Die Bäume waren nicht geschmückt. Nur an dem schönsten, der sich über

der Wiege erhob, hing Kinderspielzeug, -- Hampelmänner, Glöckchen an

Knochengriffen -- und, wie ein Hinweis auf die Zukunft, schon ein erstes,

zartes Paar Schuhe, lächerlich klein, aus rotem weichem Saffian, mit

silberner Stickerei bedeckt.

In der Anordnung des Ganzen drückte sich ein unbeholfener jubelnder

Ueberschwang aus, der Marianne ergriff.

Sie wandte sich zu Taraß und sagte leise: »Ich wußte gar nicht -- --

Aber es ist noch lange hin --«

Er nickte.

»Lange noch bis dahin,« bestätigte er, »aber, wissen Sie, ich kenne

ja Tamara. In diesen Monaten wird sie schon ungeduldig sein: wann sie das

alles arbeiten soll, -- ich bitte Sie, eine solche Menge! Und sie hat doch

gar keine Zeit! Es mag ja schön sein, selbst daran zu nähen, nun aber,

sie soll sehen: es geht auch so. Eine große Näherin ist sie überhaupt

gar nicht. Sie sticht sich dreimal nacheinander in jeden Finger. Und

allzufest näht sie auch nicht. -- Aber eine Mutter wird das sein! Ja, das

ist noch eine Mutter!«

Er sah strahlend aus und trat frierend von einem kalten Fuß auf den

andern.

»Darf ich Tamara nichts ausrichten? Soll sie zu Ihnen kommen?«

»Nein nein,« wehrte Marianne hastig ab, »ich komme lieber selbst wieder.

Sagen Sie ihr nur: ich sei wegen des Vorschlages gekommen, den sie mir

neulich im Auftrag des Berner Mädchenpensionates gemacht habe. Sagen Sie

ihr: den wollte ich annehmen. Auf alle Fälle annehmen. Sie möchte mir

helfen, die Sache so schnell als möglich ins reine zu bringen.«

Taraß schlürfte in den Ueberschuhen ihr voran zur Hausthür.

»Dann wird Tamara gleich alle Hebel in Bewegung setzen. Ich weiß, sie

sprach davon. Und wir sind so froh, wenn wir Ihnen zeigen können, wie lieb

wir Sie haben.«

Er küßte Marianne die Hand, und sie beugte sich auf seine Stirn. Ihr kam

es vor, als sei alles bereits erledigt. Sie zweifelte nicht am Gelingen. Es

mußte gelingen. Und sie war zu jedem Opfer bereit, zu jedem Nebenverdienst

durch Stunden --.

Nur mit ihrem Kind zusammenbleiben mußte sie. Dann wollten sie auch schon

Cita näher bekommen, -- mindestens näher als jetzt --.

Als sie sich wieder in die Pferdebahn setzte, schien es ihr, als führe sie

schon weit, weit fort aus ihrem bisherigen, hiesigen Wirkungskreis.

Fast abschiednehmend spähte ihr Blick nach den einzelnen Häusern, die sie

kannte. Da -- und da, -- und dort war sie zum Unterricht hingegangen. Nun

aber wollte sie weit, weit fort, so weit wie ihre Kinder wollten.

All dies wurde Vergangenheit. Die Kinder allein, das war ja Heimat.

Kurz ehe sie den Bahnwagen verließ, stieg ein armer Krüppel ein, ein

Stelzfuß in zerlumpter Kleidung.

Mit ehrerbietigem Blick bekreuzigte sich der Schaffner vor ihm und nahm

kein Geld von ihm an. Diese Handlungsweise war allgemein üblich, solche

Unglückliche durften fest darauf rechnen.

Als sich Marianne erhob, um auszusteigen, sah sie, daß jemand dem lahmen

Mann ein Kupferstück zusteckte.

Da fuhr sie in die Tasche, faßte nach dem gehäkelten Seidenbeutelchen mit

dem Tagesbedarf an Silberlingen, das sie grade frisch gefüllt hatte, und

schob es im Vorübergehn dem Krüppel in die Hände.

Das gewährte ihr eine momentane Erleichterung. Sie wäre gern in irgend

einer Weise aktiv geworden, aus ihrer weichen, warmen Stimmung heraus,

-- wäre gern mütterlich geworden an irgend einem armen Wesen, aus ihrem

Ueberfluß heraus --.

