über ihr, -- hallten um sie, -- hallten in ihr, --

begruben sie wie unter einem Mantel von dröhnenden, besinnungraubenden

Tonwellen, -- ließen alles an ihr erbeben unter der Gewalt des einen

unerbittlichen Klanges, -- drangen auf ihre zitternde Schwäche ein, wie

mit läutenden Unendlichkeiten -- --

Marianne war, einer Ohnmacht nahe, stehn geblieben und rang nach Atem.

Sie standen wieder dicht vor der Verkündigungskirche, an den Stufen, über

denen sich die Eingangspforte erhebt. Hugo Lanz hatte einen Arm um Marianne

gelegt und führte sie, sie vorsichtig stützend, hinauf bis in den

Seitengang, wo längs den Fensterchen von gewelltem Glas eine Bank stand.

Dort ließ er Marianne niedersitzen und neigte sich, neben ihr stehn

bleibend, mit besorgter Frage zu ihr.

Aber sie achtete nicht auf das, was er flüsternd fragte. Dicht vor ihr

öffnete sich das blausilberne Portal in den innern Kirchenraum, auf der

Seite, wo sie eben hereingetreten waren, blickte von der Thür ein großes

dunkles Christusbild zu ihr nieder, die Züge kaum kenntlich, ein schwarzer

Fleck, umhüllt und umkleidet von unendlichem Goldglanz. Sie starrte darauf

hin, bis sie vor Thränen nichts mehr sah. Rätsel hinter Gold --.

Ma: Ein Porträt · 第 10 / 11 段