Und nun konnte sie nicht einmal für ihre nächsten Pläne etwas thun,

weil sie Tamara verfehlt hatte. Aber ihr wollte es scheinen, als schade das

alles nichts, wenn man ihr nur ringsum von der warmen Liebeslast abnahm --.

Oben öffnete ihr Stanjka. Doch im Wohnzimmer lief ihr Sophie entgegen.

»Cita ist nur für eine kurze Besorgung fortgegangen, Ma, sie kommt gleich

wieder. -- -- Aber du bliebst so lange fort, -- ach, ganz schrecklich

lange, wo warst du nur noch?«

Marianne drückte sie an sich.

»War das so schlimm? Du bist wohl ungeduldig geworden?«

»Ja, Ma. Jetzt möchte ich jede Minute bei dir sein. Das ist doch ganz

natürlich, -- immer, immer.«

»Und wenn wir uns nun nicht trennten, -- wenn wir beisammen blieben, du

mein Herzenskind!« murmelte Marianne.

Es kam ihr fast gegen ihren Willen auf die Lippen. Sollte sich Sophie

unnütz quälen, -- und wären es auch nur Tage --, um der Trennung willen,

die nach ihrer Ansicht bevorstand?

»Ach ja, Ma!« rief Sophie innig, jedoch gleich darauf schien sie ein

plötzlicher Schreck zu durchfahren. »-- -- Du meinst doch nicht, -- ich

soll doch nicht --«

Sie war ganz blaß geworden.

»Nein, o nein!« sagte Marianne schnell, »wie kannst du das glauben!

Nichts wird rückgängig gemacht. Aber denke dir, mein Liebling, denke

dirs nur als eine noch nicht gewisse Möglichkeit: wir blieben trotzdem

beisammen, -- in einem kleinen Städtchen zum Beispiel, -- etwa in den

Schweizer Bergen --«

Sophie machte sich sichtlich beunruhigt frei.

»-- Warum denn ein so ganz kleines Städtchen, Ma --?«

»Ich meine natürlich ein Universitätsstädtchen.«

»Ja ja, aber wenn auch --. Daß es so gar klein sein soll --? Warum denn

eigentlich nur?«

»Stell dir zum Beispiel vor, dort wäre eine Mädchenpension, die ich zu

leiten hätte, -- eine solche ist nämlich in Bern, -- lauter halberwachsne

Mädchen --«

»-- Aber -- das wäre ja gräßlich, Ma!« fiel ihr Sophie ängstlich ins

Wort.

Marianne hielt einen Augenblick inne.

Sie suchte mit plötzlicher Bangigkeit Sophiens Blick.

»-- Wäre das so gräßlich, -- Sophie?«

»Nein, -- das heißt: es wäre ja wunderschön natürlich, -- aber, -- ach

nein, Ma! das kann ja doch gar nicht dein Ernst sein?«

Marianne versuchte zu lächeln, aber sie fühlte, daß ihr mitten in diesem

schwachen Lächeln die Lippen kalt wurden.

»-- Nur so eine Idee, Kind,« sagte sie mühsam.

»Siehst du, das dachte ich.« Sophie küßte sie heftig und lachte

beruhigt: »Das wäre ja auch gar nichts, nicht wahr? Denke nur: so eine

Mädchenpension, -- Hammelherde, -- huh! Da müßten wir uns ja immer

nach den Zimperliesen richten. Wenn du da Stunden gäbst und von allen

möglichen Leuten abhingest, wäre alles gleich so gebunden, -- so wie

hier --. -- -- Und übrigens, solches Kleinstädtchen doch auch für dich

im Grunde recht öde, -- nicht?«

Marianne nickte, ohne Sophie aus den Augen zu lassen, die ihr unleidlich

brannten und stachen von den bemeisterten Thränen.

»Ja ja, Sophie. Daran, ob es öde wäre, hab ich so gar nicht gedacht --.

Wenn ich mir das überlege, ist es also wohl nichts damit.«

Sophie wurde wieder ganz heiter.

»Nein, was du aber auch für eine Phantasie hast, Ma?« meinte sie

neckend und setzte sich der Mutter auf den Schoß. Sie war voll kleiner

Zärtlichkeiten.

Nun wollte sie Ma auch ordentlich erzählen, wie sie sich das Leben

dächte, mit Cita zusammen, in Berlin, wo Cita ja so vortrefflich

aufgehoben sei und schon Beziehungen habe, und wo sie es nun ebenso gut

haben werde. Beziehungen nämlich, das ist wichtig --! -- -- Eine Menge

interessanter Einzelheiten plauderte ihr Sophie redselig vor.

Marianne saß müde in ihrem alten Lutherstuhl.

Sie hörte immer mit dem gleichen Anflug von Lächeln zu, es war wie

erstarrt auf ihrem Gesicht.

Das also war das weitaus Schönere, wovon Sophie träumte. Und das hatte

sie ja nun endgültig den Kindern gegeben, ihnen erlaubt. Mehr zu geben

hatte sie nun überhaupt nicht. Nein: nur sich selbst noch hinzugeben hatte

sie wollen. Sie selbst jedoch, -- ja sie selbst -- lehnten sie leise ab --.

-- Marianne überfiel plötzlich, mitten in Sophiens Hinplaudern,

eine jähe Furcht, sie könnte mit einemmal -- jetzt gleich -- etwas

Gräßliches, Grelles thun müssen, entweder laut schreien oder gar

lachen --.

Besonders das letztere: jawohl, grell und gell lachen --.

In der Furcht davor brachte sie kein Wort heraus.

Zum Glück kam Cita nach Haus, eh es Sophie auffiel.

Als sie zu ihnen ins Wohnzimmer trat, sprang Sophie vom Schoß der Mutter

heiter auf.

»Denke nur!« rief sie der Schwester ganz unbefangen entgegen, »Ma und

ich sitzen hier gemütlich und malen es uns eben aus, wie das sein würde,

wenn wir in ein ganz kleines Universitätsstädtchen zögen, anstatt

nach Berlin. Und wenn Ma dort gar eine Pension leitete, -- und -- und

wir Sonntags nachmittags mit im Zuge der Mädchen vor dem Thor spazieren

gingen --«

Sie erzählte es ganz wie einen Scherz. Und ganz wie über einen Scherz

lachte Cita mit ihr.

»Uff!« sagte diese dann, die Handschuhe abstreifend, und warf sich in den

Schaukelstuhl, -- »wie gut ist es hier bei dir, Ma. Ja, das wird Sophie

schon noch vermissen! Sie muß sich eben erst gewöhnen, man lernt es

aber. Bis jetzt redet sie nur so hin. Wenn sie nur erst ordentlich in ihrem

Studium drin ist --«

Marianne richtete ihre Augen müde und groß auf ihre Aelteste.

»Wenn es nur so ist, Cita, daß man dann nichts mehr vermißt,« sagte sie

leise, mit matter Stimme, »-- denn das meint ihr doch wohl nicht, -- das

kannst du doch selber nicht wollen: so ein Fachstudium, und nichts mehr

dahinter und darüber --. Etwas so Spezielles, etwas so Hartes --. Du mußt

nicht vergessen, wie sehr Sophie, -- und früher auch du, -- euch in einem

allseitigern, harmonischern Ganzen geistig angeregt habt. Es schloß ein

Studium nicht aus, aber das beseelte Leben ging doch noch drüber --.«

»Es war einfach dilettantischer,« bemerkte Cita ruhig. Sie hatte

ernsthaft zugehört, während sie leise schaukelte und ihre Handschuhe bald

zurollte, bald in alle einzelnen Finger auseinanderbreitete.

Marianne lehnte sich erschöpft zurück. Sie hatte sich gewundert,

woher ihr nur so viele Worte kamen. Als ob sich ihre Zunge löste und

selbständig spräche --. Aber als sie einsah, daß diese Worte ohne

Wirkung waren, gab sie es auf, zu widersprechen.

Cita nahm ihr Schweigen wie ein leises Gekränktsein und fuhr rasch fort:

»Ja, süße Ma, du hast sicherlich recht. Aber, siehst du, was du so das

›beseelte Leben‹ und ›das Allseitigere‹ in der geistigen Anregung

nennst, das werden wir ebenfalls haben. Das Fachstudium wird bei

weitem nicht alles sein, sondern der ganze Kreis der Interessen in der

Frauenbewegung. Das wird uns frisch und kampflustig erhalten. Sieg der

modernen Frau! Das soll die Losung sein. -- -- Hier konnte Sophie diesen

belebenden Geist unmöglich aufnehmen. Uns fehlte hier ja auch der laufende

Zusammenhang mit allem Modernen. Wenn man aus dem Auslande kommt, spürt

man das arg, du kannst es glauben! Nun, aber es schadet weiter nichts: wir

holens schon nach.«

Sie erhob sich aus dem Schaukelstuhl, kam zur Mutter, bückte sich, küßte

sie auf den Scheitel und sagte mit fast mütterlicher Zärtlichkeit im Ton:

»Du unsre süße Ma! hier ist es einzig und allein schön, weil du hier

bist. Vielleicht würdest du dich in einem andern Rahmen nicht mehr wohl

fühlen. Und du machst alles schön rings um dich her. Aber wir können

jetzt nicht nur auf das Schöne achten.«

Dann richtete sie sich auf, verschränkte die Arme auf dem Rücken und

stellte sich nachdenklich musternd vor das Bücherregal.

»Siehst du, Sophie, -- dort hinein schaffen wir dann auch Ma neue Bücher,

-- nicht an Stelle der alten, aber mindestens zwischen die alten. -- -- Man

kann auch nicht immer nur Dante und Homer und Shakespeare und Goethe und

ähnliche Herren lesen. Nicht wahr, Ma?«

Marianne saß ganz still und lauschte. Sie lauschte noch, als gar keine

Rede mehr kam, und die Schwestern miteinander in den Büchern zu kramen

anfingen, wobei Sophie auf dem Boden saß und Unsinn trieb.

Sie lauschte in alle geredeten Worte tief hinein --. Denn daraus klang ja

nicht nur die naive Ablehnung Sophiens, nein, etwas viel Tieferliegendes

hörte sie immer deutlicher heraus, -- etwas auf dem verborgenen Grund

aller dieser Worte --.

Sophiens Gefühl war so ganz unwillkürlich gewesen. Aber es verriet, daß

Mutter und Kinder ganz und gar nicht eins waren, eines Wesens, -- daß das

ein bloßes Trugbild war, ein Traum. Die arme Sophie konnte nichts für

ihren naiven Egoismus, -- Cita, die sagte es ja: sie waren etwas andres,

wollten etwas andres, strebten anderm zu, als die Mutter --.

Der Mutter gehörten sozusagen nur noch Wesensreste aus der Kindheit, --

nicht mehr der entwickelte Mensch. Dem wurde sie leise fremd -- fremd --

fremd. Von dem wurde sie mit dankbarer Nachsicht geliebt. Notwendig blieb

sie ihm nicht mehr.

Wahrscheinlich ging das immer so zu. Auch dann, wenn das Muttersein das

gesamte Wesen eines Menschen aufgesogen und ausgemacht hatte --? Auch

dann, wenn er sich mit seiner ganzen tragenden, nährenden Lebensfülle

den Kindern einverleibt hatte --? Ja, auch dann. Auch dann blieb er wie ein

blutendes, losgerissnes Stück am Boden liegen, allein liegen, -- ohne es

ändern zu können -- --.

Cita hatte ja im Grunde recht: während die Mutter hier umherging und

Stunden gab, vermochte sie nicht zugleich die Wege weiterzugehn, die sich

nun den beiden öffnen sollten, -- die Wege neuer Zeiten, einer

neuen Generation --. Und wohin die führen würden? Ob nicht zum

entgegengesetzten Ende dessen, was sie mit heißester Inbrunst für ihre

Kinder erfleht und selbst in ihrem ganzen Leben demütig zu verwirklichen

gestrebt hatte?

Ja, vielleicht, -- wer konnte es wissen --? Ihr Urteil und das der Kinder

würde sich in diesem Punkt wahrscheinlich entgegenstehn. Welche Instanz

wollte über sie richten?

Mariannens Gedanken verschwammen, schmerzgefoltert, undeutlich ineinander.

Noch hörte sie die beiden plaudern und lachen und sich gegenseitig Stellen

aus Büchern vorlesen.

Ihre Arme waren wie gelähmt. Die Stimmen schienen ihr von weit, weit her

zu kommen. Konnte sie die Arme nicht mehr ausbreiten, ihre Mädchen darin

zu umfangen? Konnte sie ihnen denn nichts, gar nichts zum kostbaren Besitz

und zum Leitstern mit auf den Weg geben von alledem, was zu gewinnen ihres

Lebens Inhalt gewesen war --?

Weit, weit gingen sie fort --. Und plötzlich kamen Marianne, -- seltsam

und leise, wie ein Raunen von Wind zwischen Blättern in der Nacht,

-- Klänge aus einem Lied, -- aus einem Wiegenlied, der Dichtung eines

Dichters von heute mit dem klaren Erkennen von heute. Es waren nur einzelne

abgerissne Klänge, und während sie ihnen lauschte, wußte sie schon nicht

mehr, ob sie sie nicht nur weinte --.

* * * * *

»-- Blinde, so gehn wir, und gehen allein,

Keiner kann keinem Gefährte hier sein.

Schlaf mein Kind, und horch nicht auf mich!

Sinn hats für mich nur, und Schall ists für dich!

Schall nur, wie Windesweh'n, Wassergerinn,

Worte -- vielleicht eines Lebens Gewinn.

Was ich gewonnen, gräbt mit mir man ein:

Keiner kann keinem ein Erbe hier sein --.« *)

*) Aus Richard Beer-Hofmann, Pan 1899.

* * * * *

Die jungen Mädchen bemerkten gar nicht den Augenblick, wo Marianne das

Zimmer verließ.

Erst als es hastig im Vorflur schellte, und gleich darauf Stanjka hereinkam

und Tamaras Besuch meldete, blickten sie sich erstaunt nach Ma um.

»Eben war sie noch hier,« versicherte Cita, während Sophie den Gast

hereinzog und unterhielt; »-- Ma, hör doch! Tamara ist gekommen!«

Marianne öffnete die Thür des Schlafzimmers, wo sie allein gesessen

hatte. Sie ließ Tamara dort eintreten.

Diese fiel ihr um den Hals.

»Liebste Marianne Martinowna! Eben komm ich nach Hause, und Taraß

erzählt mir --. Mein erster Gedanke: gleich hierher! Ich habe gar nicht

erst abgelegt. -- -- Es ist allzu wichtig: natürlich muß die Sache gleich

ins reine gebracht werden --.«

»Wie gut bist du!« murmelte Marianne. »-- Du weißt, daß Sophie zu

Ostern --«

Tamara nickte.

»Sie sagte es mir soeben. Ja, ich dachte mir, daß so etwas der Grund sein

würde. Wie könnten Sie sich von den Mädchen trennen, -- wie können die

Mädchen Sie entbehren! -- -- So muß es denn sein, daß wir Sie aus unsrer

Mitte verlieren.«

Marianne erwiderte nichts darauf. Sie saß neben einem kleinen Tisch,

worauf eine einzelne Kerze brannte, und blickte an Tamara vorüber.

Tamara wurde sich erst jetzt dessen bewußt, daß irgend etwas an Marianne

anders sei als sonst. Etwas so wunderlich Eingefrornes, Steifes.

Sie hatte sich nahe zu ihr gesetzt und faßte jetzt unwillkürlich besorgt

nach Mariannens Händen, die ruhig im Schoß lagen.

Da sagte Marianne: »Weißt du, -- halte mich nicht für die

wetterwendischeste Person, die es gibt. Aber seit meinem Gespräch mit

deinem Mann hab ich mirs anders überlegt. Ich halt es für unmöglich,

fortzugehn.«

Tamara sah sie erstaunt und ungläubig an.

»Aber warum?!«

»-- Diese ganze ungeheure Veränderung! Das schwierige Einleben dort. Wer

weiß, ob wir alle drei es nicht später bereuen würden --. Es war eine

erste Aufwallung, weißt du, aber -- -- die ist ganz vorüber.«

Tamara schwieg. Wie sie Marianne so dasitzen sah, bei dieser einzelnen

Kerze, auf dem Rohrstuhl, -- da erschien sie ihr plötzlich wie eine

Gefangene zwischen den Wänden des eignen Zimmers -- --.

Hinter Ma, über dem Bett, hing die Totenmaske ihres Gatten, daneben,

wie ein Schmerzensschrei, Vogelers Radierung: das greise Paar, das in den

Frühling hinausblickt.

Tamara sagte halblaut, tief betroffen: »Ach, Liebste, ich kann es

nicht glauben. Wie -- ja wie wollen Sie alle drei denn so ohne einander

auskommen? Ist das nicht das Wichtigste --?«

Ma lächelte.

»Ich denke, ganz gut. Weißt du, Tamara, eins muß man durchaus lernen, --

merke du dirs auch: die Dinge nicht zu weit zu treiben. Die Gefühle sich

nicht über den Kopf wachsen zu lassen. Alles muß schließlich eine Grenze

haben. Wenn man das gelernt hat, geht wirklich alles ganz leicht, -- viel

leichter.«

Tamara stand auf.

»-- Also ist es wirklich entschieden. Nun, ich weiß nicht, ob ich mich

freuen darf. -- -- Ich muß jetzt nach Hause eilen, Taraß wartet auf mich.

-- Aber -- sagten _Sie_ diese Worte, Marianne Martinowna? Sie, die

doch immer so ganz innig in ihrem Gefühl lebte, wie in einer großen

unteilbaren Freude --.«

Marianne entgegnete rasch, mit plötzlicher Bitterkeit: »-- Kein

Freudenbecher, der nicht zum Leidenskelch wird, wenn man ihn bis zur Neige

leert! Nein nein, kein einziger, -- und vielleicht am wenigsten von allen

das vielgepriesene Mutterglück.«

Sie erhob sich, um Tamara hinauszugeleiten. Da begegnete sie deren still

und ernst auf sie gerichteten Augen, und sie gedachte mit einemmal dessen,

daß diese Augen ja eben jetzt in grenzenloser seliger Erwartung dem

zukünftigen Mutterglück entgegenschauten --.

Sie dachte an Taraß und seine strahlende Freude und an das kalte Zimmer

mit den Tannen, der Korbwiege und dem Kinderspielzeug --.

Marianne umarmte die junge Frau plötzlich, aber ganz zaghaft, wie eine

heimlich Geweihte, sie nahm ihre Hände zwischen die ihren, drückte sie

an ihr Gesicht und murmelte hilflos: »-- Verzeih mir, -- ach verzeih! Hör

nicht auf mich. -- -- Wie gut bist du doch. Hast da den weiten Weg in der

Kälte gemacht --. Deck dich im Schlitten gut zu, hörst du --? -- -- Du

mußt jetzt solche Wege vermeiden, -- dich in acht nehmen --.«

Tamara wurde dunkelrot. Sie küßte Marianne herzhaft, mitten auf den Mund.

»Ach,« sagte sie, und ihre Stimme klang ganz hell von viel Glück, »ich

weiß es ja, -- ich wußt es ja: Sie sind doch noch ganz dieselbe, --

unverändert dieselbe und werden es immer bleiben. -- -- Es genügte nicht,

daß Sie mir Schulunterricht gaben und noch manchen andern, schönern

Unterricht: ich hab es ja Ihnen allein abgeguckt, wie man eine gute Mutter

wird, -- so eine von Herrgotts Gnaden --. -- -- Und mein kleines Kind, das

bring ich zu Ihnen, daß es hier heimisch werde von Anfang an, und es soll

Großmutter sagen lernen von Anfang an --.«

Marianne geleitete sie hinaus und ging nicht mehr ins Schlafzimmer zurück.

Der Theetisch wurde schon gedeckt; wie immer saß sie beim Abendthee mit

ihren beiden Mädchen zusammen und plauderte mit ihnen.

Aber eine undenkliche Mühe kostete sie ein jedes Wort, das harmlos und

heiter klingen sollte wie immer --. Und während sie gleichgültige Dinge

sprach, dachte sie immer denselben Gedanken: »Ist es im Grunde nicht wahr?

Haben sie denn nicht recht? Sie lassen sich erfüllen von allem, was sie

vorwärts bringen mag, ich aber, -- habe ich nicht jahraus, jahrein nur

ein paar immer gleiche Sorgen mit mir herumgetragen: tägliches Brot

beschaffen, -- Lektionen vorbereiten, -- und wieder das tägliche Brot, und

wieder die Lektionen --. Ich habe mich bemüht, es so gut zu machen, wie

ich nur konnte: und da hat das Wenige genügt, -- da haben diese anderthalb

Gedanken schon genügt, -- um alle Kraft aufzuzehren --. Oder hatte ich

nicht genug Kraft -- --?«

Und langsam sank die Bitterkeit von ihrer Seele, um nur einer tiefen,

demütigenden Entmutigung den Platz zu lassen. Bitterkeit vermochte ihre

Seele nicht lange zu ertragen: die Entmutigung nahm sie schweigend auf.

Als die Mädchen sahen, daß die Mutter nicht recht heiter gestimmt

war, schoben sie es auf die Ermüdung durch den anstrengenden Tag, und

unwillkürlich suchten sie ihre eigne Fröhlichkeit etwas zu dämpfen, die

sich mitunter allzuhell Luft machte.

Marianne merkte es, und das Herz zog sich ihr zusammen. »Sie wagen nicht

mehr, mir zu zeigen, wie glücklich sie über die Wendung der Dinge sind,

-- sie fürchten mich damit zu kränken, -- sie verhalten es lieber vor

mir, bis sie unter sich sind,« dachte sie.

Und die kleinen Zärtlichkeiten ihrer Kinder thaten ihr nur weh. Sie

fühlte etwas Nachsichtiges aus allem heraus, -- etwas Absichtliches. Nein,

lieber noch wollte sie es sein, die sich vor ihnen verstellte, und mit

ihnen froh sein.

Aber sie konnte es nicht.

Am nächsten Morgen beim Frühstückstisch wurde Cita doch trotz Mariannens

Bemühungen stutzig. Sie meinte so genau zu wissen, daß die Mutter heute

fast keine Lehrstunden mehr zu geben habe, und dabei schien sie sich doch

so zu beeilen, um nur fortzukommen.

Marianne behauptete sogar, sie könne noch nicht zum zweiten Frühstück

zurück sein, sondern erst spät am Nachmittag, sie möchten nicht auf sie

warten.

Sophie machte ein pfiffiges Gesicht, offenbar hatte Ma heimliche

Weihnachtsbesorgungen vor. Aber Cita blickte stumm und mit einem

zweifelnden, besorgten Ausdruck vor sich nieder. Wohin ging die Mutter?

Und warum sah sie dabei so gequält und müde aus? Ging sie vielleicht, um

wieder mit Tomasow etwas zu besprechen? Und diesmal vielleicht etwas, womit

sie ihren Kindern Leid anthat --? Ach, ginge sie doch nicht zu ihm! -- --

Marianne atmete tief auf, als sie endlich auf der Straße stand.

Langsam machte sie einen weiten Gang im klaren Winterwetter, dann raffte

sie sich zu einem Besuch bei einer aus dem Schuldienst scheidenden Kollegin

auf, von der sie sich erst in den Feiertagen hatte verabschieden wollen. So

kam allmählich die Zeit für die einzige Stunde heran, die sie heute geben

mußte.

Dabei weilten ihre Gedanken zu Hause. Alle Räume ihrer kleinen Wohnung

durchschritt sie, aber, als sei ihr Blick verhext, erschienen sie ihr alle

schon öde und leer. Sie erwog schon, wo, -- in welchem Raum, an welchem

Platz -- sie wohl sitzen würde, so ganz allein --. Kleinigkeiten erwog

sie angestrengt: ob man die hohen Blattpflanzen, ihre Lieblinge, nicht

fortgeben sollte, da sie nicht auf ihre Pflege achten konnte, wenn sie so

von Stunde zu Stunde lief -- --.

Von ihrer einzigen Unterrichtsstunde wäre Marianne fast aus Zerstreutheit

nach Hause gegangen. Plötzlich fiel ihr jedoch der Weihnachtsbaum ein,

der sich so groß und anspruchsvoll mitten in ihrem Zimmer erhob, -- als

erwarte er sie da förmlich mit herausforderndem Hohn. -- -- Morgen war

schon heiliger Abend. Da würde man ihn sogar noch schmücken müssen.

Denn das wollten die Mädchen ja ihretwegen gern thun, obschon es ihnen

ein bißchen lästig war, -- sie selbst hielten nichts auf solche

Kindereien --.

Wie recht sie hatten! Wie froh wäre sie jetzt gewesen über ein sang- und

klangloses Weihnachten!

Nein, sie vermochte nicht heimzugehn und sich an den gedeckten

Frühstückstisch zwischen ihre beiden Kinder hinzusetzen --.

Frierend und unschlüssig, wie obdachlos, stand Marianne auf der Straße im

Winterwinde.

Sie, die sich so auf die Ferien gefreut hatte, sie, die es so haßte, sich

Tag für Tag draußen herumtreiben zu müssen, sie stand jetzt da, um den

Ihrigen Lehrstunden vorzutäuschen, die sie gar nicht zu geben hatte --.

Ma: Ein Porträt · 第 9 / 11 段